Kategorie: Kleinkind

Bindung findet im Alltag statt

Es wäre so schön, wenn es das eine Patentrezept geben würde: Tue dies und dein Kind entwickelt eine sichere Bindung zu dir, die es ein ganzes Leben lang schützt und trägt. Gerne werden wahlweise das Stillen, Tragen oder Cosleeping als solche Wundermittel betrachtet. Tatsächlich stecken aber in der Annahme zwei Fehler: Es gibt nicht das eine Wundermittel und Bindungsmuster können sich über das Leben hinweg verändern.

Es ist nicht alles in Stein gemeißelt

Das Bindungsmuster ist nicht in Stein gemeißelt. Diese Erkenntnis bringt für Eltern oft zwei gegenteilige Empfindungen mit: Einerseits entlastet es gerade jene, die vielleicht einen schwierigen Start in das Familienleben hatten, denen es schwer gefallen ist, eine Beziehung aufzubauen und sich nah zu kommen – nach einer Geburt, die ganz anders lief als geplant und nach der Eltern und Kind vielleicht erst einmal getrennt sein mussten oder auch, wenn der Start schwierig war, weil das Baby besonders viel weinte. Für diese Eltern bringt die Erkenntnis, dass sich Bindungsmuster im Laufe des Lebens wandeln können, einen wahren Schatz mit: Es ist nie zu spät! Wir können zu einem späteren Zeitpunkt beginnen, eine tiefe und bedürfnisorientierte Beziehung aufzubauen und das Kind so in der Entwicklung unterstützen.

Es entlastet auch die Eltern, die im Laufe des Familienlebens feststellen, dass es Situationen gibt, in denen es ihnen besonders scher fällt, feinfühlig oder bedürfnisorientiert zu handeln, wenn Stimmen aus der eigenen Kindheit hoch kommen und Eltern ganz anders handeln, als sie es eigentlich wollen. Denn wir können unser Verhalten unserem Kind gegenüber ändern, wenn wir an unseren eigenen inneren Arbeitsmodellen arbeiten (manchmal brauchen wir dafür therapeutische Unterstützung) und können auch unser Kind unterstützen, die inneren Arbeitsmodelle von Bindung zu ändern. Es ist deswegen nie zu spät, eine Beratung und Therapie wahrzunehmen, um den Umgang zu verändern und für Kinder ist es nie zu spät, von einer Änderung des elterlichen Verhaltens zu profitieren. Auch wenn Eltern erst im Verlauf der Kindheit ihren Erziehungsstil ändern hin zu einem respektvollen, bedürfnisorientierten Umgang, kann das für das Kind eine große Unterstützung für das aktuelle und zukünftige Erleben sein.

Auf der anderen Seite bedeutet die Erkenntnis, dass Bindung nicht in Stein gemeißelt ist aber auch: Es reicht nicht, nur am Anfang liebe- und verständnisvoll zu sein, sondern Bindung ist ein Prozess, der sich über das Leben erstreckt und wir haben unsere ganze Elternschaft damit zu tun.

„Bindung kann wachsen und braucht manchmal auch einfach Zeit. Und: Es ist nie zu spät, um Geborgenheit zu geben – wie auch immer der Anfang war.“

S. Mierau „Geborgen wachsen. Wie Kinder glücklich groß werden“

Bindung geschieht im Alltag

Bindung findet also im Alltag statt. In den vielen kleinen Momenten und über die Situationen hinweg verteilt. Sie zeigt sich in dem Mahlzeiten, im Wickeln, im Zubettbringen, im Gespräch und im Spiel. Viel mehr als durch eine bestimmte Handlung oder durch bestimmte Dinge, die wir verwenden oder nicht verwenden, macht sie sich in diesem Alltag bemerkbar in unserer inneren Haltung, unserer Zuwendung und Feinfühligkeit: Nehmen wir Bedürfnisse wahr? Interpretieren wir sie richtig? Reagieren wir (je nach Alter des Kindes) prompt und passend? Ist es dem Kind auch möglich, in den vielen Alltagssituationen auch Gefühle wie Trauer und Wut ausdrücken zu dürfen und wird es dabei begleitet? Vermitteln wir dadurch und in den anderen Handlungen Sicherheit und Zuverlässigkeit für das Kind? Weiß es, dass wir da sind und jedes Gefühl als okay annehmen und begleiten? Sind wir auch nach als schwierig erlebten Situationen wieder zugewandt, verzeihen dem Kind und uns und entschuldigen uns beim Kind, wenn etwas mal nicht gut läuft?

Bringen wir diese Haltung in den vielen Situationen im Alltag mit, haben wir eine gute Chance, eine stabile Basis aufzubauen. Sie kann sich noch immer ändern durch andere Einflüsse, aber wir geben unserem Kind die Chance, auf Basis der positiven Erfahrungen mit uns sicher und aufgeschlossen in weitere Beziehungen und Lernerfahrungen einzutauchen und damit umzugehen. Durch ein sicheres emotionales Zuhause hat es die Chance, abenteuerlustig zu Welt zu erkunden und bei Bedarf zurück zukommen, um Hilfe zu bitten und das sichere Gefühl zu haben, in den Bedürfnissen angenommen zu werden. Wie genau es diesen Alltag gestaltet und auslebt, ist auch eine Frage des Temperaments. Zunächst hat es prinzipiell die Möglichkeit, nach dem eigenen Tempo und Bedürfnis vorzugehen.

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Bitte sprich mit mir!

Zwei große runde Augen sehen dich an. „Erklär mir die Welt!“ scheinen sie zu sagen, aber manchmal übersehen wir das. Alles ist neu hier, all die Eindrücke, die Geräusche, die vielen verschiedenen Lebewesen und auch all die Regeln, die uns jeden Tag umgeben. Ein Kind, das neu in diese Welt kommt, ist erst einmal fremd und braucht unsere Hilfe, um sich zurechtzufinden. Nicht nur in den ersten Wochen oder Monaten, sondern über viele Jahre. Je mehr es eintaucht in diese Welt und je weiter es sich damit auseinandersetzen kann und auch muss durch den wachsenden Aktionsradius, desto mehr ist auch darauf angewiesen, nicht nur selbst zu erfahren und zu spüren, sondern auch Erklärungen zu bekommen.

Die Welt ist voller Fragen

„Da?“ sagt das Kleinkind mit ausgestreckter Hand. Es meint nicht zwangsweise, dass es dieses „Da“ haben möchte, sondern bittet nicht selten um ein Wort, eine Erklärung. Nach und nach kommen die weiteren großen Fragen: Wo? Wer? Was? und schließlich Warum? Das große Warum, das uns so viele Jahre begleitet. Unsere Kinder stellen uns Fragen über diese Welt vom Anfang des Sprachgebrauchs bis ins hohe Alter. Die Fragen werden komplexer, sind irgendwann nicht nur Fragen, sondern stellen in Frage: uns, die Gesellschaft, Systeme und Entscheidungen. Wir sind in einem Austausch mit ihnen und unsere Antworten helfen, die Welt zu sortieren, einen Platz darin zu finden oder sich auch bewusst gegen einen Platz zu entscheiden.

