Kategorie: Kleinkind

Zahnfee, Weihnachtsmann, Nikolaus – Gib die Elternverantwortung nicht an Fantasiefiguren ab!

„Wenn du nicht die Zähne putzt, dann kommt nicht die Zahnfee!“, „Wenn du nicht lieb bist, dann notiert der Weihnachtsmann das in seinem Buch und du bekommst kein Geschenk!“, „Wenn du deinen Bruder immer ärgerst, bringt der Nikolaus eine Rute statt Süßigkeiten!“ – Neben dem Umstand, dass all diese Drohungen generell ungünstige Erziehungsmittel sind, weil sie auf Strafen beruhen und diese nicht, wie Eltern oft hoffen, zu einer nachhaltig guten Verhaltensänderung führen, sondern eher Aggressivität und Lügen befördern, sind sie auch auf einer weiteren Ebene des Beziehungsaspekts ungünstig: Die Erziehungsverantwortung wird abgegeben an eine Fantasiefigur.

In der magischen Phase sind Fantasiewesen besonders beeindruckend

Manchmal ist der Alltag mit Kindern ganz schön anstrengend. Besonders die vielen Diskussionen und Verhandlungen mit Kindern können Kraft rauben: Da wird zum fünften Mal darum gebeten, dass das Kind nun den Schlafanzug anziehen soll oder zum dritten Mal, dass das Kind doch bitte mal vom Gemüse probieren soll. Und gerade wenn die Kraft gerade gering ist, der Alltagsstress hoch, wünschen sich Eltern eine Lösung und sind versucht, in die Trickkiste zu greifen. Gerade in der Zeit des magischen Denkens sind Kinder besonders beeindruckbar mit den Fantasiefiguren, die wahlweise etwas herbeizaubern oder auch ängstigen können. Es ist verlockend, da mit einem dieser Magiewesen zu drohen oder zu locken.

Sollten Fantasiewesen eine bedeutsamere Autorität sein als Eltern?

Was aber passiert, wenn wir Zahnfee, das Monster unter dem Bett, die Fee, den Weihnachtsmann, Krampus oder Nikolaus vorschieben, ist, dass wir unsere elterliche Verantwortung und unsere eigenen Wünsche und Bedürfnisse abgeben und hinter einer anderen Person verstecken. Wir erklären nicht mehr, dass wir als Eltern dieses oder jenes wünschen oder dieses oder jenes notwendig ist für die gesunde Entwicklung, sondern verbergen dies, weil es zunächst auf dem fantasievollen Weg einfacher erscheint oder uns die Fantasiefigur als größere Autorität erscheint als wir selber.

Damit sind wir bei einem wesentlichen Punkt der Eltern-Kind-Beziehung: der Autorität. Viele Eltern haben heute Schwierigkeiten mit dem Begriff der Autorität, da das Vorangehen und Begleiten von Kindern durch die Kindheit in den vergangenen Jahrzehnten oft mit Druck, Zwang und Strafen erfolgte. Heute wollen es Eltern anders machen, als sie es selbst erfahren fahren haben – aber passende Vorbilder fehlen. Es mag auch den Anschein erwecken, dass man selbst ja gar nicht straft, denn schließlich ist dann der Nikolaus schuld oder die Zahnfee bringt nichts für kaputte Zähne. Letztlich aber ist dieser Weg dennoch ein Weg der Strafe und zugleich der fehlenden elterlichen Begleitung.

Kinder brauchen Stabilität und einfühlsame, liebevolle Autorität

Kinder brauchen uns Eltern als Begleitpersonen auf ihrem Weg. Sie brauchen Bezugspersonen, die größer, weiser und gütig sind und ihnen vorleben, sich im Leben und in der Gesellschaft zu bewegen. Sie brauchen Bezugspersonen, die sie auf dem Weg, dies selbständig leben zu können, unterstützen. Und auch wenn es anstrengend ist, einem Kind zu sagen „Ich will das nicht!“ oder „Das geht so nicht!“ oder sich immer wieder (wie beim Zähneputzen) neue Wege und Alternativen auszudenken, ist das die Aufgabe von uns Eltern. Wir müssen präsent sein, ansprechbar, verlässlich. Wir zeigen den Weg, wir begleiten auf dem Weg. Und dies gibt Kindern Sicherheit.

In der konkreten Konfliktsituation bedeutet das: Schieben wir nicht irgendein Fantasiewesen vor, um das Kind zu etwas zu bewegen. Seien wir ehrlich und erklären, warum etwas geht oder nicht geht. Und erklären wir ehrlich, wie wir uns fühlen. Und ja: Manchmal müssen wir dann die Gefühlsstürme der Kinder aushalten, auch das gehört dazu. Und manchmal können wir auch einfach ein Auge zudrücken, statt auf etwas zu beharren und von uns aus als Eltern erklären: Ach komm, wir machen es heute einfach so wie du es willst. Das geht vielleicht nicht immer und bei allen Dingen, aber sicherlich ab und zu im Alltag. Und ist eine bessere Methode für die Beziehung, als mit Druck und Fantasiefiguren* zu arbeiten.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

* Das bedeutet nicht, dass es Weihnachtsmann, Nikolaus, Christkind und Zahnfee nicht geben darf – aber sie sollten eben kein Druckmittel sein bzw. keine Stellvertreter:innen für unsere eigenen Wünsche.

10 einfache Bewegungsspiele für Kinder Zuhause

Bewegung ist eines unserer Grundbedürfnisse. An Kindern sehen wir oft sehr gut, wie wichtig Bewegung eigentlich wirklich ist – während es uns mit der Zeit (unter anderem durch unsere Lebensbedingungen) aberzogen wird und wir Erwachsene oft mehr und mehr Zeit sitzend an einem Schreibtisch verbringen. Aber bei unseren Kindern ist es noch viele Jahre anders. Manchmal wundern wir uns darüber, wie groß ihr Bewegungsdrang ist, weil sie beständig hüpfen, statt zu gehen rennen, weil sie auch zu Hause wie ein kleiner Gummiball Bewegung einfordern. Und wir, die schon daran gewöhnt sind, uns zu wenig zu bewegen, reagieren verwundert bis hin verärgert und versuchen nicht selten, die Bewegung der Kinder einzuschränken mit einem „Jetzt hör aber mal auf hier umherzurennen!“ oder „Aber die Nachbarn!“ oder „Jetzt bleib doch endlich mal still sitzen!“.

Wir versuchen zu oft, Kinder von Bewegung abzuhalten

Anstatt das Bedürfnis des Kindes nach Bewegung zu sehen und passend darauf zu reagieren, versuchen viele Eltern genau das Gegenteil: Das Kind zu mehr Ruhe und Stillsitzen aufzufordern oder mit entsprechenden Tätigkeiten daran zu binden: fernsehen, Spiele am Tisch sitzend, Computerspiele oder Spiele an einer Konsole oder einem Pad. Während diese Tätigkeiten durchaus ihren Raum haben können im Kinderalltag, sollten sie aber dem Bewegungsdrang des Kindes nicht entgegenwirken und an dessen Stelle gesetzt werden. Durch die Bewegung baut das Kind die eigenen Fertigkeiten aus, erprobt sich und lernt neue Zusammenhänge. Auch für das spätere Lernen ist es wichtig, dass das Kind nicht nur in den frühen Jahren ausreichend Bewegung erfahren durfte und Bewegungsfertigkeiten richtig ausbilden konnte, sondern auch später eine ausgewogene Balance zwischen ruhiger Anregung zum Lernen und Bewegung/Aktivität auf der anderen Seite erfährt.

