Kategorie: Kleinkind

Erziehung ist doch ganz einfach!?!

Patsch, patsch, patsch – eine kleine Hand wischt am Morgen durch das Gesicht. Es ist noch dunkel, während die Stimme piepst „Ich mag spielen.“ Der Tag beginnt zu früh nach einer zu kurzen Nacht, denn abends musste noch gearbeitet und das Nötigste aufgeräumt werden. Nur das Nötigste, denn #gutgenug reicht. Und muss es auch, denn für mehr fehlt gerade die Zeit. „Hunger!“ tönt es kurz darauf, also wirklich aufstehen und nicht eben noch ein wenig im Bett spielen lassen. Frühstück machen. Gesund soll es sein, wo früher einfach auf den Tisch kam, was gerade noch da war. Anscheinend gesund, aber nicht lecker: Ein Teil des müde geschmierten Brotes landet auf dem Boden. Kind lacht und schiebt den Teller weg. Oder ist es einfach nur satt? Was heißt eigentlich dieses Runterwerfen von Essen? Vielleicht sollte ich es mal nachlesen oder jemanden fragen? Satt, eklig, Spaß, Machtkampf? Nicht ärgern, ist ja nur ein Kind. Aber als ich Kind war – lieber nicht drüber nachdenken. „Spielen!“ Schnell etwas wegräumen, dann Zähne putzen. Oje, will wieder nicht. Aber Karies! Soll ich das Kind festhalten? Nein, das fühlt sich nicht gut an, das zu denken. Aber Karies! Die Angst, dass das Kind krank werden würde. Manchmal ist sie so groß, dass darüber lange gegrübelt wird. Oder diskutiert. Ein weiterer Grund, um abends schlecht zu schlafen. Das Kind windet sich, mit einem lustigen Lied und Handpuppe geht es aber doch. Einfach allein auf die Toilette gehen wäre auch schön. Aber meistens sitzt da ein Kind daneben, mehr oder weniger interessiert. Und beim Duschen. Das Kind spielt mit dem kuscheligen Drachen-Waschlappen.

„Selber anziehen!“ Dann eben doch wieder nicht zusammenpassende Sachen – ist ja auch egal. Nur Oma würde es furchtbar finden. Geduld. So viel Geduld wie in kaum einem Job gebraucht wird. Oje, warum ist das Kind jetzt wütend? So früh am Morgen und trotzdem schon so viel Energie verbraucht für Gespräche, für Beruhigung – und eben Geduld. Es wäre toll, jetzt einfach mal auszuruhen, kurz durchatmen. Vielleicht mache ich mir doch einen Tee. In der Zwischenzeit räumt das Kind die unterste Küchenschublade aus. Sind extra nur Dosen, damit das kein Problem ist. Irgendwie muss ja auch mal gekocht werden und das Kind will in der Nähe sein. Kurz durchatmen bevor das Spiel doch langweilig wird. Kurz auf das Handy sehen. Gerade mal 10 Uhr. Fühlt sich an wie nachmittags.

„Spielen!“ Machen wir. „Nein nicht so, so ist doof. Du musst…“ Immer soll ich spielen, wie es das Kind mag. Versuche, Kompromisse auszuhandeln. Nebenher die Einkaufsliste im Kopf durchgehen, lieber doch auf Papier bringen. Das Kind findet das weniger schön und greift über den Tisch nach dem Stift. Leider fällt der Tee um. Zum Glück nicht mehr heiß. Trotzdem. „Verdammt nochmal!“ Oh nein. Geflucht. Und laut gewesen. Ich will das doch nicht. Es ist manchmal so schwer.

Zusammen einkaufen und darauf achten, dass wirklich nur im Wagen landet, was soll. Nicht die Nörgel-Dinge. Erklären, erklären, erklären. „Ja, würde ich kaufen, aber leider zu teuer.“/“Wir haben schon das andere im Wagen.“/“Okay, dieses, aber mehr auch nicht.“ Maske drauf lassen. Meine auch. Wieviele Worte habe ich heute schon gesprochen? Das Kind weint. Was ist passiert? In den Arm nehmen, trösten. Aber warum eigentlich? Kind sagt nichts und weint. Weiter trösten, auch wenn unklar ist, warum. Schließlich beruhigt doch weiter gehen. „Kannst du etwas schneller laufen, der Einkauf ist so schwer!“ Okay, dann eben eine Pause, um der Ameisenstraße zuzusehen. Immerhin: Heute keine Termine, also kein Zeitdruck. An anderen Tagen schon. Zu Hause stehen die Dosen noch in der Küche auf dem Boden, kann gleich weiter bespielt werden, während der Einkauf weggeräumt wird. Mittagessen kochen zusammen: Das Kind darf mitrühren, mitmachen. Geduld haben, Geduld. Es übt sich in der Motorik, nichts funktioniert von Anfang an. Zum Ende des Essens landen wieder Nudeln auf dem Boden.

Danach: Mittagsschlaf. Buch vorlesen – wieder das gleiche Buch wie seit einer Woche. An der selben Stelle wird gelacht, die selben Fragen gestellt. Und schließlich schläft das Kind ein. Kurz der Stille zuhören. So gerne einfach mitschlafen wollen. Aber eigentlich muss unter dem Esstisch gewischt werden. Und Mails beantworten. Fenster putzen? Nur kurz unter dem Esstisch wischen und sich dann doch neben das Kind legen. Eingeschlafen. Oje, so spät! Das wird ein langer Abend.

Ein wenig draußen spielen auf dem Spielplatz mit langem Spaziergang. Das macht vielleicht auch müde? Lachen über ein Bild an der Wand, verkleckertes Eis auf dem Shirt und glückliches Kindergesicht. Auf dem Spielplatz auf Abstand achten und trotzdem dem Kind ein gutes Gefühl geben. Hochgezogene Augenbrauen, weil ich zu lange auf das Smartphone starre und google „Kind wirft immer essen runter“. „Komm wir gehen nach Hause!“ „Ich kann nicht mehr laufen!“ Okay, es ist ja noch klein. Aber doch ganz schön schwer, so ohne Trage. Abendessen: „Wenn du satt bist, sag einfach Stopp.“ Hat heute noch nicht geklappt, vielleicht morgen. Zähne putzen mit Zahnputzlied. Vielleicht leihe ich ein neues Zahnputzbuch in der Bibliothek aus. Nachher mal online sehen, ob ich es reservieren kann.

Das Kind ist nicht müde. Im Bett spielen und kuscheln und lesen. Ein wenig in einer Zeitschrift blättern, während das Kind spielt. Und schließlich kuschelt es sich ein. Es ist spät. Das Kind ist warm und weich und duftet nach meinem Kind. Wie sehr ich es liebe. Und wie anstrengend manche Tage sind. Noch schnell das Buch reservieren, ein paar Mails checken und neue T-Shirts fürs Kind bestellen, damit man nicht in den Laden muss. Jetzt. Wer weiß wie lange. Den Kalender durchgehen, Sachen für morgen bereit legen. Kurz mit der Freundin chatten. Tee trinken. Und einschlafen, neben dem kleinen Kind. Und morgen? Da probieren wir es mal weiter mit dem „Nicht auf den Boden werfen.“. Und lachen und trösten und lieben und weinen und hüpfen und tragen. Und sind Familie.

Eltern sein kann wunderschön sein. Und manchmal auch so schwer. Eltern sein besteht aus vielen Handgriffen jeden Tag. Es besteht aus Körperlichkeit und Nähe: einen anderen Menschen ganz nah an sich heranlassen – innerlich und äußerlich. Und ihn – selbst wenn er schon scheinbar groß ist – auf den Arm nehmen, einzukuscheln und körperlich zu zeigen: Ich bin da. Es besteht darin, die Signale eines kleinen Menschen zu lesen, zu interpretieren, zu verstehen und richtig umzusetzen. Manchmal schleichen sich Fehler ein. Das ist normal, macht es aber nicht einfach. Und die eigenen Bedürfnisse damit auch zu vereinbaren, ist manchmal eine Herausforderung. Nicht in Schieflage zu geraten auf der einen oder anderen Seite. Denn wenn die Eltern erschöpft sind, können auch Bedürfnisse des Kindes nicht erfüllt werden. Und dann mit den Stimmen der eigenen Kindheit umgehen, die es manchmal ganz anders anraten: „Nein, du verwöhnst das Kind!“ flüstern sie zu. „Das Kind wird ein Tyrann!“ oder „Dir hat ja auch nicht geschadet…“ Es ist Arbeit, mit diesen Stimmen umzugehen. Es ganz bewusst anders zu machen. Manchmal braucht es eine fachliche Begleitung und Zeit. Und auch das Begleiten der kindlichen Gefühle ist nicht immer einfach: ein wütendes Kind begleiten, ein trauriges Kind lange trösten. Ein müdes Kind, das nicht einschlafen kann, begleiten.

