Kategorie: Baby

Mein Kind „klebt“ an mir

Eigentlich ist doch alles wunderbar: Ein Familienfest mit ausgelassener Stimmung und freundlichen Menschen, aber das Baby möchte einfach nur die ganze Zeit im Körperkontakt bleiben. Oder die tolle Krabbelgruppe, in der endliche ein Platz frei wurde wird besucht, aber das Kind sitzt nur auf dem Schoß. Oder der Spielplatz wird in der Hitze besucht, aber das Kind spielt nicht freudig im Sand, sondern mag nur auf dem Schoß bleiben. Auf dem ersten Blick haben diese Situationen vielleicht nicht viel gemeinsam? Auf den zweiten Blick aber schon: Das Bindungssystem ist des Kindes ist aktiv.

Das Sicherheitspersonal-Gummiband

Bei Bindung denken wir zunächst immer an das Kuschelige, an die Nähe, an liebevolle Momente. Tatsächlich verläuft Bindung aber auf der einen Seite vom Erwachsenen zum Kind und auf der anderen Seite vom Kind zum Erwachsenen. Es ist wie ein Gummitwistband, was zwischen uns gespannt ist mit zwei Spuren. Die Spur vom Kind zum Erwachsenen ist ganz besonders ein Schutzsystem anfangs. Bindung schützt das Baby und kleine Kind, das sich noch nicht selbst versorgen kann. Das Kind bindet sich an Personen, die die Grundbedürfnisse des Babys erfüllen, die sicherstellen, dass das Baby Schutz findet vor all den Dingen, die gefährlich sein könnten. – Könnten, denn schließlich hat das Baby noch keine Erfahrungen gesammelt und weiß nicht, worauf es vertrauen kann und worauf nicht. Dieses Wissen bildet es erst im Laufe der nächsten Jahre aus – insbesondere durch die Interaktion mit eben diesen schützenden Menschen und ihr Vorbildverhalten. Von uns lernt das Baby die Welt kennen, lernt sicher und unsicher zu unterscheiden. Lernt, mit vermeintlich gefährlichen Situationen umzugehen und versteht nach und nach, dass einige Situationen fremd, aber nicht gefährlich sind.

Der Erkundungsdrang aus der Sicherheit heraus

Fühlt sich das Kind sicher, erkundet es die Welt. Besonders fällt uns das ins Auge, wenn unsere Kinder sich schon fortbewegen können und vom sicheren Hafen der vertrauten Bindungsperson aus die Umgebung erkunden. Manchmal krabbeln sie ein Stück, schauen zurück, um sicher zu sein, dass dieser Mensch noch da ist, und krabbeln dann weiter. Andere krabbeln lieber zurück, um sicher zu gehen und brechen dann wieder von vorn auf. Immer weiter gehen die Erkundungsausflüge und manchmal stellen Babys auf dem Weg auch fest, dass sie sich doch weiter gegangen sind als sie sich sicher fühlen und fangen auf einmal an zu weinen, um schnell wieder Sicherheit herzustellen durch Umsorgtwerden der Bindungsperson.

Erstmal schauen, wie sicher das ist!

Und dann gibt es jene Situationen, in denen so viel Neues, so viel Unbekanntes herrscht: Das Familienfest mit all den Menschen, die vielleicht gar nicht bekannt sind. Das Baby weiß nicht, dass sie wohlgesonnene, liebevolle Verwandte sind. Es schaut erst einmal: Wie gehen mein(e) Elter(n) mit ihnen um? Sind sie nett zueinander? Es lernt aus unserer Interaktion. Je nach Temperament brauchen manche Kinder länger oder kürzer, um aufgeschlossen mit anderen umzugehen.

Und auch in der tollen Krabbelgruppe ist zunächst alles fremd: Menschen, Raum und Spielzeug. Erst einmal wird beobachtet: Was machen die anderen hier? Was machen die Kinder mit den Dingen? Dann werden die bespielten Dinge der anderen vielleicht ausprobiert. Vorsichtig, bei den meisten Kindern erst einmal nicht zu weit weg krabbelnd vom Elternteil. Und auch auf dem Spielplatz ist vieles anders. Jetzt, im Sommer, gibt es vielleicht noch die ungewohnte Hitze, die das Kind auch verunsichert. Schutz vor Unterkühlung und Überhitzung suchen Kinder auch bei uns, in unserer Nähe. An heißen Tagen schmiegen sie sich deswegen besonders an uns, die Nahrungsquelle, die mit Muttermilch oder Prenahrung versorgt, die Schatten spendet und aufpasst.

Einfach da sein

Es dauert einige Jahre, bis das Kind von uns gelernt hat, wie die Welt funktioniert, wie es sich darin bewegen kann und was gefährlich ist und was nicht. All das lernt es erst mit und durch uns und dann immer mehr durch Eigenversuche. Es ist gut, wenn wir da sind, wenn es zurück kommt. Manchmal braucht man Nähe, um große Gefühle loszulassen. Möchte Erfahrungen teilen oder einfach fest in den Arm genommen werden in Angesicht all dieser Erlebnisse – und wenn wir ehrlich sind, geht es uns Erwachsenen auch oft so.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Das Baby lässt sich nicht ablegen – Wege zum gefühlt sicheren Schlafort

Endlich, endlich ist das Baby eingeschlafen. Nachdem es so lange getragen und gehalten wurde. Behutsam legen wir es ab, vorsichtig in das gemütliche, sichere Bett. Ganz langsam, damit es nicht aufwachen möge, schleichen uns hinaus und achtend darauf, dass keine Diele knarzt, wir nicht stolpern und das Kind aufwecken. Wir atmen kurz durch – und dann weint das Baby und ist doch wieder wach.

Zunächst ein Gedankenexperiment

Stellen wir uns einen Moment vor, wie wir warm und sicher einschlafen neben Partner oder Partnerin. Alles ist vertraut, gemütlich. Wahrscheinlich ist es auch dir schon passiert, dass du in der Nacht aufgewacht bist, du deine Hand ausgestreckt hast und eine Leere im Bett ertastet hast. Huch, wo ist denn…? Hast du wahrscheinlich kurz gedacht, die Geräusche aus dem Bad gehört und bist dann spätestens beim Zurückkommen wieder eingeschlafen. Nun stell dir vor, du erwachst plötzlich an einem anderen Ort als dem Einschlafort – allein. Deine Verunsicherung wird wahrscheinlich größer sein. Und dies, obwohl du ein erwachsener Mensch bist, der sich um sich selbst kümmern kann und befähigt ist, die Grundbedürfnisse selbst zu befriedigen.

Wenn Babys woanders aufwachen

Stellen wir uns nun das Baby vor, das im Körperkontakt auf dem Arm einschläft. Es fühlt sich sicher und geborgen. Hier wird es gewärmt und ist davor geschützt, allein liegend zu frieren. Hier wird es sanft gewiegt, eine Bewegung, die es kennt und die signalisiert: ein Mensch ist bei dir, der sich um deine Bedürfnisse kümmern kann. Es hört den beruhigenden Herzschlag, wenn es an die Brust eines anderen Menschen angelehnt ist. Vielleicht fühlt es sich auch der Nahrungsquelle nahe, wenn es gestillt wird oder weiß, dass es so im Arm liegend gefüttert wird, wenn es Hunger hat. Eine Umgebung also, die rundum geborgen ist und vielfach Bedürfnisse befriedigen kann.

Erwacht es nun an einem anderen Ort, ist es verunsichert. Und mehr noch: Es kann noch nicht wie wir erwachsenen Menschen nachdenken und logische Schlussfolgerungen ziehen. Es denkt nicht: „Mama/Papa sind ja nebenan, sie brauchen wohl jetzt abends ein wenig Zeit für sich und haben mich hier sicher abgelegt.“ Es weiß nur: Es ist allein und als Lebewesen, das sich selbst nicht versorgen kann, das nicht einmal aufstehen und weglaufen kann, ist das Allein- und Wehrlossein gefährlich. Deswegen weint es, macht auf sich aufmerksam und erklärt damit, dass es schutzlos ist und Fürsorge braucht.

