Kategorie: neu

Die Chance als Opa nutzen

Die Bedeutung der Großeltern für die Entwicklung der Kinder wurde erst seit den 1950er Jahren näher untersucht. Alle entsprechenden Studien kommen aber seither zu dem Schluss, dass Großeltern das Leben ihrer Enkel bereichern können. Sie sind Bezugspersonen und Ansprechpartner*in, Unterstützer*in und Mentor*in, hilfreiches Mittel gegen Langeweile und Elternfrust in einem.

Großeltern als wichtige Bezugspersonen

Manche Dinge wollen oder können Kinder ihren Eltern nicht anvertrauen, möchten sich aber dennoch mit einer erwachsenen Person darüber austauschen. Hier können Großeltern eine gute Alternative sein und sich als wichtige Bezugspersonen im Leben ihrer Enkelkinder positionieren. Möglich wird das aber erst, wenn eine ausreichende Nähe und genügend gemeinsame Zeit vorhanden ist. Es kann sich daher für Großeltern lohnen, in der Nähe der Kinder und Enkelkinder zu leben. Das Vertrauen wird größer, je näher Enkelkinder und Großeltern zusammenwohnen. Verständlich, denn wer nur am Wochenende oder gar lediglich in den Schulferien persönlich erreichbar und damit in den Alltag nicht involviert ist, kann eine weniger vertrauensvolle Beziehung zum Enkelkind aufbauen. Wer sich aber darauf einlässt und bei alltäglichen Sorgen und Nöten, aber auch bei schönen und freudigen Anlässen bereitsteht, wird zu einer der wichtigsten Personen im Leben des Kindes.

Kindern Geborgenheit schenken

Wenn möglich, sollte das Enkelkind im Haus der Großeltern einen eigenen Bereich bekommen. Das muss kein ganzes Zimmer sein, denn dies ist aus Platzgründen oft nicht möglich. Doch eine eigene Ecke, in der das Kind zusammen mit den Großeltern spielen kann, wo gelesen und gebastelt wird, sollte möglich sein. Auch wenn die Großeltern besondere Hobbys haben, kann das Enkelkind daran teilhaben, beispielsweise beim Werken, Kochen, Schnitzen, etc. Das Erleben eines gemeinsamen Hobbys kann Anknüpfungspunkt und einfach Beschäftigungsmöglichkeit sein.

Zur Geborgenheit gehört natürlich auch Zeit. Wenn das Enkelkind zu Besuch ist, sollte es nicht einfach nebenher laufen und lediglich dabei sein. Es darf ruhig die Hauptperson sein! Gemeinsame Unternehmungen, Gespräche über Gott und die Welt, Erzählungen aus der eigenen Vergangenheit, in Gesprächen und bei Aktivitäten eigene Schwächen und Stärken zeigen: Das verbindet und schafft Nähe. Wobei es nicht nur um Kinder geht, auch Jugendliche freuen sich über einen Ansprechpartner außerhalb des Elternhauses, dem sie vertrauen können und der eine Art Vermittlerposition zwischen ihnen und den Eltern einnimmt. Auch die großen Themen der Zukunft können mit Großeltern besprochen werden.

Gemeinsame Zeit genießen

Experten zufolge genießen Kinder heute eine deutlich längere gemeinsame Zeit mit den Großeltern als früher. Dabei ist nicht nur die Zeit gemeint, die für Unternehmungen oder einfach nur zum Kuscheln bereitsteht, sondern auch die gesamte Lebenszeit. Menschen werden heute älter und sind bis ins Alter hinein aktiver, wobei Fitness und Gesundheit im Umgang mit den Enkelkindern durchaus positiv sind. Ausnahmen bilden Familien, in denen die Kinder erst spät geboren werden und die Großeltern entsprechend deutlich älter sind. Doch auch hier gilt: Die gemeinsame Zeit sollte so lange wie möglich und so intensiv wie möglich genossen werden, denn die Fachwelt ist sich einig: Großeltern prägen die Enkelkinder für ihr ganzes Leben und können ein Baustein der Resilienz (psychischen Widerstandsfähigkeit) sein.

Über den Autor
Jürgen Busch, 75, ist fünffacher Großvater und schreibt auf seinem Blog grossvater.de über die Beziehung zwischen Enkelkindern und Großeltern mit einem Schwerpunkt auf das Opa-Sein mit vielen Ideen, wie dieses ausgestaltet werden kann.

Bild von emailme3 auf Pixabay

Mit Kindern über die Flutkatastrophe reden

Die Flutkatastrophen der letzten Woche haben viele Menschen direkt betroffen und auch jene, die nicht direkt betroffen sind, haben vielleicht Familie und Freunde, die betroffen sind. Ältere Kinder haben vielleicht aus den Medien davon erfahren, jüngere Kinder die Eltern darüber sprechen hören. Es ist ein Thema, das uns alle angeht und das wir auf die ein oder andere Weise verarbeiten müssen. Kinder und Jugendliche gehen allerdings mit Katastrophen anders um als Erwachsene und brauchen eine besondere Unterstützung, auch um Langzeitfolgen zu vermeiden.

Es ist schwer, als Eltern mit Kindern über Probleme, Krisen und Katastrophen zu sprechen: Wir wollen sie nicht verängstigen, zugleich aber auch nicht die Realität vollkommen von ihnen fernhalten. Wenn wir direkt betroffen sind, wünschen wir uns, gerade ihre Not abzumildern und ihnen zu helfen – auch wenn es schwer ist, weil wir selbst gerade emotional nicht stabil sind.

