Kategorie: Baby

Bindung findet im Alltag statt

Es wäre so schön, wenn es das eine Patentrezept geben würde: Tue dies und dein Kind entwickelt eine sichere Bindung zu dir, die es ein ganzes Leben lang schützt und trägt. Gerne werden wahlweise das Stillen, Tragen oder Cosleeping als solche Wundermittel betrachtet. Tatsächlich stecken aber in der Annahme zwei Fehler: Es gibt nicht das eine Wundermittel und Bindungsmuster können sich über das Leben hinweg verändern.

Es ist nicht alles in Stein gemeißelt

Das Bindungsmuster ist nicht in Stein gemeißelt. Diese Erkenntnis bringt für Eltern oft zwei gegenteilige Empfindungen mit: Einerseits entlastet es gerade jene, die vielleicht einen schwierigen Start in das Familienleben hatten, denen es schwer gefallen ist, eine Beziehung aufzubauen und sich nah zu kommen – nach einer Geburt, die ganz anders lief als geplant und nach der Eltern und Kind vielleicht erst einmal getrennt sein mussten oder auch, wenn der Start schwierig war, weil das Baby besonders viel weinte. Für diese Eltern bringt die Erkenntnis, dass sich Bindungsmuster im Laufe des Lebens wandeln können, einen wahren Schatz mit: Es ist nie zu spät! Wir können zu einem späteren Zeitpunkt beginnen, eine tiefe und bedürfnisorientierte Beziehung aufzubauen und das Kind so in der Entwicklung unterstützen.

Es entlastet auch die Eltern, die im Laufe des Familienlebens feststellen, dass es Situationen gibt, in denen es ihnen besonders scher fällt, feinfühlig oder bedürfnisorientiert zu handeln, wenn Stimmen aus der eigenen Kindheit hoch kommen und Eltern ganz anders handeln, als sie es eigentlich wollen. Denn wir können unser Verhalten unserem Kind gegenüber ändern, wenn wir an unseren eigenen inneren Arbeitsmodellen arbeiten (manchmal brauchen wir dafür therapeutische Unterstützung) und können auch unser Kind unterstützen, die inneren Arbeitsmodelle von Bindung zu ändern. Es ist deswegen nie zu spät, eine Beratung und Therapie wahrzunehmen, um den Umgang zu verändern und für Kinder ist es nie zu spät, von einer Änderung des elterlichen Verhaltens zu profitieren. Auch wenn Eltern erst im Verlauf der Kindheit ihren Erziehungsstil ändern hin zu einem respektvollen, bedürfnisorientierten Umgang, kann das für das Kind eine große Unterstützung für das aktuelle und zukünftige Erleben sein.

Auf der anderen Seite bedeutet die Erkenntnis, dass Bindung nicht in Stein gemeißelt ist aber auch: Es reicht nicht, nur am Anfang liebe- und verständnisvoll zu sein, sondern Bindung ist ein Prozess, der sich über das Leben erstreckt und wir haben unsere ganze Elternschaft damit zu tun.

„Bindung kann wachsen und braucht manchmal auch einfach Zeit. Und: Es ist nie zu spät, um Geborgenheit zu geben – wie auch immer der Anfang war.“

S. Mierau „Geborgen wachsen. Wie Kinder glücklich groß werden“

Bindung geschieht im Alltag

Bindung findet also im Alltag statt. In den vielen kleinen Momenten und über die Situationen hinweg verteilt. Sie zeigt sich in dem Mahlzeiten, im Wickeln, im Zubettbringen, im Gespräch und im Spiel. Viel mehr als durch eine bestimmte Handlung oder durch bestimmte Dinge, die wir verwenden oder nicht verwenden, macht sie sich in diesem Alltag bemerkbar in unserer inneren Haltung, unserer Zuwendung und Feinfühligkeit: Nehmen wir Bedürfnisse wahr? Interpretieren wir sie richtig? Reagieren wir (je nach Alter des Kindes) prompt und passend? Ist es dem Kind auch möglich, in den vielen Alltagssituationen auch Gefühle wie Trauer und Wut ausdrücken zu dürfen und wird es dabei begleitet? Vermitteln wir dadurch und in den anderen Handlungen Sicherheit und Zuverlässigkeit für das Kind? Weiß es, dass wir da sind und jedes Gefühl als okay annehmen und begleiten? Sind wir auch nach als schwierig erlebten Situationen wieder zugewandt, verzeihen dem Kind und uns und entschuldigen uns beim Kind, wenn etwas mal nicht gut läuft?

Bringen wir diese Haltung in den vielen Situationen im Alltag mit, haben wir eine gute Chance, eine stabile Basis aufzubauen. Sie kann sich noch immer ändern durch andere Einflüsse, aber wir geben unserem Kind die Chance, auf Basis der positiven Erfahrungen mit uns sicher und aufgeschlossen in weitere Beziehungen und Lernerfahrungen einzutauchen und damit umzugehen. Durch ein sicheres emotionales Zuhause hat es die Chance, abenteuerlustig zu Welt zu erkunden und bei Bedarf zurück zukommen, um Hilfe zu bitten und das sichere Gefühl zu haben, in den Bedürfnissen angenommen zu werden. Wie genau es diesen Alltag gestaltet und auslebt, ist auch eine Frage des Temperaments. Zunächst hat es prinzipiell die Möglichkeit, nach dem eigenen Tempo und Bedürfnis vorzugehen.