10 Anregungen für einfache Bewegungsspiele

Auch wenn unsere Wohnumgebungen scheinbar wenig Bewegung zulassen, können wir dennoch Ausschau halten nach Möglichkeiten, um den Bedürfnissen von Kindern nachzukommen. Wir müssen ein wenig umdenken und unsere Wohnung aus der Perspektive des Kindes sehen und denken: als Entdeckungsraum, Spielraum, Abenteuer.

Einen Hindernisparcour aufbauen
Für einen Hindernisparcours braucht es nicht viel und wir finden alles, was wir brauchen, in der Wohnung. Legen wir einen Startpunkt und ein Ziel fest, vielleicht quer durch die Wohnung, von einem Zimmer ins andere oder durch ein Zimmer. Entweder darf der Boden dabei berührt werden und es geht darum, Hindernisse zu überwinden, oder der Boden darf nicht berührt werden und die Route läuft über Stühle und Tische bis hin zum Sofa oder Bett.

Topfschlagen
Wir alle kennen Topfschlagen von Kindergeburstagen, dabei ist es auch eine tolle Anregung für den Alltag, wenn auf allen Vieren durch die Wohnung gekrabbelt werden muss, um unter einem Topf etwas zu finden.

Laserlabyrinth aus Schnüren
Beim Laserlabyrinth aus Schnüren geht es um Beweglichkeit: Die Wolle eines Wollknäuels läuft Kreuz und Quer durch das Zimmer und wird an Schubladen, Stühlen, Tischbeinen befestigt. Ziel ist es, den Raum zu durchqueren, ohne an den Schnüren hängen zu bleiben. Mit einer Aufgabe verbunden (einsammeln von Gegenständen) kann es so auch eine ganze Weile hin und her gehen.

Kissenrennstrecke
Gibt es eine längere freie Stecke in der Wohnung? Dann kann sie zur Rennstrecke mit Kissen werden. Wer mag, kann mit Washi-Tape die Strecke markieren. Jede teilnehmende Person bekommt ein kleines Kissen, auf die sie sich setzen kann und dann mit den Händen vorwärts rutscht bis zum Ziel.

Schnitzeljagd durch die Wohnung
Achtung: Geheimauftrag! Es muss der geheime Gegenstand (vielleicht ein Buch, zum entspannten Vorlesen nach der Bewegung) gefunden werden. Überall in der Wohnung gibt es kleine Hinweise, und es wird von Hinweis-Versteck zu Hinweis-Versteck geführt entweder mit Rätselfragen oder mit Bildern bis der geheime Gegenstand schließlich gefunden wird.

Feuer, Wasser, Erde, Sturm
Wer kennt es nicht aus der eigenen Kindheit? Wird von der anleitenden Person „Feuer“ gerufen, müssen sich alle an die Wand stellen, bei „Wasser“ auf etwas hinaufstellen, bei „Erde“ flach auf den Boden liegen und bei „Sturm“ an etwas festhalten.

Luftballon-Volleyball
Mit richtigen Bällen ist es in der Wohnung oft gar nicht so einfach. Mit Luftballons hingegen ist die Wahrscheinlichkeit, dass etwas zu Bruch geht, geringer. Beim Luftballon-Volleyball geht es darum, dass der Luftballon nicht die Erde berühren darf und immer weiter in der Luft bewegt werden soll.

Stopp-Tanz
Musik an und tanzen. Wenn die Musik stoppt, müssen alle einfrieren in der Bewegung oder wahlweise das tun, das die anleitende Person ihnen zuruft: „Kriech wie ein Krokodil!“, „Lauf wie eine Giraffe!“

Betten-Trampolin
Betten sind zum Ausruhen da, das stimmt. Aber wenn sonst gerade Bewegung fehlt und Eltern merken, dass das Kind ganz dringend wildes Hopsen braucht, ist das Betten-Trampolin eine gute Alternative, vielleicht sogar verbunden mit einer gemeinsamen Kissenschlacht.

Yoga mit Kindern
Ein wenig ruhiger, aber dennoch in Bewegung ist das Kind beim angeleiteten Yoga. Für Kinder sollte Yoga anders als für Erwachsene sein und als Spiel dienen. Wer Tierfiguren in den einzelnen Yogaübungen nachstellt, kann Kindern auf einfache Weise Yoga näher bringen. Wie das geht, steht u.a. in einem der Bücher hier.

Noch mehr Ideen für Spiele und Tätigkeiten Zuhause findet Ihr hier.

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Welche Grenzen gibt es in unserer Familie?

Um das Thema der Grenzen in Familien gibt es immer wieder Diskussionen: Wieviele und welche Grenzen sind notwendig? Sind sie es überhaupt? Oder brauchen Kinder dringend Grenzen? Müssen Eltern sogar ganz bewusst Grenzen setzen, um dem Kind zu zeigen, dass sie sich unterzuordnen haben und nicht zu sehr verwöhnt werden?

Feststehende Grenzen

Grenzen ergeben sich in vielen Themenbereichen ganz natürlich im Alltag aus bestimmten Gegebenheiten: Das Kind darf nicht auf die Straße rennen oder mit Stricknadeln in die Steckdose pieken oder andere Dinge tun, die andere oder es selbst gefährden. Ebenso erstrecken sich solche natürlichen Grenzen auch auf bestimmte soziale Aspekte des Miteinanders: Wie beispielsweise miteinander oder mit anderen gesprochen werden kann, ohne dass diese sich respektlos behandelt fühlen. Diese Art von wichtigen Grenzen, die das Kind für das eigene Wohlergehen erlernen muss, auch in Hinblick auf seine Position im sozialen Miteinander, stehen fest.

Das Kind rührt durch sein normales, kindgerechtes Verhalten an diesen Grenzen: Es eckt hier und da an und bekommt erklärt, dass es sich hier um eine unverschiebbare Grenze handelt. Dass es nicht beim ersten Mal sofort diese Grenze verinnerlicht, ist normal. Als Elternteil müssen solche Grenzen deswegen immer wieder aufgezeigt und erklärt werden, bis das Kind diese Grenze verinnerlicht hat. Die Verantwortung liegt dabei lange bei den Eltern: Nicht das Kleinkind ist schuld, weil man doch schon x-mal gesagt hat, es soll nicht zu nah an die Straße gehen, sondern die Eltern müssen vorausschauend planen und entsprechend eingreifen. Dies beispielsweise auch, wenn sie wissen, dass das Kind eine Phase hat, in der es besonders viel beißt oder schlägt und deswegen eine nahe Begleitung braucht, um andere Kinder nicht zu verletzen.

Individuelle Grenzen

Neben diesen Grenzen gibt es individuelle Grenzen von Menschen, die das individuelle Zusammenleben festschreiben. Das sind Dinge, die für eine Person „nicht gehen“ und können von Person zu Person unterschiedliche sein. Sie sind eine Form feststehender individueller Grenzen, beispielsweise wenn ein Elternteil es absolut nicht ertragen kann, wenn das Kind beim Einschlafen an der Haut des Erwachsenen gnibbelt. Vielleicht mag das für einige Eltern in Ordnung sein, für dieses Elternteil aber geht es nicht. Auch ganz bestimmte Umgangsformen können darunter fallen. Ebenso wie bei den feststehenden Grenzen oben lernt das Kind hier durch Zusammenleben und Wiederholung, dass dies eine nicht überschreitbare Grenze dieser Person ist. Eltern sind dabei in der Verantwortung, zu überprüfen, wie viele solcher persönlichen Grenzen sie haben und ggf. auch zu sehen, woher sie kommen und ob und wie sie mit dem Alltag vereinbar sind. Bestehen sehr viele individuelle Grenzen, kann das die Interaktion erschweren.