Fragen sind aufschlussreich für Eltern

Wir sind im Austausch und dieser Austausch ist wichtig. Für unser Kind, aber auch für uns Eltern, weil wir durch die Fragen auch einen Blick auf die Weltsicht des Kindes erhalten: Womit beschäftigt es sich? Was sind gerade die Themen des Kindes? Wie nimmt es die Welt wahr und wovor hat es vielleicht auch Angst? Eine Frage kann einfach eine Frage sein, eine Selbstoffenbahrung, kann etwas über die Beziehung aussagen und ganz sicher ist die Frage eines Kindes ein Appell an uns, um entweder um ein Gespräch oder eine Erklärung zu bitten.

Übersehen wir die Fragen nicht

Unser Alltag ist so voll und manchmal so schnell. Für die vielen Fragen eines Kindes scheint so selten Platz zu sein. Wir überhören, wir übergehen bewusst, weil es gerade einfach nicht passt, weil gerade jetzt keine Zeit dafür ist. Später ist die Frage vielleicht vergessen und der Moment verronnen, in dem wir gemeinsam über ein vielleicht für das Kind wichtiges Thema hätten sprechen können.

Es gibt auch unausgesprochene Fragen

In der Hektik des Alltags verlieren wir manchmal die Worte: ziehen wortlos das Kind an aus Hast, setzen es wortlos hinein in den Kindersitz und schnallen es an, handeln ohne begleitende Worte und ohne die Erklärung, die gerade jetzt so nützlich wäre. Denn Fragen werden manchmal auch nicht gestellt und ergeben sich dennoch: In einer Welt, die noch so ganz neu ist für ein Kind, sind die Handlungen, die an einem Kind durchgeführt werden auch mit der inneren Frage des Kindes verbunden nach dem Zweck. Deswegen: Nehmen wir uns doch die Zeit, die ausgesprochenen und die unausgesprochenen Fragen zu beantworten. Gehen wir auf Augenhöhe und reden und erklären wir unser Handeln und besprechen wir die vielen Fragen, die unsere Kinder haben. Vielleicht klappt es nicht immer in diesem hektischen Alltag, aber sicherlich in der Mehrheit der Fälle, wenn wir uns die Bedeutung dieses Wissensdurstes immer wieder vor Augen führen.

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Es tut mir leid

Wir sind nicht perfekt. Als Menschen und auch nicht als Eltern. Wir machen Fehler, entscheiden „falsch“ oder zumindest anders als wir es vielleicht später tun würden. Wir treffen Entscheidungen, weil wir sie treffen müssen und stellen vielleicht später fest, dass sie nicht gut waren. Wir haben schlechte Tage, zu viel Stress und sind vielleicht deswegen unfreundlich und unfair. Wir sind an solchen Tagen weniger zugewandt als wir es vielleicht sonst sind (und wissen es und ärgern uns gleichzeitig darüber, dass wir es nicht ändern können).

Eure Beziehung hält das aus

Niemand ist perfekt. Ich nicht, du nicht und auch nicht die anderen Eltern in der Kita oder Schule oder Nachbarschaft. Es ist leicht, all das Tolle an den anderen zu sehen, wenn die anderen Seiten nicht sichtbar sind. Und schnell kommen wir dann in die Versuchung zu denken, bei anderen würde es sie gar nicht geben. Nur bei uns. Die Wahrheit aber ist, es gibt sie eben, die negativen Seiten. „Denn es gibt keine perfekten Eltern und keine perfekten Kindheiten.“ wie die Psychologin Stefanie Stahl schreibt. Und als Eltern müssen wir auch nicht perfekt sein, sondern „nur“ gut genug. Glücklicherweise sind unsere Kinder bei aller Zartheit auch recht robust und wenn es mal zwischendurch ein wenig schief läuft und wir eine schlechte Zeit haben, dann ist das meist nicht nachhaltig negativ für ihre Entwicklung.

Wir machen Dinge falsch. Wenn wir dies bemerken, müssen wir uns nicht grämen und auch nicht versuchen, unsere Fehler zu vertuschen. Wir können authentisch sein – und um Entschuldigung bitten.

S. Mierau „Geborgene Kindheit. Kinder vertrauensvoll und entspannt begleiten“

Sich entschuldigen beim Kind – So geht es

Was wir aber immer tun können, wenn wir feststellen, dass wir an der ein oder anderen Stelle falsch gehandelt haben, ist, eine Entschuldigung vorzubringen. „Es tut mir leid, dass ich vorhin keine Lust hatte.“, „Es tut mir leid, dass ich zu laut war.“, „Es tut mir leid, dass ich keine Zeit hatte, um in Ruhe mit Dir noch auf den Spielplatz zu gehen.“

Sich zu entschuldigen erfordert Kraft, denn wir müssen uns selbst eingestehen: Das, was ich da gemacht habe, war nicht richtig. Das ist nicht immer einfach. Aber es gibt unseren Kindern die Möglichkeit, unser Verhalten besser einordnen zu können und schafft Entlastung. Zudem sind wir unseren Kindern ein gutes Vorbild: Wie oft erwarten wir in Konfliktsituationen von unseren Kindern, dass sie sich bei anderen entschuldigen oder Mitgefühl zeigen, wenn sie einem anderen Kind oder Erwachsenen unrecht getan haben. Dabei geht es uns nicht darum, dass Kinder „nur“ eine Floskel aufsagen, sondern eigentlich wünschen wir uns, dass sie empathisch verstehen, dass ein anderer Mensch in Mitleidenschaft gezogen wurde. Um unseren Kindern das Verständnis hier zu vermitteln, ist es aber wichtig, sie ebenso zu behandeln.

Deswegen: Gehen wir auf Augenhöhe mit dem Kind, sehen wir es direkt an und entschuldigen uns, wenn wir falsch gehandelt haben. Erklären wir, wie wir uns fühlen und warum und bleiben wir dabei bei uns und unseren Gefühlen. Wichtig ist, dass wir nun in dieser Entschuldigung die Schuld nicht wieder an das Kind verweisen, sondern bei uns bleiben. Sagen wir „Es tut mir leid, dass ich dich so gehetzt habe, weil ich einen wichtigen Termin hatte“ und nicht „Es tut mir leid, dass ich dich so hetzen musste, weil du zu langsam warst.“

Um Entschuldigung BITTEN

Wir können von unserem Kind erbeten, dass es unser Verhalten entschuldigt, wir können es nicht verlangen. Das Kind hat ein Recht darauf, unser Verhalten blöd zu finden – auch nach einer Entschuldigung. Genau so, wie auch Kinder nach der Entschuldigung eines anderen Kindes vielleicht dennoch nicht sofort wieder mit dem Kind spielen wollen. Es ist in Ordnung, Gefühle zu verarbeiten, nachzudenken oder vielleicht auch erst einmal zur Seite zu legen und etwas anderes zu tun. So ist es bei uns Erwachsenen ja auch.