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

„Aber das Baby will immer zu Dir an die Brust“ – der nicht stillende Elternteil und die Babyberuhigung

Das Stillen ist eine Möglichkeit, um ein Baby in vielen Situationen zu beruhigen und die Brust ist besonders auch im ersten Jahr der Ort, an dem das Baby oft einschläft. „Einschlafstillen wirkt so sicher wie eine Narkose“ schreibt Hebamme Anja, denn in der Muttermilch sind schlaffördernde Inhaltsstoffe enthalten. Im Darm des Babys wird das Hormon Cholecystokinin ausgeschüttet, das dem Gehirn Sättigung signalisiert und Müdigkeit auslöst (dieses Hormon steht auch im Zusammenhang mit dem Clusterfeeding). Und durch den Körperkontakt kommt es zur Ausschüttung von Oxytocin, das zusätzlich beruhigt. Zudem befindet es sich in der Nähe des bekannten und beruhigenden Herzschlags, ist gewärmt durch die Körperwärme eines anderen Menschen und weiß sich in diesem Kontakt sicher und geborgen. Ein rundum schöner Ort, um einzuschlafen oder beruhigt zu werden. Aber dennoch ist es nicht der einzige Ort, der Beruhigung bietet und Schlaf ermöglicht.

Zum Beruhigen müssen Signale erkannt werden

Eltern können ihre Kinder beruhigen – unabhängig davon, ob sie stillende Eltern sind oder nicht. Für die Beruhigung des Babys ist es wichtig, dass die Signale des Babys wahrgenommen und beantwortet werden: Ist es überreizt, braucht es Ruhe und Reizminderung. Ist es hungrig, braucht es Nahrung. Fühlt es sich in einer nassen Windel unwohl, muss es gewickelt werden… Die Signale des Babys lernen wir zu verstehen, wenn wir mit ihnen Zeit verbringen. Dann lernen wir auch unsere jeweils eigenen Beruhigungsstrategien.

Bevorzugung des Bekannten

Natürlich haben Babys eine Vorliebe für die Beruhigungsstrategien, die sie seit jeher kennen. Wenn sie immer an der stillenden Brust einschlafen, werden sie gegen eine Änderung dieser bequemen und bekannten Beruhigungsstrategie rebellieren. Praktisch ist es deswegen, wenn sie schon früher andere Wege in den Schlaf kennengelernt haben oder auch von anderen Menschen in den Schlaf begleitet wurden auf eine andere Weise.

Individuelle Unterschiede sind in Beruhigungsritualen sind möglich

Wie ein anderes Schlafritual oder Beruhigungsritual aussehen kann, kann ganz verschieden sein. Es ist wichtig, dass jede/r Elternteil ein eigenes Ritual entwickeln kann, ohne dass dieses vom anderen Elternteil bewertet oder vorschnell eingegriffen wird. Das Baby ist in guten Händen: Es wird begleitet in dem Bedürfnis, das es gerade hat, es ist nicht allein und wird umsorgt. Es erfährt: Hier ist jemand, der/die bei mir ist und mir helfen möchte, auch wenn es Zeit braucht.

Für das Baby gilt, was für alle Menschen gleichermaßen in Situationen bedeutsam ist, in denen sie sich fremd und allein fühlen: Ein vertrauter Mensch an der Seite, der beruhigt und liebevoll unterstützt, ist eine große Hilfe.

S. Mierau „Geborgen wachsen“ S. 48

Sichere Bindung geht auch ohne Stillen

Eine sichere Bindung entsteht nicht durch das Stillen, auch wenn es einen Einfluss darauf haben kann. Sichere Bindung entsteht durch Feinfühligkeit und (promptes) Reagieren auf die Signale des Babys. Und das ist unabhängig vom Stillen.

Dass Babys zur Beruhigung auf die gewohnte stillende Brust und Milch zurückgreifen wollen, ist normal, wenn dieses die Hauptberuhigungsstrategie im Alltag ist und sie hat zudem die oben aufgeführten Vorteile. Deswegen ist es gut, wenn beide Elternteile gleichermaßen das Baby beruhigen – von Anfang an. Wenn das Baby zunächst an der stillenden Brust besonders viel beruhigt wurde und nun „umlernen“ soll/kann, braucht es wahrscheinlich eine Zeit des Kennenlernens und beide Beteiligten brauchen die Zeit, um sich einzuspielen und eine gute andere Methode kennen zu lernen: vielleicht ist es das Tragen in Tuch oder Tragehilfe oder das Schaukeln auf einem Sitzball oder das Laufen im Fliegergriff oder das gemeinsame Ausruhen im Bett. Aber diese Zeit und die Möglichkeit, den anderen Elternteil als beruhigenden und umsorgenden Menschen kennenzulernen (jenseits von Nahrung und Sättigungsgefühl), ist eine besonders schöne Möglichkeit, um intensiv in Kontakt zu kommen, sich kennen zu lernen und eine tiefe Verbindung aufzubauen.

Daher beim nächsten Gedanken an „Ich kann das nicht, weil das Baby will sowieso nur an die Brust“ lieber einen Schritt nach vorn gehen und denken „Wir beide probieren jetzt mal unser Ding aus und bekommen das Baby geschaukelt.“ Langfristig ist dies ein Geschenk für alle Mitglieder der Familie und trägt auch zur Entlastung beider Eltern bei.

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik), DAIS-Stillbegleiterin, Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Stillen – mit Aufklärung und Unterstützung statt Mythen und Druck

Das Thema Stillen wird für viele Eltern zum Reizpunkt. Was das Natürlichste der Welt sein sollte, wird von überall her kommentiert und kritisiert. Nicht stillende Mütter fühlen sich unter Druck gesetzt und abgewertet, zu kurz oder zu lang stillende genauso. Von überall her kommen ungebetene Ratschläge, doch richtige Unterstützung fehlt an allen Ecken und Enden.