Variable Grenzen

Es gibt Grenzen, die im Familienalltag auch variabel auftreten können: Was heute so gemacht werden musste wegen der Rahmenbedingungen, ist am anderen Tag mit anderen Rahmenbedingungen anders: Heute gab es ein Eis auf dem Weg nach Hause, weil die Stimmung schlecht war und alle Lust auf Eis hatten, deswegen gibt es nicht jeden Tag ein Eis. Variable Grenzen setzen sich aus den Möglichkeiten und Ressourcen der Familienmitglieder zusammen. Nicht nur die Eltern haben dabei das Recht, Grenzen zu verschieben, sondern auch Kinder können sich mit ihren Wünschen und Argumenten einbringen. Es entsteht ein demokratischer Aushandlungsprozess, der das Familienleben gestaltet. Auch in einer Familienkonferenz kann über bestimmte Regelungen in der Familie diskutiert werden. Eltern verlieren dadurch keinen Respekt ihrer Kinder: Im Gegenteil zeigt es Respekt auf beiden Seiten, sich bei verschiedenen Themen näher zu kommen und Möglichkeiten auszuhandeln.

Grenzen setzen, um nicht zu verziehen?

Die Kinder erleben also natürlicherweise Grenzen in ihrem Alltag. Viele stehen fest und ergeben sich aus unserem sozialen Miteinander und der Fürsorge füreinander. Andere können verhandelt werden. Zusätzliche Grenzen im Sinne von „Jetzt zeig ich dir, wer hier das Sagen hat und du darfst das aus Prinzip nicht“ ergeben für Kinder keinen Sinn: Die Zusammenhänge sind oft nicht erkennbar, zumal das Kind nicht weiß, dass der Erwachsene im Verhalten des Kindes ein Machtspiel sieht, da das nicht die Intention des Kindes ist. Willkürlich gesetzte Grenzen behindern die Verbindung, das Sicherheitsgefühl des Kindes und wirken sich langfristig nachteilig auf die Beziehung aus. Die Grenzen, die das Kind aus oben genannten Gründer erfährt, reichen völlig aus, damit es sich in der Welt gut orientieren kann. Dabei wird es verständnisvoll von den Bezugspersonen begleitet, erinnert und motiviert, so dass diese Grenzen als Regeln nach und nach verinnerlicht werden.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Manchmal ist es ganz schön viel – Auch größere Kinder brauchen emotionale Unterstützung jeden Tag

Oft denken Eltern, dass ihre Kleinkinder nun doch schon ganz schön groß sind – schließlich können sie schon laufen, klettern und sprechen. Sie haben in ihrem kurzen Leben schon ziemlich viel erlebt und kennen viele Routinen und Abläufe des Alltags. Und dennoch: Jeden Tag lernen Kinder etwas Neues, sehen etwas bislang Unbekanntes und/oder machen neue soziale Erfahrungen. Und mit diesen neuen Erfahrungen ändert sich nicht nur ihr Wissen allgemein, sondern sie gehen damit auch um, setzen sich selbst in Bezug zu diesen neuen Erfahrungen, ändern vielleicht ihr Bild über sich oder über Beziehungen. Und dieses Lernen und Erfahren hält sogar noch nach der Kleinkindzeit an.

So wunderbar diese Erweiterung von Erfahrungen auch ist, ist sie dennoch auch anstrengend durch all die Prozesse, die dahinter stehen. Es kostet Energie, all dieses Lernen zu bewältigen und nicht nur das: Es braucht auch oft eine Ordnung für das Verständnis, eine Begleitung und Unterstützung. Denn auch wenn es uns Erwachsenen nach Außen so erscheint, als würden die Kinder doch nun „fertig“ sein, sind sie es innerlich noch nicht: Ihre Gehirne arbeiten noch anders, sie fühlen noch anders und können sich auch weniger leicht bei starken Emotionen selbst regulieren.

Das bedeutet: Auch Kleinkinder und Kinder im Vorschul- und selbst Grundschulalter stehen manchmal noch vor innerlich großen Herausforderungen, mit all den vielen Erlebnissen und Informationen des Tages umzugehen. Dies umso mehr, je außergewöhnlicher, beängstigender, neuer und/oder anstrengender diese Erfahrungen sind. Gerade wenn sich etwas einschneidend an ihrem Alltag verändert, sie sich in bestimmten Situationen auf einmal anders verhalten müssen oder sich Rahmenbedingungen ändern, kann das emotional sehr anstrengend sein. Dabei sind diese Änderungen für uns nicht immer leicht zu entdecken – besonders nicht, wenn wir mit unserem „Erwachsenengehirn“ darüber nachdenken und nicht erkennen, dass die Abwesenheit des Kindergartenfreundes gerade anstrengend ist oder die Erkältung eines Elternteils oder vielleicht auch „nur“ das Fehlen eines von drei Lieblingskuscheltieren.

Gerade bei größeren Kindern haben wir oft Angst, dass wir sie durch Nähe, Aufmerksamkeit und Zuwendung zu sehr verwöhnen könnten. Und tatsächlich sind die Räume für Eigentätigkeit und Selbständigkeit mit zunehmendem Alter wichtig, aber ebenso sind auch größere Kinder weiterhin auf den wichtigen Teil des Bindungssystems angewiesen, der Schutz und Unterstützung verspricht. Sie brauchen die Gewissheit, dass sie mit den herausfordernden Momenten des Lebens zu ihren Eltern kommen können, damit diese ihnen helfen, diese Erfahrungen richtig zu sortieren, einzuordnen und Strategien zum Umgang damit zu lernen. Es ist wichtig, dass wir ihnen als dieser Schutz und diese Hilfe zur Verfügung stehen – unabhängig von ihrem Alter.

Wenn unsere Kinder mit einem scheinbar „schwierigem“ Verhalten zu uns kommen, können wir dies als Einladung betrachten, genauer hinzusehen und zu erkunden, was gerade schwierig in ihrem Alltag ist, das dieses Verhalten hervorrufen könnte. Und dann erst auf die Lösungssuche gehen – so löst sich ein scheinbar schwieriges oder trotzigen Verhalten viel besser und nachhaltiger auf, als wenn Eltern sich nur wünschen, dass es abgestellt wird.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

„Kack-Mama! Kack-Papa“ – Wie Eltern mit Beschimpfung umgehen können

Welches Elternteil hat den Satz „Du bist eine Kack-Mama!“ oder „Du bist ein Kack-Papa!“ noch nie gehört? Und obwohl nahezu alle Eltern im Laufe der Kindheit diesen oder ähnliche Sätze hören, sind die meisten Eltern von einem solchen Ausspruch ihres Kindes beschämt: Habe ich alles falsch gemacht? Warum spricht mein Kind so mit mir? Das ist doch wohl die Höhe! Also das kann ich nun wirklich nicht durchgehen lassen. – Es sind viele Gedanken, die Eltern in solchen Situationen durch den Kopf gehen können. Die meisten der Gedanken sind darauf fokussiert, was die anderen Menschen denken könnten oder ob man selbst etwas falsch gemacht hat. Aber bevor die eigenen Gefühle und Versagensängste in den Blick geraten, lohnt sich ein Blick auf das Kind und die Situation.

Warum macht das Kind das eigentlich?

