Kategorie: Wochenbett

Geburt und Elternsein – Wie sich das Geburtserlebnis auswirkt

Als ich vor ein paar Monaten Mutter. Sein. las, stolperte ich über einige Stellen, die mich etwas schmunzeln ließen, da sie zusammengenommen ziemlich treffend die Ergebnisse unserer Forschung widerspiegeln. In den Stellen schreibt Susanne über negative Geburtserlebnisse und deren Auswirkungen, körperlich wie psychisch. Darüber, dass negative Geburtserlebnisse manchmal Verarbeitung benötigen und das Kümmern um den Säugling möglicherweise erschweren können. 

Wie wirkt sich Geburt auf das psychische Wohlergehen aus?

Wir haben an der Uni Bonn eine Längsschnittstudie zu den psychologischen Einflussfaktoren auf die Geburt und zu den Auswirkungen der Geburt auf psychologische Faktoren durchgeführt. Wir wollten u.a. wissen, inwieweit sich die Geburt und das Geburtserlebnis auf das kurz- und längerfristige psychische Wohlergehen auswirkt. Dafür haben wir 304 Paare erhoben, die in den ersten sechs Wochen nach der Geburt zunächst täglich und dann wöchentlich Angaben über ihr emotionales Wohlbefinden und über das Wohlbefinden des Säuglings machten. Müttern haben wir zusätzlich Fragen zum Stillen und zur wahrgenommenen Wundheilung gestellt. Sechs Monate nach der Geburt haben wir zudem die Eltern-Kind-Bindung per Fragebogen erfasst.

Was sich zeigte war: Frauen, die eine interventionsreiche Geburt hatten (also z.B. Dammschnitt, PDA, Kaiserschnitt) bewerteten die Geburt negativer als Frauen mit interventionsarmen Geburten. Die Geburtsbewertung, also das Geburtserlebnis, hatte wiederum Einfluss darauf wie es der Familie im Wochenbett ging.

War das Geburtserlebnis eher negativ, hatten die teilnehmenden Frauen und Männer ein geringeres emotionales Wohlbefinden, fühlten sich belasteter und auch der Säugling wurde als unruhiger beschrieben. Frauen mit negativem Geburtserlebnis berichteten zudem vermehrt von Stillprobleme. Das Wochenbett verlief also für die Familie weniger günstig und dies beeinflusste wiederum die Eltern-Kind-Bindung sechs Monate nach der Geburt. Zwar waren die meisten Studienteilnehmer*innen sicher an ihre Kinder gebunden (soweit dies durch eine Fragebogenerhebung feststellbar ist), trotzdem gab es Variationen in den Daten, welchen wiederrum teilweise durch die erschwerten Startbedingungen im Wochenbett erklärt werden konnten.

Geburtserlebnisse haben Auswirkung auf den Übergang zur Elternschaft

Die Studienergebnisse zeigen also deutlich, dass die Geburt und das daraus resultierende Geburtserlebnis wichtige Ausgangspunkte für den Übergang zur Elternschaft darstellen. Sie erleichtern oder erschweren den Prozess. Wir konnten Auswirkungen auf die Eltern, das Kind und auf beide gemeinsam – in Form von Stillprobleme und der Eltern-Kind-Bindung – feststellen. Aber warum ist das so? Der Grund liegt wahrscheinlich darin, dass der Übergang zur Elternschaft ein inhärent stressbehafteter Prozess ist. Für die Person, die geboren hat, bedeutet er eine körperliche Herausforderung, für alle Familienmitglieder eine emotionale. Wenn jedoch die Geburt negativ nachwirkt, weil sie ebenfalls körperlich und psychisch herausfordernd war, dann werden durch das Erlebnis Ressourcen gebunden, die eigentlich für den Übergang zur Elternschaft benötigt werden. Wir konnten diese Auswirkungen sogar noch sechs Monate nach der Geburt beobachten. 

Für die Familie ist ein positives Geburtserlebnis scheinbar essentiell und – aus psychologischer Perspektive – kein einfaches nice to have. Auf gesellschaftlicher Ebene betrachtet erscheint es insofern notwendig, die Geburtshilfe zu reformieren und Ansatzpunkte für optimale psychologische Rahmenbedingungen für die Geburt zu schaffen. 