Wir haben falsche Vorstellungen vom Stillen

Als ich mit dem ersten Kind schwanger war, stellte ich mir das Stillen wunderschön vor. Auf einer rosaroten Wolke sitzend würde ich mein Baby anlegen und es würde glucksend zu mir hochschauen. Kurz nach der Geburt versuchte ich meine Tochter anzulegen. Sie wollte nicht so recht, schien aber auch nicht hungrig zu sein. In der Nacht probierte ich es wieder, sie wollte wieder nicht und spuckte dann plötzlich Blut. Die Krankenschwestern beruhigten mich (manchmal schlucken Babys unter der Geburt etwas Blut, das ist nicht weiter schlimm!) und fragten, ob sie bereits gestillt worden war. Wenig später hörte ich eine zur anderen sagen, sie solle nachher mal bei mir vorbeischauen, da klappe „das mit dem Stillen“ schon wieder nicht.

Aus Angst, sie könne recht haben, versuchte es wieder und endlich trank mein Baby. Wahrscheinlich war ihr vorher nur schlecht gewesen vom Blut. Die Krankenschwester schaute später noch kurz zu uns hinein, nickte mein Stillen ab, verwies auf ein Plakat mit Stillpositionen und verschwand.

Ein paar Tage lang lief es relativ gut. Dann wollte meine Tochter plötzlich nur noch stillen. Meine Brustwarzen taten weh, wurden wund, fingen sogar an zu bluten. Es tat weh, ich wollte nicht mehr und schrie sie irgendwann verzweifelt an, dass sie doch nicht schon wieder Hunger haben könnte! Mein Mann nahm sie dann auf den Arm und ging im Wohnzimmer mit ihr auf und ab, bis sie eingeschlafen war. Am nächsten Tag redete ich mit meiner Hebamme. Und endlich zeigte mir jemand, wie ich mein Baby richtig anlegen musste. Sie gab mir Heilwolle für die Wunden. Seitdem lief unsere Stillbeziehung problemlos. Endlich waren wir auf unserer Wolke angelangt.

Stillen will gelernt sein

Ich dachte, Stillen sei natürlich. Ich dachte, Mütter wüssten intuitiv, wie es geht. Das stimmt nicht. Stillen muss man lernen. Es gibt wundervolle Frauen, Hebammen und Stillberaterinnen, die einen dabei unterstützen können. Ich wünschte, jedes Krankenhaus hätte gute Stillberaterinnen. Auch meiner Mutter wurde damals im Krankenhaus noch eingeschärft, sie solle mich auf keinen Fall in Abständen unter zwei Stunden stillen; neue Milch auf alte mache Bauchschmerzen. Das klappte problemlos bei ihren ersten zwei Kindern – aber mein jüngster Bruder wollte immer wieder phasenweise häufiger stillen. Und da warf sie die guten Ratschläge über Bord und vertraute ihrem Gefühl.

Stillmythen verunsichern Eltern

Es existieren immer noch viele solcher Mythen ums Stillen. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Frauen zugefüttert oder abgestillt haben, weil ihnen irgendjemand eingeredet hat, sie hätten nicht genug Milch und nur deswegen wolle ihr Baby im Viertelstundentakt an die Brust.

Bei allen drei Kindern gab es auch später noch sogennante „Clusterfeeding“ Phasen. Tage, an denen sie ständig stillen wollten. Meistens macht das Baby irgendeine Entwicklung durch und braucht mehr Energie oder die Beruhigung durch das Saugen. Durch das vermehrte Stillen wird mehr Milch gebildet – die Nachfrage regelt das Angebot. Zu wenig Milch hat so gut wie keine nach Bedarf stillende Mutter. Dass ein Baby auch mit einem halben Jahr noch nicht durchschläft, liegt nicht daran, dass es noch im Familienbett schlafen darf und „zu lange“ gestillt wird. Kein noch so gehaltvoller Getreidebrei kann diese Entwicklung beschleunigen.

Sicher gibt es ein paar wenige Babys, die mit Beginn der Beikost durchschlafen – und das dürfen die Eltern auch genießen, ohne sich Sorgen zu machen, solange die Babys weiterhin gut zunehmen – aber das ist eher die Ausnahme als die Regel.

Dass Babys die Milch nachts nicht mehr brauchen oder sie „nur noch Wasser“ sei, ist absoluter Unsinn. Muttermilch ist ein wahrer Zaubercocktail aus weißen Blutkörperchen, die das Immunsystem stärken, Proteinen, die er braucht, um zu wachsen, Vitaminen, Mineralstoffen und Antikörpern, Wachstumsfaktoren, die sogar in noch höherer Konzentration nachts in der Milch enthalten sind – gerade auch deswegen ist das Stillen nachts noch so wichtig -, und vielen weiteren Inhaltsstoffen. Muttermilch ist die wertvollste Ernährung, die wir unseren Kindern schenken können. Es muss aufhören, dass Erstlingseltern in Still- und den dazugehörigen Schlaffragen kritisiert und verunsichert werden. Selbst wir Erwachsenen selbst schlafen nicht durch – wir alle wachen nachts auf, sind aber nur so kurz wach, dass wir uns gar nicht mehr daran erinnern. Wir sind nur in der Lage, wieder einzuschlafen, weil unser parasympathisches Nervensystem ausgereift ist. Auch bei Babys kommt diese Entwicklung irgendwann. Abgesehen davon war es für Babys auch evolutionär gesehen wichtig, nachts immer mal wieder aufzuwachen und zu schauen, ob der Stamm noch da war. Diese Mechanismen, so lange diese Zeit auch her ist, sind immer noch in unseren Babys. Wir können sie nicht abtrainieren und ich glaube, dass wir deutlich besser damit leben könnten, mindestens im ersten, sehr wahrscheinlich aber auch noch im zweiten Lebensjahr keine Nacht durchzuschlafen, wenn wir das gar nicht erst erwarten würden. In keinem außer den reichen westlichen Ländern wird es von Babys so früh erwartet, durchzuschlafen. Dabei ist das keine Leistung.