Vor der eigenen Scham und Schuldgefühlen verlieren wir oft aus dem Blick, worum es hier wirklich geht: Da steht ein kleines Kind, das vielleicht irgendwo ein Schimpfwort aufgefangen hat und nun damit experimentiert: Wie spricht man es aus? Wie reagieren die anderen darauf? Wie fühlt es sich an, das zu sagen?

Und selbst wenn es kein fremdes, neues Wort ist, sondern ein wohl bekanntes wie „Kack…“, ist der Blick auf das Kind gerade jetzt wichtig. Da steht es, vielleicht 1/3 so groß wie wir selbst und schreit und schimpft und fühlt sich ungerecht behandelt, eingeschränkt, unverstanden und sucht nach einem Kanal, nach einem Wort, um dieses riesige Gefühl der Wut und Frustration loszulassen. Ein Wort, mit dem es all das ausdrücken kann. Und das ist es dann: Kack-Mama, Kack-Papa.

Mit Schimpfwörtern umgehen

Was also können wir tun? Wir kennen all die Sätze, die Eltern eben zu ihren Kindern sagen: „Das sagt man aber nicht!“, „Solche Worte gehören nicht in unsere Familie!“, „Sowas kannst Du vielleicht zu deinen Freunden sagen, aber nicht zu mir!“, „Also ich als Kind hätte…, wenn…“, „Das will ich aber nie wieder hören!“ Helfen diese Sätze? Nein. Weil sie nicht mit dem Problem des Kindes umgehen. Weil sie weiterhin beschneiden und belehren wollen, oft noch in einer Situation, in der das Kind so in Wut ist, dass es gerade eben nicht belehrbar ist.

Auch ein Ignorieren hilft nicht, denn das Kind möchte mit seinem Wort ja etwas an uns transportieren, sagt etwas über die Wut und Verzweiflung. Wenn wir dies ignorieren, ignorieren wir auch die eigentliche Botschaft, die hinter dem steht.

Es geht also um ein Verständnis des Kindes und der Gefühle des Kindes. Wir sollten transportieren: Ich höre, dass du sauer bist, du darfst sauer sein, aber bitte verletze mich nicht. Und hier können wir überlegen, welche Alternativen es gibt: Wie kann dieses Kind die Wut hinauslassen, die es gerade spürt? Was kann es rufen, wo kann es rauftrampeln? Und gibt es überhaupt einen anderen Kanal als die Worte (und muss es ihn geben?). Manchmal mag es einem Kind helfen, ihm zu sagen: Wenn du unbedingt ein Schimpfwort nutzen möchtest, dann schrei es in deinem Zimmer hinaus. Oft aber funktioniert diese Technik nur begrenzt – und beispielsweise unterwegs nicht.

Natürlich sind wir Eltern Vorbilder, eben so wie Geschwister, Freunde, Bekannte, Verwandte. Worte wer den an vielen Stellen auf gegriffen, insbesondere so emotionsgeladene. Es ist nicht schlimm, dass unsere Kinder auch die Wörter benutzen, die in ihrer Umgebung benutzt werden. Mit einem Schimpfwort, so lernt das Kind, kann ein negativer Superlativ ausgedrückt werden.

S. Mierau (2020): Geborgene Kindheit

Das eigentliche Problem

Womit wir uns aber eigentlich befassen müssen, ist die Frage danach, warum genau wir Schimpfworte so schlimm finden. Denn wenn wir ehrlich sind, benutzen wir sie fast alle. Natürlich gibt es gefühlte Unterschiede zwischen „Mist“ und „Scheiße“ oder „Scheibenkleister“. Aber letztlich nutzen wir welches Wort auch immer, um ein ganz starkes Gefühl zu beschreiben und herauszulassen in einem Moment.

Wir können lange Zeit beeinflussen, welche Worte unsere Kinder nutzen, aber weniger, dass sie Schimpfworte nutzen. Im Grundschulalter können wir durchaus mit ihnen Worte festlegen, die nicht (oder zu Hause nicht) genutzt werden und erklären, warum wir das nicht tun. Ob sie sich auch außerhalb unserer Ohren daran halten, können wir nicht beeinflussen. Aber wenn wir ihnen den Raum geben, ihren Emotionen auch mit Worten Ausdruck zu verleihen und ihnen Worte an die Hand geben, die sie nutzen können, helfen wir ihnen mehr als durch Verbote.

Denn tatsächlich ist das eigentliche Problem, welchem wir uns bei Schimpfworten oft stellen müssen, das Gefühl, dass wir als Eltern in irgendeiner Weise versagt hätten, dass wir falsch erziehen würden und andere Menschen uns dafür verurteilen. Aber dieses Gefühl werden wir nicht los, indem wir unsere Kinder bestrafen oder ihnen etwas verbieten. Dieses Gefühl können wir nur in uns selbst bearbeiten und mit dem Wissen, dass die Nutzung von Schimpfworten wie Kack-Mama oder Kack-Papa eben nicht in erster Linie unsere elterlichen Qualifikationen in Frage stellt. Und manchmal sogar genau das Gegenteil ist, wenn wir nämlich dieses Gefühl in uns geklärt haben und unserem Kind den Raum geben können, so etwas zu sagen, ohne es sofort auf uns selbst zu beziehen.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Erwartungsanpassung

„Meine Güte, warum kannst du denn nicht einmal ruhig am Tisch sitzen bleiben!“, „Du darfst nicht so dicht an die Straße rennen, wie oft soll ich das noch sagen?!“, „Du isst jetzt bitte auf, was auf deinem Teller liegt!“ Wie oft haben Eltern diese oder ähnliche Erwartungen an ihre Kleinkinder und werden darin enttäuscht? Oft nicht nur einmal, sondern immer wieder. Und immer wieder taucht der Streit auf, warum das Kind denn nun nicht macht, was man doch schon x Mal besprochen hat, was man vom Kind erwartet. – Anstatt zu überlegen: Wenn das hier immer schief läuft, dann ist vielleicht nicht das Kind „das Problem“, sondern meine Erwartung?

Wir erwarten oft zu viel

Was können Kinder in welchem Alter überhaupt umsetzen? Diese Frage ist für viele Eltern gar nicht so einfach zu beantworten. Auch, da Referenzwerte fehlen: Im Alltag sind wir wenig mit Kindern unterschiedlicher Altersgruppen zusammen und an unser eigenes Können und Tun in der frühen Kindheit können wir uns oft nur gering oder verzerrt erinnern. Wir gehen daher oft von Erwartungen aus, von denen wir annehmen, dass sie für ein Kind einfach zu erfüllen wären: Schließlich kann das Kind doch auf unsere Worte hören, wenn es sie versteht? Wenn es weiß, was „Stopp“ heißt, dann kann es doch an der Straße auch stoppen? Und es ist doch auch nicht zu viel verlangt, einfach am Tisch mal eine halbe Stunde ruhig zu bleiben und zu entspannen? das klingt doch alles ganz logisch und nachvollziehbar und irgendwie auch einfach.

Aber das ist es nicht. Kleinkinder denken anders als wir. In vielen Situationen übernimmt das emotionale Gehirn die Führung. Und auch ihr Einfühlungsvermögen ist noch anders als bei uns. Zudem haben sie vielleicht noch nicht passende Arten gelernt, um mit ihrem Temperament gesellschaftskonform umzugehen (bspw. wie man Wut in einer sozialen Gruppe ausdrücken kann ohne andere körperlich zu verletzen). Und unsere Erwartungshaltung schränkt in vielen Punkten ihre Neugier ein, die aber ein Motor der Entwicklung ist. Vielleicht erwarten wir auch gerade dann etwas, wenn das Kind sich schon sehr viel am Tag angepasst hat und gegen Nachmittag/Abend nicht mehr bereit oder fähig ist, noch weitere Anpassungen zu leisten. Kurz: Wir können uns oft nicht in das kindliche Denken und Fühlen hineinversetzen und setzen eher erwachsene Verhaltens- und Denkweisen voraus.

