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Was willst du mit Strafen bezwecken? – Ein Perspektivwechsel

„Jetzt hast du wieder nicht aufgeräumt, deswegen wird heute nicht ferngesehen!“, „Du sollst dem anderen Kind nicht immer das Spielzeug wegnehmen, jetzt gehen wir deswegen nach Hause!“, „Du hast mich angelogen, heute gibt es keinen Nachtisch!“ – Solche und ähnliche Sätze sind noch immer häufig verbreitet in Familien: Wenn wir verleitet sind, bestrafen zu wollen, haben wir meistens einen Impuls, dass ein bestimmtes Verhalten des Kindes „abgestellt“ werden soll. Vielleicht sind wir extrem verärgert, vielleicht reiht sich das Verhalten des Kindes in eine lange Reihe anstrengender Situationen des Tages ein und ist nur noch der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Warum geht es hier eigentlich? Das Bedürfnis hinter DEINEM Handeln erkennen

In der bedürfnisorientierten Elternschaft geht es oft darum, das Bedürfnis des Kindes hinter dem Verhalten zu erkennen. Aber nicht weniger wichtig ist es, das Bedürfnis hinter dem Verhalten von Erwachsenen zu erkennen, gerade in solchen schwierigen Situationen. Abgesehen davon, dass Strafen für Kinder weder sinnvoll noch gut sind, können wir auch einmal in uns selbst hinein hören: Worum geht es hier eigentlich?

Meistens steht hinter unserem Handeln auch ein Bedürfnis: Meistens geht es nicht „nur“ um das „Abstellen“ einer Handlung, sondern auch um das, was bei uns hinter dem Gefühl der Wut oder Enttäuschung steht: ein Bedürfnis. Das Kind erfüllt mit seinem Handeln einen bestimmten Wert nicht, der uns wichtig ist. Wird nicht aufgeräumt, fühlen wir uns vielleicht nicht ausreichend gesehen in unserer eigenen Überlastung, uns fehlt Wertschätzung für das, was wir als Eltern ständig leisten. Streitet sich das Kind mit einem anderen, haben wir vielleicht das Gefühl, dass das Kind zu wenig Empathie zeigt. Und wenn es uns anlügt, sind wir enttäuscht von der fehlenden Ehrlichkeit des Kindes.

Strafen helfen nicht, um Werte zu vermitteln

Damit wird – wieder unabhängig davon, dass das Kind durch Strafen nicht nachhaltig lernt – auch für uns klar, dass wir ganz persönlich auch mit einer Strafe nicht das Ziel erreichen, um das es uns eigentlich geht: Wir können Wertschätzung, Achtsamkeit, Empathie nicht durch Strafen erzwingen oder bewirken. Wir vermitteln durch eine Strafe nicht den Wert, um den es uns eigentlich geht.

Für beide – Eltern und Kinder – ist deswegen wichtig, dass wir dem wahren Bedürfnis hinterher spüren und dann nachhaltige Problemlösungsstrategien entwickeln und gemeinsam reflektieren, warum etwas passiert ist und wie das anders geregelt werden kann. In Konfliktsituationen lohnt es sich, als erwachsene Person sich erst einmal kurz selbst zu beruhigen und dann zu überlegen: Worum geht es meinem Kind in dieser Situation gerade wirklich? Welches Bedürfnis leitet das Handeln meines Kindes? Und dann zu ergründen, was wir uns eigentlich wünschen in dieser Situation. Mit diesem Wissen können wir dann dem Konflikt begegnen.

Wir können erklären: „Du hattest keine Lust aufzuräumen, weil du so ins Spiel vertieft warst, aber für mich ist es anstrengend, immer alles allein machen zu müssen. Komm, wir räumen zusammen auf und schauen nochmal, wo alles hingeräumt werden kann.“ oder „Du möchtest auch mit so einer großen Schaufel spielen. Leider haben wir nur die kleine Schaufel bei, lass uns probieren, damit auch so tief zu graben. Das Kind möchte mit seinem Spielzeug selbst spielen und darauf sollten wir Rücksicht nehmen, wenn es nicht teilen möchte.“ oder „Du hast mich angelogen, weil du Angst hattest, ich würde mit dir schimpfen. Das ist schade, lass uns lieber zusammen eine Lösung finden für das Problem.“

Es gibt viele Möglichkeiten, wie wir Schwierigkeiten begegnen können jenseits von Strafen, damit wir einerseits unsere Werte vermitteln können und andererseits die Kinder wirklich etwas aus der Situation lernen können.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Aber du bist doch eigentlich müde…

Eigentlich reibt sich das Kind schon die Augen. Gegähnt hat es auch schon. Aber es will einfach nicht ins Bett. Vielleicht ist es ja doch noch nicht müde? Aber so richtig spielen möchte es auch nicht. Vielleicht wirft es das Spielzeug lustlos in die Ecke, sucht sich ein neues, aber auch das wird nicht lang bespielt. Wieder Augenreiben, aber kein Schritt voran in das Bett. Müde oder nicht müde?

Viele Eltern kennen diese oder ähnliche Situationen. Und viele Eltern zweifeln an ihrem Gefühl: „Wenn das Kind wirklich müde wäre, dann würde es doch jetzt schlafen?!“ Tatsächlich geht aber beides: müde sein und trotzdem nicht einschlafen können.

Den Absprung zum Schlaf finden

Kleinkinder haben oft noch Schwierigkeiten mit der Selbstregulation. Viele Bereiche der Regulation lernen sie erst durch Unterstützung durch die Eltern, beispielsweise durch Begleitung und Vorleben von Möglichkeiten. Wenn Kleinkinder den Absprung zum Schlaf, also das richtige Zeitfenster, nicht finden, überreizen sie. Sie sind noch nicht fähig, sich dann selbst zu regulieren. Sie sind müde, können aber nicht einschlafen. Gleichzeitig fehlt ihnen das Zeitfenster und die Möglichkeit, sich in den Schlaf zu begeben. Sie können noch nicht wie Erwachsene denken und sagen: „Ich bin eigentlich müde. Auch wenn ich noch nicht einschlafen kann, lege ich mich mal hin zum Ausruhen.“ So spielen sie übermüdet weiter. Je häufiger der Absprung nicht geschafft wird, desto erschöpfter, gereizter und auch wütender kann das Kind werden.

Wichtig ist daher, wenn das Kind müde wird, den passenden Zeitpunkt zu finden für die Begleitung in den Schlaf. Die Müdigkeit erkennen wir einerseits vielleicht an den Signalen des Kindes: es wird ruhiger, weniger aktiv, starrt vielleicht etwas vor sich hin. Nun wäre ein guter Zeitpunkt, um in den Schlaf zu überführen. Zeigt es diese Anzeichen, ist es sinnvoll, zeitnah zu reagieren. Wenn wir denken „Das Kind ist müde, aber ich räume lieber noch eben den Tisch ab/wir müssen jetzt noch schnell die Füße waschen vor dem Bett/nur noch schnell die Brote für morgen machen.“ dann kann dies schon das Zeitfenster verschieben. Gähnen und das Reiben der Augen zeigen auch viele Kinder als Müdigkeitszeichen, dann aber müssen wir uns bereits etwas beeilen, um den Absprung zum Schlafzeitfenster nicht zu versäumen. Besser ist es, die früheren, leiseren Zeichen des Ruhebedürfnisses zu erkennen.