Eltern brauchen Aufklärung und Unterstützung

Es wird so viel auf Eltern eingeredet. Dabei brauchen Eltern vor allem Bestärkung. Nein, du verwöhnst dein Baby nicht, wenn du auf seine Signale achtest, statt nach einem festen Rhythmus zu stillen. Nein, an Muttermilch kannst du dein Baby nicht überfüttern. Ja, es ist normal, wenn du an manchen Tagen kaum vom Sofa hoch kommst (stell dir ein Glas Studentenfutter und eine Flasche Wasser bereit!). Ja, es ist normal, am Anfang vielleicht Schwierigkeiten zu haben, nur Schmerzen solltest du nicht über längere Zeit haben (Stillberaterinnen helfen dir gern).

Du musst dir nicht erzählen lassen, wann, wie lange, wie oft und ob du überhaupt zu stillen (oder zu füttern, denn Pre-Nahrung kann man auch nach Bedarf geben) hast. Niemand steckt in deiner Haut. Wenn dich etwas stört, darfst du versuchen es ändern. Wenn nicht, hat niemand das Recht, deine Entscheidungen anzuzweifeln. Manchmal möchte man einfach nur schreien:

„Lasst die Mütter endlich in Ruhe! Niemand muss stillen. Aber wer stillen möchte, braucht dabei die richtige Unterstützung.“

Ich halte es durchaus für möglich, das Stillen zu fördern, ohne gleich diejenigen abzuwerten, die nicht stillen können oder wollen. Ganz zuoberst sollten wir nämlich Eltern darin bestärken, kompetent und aufgeklärt eigene Entscheidungen zu treffen.

Deswegen möchte ich dich ermutigen: Vertrau auf dein Gefühl! Lass dir nicht einreden, dein Baby würde dich nur manipulieren – dazu sind so kleine Babys kognitiv noch lange nicht in der Lage. Vertrau darauf, dass dein Baby dir zeigt, was es braucht. Wenn du das Gefühl hast, Hilfe zu brauchen, darfst du dich an ausgebildete Stillberaterinnen wenden. Sie werden dir zu der Stillbeziehung verhelfen, die du dir mit deinem Baby wünschst.

Anna ist Mutter von drei Kindern. Sie hat Neurowissenschaften und kognitive Psychologie studiert und ist Trageberaterin. Mehr von ihr könnt Ihr auf Instagram lesen unter @langsam.achtsam.echt . Hier auf geborgen-wachsen.de hat sie über „Slow pregnancy“ geschrieben und berichtet nun über die achtsame Babyzeit.  

Stillen im Alltag unterstützen – so geht es

Muttermilch ist die natürliche und beste Nahrung für Babys und Muttermilch beinhaltet alles, was das Kind zur Versorgung benötigt in der immer wieder passenden Zusammensetzung, richtig temperiert und schnell verfügbar. Dennoch ist das Stillen bzw. die Ernährung mit Muttermilch nicht immer einfach, weil Wissen, Beratung und vor allem auch Unterstützung fehlen. Die WHO hält genau dies fest:

Breastfeeding is the normal way of providing young infants with the nutrients they need for healthy growth and development. Virtually all mothers can breastfeed, provided they have accurate information, and the support of their family, the health care system and society at large.

Unterstützung meint dabei aber nicht nur das Fachpersonal und fachliche Beratung, sondern uns alle: die Partner*in der Stillenden, die Familie, das Gesundheitssystem, die gesamte Gesellschaft. Wir alle nehmen einen Einfluss auf die Unterstützung und Wahrnehmung des Stillens. Jede Frau sollte nach umfassender Information frei entscheiden können, ob sie stillen möchte oder nicht (sofern nicht sowieso medizinische Gründe dagegen sprechen). Hat sie einen Stillwunsch, sollte sie umfassende Unterstützung bekommen, um diesem nachgehen zu können. Fachliche Unterstützung findet sich bei Hebammen, IBCLCs und Stillberaterinnen/Stillbegleiterinnen, aber auch Kinderärztinnen können stillfreundliche Rahmenbedingungen und Angebote schaffen. Persönliche Unterstützung darüber hinaus können wir alle anbieten in vielen kleinen Alltagsdingen.

Unterstützung durch den anderen Elternteil

Einen besonderen Einfluss auf das Stillen nimmt der andere Elternteil des Kindes. Laut einer Untersuchung in Bayern (Kohlhuber et al. 2008) zum Stillverhalten und der Einstellung des Vaters zum Stillen, stillen Mütter 22mal häufiger, wenn der Vater eine positive Einstellung zum Stillen hat im Vergleich zu Ehepaaren, bei denen der Partner dem Stillen gegenüber negativ eingestellt war. Doch nicht nur auf das generelle Stillen wirkt sich die positive Einstellung des Partners aus: Eine ablehnende Haltung gegenüber dem Stillen ist ein wesentlicher Faktor dafür, dass Babys schon vor dem vierten Monat zugefüttert oder abgestillt wurden. Die Einstellung des anderes Elternteils ist daher ein wesentlicher Einflussfaktor auf das Stillen und die Stilldauer. Anerkennung und Unterstützung können das Stillen erleichtern und verlängern.

Grenzt Stillen den anderen Elternteil aus?