Kinder sind wunderbar, mit all ihren Facetten. Aber es ist dennoch nicht einfach, all das zu begleiten. Es braucht Kraft, Mut, Vertrauen, Verständnis, Unterstützung, Selbstfürsorge, Selbstvertrauen, Reflexionsfähigkeit, Zeit, Nähe, Kommunikationsfähigkeiten – und noch viel mehr. Je nach Familie, je nach Kind. Es ist jeden Tag eine ganz besondere Tätigkeit, Kinder zu begleiten.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Toben und wild sein

Kinder sind Kinder. Sie hüpfen, rennen, balancieren und kugeln sich auf dem Boden. Je nach Temperament setzen sie das stärker oder schwächer um, sind dabei forscher oder schüchterner. Dass sie all das tun, ist aber Teil ihrer Entwicklung: Nachdem sie das Laufen erlernt haben, lernen sie auch die Feinheiten der Fortbewegung, die schnellen und ruhigen Arten und lernen, mit ihrem Körper auf ganz unterschiedliche Art umzugehen. Im Alltag suchen sie sich dafür ihre Räume und Möglichkeiten: Klettern auf kleine Mauern, um darauf zu balancieren, rollen sich einen Hügel seitwärts hinab im weichen Gras. Was aber, wenn diese Möglichkeiten wegfallen, weil die Kinder mehr zu Hause sind?

Das Bedürfnis nach Bewegung

Dass Kinder ein Bedürfnis nach Bewegung haben, ist normal. Auch wir Erwachsene haben es, auch wenn sich unser Bedürfnis nach Bewegung über die Jahrzehnte verändert hat, wie vielleicht durch die Erfahrungen des Stillsitzens und der langen Schreibtischarbeit, durch die wir diesem Bedürfnis weniger nachkommen (zum Teil mit gesundheitlichen Folgen). Wir können durch Bewegung Stress abbauen, die motorische Entwicklung unterstützen, ebenso wie die Gesundheit. Unsere Kinder kommen diesem Bedürfnis in ihrem Alltag nach, im Spiel, während wir Erwachsene dafür eigene Räume und Anlässe haben wie gezielte Sportangebote. Der Sport- und Bewegungswissenschaftler Dr. Dieter Breithecker erklärt, dass Kinder „zum Aufbau ihrer organischen Funktionen eine tägliche Belastungseinheit von mindestens (!) zwei Stunden“ benötigen.

Raum für Bewegung

Im Alltag haben die Kinder normalerweise eine Vielfalt an Möglichkeiten, um dieser körperlichen Belastung nachzugehen: Sie rennen mit Freund*innen, sie balancieren und klettern auf dem Weg zur Kita/Schule oder auf dem Spielplatz, sie hüpfen vor Freude oder rutschen ein Treppengeländer hinunter. Sie raufen und balgen mit Geschwistern und Freund*innen – nicht eines kriegerischen Kampfes wegen, sondern weil sie durch das Toben ihre Fertigkeiten ausbauen und wichtige Erfahrungen machen. Gerade das Toben unter Kindern ist für sie auch von besonderer Bedeutung: Hier erfahren sie, mal stark oder schwächer zu sein in Auseinandersetzung mit anderen Kindern, spüren Kraft und Ausdauer, Fairness, Regeln, Grenzen zu benennen und bei anderen zu bewahren, sich bei Grenzverletzungen zu streiten und wieder zu vertragen. Sie lernen, mit Impulsen umzugehen und Kanäle für Aggressivität zu finden. Es ist normal, dass Kinder miteinander toben und kämpfen und das auch einen Raum in ihrer Kindheit hat. Diese normalen Impulse der Kinder zu unterdrücken mit einem „Kämpfen/Toben ist doof!“, „Wir kämpfen/toben nicht.“ oder gar einer geschlechtsstereotypen Zuordnung wie „Mädchen kämpfen/toben nicht!“ kann Kinder in ihrer Entwicklung beeinträchtigen. Auch das Toben mit Erwachsenen kann für Kinder manchmal eine Bereicherung sein, wenn sie sich daran erproben und gelegentlich auch Oberhand gewinnen, die sonst vorherrschende Machtverteilung umkehren können.

Kinder brauchen diesen Raum für das wilde Spielen. In unserem Alltag geben wir dem manchmal wenig Raum – im wahrsten Sinne des Wortes, wenn Kinder sich in den Wohnungen nicht kindgerecht bewegen dürfen, wenn das Trampeln und Hüpfen verboten ist oder es keine Orte gibt, an denen balanciert und gesprungen werden darf. Gerade jetzt, wo die Bewegungsfreiheit und die Bewegungsmöglichkeiten eingeschränkt sind und auch das Toben mit anderen Kindern nur bedingt möglich ist, können Kinder darunter leiden, in ihrem Bewegungsbedürfnis eingeschränkt zu sein. Angeleitete Sportangebote unter elterlicher Aufsicht können nur bedingt das freie Bewegen und Ausprobieren ersetzen. Deswegen ist es wichtig, auch dafür Räume zu schaffen, beispielsweise durch:

  • die Möglichkeiten, sich zu Hause nach Bedarf bewegen zu können, beispielsweise auf dem Bett zu hüpfen oder einen Kletterparcours aufbauen zu können mit Stühlen
  • keine oder nur geringe Einschränkungen in Bezug auf die normalen Bewegungsbedürfnisse wie das Hüpfen und Rennen (ggf. mit den Nachbarn klären, Aushang im Haus und Ruhezeiten)
  • das Angebot des wilden Tobens mit Eltern, wenn andere Kinder hierfür nicht verfügbar sind,
  • Besuche im Wald oder der Natur, wenn Spielplätze geschlossen sind, damit Kinder sich ungezwungen bewegen können,
  • gemeinsame Bewegungsspiele, spontaner Tanz

Auch wenn es unserer erwachsenen Erwartungen und Vorstellungen manchmal nicht entspricht und ein wild tobendes Kind auch eine akustische Herausforderung ist, sind Toben und Bewegung für Kinder von besonderer Bedeutung und wir müssen dieses Bedürfnis in unserem Alltag berücksichtigen.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Mit den starken Gefühlen meines Kindes umgehen

Die Gefühlswelt von Kindern ist groß und schillert in vielen Facetten. Anders als bei uns Erwachsenen, können sie die vielen unterschiedlichen und starken Gefühle aber noch nicht gut regulieren und sind auf uns und unsere Co-Regulation angewiesen: Anders als Säuglinge schaffen es Kleinkinder schon mehr, ihre Bedürfnisse etwas aufzuschieben, mehr zu kooperieren und fangen an, auch die Perspektive der Eltern einzunehmen, aber viele Gefühle werden noch sehr intensiv ausgelebt und können nicht gut eingeordnet und verarbeitet werden. Das liegt vor allem an der Gehirnentwicklung: Das Fühlen und überlegte Denken des Kindes ist noch nicht wie bei erwachsenen Menschen miteinander verbunden, weshalb sie noch impulsiv reagieren. Erst durch die Einordnung und Begleitung durch Erwachsene lernen Kinder nach und nach mit Gefühlen umzugehen und bilden ein Muster für den Umgang mit den einzelnen Gefühlen aus.

Gefühle wollen begleitet werden

Allein ist es dem Kind noch nicht möglich, die starken Gefühle, die es wahrnimmt, einzuordnen. Es braucht dafür andere erwachsene Bezugspersonen, die

So lernt es zunehmen, mit den Gefühlen umzugehen, sie wahrzunehmen, einzuordnen und einen passenden Ausdruck dafür zu finden. Hilfreich kann es auch sein, abseits von aktuellen Gefühlssituationen, passende Bücher über die Bandbreite von Gefühlen gemeinsam anzusehen. Lehnen wir hingegen bestimmte Gefühle bei dem Kind ab, unterdrückt es diese zunehmend und bildet keinen guten Zugang zu ihnen aus, lehnt sie bei sich selbst und anderen ab, was sich auf die Selbstwahrnehmung und Interaktion mit anderen auswirkt. Zeigen wir keine Umgangsmöglichkeiten mit Gefühlen auf und helfen dem Kind nicht, einen guten Umgang mit starken Gefühlen zu finden, hat das Kind Schwierigkeiten, selber gute Strategien auszubilden und kann somit schuldlos immer wieder an gesellschaftliche Konventionen anstoßen.

