Kategorie: Kleinkind

Kinder brauchen klare Ansprachen

Kommunikation ist ein wesentlicher Teil unseres Miteinanders und gleichzeitig fällt es uns manchmal so schwer, miteinander zu sprechen: unsere Wünsche und Erwartungen auszudrücken, uns durch Sprache abzugrenzen oder durch Sprache auf unsere Bedürfnisse aufmerksam zu machen. Während viele Kinder recht klar in ihrem Ausdruck sind, haben wir Erwachsene oft viel größere Schwierigkeiten. Manchmal aus der Angst heraus, als Elternteil unfreundlich oder nicht ausreichend rücksichtsvoll zu sein oder auch aus dem Wunsch heraus, Probleme zu umschiffen. Für unsere Kinder aber ist es wichtig, dass wir klar ausdrücken, was wir uns für uns oder von ihnen wünschen.

Erwartungen und Wünsche klar formulieren

„Könntest du vielleicht bitte den Tisch abräumen?“, „Möchtest du jetzt die Socken wegräumen?“ – Was in unseren Erwachsenenohren freundlich und zugewandt klingt, ist für kleine Kinder manchmal nicht eindeutig genug. Sie können unsere Absicht nicht herausfiltern aus der Frage. Deswegen ist es wichtig, dass wir Aufforderungen und Wünsche klar formulieren. Das bedeutet nicht, dass wir deswegen unfreundlich sein müssen: Mit einer zugewandten Körperhaltung, einem netten Tonfall und freundlicher Mimik können wir klar formulieren: „Bitte räum jetzt den Tisch ab.“ oder „Bitte räum die Socken jetzt weg.“

Keine doppelten Botschaften, kein Sarkasmus

Doppelte Botschaften sind für Kinder (und oft Erwachsene) ein großes Kommunikationsproblem: Hier wird eine inhaltliche Aussage mit einer anderen, widersprechenden Botschaft kombiniert: „Ich helfe dir gerne, aber das machst du alleine!“, „Sag mir, was du gemacht hast, ich bin nicht böse!“ mit bösem Gesichtsausdruck und/oder drohender Körperhaltung sagen. Sarkasmus können Kinder in der Regel in der Kleinkind- und Vorschulzeit noch nicht gut verstehen und reagieren daher falsch (aber aus ihrer Perspektive richtig) auf sarkastische Äußerungen.

Keine Fragen, wenn es eigentlich keine Optionen gibt

„Was soll ich heute zum Abendessen machen?“ kann eine lieb gemeinte Frage sein. Wenn das Kind aber ehrlich mit „Pommes und Burger“ darauf antwortet und diese Wahl aber eigentlich keine Option ist, kann das zu Konflikten führen. Sinnvoller ist es deswegen, wenn nur dann eine offene Frage gestellt wird, wenn die Antwort des Kindes auch tatsächlich eine Option ist. Kleinkinder können zudem von offenen Fragen und zu viel Entscheidungsfreiheit überfordert sein. Hilfreicher ist dann eine Frage wie: „Möchtest du zum Abendessen Brot oder die Nudeln vom Mittagessen?“

Ein typisches anderes Feld, in dem oft Fragen gestellt werden, obwohl eigentlich eine Aufforderung gemeint ist, ist das Aufräumen: „Möchtest du jetzt dein Zimmer aufräumen?“, „Kannst du jetzt dein Zimmer aufräumen?“ Auch hier ist es hilfreich, eine klare Aussage zu treffen, anstatt eine Frage zu formulieren. Der Anspruch, dass ein Kleinkind allein selbständig aufräumen kann, ist oft zu hoch gegriffen. Sinnvoller ist eine klare Aussage wie „Wir räumen jetzt gemeinsam auf. Du sammelst alle Kuscheltiere ein und ich alle Bausteine.“

Uneindeutige Äußerungen führen zu Problemen

Wir wollen unsere Kinder liebevoll und respektvoll begleiten. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir nicht eindeutig mit ihnen sprechen können. Wir schaffen es auch nicht, durch liebevolle Ansprachen Konflikte zu umschiffen, die sich daraus ergeben, dass das Kind vielleicht von unserem Wunsch oder unserer Aussage nicht begeistert ist. Im Gegenteil: Uneindeutige Äußerungen von Erwachsenen können zu größeren Konflikten führen, weil das Kind sie nicht richtig versteht, die erwachsene Person deswegen verärgert ist und es dann zum Streit kommt, weil das Verhalten des Kindes als Angriff auf der Beziehungsebene verstanden wird („Das ist ein Machtspiel!“, „Du willst mich nicht verstehen!“) anstatt auf der Inhaltsebene (Das Kind will gerade nicht aufräumen).