Damit das Baby möglichst lange die besonderen Eigenschaften der Muttermilch nutzen kann, ist es deswegen gut, wenn der andere Elternteil dem Stillen gegenüber aufgeschlossen ist und ausreichend Informationen darüber hat, warum das Stillen bzw. die Muttermilchernährung so wertvoll sind. Dabei kann auch die Sorge, das Stillen würde den anderen Elternteil aus der Beziehung ausgrenzen, entkräftet werden: Eine gute Bindung zum Kind entsteht nicht allein durch das Stillen. Auch wenn das Stillen einen positiven Einfluss auf die Bindungsentwicklung haben kann, ist es keine Grundvoraussetzung dafür und es gibt zahlreiche andere Möglichkeiten für den Bindungsaufbau. So hat der andere Elternteil die Möglichkeit, ganz ohne Ernährung eine Beziehungsband zum Kind zuknüpfen rein über die weitere Interaktion. Hat sich das Stillen eingespielt, kann Muttermilch auch mit der Hand aus der Brust entleert werden und der andere Elternteil kann die Muttermilch mit Hilfe eines Bechers oder anders füttern. Dennoch kann aber auch ganz unabhängig vom Füttern eine tragfähige Beziehung von Anfang an aufgebaut werden durch schöne zweisame Momente, durch das Tragen, das Kuscheln und/oder  Babymassage.

Das stillfreundliche Familienklima

Auch wenn es in früheren Generationen vielleicht anders gehandhabt wurde: Heute können Mutter und Kind so lange stillen, wie es für beide richtig ist und es wird eine ausschließliche Stilldauer von einem halben Jahr empfohlen. Manchmal ist das für Großeltern und andere Familienangehörige noch befremdlich. Aber letztlich ist es das Ziel der Familie, das neue Familienmitglied bestmöglich wachsen zu lassen und rundum gut zu versorgen. Auch für Freunde und Familie kann es hilfreich sein, Informationen über die positiven Eigenschaften der Muttermilchernährung zu erhalten, damit der Wunsch einer guten Versorgung zu einem stillfreundlichen Familienklima ohne negative Kommentare führt. Ist eine stillende Mutter zu Gast, ist ein bequemer Ort zum Stillen von Vorteil. Manche Frauen beschreiben, dass sie beim Stillen immer Durst verspüren und es ist gut, einer stillenden Frau ein Getränk anzubieten. Das muss kein spezieller Stilltee sein, sondern es reicht oft einfach ein Glas Wasser.

Stillfreundlicher Alltag

Ganz konkret können wir jedoch auch unabhängig von Familientreffen eine stillfreundliche Umgebung und Gesellschaft schaffen durch Offenheit, Akzeptanz und Rücksichtnahme. Das bedeutet, dass wir stillende Frauen in der Öffentlichkeit als normal ansehen und sie vor negativen Kommentaren schützen. Hilfreich ist es auch, wenn wir eigene negative Erfahrungen möglichst zurückhalten, um Frauen in der Anfangsphase des Stillens nicht zu verunsichern oder zu ängstigen. Wenn Hilfe oder Unterstützung benötigt wird, können wir mit hilfreichen Tipps zur Seite stehen oder an passende Stellen verweisen und gleichzeitig Verständnis aufbringen für die manchmal auch auftretenden Herausforderungen in einer Stillzeit.

Verständnis, Akzeptanz und Anteilnahme sowie Respekt vor der jeweiligen Entscheidung der Mutter in Bezug auf das Stillen sind die Grundpfeiler, die unsere gesellschaftliche Einstellung gegenüber jungen Familien tragen sollte. Und damit lässt sich schon recht viel erreichen in Hinblick auf ein stillfreundlicheres Klima.

 

 

Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik), Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.    

 

Liebevolle und verantwortungsvolle Beikosteinführung und -begleitung – So geht es!

Mittlerweile kennen sehr viele Menschen die Stillempfehlungen der WHO*, dass empfohlen wird, Babys nach der Geburt sechs Monate (180 Tage) lang ausschließlich zu stillen, d.h. ohne weitere Speisen und Getränke außer Muttermilch zu ernähren. Die Empfehlungen der WHO gehen aber noch weiter und beziehen sich nicht nur darauf, dass ein Weiterstillen nach Bedarf bis zum Alter von 2 Jahren und darüber hinaus solange Mutter und Kind dies wollen, empfohlen wird, sondern beziehen sich auch ganz konkret auf die Gestaltung von Esssituationen und Beikost – und diese Empfehlungen sind natürlich unabhängig von Muttermilchernährung oder nicht.

Liebevoll und bedarfsgerecht Beikost einführen

Bei der Einführung von Beikost und am Familientisch kommt es nicht nur darauf an, was das Kind als Nahrung erhält, sondern besonders auch auf die Rahmenbedingungen: wie, wann, wo und von wem wird das Kind auf welche Weise gefüttert bzw. beim Essen begleitet? Essen ist mehr als „nur“ Nahrungsaufnahme – genau darauf geht die WHO auch ein.

Kinder sollten direkt von den erwachsenen Personen gefüttert werden, in einem direkten Kontakt bzw. beim selbständigen Essen unterstützt werden, wobei die Anzeichen von Hunger und Sättigung beachtet werden sollen: Ist das Kind satt, ist es satt. Möchte es mehr essen, bekommt es mehr. Kinder verfügen bereits über ein Sättigungsgefühl und es ist gut, wenn sie aus gesunden Nahrungsmitteln selbst entscheiden können. So wie Stillen nach Bedarf angeboten wird, wird auch andere Nahrung nach Bedarf angeboten.