Neben dem Erkennen der Signale und der Möglichkeit, darauf zu reagieren, ist es deswegen wichtig, dass der Nachmittag/Abend eine gute Struktur erhält, die langsam auf die Bettgehzeit zuführt. Der Überreizung kann entgegengewirkt werden, indem alle Aktivitäten und Tätigkeiten gegen Abend hin immer ruhiger werden und weniger ablenkend sind – sowohl für uns selbst, auch auch für das Kind. So ist es leichter möglich, regulierend einzuwirken und dabei zu helfen, dass sich das Kind doch noch etwas ausruht, vielleicht lieber gemeinsam ein Buch mit uns ansieht, als noch wilder zu spielen, so dass wir dann bei den nächsten Ruhezeichen wirklich den Absprung zum Schlaf finden und begleiten können.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Warum viele Kinder eine Begleitung beim Einschlafen UND Aufwachen brauchen

Die Einschlafbegleitung sind wohl die meisten Eltern aus dem ersten Babyjahr bereits gewohnt. Oft wird um den ersten Geburtstag herum überlegt: Wann hört das eigentlich auf? Braucht das Kind das überhaupt noch? Und gerade dann, wenn ein Kind bislang beispielsweise beim Stillen immer problemlos eingeschlafen ist und nun länger und aufwändiger begleitet werden muss, weil es nicht mehr beim Trinken einschläft, stellen sich manche Eltern die Frage, wie lange denn dieses neue Ritual anhalten muss und ob es nicht doch Alternativen gibt zu diesem oft zeitaufwändigem Begleiten. Gerade bei Kleinkindern wird dann aber nicht nur das Einschlafbegleiten, sondern auch das Aufwachen ein Thema: Nicht wenige Eltern kennen die Situation, dass das Kind am Morgen oder nach dem Mittagsschlaf übellaunig aufwacht, vielleicht auch weint, schreit oder wütend um sich schlägt.

Schlaf: eine besondere Situation für Kinder

Aber warum nur sind sowohl das Einschlafen als auch das Aufwachen für Kinder so ein Problem? Und Erwachsenen gelingt es doch oft auch, es sich gemütlich zu machen und die Augen zu schließen, um in den Schlaf hinüber zu gleiten und später in Ruhe aufzuwachen, sich umzublicken und in den Tag zu starten?

Beim Einschlafen können wir Erwachsene auf viel Wissen zurückgreifen: Wir wissen, dass unsere Wohnung sicher ist, haben vorher vorausschauend dafür gesorgt, dass unsere verschiedensten Bedürfnisse befriedigt sind (wir sind satt, waren auf Toilette, haben uns zur Gesunderhaltung die Zähne geputzt, die Wohnungstür abgeschlossen, vielleicht nochmal gelüftet für frische Luft, haben den nächsten Tag vorbereitet und den zurückliegenden gedanklich abgeschlossen). So können wir beruhigt von einem Bewusstseinszustand in einen anderen hinübergleiten. Wir Erwachsene wissen aber auch: Wenn uns noch etwas gedanklich beschäftigt, ist dieser Übergang in die Schlafphase nicht so problemlos möglich. Ohne Entspannung, kann auch für uns dieser Übergang schwierig werden.

Bei kleinen Kindern hingegen verhält sich die Situation noch etwas anders: Für sie ist der Schlaf eine Trennungssituation von den schutzgebenden Bezugspersonen, auf die sie noch angewiesen sind. Sie wissen nicht um die Sicherheit dieser Wohnung, dass wir über den Schlaf wachen, auch wenn sie träumen, dass ihnen nichts passieren kann. Bei größeren Kindern kann es sogar zu Ängsten vor Monstern und gefährlichen Tieren im Zimmer kommen, obwohl das in der Realität ausgeschlossen ist. Das Loslassen in diese Phase ist deswegen für Kleinkinder oft gar nicht so einfach. Immerhin: Sie haben das Schutzsystem des nächtlichen Aufwachens, mit dem sie nachts die Rahmenbedingungen der Sicherheit überprüfen.

Nach und nach lernen Kinder ihren Schlafort als sichere Basis kennen und vertrauen darauf. So können sie selbst wieder einschlafen, wenn sie einmal aufgewacht sind. Doch diese Entwicklung braucht Zeit und von Eltern die Unterstützung, den Schlafplatz als sicheren Ort zu erfahren – egal ob Familien- oder eigenes Kinderbett. Die Kinder lernen, dass immer eine Bindungsperson in der Nähe ist und dass sie nachts nichts befürchten müssen. Diese Sicherheit gilt es, ihnen in den ersten Jahren zu vermitteln.

aus: Susanne Mierau (2020): Geborgene Kindheit, S.55

Auch das Aufwachen kann herausfordernd sein

Beim Aufwachen verhält sich die Situation nun anders herum: Das Kind gelangt vom Schlaf in den Wachzustand. So, wie wir Erwachsene manchmal auch noch etwas brauchen, um nach einem aufreibenden Traum im Hier und Jetzt anzukommen, kann das auch bei den Kindern auf kindliche Weise vorkommen. Sie sind desorientiert, vielleicht greifen sie zunächst noch nach etwas, was sie Schlaf anfassen wollten, einige sind auch aus diesem Wechsel heraus wütend. Wie beim Einschlafen ist auch hier Sicherheit ein gutes Angebot, um die Situation zu begleiten: Manche Kinder mögen es, nach dem Aufwachen noch zu kuscheln und so langsam anzukommen. Wenn der Start in die Wachphase turbulenter ist, helfen manchmal Erklärungen: „Du hast gerade geschlafen und bist jetzt aufgewacht. Ich bin hier.“

Wichtigstes Hilfsmittel in beiden Situationen: Co-Regulation

Sowohl beim Einschlafen, als auch beim Aufwachen sind viele Kinder darauf angewiesen, dass eine nahe Bezugsperson sie unterstützt. Diese Unterstützung gibt ihnen Sicherheit und ein gutes Gefühl in der konkreten Situation, wodurch sie sich beruhigen können bzw. von der Bezugsperson eine Anleitung zur Beruhigung (unbewusst) vermittelt bekommen. Mit der Zeit lernen sie, wie sie sich selber beruhigen können und verinnerlichen auch das Gefühl von Sicherheit der Rahmenbedingungen. Einschlafroutinen können hilfreich sein, um das Gefühl der Sicherheit zu unterstützen. Manche Kinder haben auch für uns unangenehme Einschlafrituale entwickelt wie kratzen oder knibbeln, die wir verständnisvoll umlenken können.

Aus dieser Perspektive betrachtet ist auch klar, warum es Kindern schwer fällt, zur Ruhe zu kommen, wenn der begleitende Elternteil selbst unruhig ist oder unter Zeitdruck steht: Das Kind spürt die Unruhe, es wird unsicher und gleichzeitig fehlen Beruhigungsstrategien. So kann sich das Einschlafen hinauszögern.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Warum es sich (auch in späteren Jahren) lohnt, bei Babys „bei jedem Piep zu springen“

Aber wenn wir immer alle Gefühle begleiten und darauf eingehen, wird das Kind dann nicht unselbständig und fordert es dann nicht auch ständige Begleitung ein? Schwächen wir es nicht, wenn wir bei jedem „Piep“ aufspringen und da sind, Verständnis zeigen und mitfühlen?