Der große Krach

Der große Streit entsteht oft dann, wenn das Kind den elterlichen Erwartungen (natürlicherweise) nicht entspricht und es entweder harsch abgehalten wird vom Tun oder nach dem aus Elternsicht falschen Verhalten noch angeschimpft/bestraft wird. So ergeben sich Konfliktfelder, die immer wieder auftreten und sich oft über die Zeit zuspitzen durch ein „Ich hab doch schon tausendmal gesagt, dass du…“

Statt Erwartungen: Nachdenken & Verantwortung übernehmen

Ein Kleinkind ist keine erwachsene Person. Es kann und muss noch nicht verantwortungsbewusst handeln. Es kann noch nicht alles überblicken, abwägen und immer richtige Entscheidungen treffen. Es kann vielleicht nicht über einen längeren Zeitraum ruhig am Tisch sitzen, kann nicht die Verantwortung dafür übernehmen, im Straßenverkehr richtig zu handeln und Risiken richtig einzuschätzen und es kann oft nicht die Mengen abschätzen, die es essen kann. Ein Kleinkind ist ein Kleinkind.

Wenn wir merken, dass wir immer wieder in Streitsituationen kommen, lohnt sich ein Blick auf diese Situation und eine der ersten Fragen kann immer sein: Sind meine Erwartungen an das kindliche Verhalten vielleicht zu hoch? Und zwar nicht nur in Bezug auf das Alter, sondern in Bezug auf dieses individuelle Kind mit seinem persönlichen Temperament und Entwicklungsprofil. Wenn wir feststellen, dass dies so ist, müssen wir die Verantwortung übernehmen. Das bedeutet, dass wir nicht erwarten, dass das Kind still sitzt, nicht auf die Straße rennt und sich die passende Menge auftut, sondern dass wir Rahmenbedingungen schaffen, die dem Kind angepasst sind.

Solche Rahmenbedingungen sind beispielsweise, dass wir das Kind im Straßenverkehr schützen und die Verantwortung nicht abgeben. Dass wir Mahlzeiten so gestalten, dass wir in Ruhe essen können bis wir satt sind, aber das Kind vielleicht früher aufstehen kann oder am Tisch etwas anderes machen kann. Oder dass wir vielleicht kleine Schöpfkellen nutzen und die Mahlzeit so gestalten, dass immer kleine Portionen genommen werden und nachgenommen wird, wenn mehr gebraucht wird.

Vor allem müssen wir verstehen lernen, dass es nichts bringt, ein Kind auszuschimpfen oder zu bestrafen, weil es unsere zu hohen Erwartungen nicht erfüllt. Denn das qüält das Kind, uns selbst und unsere Beziehung.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Hilfe, mein Kind will nicht essen!

Wohl nahezu alle Eltern kennen diese Phasen mit Kindern, wenn das Kind auf einmal nicht essen möchte: Das Essen steht auf dem Tisch, aber das Kind möchte einfach nichts davon haben. Manchmal erstreckt sich dieses Verhalten auf einen oder wenige Tage, manchmal über Wochen und manche Kinder sind von sich aus wählerischer und eingeschränkter in der Auswahl als andere Kinder*.

In der Kleinkindzeit haben viele Kinder eine Skepsis gegenüber einigen Nahrungsmitteln und besonders neue Speisen werden erst einmal abgelehnt. Angenommen wird besonders, was bekannt ist. Und es benötigt eines immer wieder freundlichen Anbietens dieser Speise bis sie dann doch ausprobiert wird. Manchmal ist es auch die Konsistenz und was als Brei nicht probiert wird, funktioniert stückig besser oder schmeckt in einer Sosse verkocht oder in einem Smoothie verarbeitet viel besser als pur.

Was wir vermeiden sollten, wenn unser Kind nicht essen möchte

Wenn unser Kind weniger isst oder Essen ablehnt, sollten wir bei gesunden, normal entwickelten Kindern* nicht sofort in Angst verfallen, die uns zu übergriffigen Verhalten und Druck verleitet. Für viele Eltern ist die Ernährung – oft auch durch eigene Kindheitsthemen belastet – ein schwieriges Thema und bei kleinen Abweichungen von der Norm geraten sie schnell in Sorge. Diese Sorge und die eigenen negativen Ernährungserfahrungen führen dazu, dass gerade beim Essen schnell Druck aufgebaut wird, um das Kind wieder zum Essen anzuhalten.

Auch wenn wir als Eltern gut informiert sind über Nahrungsmittel, Inhaltsstoffe und gesunde Ernährung, erwarten wir von unseren kleinen Kindern zu viel, wenn wir denken, dass diese abstrakten Informationen sie davon überzeugen würden, jetzt das grüne Gemüse doch freudig zu essen. Vorträge über gesunde Ernährung am Esstisch sind deswegen keine zielführende Idee. Größere Schulkinder hingegen können sich mit dem Thema Ernährung kreativ beschäftigen und lernen in der Regel auch in der Schule noch einmal, auf die Bestandteile gesunder Ernährung zu achten.

Auch Bewertungen wie „gute*r“ oder „schlechte*r“ Esser*in oder Kategoriesierungen von „gesunder“ vs. „ungesunder“ Ernährung sind oft nicht zielführend, da sie einerseits für das kleine Kind zu abstrakt sind und die eigene Ernährung in Vergleich zu anderen Menschen setzen, vielleicht sogar in eine Art Wettbewerb und das Konzept von „gesund“ und „ungesund“ anhand einzelner Lebensmittel ungünstig ist, da nicht das Nahrungsmittel an sich, sondern die Menge oft den entscheidenden Faktor ausmacht und Kinder langfristig lernen sollten, nicht bestimmte Nahrungsmittel per se aus Angst zu vermeiden, sondern sinnvoll und kritisch damit umzugehen.

Auch Schulgefühle sollten wir nicht aufbauen, um das Kind zum Essen zu überreden: „Aber ich habe mir so viel Mühe gegeben beim Kochen….“ oder „Jetzt bin ich ganz traurig, weil du wieder nichts isst!“. Auch Bestrafungen/Belohnungen werden oft genutzt, um das Kind zum Essen zu überreden: „Wenn du das nicht isst, dann gibt es auch nachher kein Eis!“ – Süßigkeiten können, wenn eine Familie sich dafür entscheidet, ganz normal in den Alltag integriert werden, müssen aber nicht in Zusammenhang mit den Hauptmahlzeiten stehen und nicht als Belohnung oder Bestrafung genutzt werden. Natürlich werden Kinder von einem Pudding nicht unbedingt satt – Müssen wir ihn deswegen als Nachtisch anbieten oder macht es nicht mehr Sinn, den Pudding lieber losgelöst vom Mittagessen anzubieten?