Wichtig ist auch: Wenn Kinder gefüttert werden, sollte das langsam und geduldig erfolgen. Kinder müssen nicht zum Essen ausgetrickst werden und sollten nicht gezwungen werden. Sie erkunden mit allen Sinnen die Nahrungsmittel und manchmal braucht das auch einfach Zeit: Hier wird im Mund befühlt, geschmeckt und es wird berochen. Als Eltern sollten wir die Geduld mitbringen, diese Neugierde des Kindes nicht nur zu tolerieren, sondern wertzuschätzen. Wenn das Kind nicht mehr essen möchte, möchte es nicht mehr essen. Weder übergriffige Körperhaltungen, um das Kind zu zwingen (Arm des Kindes hinter den eigenen Rücken legen und anderen Arm festhalten) noch andere Zwangsmaßnahmen sind angebracht.

Es kommt immer mal wieder vor, dass Kinder Phasen haben, in denen sie mehrere oder einige Nahrungsmittel ablehnen oder gerade weniger essen. Es ist gut und wichtig, Kindern die mögliche Vielfalt vorzustellen und auch die Nahrungsmittel, die zunächst abgelehnt werden, immer mal wieder anzubieten. Manchmal macht auch die Kombination verschiedener Nahrungsmittel einen Unterschied oder die Konsistenz der Speise: Kartoffeln können gekocht, als Brei, als Sticks gebacken, als Suppe, als Brei mit Karotten… angeboten werden. Auch der Einsatz von Kräutern kann manchmal an der Akzeptanz etwas ändern. Vielleicht macht es dem Kind auch wirklich eine Freude, wenn das Brot einmal in Herzchenform angeboten wird.

Die Essenszeit ist eine besondere Zeit des Miteinanders, auch ein sozialer Moment. Gerade dann, wenn Kinder eine Phase haben, in der so viele andere Dinge spannender sind als das Essen, empfiehlt es sich, entspannte und ruhige Esssituationen ohne Ablenkung zu gestalten. – Dies bedeutet nicht nur, dass das Kind nicht durch Spielzeug auf dem Tisch abgelenkt werden könnte, sondern auch dass wir Erwachsenen nicht abgelenkt sind durch Zeitungen, Handy oder anderes.

Esssituationen und Füttersituationen sind Situationen des Lernens und des liebevollen Miteinanders. Es sind soziale Situationen, in denen wir miteinander sprechen und Augenkontakt herstellen.

All diese Punkte sollten wir Berücksichtigen, wenn wir Esssituationen mit Kindern gestalten. Aber vor allem ist auch Entspannung wichtig: Kinder kommen mit ihrem eigenen Tempo zu uns und sind zu unterschiedlichen Zeitpunkten reif für die Beikost. Wichtig ist, das eigene Kind in seinen Bedürfnissen wahr zu nehmen, es zu begleiten und den gemeinsamen Weg gut zusammen zu gehen auf Basis von Vertrauen.

Wenn sich tatsächliche Probleme ergeben im Füttern oder in der Beikosteinführung, wenn Kinder Essen lange Zeit strikt ablehnen oder gar abnehmen, sollten Eltern frühzeitig weitere Beratung einholen, um früh einen anderen Weg einschlagen zu können. Hebammen, Stillberaterinnen oder -begleiterinnen und Familienbegleiter*innen können in solchen Situationen erste Ansprechpartner*innen sein.

Eure

 

* http://www.who.int/nutrition/publications/guiding_principles_compfeeding_breastfed.pdf

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik), Stillberaterin, Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Elternblogs über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Wie kann ich mein Baby von Anfang an richtig fördern?

Das Spielzeugangebot für die Kleinsten ist riesig, von sich bewegenden Mobiles zu dudelnden Activity-Deckchen und perfekt an kleine Hände angepasste Greiflinge – teilweise angeboten für Babys, die noch nicht einmal gezielt greifen können. Grelle Aufschriften versprechen Eltern, dass sich der Säugling stundenlang damit beschäftigen könne und nebenbei optimal gefördert werde. Da stellt sich die Frage: was brauchen wir wirklich für unser Baby? Müssen wir es von Anfang an fördern? Wie entwickeln sich Babys am besten?

Die Bedürfnisse eines Neugeborenen

Babys kommen aus einer warmen, dunklen Umgebung, in der sie schwerelos umherschwammen, immer mit Nahrung versorgt waren und gedämpft bereits die bekannten Stimmen ihrer Eltern wahrnehmen konnten.

Die Geburt stellt die erste große Herausforderung im Leben des kleinen Menschen dar. Alles ist neu und aufregend und in den ersten Wochen schlafen Babys auch deswegen so viel (wenn auch nicht unbedingt am Stück), weil sie diese Eindrücke noch verarbeiten müssen. Babys so wie auch neugeborene Eltern profitieren sehr von einem langen, ruhigen und reizarmen Wochenbett. Schon wenn der Neuankömmling von Arm zu Arm gereicht wird, weil die Verwandten ihn doch so gern bestaunen wollen, kann das zu viel Input für ihn sein und ein Grund für das vermehrte, untröstliche Schreien in den Abendstunden sein. Spielzeug braucht ein Neugeborenes nicht, gerade solches, das Geräusche macht, bedeutet für ein Baby meistens einfach ein Übermaß an Reizen.

Babys können am Anfang nur etwa 20cm weit sehen – das entspricht ungefähr dem Abstand zwischen seinem und unserem Gesicht, wenn wir es stillen oder im Arm haltend füttern. Gesichter sind für Babys spannender und anregender als jedes Mobile. Eltern lächeln und lachen ihr Baby intuitiv an und kaum etwas lässt das Elternherz so sehr aufgehen wie das erste strahlende, zahnlose Lächeln. Je mehr Babys angelacht werden, desto häufiger lächeln sie auch selbst. Das gegenseitige Anlachen stärkt sowohl die Bindung, als auch die Selbstwahrnehmung des Babys. Es lernt: Jemand reagiert auf das, was ich mache.