Woher der Gedanke des Verwöhnens u.a. kommt

Noch immer tragen wir an der Last der frühen Form des Behaviorismus: Hier wurde jedes Verhalten auf Reiz und Reaktion zurückgeführt und innerpsychische Vorgänge wurden ausgeklammert. Das typische Bindungsverhalten des Babys wurde so interpretiert, dass es dazu dienen würde, die Bindungsperson in der Nähe zu behalten – was im Groben durchaus passend ist. Allerdings lässt sich davon nicht, wie es getan wurde, ableiten, dass dieses Eingehen dazu führen würde, dass die Kinder für immer auf das Eingehen angewiesen wären: John B. Watson, einer der Väter des Behaviorismus, erklärte 1928, dass zu viel Sorge die Entwicklung des Kindes verzögern und das Kind auf das Umsorgtwerden konditionieren würde.* Diese Theorie prägte, auch wenn sie unbewiesen blieb, die Erziehung der kommenden Jahre und hält auch heute noch Einzug in unser Denken.

Babys brauchen genau dieses Eingehen und Begleiten

Wenn das Baby auf die Welt kommt, versteht es nicht, was es fühlt und wahrnimmt in dem Sinne, wie wir Erwachsenen unsere Gefühle und Eindrücke einordnen können. Es spürt etwas, das vielleicht unangenehm ist und weiß nicht, dass es Hunger ist oder ein drückender Knopf des Bodys oder die Nässe der Windel. Es spürt ein unangenehmes Gefühl, das es nicht einordnen kann und drückt das Unbehagen aus durch Signale. Wenn wir als Bezugspersonen darauf reagieren, können wir dem Kind drei Dinge vermitteln:

Einerseits vermitteln wir, was die Ursache der Wahrnehmung ist und geben dem Kind so die Möglichkeit, sich selbst und die eigene Wahrnehmung kennen und verstehen zu lernen. Gleichzeitig zeigen wir, indem wir reagieren, welche Problemlösungsstrategien es bei bestimmten Gefühlen und Wahrnehmungen gibt. Diese Strategien werden im „prozeduralem Gedächtnis“ des Kindes gespeichert, so dass es mehr und mehr lernt, was es selbst tun kann in bestimmten Situationen**. Und schließlich vermitteln wir dem Baby auch, dass es wichtig ist für uns und wir uns um das Kind kümmern – die Basis für ein Urvertrauen.

In der Kleinkindzeit kann dann etwas gewartet werden

Ist das Kind der Babyzeit entwachsen und hat ein grundlegendes Vertrauen und auch einige Selbstberuhigungsstrategien entwickelt, muss nicht immer prompt reagiert werden, sondern das Kind kann zunehmend lernen, dass bestimmte Bedürfnisse auch aufgeschoben werden können und auch bei einem Aufschieben noch sicher etwas später beantwortet werden. Aus der sicheren Beantwortung der Bedürfnisse im ersten Lebensjahr hat das Kind ein Vertrauen entwickelt, dass sich auf das Eingehen des Kindes auf die Bedürfnisverschiebung auswirkt: Hat das Kind gelernt, dass die Bedürfnisse bisher sicher erfüllt werden, ist es oft in späteren Zeiten kooperativer, weil es von dem Erfüllen prinzipiell ausgeht.

Im ersten Jahr legen wir den Grundstein

Es lohnt sich also, wenn wir gerade im ersten Jahr versuchen, auf die Bedürfnisse des Babys schnell und richtig einzugehen. Durchaus gibt es – gerade am Anfang – auch einige Abstimmungsprobleme und nicht immer verstehen Eltern gleich, was das Baby gerade braucht. Aber allein das Umsorgen und Dasein hat viele Vorteile, auch wenn Eltern nicht gleich (oder mal auch überhaupt nicht) die Ursache finden: Es zeigt dem Kind, dass wir da sind und versuchen, zu helfen. Und dieses Umsorgen bildet den Grundstein für ein Vertrauen, von dem Kinder und Eltern in den späteren Jahren noch profitieren. Es ist vollkommen in Ordnung, wenn wir aufspringen, Nähe geben und umsorgen.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Literatur:
* Bischof-Köhler (2011): Soziale Entwicklung in Kindheit und Jugend: Bindung, Empathie, Theory of Mind – Stuttgart: Kohlhammer, S. 93
** Hoffmann, K./Cooper, G./Powell, B. (2019): Aufwachsen in Geborgenheit. Freiburg: Arbor, S.136

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

5 hilfreiche Schritte, um als Elternteil mit der eigenen Wut umzugehen

Jetzt reicht es! Ich ertrage das nicht mehr! Wutentbrannt wird aus dem Zimmer gestürmt und die Tür geknallt, dass die Wände beben. Doch schon 3 Atemzüge später ist die Wut vorbei. Wie konnte ich nur so reagieren? Ich bin keine gute Mutter/kein guter Vater. Die brennende Wut, die sich zuerst gegen das Kind gerichtet hat, wird zu zermürbenden Schuldgefühlen gemischt mit Scham. Hast du das auch schonmal erlebt? Dein Kind treibt dich in den Wahnsinn, es kommt zum Streit und dann bereust du, was du gesagt und getan hast. Wie du es schaffst, diesen zerstörerischen Kreislauf zu durchbrechen? Das möchte ich dir in diesem Artikel erklären:

Die Ursache der Wut

Marshall Rosenberg, der Begründer der Gewaltfreien Kommunikation geht davon aus, dass unsere Gedanken verantwortlich sind für unsere Wut. Wut entsteht also aufgrund von Bewertungen und Urteilen. Sie entsteht auch, weil wir Verhalten interpretieren:

„Er macht das doch mit Absicht.“
„Sie will mich provozieren.“
„Er will doch nur Aufmerksamkeit.“

Marshall Rosenberg nennt das lebensfremdes Denken. Wenn wir so denken, gehen wir davon aus, dass unser Gegenüber Schuld ist an unseren Gefühlen und unerfüllten Bedürfnissen. Damit werden wir nicht nur wütend, sondern wir geben auch die Verantwortung für unsere Bedürfnisse ab. An Partner*in oder die Kinder. Wir erwarten, dass unser Gegenüber sich ändert, damit wir uns besser fühlen. All das macht uns wütend. Natürlich könnten wir uns jetzt darüber streiten, ob das wirklich stimmt. Daher möchte ich dich einladen, deine eigenen Erfahrungen zu machen.

Meiner Beobachtung nach lässt meine Wut nach, sobald ich mit den Bedürfnissen verbunden bin. Entweder mit meinen eigenen, oder mit denen meines Gegenübers. Wenn du also deine Wut transformieren möchtest, versuche die folgenden Schritte:Beschreibe die Situation, die dich wütend macht.

Schritt 1: Beschreibe die Situation, die dich wütend macht

Im ersten Schritt wollen wir den Auslöser für deine Wut finden. Denke an eine Situation, in der du richtig wütend warst. Welche Person hat dich wütend gemacht? War es dein Kind?
Deine Partnerin? Vielleicht war es deine Schwiegermutter oder der Kassierer im Supermarkt.

Egal wer es war – wir wollen nun herausfinden, was diese Person genau gesagt und getan hat. Achte darauf, dass du keine Interpretationen oder Bewertungen verwendest, um die Situation zu beschreiben. Was hat die Person konkret gesagt oder getan?