Deswegen: Bedürfnisorientiertes und respektvolles Begleiten von Kindern und eine klare, eindeutige Ansprache schließen sich nicht aus. Im Gegenteil: Sie kann dazu beitragen, offen und lösungsorientiert über Probleme und Bedürfnisse zu sprechen.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

Beschütze mich – warum es für Kinder wichtig ist, hinter ihnen zu stehen

Eigentlich ist es klar, dass wir als Elternteil hinter unseren Kindern stehen, sie beschützen und umsorgen. Und dennoch gibt es immer wieder Situationen, in denen es uns schwerfällt, wirklich für das Kind einzustehen. Insbesondere dann, wenn andere Personen unser Verhalten oder das des Kindes bewerten oder ein bestimmtes Verhalten vom Kind einfordern. Auf einmal verschwinden unsere Vorsätze und Forderungen oder Verhaltensweisen, die wir eigentlich nicht zulassen wollen, werden doch erlaubt. Vielleicht denken wir, dass sich das nur auf die Beziehung des Kindes zu dieser anderen Person auswirkt, aber als Bezugsperson sind wir auch hier involviert.

Das Bindungssystem ist ein Schutzsystem

Das Bindungssystem ist aus Sicht des Kindes ein Schutzsystem: Es dient dazu, dass die Bedürfnisse des Kindes, das sich noch nicht selbst versorgen kann, erfüllt werden. Durch diese Bedürfniserfüllung bildet das Kind ein Vertrauen aus in andere Menschen und erlebt sich als wirksam und wertvoll, weil auf seine Signale und Bedürfnisse entsprechend eingegangen wird. Dieses Vertrauen in sich und andere legt einen Grundstein dafür, wie das Kind auch zukünftig mit der Umwelt und sich umgeht. Zu den Bedürfnissen gehören dabei nicht nur beispielsweise Nahrung und Schlaf, sondern auch das Bedürfnis nach Sicherheit und der Schutz vor Gewalt in ihren verschiedenen Formen. Die Bezugspersonen sind dafür zuständig, diesen Schutz zu bieten.

Wann Bezugspersonen schützen und begleiten sollten

Wenn das Kind eine Situation erlebt, in der es Schutz beansprucht, weil es sich beispielsweise ängstigt, sollte daher eine Bezugsperson zur Seite stehen und diesen Schutz anbieten. – Und zwar unabhängig davon, ob die erwachsene Person diese Situation selbst als bedrohlich oder ängstigend empfindet.

Die Bewertung der erwachsenen Person kann sich durchaus auf das Kind auswirken: Allein durch die Körpersprache vermitteln wir, ob wir eine Situation ebenfalls als bedrohlich wahrnehmen, oder nicht. Das Kind nimmt diese Signale wahr und reagiert auf unsere Einschätzung der Situation. Negativ ist allerdings, wenn wir dem Kind die Angst oder das Schutzbedürfnis absprechen: „Jetzt stell dich aber mal nicht so an!“ oder sogar über die Angst des Kindes lachen „Haha, der will doch nur spielen!“

Es ist hilfreich, die Angst des Kindes in einer Situation, in der sie nicht begründet ist, anzunehmen und dem Kind zu vermitteln, dass es sich nicht sorgen muss. Dies aber zunächst auf dem Boden der Annahme: „Ich merke, dass du Angst hast, ich gehe mal voran.“ oder „Du möchtest nicht, dass der Hund so nah an dich herankommt, ich nehm dich auf den Arm und er darf an meiner Hand schnuppern.“

Auch in Bezug auf das übergriffige Verhalten anderer Personen ist es wichtig, dass wir gegenüber dem Kind die für die Beziehung so wichtige Schutzposition einnehmen: Wenn das Kind nicht gekitzelt werden möchte, dies der anderen Person klarmachen. Das Kind vor Körperkontakt schützen, den es nicht will wie „Küsschen geben“ oder Händeschütteln. Und auch vor psychischer Gewalt verdient das Kind Schutz, wenn andere Menschen übergriffig sind, es beispielsweise als „Heulsuse“ bezeichnen oder „Angsthasen„.