Gefühle übersetzen

Während es auf der Seite des Kindes wichtig ist, dass wir Eltern dem Kind die Gefühle erklären, sie begleiten und benennen, ist es auf der anderen Seite auch für uns Eltern wichtig, uns selbst das Verhalten des Kindes zu erklären und den Ausdruck der Gefühle zu übersetzen: Was zeigt mein Kind mit seinem Verhalten? Was braucht es gerade, wenn es wütend, traurig oder freudig ist?

Es ist ebenso wichtig, die Freude eines Kindes zu begleiten und sich mitzufreuen, wie Wut oder Angst zu begleiten. Allerdings erscheint es uns manchmal einfacher, die Freude zu teilen, als die Angst eines Kindes anzunehmen, zu verstehen, dass es jetzt ein Gefühl von Sicherheit braucht, auch wenn wir als Erwachsene die Situation nicht als ängstigend einschätzen. Auch hier gilt: Zunächst nehmen wir das Gefühl des Kindes respektvoll an, zeigen mit unserem Verhalten Beruhigungsstrategien auf und zeigen dadurch gleichzeitig, dass dies keine Situation ist, in der das Kind sich ängstigen muss. So erlernt es nach und nach Kompetenz im Umgang. Ist es doch eine Situation, in der Angst angebracht ist, lernt das Kind durch unser Vorbild einen respektvollen Umgang mit der Situation.

Gerade in Situationen, die Kinder noch nicht gut überblicken können, die neu sind, in denen Veränderungen eingetreten sind (vielleicht sogar plötzlich), können Kinder starke Gefühle zeigen. Das ist in einer solchen Situation, die vielleicht auch für die Eltern noch neu und übersichtlich ist, besonders anstrengend. Dennoch ist es aber wichtig, diese starken Gefühle des Kindes als Ausdruck dieser Verunsicherung oder Umgewöhnung zu sehen und sie weder abzulehnen/zu unterdrücken, noch ins Leere laufen zu lassen. Gefühle wollen begleitet werden, damit Kinder zunehmend gut selbständig damit umgehen können.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

„Aber ich will JETZT mit Dir spielen!“

Da steht das Kind auf einmal neben dem Schreibtisch. „Kommst Du spielen?“ „Nein, ich muss noch eben hier diesen Text zu Ende…“ „Aber ich will JETZT mit Dir spielen!“ Solche und ähnliche Situation finden sich viel – jeden Tag im Alltag von Familien und gerade jetzt in Zeiten des Homeoffice. „Aber ich muss jetzt noch das zu Ende machen. Kannst Du nicht kurz warten?“ – Und während wir noch auf eine Antwort warten, tippt das Kind schon verärgert auf die Tastatur und löscht vielleicht die letzten geschriebenen Worte. – Unser erwachsenes Denken übersieht manchmal die kindlichen Möglichkeiten und ein Streit zwischen Kind und Elternteil beginnt, denn mit dem Aufschieben von Bedürfnissen ist es oft gar nicht so einfach.

Natürlich ist es eine Frage des Alters, wie Kinder mit dieser Situation umgehen – und eine Frage der Entwicklung. Denn was wir eine einfache kleine Aufforderungen des arbeitenden Elternteils aussieht, erfordert vom Kind eine sehr komplexe Auseinandersetzung mit dem Gegenüber und lässt sich mit einem „einfach warten“ nicht abtun. Um „einfach warten“ zu können, muss das Kind folgende Leistungen erbringen: Es muss sich in sein Gegenüber hineinversetzen und verstehen, dass es gerade eine nicht aufschiebbare Arbeit verrichtet. Diese Art des Hineinversetzens findet sich bei Kindern etwa im Alter von 4 Jahren. Dazu braucht es ein Verständnis für die Erwerbsarbeit und das Konzept Erwerbsarbeit (bzw. im Falle einer anderen Tätigkeit im Haushalt oder ähnlichem darin). Es braucht ein Verständnis von Zeit, um den Zeitraum, den das Elternteil für die Erledigung der Arbeit angibt, zu verstehen. Bestenfalls lässt sich das erreichen durch den Einsatz von einem Wecker und einer Eieruhr: „Wenn die Uhr klingelt, bin ich fertig.“ Das Kind muss fähig sein, das Bedürfnis aufzuschieben und die Frustration über das Aufschieben kontrollieren können (Impulskontrolle).

Was für uns Erwachsene also wie eine kleine Bitte aussieht, ist für Kinder eine sehr komplexe Aufgabe mit Entwicklungsschritten, die erst zum Ende der Kleinkindzeit/im Vorschulalter entwickelt werden. Es ist nicht verwunderlich, dass es daher Unstimmigkeiten zwischen Eltern und Kinder gibt, wenn Kleinkinder genau jetzt etwas spielen wollen, aber Eltern jetzt noch etwas zu Ende machen müssen. Was helfen kann: Den Zeitraum des JETZT genau umreißen (siehe oben), das Kind in die Tätigkeit am Schreibtisch einbinden (ihm eine Aufgabe dort geben wie Stifte sortieren, stempeln,…) oder dem Kind für die Zeit der Überbrückung eine andere Aufgabe geben: „Wenn Du gleich mit mir spielen möchtest, hol doch bitte schon eimal die Bausteinkiste herüber.“ Wichtig ist vor allem, sich immer wieder in die noch begrenzten Möglichkeiten der Perspektivübernahme einzufühlen, damit wir das Kind nicht durch Überforderung frustrieren und so die weitere Entwicklung des gegenseitigen Verständnisses negativ beeinflussen.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

3 Ideen, um emotional aufzutanken im Alltag

Gerade dann, wenn unser Alltag angefüllt ist mit vielen Dingen und vielleicht etwas weniger Zeit und Energie für die Kinder vorhanden ist, ist es gut, ganz bewusste Pausen für und mit Kindern einzubauen. Nicht erst, wenn sie durch ihr Verhalten oder Bitten darauf hinweisen, dass sie jetzt unbedingt Nähe und Zuwendung brauchen, sondern bereits früher, um zu signalisieren: „Ich bin da. Ich sehe Dich und Dein Bedürfnis nach Zuwendung. Du kannst Dir sicher sein, dass ich mich auch in stressigen Zeiten um Dich kümmere.“ Jede Familie findet – je nach Temperament und Bedürfnissen – ihren eigenen Weg für passende Rituale. Hier gibt es einige Anregungen für mögliche „Auftank-Momente“:

Vorlesen

Klassiker der gemeinsam verbrachten Zeit ist das Vorlesen einer Geschichte, die das Kind ausgewählt hat. Manchmal ist es gar nicht so einfach, bei einem Buch, das vielleicht schon viele Male vorgelesen wurde, gedanklich nicht abzuschweifen, sondern wirklich im Hier und Jetzt beim Kind zu bleiben. Kinder aber lieben Wiederholungen und die Vorhersagbarkeit von Geschichten, weshalb sie Lieblingsbücher immer und immer wieder vorgelesen haben wollen und das gerade auch in emotional schwierigen Zeiten für sie eine gute Ressource sein kann. Es ist also völlig in Ordnung und sogar gut, wenn die gleiche Geschichte immer und immer wieder gewünscht wird. Wenn das Kind doch kleine Planänderungen zulässt, können die Bilderbuchbetrachtungen auch mal variiert werden, beispielsweise indem die Tiere, die im Buch abgebildet sind, in der Spielzeugkiste gesucht werden oder Fragen das Geschehen im Buch erweitern.