Mit Kindern über Katastrophen und Krisen sprechen

Auch wenn wir nicht direkt betroffen sind, ist es für größere Kinder sinnvoll, über die Ereignisse zu sprechen, über die sie vielleicht aus den Medien oder dem Bekanntenkreis erfahren. Damit diese Informationen gleich richtig eingeordnet und aufgearbeitet werden können, ist es sinnvoll, als Eltern die ersten Ansprechpartner*innen dafür zu sein. Informationen sollten aufklären, aber nicht verängstigen. Fehlen Eltern die Worte hierfür, können geeignete Medien für Kinder hinzugezogen werden, beispielsweise ein Beitrag der Sendung mit der Maus hier oder für größere Kinder ein aktueller Beitrag von ZDF logo! über Überschwemmungen. Mit größeren Kindern im Grundschulalter und darüber hinaus kann es auch sinnvoll sein, die Geschehnisse weiter einzubetten und mit ihnen über Ursachen und Möglichkeiten zu sprechen, um einem starken Gefühl der Klimaangst entgegenzuwirken, das durch aktuelle Meldungen aufkommen/verstärkt werden kann.

Wenn wir direkt betroffen sind – So unterstützen wir unsere Kinder

Wir können das Erlebte nicht ungeschehen machen, aber unsere Kinder auffangen und ihnen helfen, Erlebnisse zu verarbeiten und einzuordnen. Hierfür kann es notwendig sein, therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Auswirkungen des Erlebens einer Notsituation können sich auch langfristig zeigen, beispielsweise in Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen, Aggressivität oder Zurückgezogenheit – sollten diese oder andere Veränderungen auftreten ist es gut, auch wenn bereits Zeit vergangen ist, eine Fachperson hinzu zu ziehen.

Jenseits einer solchen Hilfe können wir den Kindern als Ansprechpartner*in zur Verfügung stehen, damit sie ihr Erleben mitteilen können. Der Impuls des Erzählens geht dabei vom Kind aus und wir sollten als geduldige Zuhörer*in zur Verfügung stehen. Auch können wir das Erzählte des Kindes einordnen in einen Gesamtverlauf, der dem Kind vermittelt, dass es nun wieder in Sicherheit ist nach der beängstigenden Situation. Manche Kinder drücken die Erlebnisse auch gestalterisch aus im Spiel oder in Bildern – auch hier können wir aufmerksam sein und den Ausdruck begleiten und einordnen. Es gut, wenn wir die Situation/das Erlebte weder herunterspielen, noch Ängste verstärken durch die eigene Angst/Sorge. Als Eltern können und sollten wir auch über unsere Empfindungen sprechen und sie nicht verbergen, aber dabei darauf achten, dass hierdurch nicht noch mehr Angst und Unsicherheit entsteht. Gerade jetzt ist es wichtig, dass das Kind sich der Sicherheit der Bindungsbeziehung sicher sein kann und spürt, dass trotz aller Änderungen im Umfeld die nahen Bezugspersonen ein Anker im Durcheinander sind.

Soweit möglich, ist es für Kinder deswegen auch hilfreich, möglichst viel Sicherheit gebende Struktur anzubieten durch Nähe, Rituale und einen weitgehend geregelten Tagesablauf. Die Grundbedürfnisse des Kindes sollten erfüllt werden. Dies mag in Notsituationen schwierig sein, gerade wenn das gewohnte häusliche Umfeld fehlt, aber es ist hilfreich, im Rahmen der Möglichkeiten darauf zu achten, möglichst viel Struktur und Sicherheit zu vermitteln. Auch hier sollte dann, wenn dies nicht möglich ist, weitere Hilfe in Anspruch genommen werden. Es ist durchaus möglich, dass Eltern sich gerade in einer so schwierigen Situation befinden, dass es ihnen schwerfällt, das Kind selbst emotional aufzufangen. Hier braucht es dann Unterstützung durch Freunde, Familie oder andere qualifizierte (Fach-)Personen.

Gerade in Notsituationen erleben wir uns oft als hilflos und ausgeliefert – so geht es auch unseren Kindern. Wichtig ist daher, ihnen das Gefühl von Selbstwirksamkeit soweit möglich zurückzugeben: sie in Aufgaben altersangemessen einzubinden, ihnen Handlungsspielraum zu geben und das Gefühl, selbst etwas bewirken zu können und aktiv zu sein. Auch im Spiel können sie diese Selbstwirksamkeit erfahren und Eigenständigkeit ausleben. Durch das Gefühl der Selbstwirksamkeit kann ihre psychische Widerstandsfähigkeiten (Resilienz) gestärkt werden.

Eine Zusammenfassung der psychischen Ersten Hilfe für Kinder im Hochwassergebiet findet sich in dem „SEEBAER“ Konzept von Prof. Dr. Harald Karutz

Es gibt mittlerweile verschiedene Spendenaufrufe. Auf Nachfrage hat der Caritasverband für die Stadt Bonn e.V., der Gelder sammelt für die schwer betroffene Region Ahrtal, diese Spendenmöglichkeit benannt für finanzielle Hilfen für die schwer betroffene Region.

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Familien brauchen keine speziellen Bindungs-Angebote: Bindung findet im Alltag statt

Für viele Eltern ist das Thema der sicheren Bindung ein Leitstern, aber auch oft ein Ursprung von Sorgen. Sie fragen sich, wie genau sie eine sichere Bindung herstellen können und ob ihre Bemühungen im Alltag dafür ausreichen oder sie nicht mehr „besondere“ Situationen schaffen sollten, die dem Kind ein Gefühl von Verbundenheit geben können. In einer konsum- und leistungsorientierten Gesellschaft stellt sich schnell die Frage: Reicht es denn eigentlich wirklich, „nur“ da zu sein und Alltag zu leben, damit mein Kind mit mir glücklich ist und sich sicher fühlt?

Wofür ist Bindung überhaupt da?

Das Bindungssystem ist in erster Linie ein Schutzsystem für Kinder: Es sorgt dafür, dass ihre Bedürfnisse von einer oder mehreren festen Bezugspersonen sicher erfüllt werden – gerade dann, wenn es selbst noch nicht dazu fähig ist. Durch das Wahrnehmen, interpretieren und beantworten von kindlichen Signalen sorgen die Bezugspersonen dafür, dass das Kind genau dies erfährt: Ich werde gesehen, ich bin sicher und umsorgt. Durch dieses Verhalten bildet sich ein Vertrauen in die Bezugsperson(en) aus und es entsteht nach und nach über die ersten Jahre eine bestimmte Qualität der Beziehung. Je öfter und voraussagbarer wir passend reagieren, desto sicherer fühlt sich das Kind.