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Wenn die Angst dich leitet in der Autonomiephase deines Kindes

Im Alltag mit Kleinkindern gibt es viele Situationen, in denen unterschiedliche Vorstellungen, Wünsche oder Bedürfnisse aufeinander treffen. „Ich will die Jacke nicht anziehen!“, „Ich will da aber rauf!“, „Ich will das alleine schneiden!“ – Unsere Kinder sind gerade jetzt in einer Phase, in der sie ihre Fähigkeiten ausbauen wollen, in der sie beginnen, immer mehr unabhängig zu werden und in der diese Unabhängigkeit und der Drang nach Eigenständigkeit unaufhaltsam zu ihrem Entwicklungsbedürfnis gehören: Wann, wenn nicht jetzt? Genau jetzt wollen und müssen sie ihre Kompetenzen ausbauen und brauchen den Raum, das zu tun. Nur leider steht dieser Drang nicht selten unseren erwachsenen Befürchtungen entgegen: Kannst du das schon? Kannst du hier selbst entscheiden?

Kinder wollen sich entwickeln

Kinder haben von Anfang an das Bedürfnis, sich zu entwickeln, ihre Fähigkeiten auszubauen und zu erproben. Nach dem ersten Jahr, in dem sie ihren Körper kennengelernt haben mit den eigenen Grenzen und angekommen sind in der Welt, beginnt die aktive Auseinandersetzung damit durch Fortbewegung, Handlungen und Sprache. Immer mehr und weiter begeben sich Kinder in das soziale Gefüge und bauen ihre Fähigkeiten aus: sie lernen nicht nur zu laufen, sondern auch zu schleichen, zu hüpfen, zu klettern, zu balancieren. Jeder Kompetenzbereich wird nach und nach differenziert. Um dies bewerkstelligen zu können, brauchen Kinder die Möglichkeit, diese Fähigkeiten auszubauen. Diese Möglichkeiten fordern sie von uns vehement ein und reagieren wütend, wenn wir sie ihnen nicht zur Verfügung stellen.

Wenn du dein Kind hinderst – frag dich warum

Natürlich gibt es immer Situationen, in denen wir den aktuellen Entwicklungsbedürfnissen eines Kindes nicht nachkommen können: wir haben einen Termin und sind ohnehin spät dran, das Wohl eines (Geschwister-)kindes lässt nicht zu, stundenlang im Regen auf der Straße zu stehen, wir hatten einen ohnehin anstrengenden Tag und keine emotionalen Ressourcen mehr, um entspannt das Erkundungsbedürfnis des Kindes zu begleiten. All diese Situationen gibt es. Aber im Alltag sind sie meist nicht die Mehrheit. Viel öfter leitet uns der Gedanke: „Nein, das kannst du sicher nicht“ oder „Nein, das ist zu gefährlich.“ bzw. nicht die offenkundige Angst vor einer Gefahr sondern eher das „Das macht man so aber nicht.“ oder „Wenn mein Kind das so macht, dann…“

Leitet dich Angst?

Wenn unsere eigene Angst uns im Umgang mit unseren Kindern leitet, ist dies aus verschiedenen Gründen schwierig: Wir übertragen eigene negative Erfahrungen (manchmal unbewusst) auf unser Kind – ohne dass die Situation wirklich gleich sein muss – wie beispielsweise Angst vor Tieren. Aus unserer eigenen Angst heraus verwehren wir unserem Kind eine Entwicklungsmöglichkeit. Sind wir prinzipiell ängstlich, vermitteln wir unserem Kind ein gefahrvolles Bild von der Welt: „Tu dies nicht, du könntest…“ „Tu das nicht, weil…“ Die Neugierde wird ausgebremst.

Das Kind ist AUSLÖSER für ein Verhalten, das tief in uns eingespeichert ist. Die eigentliche URSACHE unsers Handelns ist nicht das Kind, sondern die Erfahrung, die wir selbst gemacht haben.

S. Mierau „Ich! Will! Aber! Nicht!“ S.68

Aus Angst die Grenzen des Kindes überschreiten

Besonders schwierig wird es jedoch da, wo unsere eigene Angst uns dazu führt, die Grenzen des Kindes zu überschreiten, vielleicht sogar Gewalt anzuwenden im Umgang mit dem Kind, weil wir eigentlich Angst haben: das Kind festhalten, um die Zähne zu putzen gegen den Willen aus Angst vor Karies. Das Kind mit Druck und gegen den Willen in Kleidung zwängen aus Angst davor, es könnte krank werden an der kalten Luft. Das Kind mit psychischer oder körperlicher Gewalt zum Essen zwingen aus Angst, es würde nicht ausreichend Nahrung zu sich nehmen. Oder es mit solchen Maßnahmen vom Essen abhalten aus Angst, es würde zu viel Nahrung zu sich nehmen.

Angst ist ein steter Begleiter von Eltern und es ist natürlich, sich um das Kind zu sorgen und es vor tatsächlichen und konkreten Gefahren beschützen zu wollen: Natürlich lassen wir ein Kind nicht auf die befahrene Straße rennen. Natürlich lassen wir ein Nichtschwimmerkind nicht neugierig allein am Wasser spielen. Aber manchmal drängen sich Ängste in den Vordergrund an den Stellen, an denen sie eigentlich unnötig sind. Eine immer wieder wichtige Frage, die wir uns in solchen Situationen stellen können, ist: „Was hättest du gebraucht?“ Was wäre für dich in dieser Situation, in dieser Phase eigentlich richtig gewesen? Noch näher heran an unsere eigenen Beweggründe führt uns auch die Frage: „Warum ist mir das so wichtig?“ Durch dieses Hinterfragen der eigenen Beweggründe für unser Handel verstehen wir uns selbst besser, können gnädiger mit uns sein und vor allem können wir einen ersten Schritt tun in die Richtung, unsere Kinder nicht durch unsere eigenen Ängste zu lenken und ihre Entwicklung und unsere Beziehung nicht durch Ängste und ihre Folgen überschatten zu lassen.

Eigene Ängst zu kennen, eröffnet neue Handlungsmuster mit Kinder

Statt dessen können wir entspannter an Situationen heran gehen und andere Lösungsansätze suchen. Zu erkennen, dass eine eigene Angst einen leitet beim vehementen Einfordern vom Zahnputzritual lässt den Weg öffnen dafür, andere Alternativen zu suchen: vielleicht das Spiel mit einer Handpuppe, die Ablenkung mit einem Spiegel oder einer Zahnputz-App oder überhaupt die Möglichkeit, sich über die richtige Zahnhygiene von Kindern zu informieren. Zu Wissen, dass man in Anziehsituationen aus Angst vor einer Erkältung überreagiert hilft, hinter das eigene Verhalten zu sehen und sich vielleicht als nächsten Schritt zu fragen: Vielleicht hat mein Kind ja ein anderes Wärmeempfinden als ich? Vielleicht kann ich meinem Kind vertrauen und es erkältet sich nicht, wenn es nicht den Schneeanzug, sondern „nur“ eine dicke Jacke anzieht.