Bindungsspiele

Gemeinsames Spielen kann jetzt eine gute Ressource für Kinder sein. Für Kinder ist es gut, wenn sie das Spiel wirklich selbst bestimmen können. Gerade jetzt sind sie in ihrer Selbstbestimmung an so vielem Stellen eingeschränkt, dass es gut ist, ihnen an den Stellen, an denen es möglich ist, das Gefühl zu geben, selbst wirksam zu sein: Was in einem gemeinsamen Auftank-Moment gespielt wird, bestimmt also das Kind. Die Entwicklungspsychologin Aletha J. Solter empfiehlt in ihrem Buch „Spielen schafft Nähe – Nähe löst Konflikte“ das Huckepackspielen für Eltern und Kinder, wobei die Kinder die Richtung angeben, in die sich die Eltern bewegen sollen. Bei solchen „Kontingenzspielen“ bei Traumata und Naturkatastrophen befolgen die Eltern die Regeln des Kindes, so dass das Kind nach und nach das Gefühl der Kontrolle über seine eigene kleine Welt zurückerlangt. Auch das Nachspielen mit Puppen oder Spielfiguren kann für Kinder hilfreich sein.

Massage/Streichelspiele

Liebevoller, respektvoller Körperkontakt ist eine Wohltat für Körper und Seele. Gerade dann, wenn Körperkontakt insgesamt weniger erfolgen kann, wie gerade jetzt, sind alle Momente für positiven Körperkontakt willkommen und das Kuscheln, Streicheln und Massieren kann Kinder beruhigen und entspannen, u.a. durch das dadurch ausgeschüttete Oxytozin. Oxytozin, das Kuschel- oder Bindungshormon, führt zu Entspannung, einem Gefühl der sozialen Verbundenheit, mildert Ängste, senkt den Blutdruck, verringert den Kortisolspiegel, verbessert die Wundheilung, regt (Nerven-)Wachstum an – genau das, was wir jetzt gerade brauchen.

Babys profitieren von einer regelmäßigen Massage am Morgen oder Abend, aber auch größere Kinder können die Streicheleinheiten genießen. Kindergartenkinder finden es oft toll, wenn eine Massage in eine kleine Geschichte verpackt wird, beispielsweise wenn auf dem Rücken ein neues Beet angelegt wird und erst einmal die Erde aufgelockert werden muss, dann werden die Samenkörner darauf mit zappelnden Fingern verteilt, dann wird alles mit beiden Händen zugedeckt und durch die Wärme gehen dann die einzelnen Blüten auf. Ein schöner Duft im Massageöl kann zusätzlich entspannen oder auch die Stimmung heben.

Und was sind Eure Strategien zum Auftanken?
Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Weiterführende Literatur:
Solter, Aletha J. (2015): Spielen schafft Nähe – Nähe löst Konflikte. Spielideen für eine gute Bindung. – München: Kösel.
Mierau, Susanne (2017): Geborgene Kindheit. Kinder vertrauensvoll und entspannt begleiten. – München: Kösel.

Mein Kind macht nicht, was ich will

Manchmal ist es mit der Eigenständigkeit der Kinder ziemlich schwer: Auf der einen Seite sind sie manchmal nicht da selbständig, wo wir es gerade wünschen und auf der anderen Seite machen sie Dinge, die wir gerade nicht wollen. Manchmal stellt sich uns deswegen die Frage: Mache ich eigentlich alles falsch? „Funktioniert“ unsere Erziehung nicht, weil das Kind gar nicht das tut, was es gerade tun soll?

Kinder haben einen eigenen Entwicklungsplan

Das Handeln von Kindern wird insbesondere durch ihren eigenen Entwicklungsplan geleitet: Neugierde ist der Motor ihrer Entwicklung und sie bewegen sich beständig voran in der Entwicklung – nach ihrer Agenda. Zwar gibt es bestimmte Zeitfenster, in der Kinder neue Fertigkeiten lernen, aber ob gerade die Feinmotorik, die Grobmotorik, die Sprache oder das Sozialverhalten im Vordergrund steht, kann bei verschiedenen Kindern gleichen Alters durchaus unterschiedlich sein. Auch das Temperament bestimmt dabei stark, wie sich das Verhalten des Kindes zeigt: Ist das Kind besonders extrovertiert, neugierig und geht freudig auf andere Personen und Erfahrungen zu? Hat es vielleicht auch wenig Gefahrenbewusstsein und zieht sich seltener zurück? Oder ist es genau anders und vorsichtig, wenig aufgeschlossen, fürchtet sich eher vor neuen Dingen und reagiert auf Gefahr schnell mit Rückzug?

Es kann deswegen durchaus sein, dass es in unseren Augen so erscheint, dass das Kind nicht das macht, was wir uns wünschen, weil es gerade in einem eigenen Entwicklungsthema steckt. Das Kind „trödelt“ auf jedem Weg, weil es wahlweise klettert, balanciert, rückwärts läuft oder schleicht. Wir nehmen wahr: „Das Kind hört nicht auf mich, wenn ich sage, es soll sich beeilen!“ In Wirklichkeit hat das Handeln des Kindes aber nichts mit unserer Ansage zu tun, sondern mit dem Entwicklungswunsch des Kindes. Würde es das eigene Verhalten reflektieren und benennen können, würde es sagen: „Ich baue gerade meine Motorik aus und übe balancieren und unterschiedliche Arten des Laufens!“

Kinder denken und fühlen anders

Und auch in Bezug auf die Gefühlswahrnehmung und -verarbeitung sieht es bei Kindern noch ganz anders aus als bei uns Erwachsenen. Kinder haben bis ins Schulalter hinein Schwierigkeiten mit der Impulskontrolle. Gerade Kleinkinder sind noch besonders auf Co-Regulation angewiesen: Sie können noch nicht allein ihre Gefühle einordnen, verarbeiten und mit ihnen umgehen. Sie brauchen Erwachsene, die sie darin begleiten und den Gefühlen Worte geben, erklären, dass sie in Ordnung sind, die breite Palette an Gefühlen zum Leben dazu gehört, spiegeln, was sie wahrnehmen und ihnen schließlich gute Möglichkeiten vorstellen, wie sie diese Gefühle ausleben können: „Wenn du traurig bist, dann kann es sein, dass du weinen musst und es kann dir gut tun, von anderen in den Arm genommen zu werden.“ oder „Wenn jemand dich ärgert, wirst du wütend und deine Wut kannst du in Worte fassen, statt zu hauen oder du kannst ganz stark aufstampfen.“

Ihre Gefühle drücken Kinder lange anders aus als wir Erwachsene. Sie sind auf dem Weg, zu lernen, mit ihnen umzugehen. Auf uns mag es manchmal so wirken, als würden sie einfach nicht auf uns hören, wenn wir sagen oder denken: „Du musst doch deswegen nicht so ausflippen!“ Aber sie können wahrscheinlich noch nicht anders, als gerade jetzt genau so zu handeln. Es hat nichts damit zu tun, dass wir inkompetent wären als Eltern, wenn das Kind die eigenen Gefühle nicht so darstellt oder sich gefühlsmäßig so verhält, wie wir es wollen.

Hinter das Verhalten sehen

Es kann viele Gründe geben, warum Kinder sich nicht so verhalten, wie wir es uns wünschen. Das bedeutet nicht zwangsweise, dass etwas an unserem Erziehungsstil nicht richtig wäre oder wir als Eltern versagen, weil das Kind nicht auf das Wort folgt.

Wenn Kinder sich anders verhalten, als wir es wünschen und wir uns und unser Familienleben deswegen in Frage stellen, können wir unser Denken in drei Richtungen bewegen:

  • Was steckt hinter dem Verhalten des Kindes? Ist es gerade ein besonderer Entwicklungsschritt, ein Entwicklungsimpuls? Oder ist es „einfach“ der Umstand, dass unsere Erwartungen zu hoch gehängt sind und wir vom Kind Dinge erwarten, die es noch gar nicht so leisten kann?
  • Fordert das Kind mit seinem Verhalten nicht einen Entwicklungsraum, aber einen Beziehungsraum ein? Braucht es gerade mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung, weil es vielleicht innere oder äußere Rahmenbedingungen gibt, die es verunsichern, weshalb es mehr Nähe, Schutz und Zuwendung braucht und fordert dies durch sein Verhalten ein?
  • Welche Glaubenssätze leiten uns gerade, zu denken, dass wir als Eltern versagen, wenn das Kind nicht folgt? Warum haben wir das Gefühl, schlecht zu sein, wenn gerade keine Harmonie herrscht zwischen unseren Erwartungen und denen des Kindes? Haben wir unrealistische Glaubenssätze in uns verankert, die uns den Alltag erschweren wie „Kinder müssen gehorchen“ oder „Kinder müssen das machen, was Erwachsene sagen“ oder auch „Kinder dürfen uns nicht auf der Nase herumtanzen und Nicht-Befolgen von Anordnungen ist Herumtanzen“.