Fehler sind völlig normal

Natürlich gibt es dabei immer wieder auch mal Situationen, in denen Eltern mit der Interpretation daneben liegen oder es gerade jetzt und gerade hier nicht ganz so gut geht mit der Bedürfniserfüllung: Wenn jetzt gerade nicht gestillt/gefüttert werden kann/will an der Schlange in der Supermarktkasse oder wenn es gerade heute Zeitdruck gibt und man nicht ewig lang die Ameisen auf ihrem Weg beobachten kann. – All diese Situationen dürfen auch sein und führen dennoch nicht dazu, dass das Kind eine schlechte Bindungsbeziehung aufbaut. Auch Eltern müssen erst einmal verstehen, welche Signale das Kind gibt und was es damit aussagen möchte. Auch ändern sich die Signale im Laufe der Zeit und Eltern müssen sich neu ausrichten und sich immer wieder neu auf die fortschreitende Entwicklung des Kindes und damit neuen Signalen und Bedürfnissen anpassen. Es ist ein Wechselspiel, in dem es manchmal auch kleine Anpassungsstörungen gibt. Das ist okay. Es geht vielmehr darum, dass Eltern in der Mehrzahl der Situationen passend und sicher reagieren, dass das Kind quasi eine sichere Grundmelodie der Beziehung verinnerlichen kann.

Es braucht keine Extra-Bindungsmomente

Natürlich können wir in unserem Alltag wunderbare Rituale einbinden, in denen wir gemeinsam mit dem Kind ruhen oder spielen und dabei eine besondere Nähe genießen. Vielleicht erschaffen wir damit wunderbare Erinnerungen. Aber wir müssen den Alltag nicht mit besonderen Momenten, Erlebnissen, Situationen anfüllen, damit das Kind sich sicher und behütet bei uns fühlt. Es sind tatsächlich die vielen Momente des Alltags, die Geborgenheit und Verbindung herstellen: Dass das Kind weiß, dass es getröstet wird, wenn es traurig oder ängstlich ist. Dass es weiß, dass es Essen oder Trinken sicher bekommt nach Bedarf. Dass es auch in Wut erfährt, dass es geliebt wird. Dass es überhaupt als Mensch, so wie dieses Kind eben ist, angenommen wird und sich nicht beständig verbiegen und anpassen muss, weil es sonst nicht oder weniger geliebt wird. All dies sind die Situationen und Momente, die wirklich relevant sind. Es sind – wie so oft – die kleinen Momente des Alltags, die den besonderen Zauber, die Vertrautheit und Verbindung ausmachen.

Und genau das sollten wir uns immer wieder vor Augen führen, wenn wir das Gefühl haben, dass unser Alltag zu langweilig sei oder wir denken, wir müssten viel mehr anbieten, tun, sein. Es geht um Beständigkeit, Echtheit, Aufmerksamkeit.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Über die Scham, etwas falsch gemacht zu haben als Elternteil

Wir kennen ihn wohl alle, den Gedanken: „Das wollte ich nicht!“ oder „Oje, ich mache es immer wieder falsch!“ oder sogar „Ich bin einfach eine schlechte Mutter/ein schlechter Vater!“. Was es ist, das dieses Gefühl auslöst, kann ganz unterschiedlich sein: Während es bei einem Elternteil entsteht, weil es wirklich zu viel schreit, kann ein anderes Elternteil dieses Gefühl haben, weil das Kind sich das Knie schlimm aufgeschlagen hat, während man selbst gerade abgelenkt war. Jetzt, in diesem Artikel, soll es nicht um eine Bewertung dessen gehen, welche Situation dieses Gefühl konkret auslöst, sondern um unseren Umgang mit der Scham über Fehlerhaftigkeit im Familienalltag.

Fehler gehören in gewissem Grad dazu

Ja, wir machen Fehler. Wir alle. Jeden Tag und manchmal mehrmals am Tag. Wie schwer sie wiegen, ist ganz unterschiedlich. Und wie oft wir sie machen, ebenfalls. Dies hängt auch mit anderen äußeren Umständen zusammen: Haben wir gerade generell viel Stress, sind deswegen weniger feinfühlig und das Kind bringt mit seinem (vielleicht ganz normalem kindlichen Verhalten) das Stressfass zum Überlaufen?

Wir brauchen dringend eine größere Fehlertoleranz und eine Fehleroffenheit, von der aus es möglich wird, neu zu starten. Denn wir alle machen Fehler, jeden Tag. Viele davon verlaufen sich ohnehin im sonst liebevollen Alltag, andere können wir aufrichtig entschuldigen, und bei den dritten brauchen wir Hilfe – aber ohne Abwertung.

S. Mierau „Frei und unverbogen“ S.175

Ein gewisses Maß an Fehlern tolerieren unsere Kinder in ihrer Entwicklung. Nicht mit allen Fehlern schaden wir langfristig der Bindungsbeziehung. Es ist aber wichtig, dass wir über die Zeit hinweg und in der Mehrheit der Situationen unseren Kindern zeigen, dass sie sich auf uns verlassen können, dass wir sie schützen, dass wir sie lieben und respektieren.

Natürlich gibt es Dinge, die wir unbedingt vermeiden sollten: psychische und physische Gewalt. Wenn wir merken, dass uns dies schwer fällt, brauchen wir Unterstützung von professioneller Seite.