Das Baby versucht, die negative Erfahrung zu vermeiden

Das Baby wacht also auf, die Eltern beruhigen es wieder, legen es wieder ab, das Baby wacht wieder auf – ein Kreislauf entsteht. Jedes Mal wieder erklärt das Baby: Aber ich bin doch so sicher eingeschlafen, ich möchte weiterhin sicher sein. Und jedes Mal wieder erklären wir Eltern: Ich begleite dich in den Schlaf und du kannst doch hier sicher schlafen. Wir verstehen uns gegenseitig nicht. Ein Missverständnis, das auf beiden Seiten zu Frustration führt:

Die Eltern, die ihren gewünschten ruhigen Abend nicht finden. Das Kind, das auch vermeiden möchte, dass es wieder die negative Erfahrung macht, gefühlt unsicher aufzuwachen und deswegen zunehmend abends gegen das Einschlafen ankämpft. Für alle Beteiligten eine ungünstige Situation.

Was bedeutet das nun?

Familienleben bedeutet, die Bedürfnisse aller zu berücksichtigen und zu versuchen, sie ausgewogen zu gestalten. Es bedeutet, sich einander anzunähern von beiden Seiten. Die Fähigkeiten des Kindes, uns entgegen zu kommen, sind aber in den ersten Jahren sehr begrenzt. Aber dennoch sind sie da. In Bezug auf das Schlafen kann das nämlich bedeuten: Ich möchte in Deiner Nähe schlafen, aber das muss nicht im Bett sein.

Weichen wir doch einmal von unseren Gedanken ab, dass Menschen unbedingt in einem Bett schlafen müssen: Nehmen wir das schlafende Baby stattdessen einfach mit zu uns und lasses es auf unserem Schoß auf dem Sofa schlafen während wir lesen (und ja, selbst während wir einen Film sehen). Lassen wir es im Körperkontakt neben uns liegen, während wir noch eine Mail am Laptop schreiben auf dem Sofa. Oder verlegen wir unser Abendritual einfach in das Familienbett neben das Kind.

Das Kind darf sich darauf verlassen, dass das Bett der Ort ist, an dem es einfach nur zur Ruhe kommen kann, ein Ort, der immer gleich und sicher ist. Ist es müde, wird es dort behutsam abgelegt, vielleicht mit den immer gleichen Worten wie „Nun ist es Zeit zum Ausruhen, und du darfst in deinem Bett schlafen“. Auch das zum Einschlafen gestillte Kind kann mit diesen immer gleichen Worten abgelegt werden, die es beim Hinlegen noch hört.

S. Mierau „Geborgen wachsen“ S. 81f.

Um das Kind nicht zu verwirren durch den veränderten Schlafort können wir es nach und nach daran gewöhnen, dass das Bett ein sicherer Schlafort ist, in dem es einschlafen kann. Begleiten wir es dort in den Schlaf und beruhigen wir es auch dort zunehmend, wenn es erwacht, damit es erfährt: hier ist keine Gefahr, ich kann mich auch hier wieder entspannen. Nach und nach entwickelt sich dann eine Sicherheit und das Verständnis, dass das Bett auch ein sicherer Schlafort ist. – Und ansonsten probieren wir es mit all jenen Alternativen, die unseren Abend entspannen.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Fünf stärkende Impulse zum Tragen von Babys

Gerade am Anfang ist es oftmals schwierig zwischen all den Tipps, gutgemeinten Ratschlägen und bedeutungsschweren Blicken anderer Mitmenschen für sich und seine Familie den eigenen individuellen Weg zu finden. Ist man doch vielleicht selbst noch nicht ganz vertraut mit der neuen Rolle als Mutter oder Vater. Gerade in Zeiten, in denen „missionierende Eltern“ gerne ungefragt ihre Meinung kundtun, wenn ein Baby nicht ganz optimal in der Tragehilfe oder dem Tuch zu sitzen scheint, ist die Entscheidung „Na, dann lass‘ ich es lieber doch sein“ schneller gefällt, als man es sich doch ursprünglich vorgenommen hatte. Das muss nicht sein. Es gibt eure Familie, euren Weg und die nachfolgenden stärkenden Worte, falls du vielleicht gerade einen zweifelnden Moment hast oder zum Thema Babytragen noch etwas Unsicherheit verspürst.

Finde deine ganz eigene Tragehilfe

„Also ich habe ja die xy Trage. Die ist so toll und sitzt perfekt. Am besten du holst dir die auch!“, empfiehlt die entspannt lächelnde Mutter, deren Baby genüsslich in der Trage schläft. So oder so ähnlich können Empfehlungen in Eltern-Kind-Cafés, Krabbel- oder Stillgruppen klingen. Völlig motiviert bestellst du dir daraufhin die empfohlene Tragehilfe und malst dir aus, wie dein Baby auch so entspannt darin schläft, während du selbst die Hände frei hast. Die anfängliche Euphorie ist jedoch oftmals nach dem Auspacken der ellenlangen Gebrauchsanweisung und dem ersten Anlegen getrübt, wenn nicht sogar gänzlich verflogen.

„Warum sitzt die denn nicht so wie bei der anderen Mama und wofür ist überhaupt diese Schnalle hier?“. Einmal ausprobiert und als unbequem befunden, landet die Tragehilfe schneller ungenutzt in der Ecke als einem lieb ist. Wie schade! Körperstaturen, auch die von Babys, sowie die Bedürfnisse und Empfindungen von Eltern sind so individuell, dass es gar nicht DIE EINE Tragehilfe, die wirklich jedem perfekt passt, geben kann. Jede Tragehilfe verfügt zwar über gewisse „Stellschrauben“ und anpassbare Funktionen, dennoch kann es sein, dass sie trotz optimaler Einstellung an euch ganz anders sitzt, als an der schwärmenden Mutter aus der Krabbelgruppe am Wochenende. Deshalb möchte ich dir ans Herz legen, dich nicht von
Empfehlungen anderer bei der Auswahl deiner Tragehilfe oder Bindeweise leiten oder verunsichern zu lassen. Die Variante mag für die empfehlende Person wirklich die optimale Lösung sein, aber eben auch nur das. Spar dir den Frust und das Geld für die Xte ans Herz gelegte Tragehilfe, sondern begib dich auf die wundervolle Reise eure ganz eigene Tragehilfe oder auch Bindeweise mit dem Tuch zu finden, denn die Möglichkeiten sind so vielfältig.

Hol dir Unterstützung

In den letzten Jahren ist die Auswahl enorm gewachsen und es ist wirklich viel verlangt, dass du dich nach der Geburt auch noch detailliert damit auseinandersetzt, was die Unterschiede der einzelnen Tragehilfen und Bindeweisen sind. Lass dir deshalb diese Arbeit von einer professionellen TrageberaterIn abnehmen. Die meisten TrageberaterInnen bieten Hausbesuche an und kommen bequem zu euch nach Hause. Keine Sorge, falls die Wohnung nicht top aufgeräumt ist. Ihr seid vermutlich noch im Wochenbett und selbst wenn nicht, in einer Wohnung mit Baby muss man nicht vom Boden essen können. Das wissen auch TrageberaterInnen. In einer Trageberatung werden dir dann die unterschiedlichen
Möglichkeiten vorgestellt, vorgeführt und du bekommst die Gelegenheit, unterschiedliche Modelle auszuprobieren oder Bindeweisen zu erlernen. Auf diesem Weg findet ihr dann gemeinsam die Tragehilfe oder Bindeweise, die absolut zu euren Bedürfnissen passt. Auf diesem Weg können Fehlkäufe vermieden werden und du bekommst zusätzlich noch nützliches Hintergrundwissen, Alltagstipps und weiterführende Informationen.
Ausgebildete TrageberaterInnen in deiner Nähe findest du sehr gut über das Internet.