Unrealistische Erwartungen an das kindliche Verhalten zu korrigieren ist einfacher, als eigene Glaubenssätze zu verändern. Wir können uns anlesen, was Kinder wann können und lernen und warum ihr Verhalten manchmal Ausdruck ihrer eigenen Agenda ist. Zu verstehen, dass das Verhalten des Kindes aber nicht zwangsweise uns Eltern in Frage stellt, ist viel schwerer, weil es oft tief in uns verwurzelt ist, dass Kinder folgen müssen und das Nicht-Folgen als Scheitern der eigenen Fähigkeiten wahrgenommen wird. Dabei steht beides nicht zwangsweise in einem Zusammenhang.

Dein Kind macht gerade nicht das, was du willst. Schau also hin, warum es das tut, was es tut: Was ist sein Antrieb, was könnte sein Ziel im Verhalten sein? Entwickelt es Fertigkeit, fordert es gerade Aufmerksamkeit und Beziehung ein? Welche der beiden Fragen die Ursache für das Verhalten auch sein mag, ist die Antwort auf das Problem des „falschen“ Verhaltens: Beziehung. Wir müssen versuchen, die Handlungen zu verstehen und erkennen, dass das, was gerade passiert, kein Machtakt des Kindes ist, sondern ein Entwicklungs- oder Beziehungsthema. Es ist normal, dass Kinder manchmal anders handeln als wir es erwarten oder wünschen.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Elterliche Präsenz – Anwesend sein ohne zu leiten

Zwischen dem Bedürfnis nach Schutz, Nähe und Fürsorge haben Kinder das Bedürfnis nach Exploration: Sie wollen die Welt erkunden, lernen, sich darin bewegen und sich so Stück für Stück die Welt aneignen. Zwischen diesen beiden Bedürfnissen bewegen sie sich jeden Tag an vielen Stellen hin und her. Wir sehen das daran, wenn das Kleinkind ein Stück voran läuft, freudig das Rennen übt und auf etwas neugierig zuläuft und plötzlich stehen bleibt, um sich zu versichern, dass die schützende Person noch anwesend ist. Auch in anderen Situationen nehmen wir wahr, dass es immer wieder ein Hin und Her gibt zwischen Erkundung und Nähe – je größer die Kinder werden, desto ausgedehnter werden die einzelnen Phasen.

Manchmal fallen Nähe und/oder Freiheit schwer

Für das Kind ist es deswegen wichtig, dass es beides hat und erfährt: die Nähe der Eltern und zugleich die Möglichkeit, zu erkunden. Manchmal erscheint gerade das aber gar nicht so einfach, wenn Eltern in Bezug auf die Nähe und/oder das Zulassen der Erkundung Schwierigkeiten haben. Wie kann es aussehen, das Kind in Bezug auf den Erkundungsdrang einzuschränken? Beispielsweise indem wir immer wieder die Betonung auf Gefahren lenken und dem Kind nicht altersgerechte Erkundung ermöglichen: „Nein, lieber nicht klettern!“, „Das Brot darfst du dir nicht schmieren, du könntest dich am Messer schneiden!“… Aber auch in Bezug auf die Nähe können wir Schwierigkeiten haben, wenn wir das Kind länger versuchen zu trösten, obwohl es schon wieder los möchte. Vielleicht, weil wir selbst verängstigt sind und weniger das Kind trösten, sondern mehr uns selbst. Oder – das Gegenteil -indem wir die Nähe nicht zulassen, wenn das Kind sie gerade einfordert: „Sei nicht immer so ängstlich!“

Es ist manchmal ein schmaler Grad und gerade für Eltern, die vielleicht selber Schwierigkeiten mit Nähe und Distanz haben und diese selber nicht beide gut ausleben konnten, ist es schwer, einzuschätzen, was das Kind gerade braucht, was angemessen oder auch altersgerecht ist. Auch Erlebnisse im Laufe unseres Lebens oder gehörte Geschichten können es uns schwer machen.

Der Gedanke von „Präsenz“ kann es erleichtern

Es hört sich so einfach an und ist dennoch oft so schwer: Wir müssen gar nicht so viel tun, um unsere Kinder zu begleiten. Wir müssen vor allem da sein. Der Gedanke daran, als Elternteil „präsent“ zu sein, kann vielen Eltern helfen, die Situation besser einzuschätzen.

Wir sind präsent, wenn wir anwesend sind, wenn das Kind etwas erkundet. Wir müssen nicht vormachen, wie man mit einem Spielzeug umgeht oder mit einem ungefährlichen Haushaltsgegenstand. Wir können anwesend sein und bei Bedarf des Kindes als Ansprechperson zur Verfügung stehen. Wenn das Kind uns auffordert, zu helfen, etwas anzusehen, zu erklären, sind wir da.

Wir sind präsent, wenn das Kind sich von uns entfernt und bleiben in einer angemessenen Entfernung, die Sicherheit bietet, wenn es sich von uns weg bewegt in einem sicheren Umfeld. Viele Kinder pausieren in der Erkundung, um sicherzustellen, dass die Erwachsenen noch in der Nähe sind. In gefährlichen Situationen wie dem Straßenverkehr, die ein kleines Kind noch nicht überblicken kann, sind wir in der präsenten Schutzfunktion und verdeutlichen, dass jetzt keine Erkundung möglich ist. Es fällt dem Kind einfacher, wenn es weiß, dass es später wieder in die Erkundung gehen kann.

Wir sind präsent, wenn das Kind wütend ist. Manchmal lässt es im ersten Moment oder den ersten Minuten keine Nähe zu, sondern lebt diese Wut aus, entlädt das Gefühl, das in ihm aufgekommen ist. Mit einem Abwarten in der Nähe sind wir präsent und drücken mit Anwesenheit oder auch sprachlich aus: „Ich bin hier, wenn du bereit bist. Ich tröste dich, wenn du es brauchst.“

Wir sind präsent, wenn das Kind Zuwendung braucht: Gerade jetzt braucht es Schutz und Nähe – nach einem Wutanfall. nach einem Streit, weil es sich verletzt hat. In diesem Moment sind wir für das Kind da und können körperlich und sprachlich ausdrücken: „Ich bin dein sicherer Hafen. Ich schütze dich, ich halte dich, wenn du es brauchst.“ Und wir bemerken, wenn das Kind von der Nähe und dem Schutz gesättigt ist und lasses es wieder gehen. Bei einigen Kindern geht es schneller, bei anderen dauert es länger.

Wenn wir also im Alltag manchmal Schwierigkeiten haben damit, ob wie zu nah oder zu weit weg sind, denken wir an den Begriff der Präsenz und erinnern uns daran, dass wir zugänglich sein sollten für das Kind und seine Bedürfnisse, ohne dabei aufdringlich zu sein und unser eigenes Denken und Handeln in den Vordergrund zu stellen.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Konfliktsituationen zwischen Kindern begleiten mit Gewaltfreier Kommunikation

Janine Ringel hat zusammen mit ihrem Mann Stephan Ringel einen kleinen Kindergarten in Lübeck gegründet auf Basis einer Kindertagespflegestelle. Sie haben sich ein eigenes Konzept ausgedacht für den Kindergarten, das insbesondere die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg in den Blick nimmt. Wie genau dies in Konflikten zwischen Kindern im Alltag umgesetzt wird, erklärt Janine:

Grundsatz: Es gibt keine Schuld und damit auch keine Strafe 

Wir gehen davon aus, dass jedes Kind/jede Person in jeder Situation auf die Art und Weise reagiert, wie es ihm momentan auf Grundlage seiner Gefühle und Bedürfnisse möglich ist. Auch ein Verhalten wie hauen, schubsen, beleidigen etc. ist damit zunächst einmal nur der „tragische Ausdruck eines unerfüllten Bedürfnisses“.