Schutz kostet manchmal Überwindung

Es ist manchmal nicht einfach, diesen Schutzauftrag zu erfüllen, der für die Beziehung so wichtig ist. Dies insbesondere dann, wenn wir als Bezugsperson selber einer unseren Bezugspersonen gegenüberstehen, die wir als Instanz erlebt haben: eigene Eltern, ältere Familienangehörige und wir uns nun, obwohl es immer eine Hierarchie gab, in der ihre Entscheidungen über unseren standen, nun entgegentreten müssen. Auch in anderen sozialen Kontexten in der Öffentlichkeit erscheint es manchmal schwer, die eigene Haltung zu vertreten und das Kind zu schützen: Zu groß ist die Angst, als schlechtes Elternteil bewertet zu werden, das in den Augen der anderen falsch erzieht. Schließlich ist das Gefühl, zur Gemeinschaft zu gehören, so wichtig für Menschen.

Dennoch: Als Bezugsperson müssen wir diese Schamgrenzen überwinden und für das Kind einstehen. Es braucht uns als sicheren Hafen, als Schutzinstanz, aus deren Sicherheit heraus es die Welt entdecken kann. Es muss darauf Vertrauen können, dass wir für dieses Kind einstehen – denn wer sollte es sonst, wenn nicht die nahen Bezugspersonen?

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

Kinder bestärken – Die richtige Art, zu loben

Das Loben von Kindern wird immer wieder diskutiert: Ist es nun richtig oder falsch und wenn gelobt werden soll, dann wie? Um das Problem um das Loben zu verstehen, sollten wir Erwachsene einen Moment die Kinderperspektive einnehmen: Wenn wir etwas tun und darin erfolgreich sind, dann bestärkt uns dieses Erfolgserlebnis selbst: Wir erfahren uns als wirksam und gehen vielleicht durch diesen Erfolg auch auf die nächste Herausforderung offen zu. Wenn wir regelmäßig spüren, dass wir in dieser Weise die Welt selbst beeinflussen können, verinnerlicht sich das Gefühl, Einfluss nehmen zu können und Situationen nicht ausgeliefert zu sein. Das Kind geht durch diese Erfahrung freudig und neugierig auf neue Situationen zu und hat Spaß am Tun. Lernen macht Spaß, die Welt erfahren macht Spaß. Es geht nicht primär um ein bestimmtes Ziel, sondern das Tun und Ausprobieren ist eine Freude und Motivation.

Dieses Gefühl und die innere Überzeugung, dass das Ergebnis einer Handlung eine unmittelbare Konsequenz aus dem eigenen Tun ist, können Eltern unterstützen, indem sie das Tun des Kindes wertschätzen. Im Feedback an das Kind geht es nicht um das konkrete Ergebnis und auch nicht darum, ob das Kind das besser/schöner/schneller gemacht hat als andere Kinder. Es geht vielmehr darum, den Prozess und die Anstrengung des Kindes zu würdigen. Statt „Das hast du toll gemacht!“ können wir erklären „Ich habe gesehen, dass das auch ganz schön anstrengend war, da rauf zu kommen.“ oder „Ich glaube, du hattest wirklich Spaß beim Gestalten!“. Hilfreich kann es auch sein, das, was das Kind getan hat, mit Worten zu beschreiben „Du hast ganz viele Farben benutzt und vermischt!“ oder „Alle diese Steine hast du allein gesucht und getragen.“ Durch diese Art des Feedbacks wird der Fokus auf den Weg und das Tun gelenkt und die Herangehensweise des Kindes bestärkt, statt nur ein Ergebnis zu betrachten.