Was Familien brauchen

Aber was können wir auf Einzelfallebene tun? Es ist wichtig anzuerkennen, dass Geburten nicht mit der Plazentageburt enden. Dass Familien – nicht ausschließlich nur die Person, die geboren hat – möglicherweise Zeit und gegebenenfalls auch Unterstützung benötigen, um den Prozess zu verarbeiten. Wir sollten Wissen darüber entwickeln, dass der Satz „Hauptsache das Kind ist gesund“ ziemlich oberflächlich ist. Wir sollten zuhören und erfragen, was die Familie braucht. 

Familien, die merken, dass es ihnen nach der Geburt nicht gut geht, sollten nicht davor zurückschrecken, dies zu äußern und Hilfe einzufordern. Von Freunden, Hebammen, Stillberater*innen, Pädagogen*innen oder Psychologen*innen. Es ist vollkommen in Ordnung unglücklich mit dem Geburtserlebnis zu sein und dies darf geäußert werden; es bedeutet in keinerlei Weise, dass man undankbar oder unglücklich über das Kind ist.

Wir sollten aber auch vorsichtig mit unseren Interpretationen sein. Denn auch wenn unsere Studie zeigte, dass sich die Geburt negativ auf das Wohlbefinden im Wochenbett auswirken kann, ist dies keine unbedingt auftretende ‚wenn-dann-Beziehung‘. Schwierigkeiten im Wochenbett, Stillprobleme, Ängste, Sorgen, Überforderungen – all das kann auch auftreten, wenn die Geburt positiv verlaufen ist und nichts davon muss bei negativ verlaufenden Geburten auftreten. Auch bedeutet eine weniger sichere Eltern-Kind-Bindung sechs Monate nach der Geburt nicht, dass sich dies nicht auch wieder ändern kann. Bindung ist grundsätzlich nichts fest Geschriebenes, sie kann sich immer verändern. Umgekehrt ist eine sichere Bindung sechs Monate nach der Geburt keine Garantie dafür, dass Eltern auch bei verändernden Herausforderungen (beispielsweise in der Autonomiephase) noch sensibel auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen können. 

Ich würde dazu raten, dass unabhängig davon, wie der Geburt verlief: wer das Gefühl hat, dass der Übergang zur Elternschaft überfordernd ist und das Bedürfnis nach (professioneller) Hilfe hat, nicht davor zurückschrecken sollte, diese in Anspruch zu nehmen. 

Lisa Hoffmann ist Diplom-Psychologin. Seit ihrem Studienabschluss 2012 ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am psychologischen Institut der Universität Bonn tätig. Im Rahmen ihrer Promotion erforschte sie die Rolle psychologischer Faktoren für die Geburt und leitete dabei von 2015-2019 eine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Längsschnittstudie zum Thema Mindset, Partnerschaft und Geburt, an der knapp 300 Paare teilnahmen und zu unterschiedlichen Zeitpunkten während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett befragt wurden. Im Frühjahr gründet sie das Institut für Geburts- und Familienpsychologie einAnfang , das sich u.a. für Wissenschaftskommunikation
einsetzt und berichtet daher auf Instagram und facebook sowie Twitter über aktuelle
Forschungsergebnisse zu den Themen Geburt und Elternschaft. Sie ist Mutter von zwei Töchtern.
 

Das Wochenbett mit Geschwisterkindern

Das erste Wochenbett ist eine besondere Zeit des Kennenlernens und wird oft von den Wöchnerinnen – besonders noch in der Schwangerschaft – unterschätzt, um dann zu merken, wie gut eine Zeit der Ruhe und des Ankommens im neuen Familienleben tut. Was aber, wenn nun schon ein Kind da ist, das auch umsorgt werden will, das die Bedürfnisse noch nicht hinten anstellen kann? Wie kann ein Wochenbett mit Geschwisterkindern gestaltet sein?

Das Wochenbett ist wichtig!

Auch beim zweiten, dritten,… Kind ist das Wochenbett eine wichtige Zeit der Erholung nach der Geburt und des Kennenlernens. Gerade mit mehreren Kindern ist gut, sich Ruhe zu gönnen, weil viele Frauen viel zu schnell in den Alltag übergehen und dabei die eigenen Kräfte überschreiten ohne es zunächst zu bemerken. Aber der Körper freut sich darüber, nach der Geburt ein wenig Ruhe zu bekommen und auch die Umstellung von einem Kind auf zwei Kinder ist oft gar nicht so einfach. Auch das Baby will nach der Geburt erst einmal im neuen Leben ankommen.