Ein Konflikt bedeutet zunächst einmal: Bedürfnisse auf beiden Seiten sind gerade nicht erfüllt. Es ist für uns also zweitrangig, wer den Streit begonnen hat oder herauszufinden, wer in welcher Weise „Schuld“ an der momentanen Situation hat. Wenn wir mit Schuld und Strafe arbeiten, kommen wir nicht in Verbindung zueinander, sondern wir entfernen uns voneinander und schaffen eine Barriere. Und wir sehen die Kinder nicht wirklich in dem, was sie brauchen. Bedürfnisorientiert zu handeln heißt für uns auch das: Was brauchst du jetzt gerade und in Zukunft, um in solchen Situationen andere Handlungsmuster zur Verfügung zu haben? Und wie kann ich dir jetzt gerade helfen, deinen Schmerz zu lindern? Ein weiterer Grundsatz lautet: Keiner ist für den Ärger des Anderen verantwortlich. Es gibt bei uns kein „Ich bin wütend, weil du…“. Marshall Rosenberg nennt das „eine Trennlinie zwischen Auslöser und Ursache ziehen“. Es macht uns wütend, was gerade passiert ist, aber nicht die Person selbst. 

Wir sind für beide Kinder da 

Wir sehen bei einem Konflikt grundsätzlich beide Seiten. Wir trösten beide Kinder in ihrer Wut, Trauer und Verletzung. Wir machen bewusst, was das jeweilige Verhalten im anderen Kind und im Kind selbst ausgelöst hat, aber ganz ohne Schuldzuweisungen.Wir bitten beide Kinder, vor Ort zu bleiben, um die Situation klären zu können. Manchmal braucht ein Kind kurz Zeit, um sich darauf einzulassen, verlässt die Situation, um sich zu beruhigen und kommt dann wieder zu uns zurück. Auch das ist vollkommen in Ordnung. 

Lösungsprozess 

Sobald etwas Ruhe eingekehrt ist, haben wir auch meist durch das Spiegeln und im Gesehen-Sein den Sachverhalt erfasst. Wir fassen unsere Beobachtungen nochmal zusammen (auch paraphrasieren genannt) und versuchen zu verstehen, welche Gefühle und Bedürfnisse bei beiden Kindern zum jeweiligen Verhalten geführt haben. Wir versuchen, Verständnis und Empathie für beide Seiten aufzubauen, indem wir beide fragen: „Wie fühlst du dich jetzt? Wie fühlst du dich, wenn du siehst, wie es dem anderen damit geht?“ 

Manchmal, gerade bei kleineren Kindern, reicht dieser Schritt häufig schon aus – allein die Erkenntnis, wie es dem anderen geht, genügt, um wieder in Verbindung zu kommen. Zu erkennen, dass auch das Gegenüber sich unwohl fühlt, traurig und unzufrieden ist. Dann gelingt es häufig gemeinsam, auch ohne meine/unsere Hilfe, einen Konsens zu finden. Wenn das an dieser Stelle noch nicht der Fall ist, fragen wir danach, welche Bedürfnisse in diesem Moment wohl nicht erfüllt waren. Was war für dich gerade ganz wichtig und warum haben evtl. Lösungsvorschläge nicht gepasst? 

Manchmal ist es das Bedürfnis der Gemeinschaft, Zugehörigkeit und Verbindung, was durch gemeinsames Spielen gedeckt werden würde, manchmal das nach Kreativität, nach Autonomie… Wenn wir das Bedürfnis erkannt haben, können wir gemeinsam eine Lösung finden: zusammen mit einem (vielleicht gerade noch umkämpften) Spielzeug spielen, ein anderes finden, was dem Bedürfnis nach Kreativität etc. entspricht, ein Spiel mit einem anderen Kind beginnen, wenn es um 

Gemeinschaft ging etc. Daraus lassen sich dann wiederum Bitten und Lösungswege ableiten: „Können wir jetzt etwas zusammenspielen? Kannst du mir ein Buch vorlesen, weil ich noch ein bisschen traurig bin? Ich möchte gerade noch allein sein und kuschel mich lieber noch mit einer Decke und einem Puzzle aufs Sofa“ 

GFK: Das dauert doch so lange 

Viele Menschen glauben, dass gewaltfreie Kommunikation ein langwieriger Prozess ist. Und: ja, es dauert ein bisschen länger als übliche Verfahren in Konfliktsituationen. Wir haben jedoch festgestellt: die Atmosphäre unter den Kindern ist eine völlig andere. Sie spüren, dass sie ein Teil einer kleinen Gruppe sind, in dem jeder zählt, jeder gesehen wird und jeder sein darf wie er ist. Sie spüren, dass hier alle Emotionen ihren Platz haben. Sie dürfen sich frei und in Liebe begleitet entfalten. Wir sehen häufig, wie schon 2 1⁄2 jährige bei uns Wege finden, Konflikte zu lösen und Lösungsalternativen vorzuschlagen. Sie lernen sich besser kennen und können benennen, was in ihnen vorgeht- wie fühle ich mich gerade? Was hätte ich gebraucht in dieser Situation? Je nach Alter benötigt es natürlich mehr oder weniger Begleitung, vor allem, um ihnen Wörter an die Hand zu geben, für das, was in ihnen und im anderen vorgeht. 

Zu guter Letzt 

Wir erziehen nicht für ein schnelles Resultat. Auch nicht dafür, dass das Kind aus Angst vor Strafe oder Zurückweisung seine Emotionen und Bedürfnisse zurückstellt. Wir unterstützen darin, dass Kinder die wir begleiten zu Menschen heranwachsen können, die Entscheidungen aus sich heraus treffen, empathisch, stark und selbstbewusst, nicht aus Angst vor Strafe sondern aus ihrem eigenen inneren Antrieb heraus. 

Janine Ringel ist Sozialpädagogin (BA) und Mutter von zwei Kindern (2014 und 2017 geboren). 2017 hat sie zusammen mit ihrem Mann den kleinen, bindungsorientierten, auf Achtsamkeit und GFK basierenden Kindergarten „Farbtupfer“ in Lübeck für Kinder von 2-6 Jahren gegründet und arbeitet darüber hinaus in der Elternberatung. Sie ist ausgebildet in gewaltfreier Kommunikation nach M.B.Rosenberg. Mehr von Janine findet Ihr auf auf  farbtupfer.org oder hier   auf Instagram.


Essen mit Kleinkindern – 4 typische Probleme und ihre Lösungen

Mit einem Kleinkind können Mahlzeiten manchmal zu einer Herausforderung werden. Gemütlich möchte man sich zusammen an den Esstisch setzen und das gekochte Essen verzehren, aber dann will das Kind nicht essen/schimpft/wirft das Essen hinunter/spielt mit der Mahlzeit. Schnell können die gemeinsamen Mahlzeiten dann zu einem Dauerproblem werden. Doch was können wir gegen die schwierigsten Tischprobleme unternehmen?

1. Mein Kind will nicht essen

In der Kleinkindzeit ist es nicht selten, dass gesunde Kinder nicht so essen wollen, wie wir es uns manchmal vorstellen. Auf einmal schmeckt dieses oder jenes nicht und sie haben auch keine Lust, davon zu probieren. Das als „Neophobie“ bezeichnete Ablehnen von neuen Speisen ist gar nicht so selten und sogar eine ganz sinnvolle Eigenschaft kleiner Kinder: Sie schützt davor, Unbekanntes unbedacht in den Mund zu stecken. Eigentlich eine wirklich gute Eigenschaft für die sonst abenteuerlustigen Kleinkinder. Nur gerade jetzt, beim gesunden Essen auf dem Tisch, macht das doch eigentlich keinen Sinn? Es hilft aber auch nichts, dem gerade mäkeligen Kind das Essen aufzuzwingen: Besser ist es, das Nahrungsmittel immer wieder anzubieten, auch mal in unterschiedlichen Arten (püriert, ganz, klein geschnitten, vermengt mit andere, geliebten Dingen,…) bis das Kind doch einmal probiert.

Es kommt auch vor, dass Kinder rund um eine Erkältung herum weniger essen oder gerade dann bestimmte Nahrungsmittel bevorzugen und beispielsweise besonders viele Proteine zu sich nehmen wollen oder in Zeiten, in denen sie besonders körperlich aktiv sind, Kohlehydrate bevorzugen. Nehmen wir also in den Zeiten, in denen nur bestimmte Dinge auf den Tisch kommen sollen, die aktuelle Entwicklung des Kindes in den Blick und nicht nur das Essverhalten. Oft gibt dies einen Aufschluss über das Essverhalten. Es kann auch helfen, die tatsächlichen Nahrungsmengen und -bestandteile in einem Protokoll festzuhalten – manchmal essen Kinder über den Tag verteilt so viele kleine Snacks, dass sie zu den Mahlzeiten keinen Hunger haben. Wird das Kleinkind noch gestillt, gibt es manchmal rund um Erkrankungen auch Phasen, in denen die Muttermilch wieder zur Hauptnahrungsquelle wird und anschließend wieder mit gutem Appetit zurückgedrängt wird. Die Beikostaufnahme erfolgt nicht linear, d.h. erst gibt immer wieder auch mal Rückschritte in der Beikostzeit.