Beispiele:
Er hat die Bausteine gegen die Blumenvase geworfen. Daraufhin ist sie zerbrochen.
Meine Mutter hat zu mir gesagt: „Hättest du mal auf mich gehört.“
Als mein Kind sich auf den Boden warf und zu weinen anfing, schüttelte der Kassierer mit dem Kopf und verdrehte die Augen.

Jetzt du! Schreibe deine Beobachtung von der Situation auf, in der du zuletzt so richtig wütend geworden bist

Schritt 2: Welche Gedanken hast du in dieser Situation?

Im zweiten Schritt wollen wir die Ursache für deine Wut herausfinden. Denn die oben beschriebene Situation ist nur der Auslöser. Die Ursache für deine Wut liegt in deinen Gedanken. Vielmehr in deinen Bewertungen, Urteilen, Interpretationen und Erwartungen über die andere Person. Welche Gedanken hattest du über die andere Person?

„Er respektiert mich nicht.“
„Sie sollte es doch besser wissen.“
„Er treibt mich in den Wahnsinn.“
„Warum kann er nicht ein Mal richtig zuhören?“
„Nie tut sie, was ich sage.“

Wir denken am Tag etwa 70.000 Gedanken. Du kannst dir sicherlich vorstellen, dass eine Gedankensalve durch deinen Kopf schießt, nachdem sich die Situation ereignet hat. Hinzu kommt, dass sich solche Situationen wiederholen. Zum Beispiel der tägliche Kampf ums Zähneputzen oder Zimmer aufräumen. Dann bist du vielleicht schon auf 180, bevor du überhaupt die Tür zum Kinderzimmer aufgemacht hast. Der Grund dafür? Deine Gedanken, die in Form von Erwartungen und Urteilen durch deinen Kopf geistern. Das Problem an der ganzen Sache ist, dass dadurch deine Wut nicht transformiert wird. Denn die Wurzel deiner Wut liegt in deinen unerfüllten Bedürfnissen. Doch dazu kommen wir erst im nächsten Schritt.

Zuerst bist du wieder dran: Schreibe nun auf, welche Gedanken, Bewertungen, Urteile und Erwartungen in dir aufkommen, wenn du diese Situation erlebst: „Wenn [diese Person] [Satz oder Verhalten] sagt/tut, werde ich ärgerlich/wütend, weil…“ Was steht hinter dem weil Schreibe ehrlich all das auf, was du von der anderen Person erwartest. Wie sollte sich dein Gegenüber deiner Meinung nach verhalten? Was hätte die Person deiner Ansicht nach tun oder sagen sollen?

Schritt 3: Finde das Gefühl hinter der Wut

Wenn wir wütend werden, dann liegt das an bewertenden Gedanken und Erwartungen.
Allerdings entsteht die Wut erst, nachdem wir diesen Gedanken gefolgt sind. Das primäre Gefühl hinter der Wut ist immer ein anderes. Vielleicht ist es Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit oder Ohnmacht. Diese Gefühle entstehen unmittelbar nach dem Ereignis und resultieren aus den unerfüllten Bedürfnissen. Spürst du unangenehme Gefühle, heißt das: mindestens ein Bedürfnis ist unerfüllt. Angenehme Gefühle sind Zeichen für erfüllte Bedürfnisse.

Du bist dran: Denke nun an die Situation, die dich wütend macht. Stell dir vor, du erlebst diese Situation jetzt noch einmal. Welche Gefühle (außer Wut) kannst du noch beobachten Kannst du das Gefühl irgendwo in deinem Körper spüren? Ist es Angst, die deine Kehle zuschnürt? Oder Trauer, die dich ganz schwer macht? Vielleicht fühlst du dich hilflos und ohnmächtig in dieser Situation?

Vervollständige nun diesen Satz: „Wenn [diese Person] [Satz oder Verhalten von gestern] tut/ sagt, fühle ich mich…“ Schreibe alle Gefühle auf, die du beobachtest.

Schritt 4: Nutze die Wut als Alarmsignal für unerfüllte Bedürfnisse

Wenn Konflikte entstehen, dann bedeutet das: mindestens ein Bedürfnis von mindestens einer anwesenden Person ist unerfüllt. Unerfüllte Bedürfnisse lösen unangenehme Gefühle aus. Diese Gefühle wollen uns sagen: tu etwas, um das Bedürfnis zu erfüllen! Wut ist allerdings ein Gefühl, welches eher dafür sorgt, dass du dich selbst oder dein Gegenüber bestrafen willst (Weil du davon ausgehst, dass jemand etwas falsch gemacht hat oder sich anders verhalten sollte). Wenn wir also Wut, Schuld oder Scham wahrnehmen, können wir das als Alarmsignal sehen. Die Wut sagt uns: Achtung! Du bist gerade nicht mit den Bedürfnissen verbunden. Unsere Bedürfnisse sind das, was in uns lebendig ist. Investierst du deine Energie in die Wut, werden deine Bedürfnisse mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht erfüllt.

Jetzt bist du dran: Kommen wir wieder zu deinem Beispiel. Bevor deine Gedanken die Wut heraufbeschworen haben, hast du etwas anderes gefühlt. Welche Gefühle konntest du beobachten? Anhand dieser Gefühle kannst du dich fragen: Was brauche ich? Welche Bedürfnisse sind unerfüllt? Beispiele: „Ich fühle mich hilflos, weil ich Unterstützung brauche.“, „Ich fühle mich verwirrt, weil ich Klarheit brauche.“ Vervollständige nun diesen Satz: „Wenn [diese Person] [Satz oder Verhalten] sagt/tut, fühle ich mich […], weil ich […] brauche.“

Schritt 5: Die Wut auflösen durch Einfühlung

Denke an die Situation, die dich wütend gemacht hat. Was hat die Person gesagt und getan? Deine Aufgabe ist nun, dich nicht davon ablenken zu lassen, was die Person denkt oder sagt. Konzentriere dich stattdessen darauf, was die Person fühlt und braucht. Was könnten die unerfüllten Bedürfnisse dieser Person sein? Schreibe alle Möglichkeiten auf. Formuliere dann eine Vermutung über die Gefühle und Bedürfnisse deines Gegenübers:

Beispiel: Kann es sein, dass du traurig bist, weil du dir Kontakt wünschst?
Bist du frustriert, weil dir Respekt wichtig ist?
Machst du dir Sorgen, weil dir Sicherheit wichtig ist?

Oder in Kindersprache:

Bist du traurig, weil du mitspielen willst?
Du bist bestimmt sauer, weil du gleich behandelt werden willst, oder?
Hattest du gerade Angst, weil du sicher sein willst, dass du gemocht wirst?

Wende die 5 Schritte zur Reflexion von Situationen an, in denen du häufig wütend wirst. Übrigens: Wut zeigt eher eine Verurteilung anderer Menschen. Bei Schuld- und Schamgefühlen handelt es sich um Selbstverurteilung. Dennoch haben diese Gefühle dieselbe destruktive Energie und führen eher zu bestrafenden statt du bedürfniserfüllenden Handlungen. Wenn du also Schuld- und Scham wahrnimmst, kannst du die 5 Schritte auch anwenden.