Verzweifle nicht, wenn etwas nicht klappt

Jetzt hast du also eure Tragehilfe gefunden und das Tragen klappte bisher auch ganz gut. Doch dann ist urplötzlich der Wurm drin. Dein Baby überstreckt sich, weint und möchte partout nicht in die Tragehilfe, obwohl sie doch in der Beratung und der Zeit danach perfekt saß und optimal eingestellt war. Bitte verzweifle nicht, denn so ein „Tragestreik“ bedeutet keinesfalls das Aus für eure Tragezeit: Sehr wahrscheinlich beschäftigt sich dein Baby gerade mit etwas anderem. Vielleicht ist dir schon aufgefallen, dass es etwas Neues kann. Wenn nicht, beobachte es mal ganz genau. Häufig stehen Entwicklungsschübe damit in Zusammenhang, dass Babys zeitweise nicht so gern getragen werden. Bleib einfach dran und nimm den Druck raus. Alles was unter Druck geschieht, ist nahezu zum Scheitern verurteilt. Deshalb probiere einfach in regelmäßigen Abständen und entspannten Situationen immer wieder aus, ob sich dein Baby in die Tragehilfe setzen lassen oder ins Tuch gebunden werden möchte. Vielleicht gelingt es dir für die Zeit, in der es nicht gern getragen werden möchte, andere Ressourcen zu finden, die dir den Alltag erleichtern könnten. Oder du probierst dein Baby im Halbschlaf in die Tragehilfe zu setzen. Viele Babys nehmen das gut an und schlafen selig weiter, während du selbst dann wieder die Hände frei hast. Es kann auch helfen, die „Tragephase“ dann zu beenden, sobald dein Baby wieder wach wird und nicht erst zu warte bis es womöglich dies durch weinen signalisiert.

Versuche entspannt zu bleiben

Du und dein Baby übertragt ganz unbewusst eure Gefühle aufeinander, spiegelt diese und du bist (gerade am Anfang) vermutlich total aufgeregt, wenn dein Baby z.B. weint oder schreit. Da es natürlich leichter gesagt als getan ist, ruhig und entspannt zu bleiben, insbesondere wenn es sich um das erste Kind handelt, möchte ich dir auf den Weg geben, die Handgriffe beim Tuchbinden oder das Anlegen der Tragehilfe wirklich zu üben. Wenn du im Handling der Tragehilfe oder des Tuchs sicher bist, spürt dein Baby das. Du strahlst ganz unbewusst Ruhe und Sicherheit aus. Dabei ist es am Anfang auch nicht so wichtig, ob du direkt dein Baby oder ein Sofakissen einbindest. Solange es dir dabei hilft, HerrIn der Handgriffe zu werden, ist das wunderbar und zielführend. Hilfreich kann auch sein, die einzelnen Schritte sprachlich zu begleiten. So festigen sich einerseits die Handgriffe und dein Baby kann zusätzlich deiner Stimme lauschen. Üben, atmen und dann klappt das schon. Ganz sicher!

Lass dich nicht verunsichern

„Bist du dir sicher, dass das Tragen gut für dich und deinen Rücken ist?“; „Nicht, dass dein Baby nie das Krabbeln lernt, wenn du es die ganze Zeit herumschleppst…“. Diese zwei Sätze sind nur ein Ausschnitt, von dem was Eltern, die ihre Babys tragen häufig zu hören bekommen. Da kann man schon mal ins Zweifeln kommen…

Menschenbabys sind Traglinge. Als sogenannte physiologische Frühgeburten kommen sie unreif zur Welt und am Körper getragen herrschen die optimalen Entwicklungsbedingungen, damit ihre Knochen- und Knorpelstrukturen weiter reifen können. Während sie in sicherer Umgebung am Körper ihrer Bezugspersonen getragen werden, können sie die Körperhaltung einnehmen, die ihrem physiologischen Entwicklungsstand entspricht. Dabei hängen sie keinesfalls passiv im Tuch oder der Tragehilfe. Sie gleichen ganz automatisch ein Ungleichgewicht aus, bewegen sich mit und bauen dadurch ihre Tiefenmuskulatur auf. Dem natürlichen Aufrichtungsprozess der Wirbelsäule wird Raum gegeben, da Babys im Tuch oder der Tragehilfe mit einer gerundeten Wirbelsäule getragen werden. Auch die Hüfte erfährt in ihrer natürlichen Anhock-Spreiz-Haltung beim Tragen Bewegungsreize, die sie ebenfalls beim Reifen unterstützen.

Auch dein eigener Rücken wird es dir danken, wenn du in einer Tragehilfe oder im Tuch trägst. Denn du wirst dein Baby voraussichtlich sowieso tragen. Ohne Tragehilfe oder Tuch wird es sehr wahrscheinlich deinen Arm oder deine Hüfte „bewohnen“ und die Haltung, die du dabei einnimmst, ist wirklich nicht gut für deinen Rücken. Das Tragen auf dem Arm ist für kurze Momente natürlich kein Problem, aber längere Wege stellen eine viel größere Belastung für deinen Rücken und deine Körperhaltung dar, als wenn du das Gewicht deines Babys gut verteilt auf dem gesamten Körper mit einer Unterstützung in Form einer Tragehilfe oder einem Tuch trägst.

Vielleicht konnten dir meine Worte Mut machen oder dich auf deinem Weg bestärken. Ich wünsche dir und deinem Baby wundervolle Tragemomente und die richtige Unterstützung an der Seite, wenn es mal etwas turbulenter zugeht.

Kira Heck ist staatlich anerkannte Kindheitspädagogin B.A., geprüfte Trageberaterin und zertifizierte Stillbegleiterin. Sie arbeitet als Trage- und Stillberaterin sowie als Elternbegleiterin in Berlin und Brandenburg und ist selbst Mutter. Auf Geborgen Wachsen schreibt sie über das Tragen von Babys und Kleinkindern, gibt hilfreiche Tipps und stellt neben Tragehilfen und Bindeweisen auch Basics zum Thema vor. Auf Instagram ist sie unter Herzhöhe zu finden. Mehr Informationen gibt es auch auf Kiras Webseite 

Hilfe, mein Baby fremdelt!

In den ersten Monaten ist es oft noch so einfach: Das Baby strahlt die anderen Menschen an, lässt sich je nach Tagesform und Temperament gerne in andere Arme legen und ist scheinbar einspannt im Kontakt mit den anderen. Und dann, irgendwann nach dem ersten halben Jahr, ändert es sich auf einmal: Auf einmal werden andere nicht mehr so leicht angestrahlt und auf den Arm zu Oma oder Opa geht es nun auch nicht mehr so entspannt.

Warum Babys fremdeln

Was zunächst als Rückschritt und unerfreulicher Umstand betrachtet wird, ist eigentlich das Anzeichen eines großen Entwicklungsschritts des Kindes: Irgendwann nach dem sechsten Monat zeigen Kinder weltweit das so genannte „Fremdeln“ – und zwar unabhängig davon, ob sie in einer Gemeinschaft aufwachsen, in der sie viel von anderen Personen außerhalb der Eltern umsorgt werden oder nur von diesen.

Rund um den sechsten Monat hat sich eine Präferenz herausgebildet für das Einfordern der „Hauptbindungsperson“, also der Person, durch die die Bedürfnisse in der meisten Zeit besonders prompt und verlässlich erfüllt werden. Die Hauptbindungsperson muss nicht einem bestimmten Geschlecht angehören, es geht allein darum, welche Erfahrungen das Baby bislang gemacht hat in Bezug auf die Bedürfniserfüllung. Wie stark das Fremdeln ist, ist von Kind zu Kind unterschiedlich: Eine Frage des Temperaments und nicht des Umstandes, ob das Kind von den Eltern zu sehr „verwöhnt“ wird oder nicht – auch wenn Eltern von stark fremdelnden Kinder leider oft hören müssen, dass das wohl an ihnen liegen würde. Es stimmt nicht.