2. Mein Kind spielt mit dem Essen

Beikost ist erstmal eine spielerische Annäherung an eine neue Ernährungsform. Kinder lernen neue Nahrungsmittel kennen und lernen nach und nach, dass auch diese sättigen. Dabei erfahren sie ganz neue Konsistenzen und Geschmäcker. Nahrungsaufnahme ist deswegen lernen und lernen erfolgt im Spiel. Kinder gehen deswegen oft neugierig an neue Speisen heran: sie riechen darin, befühlen sie, testen ihre Konsistenz mit den Händen und erst später mit dem Mund. All das ist normal und bedeutet nicht, dass das Kind niemals Tischmanieren entwickeln wird. Tischmanieren lernt es mit der Zeit nach und nach durch unser Vorbild, denn auch hier lernt es im natürlichen Alltag und eignet sich mehr und mehr das an, was es in seiner Umgebung sieht. Spielt das Kind besonders zum Ende der Mahlzeit mit dem Essen, nachdem es zunächst „normal“ gegessen hat, könnte es auch einfach satt sein (siehe Punkt 4).

3. Mein Kind „trotzt“ beim Essen

Auch das Essen ist ein Teil der wichtigen Lernerfahrungen der Kleinkindzeit. Kinder wollen auch hier ihre Fertigkeiten ausbauen. Mit dem Essen kann ganz besonders gut die Feinmotorik verbessert werden. Wichtig ist natürlich auch hier, dass Kinder wirklich beteiligt werden und sich aktiv einbringen können. Bieten wir ihnen nicht die Möglichkeit dazu, führt das oft zu Frustration und Ärger.

Konkret bedeutet das: Kleinkinder sollten nach ihren Möglichkeiten an der Zubereitung, am Tischdecken und Essen beteiligt werden: Sie können beim Zubereiten des Essens helfen, indem sie Bestandteile davon schneiden oder zusammen mischen können. Sie können helfen, den Tisch zu decken und später ihren Teller und das Besteck abräumen und in die Küche bringen. Sie können mit Kinderbesteck (Messer, Gabel, Löffel) essen und aus einem kleinen Glas selbst trinken. Mit einem kleinen Krug können sie sich selbst Wasser einschenken und mit einer kleinen Kelle auftun. Kleinkinder brauchen kein spezielles Kindergeschirr, sondern können von normalen Tellern essen. So vermitteln wir ihnen, dass sie ebenso sicher und gut am Essen teilnehmen können wie alle anderen. Vielleicht geht gelegentlich etwas kaputt, oft aber fallen dort, wo echtes Geschirr verwendet wird, seltener Teller und Gläser zu Boden als dort, wo Kinder erfahren, dass das Werfen keinen Einfluss auf die Dinge nimmt.

4. Das Kind wirft Dinge auf den Boden

Und wenn das Kind nun doch Teller, Besteck oder Essen auf den Boden wirft? Wir kennen es manchmal aus der Babyzeit: Die Freude daran, zu sehen, dass Dinge nach unten fallen. Kleinkinder haben dieses Spiel aber eigentlich schon überwunden. Oft werfen sie deswegen nicht wegen des Interesses an der Physik, sondern weil sie etwas anderes ausdrücken möchten mit ihrem Verhalten: Ich will nicht mehr! Für Kleinkinder ist es oft noch schwer, sich sprachlich auszudrücken und auch am Tisch fehlen noch oft noch so einige Worte. Während das Kind beim Füttern durch Abwenden zeigt, dass es fertig ist, ist es beim selbständigen Essen manchmal schwierig. Nehmen die Eltern nicht wahr, dass das Kind eigentlich satt ist, und bleibt das Kind vor dem Teller sitzen, wird ihm langweilig: es beginnt zu spielen und eventuell damit, Essen oder Besteck auf den Boden zu werfen. Lernt es nach wiederholtem Herunterwerfen vielleicht sogar, dass Teller und Besteck abgeräumt werden, wenn es Dinge herunter geworfen hat, erscheint diese Handlung dem Kind logisch, um das Essen zu beenden und endlich weiter spielen zu können. Ein ungünstiger Kreislauf. Deswegen ist es auch beim Essen wichtig, auf die Signale des Kindes zu achten: Ist es satt, isst es nicht weiter, spielt auf dem Teller mit dem Essen herum, sollte das Essen beendet werden. Wir können noch einmal nachfragen und dann abräumen. Alternativ kann dem Kind auch ein Signal beigebracht werden, damit es auch ohne Sprache äußern kann, dass es satt ist. Das kann ein Signal mit den Händen sein (wie aus der Babyzeichensprache) oder einfach das Wegschieben des Tellers zur Tischmitte.

Essen ist eine sinnliche Erfahrung, die Kindern Freude machen sollte. Sie lernen gerade am Esstisch sehr viel in der Kleinkindzeit: Feinmotorik bildet sich aus, sie lernen Tischmanieren und das Essen ist immer auch ein soziales Miteinander. Eine positive Stimmung am Familientisch ist deswegen ein guter Baustein zum Ausbau dieser Fertigkeiten.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Hilfe, mein Kind will nicht die Zähne putzen! – Gewaltfreie Wege der Zahnpflege

Pflegesituationen sind gerade mit größer werdenden Kindern oft nicht einfach und auch das Zähneputzen kann zu einem Konfliktthema zwischen Eltern und Kind werden, wenn das Kind kein Interesse am Zähneputzen hat oder es gar verweigert. Gerade das Zähneputzen ist für viele Eltern eine angstbehaftete Situation, vielleicht aus den eigenen Erfahrungen mit Karies und Zahnbehandlungen heraus, vielleicht aus der Angst um die Unversehrtheit des Kindes heraus oder möglicher Folgeprobleme durch Karies. Tatsächlich ist die Zahnpflege des Kindes wichtig und es sollte von Anfang an ein Zahnpflegeritual etabliert werden – aber auf eine entspannte Art.

Angst ist ein schlechter Berater

Es ist normal, dass Eltern sich um die Gesundheit ihrer Kinder sorgen und ihnen beste Rahmenbedingungen schaffen wollen für die Entwicklung – gerade auch in Hinblick auf die gesundheitliche Entwicklung. Karies ist eine Erkrankung, die sich nachhaltig auswirken und zu größeren Eingriffen führen kann, die gerade bei Kindern vermieden werden wollen. Auch die immer häufiger auftretende Erkrankung der Kreidezähne ängstigt viele Eltern. Obwohl wir darum wissen, dass es in Bezug auf die Vorbeugung von Karies viele Aspekte zu beachten gibt rund um Ernährung, Vermeidung von Ansteckung und dem Nuckeln an Getränken, ist besonders das Zähneputzen bei vielen Eltern der Faktor, der die größte Aufmerksamkeit bekommt.

Angst ist jedoch in vielen Situationen ein schlechter Berater für alltägliches Handeln. Leitet uns Angst in Bezug auf die Körperpflege, sind wir eher verleitet, übergriffig zu reagieren und die Signale des Kindes nicht nur zu übersehen, sondern auch bewusst zu ignorieren. Gerade der Blick auf die Bedürfnisse des Kindes ist es aber, der die Zahnputzsituation entspannen kann. Natürlich dürfen wir das Wissen um Karies nicht aus den Augen verlieren, aber die Angst davor sollte nicht den Blick für das Kind und Alternativen verstellen.

Gewöhnung von Anfang an

Die Zähen des Babys sollten geputzt werden, sobald die ersten kleinen Zähne erscheinen. Doch auch schon vorher können wir das Baby an die Reinigung gewöhnen. Gerade in Zahnungszeiten ist es für einige Kinder angenehm, wenn die Zahnleisten mit Finger oder einem Zahnputzfingerling massiert werden. Die ersten kleinen Zähnchen können dann auch mit einem Zahnbürstenaufsatz für den Finger gereinigt werden und es wird langsam auf eine Zahnbürste umgestiegen. Hier gibt es unterschiedliche Modelle, die auch von Babys schon gut gehalten werden können und Teilhabe ermöglichen.