Notfallstrategien

Wenn sich unser Nervensystem im Alarmzustand befindet, dann geht es ums nackte Überleben. Unser System ist dann auf Flucht oder Kampf ausgerichtet. In solchen Situationen ist es kaum möglich, einen klaren Gedanken zu fassen. Lege dir daher deine persönliche Toolbox mit Strategien für den Notfall an.Zum Beispiel könntest du das Folgende festlegen:

Immer, wenn ich wütend werde:
– atme ich 10 Mal tief in den Bauch
– mache ich das Fenster auf und atme die frische Luft
– trinke ich ein eiskaltes Glas Wasser
– schnuppere ich an meinem Lavendel Duftöl

Solche Strategien können helfen, aus dem Alarmzustand herauszukommen und erinnern dich daran, dass dein Kind nicht dein Feind ist, sondern dass es gerade mindestens ein unerfüllteste Bedürfnis gibt.

Ich wünsche dir viel Freude beim Üben und dass du beim nächsten Wutanfall in Verbindung mit deiner Herzenergie bleibst.

Zur Autorin:
Yvonne George ist Diplom-Sozialpädagogin, Bindungs- und Traumapädagogin, Autorin und Expertin für Gewaltfreie Kommunikation mit Kindern. Auf ihrem Blog www.yvonnegeorge.de findest du praktische Impulse für ein Bindungs- und bedürfnisorientiertes Familienleben.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Duschen, Haare waschen, Hände seifen – Körperpflege mit Kleinkindern entspannt gestalten

Manche Kinder baden und duschen von Anfang an gerne, andere brauchen schon in der Babyzeit ganz bestimmte Rahmenbedingungen wie eine enge Begrenzung durch ein Mulltuch, in dem sie gebadet werden, und wieder andere Kinder genießen zunächst die Pflege mit Lappen und Wasser und entwickeln später in der Kleinkindzeit auf einmal eine starke Abneigung. Auf einmal heißt es „Nein!“ und „Stopp!“ oder „Selbermachen!“. Viele Eltern fragen sich, wie sie mit dem Unwillen bzw. Selbstbestimmungsdrang des Kindes umgehen sollen: Schließlich ist es einerseits unsere Aufgabe als Eltern, für die Pflege des Kindes zu sorgen und die körperliche Gesundheit sicherzustellen, andererseits ist bekannt, dass es wichtig ist, gerade auch in Körperthemen keine Gewalt in physischer oder psychischer Form anzuwenden, damit das Kind sich gut entwickelt und ein gutes Körperbild ausbilden kann.

Wenn wir Kindern die Körperpflege näher bringen wollen, gelten ähnliche Rahmenbedingungen wir beim Zähneputzen: die körperliche Integrität des Kindes ist wichtig und wir sollten als Bezugspersonen darauf achten, dass wir eine Atmosphäre schaffen und Strukturen, die das Kind dazu einladen, mitzumachen oder selbst aktiv zu werden.

1. Der Zeitpunkt

Es gibt Aspekte der Körperpflege, die sich schwer zeitlich beeinflussen lassen wie beispielsweise das Händewaschen vor dem Essen, nach der Toilette oder bei stark verschmutzten Händen, bevor etwas anderes damit gemacht wird. Um hier Motivation zu schaffen, können die anderen Punkte betrachtet werden, beispielsweise Rituale und Materialien. Es gibt aber auch Körperpflegemomente, die durchaus zeitlich verschiebbar sind: Ist das Kind abends müde, macht es wenig Sinn, sich auf einen Streit um das Haarewaschen einzulassen. Wenn wir wissen, dass am Ende des Tages die Kooperationsbereitschaft aufgebraucht ist, macht es Sinn, solche Aktivitäten generell auf den Nachmittag oder auf den nächsten Tag am Morgen zu verschieben.

2. Die Sensitivität des Kindes achten

Wir alle können verschiedene Dinge ganz unterschiedlich wahrnehmen, beispielsweise Temperaturen oder wie es sich anfühlt, mit einem Lappen abgerubbelt zu werden. Wir können unterschiedlich empfindsam sein in Bezug auf Gerüche. All diese Möglichkeiten sollten wir beachten, wenn es um unsere Kinder geht. Es ist deswegen gut, sprachlich miteinander in Kontakt zu sein „Fühlt sich das gut an für dich?“, „Ist das eine angenehme Temperatur?“ und das Kind beispielsweise die Pflegeprodukte mit auswählen zu lassen.

3. Selber machen!

Kleinkinder wollen oft (nicht immer) viel selber machen, gerade auch in Bezug auf ihren Körper. Hierfür können wir ihnen die Möglichkeiten geben, beispielsweise wenn wir ihnen ermöglichen, selber an das Waschbecken zu kommen oder ihnen eine kleine Schüssel, Lappen, Seife und einen Spiegel auf ihrer Höhe hinstellen. Gerade auch für körperlich empfindsame Kinder kann es hilfreich sein, wenn sie sich selber waschen oder die Haare bürsten können.

Manchmal aber ist es beim Reinigen wie auch beim Anziehen (oder anderen Dingen) auch so, dass sie gerade nichts selber tun wollen oder angeben, es nicht zu können. Auch das ist in Ordnung, wenn sie gerade das Gefühl brauchen, umsorgt zu werden und Nähe über diese Pflege einfordern. Dann ist an einem anderen Tag wieder Zeit für mehr Selbständigkeit.

4. Rituale

Wenn Kinder keine große Freude an der Körperpflege haben, können manchmal kleine Rituale hilfreich sein, um ihnen mehr Freude dabei zu bringen, beispielsweise ein Lied oder ein Gedicht, das dazu oder danach gesungen/aufgesagt wird oder ein Ritual wie das Goldtröpfchen: nach dem Händewaschen gibt es einen kleinen Tropfen duftendes Öl in die Hand zum Verteilen.

Gerade für Pflegetätigkeiten, die aus mehreren Teilen bestehen, kann auch eine Übersicht für Kinder hilfreich sein: Ein kleines Poster, auf dem alle Einzelschritte abgebildet sind: Zähne putzen, Hände waschen, … Wer mag, kann das auch laminieren und mit einem Folienmarker an die Wand hängen, damit die einzelnen Schritte abgehakt werden können.

5. Erklären, warum es wichtig ist

Manche unserer Regeln sind für Kinder nicht verständlich. Beispielsweise die Notwendigkeit des Händewaschens erschließt sich unseren Kindern im Kleinkindalter nicht unbedingt: Die Hände sehen doch eigentlich ganz sauber aus, warum sollen sie denn gewaschen werden? Hier können wir mit Bilderbüchern über Bakterien und Viren aufklären oder für ältere Kinder auch ein kleines Experiment anbieten: Wenn das Händewaschen nicht verstanden wird, streu Glitzer drauf! Wenn wir ein wenig Glitzer (dieser steht für Viren/Bakterien) auf die Hand nehmen und einmal darauf pusten, wie wir es beim Niesen oder Husten machen, verteilt sich der Glitzer in der Umgebung. Wenn das Kind nun irgendwo anfasst, wo der Glitzer herumliegt, klebt er auch an den Händen des Kindes und kann dann mit Wasser und Seife abgewaschen werden.

6. Und wenn es mal gar nicht geht?

Manchmal geht es einfach nicht – oder nicht, ohne dass die Eltern übergriffig sein müssten. An dieser Stelle können wir uns fragen: Ist das jetzt wirklich wichtig? Oft ist die Antwort wahrscheinlich: Nein. Ja, Pflegeroutinen sind insgesamt wichtig und als Eltern müssen wir ein Auge auf die Hygiene des Kindes haben und dem Kind Routinen zur Pflege beibringen. Aber bevor wir Gewalt anwenden, sollten wir dann doch auf das Haarebürsten, das Duschen am Abend oder die gewaschenen Füße verzichten. Wir können erklären, dass wir heute mal eine Ausnahme machen, weil das Kind zu müde ist/der Tag zu anstrengend war/wir das Kind verstehen und einen Termin vereinbaren, wann wir die Pflege nachholen.