Gerade jetzt braucht es Unterstützung

Sehr schnell kann man in die Falle tappen: Hab ich ja alles schon einmal gemacht, das wird schon klappen. Aber gerade jetzt braucht es Hilfe und Unterstützung durch andere. Wie auch beim ersten Wochenbett ist es wunderbar, wenn Menschen sich einbringen und Essen und Einkäufe bringen, vorkochen, Wäsche waschen, mal kurz staubsaugen oder fegen.

Neu im Wochenbett mit Geschwistern ist aber Zeit für das große Geschwisterkind. Denn wenn die Gebärende noch erschöpft ist von der Geburt oder Umstellung, möchte das größere Geschwisterkind ja dennoch umsorgt werden. Hier braucht es neben dem anderen Elternteil. auch Freunde und Familie, die Aktivitäten mit dem Kind einplanen. Nicht im Sinne von: „Hauptsache das Kind ist weg“, sondern vielleicht auch Aktivitäten, die dem Kind zeigen, dass es ganz besonders gesehen wird: Ausflüge zu Lieblingsorten, Besuch des Lieblingsspielplatzes, vielleicht sogar ein Kinobesuch zu einem Wunschfilm. So bekommt das Kind gleichzeitig vermittelt: Deine Wünsche sind weiterhin auch wichtig, Du wirst gesehen. Schön ist es, wenn sich der Wochenbettbesuch ansonsten an diesen Ideen orientiert.

Geht das Kind sonst in den Kindergarten, spricht nichts dagegen, das auch weiterhin so zu machen, wie Hebamme Anja hier beschreibt: Gleichbleibende Abläufe, Freunde und schöne Erlebnisse tun auch in dieser Zeit gut.

Wenn niemand da ist

Und wenn gerade niemand da ist und das größere Geschwisterkind beschäftigt werden will, es aber gerade nicht geht? Praktisch sind vorbereitete Wochenbett- oder Stillkörbchen für die größeren Geschwister. Hinein kommt, was dem Kind Freude macht und was es über einen längeren Zeitraum beschäftigt: Aufkleberhefte, Perlen zum Auffädeln, Knete, Hörspiel und Co. Und auch Fernseher, Pad oder Videos können im Wochenbett ihren Raum haben, wenn es darum geht, kurzfristig Entspannung zu finden. Gerade jetzt ist es wichtig, Stress zu reduzieren, denn Stress lässt uns weniger feinfühlig Bedürfnisse wahrnehmen und führt zu negativem Erziehungsverhalten. Daher: Lieber mit dem Kind eine Kinderserie sehen, als das Kind anzuschimpfen, weil man sich ausruhen möchte. Und nach dem Wochenbett gibt es wieder mehr Zeit für die anderen Beschäftigungen draußen – so bleibt langfristig alles in Balance.

Unterstützung am Abend

Besonders die Abende können anfangs leicht zum Problem werden, wenn das Baby Zuwendung braucht und das ältere Geschwisterkind beim Einschlafen begleitet werden will. Es ist eine Zeit der Veränderung und dem großen Geschwisterkind tut es gut, wenn es auch einige Konstanten hat. Daher: Sofern möglich, sollte das große Geschwisterkind wie gewohnt begleitet werden und das Baby kommt zum anderen Elternteil für diese Zeit. Oft sind es die Mütter, die zuvor die nun „großen“ Kinder ins Bett gebracht haben und daher auch jetzt gewünscht sind. Keine Sorge, das Baby ist auch beim anderen Elternteil gut versorgt und kann gerade am Anfang auch eine Gewöhnung aufbauen daran, eben vom anderen Elter abends begleitet zu werden. Hilfreich ist dabei oft eine Tragehilfe, in der das Baby getragen wird. Bei gutem Wetter ist so auch ein schöner Abendspaziergang mit Baby möglich, während das andere Kind in den Schlaf findet. Gibt es nur einen Elternteil oder ist nur einer abends anwesend, können vielleicht auch Freunde oder weitere Familie am Abend unterstützen.