Wir sind es als Erwachsene gewohnt, dass Lob auf ein bestimmtes Ergebnis fokussiert ist und eine Bewertung in gut/schlecht vorgenommen wird. Aber wir können aus diesem Denken aussteigen und es bei unseren Kindern anders machen. Wenn wir einen kleinen Moment darüber nachdenken und in uns selbst hineinspüren, können wir überlegen: Was würde mich mehr motivieren? Ein einfaches „Hast du toll gemacht!“, das ich vielleicht immer wieder in der gleichen Art höre, oder ein auf mein Tun gerichtetes Feedback? Wir alle wollen gesehen werden, statt nur nebenher gelobt. Und dann können wir das Feedback nicht nur gegenüber unseren Kindern verändern, sondern auch gegenüber uns selbst und anderen nahen Bezugspersonen.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

Weinende Kleinkinder brauchen Unterstützung

Manchmal wissen wir nicht einmal den Grund für das scheinbar untröstliche Weinen des Kindes: Auf einmal steht es vor uns, ruft und weint. Das Weinen eines Babys oder Kleinkindes signalisiert uns, dass eine Not vorhanden ist. Aber manchmal fällt es Eltern gar nicht so leicht, angemessen zu reagieren: Soll ich trösten oder verwöhne ich es damit nur? Ist das nicht gerade völlig übertrieben vom Kind? Sollte es nicht besser lernen, allein mit dem Weinen aufhören zu können?

Weinen ist ein Signal, auf das wir reagieren sollten

Gerade bei Babys ist das Weinen ein spätes Warnsignal, beispielsweise wenn das Baby Hunger hat und die früheren Signale wie die Suchbewegungen des Kopfes oder das Saugen an der Faust nicht wahrgenommen und/oder beantwortet wurden. Auch im späteren Alter ist das Weinen ein Signal und Ausdruck für ein Empfinden und/oder eine Not und löst in uns Bezugspersonen ein entsprechendes Verhalten aus. Das angemessene Verhalten der Bezugsperson beim Weinen des Kindes ist die Co-Regulation: „Ich (als erwachsene Person mit einem reichen Erfahrungswissen) helfe dir, mit deinem Empfinden zurechtzukommen. Ich biete dir Schutz und Hilfsstrategien, um mit deinen Gefühlen umzugehen. Ich weiß, dass kindliches Weinen aus einer Not heraus erfolgt und nicht, um mich zu ärgern.“ Allerdings haben viele Erwachsene die Erfahrung gemacht, selbst als Kind nicht ausreichend getröstet worden zu sein und der eigentlich in uns angelegte Impuls, das Kind zu trösten und zu begleiten, kann durch eine Abwehrhaltung überdeckt werden.

Ist das jetzt nicht etwas viel Geweine?

Haben wir selbst negative Erfahrungen gemacht mit dem Getröstetwerden, kann es uns schwerfallen, den Bedarf des Kindes nachzuempfinden. Zudem haben wir Menschen auch in Bezug auf Schmerzwahrnehmung, Reizschwellen und Tröstbarkeit unterschiedliche Ausprägungen: Was mir weh tut, muss einer anderen Person keinen Schmerz bereiten, der die Tränen in die Augen treibt. Und nur weil eine Person sich leicht mit einer Berührung beruhigen lässt, gilt das nicht für alle Menschen gleichermaßen: einige Kinder brauchen wesentlich länger Zuwendung und Trost als andere.

Wenn wir das kindliche Weinen abwerten und erklären, das Kind würde nun aber (wieder einmal) übertreiben, wird das Kind zunächst sein Signal verstärken, damit wir vielleicht doch erkennen, dass es wirklich Hilfe braucht. Wird weiterhin darauf nicht reagiert mit der eigentlich im Kleinkindalter noch benötigten Co-Regulation, hat das Kind auch keine Chance, geeignete Beruhigungsstrategien zu erlernen, die es später ggf. selber anwenden kann. Es ist in einem Zustand der Angst/Sorge/Schmerz und hat keine Unterstützung. Langfristig kann sich das negativ auf die Eltern-Kind-Beziehung auswirken und auch auf das kindliche Selbstbild, da es beständig eine Zurückweisung erfährt in Situationen, in denen es eigentlich Schutz und Nähe sucht.