Was wir tun können

Was wir stattdessen machen können? Ruhig bleiben, uns das Essverhalten des Kindes über einen längeren Zeitraum genauer ansehen. Manchmal verändert sich unser Blick bereits, wenn wir wirklich einmal aufschreiben, was das Kind den ganzen Tag über isst. Manchmal sehen Eltern dann, dass es so viele kleine Mahlzeiten sind (hier eine Maiswaffel, da ein Apfel und noch eine Banane,…), dass das Kind zu den Hauptmahlzeiten wenig Hunger hat. Auch unser eigenes Essverhalten kann dabei in den Blick geraten: Wer isst hier eigentlich wie und was und wann? Auch hier gilt: Wir sind Vorbild im Alltag für unsere Kinder.

Wir können unseren Blick mehr auf Bedürfnisse, Wünsche und Signale wenden und mit dem Kind erkunden, wann es hungrig ist und wann nicht und warum das so ist.  Wie fühlt sich Hunger und Sättigung an?

Zudem können wir über die aktuelle Situation und Entwicklung des Kindes nachdenken: Was macht es gerade besonders gerne? Bewegt es sich weniger? Hat es vielleicht Streit mit Freund*innen? Bekommt es Zähne und das Essen schmerzt?

Vor allem sollten wir den Druck heraus nehmen aus den Esssituationen: Essen sollte Spaß machen, ein soziales Miteinander sein, Genuss sein und so auch zelebriert werden – von allen Anwesenden. Das ist nicht immer einfach und im Laufe der Jahre gibt es immer wieder Situationen, die am Esstisch auch schwierig sind. Aber wenn wir diesen Herausforderungen als Eltern mit Entspannung und Wohlwollen begegnen, geben wir unseren Kindern ein großes Geschenk mit.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

*Bei Kindern mit Gedeihstörungen, Erkrankungen etc. oder bei Kindern, die in der Entwicklung verzögert sind, sowie bei Kindern, die neben einem Appetitverlust an anderen Symptomen leiden, ist eine ärztliche Beratung angezeigt. Auch wenn Eltern ein nicht näher definierbares ungutes Gefühl haben in Bezug auf die Ernährung ist eine ärztliche Abklärung und Unterstützung sinnvoll. Eine Ernährungsberatung durch Fachpersonen kann in jenen Fällen bei sehr eingeschränktem Essverhalten und/oder Mangelernährung eine hilfreiche Unterstützung sein. Dieser Artikel bezieht sich auf Kinder, die zwischenzeitlich Nahrung ablehnen und nicht unter einer Erkrankung/Mangelernährung/Gedeihstörung leiden.

Die ersten Nächte mit Baby und Geschwisterkind

In der Schwangerschaft bereiten sich Eltern oft schon auf viele Themen vor – und bei jedem weiteren Kind wissen sie mehr, was wichtig und was weniger wichtig ist. Dennoch sind die ersten Tage mit einem neuen Kind immer wieder neu und anders und gerade dann, wenn schon größere Geschwister da sind, müssen sich nicht nur Eltern und Kind finden, sondern auch das große Geschwisterkind einen neuen Platz einnehmen. Gerade die Routinen des Alltags ändern sich, wenn auf einmal wieder ein Baby im Haus ist. Diese Routinen und Rituale betreffen sowohl Morgenroutinen, Pflege, das Einnehmen von Mahlzeiten, als auch eben das Einschlafen und die nächtliche Ruhezeit. Gerade wenn das größere Geschwisterkind noch im Kleinkindalter ist, ist dies Nachtruhe oft ein schwieriges Thema und es kommt nicht selten zu Streit oder Problemen im neuen Alltag.

Das große, kleine Geschwisterkind

Betrachten wir also zunächst das große, kleine Geschwisterkind: Auch im Kleinkindalter ist der Schlaf noch nicht wie bei einer erwachsenen Person und gerade jetzt, wo das Kind selbständiger wird, sich weiter fortbewegt und andere Zusammenhänge denkt, wird das Einschlafen manchmal zum Problem: die Fantasie lässt wilde Tiere unter dem Bett wohnen oder Monster. Auch Albträume können Kindern Angst vor dem Einschlafen machen. Wann Kinder allein einschlafen, ist ganz unterschiedlich. Dass sie aber im Kleinkindalter noch nicht allein einschlafen wollen, ist recht weit verbreitet. Und selbst wenn das Einschlafen allein funktioniert, kommen viele Kinder nachts doch noch zu den Eltern: im Alter zwischen 2-7 Jahren mindestens einmal pro Woche (siehe pdf).

Es ist also ohnehin recht normal, dass das große, kleine Geschwisterkind noch in den Schlaf begleitet werden will. Nun, in der neuen Situation mit Baby, stellt sich der Alltag neu um – eine Herausforderung für viele Kinder. Sie fordern aus ihrem Bindungsbedürfnis heraus jetzt Sicherheit, Schutz und Nähe der Bezugspersonen ein. Dies umso mehr in Situationen, die ohnehin schwierig sind, die ohnehin noch nicht leicht bewerkstelligt werden können. Gerade jetzt wollen sie noch mehr sichergehen, dass wirklich alles gut ist.

Wechsel der Einschlafbegleitung – oft schwierig

In vielen Familien erleben Kinder in den ersten Jahren immer gleiche oder sehr ähnliche Zubettgehroutinen: Oft bringt ein Elternteil das Kind ins Bett, liest noch etwas vor, bleibt dabei, bis das Kind schläft. Oft sind es die Mütter, die diese Aufgabe übernehmen. Ist ein neues Baby auf einmal da, wird in diesem Fall oft gewechselt: Auf einmal bringt der andere Elternteil das größere Geschwisterkind ins Bett. Was Erwachsenen als ganz logische Idee erscheint, ist es für Kinder nicht zwangsweise auch. Sie bilden oft eine Bindungshierarchie aus: Die Person, die das Kind am häufigsten und/oder bedürfnisorientiertesten begleitet, steht in dieser Hierarchie ganz oben und wird in erster Linie zur Bedürfniserfüllung eingefordert – auch wenn die andere Bezugsperson anwesend und verfügbar ist. Wechseln nun „einfach“ die Bezugspersonen, auch wenn der andere Elternteil auch geduldig vorliest, da bleibt, die Hand hält etc., ist das für das Kind nicht dasselbe wie zuvor. Es möchte am alten, Sicherheit gebenden Ritual festhalten.

Das große Geschwisterkind ins Bett bringen

Hilfreicher als ein Wechsel beim großen Geschwisterkind ist es daher oft, wenn das größere Kind wie bislang begleitet wird und das Baby während der Einschlafbegleitung einen Wechsel erlebt: Es ist noch nicht so stark festgelegt wie das größere Kind und kann mit dem anderen Elternteil nun ein eigenes Ritual entwickeln. Vielleicht, indem es in dieser Zeit in der Trage bei einem Spaziergang getragen wird. Oder in einem anderen Raum mit dem anderen Elternteil kuschelt. Je nach Situation und Temperament/Bedürfnissen der Kinder können natürlich auch beide Kinder gleichzeitig in den Schlaf begleitet werden. Schläft das Baby regelmäßig früher ein, spricht natürlich auch nichts dagegen, es ruhig neben sich liegen zu lassen und dem größeren Kind eine Geschichte vorzulesen, sofern dies für das Geschwisterkind in Ordnung ist.

Platz für nächtliche Besuche

Schläft das größere Geschwisterkind schon in einem eigenen Bett, vielleicht sogar eigenen Zimmer, sollte bedacht werden, dass es nachts dazu kommen kann und einen sicheren Schlafplatz für sich, aber auch das neue Baby einnimmt. Das bedeutet, dass die Geschwister in der Babyzeit nicht nebeneinander im Familienbett schlafen sollten, sondern voneinander getrennt, da sich Kinder im Schlaf auf das Baby legen könnten oder durch Kuscheltiere oder Decken die Atmung des Babys behindern könnten. Ein sicherer Schlafplatz im Familienbett, der nur dem älteren Geschwisterkind gehört, wenn es nachts oder morgens dazukommen möchte, ist ein Signal des Willkommens und der Sicherheit.