Das Fremdeln kommt zustande, weil sich die Bindung nun ausgebildet hat. Zwar entwickelt sich die Bindung weiterhin (insbesondere innerhalb der ersten drei Jahre), aber das Baby weiß nun, wer es verlässlich umsorgt und unterscheidet zwischen fremden und vertrauten Personen. Fremd kann dabei auch sein, wer zwar bekannt, aber eben wenig da ist, um es zu umsorgen. So kommt es, dass auch Oma, Opa, Tante und Onkel, die vielleicht längere Zeit nicht gesehen wurden, zunächst abgelehnt werden.

Umgang mit dem Fremdeln

Dass Kinder fremdeln, ist also völlig normal. Als Eltern brauchen wir deswegen kein schlechtes Gewissen haben: Es ist kein Anzeichen dafür, dass irgendetwas „falsch“ gemacht wurde. Vielmehr ist es sogar wichtig, das Fremdeln des Kindes anzunehmen und auch die Personen, denen gegenüber es auftritt, aufzuklären: Das Baby lehnt sie nicht aus persönlichen Gründen ab, sondern ist aktuell in einer weiteren Entwicklungsphase, in der es gerade lernt, vertraut und unvertraut zu unterscheiden – eine wichtige und vor allem schützende Lernerfahrung.


Dos and Don’ts in der Fremdelphase
Sich nicht beirren lassen: Fremdeln ist normal
Andere Personen aufklären: Fremdeln nicht persönlich nehmen
Das Kind nicht zu Körperkontakt mit anderen zwingen, Grenzen & Temperament respektieren
Langsame Kontaktaufnahme durch andere anbahnen
Kontakt mit anderen nicht vermeiden, aber sanfte Übergänge gestalten

Das Temperament des Babys will berücksichtigt werden: Kinder, die sich jetzt gerade nur auf vertrauten Armen wohl fühlen, müssen nicht dazu überredet werden, auf anderen Armen fröhlich zu sein. Vielmehr ist es gut, dem Kind die Zeit zu lassen, die es braucht, um Kontakt aufzunehmen und sicher zu werden. Das Baby sollte also dann, wenn es Unwohlsein bekundet, nicht einfach trotzdem weiter gereicht werden im Sinne von „Da muss es jetzt durch und wird schon sehen, dass es gut ist“, sondern es darf erst einmal in Ruhe von einem „sicheren“ Arm aus Kontakt aufnehmen und dann von jemand anderem übernommen werden, wenn es bereit dazu ist. So kann auch die andere Person sich langsam den Bedürfnissen des Babys nähern, erst über Augenkontakt und Sprache Kontakt aufnehmen und dann über Berührung.

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Frag dich „Was“ statt „Wieviel“

Wieviel Nähe ist richtig, wieviel ist zu viel? Wieviel Schlaf ist richtig, wie wenig zu wenig? Wieviel Beikost ist richtig, wann ist es zu viel und wann zu wenig? In der Elternschaft beschäftigen wir uns fortwährend mit der Frage nach dem Maß: zu viel oder zu wenig – in allen Bereichen. Doch ist die Frage nach dem Maß eigentlich gar nicht die entscheidende Frage und versperrt uns auch den richtigen Blick auf das Kind.

Eltern auf der Suche nach Orientierung

In Zeiten der Orientierungslosigkeit ist es so hilfreich, harte Fakten zu haben, an denen wir uns festhalten können. Und „orientierungslos“ das sind wir manchmal, wenn die Elternschaft beginnt und dieser kleine, neue Mensch auf einmal in unseren Armen liegt. Oder wenn eine neue Aufgabe hinzu kommt, die uns bislang unbekannt war. Oder wenn wir auf der Suche sind nach anderen Wegen als denen, die wir selbst erlebt haben. All diese Situationen können uns hilflos machen und verstärken den Wunsch, sich an etwas festzuhalten, Regeln zu haben.

Regeln sind manchmal zu starr

Viele der festen Regeln versperren uns jedoch den Blick auf das Kind und die wirklichen Bedürfnisse: Wenn das Baby Hunger hat, möchte es nach Bedarf Nahrung erhalten – dies sowohl über die Brust, wenn es gestillt wird, als auch durch die Flasche, wenn es Premilch erhält. Anstatt uns an Uhrzeiten, Stillabständen oder Mengenangaben festzuhalten, ist es gut, die Sättigungszeichen im Blick zu haben: Die Frage ist: Hat mein Kind Hunger und wann nicht mehr anstatt zu fragen: Wieviel Hunger könnte es in Milliliter haben?

Wenn das Kind Nähe braucht, sollten wir uns als Eltern fragen: Wie kann ich meinem Kind Nähe gut vermitteln anstatt nach Regeln zu suchen wieviel Nähe Kinder wirklich brauchen – denn das Bedürfnis danach ist individuell: manche Babys und Kinder benötigen viel Nähe und längere Zeit noch mehr Sicherheit, um dann in die Abenteuer der Welt aufzubrechen und andere weniger.

Wenn das Kind müde ist, können wir uns fragen: Was braucht das Kind jetzt? Eine Ruhepause? Eine ausgedehnte Schlafzeit? Aber wieviel Schlaf ein Kind braucht, ist ebenfalls wieder äußerst individuell und schon früh gibt es Babys, die weniger Schlaf brauchen und solche, die mehr Schlaf brauchen. Wir machen es uns schwer, wenn wir versuchen, das Kind in einen Rahmen zu pressen, in den es vielleicht nicht passt: Weil es vielleicht abends früher oder später müde wird als andere Kinder, die wir kennen und morgens früher oder später wieder aufwacht. Oder weil es mehr oder weniger Schlafbedürfnis hat als andere Kinder in der Kita oder im Freundeskreis.

Jedes Kind sollte individuell betrachtet werden

Es ist gut, einige Orientierungen zu haben über die groben Bedürfnisse von Kindern. Darüber hinaus sollten uns Regeln und Rahmenbedingungen aber nicht den Blick versperren auf dieses einzelne Kind: Jedes Kind ist individuell, bringt ein eigenes Temperament mit ins Leben, eigene Bedürfnisse. Manche Kinder sind lauter, andere leiser. Manche brauchen sehr viel Körperkontakt, andere weniger. Manche sind zögerlicher, andere mutiger. Die großen Fragen der Elternschaft können wir immer mit der Frage beantworten: Was braucht mein Kind gerade? Nähe, Nahrung, Schlaf, Zuwendung, Spiel, Ruhe, Anregung,… Und dann können wir hinsehen und überlegen, wann es davon gesättigt ist, welche Signale es zeigt, anstatt pauschal eine Menge an Liebe, Zuneigung, Schlaf oder Spielzeiten festzulegen.

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  


Windelfrei in Indien

Auf das Windelfrei-Konzept stieß ich während meiner Schwangerschaft zum ersten Mal. Ich hatte davon noch niemals gehört und war sehr überrascht und begeistert. Da ich mir aber nicht sicher war, ob das auch immer und überall klappen würde, wollte ich mich zunächst mit Stoffwindeln eindecken. Für 500 Jahre einen Plastikmüllberg von über einer Tonne zu hinterlassen kam für mich nicht in Frage. Klar war aber auch, dass es im tropischen Klima leichter sein würde, das Baby ohne Windeln zu lassen.

Wir begannen vom ersten Tag an mit dem Abhalten, hatten aber immer auch Windeln als Backup. Einige in meinem Umfeld in Deutschland schüttelten den Kopf. Andere waren begeistert, so wie auch wir. Es ist so unfassbar schön, wenn man auch diese Bedürfnisse des Babys erkennt und darauf reagieren kann! Mein Mann und ich hatten beide das Gefühl, dass dies die Bindung und Beziehung zu unserer Tochter positiv verstärkte.