Wenn das Kind nicht möchte

Aber auch wenn das Zähneputzen schon scheinbar ewig als Ritual etabliert ist, kann es immer wieder vorkommen, dass das Kind sich gegen das Zähneputzen wehrt und gerade jetzt und heute nicht möchte. Und vielleicht auch an einem anderen Tag nicht. Manchmal brechen neue Zähne durch und das Zähneputzen schmerzt, manchmal liegen andere Gründe vor. Anstatt das Kind aber mit Gewalt zum Zähneputzen zu zwingen, können wir die Rahmenbedingungen durchgehen. Das Zähneputzen ist ein wesentlicher Bestandteil der täglichen Körperpflege und hat es deswegen verdient, einen entspannten Platz im Tagesablauf zu finden.

Nur abends geht es nicht

Manche Kinder verweigern abends das Zähneputzen, lassen sich aber morgens bereitwillig die Zähne putzen. Häufig ist dann am Ende des Tages die Kooperationsbereitschaft des Kindes einfach aufgebraucht, vielleicht ist es müde und erschöpft vom Tag. Hier kann es helfen, den Ablauf des Abends noch einmal genauer anzusehen, ggf. das Essen etwas nach vorn verschieben oder das Kind schon im Schlafanzug an den Esstisch setzen, damit nach dem Essen nicht noch weitere Zeit verstreicht, in der das Kind immer weniger Lust auf das Zähneputzen hat. Manchmal kann aber auch eine kreative Zahnputzsituation (siehe unten) die Müdigkeit kurz überdecken.

Manchmal liegt der eigentliche Grund der Verweigerung auch darin, dass das Kind das Zähneputzen als Schwelle zum Schlafengehen betrachtet und noch spielen und den Tag nicht beenden möchte. Auch hier ist es gut, den Ablauf noch einmal genauer anzusehen und das Zähneputzen vom direkten Schlafen zu entkoppeln, so dass das Kind beides nicht in Abhängigkeit voneinander sieht, beispielsweise durch eine kleine Spielsequenz nach dem Zähneputzen vor dem Zubettgehen.

Das empfindsame Kind

Wir alle nehmen Reize unterschiedlich wahr: Gerüche, Geschmäcker, Berührungen und haben auch unterschiedliche Arten, darauf zu reagieren. Einige Kinder sind empfindsamer als andere und/oder drücken ihre Empfindsamkeit besonders stark aus. Das ist normal und richtig. Vielleicht macht sich das auch an anderen Stellen bemerkbar, nicht nur beim Zähneputzen: Das Kind reagiert besonders empfindsam auf Textilien, mag keine Nähte oder Tags an Kleidung, ist sehr empfindsam bei Berührungen. Gerade das Zähneputzen kann für ein empfindsames Kind sehr anstrengend sein, weil das Zähneputzen durch eine andere Person vielleicht schmerzt, der Geschmack der Zahnpasta zu intensiv ist, die Bürsten zu hart.

Hier hilft es, mit dem Kind ins Gespräch zu kommen: „Zeig mir, wie du es magst! Wie soll ich die Zähne schrubbeln oder lieber sanft fegen?“, „Schmeckt dir die Zahnpasta zu stark? Wir können einen anderen Geschmack ausprobieren.“ Manchmal ist es auch die Körperhaltung, die das Kind einnehmen muss: 2 Minuten lang stehen und den Kopf nach oben strecken ist unangenehm und anstrengend. Beim Zähneputzen auf dem Wickeltisch oder der Waschmaschine sitzen und auf Augenhöhe sein mit der putzenden Person in entspannter Körperhaltung ist wesentlich angenehmer. Wenn das Kind uns mitteilt, dass das Zähneputzen unangenehm ist, sollten wir Verständnis entgegen bringen und sehen, an welchen Rahmenbedingungen wir etwas ändern können anstatt zu erklären: „Stell dich nicht so an, tut mir ja auch nicht weh.“

Selbständigkeit ermöglichen

In der Zeit nach dem ersten Geburtstag macht sich das Kind mehr und mehr mit der Welt vertraut und versucht darin eigene Wege zu gehen: selbständig zu werden und zu sein. Die Dinge lernen, die es für das Leben benötigt. Die Körperpflege ist einer dieser Bereiche und auch hier möchte das Kind immer mehr selber machen. gerade dann, wenn wir merken, dass die Selbständigkeit dem Kind wichtig ist und dieser Wunsch zum Gegenwillen führt, wenn wir Erwachsenen „einfach schnell selber machen“ wollen lohnt sich ein Blick auf die Rahmenbedingungen: Kann das Kind gut am Waschtisch stehen und sich vielleicht selber Wasser in den Zahnputzbecher füllen? Kann es sich im Spiegel ansehen beim Putzen? Wer kreativ ist, kann auch einen kleinen Waschtisch nach Montessori improvisieren. Auch das Zähneputzen möchte natürlich selbst durchgeführt werden: Einige Kinder finden es gut, wenn sie zuerst putzen dürfen, andere mögen es, wenn sie die abschließende Reinigung übernehmen und gerade niemand mehr „nachputzt“.

Vorbilder sind wichtig

Unsere Kinder ahmen uns und andere nach und finden auch darüber den Weg in die Selbständigkeit. Wie in vielen anderen Bereichen (beispielsweise Töpfchen/Toilette) ist es auch beim Zähneputzen wichtig, dass das Kind auch andere Menschen dabei beobachten kann und nachahmen darf. Deswegen sind Eltern als Zahnputzvorbilder wichtig: gemeinsam können die Zähne geputzt werden. Das Kind kann dabei auch einmal in die Rolle des Erwachsenen schlüpfen und diesem die Zähne putzen und der Erwachsene dann dem Kind. In der Rolle des Kindes kann die erwachsene Bezugsperson dann auch erfahren, wie sich das Zähenputzen anfühlt und an welchen Stellen es vielleicht aus der Sicht des Kindes Probleme gibt. Vorbilder können Kinder aber auch in Büchern und Videos finden. Es ist viele Bücher rund um das Zähneputzen, die Kindern nicht Angst machen, sondern auch Freude am Zähneputzen wecken.

Kreative Ideen

Und wenn nichts von den genannten Ursachen in Frage kommt? Dann hilft uns manchmal nur ein kreativer Umgang mit dem Zähneputzen mit Hilfe von

  • Zahnputzlieder singen oder Zahnputzgedichte aufsagen
  • Eine Geschichte ausdenken zum Zähneputzen: Jeden Abend müssen die Zahnputzmonster erst lockergeschrubbt und dann herausgefegt werden…
  • Kuscheltiere oder Handpuppen/Waschlappen die Zähne putzen lassen. Ein einfacher Waschlappen kann mit zwei angenähten Knöpfen und etwas Wolle zu einer Zahnputzfee werden, die abends die Zähne säubert
  • Zahnputzvideos ansehen
  • Es gibt elektrische Zahnbürsten mit Apps, bei denen dann die Bakterien aus dem Mund geputzt werden
  • Zähneputzen an unterschiedlichen Orten: „Weißt du, wo wir noch nie die Zähne geputzt haben?“
  • Färbetabletten aus der Apotheke benutzen: Zahnfärbetabletten färben den Plaque blau und es ist sichtbar, wo besser geputzt werden sollte

Manche Eltern denken, es sei absurd, einen großen Aufwand um das Zähneputzen zu betreiben, wenn das Kind doch auch festgehalten werden könnte. Zahngesundheit ist aber ein wesentlicher Bestandteil der körperlichen Gesundheit und es ist wichtig, Kindern nicht das Engagement und die Bereitschaft zu nehmen, sondern das Zähneputzen als gutes Ritual zu etablieren, das Kinder ihr ganzes Leben lang begleiten wird. Die Zeit, in der Kinder vielleicht überredet oder kreativ begleitet werden müssen, ist vergleichsweise kurz in Bezug darauf, für wie lange wir ihnen mit diesem Aufwand ein gutes Vorbild und Gefühl mitgeben können. Gewaltfreiheit ist ein Recht des Kindes und mit Kreativität, geänderten Rahmenbedingungen und Ablenkung schaffen wir es, das Vertrauen des Kindes in uns zu erhalten, dass wir die schützenden Bezugspersonen sind, die unterstützen, helfen und auf dem Weg in das Großwerden begleiten.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.