Unruhe in der Nacht

Ist das größere Kind dann mit im Familienbett oder schläft angrenzend in eigenem Bett, sorgen sich viele Eltern, ob die Geräusche des Babys nicht den Nachtschlaf des größeren Kindes stören könnten. Auch hier ist es unterschiedlich und einige Kinder schlafen gut auch bei unterschiedlichsten Geräuschen, während andere schneller aufwachen. Bevor das gemeinsame Schlafen aber ausgeschlossen wird aus dem Gedanken heraus, das größere Kind könnte davon gestört werden, lohnt sich ein Versuch, ob es wirklich so ist oder der Vorteil der Nähe überwiegt.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Autorität haben oder sein? – Die Rolle der Eltern

Kinder brauchen Bezugspersonen, die größer, stärker, weise und gütig sind. Sie brauchen Schutz und Liebe. Auf dieser Basis gewinnen sie Vertrauen und Sicherheit, können eine sichere Beziehung zu ihren Bezugspersonen aufbauen. Wie genau sich Eltern dabei verhalten sollen, ist allerdings für viele Eltern unklar: Gebe ich einen Rahmen vor? Wie begleite ich? Wieviel gebe ich vor und wo lasse ich mich auf das Kind ein? Soll ich eine Autorität sein für mein Kind und wenn ja, wie bin ich das? Es ist nicht so einfach, den eigenen Platz und Weg zu finden. Auch, da der Begriff „Autorität“ in uns oft negative Empfindungen freisetzt, denn wir denken dabei an Macht und Herrschaft – an unangenehme Beziehungen und Druck. Aber das ist lediglich EINE Art, wie Autorität zum Ausdruck kommen kann.

Autorität haben

Wir können Autorität HABEN durch die Verwendung von Druck und Macht, die wir dazu nutzen, dass sich das Kind nach uns richtet. Wir sind größer, wir sind auf vielen ebenen mächtiger: haben finanzielle Macht, körperliche Macht, mehr Erfahrungen – all dies können wir einsetzen, damit das Kind sich nach uns richten muss. Und diese Macht kommt in vielen verschiedenen Gestalten zu uns: durch Strafen, Beschämung, Drohungen. Manchmal ist sie auch wenig erkenntlich, wenn wir scheinbar Kompromisse anbieten, aber auch der Kompromiss nur eine von unserer Regel abweichende und von uns selbst vorgeschlagene Alternative ist, bei der sich das Kind nur entscheiden kann zwischen zwei Wegen, die es eigentlich beide nicht will und nicht vorgeschlagen hat.

Diese Art der Macht und Autorität können wir eine ganze Weile über unsere Kinder ausüben – bis sich das Machtgefällt langsam ändert und die Kinder weniger abhängig in der Bedürfniserfüllung von uns sind. Natürlich führt diese Art des Umgangs immer wieder auch zu größeren Problemen, denn das Kind bäumt sich nicht selten gegen die vielen Fremdbestimmungen auf. Dennoch aber funktioniert es eine ganze Weile so. Bis zu dem Punkt, an dem Kinder Dinge heimlich machen können, wenn die Konsequenzen sie nicht mehr schrecken oder sie ihnen aus dem Weg gehen können.

Autorität sein

Oder wir SIND eine Autorität für unsere Kinder. Nicht durch Macht(missbrauch), sondern durch Vorbild, Einfühlungsvermögen, Charisma. Das geht nicht? Doch, denn Kinder sind von Anfang an kooperativ. Studien haben gezeigt: Kinder, die respektvoll aufwachsen mit einem sensiblen, toleranten Umgang zwischen Eltern und Kindern, kommen viel eher elterlichen Anweisungen nach.

Es ist ein Umdenken für jene Eltern, die selbst in Machtstrukturen und mit Eltern aufgewachsen sind, die Macht mittels bestimmter Erziehungsmethoden ausgeübt haben. Es scheint zunächst befremdlich: Können wir wirklich auf Druck und Unterwerfung verzichten und folgen uns unsere Kinder dennoch? Sind sie gar keine unzuverlässigen, wilden, eigennützigen Wesen, sondern sind sie wirklich von sich aus schon sozial und wollen dazugehören? Das Bindungssystem gibt uns eigentlich bereits Aufschluss über diese Fragen: Ja, Kinder wollen dazu gehören, wollen in ihrer Gruppe aktive Mitglieder sein, wollen respektiert werden und sind gleichsam auf ihre Bezugspersonen so ausgerichtet, dass sie sich den Schutz und die Sicherheit dieser Personen durch Kooperation sichern.

Natürlich hat die Kooperationsfähigkeit eines kleinen Kindes Grenzen. Es kann sich jeden Tag nur in einer bestimmten Menge den Rahmenbedingungen anpassen und eigene Bedürfnisse wie Neugier und Entdeckungsdrang zurückstellen, die es häufig sind, die Eltern dazu verleiten, Druck und Strafen anzusetzen. Dies müssen wir berücksichtigen in unseren Handlungen und der Alltagsgestaltung. Und ja: Manchmal schaffen wir es vielleicht wirklich nicht auf Augenhöhe durch den Tag, denn es gibt Situationen, die es einfach nicht hergeben. Aber im Großen und Ganzen sollte es unser Ziel sein, nicht Autorität zu haben, sondern Autorität zu sein – aus unserer liebevollen, verständisvollen Haltung heraus.

Lassen wir das Denken hinter uns, dass Eltern Bestimmer*innen sind und mit Druck, Strafe und Unterwerfung arbeiten müssten und entwickeln wir ein Bild von uns als Eltern, die mit Güte, Liebe und Verständnis unsere Kinder begleiten, ihnen Schutz geben, ihnen als Vorbild im Handeln und Denken dienen und auf diese Weise eine natürliche, liebevolle Autorität bilden, an der sie sich orientieren können.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Mehr dazu lesen in:
Kohn, Alfie (2015): Liebe und Eigenständigkeit. Die Kunst bedingungsloser Elternschaft, jenseits von Belohnung und Bestrafung. – 4. Aufl. Freiburg: Arbor
Omer, Haim/von Schlippe, Arist (2010): Stärke statt Macht. Neue Autorität in Familie, Schule und Gemeinde. 3. Aufl. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht
Omer, Haim/von Schlippe, Arist (2016): Autorität durch Beziehung. Die Praxis des gewaltlosen Widerstands in der Erziehung. Göttingen: Vandenhoeck & Rupprecht
Powell, Bert/ Cooper, Glen/ Hoffmann, Kent/Marvin, Bob (2015): Der Kreis der Sicherheit. Die klinische Nutzung der Bindungstheorie. – Lichtenau: G.P. Probst Verlag

„Nein, nicht hauen!“ – Impulskontrolle bei Kleinkindern

Der Alltag mit Kleinkindern ist oft voll von großen Gefühlen: sie können vor Freude hüpfen und singen, die können lange weinen, wenn sie traurig sind – und wenn sie wütend sind, dann stampfen sie auf, wollen etwas werfen oder auch mal ein anderes Kind (oder Erwachsenen) hauen. Diese Gefühle zu begleiten – besonders beim Hauen, Beißen oder Spucken, ist nicht einfach: Wir wollen nicht angegriffen werden, wir wollen andere Kinder schützen und wünschen uns auch, dass das Kind sich sozial in der Gesellschaft bewegt. Aber wer einem Kleinkind in einer Wutsituation sagt: „Nein, nicht hauen!“ weiß oft auch, dass das Kind nicht zwangsweise hört bzw. – und da liegt die wichtige Information für uns Eltern – das Gefühl noch nicht richtig kontrollieren kann.