Die Scham-Falle

Scham allerdings kann uns schnell in einem Kreislauf gefangen halten, der die Veränderung behindert: Wir denken nur daran, dass wir gerade und immer wieder schlechte Eltern sind und dieses Denken behindert uns daran, uns den Ursachen zuzuwenden. Wir sind gefangen in der Scham. Nicht selten ist sie es auch, die uns daran behindert, uns Hilfe zu holen: im kleinen bei Freunde und Familie oder auch im großen bei Beratungsstellen. Denn wir denken „Andere bekommen das ja auch hin!“ oder „Dann denken/wissen auch die anderen, dass ich ein schlechtes Elternteil bin!“

Der Weg heraus aus der Schamfalle führt darüber, dass wir wirklich verinnerlichen, dass Elternschaft eben auch bedeutet, dass wir selbst noch lernen: Wir lernen dieses Kind kennen, das da so neu zu uns gekommen ist mit einem eigenen Temperament und Bedürfnissen, die manchmal mit unseren eigenen Bedürfnissen in Konflikt stehen. Wir lernen, uns als Eltern in dieser Gesellschaft zu bewegen und ecken hier und da an, müssen uns erst einmal unseren Weg suchen. Manchmal haben wir nicht sofort eine Antwort auf Fragen des Elternseins – auch das ist okay.

Hilfreich ist es auch, wenn wir einen Kreis von Menschen um uns haben, dem wir uns wirklich öffnen können. In dem wir gegenseitig von unseren Fehlern und Problemen berichten können. Mit der Toleranz gegenüber Fehlern können wir zudem selber gegenüber anderen anfangen: In unseren Köpfen, wenn wir das nächste Mal denken, dass diese Eltern auf dem Spielplatz ja scheinbar alles falsch machen und uns selbst innerlich korrigieren damit, dass dies, was wir gerade sehen, ein kleiner Ausschnitt ist aus einem anderen Leben. Oder auch im Internet, wenn wir kurz überlegen, einer fremden Person zu schreiben, dass das ja wohl völlig daneben ist, können wir kurz innehalten, nachdenken und einen Angriff in eine Unterstützung oder wirklich wohlgesonnene Frage umwandeln.

Steigen wir aus aus der Scham-Falle und überwinden wir sie auch gemeinsam durch eine neue Fehlertoleranz uns selbst und anderen gegenüber.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Fallenlassen nach der Anstrengung

Immer dann, wenn Luise vom Kindergarten abgeholt wird, ist von einer Minute auf die andere nichts mehr möglich: Sie sieht ihren Vater in der Garderobe stehen und erklärt, dass er sie nun anziehen und raustragen soll. Aber morgens, da schafft sie es doch auch mit dem Anziehen, fragt er sich.

Immer dann, wenn Finn abends von seiner Großmutter abgeholt wird, gibt es Streit: Auf einmal benimmt er sich „wie ein kleines Baby“, obwohl er doch den ganzen Tag „so ein großer Junge war“. Auf einmal verabschiedet er sich nicht anständig und macht nicht mehr mit.

Immer nach dem Abendessen ist es schwer, Mia noch dazu zu bringen, sich die Zähne putzen zu lassen und sich bettfertig zu machen. Eben noch saß sie am Tisch, hat ihr Brot geschmiert, den kalten Tee getrunken und die Tomate klein geschnitten, danach hat sie keine Lust mehr auf nichts.

Viele Dinge des Alltags sind für unsere Kinder anstrengend. Anstrengend meint, dass sie Kraft aufwenden, um sie zu meistern. Sie werden herausgefordert durch sie: Sei es der Vormittag im Kindergarten, wenn sie sich an Regeln anpassen müssen oder der Besuch bei einer Verwandten, wenn erwartet wird, dass das Kind „groß ist“ oder das ordentliche Essen am Tisch. Für Kinder sind all diese Aufgaben noch recht neu, erfordern Geschick im Umgang mit anderen und/oder Geschick der Fein- oder Grobmotorik. Soziales Miteinander erfordert Kooperationsfähigkeit und manchmal auch das Aufschieben eigener Bedürfnisse. Kinder lernen all diese Dinge, aber sie müssen sich dabei anstrengen: Nicht selten gehen sie in ihrem Tun und Lernen bis an die eigenen Grenzen.

Und dann sind sie erschöpft von dem, was sie geleistete haben. Nach der Anspannung, nach der Anstrengung kommt die Entspannung. Mit dem Fallenlassen der Anpassung, Anstrengung und Anspannung brauchen sie es, aufgefangen zu werden. Sie lassen sich fallen in den sicheren Hafen. Jeden Tag bewegen sie sich zwischen dem eigenständigen Lernen und Tun und der Rückkehr zu uns, um irgendwann wieder aufbrechen zu können. Wenn wir sie dann auffangen, geben wir ihnen damit Geborgenheit und Verständnis.

Eigentlich kennen wir selbst als Erwachsene auch das Gefühl, wie wunderbar es ist, sich nach einem anstrengenden Tag oder einer besonderen Herausforderung bei der Arbeit an einen Menschen, der uns nahe ist, anzulehnen. wie gut es tut, sich nach einem schwierigen Tag einfach in das Sofa fallen zu lassen und nichts mehr zu tun. Und während wir erwachsen sind und unsere Gefühle und Bedürfnisse schon viel besser regulieren können, sind unsere Kinder Kinder. Erwarten wir also nicht zu viel von ihnen. Überfordern wir sie nicht mit Erwartungen und seien wir nachsichtig mit ihnen.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

„Mama/Papa, ich kann nicht mehr laufen!“

Noch eben ist das Kind munter auf dem Spielplatz umher gehüpft, aber als es darum geht, nach Hause zu gehen, kann es auf einmal nicht mehr laufen. Oder auf dem Weg von der Kita nach Hause zeigt sich auf einmal, dass nun wirklich kein Schritt mehr geht, obwohl doch am Tag zuvor ein viel längerer Spaziergang stattgefunden hat und offenbar auch allein bewältigt werden konnte? Ist es ein Machtspiel? Müssen wir Kinder überreden, zu laufen, damit sie ihre Muskeln stärken?