Die körperliche Integrität des Kindes zu wahren, ist wichtig, denn Übergriffe und Gewalt können sich auf das weitere Leben auswirken: auf das Selbstbild, den Selbstwert, die Selbstwahrnehmung und darauf, wie das Kind mit anderen Gewalterfahrungen umgeht. Als Bindungspersonen ist es unsere Aufgabe, für Kinder eine sichere Basis zu sein, ein sicherer Hafen. Sie müssen darauf vertrauen können, dass wir sie schützen, respektieren und sie uns jederzeit vertrauen können. Körperliche Übergriffe können dieses Empfinden stören. Das geborgene Gefühl und diese Sicherheit sind wichtiger, als vielleicht einmal mit schmutzigen Füßen oder strähnigen Haaren ins Bett zu gehen. Und für das nächste Mal überlegen wir uns, wie es leichter klappt.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Hilfe, mein Kind bleibt nicht beim Essen sitzen!

Das Essen steht auf dem Tisch, es gibt etwas, was das Kind eigentlich mag. Und dennoch: Das Kind bliebt einfach nicht sitzen. Vielleicht isst es ein paar Happen, vielleicht beginnt es auch, auf dem Teller das Essen hin und her zu schieben. Vielleicht beginnt es auch, im Stuhl zu zappeln oder steht auch selber auf und läuft umher. Was nun? Müssen wir streng sein, damit das Kind lernt, dass alle bis zum Ende am Tisch sitzen bleiben? Tischmanieren sind schließlich wichtig, oder nicht?

Wie Kinder Tischmanieren lernen

Kinder lernen vor allem durch unser Vorbild. Das betrifft viele Alltagssituationen, und auch all das, was wir unter „Manieren“ oder „Benehmen“ zusammenfassen. Bitte, Danke und die Bitte um Entschuldigung lernen sie von uns und durch unser Beispiel. Ebenso wie sie Begrüßungen durch uns lernen und die passende Ansprache von anderen Menschen. Auch beim Essen gilt daher, dass die engen Bezugspersonen Vorbilder sind für das Verhalten: Wenn wir mit Besteck essen, möchte das Kind auch mit der Zeit die unterschiedlichen Esswerkzeuge ausprobieren – das ist neben der Frage nach dem Vorbild aber auch eine nach der Feinmotorik des Kindes: Sie entwickelt sich erst im Laufe der Kleinkindzeit und Kinder greifen in den ersten Jahren gerne noch mit den Händen zu, erfühlen und betasten das Essen und führen es mit den Fingern zum Mund. Hier brauchen wir Verständnis für die Entwicklung. Wenn wir uns den Mund mit einer Serviette abwischen, wird das Kind dies auch übernehmen. Wenn wir einen Tischspruch einführen vor dem Essen (wenn wir das als Ritual in unserer Familie wünschen), wird das Kind mit der Zeit lernen, erst danach mit dem Essen zu beginnen.

Die kindliche Entwicklung berücksichtigen

Bei dem Beispiel mit dem Tischspruch sehen wir bereits: Routinen müssen mit der kindlichen Entwicklung zusammenpassen. Je jünger Kinder sind, desto weniger können sie Bedürfnisse aufschieben. Ein kleines Kind, das großen Hunger hat, wird wahrscheinlich das Bedürfnis nach der Speise noch nicht aufschieben können und die Finger nach dem Essen ausstrecken – auch wenn es eigentlich weiß, dass das Essen erst danach beginnt. Wenn wir es verweigern, kann es sein, dass es nun wütend wird, weil es die Impulse noch nicht ausreichend kontrollieren kann. Wir geraten in einen Streit, sind vielleicht wütend über die Wut, der eigentlich daran lag, dass das Kind sein Bedürfnis noch nicht aufschieben kann.

Dieses Beispiel erscheint uns Erwachsenen noch sehr verständlich. Wenn das Kind aber vom Tisch aufsteht, ist das für Eltern manchmal schwerer zu verstehen, warum genau das Kind dies nun tut und nicht einfach sitzen bleibt. Aber auch hinter dem Aufstehen kann ein Bedürfnis stehen: Vielleicht ist es wirklich satt oder aktuell noch nicht besonders hungrig gewesen. Es ist okay, den Teller stehen zu lassen und anzubieten, dass das Essen später aufgegessen werden kann, wenn das Kind noch Hunger hat. Vielleicht hat es auch das Bedürfnis, sich noch ein wenig zu bewegen oder nach einem ganzen Tag, an dem es nicht zu Hause war, jetzt selbst zu entscheiden und mit einem bestimmten Spielzeug zu spielen. Vielleicht kommt es dann, wenn es sich ein wenig bewegt oder zu Ende gespielt hat, wenn es hungrig ist zurück an den Tisch. Vielleicht ist das Zappeln aber auch ein Zeichen dafür, dass es etwas Nähe braucht und es möchte lieber auf dem Schoß einer Bezugsperson weiteressen.

Es gibt viele Gründe dafür, dass das Kind gerade jetzt nicht sitzen bleiben möchte. Bei einem Kleinkind ist der Grund aber auf jeden Fall weder ein schlechtes Benehmen noch ein Machtspiel. Und weil das Kind jetzt noch nicht lange Zeit am Tisch stillsitzen kann, bedeutet das nicht, dass es das nie lernen wird. Neben der Reifung spielt dabei auch das individuelle Temperament eine Rolle: manche Kinder sind ruhiger und sitzen schon in jüngeren Jahren länger und ruhiger am Tisch, andere sind zappeliger und brauchen etwas mehr Bewegung.

Kein Zwang, keine Ablenkung

Wir sollten unsere Kinder nicht gegen ihren Willen am Tisch halten – das führt in der Regel nur zu oben erwähnten Wutsituationen, weil sich das Kleinkind nicht gesehen und verstanden fühlt. Wir sollten auch nicht versuchen, das Kind durch die Nutzung von Medien vom eigentlichen Bedürfnis abzulenken und am Tisch zu halten, indem wir es füttern, während es ein Video sieht. Essen ist eine soziale Situation und sollte bewusst und sinnlich erfolgen – mit den Sinnen beim Essen und nicht abgelenkt durch andere Medien. Hilfreicher ist es, dem kindlichen Bedürfnis nachzugeben und das Essen zu einem späteren Zeitpunkt fortzusetzen oder – wenn das Kind eben satt ist – selbst in Ruhe zu Ende zu essen, während das Kind spielen kann. Nach und nach werden die Zeiten am Tisch länger, wenn wir eine insgesamt angenehme Tischatmosphäre schaffen und das Kind erfährt, dass das Zusammenkommen beim Essen mehr als nur Nahrungsaufnahme ist, sondern auch Familienritual, Zeit zum Austausch und insgesamt eine respektvolle, genussvolle Zeit.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Die Chance als Opa nutzen

Die Bedeutung der Großeltern für die Entwicklung der Kinder wurde erst seit den 1950er Jahren näher untersucht. Alle entsprechenden Studien kommen aber seither zu dem Schluss, dass Großeltern das Leben ihrer Enkel bereichern können. Sie sind Bezugspersonen und Ansprechpartner*in, Unterstützer*in und Mentor*in, hilfreiches Mittel gegen Langeweile und Elternfrust in einem.