Die große Zeit der Aggressionen

Aggression ist ein Teil unserer Gefühlswelt. Allerdings unterscheiden wir Erwachsene uns im Ausleben der Aggression (meist) von unseren Kindern, da wir aggressive Impulse (meist) besser kontrollieren können. Allerdings gibt es sowohl bei den Kindern in Hinblick auf Aggression als auch bei uns Erwachsenen ein große Bandbreite unterschiedlichen Verhaltens. Das Hemmen eines aggressiven Impulses hängt nämlich sowohl von unserer genetischen Ausstattung für die Hormone/Neurotransmitter ab, als auch (teilweise in Verbindung damit) von den Erfahrungen in der eigenen Kindheit und der Hirnreifung allgemein: Belastende Erfahrungen und Stress in der frühen Kindheit können nämlich einen Einfluss nehmen auf die Ausschüttung von Stoffen, die aggressive Impulse hemmen und damit wir mit der Wut sozialverträglich umgehen, muss ein bestimmter Hirnbereich (der medilae präfrontale Cortex) die Aktivität der für Emotionen zuständigen Amygdala hemmen.*

Bei unseren Kindern ist dies alles noch ein wenig anders als bei den (meisten) Erwachsenen. In einer Studie wurde herausgefunden, dass die körperliche Gewalt von Kindern in der Regel ab einem Alter von 1,5 Jahren zunimmt, ihren Höhepunkt im Alter von 3,5 Jahren hat und dann wieder in den meisten Fällen abnimmt. Genetische Faktoren, soziale Erfahrungen und die Interaktion zwischen beidem haben einen wichtigen Einfluss darauf, ob das aggressive Verhalten wieder zurückgeht, oder sich chronisch ausbildet.

Wie also nun mit Aggression umgehen?

Wir sehen also: Kinder können von Anfang an sehr unterschiedlich darin sein, ihre Aggressionen auszuleben, es gibt bei den meisten Kindern eine Art Hochzeit des aggressiven Verhaltens und Kinder lernen im Laufe der Zeit (auch in Zusammenhang mit der Hirnreifung) mit Aggression umzugehen. Wichtig dabei ist, dass sie durch ihre Umgebung lernen, wie sie mit ihren Gefühlen umgehen können und sollten.

Für Eltern bedeutet dies zunächst: Dass Kinder aggressives Verhalten zeigen, ist normal. Es ist zunächst kein Zeichen für ein Versagen als Eltern, wenn das Kleinkind andere Kinder oder auch Erwachsene hauen will. Wichtig ist aber, wie wir selbst mit dem Kind umgehen, ob wir ihm durch Strafen, Druck und andere Gewalt Stress zufügen, was seinen Umgang mit Aggression langfristig beeinflussen kann, und wie wir ganz konkret in jenen Situationen mit dem Kind umgehen, in denen es haut/beißt/spuckt/kratzt.

Den Umgang mit der breiten Palette an Gefühlen müssen Kleinkinder erst üben. Von uns können sie lernen, die Gefühle nicht zu unterdrücken, sondern wahrzunehmen und gut auszudrücken.

Mierau, Susanne (2020): Geborgene Kindheit

Wenn wir wissen, dass das Kind es durch die Hinreifung bedingt noch schwer hat, in schwierigen Situationen überlegt zu handeln, ändert dies schon einmal den Blick auf das Kind: Es ist nicht „von sich aus böse“, es kann nur gerade noch nicht anders handeln. Und das Lernen dieses anderen Handelns begleiten wir nun als Eltern:

  • Es gibt Situationen, in denen können wir von uns aus einschätzen, dass das Kind gleich wütend wird: Wir sehen, wie sich ein Konflikt zuspitzt und können dann schon in Erwartung dessen diesen Konflikt nah begleiten. Das bedeutet beispielsweise, dass wir das andere Kind vor dem Übergriff schützen können. Wir können auch versuchen, eine Alternative anzubieten: „Ich sehe, dass du super wütend bist, das ist okay. Aber lass es nicht am anderen Kind aus, sondern… (stampfe, schreie, boxe ins Kissen…).“ – Je jünger die Kinder sind, desto schwerer fällt es aber, eine Alternative umzusetzen. Dennoch: andere Wege aufzuzeigen ist sinnvoll.
  • Wut und Aggression sind Gefühle und gehören zu unserem Leben dazu. Es ist nicht gut, wenn Kinder diese Gefühle ausklammern müssen und nicht haben dürfen. Daher ist es wichtig, nicht einzufordern, dass das Kind nicht wütend sein darf. Es darf wütend sein! Es muss nur noch einen Weg finden, mit der Wut gut umzugehen. Auch in ruhigen Momenten können wir gemeinsam über Aggression und Wut sprechen, auch mit Hilfe von Kinderbüchern.
  • Aggression eines Kleinkindes hat oft mit dem „Nein“ zu tun. Dieses „Nein“ ist wichtig für die Entwicklung: Nein, ich will nicht, dass du mir etwas wegnimmst. Nein, ich will nicht mit dir spielen. Nein, ich will nicht, dass du mich anfasst. Nein, ich will nicht teilen.- Das Nein ist ein großer Meilenschritt der Entwicklung, mi dem das Kind umgehen lernt und das es für ein selbstbestimmtes Handeln braucht.
  • Strafen als Reaktion sind ebenfalls nicht sinnvoll. Durch Strafen lernt es, dass dieses Gefühl nicht sein darf. Darüber hinaus versucht es aber vielleicht auch (da es diese Gefühle ja gibt), das wütende Verhalten im Geheimen zu zeigen und lügt, wenn es darauf angesprochen wird aus Angst vor der Bestrafung. Auch eine Auszeit ist keine passende Reaktion auf die Aggression eines Kleinkindes.
  • Immer wieder auftauchende aggressive Konflikte und eine andauernde Aggression des Kindes kann auch ein Hinweis sein, dass es dem Kind gerade nicht gut geht. Dann lohnt es sich, genauer hinzusehen: Was hat sich verändert? Welche Probleme hat das Kind? Gerade hier sind Strafen und Druck ebenfalls unangemessen. Das Kind hat ein Problem, das wir einfühlsam identifizieren müssen.
  • Auch unser eigener Umgang mit der Wut ist wichtig: Was erlebt das Kind bei uns? Wie gehen wir mit Wut um?
  • Auch der Satz „Nicht hauen!“ kann schwierig sein, da Kinder das „nicht“ darin nicht richtig wahrnehmen.

Wir sehen also: Aggression ist normal und Teil der Entwicklung. Wir Eltern müssen aber an vielen Stellen noch (oder wieder) lernen, mit den Aggressionen unserer Kinder sinnvoll umzugehen, damit sie dann lernen, mit ihnen umgehen zu können.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Zum Weiterlesen:
Juul, Jesper (2017): Aggression. Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist. – Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch.
Mierau, Susanne (2020): Geborgene Kindheit. Kinder vertrauensvoll und entspannt begleiten. – München: Kösel.
*Strüber, Nicole (2019): Risiko Kindheit. Die Entwicklung des Gehirns verstehen und Resilienz fördern.