Es ist natürlich, dass wir Ängste haben und Ängste sind oft ein gutes Warnsystem. Manchmal aber beeinflussen unsere Ängste die Beziehungsqualität zu unserem Kind. Ist dies der Fall, müssen wir uns mit unseren Ängsten einmal genauer auseinander setzen und hinsehen, woher sie kommen und ob sie wirklich hier und jetzt und heute sinnvoll sind.

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik), Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Elternblogs über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Auf Augenhöhe

Wenn wir heute darüber sprechen, wie wir den Alltag mit unseren Kindern gestalten, sprechen wir häufig davon, dass wir mit unseren Kindern „auf Augenhöhe“ umgehen und meinen damit, dass wir ihre Bedürfnisse wahrnehmen und sie als ebenso wichtig betrachten wie unsere eigenen. „Auf Augenhöhe“ meint: Ich sehe dich an, ich nehme dich wahr, ich erkenne deine Bedürfnisse an. Aber wie gestaltet sich das im Alttag mit Kindern wirklich?

Auf Augenhöhe mit Bedürfnissen umgehen

„Auf Augenhöhe sein“ bedeutet, dass wir die Bedürfnisse des Gegenüber wahrnehmen und als ebenso wichtig betrachten wie unsere eigenen und dann beantworten oder gegeneinander abwägen, was in der konkreten Situation machbar und sinnvoll ist. Dabei sollten wir uns von dem Gedanken befreien: „Ich mache das richtig/Meine Meinung zählt mehr, weil ich die erwachsene Person bin.“ Natürlich können wir als erwachsene Menschen Situationen anders einschätzen und abwägen bzw. auf einen wesentlich größeren Erfahrungsschatz zurückgreifen. Als Eltern geben wir auch den Weg vor und treffen letztlich Entscheidungen. Es „auf Augenhöhe“ zutun, bedeutet aber, die Wünsche und Bedürfnisse des Kindes nicht sofort abzutun, sondern erst einmal anzuhören und einzuordnen. Es bedeutet, dass wir dann, wenn wir das Bedürfnis des Kindes nicht erfüllen können (weil es objektiv nicht möglich/sinnvoll ist und nicht, weil wir es aus Überlegenheit/Unlust einfach ablehnen), es dennoch anerkennen: „Ich verstehe, dass Du das jetzt machen möchtest, aber wir haben einen wichtigen Termin und können nun nicht auf den Spielplatz“ und die Bedeutung des Bedürfnisses anerkennen und eine andere Lösung anbieten: „Du möchtest gerne auf den Spielplatz, jetzt schaffen wir es nicht, aber wir können es nach dem Termin machen.“ oder eine Alternative: „Wir schaffen es jetzt nicht, auf den Spielplatz zu gehen, aber ich habe verstanden, dass Du gerne noch ein wenig spielen möchtest. Lass uns doch etwas zum Spielen für unterwegs mitnehmen.“

Auf Augenhöhe gehen

„Auf Augenhöhe“ bedeutet aber auch mehr als „nur“ der Umgang mit einer Sachlage: Es bedeutet auch, dass wir tatsächlich mit unseren Kindern auf Augenhöhe gehen. Es bedeutet, nicht von oben herab Entscheidungen auf sie nieder kommen zu lassen, nicht durch den Raum eine Anweisung rufen. Es bedeutet, dass wir uns einen kleinen Augenblick die Zeit nehmen, um in Kontakt mit unseren Kindern zu kommen auf Augenhöhe: Wir können uns zu ihnen hinunter beugen, sie vielleicht berühren beim Reden und so den Fokus auf dieses Gespräch legen. Wir können sie auch hoch nehmen auf unsere Augenhöhe und mit ihnen sprechen. Wir müssen sie nicht auffordern, uns beim Reden direkt in die Augen zu blicken, aber allein die gleiche Augenhöhe und Nähe sind wichtige Anreize für ein wirkliches Gespräch über ein Bedürfnis.

Die Welt aus deiner Augenhöhe betrachten

Und noch etwas können wir tun, um sie besser zu verstehen: Manchmal die Welt aus ihrer Augenhöhe betrachten. Wie sieht das Kinderzimmer, unsere Wohnung aus dem Blickwinkel meines Kindes aus? Was sind Herausforderungen, die sich aus dieser Perspektive ergeben? Was sieht das Kind vielleicht gar nicht aus seiner Höhe? Wie sieht die Welt draußen aus aus der Perspektive eines 1m großen Menschen?

Wenn wir die Welt durch Kinderaugen betrachten auf der Höhe der Kinderaugen, bekommen wir ein besseres Verständnis für ihre Bedürfnisse aber auch für ihre alltäglichen Herausforderungen. So kann es uns gelingen, dann auch leichter mit ihnen „auf Augenhöhe“ zu sprechen.

Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik), Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.    

 

Weg und wieder zurück – Über den sicheren Hafen, den (Klein)kinder brauchen

Die Neugierde treibt dich voran: „Ich da hoch, ja, Mama?!“ Lustig jauchzend springen Kinder auf der Hüpfburg vor Dir auf und ab. „Ich da auch hoch, ja?!“ Ich mag keine Hüpfburgen, denke ich mir und denke zugleich, dass ich Dir keine Angst vor dem Leben mit auf den Weg geben möchte. „Ja, geh da auch rauf. Ich warte hier.“ sage ich. Zwei unbeholfene Beine, die doch selbst noch gar nicht so lange laufen können, klettern empor. Ein kleines Stück, dann bleibst Du stehen und kommst zurück gerannt in meine Arme. Wieder zurück in die Hüpfburg, ein Stück weiter jetzt, wieder zurück in meine Arme. Wieder ein Stück tiefer in die Hüpfburg, wieder in meine Arme. Ein wenig wie im Leerbuch, denke ich, bevor Du wieder voll Abenteuerlust davon rennst. Ein Stück weiter jetzt, denn Du fühlst Dich sicher.

Mut entwickelt sich

„Jetzt geh endlich hüpfen!“ hätte ich auch sagen können, ungeduldig. Ob mein Kind dann ausdauernd springen gegangen wäre? Manchmal braucht es es ein wenig Zeit, um Mut zu fassen. Das kennen wir Erwachsene auch: Erst einmal vorsichtig den Weg ausprobieren, der gefährlich aussieht. Vorsichtig den Fuß aufsetzen: trägt mich die Brücke? Vielleicht noch einmal zögern, vielleicht doch einen Schritt zurück gehen. Nachdenken: alles ist in Ordnung. Mein Kleinkind ist noch nicht erwachsen, analysiert nicht die Situation und zieht Schlüsse. Mein Kleinkind trifft Entscheidungen noch auf einer sehr begrenzten Auswahl an Erfahrungen – manchmal sind die Entscheidungen falsch. Worauf es sich oft beruft, neben der Neugierde, die es antreibt, bin ich: Vertraue ich ihm hier? Erscheine ich entspannt? Und bin ich da, um aufzufangen, zu trösten, Hilfe zu leisten? Gibt es einen sicheren Hafen für eine Rückkehr?