Wichtig ist daher, dass die Bezugspersonen das Weinen des Kindes nicht bewerten und nicht von ihren eigenen Empfindungen ausgehen, sondern sich wirklich fragen, wie es dem Kind jetzt gerade geht, welche Signale es sendet und diese dann bedarfsgerecht beantworten.

Co-Regulation stärkt die Beziehung

Wenn die Bezugspersonen hingegen auf das Weinen des Kindes reagieren, wird damit signalisiert: „Ich nehme deine Signale wahr, ich reagiere darauf. Als Bezugsperson schütze ich dich und stehe mit meinem Wissen zur Verfügung, um dir zu helfen. Du kannst auf mich vertrauen.“ Durch diese Signale an das Kind wird der Aufbau einer guten Beziehung gestärkt.

Auch wenn es manchmal anstrengend ist, ist es also durchaus sinnvoll, auf das Weinen des Kindes nicht abwehrend zu reagieren. Durch die aktive Zuwendung vermindern wir das Leid des Kindes. Manchmal braucht das Trösten Zeit – weil die Tröstbarkeit unterschiedlich ist zwischen den Menschen, aber auch, weil durch das Weinen Spannung abgebaut wird.

Und manchmal brauchen auch die Eltern später Trost, weil das Trösten ihnen viel Kraft abverlangt und sie mit alten Wunden konfrontiert, denen sie sich nicht gewahr waren. Emotionsarbeit kann Eltern viel Kraft abverlangen.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

Wann Kinder allein entscheiden können – und wann nicht

Wir wissen es: Kinder wollen selbstwirksam sein und die Welt kennenlernen. Dafür müssen sie sich aktiv mit der Welt auseinandersetzen können. Je älter sie werden, desto mehr fordern sie das auch ein, meist ab dem zweiten Lebensjahr. Wenn sie aktiv am Alltag beteiligt sind und darin eigene Entscheidungen treffen können, kann dies das Vertrauen zwischen Bezugsperson(en) und Kind stärken, das Selbstvertrauen fördern und auch den Ausbau der Fertigkeiten des Kindes unterstützen. Deswegen ist es gut, das Kind an vielen Tätigkeiten des Alltags zu beteiligen und ihm zu ermöglichen, sich daran auszuprobieren. Wichtig ist dabei, dass die Aufgaben machbar sind, vielleicht sogar etwas herausfordernd, aber nicht zu schwer, damit es nicht zu einer Frustration kommt durch Überforderung.

Warum Kinder nicht alles allein entscheiden können

Im Alltag ergeben sich viele Möglichkeiten, bei denen Kinder beteiligt werden können. Da sie jedoch trotz aller Kompetenzen Kinder sind, haben sie aufgrund ihres geringeren Alters und Erfahrungsschatzes über viele Dinge noch kein umfangreiches Wissen verinnerlicht. Zudem können sie – je nach Alter – bestimmte Gefahren, aber auch Zeit- und Mengenangaben, noch nicht einschätzen. Deswegen ist es wichtig, dass ihre Bezugspersonen die Situationen aufgrund ihres Wissens besser einschätzen und Gefahren vorbeugen können. In einigen Situationen müssen daher Entscheidungen von den erwachsenen Bezugspersonen allein getroffen werden, gerade im Bereich der Gesundheitsvorsorge und dem Schutz vor Gefahren.

Bindungspersonen müssen beschützen

Das Bindungssystem ein Schutzsystem, das die Bedürfniserfüllung und das sichere Aufwachsen des Kindes gewährleisten soll. Die primäre Bindungsperson ist dementsprechend jemand, der auf mehr Wissen und auch körperliche Fähigkeiten zurückgreifen kann, um dies zu bewerkstelligen. Manchmal kollidiert diese Schutzfunktion mit den Wünschen und Vorstellungen des Kindes, worauf besonders Kleinkinder oft mit Wut reagieren. Dennoch ist es wichtig, sich als Bezugsperson der eigenen Rolle und Verantwortung bewusst zu sein.