Es gibt einen Unterschied zwischen Toben und Laufen

Auch wenn Kleinkinder jeden Tag viel in Bewegung sind und wir Erwachsenen manches Mal überrascht sind von ihrer schier endlosen Energie, ist diese nicht unbegrenzt und vor allem nicht in allen Situationen gleichermaßen verfügbar. Denn für Kinder gibt es einen Unterschied darin, ob sie selbstgesteuert einer Bewegung oder Tätigkeit nachgehen, oder ob sie ihre Bewegung/Tätigkeit auf die Anforderungen einer anderen Person abstimmen müssen. Sich an den Wünschen einer anderen Person und/oder den Erfordernissen in einer Gesellschaft zu orientieren, ist für Kleinkinder herausfordernd. Wenn wir ihnen erklären, dass wir gemeinsam nach Hause gehen nach der Kita oder dem Spielplatz, müssen sie sich kognitiv darauf einstellen: sie müssen auf die Regeln des Straßenverkehrs achten, auf andere Passant*innen, sie dürfen nicht zu weit vorrennen oder zu weit zurück bleiben. All dies ist wesentlich anstrengender als das selbstgesteuerte Umherrennen auf dem Spielplatz oder das entspannte Laufen auf einem Spaziergang im Wald nach eigenem Tempo und ohne Regeln.

Das „Abhärten“ als Erziehungsmittel ist tief in uns verankert und begegnet uns immer wieder. Kinder sollen abgehärtet werden, damit sie mit den Herausforderungen des Lebens später besser zurechtkommen. Sie sollen körperlich abgehärtet werden, um den Herausforderungen der Umwelt zu trotzen. Wie wir aber aus der Resilienzforschung wissen, hilft in Bezug auf den Umgang mit belastenden Lebensumständen nicht, wenn Kinder schon früh Schwierigkeiten allein meistern müssen und schutzlos Problemen ausgeliefert werden.

Susanne Mierau „Frei und unverbogen“ S. 151

Es ist kein Machtspiel

Wenn unsere Kinder uns also sagen, dass sie wirklich nicht mehr laufen können, dann sollten wir diese Mitteilung nicht als Machtspiel betrachten. Sie wollen uns nicht ärgern oder austricksen. Wir sollten auch nicht in Versuchung geraten, sie dann gerade besonders zu fordern, um sie abzuhärten. Was sie brauchen, ist Verständnis für ihre Situation. Auch wenn sie es selbst noch nicht so formulieren können, sind sie erschöpft und/oder überfordert von den Anforderungen der Fortbewegung. Es ist deswegen sinnvoll, auf ihr Bedürfnis einzugehen. Manchmal kann es helfen, ein Spiel aus dem Weg zu machen: Lass uns bis zur nächsten Einfahrt hüpfen/schleichen/schlendern. Manchmal kann es auch helfen, in besonderer Weise in Verbindung zu gehen: „Wenn du magst, fass mich an und ich schicke dir Energie über meine Hand!“. Und manchmal hilft es einfach nur, sie eben auf den Arm zu nehmen, in eine Toddler-Trage oder in den Buggy – und ja, das können wir auch mit drei, vier oder fünfjährigen Kindern noch tun, wenn das gerade benötigt wird.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Was es bedeutet, „gut genug“ als Elternteil zu sein

Der Anspruch an Eltern, dass sie „perfekte Eltern“ sein müssten, ist nicht nur unrealistisch, sondern auch nicht sinnvoll. Dennoch haben viele Eltern das Gefühl, dass sie jederzeit pädagogische richtige Entscheidungen treffen, gute Spielpartner*innen und stets bei guter Laune sein müssten. Der Druck unserer Gesellschaft, alles richtig machen zu müssen, ist groß und oft werden Verhaltensweisen des Kindes, die dem kindlichen Temperament entspringen, zu Unrecht dem elterlichen Verhalten angelastet, was diesen Druck noch erhöht: Dein Kind benimmt sich „unartig“ in der Öffentlichkeit, dann hast du etwas in der Erziehung falsch gemacht! Dein Kind ist schüchtern, dann hast du etwas falsch gemacht! Dein Kind ist extrovertiert, dann hast du etwas falsch gemacht! – Erwartungen an angepasstes, durchschnittliches Verhalten von Kindern setzen Eltern an vielen Stellen unter Druck und stärken das Gefühl, Fehler zu machen.

Auch Fehler sind wichtig

Schon der britische Kinderpsychoanalytiker Donald W. Winnicott beschrieb (im Weltbild der damaligen Zeit auf Mütter bezogen), dass Babys keine „too good mothers“ benötigen, sondern vielmehr „good enough mothers“. Damit meinte er, dass es mit zunehmenden Alter der Babys immer wichtiger wird, dass diese auch ein gewisses Maß an Unzufriedenheit erleben, indem die Mütter beispielsweise im Laufe der Zeit weniger prompt auf das Quengeln des Babys reagieren, damit die Kinder einerseits Raum haben für die Ausbildung von Selbstregulation, aber auch dass Bedürfnisse etwas aufgeschoben werden können. Reagieren die Bezugspersonen beispielsweise im Spiel nicht sofort auf das Quengeln des Babys, weil dieses ein Spielzeug nicht erreichen kann, versucht das Baby vielleicht, dieses durch Bewegung selbst zu erreichen und ist glücklich und erlebt sich als selbstwirksam, wenn es das Ziel selbständig erreicht. Schafft es das nicht, wird das Baby deutlichere Signale zeigen, auf die die Bezugsperson dann reagieren kann. Wird jedoch immer gleich eingegriffen, wenn das Baby leiseste Anzeichen des Unbehagens zeigt und es gibt für die Selbständigkeit keinen Raum, erhält es nicht die Möglichkeit, sich selbst kennenzulernen, Fähigkeiten auszubauen und Selbstwirksamkeit zu entwickeln. Es ist also gut, wenn wir diesen Perfektionsanspruch, immer sofort zur Stelle zu sein, nicht erfüllen.