Babys brauchen eine sichere Bindung

Babys, die noch so vollkommen von uns Erwachsenen abhängen, brauchen eine gute Bindung zu ihren Bezugspersonen. Kommt ein Baby auf die Welt, so erwartet es vor allem Verlässlichkeit in der Befriedigung seiner Bedürfnisse. Indem wir es ernähren, wenn es Hunger hat, es wärmen, wenn ihm kalt ist, es sauber halten und es dabei begleiten, in den Schlaf zu finden und ihm die Nähe und die Zeit geben, die es braucht, um sich an das neue Leben zu gewöhnen, geben wir unserem Baby die Grundlagen für eine sichere Bindung und einen guten Start ins Leben. Feinfühlige Bezugspersonen sind die beste Förderung für ein Baby.

Bindung stärken durch Berührungen

Babys haben noch kein richtiges Gefühl dafür, wo ihr Körper beginnt und aufhört. Um ihm zu helfen, seinen Körper besser wahrzunehmen und um gleichzeitig die Bindung durch Berührung zu stärken, können wir unser Baby sanft mit etwas Öl massieren. Das kann zum Beispiel ein Teil des Abendrituals nach dem Baden sein. Manchen Babys hilft auch eine Bauchmassage am frühen Nachmittag, um die Bauchschmerzen am Abend etwas zu mildern.

Bei uns helfen die Geschwisterkinder gern mit bei der Babymassage. Mit gut eingeölten Händen streichen sie an den Armen oder Beinen von oben nach unten oder kreisförmig über den Bauch. Das schafft auch meine Dreijährige gut, ohne zu sehr am Baby zu zerren (auch wenn ich sie manchmal erinnern muss: Streichen statt ziehen). So kann ich sie in die Babypflege mit einbinden und und sie bauen eine Beziehung zu ihrem Brüderchen auf.

Das Tragetuch erleichtert den Alltag mit Baby

Alle Eltern tragen ihre Babys auf die ein oder andere Weise. Wem geht das Herz nicht auf, wenn das unruhige Baby sich im Arm sofort aufhört zu weinen? Ein Baby wurde so lange im Bauch getragen; nun fühlt es sich bei den gleichen schaukelnden Bewegungen am wohlsten.

Als ehemalige Trageberaterin habe ich so oft erlebt, wie sehr ein (gut gebundenes) Tuch oder eine gute Tragehilfe den neugeborenen Eltern das Leben erleichtern kann. Gerade für Väter ist das Tragen eine wundervolle Möglichkeit, eine gute Bindung zu ihrem Baby aufzubauen. Getragene Babys weinen meistens weniger und schlafen insgesamt mehr (wenn auch nicht unbedingt länger). Durch die körperliche Nähe wird Oxytocin ausgeschüttet, das Bindungshormon, das bei der Mutter auch die Milchbildung anregt.

Wenn ein Baby sehr viel getragen wird, machen sich Eltern manchmal Sorgen, dass es so niemals die aktuellen Entwicklungsschritte vollziehen könnte. „So lernt er doch nie laufen!“, behaupten manchmal die Großeltern. Dabei entbehrt diese Behauptung jeder Grundlage. Die Anhock-Spreiz-Stellung der Beine, in der die Knie höher sind als der Po, ist ideal für die Verknöcherung der noch weichen Hüftpfannen. Durch die sanften Bewegungen der Eltern wird beim Baby in der Trage zudem die Tiefenmuskulatur aktiviert und gestärkt. Es kann sogar sein, dass ein viel getragenes Baby deutlich früher laufen lernt als seine weniger getragenen Altersgenossen.

Tragen ist eine natürliche Frühförderung für das Baby. Das Baby kann alle Sinnesreize aus seiner Umgebung aus einer geschützten Position wahrnehmen und hat gleichzeitig immer einen Rückzugsort. Und nicht zuletzt haben Eltern auch wieder ihre Hände frei, während das Baby im Tuch oder in der Trage gut aufgehoben ist.

Wenn sich andere Babys schneller entwickeln

Für Eltern ist es manchmal schwer auszuhalten, wenn das Baby der neuen Freundin aus der Stillgruppe schneller gezielt greift, sich schneller auf den Bauch dreht und mit wenigen Monaten schon anfängt zu robben. Manchmal scheinen auch die Babys unheimlich frustriert, weil ihnen der nächste Entwicklungsschritt noch nicht gelingen mag. Da liegt es nahe, zu versuchen, ein bisschen nachzuhelfen.

Die motorische und geistige Entwicklung sind aber etwas, das sich einfach entwickelt. Die Pausen in der Entwicklung sind sogar wichtig für das Baby (körperliche Ursachen einer verzögerten Entwicklung wie zum Beispiel ein zu schwacher Muskeltonus sollten natürlich mit Kinderärzt*innen abgesprochen werden). Wir können nicht viel nachhelfen. Und auch das bunteste und lauteste Spielzeug wird kein Baby dazu animieren, sich länger selbst zu beschäftigen oder früher gezielt greifen zu lernen.

Für eine optimale Entwicklung brauchen Babys vor allem menschliche Kontakte. Wenn wir uns mit unserem Baby beschäftigen, mit ihm sprechen, es streicheln und massieren und feinfühlig auf seine Bedürfnisse reagieren, geben wir ihm alles, was es in der ersten Zeit braucht.

Auch ohne fliegende Elefanten über seinem Gesichtsfeld wird ein Baby in seiner eigenen Zeit lernen, Objekte mit den Augen zu fixieren. Und auch das Rollen auf den Bauch wird es lernen, ohne dafür täglich eine halbe Stunde lang auf den Bauch gelegt zu werden, obwohl es dabei vielleicht unglücklich zu sein scheint.