Einbeziehen im Alltag

Außerhalb von besonderen Aktivitäten und Kindergarten geht zu Hause natürlich auch der Alltag los. Das neue Baby zeigt auch, wie groß das andere Geschwisterkind nun schon ist im Vergleich. Viele Eltern berichten, dass es ihnen schwer fällt, beiden Kindern gleichermaßen gerecht zu werden. Die gute Nachricht ist: Das muss auch niemand, denn die Kinder können unterschiedlich behandelt werden, weil sie ja auch unterschiedlich alt sind. Ein neues Geschwisterkind zu bekommen, kann dem größeren Kind auch die Chance für mehr Freiräume geben und mehr Selbständigkeit. Es kann – je nach Alter – eingebunden werden in die Routinen rund ums Baby, kann beim Anziehen und Pflegen helfen. Und es hat die Möglichkeit, auch selber eigene Sachen zu machen, die es vielleicht zuvor nicht durfte.

Wirklich wichtig in dieser Zeit ist, den Stress heraus zu nehmen. Wie das gemacht wird, kann in verschiedenen Familien ganz unterschiedlich aussehen. Wichtig ist, sich nicht für als „unpädagogisch“ verschriene Wege wie das Fernsehen zu schämen, wenn sie wirklich für diese ersten Wochen einfach eine Hilfe sind, um im neuen Leben anzukommen.
Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik), Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Geschwister-Beschäftigungen für das Wochenbett

*Artikel enthält Affiliate-Links

Die Wochenbettzeit ist eine Zeit des Ankommens und Kennenlernens. Dies gilt für die Eltern und das neue Kind, aber ebenso auch für die größeren Geschwisterkinder und das Baby. Auch sie wollen den Familienzuwachs kennen lernen, wollen ihre Position neu festlegen und erfahren. Das ist nicht immer einfach und natürlich kann es besonders in der ersten Zeit auch zu Konflikten kommen, zum Nachspielen von Babyverhaltensweisen oder auch zu Trauer um den Verlust der früheren Position oder aggressivem Verhalten. Schließlich muss ein bestehendes Gefüge sich neu ausrichten. Manchmal ist es für die größeren schwer, dass dem Baby so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird oder es ständig so nah am Körper der Eltern ist. Und manchmal stören auch einfach die vielen neuen Tätigkeiten, die für die Versorgung eines Babys notwendig sind: stillen, wickeln, lange Körperpflegerituale. Weiterlesen

Über das Ankommen

Wie oft bin ich im Leben irgendwo neu angekommen? Bei einem neuen Job, in einem anderen Land oder einer anderen Stadt, bei anderen Menschen, die ich erst kennenlernen musste? Immer wieder ein neues Kennenlernen, ein vorsichtiges Umsehen. Auch als Mutter komme ich mit jedem Kind neu an, so wie meine großen Kinder neu ankommen als große Geschwister, mein Mann als Vater und schließlich das Baby als neues Familienmitglied, als kleiner Mensch, der noch nichts gesehen und erlebt hat auf der Welt und für den alles neu ist. Weiterlesen

Die Einsamkeit zu zweit – über die einsamen Mütter

Da liegt es nun, dieses wunderschöne Baby. So zart, so rosig, so schön. Man streicht mit sanften Händen darüber. Man schaut es an, stundenlang. Doch irgendwann kommt der Moment, an dem das Anschauen nicht mehr reicht. Vielleicht kommt gerade noch die Hebamme einmal am Tag. Vielleicht ist aber die Zeit der Besuche im Wochenbett schon vorbei. Der Partner geht wieder arbeiten. Die Freundinnen sind ebenfalls beim Job. Ein schales Gefühl stiehlt sich ins Herz: Einsamkeit zu zweit – gibt es das? Weiterlesen

Die schönsten nährenden Geschenke fürs Wochenbett

Geschenke für ein Baby zur Geburt sind oft schnell zu finden: Da sieht man hier einen hübschen Strampler, dort eine kleine Rassel oder ein mit Namen besticktes Spucktuch. Aber schließlich ist nicht nur der kleine Mensch zu beschenken, sondern auch die Eltern sollen gewürdigt werden. Hier erfahrt ihr meine Lieblingsgeschenkideen für das Wochenbett:
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