Der Mythos: In Indien machen alle windelfrei

In der Windelfrei-Literatur wird Indien gerne als Beispiel dafür herangezogen, dass an vielen Orten der Welt windelfrei der Normalfall ist und nicht die Ausnahme. Wie also sieht die Realität aus? Wie immer wenn ich aus unserem Leben in Indien erzähle gilt, dass ich natürlich nur einen winzigen Ausschnitt erlebe. Einige Frauen in meinem Umfeld habe ich auf das Thema angesprochen:

Eine sagte mir, sie ziehe den Kindern nur dann Windeln an, wenn sie das Haus verlasse. Und sie verwende Stoffwindeln. Welcher Art konnte sie mir nicht recht erklären, denn sie sprach nur wenig Englisch und ich kein Telugu (die bei uns übliche Sprache). Eine andere hielt ihr erstes Kind ab, benutzte beim zweiten aber teilweise Windeln, weil es mit zwei Kindern nicht mehr möglich schien, komplett abzuhalten. Ein Vater, mit dem ich sprach, benutzte keine Windeln, beklagte sich aber, dass sein Kind überall hin pinkeln würde. Viele Mütter der oberen Mittelschicht habe ich ausschließlich Plastikwindeln verwenden sehen. Arme Kinder sieht man oft vom Nabel abwärts unbekleidet auf der Straße. 

Es gibt also alles! Die Darstellung Indiens in der Literatur erscheint mir im Nachhinein ein wenig romantisiert.

Töpfchentraining“ ohne Töpfchen und Wickeln im Kindergarten

Viele beginnen hier mit dem sogenannten „toilet training“ schon mit sechs Monaten, wie mir eine Mutter erzählte. Töpfchen und Kloverkleinerungen sind dabei nicht so verbreitet. Es braucht eben oft gar nicht so viele Dinge…
Und es gibt auch Kindergärten, die Windelfrei praktizieren. Vom ersten Tag an kommen die Zweijährigen dort ohne Windel. Andere Einrichtungen wiederum handhaben das flexibler. Was aber anders ist, ist dass hier zum Teil nicht die Erzieherinnen wickeln, sondern Frauen, die auch für die Sauberkeit der Räume zuständig sind. Das hängt mit dem indischen Verständnis von Hierarchie zusammen. Wer saubermacht ist weiter unten in der Hierarchie. Wickeln für die Erzieherinnen wäre daher nicht angemessen. Das ist für uns seltsam, aber zu respektieren. Die Frauen die wickeln, sind die ganze Zeit anwesend, denn sie kümmern sich während des gesamten Kita-Tages, fegen zum Beispiel nach dem Frühstück oder dem Spiel im Sandkasten. Die Kinder nennen sie „Auntie“, also Tante. 

Windeln in Indien kaufen

Pampers und Co gibt es hier inzwischen überall. Das sah vor 10-15 Jahren noch anders aus. Plastikwindeln waren lange sehr teuer hier und sind es für große Bevölkerungsteile weiterhin. Es gibt auch Feuchttücher, aber da hier sowieso überall kleine Krüge mit Wasser vorhanden sind werden auch Kinderpopos meist direkt mit Wasser gereinigt. Servietten, Toilettenpapier, Taschentücher und ähnliche Papierprodukte sind hier insgesamt sehr viel weniger verbreitet. Damit entsteht auch weniger Müll. 

Heute kann man über amazon auch hier hübsche und praktische Stoffwindeln beziehen. Als wir vor fast vier Jahren hier ankamen sah das noch anders aus. Ich brachte die Stoffwindeln aus Deutschland mit als ich zur Geburt dort war. Ich finde amazon furchtbar, hier ist es allerdings oft die einzige Möglichkeit, an viele Dinge überhaupt irgendwie zu kommen. 

Inzwischen findet man online sogar Papierwindeln! Die habe ich für den Notfall und für Reisen zu Hause. Bei den langen Flugreisen und endlosen Reisetagen nach Deutschland erwiesen sich Stoffwindeln nicht als praktikabel. Wenn ich längere Zeit blieb, schleppte ich meine Stoffwindeln aber immer mit. Und abgehalten habe ich überall auf unseren Reisen.

Lange Reisen können sich aufs Abhalten auswirken

Von anderen Familien, die auch in sehr unterschiedlichen Kulturen leben, wurde mir mehrfach das Folgende berichtet: Kinder, die abgehalten wurden, „vergaßen“ nach einer langen Reise in die andere Welt plötzlich, Signale zu geben. Von einem Tag auf den anderen war die Elimination Communication einfach weg, als hätte man es nie probiert. Manchmal wurde das Abhalten wieder möglich, manchmal nicht.

Für mich ist das nachvollziehbar. Ich vergesse nämlich auch oft Geheimzahlen, Passwörter und ähnliches, wenn ich gerade wieder von der einen Kultur in die andere gereist bin. Es kann ganz schön herausfordernd sein, zwischen den Welten zu wechseln. Und gerade die ganz kleinen Menschen meistern das oft erstaunlich gut.

Anka Falk hat einen Magister in Rhetorik und Pädagogik und ist Körperpsychotherapeutin, Coach und Dozentin. Von 2007-2017 arbeitete sie in Lehre und Forschung an einem experimentellen Design Institut in der Schweiz. Sie ist im Alter von 37 Jahren mit ihrem Mann nach Indien gegangen. Ihr Kind hat sie in Deutschland geboren, ist dann aber zurück gegangen nach Indien und berichtet von ihrem Alltag dort. Zudem bloggt sie auf ljuno.de und gibt einen Einblick in ihr Alltagsleben in Indien hier auf Instagram 

Bindung findet im Alltag statt

Es wäre so schön, wenn es das eine Patentrezept geben würde: Tue dies und dein Kind entwickelt eine sichere Bindung zu dir, die es ein ganzes Leben lang schützt und trägt. Gerne werden wahlweise das Stillen, Tragen oder Cosleeping als solche Wundermittel betrachtet. Tatsächlich stecken aber in der Annahme zwei Fehler: Es gibt nicht das eine Wundermittel und Bindungsmuster können sich über das Leben hinweg verändern.

Es ist nicht alles in Stein gemeißelt

Das Bindungsmuster ist nicht in Stein gemeißelt. Diese Erkenntnis bringt für Eltern oft zwei gegenteilige Empfindungen mit: Einerseits entlastet es gerade jene, die vielleicht einen schwierigen Start in das Familienleben hatten, denen es schwer gefallen ist, eine Beziehung aufzubauen und sich nah zu kommen – nach einer Geburt, die ganz anders lief als geplant und nach der Eltern und Kind vielleicht erst einmal getrennt sein mussten oder auch, wenn der Start schwierig war, weil das Baby besonders viel weinte. Für diese Eltern bringt die Erkenntnis, dass sich Bindungsmuster im Laufe des Lebens wandeln können, einen wahren Schatz mit: Es ist nie zu spät! Wir können zu einem späteren Zeitpunkt beginnen, eine tiefe und bedürfnisorientierte Beziehung aufzubauen und das Kind so in der Entwicklung unterstützen.

Es entlastet auch die Eltern, die im Laufe des Familienlebens feststellen, dass es Situationen gibt, in denen es ihnen besonders scher fällt, feinfühlig oder bedürfnisorientiert zu handeln, wenn Stimmen aus der eigenen Kindheit hoch kommen und Eltern ganz anders handeln, als sie es eigentlich wollen. Denn wir können unser Verhalten unserem Kind gegenüber ändern, wenn wir an unseren eigenen inneren Arbeitsmodellen arbeiten (manchmal brauchen wir dafür therapeutische Unterstützung) und können auch unser Kind unterstützen, die inneren Arbeitsmodelle von Bindung zu ändern. Es ist deswegen nie zu spät, eine Beratung und Therapie wahrzunehmen, um den Umgang zu verändern und für Kinder ist es nie zu spät, von einer Änderung des elterlichen Verhaltens zu profitieren. Auch wenn Eltern erst im Verlauf der Kindheit ihren Erziehungsstil ändern hin zu einem respektvollen, bedürfnisorientierten Umgang, kann das für das Kind eine große Unterstützung für das aktuelle und zukünftige Erleben sein.