Jeden Tag erleben wir mit einem Kleinkind viele Male die Situation, dass es sich von uns entfernt, um etwas zu erkunden, neugierig die Welt zu entdecken, um dann zu uns zurück zu kommen, um in der Nähe zu sein und schließlich wieder aufzubrechen. Ein Kreislauf aus Nähe und Distanz. Aus der Sicherheit, uns als sichere Basis zu wissen, bricht das Kind immer wieder zu Abenteuern auf.

Auch Eltern brauchen Mut

Für uns Eltern bedeutet diese Phase des Kindes, dass auch wir Mut aufbringen müssen: Mut und Vertrauen in das Kind und seine Fähigkeiten. Es los lassen, damit es selbst erkunden kann und darauf vertrauen, dass es uns signalisiert, wenn es unsere Unterstützung braucht. Mut, nicht vorher einzugreifen*, um das Kind nicht einzuschränken. Da sein, aber als Beobachter*in. Mut, auszuhalten, an einem Ort zu sein, nur um für den Notfall da zu sein. Die Ruhe und eventuell Stille aushalten, die es mit sich bringt, wenn man nur dafür da ist, damit jemand zu einem zurück kommen kann. Mut, sich nicht von anderen Dingen ablenken zu lassen, sondern auf genau dieses Hier und Jetzt einzulassen. Mut, unsere eigenen Ängste nicht auf das Kind zu übertragen und toll zu finden, wie das Kind die Welt erkundet – auch wenn es das anders macht, als wir es uns vielleicht wünschen würden. Mut, genau dieses Bedürfnis des Kindes jetzt zu zu lassen und es zu begleiten, wenn nötig. Und auch den Mut, dann notwendige Entscheidungen zu treffen, wenn sie von einem erwachsenen Menschen getroffen werden müssen.

Was Abenteurer*innen brauchen

Kinder, gerade Kleinkinder, brauchen den sicheren Hafen. Als sicherer Hafen sind wir der Ort, an den sie zurück kehren können. Manchmal reicht aber auch nur der Blick über die Schulter, um sich zu vergewissern, dass der Hafen nicht weit weg ist. Manchmal braucht es die Sicherheit, dass er noch in Rufweite ist. Es tut gut, zu erfahren, dass das, was man gerade tut, von einer anderen Person wertgeschätzt wird. Dafür brauchen wir keine großen Worte, keine langen Ausschweifungen. Es kann ein Blick sein, eine Geste: Ich sehe Dir zu, weil ich Dir gerne zusehe. Ich habe gesehen, dass Du gerade etwas gemacht hast, dass Du noch nie zuvor geschafft hast. Wichtig ist vor allem: Es überhaupt wahrnehmen zu können. Wir müssen nicht die ganze Zeit auf das spielende Kind fokussiert sein, aber wir können es im Blick haben, in der Nähe sein und aufmerksam bleiben für das, was nun gerade kommt: Nähe oder Erkundung. – Und sie dann wieder abwechselt.

Eure

* gefährliche Situationen (wie Straßenverkehr u.a.) sind hiervon ausgeschlossen

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik), Geburtsvorbereiterin, Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Elternblogs über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

„Nein, meins!“ – Ich will genau dieses Spielzeug JETZT!

Zwei Kinder sitzen im Sandkasten, eines von ihnen spielt mit einem kleinen Trichter und lässt den Sand hindurch rieseln in eine kleine Wasserschüssel, wo der Sand sich sogleich mit Wasser voll saugt und zu Matsch wird. Wie hypnotisiert sieht das andere Kind einen Moment zu, steht dann auf, geht hinüber, und reißt den Trichter aus der Hand. Es entsteht ein Streit um den Trichter – beide wollen ihn haben. Aber steht wirklich der Besitz hinter diesem Streit? Eine ähnliche Situation, die sich oft in Kinderzimmern von Geschwistern abspielt: Das kleine Kind sieht dem größeren Geschwisterkind beim Spielen zu, rennt zu ihm, reißt das Spielzeug aus der Hand, rennt weg, spielt kurz damit und wirft es dann achtlos in die Ecke. Was passiert hier?

Das belebte Objekt

Wenn sich Kinder um einen Gegenstand streiten, denken wir oft, dass es um den Besitz geht. Wir denken, das andere Kind möchte dieses andere Ding haben, möchte es besitzen und wir regen dazu an, Sachen zu teilen, weil wir denken, es würde darum gehen, sich einen Gegenstand auszuleihen. Wenn der Gegenstand dann den Besitzer oder die Besitzerin gewechselt hat, ist das Interesse an dem Gegenstand auch oft schon verloren. „Aha, es ging nur darum, den eigenen Willen durchzusetzen!“ sind Eltern dann oft verleitet zu denken. Oft aber geht es, gerade bei Babys und kleinen Kindern, nicht um den Besitz und auch nicht darum, den eigenen Willen durchzusetzen, sondern um die Erfahrung, die dahinter steht. Dieses Wissen, das Verstehen des Kindes, kann verändern, wie wir mit einer solchen Situation umgehen und das Kind betrachten. Und selbst dann, wenn es manchmal um das Besitzen geht, lohnt sich ein Blick auf die wirklichen Gründe dahinter, warum Besitz ein wichtiges Thema für Kinder ist.

Entwicklungsressourcen

Das Kind, das den Trichter haben möchte, sieht das andere Kind, sieht wie es Freude hat bei dem Spiel und dass es damit eine spannende Erfahrung macht. Es sieht, dass das Kind etwas lernt, experimentiert. Genau das möchte es auch: lernen und experimentieren, sich weiter entwickeln, einen Entwicklungsvorteil erwerben. Wie so oft geht es auch hier um Ressourcen, dieses Mal um Entwicklungsressourcen. Es ist also keine böse Absicht des Kindes, es ist kein Machtspiel, sondern ein innerer Entwicklungsdrang, der hinter dem Verhalten steht.

Genau das erkennen wir auch dann, wenn das Kind das Spiel auf einmal beendet und das Spielzeug achtlos zur Seite wirft. Oft passiert das dann, wenn es dieses Spiel, das es gesehen hat, nicht nachahmen kann, wenn es nicht die gleiche Erfahrung damit machen kann wie das andere Kind. Vielleicht, weil es dafür noch zu klein ist, wie oft bei Geschwistern zu beobachten ist: Eben sollte es dieses Spielzeug noch unbedingt sein, nun ist es schon nicht mehr interessant, wo es doch endlich in der Hand gehalten wird.

Warum nur „teilen“ oft nicht hilft

Das andere oder größere Kind nur zum Teilen aufzufordern, bringt deswegen meist keinen Erfolg in einer solchen Streitsituation: Denn nur durch den Besitz des Gegenstandes wird der eigentliche Wunsch hinter dem „Habenwollen“ nicht erfüllt. Im schlechtesten Fall sind durch die Aufforderung des Teilens zwei Kinder frustriert: Das Kind, das teilen soll (und seinen Besitz abgeben muss, der für das ältere Kind sehr wichtig ist, siehe unten) und das Kind, das mit dem Gegenstand eigentlich nichts anfangen kann.