Aber die Liebe und Fürsorge, die ein Baby von Beginn an erfährt, werden es sein ganzes Leben lang begleiten und stärken.

Anna ist Mutter von drei Kindern. Sie hat Neurowissenschaften und kognitive Psychologie studiert und ist Trageberaterin. Mehr von ihr könnt Ihr auf Instagram lesen unter @langsam.achtsam.echt . Hier auf geborgen-wachsen.de hat sie über „Slow pregnancy“ geschrieben und berichtet nun über die achtsame Babyzeit.  

Der erste Stillmoment & die unglaublichen Kompetenzen des Babys

Dieser erste Moment nach der Geburt, wenn Mutter und Kind sich ansehen, ineinander versinken und die Zeit fast einen Moment stehen bleibt. Bei manchen gibt es diesen Zeitpunkt früher, bei anderen später – je nachdem, wie die Geburt verlaufen ist. Diesen Moment genießen, ganz ineinander eintauchen und sich kennen lernen: So siehst Du aus, so riechst Du, so fühlst Du Dich an – auf Seiten des Kindes und Seiten der Eltern. Ein magischer Moment.

Gerade jetzt haben wir eigentlich alle Zeit der Welt – oder sollten sie haben. Aber oft wird in Filmen, Büchern oder auch durch Fachpersonal vor Ort vermittelt: Nun musst Du Dich beeilen und das Kind anziehen und stillen. Aber das Baby kommt – wenn es reif und gesund zur Welt kommt ohne Gründe, die schnelles Eingreifen notwendig machen – auch mit dem Wunsch zu uns, von Anfang an die Welt mit allen Sinnen kennen zu lernen. Und die Welt beginnt genau jetzt mit dem Menschen, auf dem es liegt und dessen warme Haut es spürt.

Dein Baby lernt Dich jetzt kennen

Da liegt es nun und nimmt zum ersten Mal den Herzschlag nicht aus dem inneren des Körpers wahr, sondern über die Brust im Hautkontakt. Es hört die bekannten Stimmen, aber ganz anders als zuvor. Es fühlt Körperwärme dort, wo es im Körperkontakt steht und spürt zum ersten Mal Kälte an den Stellen, die nackt sind. Es spürt Stoff auf der Haut zum ersten Mal dort, wo es von einer Decke bedeckt ist. Es spürt Haut, aber ganz anders als zuvor im Mutterleib, denn sie fühlt sich anders an.

Instinktiv weiß das Baby, wohin es nun möchte und folgt dem eigenen Geruchssinn, verbunden mit den anderen Sinnen. Wenn es ausreichend geruht hat, beginnt es, sich zu bewegen. Liegt das Baby nun nackt bäuchlings auf nackter Brust oder Oberbauch der Mutter, beginnt es vielleicht, mit dem Kopf und Mund die Brust zu suchen und die Haut um sich mit dem Mund zu ertasten. Es leckt oder saugt an der Haut, die es umgibt, um zu erkennen, ob es sich um die Haut der Brust handeln könnte. Es weiß instinktiv, dass sich die Haut der Brustwarze anders anfühlt als andere Haut und nimmt die unterschiedlichen Empfindungen wahr. Vielleicht beruhigt es sich durch das Saugen zunächst noch einmal, bevor es wieder mit der Suche beginnt. Es kann sich mit den Füßen abstoßen, den Kopf bewegen oder gar ruckartig zu einer Seite schnellen lassen. Auf diese Weise bewegt es sich selbst zu seinem Zielort.

Auch wenn wir versucht sind, an dieser Stelle einzugreifen und das Baby selbst aufzunehmen und an die Brust zu legen, müssen wir es nicht tun. Denn unser Kind ist von Anfang an kompetent und strebt nach Autonomie – nicht erst im Alter von 2 oder 3 Jahren, sondern von Beginn an. Wir können uns zurück lehnen (im wahrsten Sinne des Wortes) und warten – eine Tätigkeit, die wir in den folgenden Jahren immer wieder tun werden: abwarten, das Kind machen lassen. Gerade jetzt und hier, in den ersten Momenten des Familienlebens, lernen wir einen der wichtigsten Eckpfeiler der Elternschaft: Vertrauen in das Kind und dessen Fähigkeiten.

Selbstwirksamkeit: Das Baby findet die Brust

Irgendwann wird das Baby die Brust gefunden haben durch das Riechen, Tasten, Fühlen. Manchmal muss es durch den Arm der Mutter ein wenig gestützt werden, damit es nicht vom Körper rutscht. Aber den Großteil des Weges schafft es ganz allein. Vielleicht befühlt es die Brust mit dem Mund, vielleicht nimmt es die kleinen Hände oder Fäuste zu Hilfe, um die Brust zurecht zu schieben. Vielleicht ruht es sich noch einmal aus und legt den Kopf ab. Irgendwann wird es jedoch den Mund öffnen und mit dem Stillen beginnen – selbstbestimmt und aus eigener Kraft.

Der Vorteil dieses babygeleiteten Anlegens ist, dass das Baby selbst wirksam ist, dass es uns bereits nun, ganz am Anfang, etwas Wesentliches lehrt über den Blick auf das Kind und das Stillen so meist gut und komplikationslos starten kann, da durch die Eigenaktivität des Kindes Anlegeprobleme vermieden werden können, die den Stillstart erschweren. Nicht nur unmittelbar nach der Geburt können daher die Reflexe und Intuition des Babys genutzt werden, um zu stillen, sondern in den ersten Wochen. Gut ist es, wenn Mutter und Kind im direkten  Haut-zu-Haut-Kontakt sein können hierfür.

Eure

 

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik), Geburtsvorbereiterin, Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Elternblogs über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

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