Auf der anderen Seite bedeutet die Erkenntnis, dass Bindung nicht in Stein gemeißelt ist aber auch: Es reicht nicht, nur am Anfang liebe- und verständnisvoll zu sein, sondern Bindung ist ein Prozess, der sich über das Leben erstreckt und wir haben unsere ganze Elternschaft damit zu tun.

„Bindung kann wachsen und braucht manchmal auch einfach Zeit. Und: Es ist nie zu spät, um Geborgenheit zu geben – wie auch immer der Anfang war.“

S. Mierau „Geborgen wachsen. Wie Kinder glücklich groß werden“

Bindung geschieht im Alltag

Bindung findet also im Alltag statt. In den vielen kleinen Momenten und über die Situationen hinweg verteilt. Sie zeigt sich in dem Mahlzeiten, im Wickeln, im Zubettbringen, im Gespräch und im Spiel. Viel mehr als durch eine bestimmte Handlung oder durch bestimmte Dinge, die wir verwenden oder nicht verwenden, macht sie sich in diesem Alltag bemerkbar in unserer inneren Haltung, unserer Zuwendung und Feinfühligkeit: Nehmen wir Bedürfnisse wahr? Interpretieren wir sie richtig? Reagieren wir (je nach Alter des Kindes) prompt und passend? Ist es dem Kind auch möglich, in den vielen Alltagssituationen auch Gefühle wie Trauer und Wut ausdrücken zu dürfen und wird es dabei begleitet? Vermitteln wir dadurch und in den anderen Handlungen Sicherheit und Zuverlässigkeit für das Kind? Weiß es, dass wir da sind und jedes Gefühl als okay annehmen und begleiten? Sind wir auch nach als schwierig erlebten Situationen wieder zugewandt, verzeihen dem Kind und uns und entschuldigen uns beim Kind, wenn etwas mal nicht gut läuft?

Bringen wir diese Haltung in den vielen Situationen im Alltag mit, haben wir eine gute Chance, eine stabile Basis aufzubauen. Sie kann sich noch immer ändern durch andere Einflüsse, aber wir geben unserem Kind die Chance, auf Basis der positiven Erfahrungen mit uns sicher und aufgeschlossen in weitere Beziehungen und Lernerfahrungen einzutauchen und damit umzugehen. Durch ein sicheres emotionales Zuhause hat es die Chance, abenteuerlustig zu Welt zu erkunden und bei Bedarf zurück zukommen, um Hilfe zu bitten und das sichere Gefühl zu haben, in den Bedürfnissen angenommen zu werden. Wie genau es diesen Alltag gestaltet und auslebt, ist auch eine Frage des Temperaments. Zunächst hat es prinzipiell die Möglichkeit, nach dem eigenen Tempo und Bedürfnis vorzugehen.

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

„Aber das Baby will immer zu Dir an die Brust“ – der nicht stillende Elternteil und die Babyberuhigung

Das Stillen ist eine Möglichkeit, um ein Baby in vielen Situationen zu beruhigen und die Brust ist besonders auch im ersten Jahr der Ort, an dem das Baby oft einschläft. „Einschlafstillen wirkt so sicher wie eine Narkose“ schreibt Hebamme Anja, denn in der Muttermilch sind schlaffördernde Inhaltsstoffe enthalten. Im Darm des Babys wird das Hormon Cholecystokinin ausgeschüttet, das dem Gehirn Sättigung signalisiert und Müdigkeit auslöst (dieses Hormon steht auch im Zusammenhang mit dem Clusterfeeding). Und durch den Körperkontakt kommt es zur Ausschüttung von Oxytocin, das zusätzlich beruhigt. Zudem befindet es sich in der Nähe des bekannten und beruhigenden Herzschlags, ist gewärmt durch die Körperwärme eines anderen Menschen und weiß sich in diesem Kontakt sicher und geborgen. Ein rundum schöner Ort, um einzuschlafen oder beruhigt zu werden. Aber dennoch ist es nicht der einzige Ort, der Beruhigung bietet und Schlaf ermöglicht.

Zum Beruhigen müssen Signale erkannt werden

Eltern können ihre Kinder beruhigen – unabhängig davon, ob sie stillende Eltern sind oder nicht. Für die Beruhigung des Babys ist es wichtig, dass die Signale des Babys wahrgenommen und beantwortet werden: Ist es überreizt, braucht es Ruhe und Reizminderung. Ist es hungrig, braucht es Nahrung. Fühlt es sich in einer nassen Windel unwohl, muss es gewickelt werden… Die Signale des Babys lernen wir zu verstehen, wenn wir mit ihnen Zeit verbringen. Dann lernen wir auch unsere jeweils eigenen Beruhigungsstrategien.

Bevorzugung des Bekannten

Natürlich haben Babys eine Vorliebe für die Beruhigungsstrategien, die sie seit jeher kennen. Wenn sie immer an der stillenden Brust einschlafen, werden sie gegen eine Änderung dieser bequemen und bekannten Beruhigungsstrategie rebellieren. Praktisch ist es deswegen, wenn sie schon früher andere Wege in den Schlaf kennengelernt haben oder auch von anderen Menschen in den Schlaf begleitet wurden auf eine andere Weise.

Individuelle Unterschiede sind in Beruhigungsritualen sind möglich

Wie ein anderes Schlafritual oder Beruhigungsritual aussehen kann, kann ganz verschieden sein. Es ist wichtig, dass jede/r Elternteil ein eigenes Ritual entwickeln kann, ohne dass dieses vom anderen Elternteil bewertet oder vorschnell eingegriffen wird. Das Baby ist in guten Händen: Es wird begleitet in dem Bedürfnis, das es gerade hat, es ist nicht allein und wird umsorgt. Es erfährt: Hier ist jemand, der/die bei mir ist und mir helfen möchte, auch wenn es Zeit braucht.

Für das Baby gilt, was für alle Menschen gleichermaßen in Situationen bedeutsam ist, in denen sie sich fremd und allein fühlen: Ein vertrauter Mensch an der Seite, der beruhigt und liebevoll unterstützt, ist eine große Hilfe.

S. Mierau „Geborgen wachsen“ S. 48

Sichere Bindung geht auch ohne Stillen

Eine sichere Bindung entsteht nicht durch das Stillen, auch wenn es einen Einfluss darauf haben kann. Sichere Bindung entsteht durch Feinfühligkeit und (promptes) Reagieren auf die Signale des Babys. Und das ist unabhängig vom Stillen.

Dass Babys zur Beruhigung auf die gewohnte stillende Brust und Milch zurückgreifen wollen, ist normal, wenn dieses die Hauptberuhigungsstrategie im Alltag ist und sie hat zudem die oben aufgeführten Vorteile. Deswegen ist es gut, wenn beide Elternteile gleichermaßen das Baby beruhigen – von Anfang an. Wenn das Baby zunächst an der stillenden Brust besonders viel beruhigt wurde und nun „umlernen“ soll/kann, braucht es wahrscheinlich eine Zeit des Kennenlernens und beide Beteiligten brauchen die Zeit, um sich einzuspielen und eine gute andere Methode kennen zu lernen: vielleicht ist es das Tragen in Tuch oder Tragehilfe oder das Schaukeln auf einem Sitzball oder das Laufen im Fliegergriff oder das gemeinsame Ausruhen im Bett. Aber diese Zeit und die Möglichkeit, den anderen Elternteil als beruhigenden und umsorgenden Menschen kennenzulernen (jenseits von Nahrung und Sättigungsgefühl), ist eine besonders schöne Möglichkeit, um intensiv in Kontakt zu kommen, sich kennen zu lernen und eine tiefe Verbindung aufzubauen.