Großeltern als wichtige Bezugspersonen

Manche Dinge wollen oder können Kinder ihren Eltern nicht anvertrauen, möchten sich aber dennoch mit einer erwachsenen Person darüber austauschen. Hier können Großeltern eine gute Alternative sein und sich als wichtige Bezugspersonen im Leben ihrer Enkelkinder positionieren. Möglich wird das aber erst, wenn eine ausreichende Nähe und genügend gemeinsame Zeit vorhanden ist. Es kann sich daher für Großeltern lohnen, in der Nähe der Kinder und Enkelkinder zu leben. Das Vertrauen wird größer, je näher Enkelkinder und Großeltern zusammenwohnen. Verständlich, denn wer nur am Wochenende oder gar lediglich in den Schulferien persönlich erreichbar und damit in den Alltag nicht involviert ist, kann eine weniger vertrauensvolle Beziehung zum Enkelkind aufbauen. Wer sich aber darauf einlässt und bei alltäglichen Sorgen und Nöten, aber auch bei schönen und freudigen Anlässen bereitsteht, wird zu einer der wichtigsten Personen im Leben des Kindes.

Kindern Geborgenheit schenken

Wenn möglich, sollte das Enkelkind im Haus der Großeltern einen eigenen Bereich bekommen. Das muss kein ganzes Zimmer sein, denn dies ist aus Platzgründen oft nicht möglich. Doch eine eigene Ecke, in der das Kind zusammen mit den Großeltern spielen kann, wo gelesen und gebastelt wird, sollte möglich sein. Auch wenn die Großeltern besondere Hobbys haben, kann das Enkelkind daran teilhaben, beispielsweise beim Werken, Kochen, Schnitzen, etc. Das Erleben eines gemeinsamen Hobbys kann Anknüpfungspunkt und einfach Beschäftigungsmöglichkeit sein.

Zur Geborgenheit gehört natürlich auch Zeit. Wenn das Enkelkind zu Besuch ist, sollte es nicht einfach nebenher laufen und lediglich dabei sein. Es darf ruhig die Hauptperson sein! Gemeinsame Unternehmungen, Gespräche über Gott und die Welt, Erzählungen aus der eigenen Vergangenheit, in Gesprächen und bei Aktivitäten eigene Schwächen und Stärken zeigen: Das verbindet und schafft Nähe. Wobei es nicht nur um Kinder geht, auch Jugendliche freuen sich über einen Ansprechpartner außerhalb des Elternhauses, dem sie vertrauen können und der eine Art Vermittlerposition zwischen ihnen und den Eltern einnimmt. Auch die großen Themen der Zukunft können mit Großeltern besprochen werden.

Gemeinsame Zeit genießen

Experten zufolge genießen Kinder heute eine deutlich längere gemeinsame Zeit mit den Großeltern als früher. Dabei ist nicht nur die Zeit gemeint, die für Unternehmungen oder einfach nur zum Kuscheln bereitsteht, sondern auch die gesamte Lebenszeit. Menschen werden heute älter und sind bis ins Alter hinein aktiver, wobei Fitness und Gesundheit im Umgang mit den Enkelkindern durchaus positiv sind. Ausnahmen bilden Familien, in denen die Kinder erst spät geboren werden und die Großeltern entsprechend deutlich älter sind. Doch auch hier gilt: Die gemeinsame Zeit sollte so lange wie möglich und so intensiv wie möglich genossen werden, denn die Fachwelt ist sich einig: Großeltern prägen die Enkelkinder für ihr ganzes Leben und können ein Baustein der Resilienz (psychischen Widerstandsfähigkeit) sein.

Über den Autor
Jürgen Busch, 75, ist fünffacher Großvater und schreibt auf seinem Blog grossvater.de über die Beziehung zwischen Enkelkindern und Großeltern mit einem Schwerpunkt auf das Opa-Sein mit vielen Ideen, wie dieses ausgestaltet werden kann.

Bild von emailme3 auf Pixabay

Mit Kindern über die Flutkatastrophe reden

Die Flutkatastrophen der letzten Woche haben viele Menschen direkt betroffen und auch jene, die nicht direkt betroffen sind, haben vielleicht Familie und Freunde, die betroffen sind. Ältere Kinder haben vielleicht aus den Medien davon erfahren, jüngere Kinder die Eltern darüber sprechen hören. Es ist ein Thema, das uns alle angeht und das wir auf die ein oder andere Weise verarbeiten müssen. Kinder und Jugendliche gehen allerdings mit Katastrophen anders um als Erwachsene und brauchen eine besondere Unterstützung, auch um Langzeitfolgen zu vermeiden.

Es ist schwer, als Eltern mit Kindern über Probleme, Krisen und Katastrophen zu sprechen: Wir wollen sie nicht verängstigen, zugleich aber auch nicht die Realität vollkommen von ihnen fernhalten. Wenn wir direkt betroffen sind, wünschen wir uns, gerade ihre Not abzumildern und ihnen zu helfen – auch wenn es schwer ist, weil wir selbst gerade emotional nicht stabil sind.

Mit Kindern über Katastrophen und Krisen sprechen

Auch wenn wir nicht direkt betroffen sind, ist es für größere Kinder sinnvoll, über die Ereignisse zu sprechen, über die sie vielleicht aus den Medien oder dem Bekanntenkreis erfahren. Damit diese Informationen gleich richtig eingeordnet und aufgearbeitet werden können, ist es sinnvoll, als Eltern die ersten Ansprechpartner*innen dafür zu sein. Informationen sollten aufklären, aber nicht verängstigen. Fehlen Eltern die Worte hierfür, können geeignete Medien für Kinder hinzugezogen werden, beispielsweise ein Beitrag der Sendung mit der Maus hier oder für größere Kinder ein aktueller Beitrag von ZDF logo! über Überschwemmungen. Mit größeren Kindern im Grundschulalter und darüber hinaus kann es auch sinnvoll sein, die Geschehnisse weiter einzubetten und mit ihnen über Ursachen und Möglichkeiten zu sprechen, um einem starken Gefühl der Klimaangst entgegenzuwirken, das durch aktuelle Meldungen aufkommen/verstärkt werden kann.

Wenn wir direkt betroffen sind – So unterstützen wir unsere Kinder

Wir können das Erlebte nicht ungeschehen machen, aber unsere Kinder auffangen und ihnen helfen, Erlebnisse zu verarbeiten und einzuordnen. Hierfür kann es notwendig sein, therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Auswirkungen des Erlebens einer Notsituation können sich auch langfristig zeigen, beispielsweise in Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen, Aggressivität oder Zurückgezogenheit – sollten diese oder andere Veränderungen auftreten ist es gut, auch wenn bereits Zeit vergangen ist, eine Fachperson hinzu zu ziehen.