Hilfreich ist deswegen, wenn wir das andere Kind begleiten im Experimentieren damit oder von Anfang an Alternativen anbieten können bspw. bei Spielsachen, die doppelt vorhanden sind. Andere Kinder zum Teilen aufzufordern, ist oft schwierig, denn es ist wichtig, auch sie nicht aus ihrem Spiel und ihrer aktuellen Entwicklung heraus zu reißen. Sie brauchen einen geschützten Raum, in dem sie sich in Ruhe beschäftigen dürfen und gerade unter Geschwistern ist es auch wichtig, eigenen Besitz zu haben, der nicht geteilt werden muss.

Besitz

Besitz ist in der Vorschulzeit etwas, das die eigene Position in der Gruppe stärkt oder auszeichnet. Geht es im Wegnehmstreit nicht um das Ausprobieren, kann auch der reine Besitz eine Rolle spielen. Auch hier geht es aber wieder um eine Entwicklungsressource und nicht um eine böse Absicht: Zu sehen, wohin ich gehöre, wie ich mich in der Gruppe bewege und welche Stellung ich habe. Manchmal nehmen Kinder anderen Kindern Dinge weg, um diese soziale Position zu hinterfragen und auszumachen. Auch dies ist normal und wichtig.

Kreativer Umgang mit Konfliktsituationen

Wie immer in Streitsituationen ist es gut, Kinder auch eigene Möglichkeiten und Lösungen finden zu lassen. Manchmal ist dies nicht möglich, und wir müssen eingreifen, um zu unterstützen. Langfristig ist es hilfreich, den Kindern zu vermitteln, dass nach gewünschten Dingen gefragt werden kann. Auch hier ist das Vorbildverhalten der Eltern wieder wichtig: Nehmen wir Dinge einfach aus der Hand oder fragen oder bitten wir zuvor?

Teilen ist ein wichtiger Meilenstein der Entwicklung, aber das freiwillige Teilen erwerben Kinder erst im Laufe der Zeit – es ist, wie viele andere Dinge, eine Frage der Entwicklung.

Deswegen ist es so wichtig, Kinder gut zu begleiten, sie anzuregen, aber nicht zu bestimmen. Wir können ein „gleich“ anbieten, ein „ausleihen“ oder auch einfach vermitteln: Es ist vollkommen in Ordnung, dass Du dieses Ding nicht teilen möchtest, wenn es so wichtig ist. Wir können erklären, dass beispielsweise nicht teilbare Dinge nicht auf den Spielplatz mitgenommen werden, um Konflikten vorzubeugen. Und wir können selber Vorbild sein im Teilen und dem Umgang mit eigenen Dingen, gerade wenn ein Kind etwas von uns Erwachsenen „einfach“ wegnimmt.

Betrachten wir solche Streitsituationen also wohlwollend einmal durch die Augen der Kinder. Dann wird uns klar, dass hinter solchen Streitsituationen keine böse Absicht steckt, kein Fehlverhalten und keine „schlechte Erziehung“, sondern dass sie vollkommen normal und wichtig sind für die kindliche Entwicklung. Und mit diesem Wissen wird es schon leichter.

Eure

 

Angstfresserchen – Wie Sie Kindern bei Angstanfällen helfen können

Kinder haben Ängste und Kinderängste sind normal. Wichtig ist, wie Eltern (und andere Bezugspersonen) damit umgehen. Diplom-Pädagoge und Therapeut Dr. Udo Baer beschreibt einen kreativen Umgang mit Kinderängsten:

Es gibt ein sehr schönes Kinderbuch von Michael Ende: „Das Traumfresserchen“.
Hier sorgt sich ein König um seine Tochter. Denn die Tochter wird von bösen
Träumen geplagt. Der König ruft alle Weisen und Heiler seines Landes zusammen,
die seiner Tochter helfen sollen. Sie bemühen sich, aber ihre Bemühungen sind
vergeblich. Niemand kann der Königstochter die furchtbaren Albträume nehmen, die
sie jede Nacht erzittern und aufwachen lassen. Da beginnt der König eine Weltreise.
Er reist in andere Länder und sucht überall jemanden, der seine Tochter von den
Träumen befreien könnte. Doch die Reise bleibt erfolglos.

Überall fragt er vergeblich, bis er schließlich ans Ende der Welt gerät. Dort setzt er
sich auf einen Stein und weint bitterlich, weil er versagt hat, weil er seiner Tochter
nicht helfen kann. Da nähert sich ihm ein fremdes Wesen, wie er es noch nie
gesehen hat. Das Wesen fragt ihn, warum er so betrübt sei und weine. Der König
erzählt die Geschichte von seiner Tochter und seiner vergeblichen Suche. Da sagt
das Wesen: „Oh, das trifft sich ja gut. Ich bin nämlich ein Traumfresserchen. Ich
ernähre mich von Träumen. Und je schlimmer diese Träume sind, desto besser
schmecken sie mir.“ Der König fragte das Traumfresserchen, ob es ihn begleiten
wollte, um seiner Tochter zu helfen. Das Traumfresserchen sagte „Ja“, und die
Tochter wurde schließlich von den bösen Träumen befreit.

Diese Geschichte, die Michael Ende viel schöner erzählt, als ich sie hier
zusammenfasse, war mein Anstoß dafür, mit und für Kinder ein Angstfresserchen zu
malen. Viele Kinder haben Ängste. Und es ist gut, wenn wir Eltern uns um diese
Ängste kümmern. Wir können beruhigen. Wir können helfen, indem wir nachfragen,
wovor das Kind denn konkret Angst hat. Wir können zum Beispiel ein Licht anlassen,
wenn dunkle Schatten drohen. Doch manchmal bleiben Ängste so diffus, und oft
treten sie, wie bei der Königstochter, auch nachts auf.

Hilfe bei Ängsten: Das Angstfresserchen malen

Eine Hilfe kann darin bestehen, dass die Kinder ein Angstfresserchen malen.
Erklären Sie Ihrem Kind, dass es Wesen gibt, die sich von Ängsten ernähren, also
Angstfresserchen. „Jedes Kind weiß nur selbst, wie sein Angstfresserchen aussieht.
Jedes Kind kann es beschreiben oder vielleicht auch malen.“ Bitten Sie Ihr Kind, ihr Angstfresserchen zu malen. Wenn es dazu noch zu klein ist, dann malen Sie das
Angstfresserchen für Ihr Kind – nach dessen genauen Angaben.

Dennis hatte über seinem Bett ein Bild mit seinem Angstfresserchen hängen. Doch
eines Tages kam er zu seiner Mutter und brachte ein großes Blatt Papier und eine
Packung Farbstifte mit. Er sagte: „Mama, das Angstfresserchen über meinem Bett
hilft gegen die kleinen Ängste. Ich brauche aber noch eines gegen die große Angst.
Mal mir das.“ Die Mutter malte nach genauen Angaben große Krokodilzähne, ein
breites Maul, furchterregende Augen und Stacheln auf dem Kopf … . Gemeinsam
hängten sie dieses Bild im Kinderzimmer auf. Nun gab es auch einen Angstfresser
gegen die große Angst.
Er half.