Daher beim nächsten Gedanken an „Ich kann das nicht, weil das Baby will sowieso nur an die Brust“ lieber einen Schritt nach vorn gehen und denken „Wir beide probieren jetzt mal unser Ding aus und bekommen das Baby geschaukelt.“ Langfristig ist dies ein Geschenk für alle Mitglieder der Familie und trägt auch zur Entlastung beider Eltern bei.

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik), DAIS-Stillbegleiterin, Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Stillen – mit Aufklärung und Unterstützung statt Mythen und Druck

Das Thema Stillen wird für viele Eltern zum Reizpunkt. Was das Natürlichste der Welt sein sollte, wird von überall her kommentiert und kritisiert. Nicht stillende Mütter fühlen sich unter Druck gesetzt und abgewertet, zu kurz oder zu lang stillende genauso. Von überall her kommen ungebetene Ratschläge, doch richtige Unterstützung fehlt an allen Ecken und Enden.

Wir haben falsche Vorstellungen vom Stillen

Als ich mit dem ersten Kind schwanger war, stellte ich mir das Stillen wunderschön vor. Auf einer rosaroten Wolke sitzend würde ich mein Baby anlegen und es würde glucksend zu mir hochschauen. Kurz nach der Geburt versuchte ich meine Tochter anzulegen. Sie wollte nicht so recht, schien aber auch nicht hungrig zu sein. In der Nacht probierte ich es wieder, sie wollte wieder nicht und spuckte dann plötzlich Blut. Die Krankenschwestern beruhigten mich (manchmal schlucken Babys unter der Geburt etwas Blut, das ist nicht weiter schlimm!) und fragten, ob sie bereits gestillt worden war. Wenig später hörte ich eine zur anderen sagen, sie solle nachher mal bei mir vorbeischauen, da klappe „das mit dem Stillen“ schon wieder nicht.

Aus Angst, sie könne recht haben, versuchte es wieder und endlich trank mein Baby. Wahrscheinlich war ihr vorher nur schlecht gewesen vom Blut. Die Krankenschwester schaute später noch kurz zu uns hinein, nickte mein Stillen ab, verwies auf ein Plakat mit Stillpositionen und verschwand.

Ein paar Tage lang lief es relativ gut. Dann wollte meine Tochter plötzlich nur noch stillen. Meine Brustwarzen taten weh, wurden wund, fingen sogar an zu bluten. Es tat weh, ich wollte nicht mehr und schrie sie irgendwann verzweifelt an, dass sie doch nicht schon wieder Hunger haben könnte! Mein Mann nahm sie dann auf den Arm und ging im Wohnzimmer mit ihr auf und ab, bis sie eingeschlafen war. Am nächsten Tag redete ich mit meiner Hebamme. Und endlich zeigte mir jemand, wie ich mein Baby richtig anlegen musste. Sie gab mir Heilwolle für die Wunden. Seitdem lief unsere Stillbeziehung problemlos. Endlich waren wir auf unserer Wolke angelangt.

Stillen will gelernt sein

Ich dachte, Stillen sei natürlich. Ich dachte, Mütter wüssten intuitiv, wie es geht. Das stimmt nicht. Stillen muss man lernen. Es gibt wundervolle Frauen, Hebammen und Stillberaterinnen, die einen dabei unterstützen können. Ich wünschte, jedes Krankenhaus hätte gute Stillberaterinnen. Auch meiner Mutter wurde damals im Krankenhaus noch eingeschärft, sie solle mich auf keinen Fall in Abständen unter zwei Stunden stillen; neue Milch auf alte mache Bauchschmerzen. Das klappte problemlos bei ihren ersten zwei Kindern – aber mein jüngster Bruder wollte immer wieder phasenweise häufiger stillen. Und da warf sie die guten Ratschläge über Bord und vertraute ihrem Gefühl.

Stillmythen verunsichern Eltern

Es existieren immer noch viele solcher Mythen ums Stillen. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Frauen zugefüttert oder abgestillt haben, weil ihnen irgendjemand eingeredet hat, sie hätten nicht genug Milch und nur deswegen wolle ihr Baby im Viertelstundentakt an die Brust.

Bei allen drei Kindern gab es auch später noch sogennante „Clusterfeeding“ Phasen. Tage, an denen sie ständig stillen wollten. Meistens macht das Baby irgendeine Entwicklung durch und braucht mehr Energie oder die Beruhigung durch das Saugen. Durch das vermehrte Stillen wird mehr Milch gebildet – die Nachfrage regelt das Angebot. Zu wenig Milch hat so gut wie keine nach Bedarf stillende Mutter. Dass ein Baby auch mit einem halben Jahr noch nicht durchschläft, liegt nicht daran, dass es noch im Familienbett schlafen darf und „zu lange“ gestillt wird. Kein noch so gehaltvoller Getreidebrei kann diese Entwicklung beschleunigen.

Sicher gibt es ein paar wenige Babys, die mit Beginn der Beikost durchschlafen – und das dürfen die Eltern auch genießen, ohne sich Sorgen zu machen, solange die Babys weiterhin gut zunehmen – aber das ist eher die Ausnahme als die Regel.

Dass Babys die Milch nachts nicht mehr brauchen oder sie „nur noch Wasser“ sei, ist absoluter Unsinn. Muttermilch ist ein wahrer Zaubercocktail aus weißen Blutkörperchen, die das Immunsystem stärken, Proteinen, die er braucht, um zu wachsen, Vitaminen, Mineralstoffen und Antikörpern, Wachstumsfaktoren, die sogar in noch höherer Konzentration nachts in der Milch enthalten sind – gerade auch deswegen ist das Stillen nachts noch so wichtig -, und vielen weiteren Inhaltsstoffen. Muttermilch ist die wertvollste Ernährung, die wir unseren Kindern schenken können. Es muss aufhören, dass Erstlingseltern in Still- und den dazugehörigen Schlaffragen kritisiert und verunsichert werden. Selbst wir Erwachsenen selbst schlafen nicht durch – wir alle wachen nachts auf, sind aber nur so kurz wach, dass wir uns gar nicht mehr daran erinnern. Wir sind nur in der Lage, wieder einzuschlafen, weil unser parasympathisches Nervensystem ausgereift ist. Auch bei Babys kommt diese Entwicklung irgendwann. Abgesehen davon war es für Babys auch evolutionär gesehen wichtig, nachts immer mal wieder aufzuwachen und zu schauen, ob der Stamm noch da war. Diese Mechanismen, so lange diese Zeit auch her ist, sind immer noch in unseren Babys. Wir können sie nicht abtrainieren und ich glaube, dass wir deutlich besser damit leben könnten, mindestens im ersten, sehr wahrscheinlich aber auch noch im zweiten Lebensjahr keine Nacht durchzuschlafen, wenn wir das gar nicht erst erwarten würden. In keinem außer den reichen westlichen Ländern wird es von Babys so früh erwartet, durchzuschlafen. Dabei ist das keine Leistung.

Eltern brauchen Aufklärung und Unterstützung

Es wird so viel auf Eltern eingeredet. Dabei brauchen Eltern vor allem Bestärkung. Nein, du verwöhnst dein Baby nicht, wenn du auf seine Signale achtest, statt nach einem festen Rhythmus zu stillen. Nein, an Muttermilch kannst du dein Baby nicht überfüttern. Ja, es ist normal, wenn du an manchen Tagen kaum vom Sofa hoch kommst (stell dir ein Glas Studentenfutter und eine Flasche Wasser bereit!). Ja, es ist normal, am Anfang vielleicht Schwierigkeiten zu haben, nur Schmerzen solltest du nicht über längere Zeit haben (Stillberaterinnen helfen dir gern).