Jenseits einer solchen Hilfe können wir den Kindern als Ansprechpartner*in zur Verfügung stehen, damit sie ihr Erleben mitteilen können. Der Impuls des Erzählens geht dabei vom Kind aus und wir sollten als geduldige Zuhörer*in zur Verfügung stehen. Auch können wir das Erzählte des Kindes einordnen in einen Gesamtverlauf, der dem Kind vermittelt, dass es nun wieder in Sicherheit ist nach der beängstigenden Situation. Manche Kinder drücken die Erlebnisse auch gestalterisch aus im Spiel oder in Bildern – auch hier können wir aufmerksam sein und den Ausdruck begleiten und einordnen. Es gut, wenn wir die Situation/das Erlebte weder herunterspielen, noch Ängste verstärken durch die eigene Angst/Sorge. Als Eltern können und sollten wir auch über unsere Empfindungen sprechen und sie nicht verbergen, aber dabei darauf achten, dass hierdurch nicht noch mehr Angst und Unsicherheit entsteht. Gerade jetzt ist es wichtig, dass das Kind sich der Sicherheit der Bindungsbeziehung sicher sein kann und spürt, dass trotz aller Änderungen im Umfeld die nahen Bezugspersonen ein Anker im Durcheinander sind.

Soweit möglich, ist es für Kinder deswegen auch hilfreich, möglichst viel Sicherheit gebende Struktur anzubieten durch Nähe, Rituale und einen weitgehend geregelten Tagesablauf. Die Grundbedürfnisse des Kindes sollten erfüllt werden. Dies mag in Notsituationen schwierig sein, gerade wenn das gewohnte häusliche Umfeld fehlt, aber es ist hilfreich, im Rahmen der Möglichkeiten darauf zu achten, möglichst viel Struktur und Sicherheit zu vermitteln. Auch hier sollte dann, wenn dies nicht möglich ist, weitere Hilfe in Anspruch genommen werden. Es ist durchaus möglich, dass Eltern sich gerade in einer so schwierigen Situation befinden, dass es ihnen schwerfällt, das Kind selbst emotional aufzufangen. Hier braucht es dann Unterstützung durch Freunde, Familie oder andere qualifizierte (Fach-)Personen.

Gerade in Notsituationen erleben wir uns oft als hilflos und ausgeliefert – so geht es auch unseren Kindern. Wichtig ist daher, ihnen das Gefühl von Selbstwirksamkeit soweit möglich zurückzugeben: sie in Aufgaben altersangemessen einzubinden, ihnen Handlungsspielraum zu geben und das Gefühl, selbst etwas bewirken zu können und aktiv zu sein. Auch im Spiel können sie diese Selbstwirksamkeit erfahren und Eigenständigkeit ausleben. Durch das Gefühl der Selbstwirksamkeit kann ihre psychische Widerstandsfähigkeiten (Resilienz) gestärkt werden.

Eine Zusammenfassung der psychischen Ersten Hilfe für Kinder im Hochwassergebiet findet sich in dem „SEEBAER“ Konzept von Prof. Dr. Harald Karutz

Es gibt mittlerweile verschiedene Spendenaufrufe. Auf Nachfrage hat der Caritasverband für die Stadt Bonn e.V., der Gelder sammelt für die schwer betroffene Region Ahrtal, diese Spendenmöglichkeit benannt für finanzielle Hilfen für die schwer betroffene Region.

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Familien brauchen keine speziellen Bindungs-Angebote: Bindung findet im Alltag statt

Für viele Eltern ist das Thema der sicheren Bindung ein Leitstern, aber auch oft ein Ursprung von Sorgen. Sie fragen sich, wie genau sie eine sichere Bindung herstellen können und ob ihre Bemühungen im Alltag dafür ausreichen oder sie nicht mehr „besondere“ Situationen schaffen sollten, die dem Kind ein Gefühl von Verbundenheit geben können. In einer konsum- und leistungsorientierten Gesellschaft stellt sich schnell die Frage: Reicht es denn eigentlich wirklich, „nur“ da zu sein und Alltag zu leben, damit mein Kind mit mir glücklich ist und sich sicher fühlt?

Wofür ist Bindung überhaupt da?

Das Bindungssystem ist in erster Linie ein Schutzsystem für Kinder: Es sorgt dafür, dass ihre Bedürfnisse von einer oder mehreren festen Bezugspersonen sicher erfüllt werden – gerade dann, wenn es selbst noch nicht dazu fähig ist. Durch das Wahrnehmen, interpretieren und beantworten von kindlichen Signalen sorgen die Bezugspersonen dafür, dass das Kind genau dies erfährt: Ich werde gesehen, ich bin sicher und umsorgt. Durch dieses Verhalten bildet sich ein Vertrauen in die Bezugsperson(en) aus und es entsteht nach und nach über die ersten Jahre eine bestimmte Qualität der Beziehung. Je öfter und voraussagbarer wir passend reagieren, desto sicherer fühlt sich das Kind.

Fehler sind völlig normal

Natürlich gibt es dabei immer wieder auch mal Situationen, in denen Eltern mit der Interpretation daneben liegen oder es gerade jetzt und gerade hier nicht ganz so gut geht mit der Bedürfniserfüllung: Wenn jetzt gerade nicht gestillt/gefüttert werden kann/will an der Schlange in der Supermarktkasse oder wenn es gerade heute Zeitdruck gibt und man nicht ewig lang die Ameisen auf ihrem Weg beobachten kann. – All diese Situationen dürfen auch sein und führen dennoch nicht dazu, dass das Kind eine schlechte Bindungsbeziehung aufbaut. Auch Eltern müssen erst einmal verstehen, welche Signale das Kind gibt und was es damit aussagen möchte. Auch ändern sich die Signale im Laufe der Zeit und Eltern müssen sich neu ausrichten und sich immer wieder neu auf die fortschreitende Entwicklung des Kindes und damit neuen Signalen und Bedürfnissen anpassen. Es ist ein Wechselspiel, in dem es manchmal auch kleine Anpassungsstörungen gibt. Das ist okay. Es geht vielmehr darum, dass Eltern in der Mehrzahl der Situationen passend und sicher reagieren, dass das Kind quasi eine sichere Grundmelodie der Beziehung verinnerlichen kann.

Es braucht keine Extra-Bindungsmomente

Natürlich können wir in unserem Alltag wunderbare Rituale einbinden, in denen wir gemeinsam mit dem Kind ruhen oder spielen und dabei eine besondere Nähe genießen. Vielleicht erschaffen wir damit wunderbare Erinnerungen. Aber wir müssen den Alltag nicht mit besonderen Momenten, Erlebnissen, Situationen anfüllen, damit das Kind sich sicher und behütet bei uns fühlt. Es sind tatsächlich die vielen Momente des Alltags, die Geborgenheit und Verbindung herstellen: Dass das Kind weiß, dass es getröstet wird, wenn es traurig oder ängstlich ist. Dass es weiß, dass es Essen oder Trinken sicher bekommt nach Bedarf. Dass es auch in Wut erfährt, dass es geliebt wird. Dass es überhaupt als Mensch, so wie dieses Kind eben ist, angenommen wird und sich nicht beständig verbiegen und anpassen muss, weil es sonst nicht oder weniger geliebt wird. All dies sind die Situationen und Momente, die wirklich relevant sind. Es sind – wie so oft – die kleinen Momente des Alltags, die den besonderen Zauber, die Vertrautheit und Verbindung ausmachen.

Und genau das sollten wir uns immer wieder vor Augen führen, wenn wir das Gefühl haben, dass unser Alltag zu langweilig sei oder wir denken, wir müssten viel mehr anbieten, tun, sein. Es geht um Beständigkeit, Echtheit, Aufmerksamkeit.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de