Solche Bilder haben für die Kinder eine hohe symbolische Bedeutung. Vor allem
dann, wenn sie diese selber gestalten oder die Bilder nach ihren Angaben gestaltet
werden, also nicht von der Stange angefertigt werden. Wir nennen diese Methode
„Aktives Symbolisieren“. Die Kinder schaffen selbst Symbole, und das ist viel
hilfreicher, als wenn Symbole gekauft oder vorgefertigte verschenkt werden. Solche
Symbole müssen nicht in Bildern bestehen. Es gibt viele andere Möglichkeiten.
Kinder können aus Knete oder Ton ein Objekt gestalten. Sie können sich einen Stein
oder ein Stück Holz aussuchen und es bemalen oder als Stofffigur gestaltet werden.
Ganz gleich in welcher Form Sie Ihrem Kind Aktives Symbolisieren anbieten, Sie
stärken damit die inneren Kräfte des Kindes und mobilisieren seine Ressourcen.
Dass Sie das Kind trösten, halten, stützen, begleiten, bleibt natürlich notwendig. Das
kann kein Angstfresser ersetzen. Doch Ihr stärkender Halt kann von den
Angstfressern unterstützt werden.

Dr. Udo Baer ist Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL und u.a. Vorsitzender der Stiftung Würde. Auf Geborgen Wachsen schreibt er über die (Gefühls-)Welt der Kinder, ihre Gedanken und die sich ergebenden Herausforderungen. Mehr über Kinderängste und ihre professionelle Begleitung findet sich in seinem Buch „Wenn Oskar Angst hat. Kinder verstehen und im Kita-Alltag professionell begleiten“

Hilfe, mein Kind lügt! – Wie Eltern mit Lügen, Flunkereien und Unwahrheiten umgehen können

Wir sitzen im Restaurant beim Essen, als mein kleiner Sohn auf einmal von seinem Stuhl quietschend aufspringt, sich umdreht und wild gestikuliert hinter dem Stuhl. Was denn los sei, frage ich. „Drache mich immer am Rücken kitzelt!“ Ruft er empört. – Natürlich sitzt dort kein Drache, natürlich hat ihn niemand von hinten am Rücken gekitzelt. Aber für ihn sind dieses Kitzeln und dieser Moment real: Dort saß gerade noch ein kleiner Drache und hat ihn gekitzelt. An einem anderen Tag erklärt mein anderer Sohn abends, er könne wirklich nicht durch den dunklen Flur gehen, denn seit kurzer Zeit würde dort ein Gnarfling wohnen. Das sei tagsüber nicht besonders schlimm, abends aber würde das gar nicht gehen. So sehr uns diese Angst als unsinnig erscheint, ist sie jedoch real: Sie ist da und eine bestehende Realität. Und dann gibt es auch noch die Geschichten des großen Kindes: Beispielsweise, dass es in dieser Woche wirklich kein neues Musikstück üben müsse aus der Musikschule, denn es sei noch das alte Musikstück, das gespielt wurde. Letztlich stellt sich heraus: Es gab doch ein neues Stück, das nun aber nicht gelernt wurde. Die Zeit wurde lieber für anderes verwendet.

Was ist eigentlich eine Lüge?

Wenn wir die „Lügengeschichten“ von Kindern im Laufe der Kindheit betrachten, sehen wir, wie sie sich ändern, wie sich ihre Inhalte und Absichten dahinter ändern und auch der Umgang der Kinder damit. Wenn etwas für uns als Lüge erscheint, weil wir wissen, dass es nicht wahr ist, muss es für das Kind dennoch keine absichtlich geplante Lüge sein, sondern kann seiner aktuellen Weltsicht entspringen.

Auch unsere erwachsene Ansicht davon, dass Lügen per se schlecht seien, ist in Bezug auf Kinder oft schwierig, denn selbst dann, wenn das Kind eine Unwahrheit berichtet, bedeutet es nicht, dass es uns damit verärgern wollte oder absichtlich böse wäre. Selbst hinter einer geplanten Lüge liegt eine Absicht, ein Bedürfnis oder ein Wunsch, der erkannt werden will – oder zumindest ein Entwicklungsbedürfnis. Lügen ist keine Sünde, sondern ein Baustein einer normalen Entwicklung.

Lügen im Laufe der Zeit

Das obige Beispiel illustriert bereits: Lügen verändert sich im Laufe der Zeit und eine Unwahrheit, die ein Kind berichtet, muss nicht zwangsweise eine Lüge sein. Imaginäre Freunde sind ebenso für die Kinder real wie die Angst vor Hexen, Monstern oder anderen Wesen, die in der magischen Phase vorkommt. Wenn das Kind von diesen Dingen berichtet, lügt es uns nicht an. Und es ist auch nicht schlimm, dass es an diese magischen Wesen glaubt oder sie es sogar eine Zeit lang begleiten. Oft verbirgt sich dahinter auch eine wichtige Information, beispielsweise die normale Angst in diesem Alter vor der Dunkelheit oder dem Schlafen allein. Auch die Fantasie ist eine Kraft und Entwicklung, mit der das Kind umzugehen lernt im Laufe der Zeit und es ist gut, wenn es die Möglichkeit hat. Wenn unser Kind also von den fantastischen Fantasiewesen berichtet, sollten wir diese Informationen annehmen und respektieren und vielleicht sogar einmal probieren, in diese Welt einzutauchen.

Eine Lüge wird dann erzählt, wenn ein Kind ganz bewusst eine Unwahrheit erzählt und weiß und fühlt, dass das Gesagte nicht richtig ist. Dies entsteht aber erst ab dem 3. Geburtstag nach und nach, wenn das Kind langsam fähig ist, sich in andere Menschen hinein zu versetzen. Und gerade in diesem Zusammenhang können wir das Lügen auch als ein Spiel mit der Perspektivübernahme betrachten: Viele Kinder machen sich auch einen Spaß daraus und experimentieren damit, ob sie eine andere Person täuschen können. Wie so viele andere Entwicklungsmeilensteine ist auch das Lügen etwas, das das Kind spielerisch im Laufe der Zeit lernt. Erst im Vorschulalter wird dann bewusst eine andere Geschichte erzählt, als die erlebte.

Lügen bei (Geschwister)streitigkeiten

Besonders wichtig ist ein sensibler Umgang mit „Unwahrheit“ auch im Kontext von (Geschwister)streitigkeiten. Nicht selten berichtet ein kleineres Geschwisterkind davon, dass das größere Kind es geärgert hätte. Dass diesem Ärger aber vielleicht ein eigenes Ärgern vorausging, auf das das größere Geschwisterkind reagiert hat, wird dabei verschwiegen, weil es vom kleinen Kind schon ausgeblendet wurde. Eltern neigen dann manchmal dazu, die Schuld dem größeren Kind zu geben und es des Lügens zu beschuldigen. Bei Geschwisterstreitigkeiten, zu denen man hinzugezogen wird, ist es deswegen besonders wichtig, neutral zu bleiben und zu erklären, dass man nicht dabei war und eher eine Vermittlungsposition zu übernehmen (wenn nötig) als zu beurteilen.