Die Grundmelodie ist entscheidend

Was bedeutet es nun aber, Kinder „gut genug“ zu begleiten? Nicht nur Winnicott hat sich mit dieser Thematik beschäftigt, sondern auch nach ihm war dies immer wieder Thema wissenschaftlicher Forschung und Theoriebildung. Auch Bert Powell, Glen Cooper, Kent Hoffman und Bob Marvin, die das Konzept des „Kreis der Sicherheit“ entwickelt haben, haben sich damit beschäftigt, was es bedeutet „gut genug“ zu sein. Sie erklären, dass es für Babys und Kleinkinder wichtig ist, dass sie ein grundlegendes Vertrauen haben in ihre Eltern. Als Eltern können wir manchmal nicht die Bedürfnisse eines Kindes (sofort) erfüllen oder übersehen Signale. Manchmal sind wir zu müde, erschöpft, haben schlechte Laune, sind gestresst. Das Kind sollte aber das Gefühl verinnerlicht haben, dass es seine Bedürfnisse frei ausdrücken kann und sie normalerweise wahrscheinlich erfüllt werden, weil die Bezugsperson sie als „normal und akzeptabel“ ansieht. Sind wir gerade nicht in der Lage, ein solches geäußertes Bedürfnis zu beantworten und lehnen es ab, weiß das Kind aber durch vorangegangene Erfahrungen, dass die Bezugsperson, auch wenn sie jetzt gerade ablehnend/gestresst/erschöpft ist, später wieder zugewandt und bedürfnisorientiert sein wird und darum bemüht ist, die Situation wieder auszugleichen.

Auch aus Bindungssicht müssen Eltern nicht perfekt und unfehlbar sein. Aber es ist wichtig, dass wir insgesamt über die Zeit hinweg und in der Mehrheit der Situationen unseren Kindern vermitteln, dass sie von uns geliebt und respektiert werden und wir sie als ihre vertrauensvollen Bezugspersonen schützen und unterstützen.

Susanne Mierau (2021): Frei und unverbogen S.177

Es ist also nicht wichtig, dass wir jederzeit perfekt reagieren, sondern dass wir dem Kind ein Grundgefühl dafür mitgeben, dass es generell gesehen wird, dass wir es verstehen und versuchen, angemessen zu begleiten – und dass wir, wenn wir mal anders handeln, gut mit Konflikten und Fehlern umgehen, so dass das Kind sicher sein kann, dass unsere andere, zugewandte Art immer wieder zurückkommt.

„Gut genug“ meint daher nicht ganz bestimmte, konkrete Handlungen oder eine Art Lockerheit, das Leben zu betrachten oder mit der Umwelt zu interagieren. Es beschreibt nicht, was wir einkaufen oder als Spielmaterialien zur Verfügung stellen, sondern vielmehr die Grundlage unseres Handelns, immer wieder zur Bedürfnisorientierung zurückzukommen, auch wenn es mal schwierige Momente, Phasen, Zeiten gibt..

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Weiterführende Literatur:
Mierau, Susanne (2021): Frei und unverbogen. Kinder ohne Druck begleiten und bedingungslos annehmen. – Weinheim: Beltz.
Powell, Bert/Cooper, Glen/Hoffman, Kent/Marvin, Bob (2015): Der Kreis der Sicherheit. Die klinische Nutzung der Bindungstheorie. – Lichtenau: Probst Verlag.
Ustorf, Anne-Ev (2012): Allererste Liebe: Wie Babys Glück und Gesundheit lernen. – Stuttgart: Klett-Cotta.
Winnicott, Donald w. (1999): Kind, Familie und Umwelt. – München: Reinhardt.

„Aber ich will das gerade jetzt so gerne!“ – Wenn Elternwünsche und Kinderwünsche auseinandergehen

Die meisten Eltern von Kleinkindern kennen jene Situation, in der sich ein Kind voller Freude einer Tätigkeit hingibt und darin aufgeht, die aber leider so nicht stattfinden kann. Auch wenn wir unseren Kindern viele Freiheiten geben, gibt es immer auch Grenzen des Handelns und soziale Regeln, die eingehalten werden sollen. Gerade im Spiel kleiner Kinder können solche Grenzen schnell erreicht werden, da sie die Folgen ihres Handelns noch nicht gut absehen können: Vielleicht wollen sie mit einem Glas in der Hand und noch wackeligen Laufkünsten losrennen, mit einem Gegenstand oder Fingern an der Steckdose spielen oder auf Möbel in der Wohnung viel zu hoch hinauf klettern: Was es auch sein mag – in jeder Familie gibt es Situationen, in denen dem kindlichen Handeln Einhalt geboten werden muss. Aber das Kind sieht die Situation ganz anders und reagiert nicht mit jenem Verständnis, mit dem wir die Situation beurteilen.

Wut durch Grenzen beim Kind

Grenzen sind wichtig und ergeben sich jeden Tag. Anhand der Grenzen lernen Kinder, wie sie mit anderen Dingen und Menschen umgehen können, wie wir uns in einer Gesellschaft verhalten. Dennoch ist das Kind ein Kind und kann mit Frustration in den ersten Jahren noch schwer umgehen. Spürt das Kind in seinem Handeln eine enorme Freude, spielt es ausgiebig und neugierig, gerät vielleicht sogar in einen Zustand des Flow und wird dann von einer Bezugsperson darin unterbrochen, ist es wütend, enttäuscht und verärgert. Die Wut bezieht sich einerseits darauf, die Situation beenden zu müssen, die gerade so Freude bereitet hat, aber auch auf das Verhalten der untersagenden Bezugsperson. Aber diese untersagende Person ist gerade in einer Situation, in der das Kind die eigenen Gefühle nicht allein gut verarbeiten kann, zugleich auch wichtig. Ein schwieriger Konflikt für das Kind: Ich bin wütend auf dich, gleichzeitig brauche ich dich jetzt.