Du musst dir nicht erzählen lassen, wann, wie lange, wie oft und ob du überhaupt zu stillen (oder zu füttern, denn Pre-Nahrung kann man auch nach Bedarf geben) hast. Niemand steckt in deiner Haut. Wenn dich etwas stört, darfst du versuchen es ändern. Wenn nicht, hat niemand das Recht, deine Entscheidungen anzuzweifeln. Manchmal möchte man einfach nur schreien:

„Lasst die Mütter endlich in Ruhe! Niemand muss stillen. Aber wer stillen möchte, braucht dabei die richtige Unterstützung.“

Ich halte es durchaus für möglich, das Stillen zu fördern, ohne gleich diejenigen abzuwerten, die nicht stillen können oder wollen. Ganz zuoberst sollten wir nämlich Eltern darin bestärken, kompetent und aufgeklärt eigene Entscheidungen zu treffen.

Deswegen möchte ich dich ermutigen: Vertrau auf dein Gefühl! Lass dir nicht einreden, dein Baby würde dich nur manipulieren – dazu sind so kleine Babys kognitiv noch lange nicht in der Lage. Vertrau darauf, dass dein Baby dir zeigt, was es braucht. Wenn du das Gefühl hast, Hilfe zu brauchen, darfst du dich an ausgebildete Stillberaterinnen wenden. Sie werden dir zu der Stillbeziehung verhelfen, die du dir mit deinem Baby wünschst.

Anna ist Mutter von drei Kindern. Sie hat Neurowissenschaften und kognitive Psychologie studiert und ist Trageberaterin. Mehr von ihr könnt Ihr auf Instagram lesen unter @langsam.achtsam.echt . Hier auf geborgen-wachsen.de hat sie über „Slow pregnancy“ geschrieben und berichtet nun über die achtsame Babyzeit.  

Stillen im Alltag unterstützen – so geht es

Muttermilch ist die natürliche und beste Nahrung für Babys und Muttermilch beinhaltet alles, was das Kind zur Versorgung benötigt in der immer wieder passenden Zusammensetzung, richtig temperiert und schnell verfügbar. Dennoch ist das Stillen bzw. die Ernährung mit Muttermilch nicht immer einfach, weil Wissen, Beratung und vor allem auch Unterstützung fehlen. Die WHO hält genau dies fest:

Breastfeeding is the normal way of providing young infants with the nutrients they need for healthy growth and development. Virtually all mothers can breastfeed, provided they have accurate information, and the support of their family, the health care system and society at large.

Unterstützung meint dabei aber nicht nur das Fachpersonal und fachliche Beratung, sondern uns alle: die Partner*in der Stillenden, die Familie, das Gesundheitssystem, die gesamte Gesellschaft. Wir alle nehmen einen Einfluss auf die Unterstützung und Wahrnehmung des Stillens. Jede Frau sollte nach umfassender Information frei entscheiden können, ob sie stillen möchte oder nicht (sofern nicht sowieso medizinische Gründe dagegen sprechen). Hat sie einen Stillwunsch, sollte sie umfassende Unterstützung bekommen, um diesem nachgehen zu können. Fachliche Unterstützung findet sich bei Hebammen, IBCLCs und Stillberaterinnen/Stillbegleiterinnen, aber auch Kinderärztinnen können stillfreundliche Rahmenbedingungen und Angebote schaffen. Persönliche Unterstützung darüber hinaus können wir alle anbieten in vielen kleinen Alltagsdingen.

Unterstützung durch den anderen Elternteil

Einen besonderen Einfluss auf das Stillen nimmt der andere Elternteil des Kindes. Laut einer Untersuchung in Bayern (Kohlhuber et al. 2008) zum Stillverhalten und der Einstellung des Vaters zum Stillen, stillen Mütter 22mal häufiger, wenn der Vater eine positive Einstellung zum Stillen hat im Vergleich zu Ehepaaren, bei denen der Partner dem Stillen gegenüber negativ eingestellt war. Doch nicht nur auf das generelle Stillen wirkt sich die positive Einstellung des Partners aus: Eine ablehnende Haltung gegenüber dem Stillen ist ein wesentlicher Faktor dafür, dass Babys schon vor dem vierten Monat zugefüttert oder abgestillt wurden. Die Einstellung des anderes Elternteils ist daher ein wesentlicher Einflussfaktor auf das Stillen und die Stilldauer. Anerkennung und Unterstützung können das Stillen erleichtern und verlängern.

Grenzt Stillen den anderen Elternteil aus?

Damit das Baby möglichst lange die besonderen Eigenschaften der Muttermilch nutzen kann, ist es deswegen gut, wenn der andere Elternteil dem Stillen gegenüber aufgeschlossen ist und ausreichend Informationen darüber hat, warum das Stillen bzw. die Muttermilchernährung so wertvoll sind. Dabei kann auch die Sorge, das Stillen würde den anderen Elternteil aus der Beziehung ausgrenzen, entkräftet werden: Eine gute Bindung zum Kind entsteht nicht allein durch das Stillen. Auch wenn das Stillen einen positiven Einfluss auf die Bindungsentwicklung haben kann, ist es keine Grundvoraussetzung dafür und es gibt zahlreiche andere Möglichkeiten für den Bindungsaufbau. So hat der andere Elternteil die Möglichkeit, ganz ohne Ernährung eine Beziehungsband zum Kind zuknüpfen rein über die weitere Interaktion. Hat sich das Stillen eingespielt, kann Muttermilch auch mit der Hand aus der Brust entleert werden und der andere Elternteil kann die Muttermilch mit Hilfe eines Bechers oder anders füttern. Dennoch kann aber auch ganz unabhängig vom Füttern eine tragfähige Beziehung von Anfang an aufgebaut werden durch schöne zweisame Momente, durch das Tragen, das Kuscheln und/oder  Babymassage.

Das stillfreundliche Familienklima

Auch wenn es in früheren Generationen vielleicht anders gehandhabt wurde: Heute können Mutter und Kind so lange stillen, wie es für beide richtig ist und es wird eine ausschließliche Stilldauer von einem halben Jahr empfohlen. Manchmal ist das für Großeltern und andere Familienangehörige noch befremdlich. Aber letztlich ist es das Ziel der Familie, das neue Familienmitglied bestmöglich wachsen zu lassen und rundum gut zu versorgen. Auch für Freunde und Familie kann es hilfreich sein, Informationen über die positiven Eigenschaften der Muttermilchernährung zu erhalten, damit der Wunsch einer guten Versorgung zu einem stillfreundlichen Familienklima ohne negative Kommentare führt. Ist eine stillende Mutter zu Gast, ist ein bequemer Ort zum Stillen von Vorteil. Manche Frauen beschreiben, dass sie beim Stillen immer Durst verspüren und es ist gut, einer stillenden Frau ein Getränk anzubieten. Das muss kein spezieller Stilltee sein, sondern es reicht oft einfach ein Glas Wasser.

Stillfreundlicher Alltag

Ganz konkret können wir jedoch auch unabhängig von Familientreffen eine stillfreundliche Umgebung und Gesellschaft schaffen durch Offenheit, Akzeptanz und Rücksichtnahme. Das bedeutet, dass wir stillende Frauen in der Öffentlichkeit als normal ansehen und sie vor negativen Kommentaren schützen. Hilfreich ist es auch, wenn wir eigene negative Erfahrungen möglichst zurückhalten, um Frauen in der Anfangsphase des Stillens nicht zu verunsichern oder zu ängstigen. Wenn Hilfe oder Unterstützung benötigt wird, können wir mit hilfreichen Tipps zur Seite stehen oder an passende Stellen verweisen und gleichzeitig Verständnis aufbringen für die manchmal auch auftretenden Herausforderungen in einer Stillzeit.

Verständnis, Akzeptanz und Anteilnahme sowie Respekt vor der jeweiligen Entscheidung der Mutter in Bezug auf das Stillen sind die Grundpfeiler, die unsere gesellschaftliche Einstellung gegenüber jungen Familien tragen sollte. Und damit lässt sich schon recht viel erreichen in Hinblick auf ein stillfreundlicheres Klima.

 

 

Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik), Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.