Muss ein Kind lügen (lernen)?

Wenn Kinder erstmal lügen bzw. Eltern eine Geschichte als wirkliche Lüge wahrnehmen, ist das manchmal ein Schreck: „Ich habe mein Kind doch zur Ehrlichkeit erzogen!“ oder „Es muss doch nicht lügen, ich bin doch nicht streng.“ Können Gedanken sein, die sich in den Vordergrund schieben. Wichtig ist hier jedoch, wieder die Perspektive des Kindes zu übernehmen: Das Lügen ist ein Entwicklungsmeilenstein, der seine Berechtigung hat. Auch in unserer Gesellschaft gibt es Lügen, die akzeptiert oder sogar gewünscht sind, wenn wir beispielsweise besonders schonend mit den Gefühlen anderer umgehen wollen „Nein, das ist nicht schlimm!“ Oder „Danke, darüber freue ich mich!“ Kulturübergreifend lügen Kinder und auch im Tierreich ist das Schwindeln zu finden. Es ist ein wesentlicher Meilenstein der Entwicklung für das Leben in der Gemeinschaft und das Verständnis der Aussagen anderer Menschen: Denn wenn ein Kind selbst bewusst lügen kann, weiß es auch, dass andere das tun und überdenkt Aussagen und Verhalten anderer.

Was steht hinter der Lüge?

Eine Lüge muss nicht problematisch sein, aber wir problematisieren sie oft. Und hier verdeutlicht sich, warum die Begleitung des Kindes dabei so wichtig ist: Wenn wir eine Unwahrheit annehmen ohne Bewertung und die Ursache versuchen zu verstehen, kann es sein, dass das Kind zukünftig weniger darauf angewiesen ist, zu flunkern. Neben dem Entwicklungsspiel „Lügen“ gibt es auch Lügen, hinter denen sich eine Aussage verbirgt, gerade bei den größeren Kindern. Hinter der Lüge, das Kind habe keine Hausaufgaben auf oder kein neues Musikstück zu lernen, kann der Wunsch stehen, mehr Zeit für andere Beschäftigungen zu haben. Diese Ursache herauszufinden ist wichtig, denn wenn wir das Grundproblem beheben oder zumindest dem Kind signalisieren „Ich habe Deinen Wunsch verstanden.“ hat es weniger Grund, uns nicht die Wahrheit zu sagen. Auch wenn sich das Kind heimlich Süßigkeiten einsteckt im Laden oder bei Freunden können wir uns fragen: Was steht dahinter? Sollten wir vielleicht zu Hause unseren Umgang damit überdenken, sind wir zu streng oder einengend, dass das Kind den Wunsch nicht ausspricht, sondern heimlich selbst erfüllt?

Lügt ein Kind aus Angst oder Sorge?

Wenn das Kind in Situationen, in denen ihm oder ihr ein Missgeschick passiert, lügt, können wir überlegen, warum es das tut und seine Schuld zurückweist oder einer anderen (imaginären) Person zuweist: Vielleicht hat es Angst vor einer Bestrafung, vor Ärger. Vielleicht haben wir in einer ähnlichen Situation einmal sehr streng reagiert und es versucht nun, dieser Reaktion mit einer Lüge aus dem Weg zu gehen. Vielleicht schämt es sich mittlerweile auch für das Verhalten, das es gezeigt hat und versucht mit der Lüge gewissermaßen, dieses ungeschehen zu machen.

Bestrafungen sind sowohl negativ, da sie das Lernen effektiv behindern, aber die stören auch das Vertrauen des Kindes. Es ist besser, wenn das Kind offen sagen kann: „Mir ist die Tasse kaputt gegangen.“ als dass es dies verleugnen muss aus Angst vor Fernseh- oder Computerverbot oder Beschimpfungen. Wenn Kinder etwas kaputt machen, ungeschickt sind, etwas in unseren Augen „falsch“ machen, ist es deswegen gut, die Situation aus unserer Perspektive zu umschreiben und das Kind nicht zu beschämen, d.h. zu sagen „Ich bin traurig, weil die Tasse kaputt gegangen ist“ statt zu sagen „Du hast sie kaputt gemacht, dafür musst Du sie von Deinem Taschengeld bezahlen.“ Kinder sollten immer das Gefühl haben, uns alle Probleme anvertrauen zu können und über Probleme reden zu können. Und als Eltern können wir diese Ehrlichkeit auch offen wertschätzen und uns dafür bedanken, wenn ein Kind ehrlich ein Missgeschick zugegeben hat. Das öffnet den Raum für Vertrauen und gibt einen wichtigen Impuls dafür, wie auch später mit Missgeschicken oder Misserfolgen offen umgegangen werden kann.

Der Umgang mit Lügen in der Familie

Dass Menschen lügen, ist normal. Dass Kinder lügen, ist ebenso normal. Wie in vielen anderen Bereichen sind sie auch hier auf dem Weg, etwas Wichtiges zu lernen für das Leben in unserer Gesellschaft und der Weg dorthin ist eben so, wie es die Entwicklungswege immer sind: auch etwas holprig und steinig und auf eine gute Begleitung angewiesen. Es ist gut, wenn wir unsere Kinder auch durch die Lügen-Entwicklungsphase gut begleiten und eine Unwahrheit annehmen und versuchen, die Beweggründe dahinter zu verstehen. Ist es eine bewusste Lüge, können wir unser Empfinden dazu verbalisieren oder auch versuchen, für das Kind zu übersetzen, was durch die Lüge bei uns ankommt. Wichtig ist, Kinder zu begleiten und nicht zu bestrafen. Wir können nicht mehr Ehrlichkeit durch Strafandrohung einfordern – zumindest wird ein solches Verhalten nicht das gewünschte Ergebnis erzielen. Vor allem aber sollten wir auch kurz über uns selber nachdenken und die Situationen, in denen unser Kind uns vielleicht bei einer kleinen Lüge aus Höflichkeit ertappt wie „Ja, das hat mir gut geschmeckt!“ Oder „Ich habe jetzt gerade leider keine Zeit zu telefonieren, weil…“ und wenn wir uns unser eigenes Alltagsverhalten bewusst machen, haben wir vielleicht auch wieder mehr Humor und Verständnis für die Lügenversuche unseres Kindes. 

Eure

Du kannst das noch nicht!

Unvermittelt setzt sich das kleine Kind auf einmal auf die Straße. „Den Schnürsenkel selber zumachen!“ sagt es und beginnt damit, die beiden Enden des geöffneten Schnürsenkels miteinander zu verdrehen. Wie schön, dass es das selber machen möchte – aber gerade jetzt? Gerade hier auf der Straße? Und eigentlich weiß ich doch, dass das sowieso nichts wird… Weiterlesen