Ambivalenz des Kindes aushalten

Für Eltern und Kind ist es nun wichtig, diese Ambivalenz des Kindes auszuhalten und zu begleiten: Als Eltern sollten wir Verständnis für die Lage des Kindes aufbringen und die Verärgerung des Kindes verstehen: Es ist verständlich und okay, dass du jetzt sauer bist. Gleichzeitig können wir aufgrund der Verärgerung des Kindes aber die Situation nicht verändern, nicht nachgeben, wenn es es eine Situation ist, in der eine Grenze wichtig und notwendig ist. Unsere Aufgabe ist es daher, das Gefühl der Verärgerung zu verstehen und zu begleiten.

Die Erwartungshaltung unserer Kinder steigt ins Unermessliche, wenn sie keine natürlichen Grenzen aufgezeigt bekommen, keine Grenzen spüren dürfen. sie lernen nicht, dass Konflikte Teil von Beziehungen sind und wie damit umzugehen ist, und wir enthalten ihnen wichtige Beziehungsaspekte vor, die sie für ihre Entwicklung brauchen.

Susanne Mierau „Frei und unverbogen“ S. 163

Vielleicht ist das Kind aktuell so wütend, dass es Nähe oder andere Beruhigungsangebote nicht annehmen kann. Hier können wir abwarten (das Kind und andere vor Verletzung schützen, wenn das durch die Verärgerung droht) und mit diesem Abwarten und eigener Ruhe vermitteln, dass wir präsent sind und zwar eine Sache nicht erlauben können, aber dennoch das Kind nicht ablehnen, weil es diese Sache machen/haben wollte. Ist das Kind wieder für Worte und Begleitung zugänglich, können wir es trösten und eventuell abschließend über die Situation sprechen.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Dein Blickwinkel und deine Worte sind entscheidend

Natürlich ist das Verhalten unserer Kinder auch manches Mal ganz schön anstrengend und sie tun Dinge, die wir nicht (sofort) verstehen. Natürlich stellen wir uns als Eltern tausende Fragen über die Entwicklung und das Verhalten unserer Kinder – das ist Teil unserer Fürsorge für unsere Kinder. Manchmal aber werden Eltern auch verunsichert – nicht nur durch zu viele oder falsche Informationen, sondern auch durch die Worte und Beschreibungen, die für kindliches Verhalten gewählt werden.

Worte prägen unser Denken

Die Worte, die wir oder andere für unsere Kinder oder für ihr Verhalten nutzen, prägen unser Denken, unsere Erwartungshaltung, unsere Gefühle. Ein deutliches Beispiel dafür ist der Begriff „Trotzphase“ gegenüber dem Begriff „Autonomiewunsch“. Wenn wir darüber sprechen, dass sich unser Kind in der „Trotzphase“ befindet bzw. „trotzt“, entsteht darüber ein inneres Bild in uns über die Absicht des Kindes: Es setzt sich zur Wehr gegen unseren Willen, es agiert absichtlich anders, um einen Machtkampf zu führen.

Stellen wir uns aber einen Moment vor, dieses Wort hätte es nicht in unseren Sprachgebrauch geschafft. Stellen wir uns vor, es wäre nicht vor Jahren angenommen worden, dass Kinder absichtlich handelten, sondern die Erkenntnisse der Hirnforschung wären schon früher bekannt gewesen bzw. Erwachsene hätten den Kindern kein absichtlich störendes, widerstrebendes Verhalten vorgeworfen: Dann würden wir vielleicht nicht davon sprechen, dass das Kind „Machtspiele“ spielen würde, sondern wir würden einfach annehmen, dass das Kind autonom agieren will, weil das Teil seiner ganz normalen Entwicklung ist. Wir würden sehen, dass das Kind selbständig sein will, lernen will. – Natürlich passieren dabei Fehler, manchmal glückt ein Vorhaben nicht, manchmal ist nicht genug Zeit vorhanden, um dieser Selbständigkeit nachzugehen. Aber unser Blick auf das Ansinnen des Kindes wäre ein ganz anderer, weshalb wir wahrscheinlich auch verständnisvoller reagieren würden. Wir würden uns durch ein natürliches Verhalten des Kindes nicht angegriffen fühlen in unserem Wesen, unserer Position. Wir würden verstehen, annehmen, begleiten. Wahrscheinlich wären wir auch ab und zu ein wenig genervt, aber ein negatives Verhalten könnte sich weniger schnell hochspielen, wenn wir nicht eine negative Grundhaltung einnehmen von Anfang an.

Unsere Erwartungen sind oft nicht richtig

Eng verbunden mit den unpassenden Worten sind die falschen Erwartungen. Auch sie speisen sich auch einer Geschichte der Kindheit, in der Kinder noch nicht als Kinder mit ihren eigenen Entwicklungsbedürfnissen gesehen wurden, sondern im Dienste der Erwachsenen standen, nicht stören und sich vorwiegend anpassen sollten. Diese Erwartungen betreffen beispielsweise das Schlafverhalten von Babys und Kleinkindern, die zeitliche Entwicklung der Ernährung, den Umgang mit Gefühlen.

Stellen wir uns beispielsweise vor, wir hätten noch nie davon gehört, dass Babys oder Kleinkinder allein in einem Zimmer einschlafen sollten und dass sie durchschlafen müssten. Stellen wir uns vor, wir würden das Verhalten des Kindes so, wie sich eben bei uns verhält, für normal empfinden und es nicht messen. Unser Blick wäre wahrscheinlich weniger auf die Defizite gerichtet, weniger negativ, was uns auch weniger in eine negative Spirale führen würde, zu versuchen, das Verhalten mit Druck zu ändern. Wahrscheinlich wären wir dennoch auch müde, manchmal genervt oder erschöpft. Aber wir würden mit ganz anderen Augen auf das Kind blicken. Die Professorin für Entwicklungspsychologie Prof. Dr. Heidi Keller hält fest (1999), dass Eltern aus Deutschland und Nordamerika erwarten, dass ihr Baby mit 4-5 Monaten die Nacht über durchschläft, während Eltern aus Costa Rica und Kamerun dies erst in einem Alter von 3,5 Jahren erwarten. – Entsprechend wird das eigentlich normale Schlafverhalten des Babys und Kleinkindes je nach Erwartungshaltung eher als Problem angesehen oder nicht.

Sich frei machen von Erwartungen und negativen Worten

Es kann unseren Alltag entspannen, wenn wir uns frei machen von Erwartungen und negativen Worten für Entwicklungsschritte oder Beschreibungen unserer Kinder. Kinder sind unterschiedlich, kommen mit unterschiedlichen Temperamenten und Bedürfnissenn zu uns, reagieren unterschiedlich und haben verschiedene Entwicklungszeitpläne für einzelne Entwicklungsbereiche wie Grobmotorik, Feinmotorik, Sprache etc. Selbst Geschwister können ganz verschieden sein im Ausdruck ihrer Gefühle, in ihrem Einfordern von Autonomie, in ihrem Gefühlsausdruck. Gestehen wir unseren Kindern diese Unterschiedlichkeit zu und befreien wir uns selbst von solchen Denkweisen und Worten. Damit entspannen wir unsere eigene Situation, helfen aber zugleich dabei, dass diese Worte und Denkweisen hoffentlich nach und nach aus unserer Gesellschaft verschwinden und Raum geben für die Individualität.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Entwicklung kindlicher Sexualitäten in der Baby- und Kleinkindzeit

Die Entwicklung von Sexualität von Kindern ist für viele Eltern ein schambehaftetes Thema, mit dem sie nicht so recht umzugehen wissen: Wann findet was statt und was ist „normal“? Oft ist der eigene schambehaftete Umgang mit dem Thema, der es mit Kindern zu einer Herausforderung werden lässt. Dabei ist die Sexualität ein menschliches Bedürfnis, das zur Entwicklung dazugehört. Wie in vielen anderen Bereichen unterscheidet sich auch die Entwicklung von Kind zu Kind und es gibt trotz ähnlicher Entwicklungsphasen nicht eine bestimmte Art, auf die alle Kinder mit Sexualität umgehen würden, weshalb es sinnvoller ist, von Sexualitäten zu sprechen, um der Verschiedenartigkeit Rechnung zu tragen und Offenheit zu ermöglichen.

Kindliche Sexualität ist anders

Viele Eltern und andere Erwachsene sind in Bezug auf die Entwicklung kindlicher Sexualitäten schambehaftet, da sie den kindlichen Umgang damit nicht kennen, da er in der eigenen Kindheit tabuisiert wurde („Da fässt man sich nicht an!“, „Davon kann man krank werden!“) und/oder weil sie einen Vergleich mit Erwachsenensexualität ziehen, die allerdings unangebracht ist. Die sexuelle Entwicklung von Kindern ist nicht auf zukünftige Handlungen ausgerichtet, sondern es geht vielmehr um ein spielerisches Erleben des Körpers, das vom Kind auch nicht als Sexualität wahrgenommen werden. Eine Interpretation aus Erwachsenensicht ist daher unpassend.

Von Anfang an

Schon das Baby erforscht mit Neugierde den eigenen Körper und manchmal zufällig auch die Genitalien und macht dabei sinnliche Erfahrungen. Schon bei Babys kann es zu einer Erektion oder dem Austritt von Vaginalflüssigkeit kommen. In der Kleinkindzeit werden sich Kinder dann ihres Körpers bewusster und nehmen körperliche Unterschiede wahr, womit sie auch ein Interesse am Körper anderer bekommen. Sie stimulieren sich in unterschiedlicher Weise selbst und entwickeln nach und nach ein Gefühl für ihre eigene Privatsphäre und die Schamgefühle anderer Menschen, auch über das Erlernen (sozialer) Regeln im Umgang mit dem Körper. Im Spiel mit anderen Kindern erforschen sie auch deren Körper und entwickeln nach und nach ein ausgeprägteres Schamgefühl.

Umgang mit Körpererkundung

Dass Kinder also ihren eigenen Körper erkunden und auch Interesse am spielerischen Erkunden mit anderen Kindern haben, ist normal. Es ist wichtig, ihnen hierfür die Möglichkeit in einem geschützten Raum zu geben. Auch die Selbststimulation ist ein Bereich der kindlichen Entwicklung, den Kinder durchlaufen. Wird dabei das Schamgefühl anderer verletzt, rät Ina-Maria Philipps, Dozentin für Sexualpädagogik, dazu, dem Kind Orte zur Verfügung zu stellen (pdf), an denen es sich erkunden kann, ohne die Schamgefühle anderer zu verletzen. Auch dies ist ein wichtiger Punkt des Lernens von sozialen Regeln. Auch eine freundliche, nicht beschämende Aufforderung, sich danach vor anderen Spielen die Hände zu säubern, erklärt sie für legitim.

Die gegenseitige Erkundung des Körpers unter Kindern ist normal und ein wichtiger Teil der Entwicklung, allerdings immer unter dem Aspekt der Selbstbestimmung.

S. Mierau (2021): Frei und unverbogen

In Bezug auf Körpererkundungsspiele zwischen Kindern ist es wichtig, zu thematisieren, dass sich alle daran beteiligten Kinder damit wohlfühlen müssen und kein Kind zu Handlungen oder Berührungen aufgefordert werden darf, mit denen es sich unwohl fühlt. Kinder, die hier im Spiel Übergriffe erleben, müssen geschützt werden und vermittelt bekommen, dass niemand über ihren Körper bestimmen darf. Und auf der anderen Seite benötigt auch das übergriffige Kind Aufklärung über die Bedeutung der Selbstbestimmung und Wahrnehmung von Signalen. Kommunikation über Körper und Körperlichkeit, auch unter Einsatz von beispielsweise passenden Medien wie altersentsprechenden Kinderbüchern über den menschlichen Körper und Aufklärung, ist für Kinder daher wichtig.

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.