Es muss also immer wieder abgewogen werden: Muss ich als als Elternteil eine Entscheidung treffen, weil das Kind die Folgen nicht absehen kann, kurz-/mittel- oder langfristig durch die Situation in Gefahr ist? Viele Gesundheitsthemen fallen in diesen Bereich, beispielsweise die Mundhygiene, aber beispielsweise auch das Windelwechseln, wenn das Kind beim langen Tragen einer vollen Windel sonst eine schmerzhafte Dermatitis entwickeln würde oder auch Sicherheitsthemen wie Spaziergänge auf der Straße.

Kinder einbeziehen, wenn Bezugspersonen entscheiden

Es gibt Situationen, in denen es keine Möglichkeiten gibt, das Kind in die Entscheidung einzubeziehen – hier müssen die Bezugspersonen allein eine Entscheidung treffen und ggf. den Unwillen des Kindes dann verständnisvoll auffangen, begleiten und die Gefühle regulieren. Oft ist das bei medizinischen Eingriffen der Fall.

In vielen Situationen gibt es allerdings einen Handlungsspielraum, in dem das Kind eingebunden werden kann. Bei der Mundhygiene gibt es zwar nicht die gesunde Option, über einen längeren Zeitraum ganz auf das Zähneputzen zu verzichten, aber es gibt viele Möglichkeiten, in denen das Kind innerhalb des Möglichkeitsraums Entscheidungen treffen kann: An welchem Ort willst du die Zähne geputzt bekommen? Welche Zahnpasta magst du? Auch beim Windelwechseln gibt es viele Möglichkeiten des Einbeziehens.

Glaubenssätze hinterfragen

In vielen Bereichen können wir also durchaus unsere Kinder in Entscheidungen einbinden und oft können sie sogar allein Entscheidungen fällen. Neben den gefährlichen Situationen, in denen Bezugspersonen klar die Führung übernehmen müssen, stehen uns in anderen Situationen oft Glaubenssätze im Weg, die uns daran hindern, das Kind für kompetent genug zu halten. Es lohnt sich, sich selbst zu hinterfragen: Ist das jetzt wirklich wichtig? Denke ich nur, dass das Kind das nicht kann, weil ich es selbst nicht durfte/wir es noch nie ausprobiert haben/andere es anders machen? Denke ich, dass das Kind das nicht darf aufgrund bestimmter gesellschaftlicher Konventionen, die vielleicht überholt sind? Diese Fragen können uns helfen, gelassener mit Kindern umzugehen und ihnen einen größeren Handlungsspielraum zuzugestehen.

Entscheidungsfähigkeit des Kindes an Entwicklung anpassen

In jenen Situationen, in denen das Kind keiner Gefahr ausgesetzt ist und es eine eigene Entscheidung treffen kann, ist es wichtig, dass wir als Bezugspersonen auch an die Möglichkeiten des Kindes denken. Die Frage „Was willst du heute zum Abendessen essen?“ kann für ein Kleinkind überfordernd sein. Besonders dann, wenn wir sie nicht so offen meinen, wie wir sie stellen. Dann sagt das Kind vielleicht „Schokopudding“, obwohl wir etwas Herzhaftes meinten, und das Kind ist dann zurecht frustriert von der Zurückweisung. Hier ist es sinnvoll, dass wir uns zunächst der eigenen Absicht klar sind und gegebenenfalls einen Entscheidungsrahmen anbieten, an dem sich das Kleinkind orientieren kann: „Was möchtest du essen, Brot mit Belag oder Kartoffelbreirest vom Mittagessen?“ Mit zunehmendem Alter können Optionen ausgebaut und auch zur freien Verfügung überlassen werden. Aber zu viele Optionen überfordern manchmal sogar uns Erwachsene noch: Eine Entscheidung zu treffen bedeutet gelegentlich auch, andere gute Optionen auszuschlagen. Eine im Nachhinein falsche Wahl belastet uns wieder und zeigt, dass wir Zeit in eine letztlich falsche Wahl investiert haben. Einige Menschen haben es dabei schwerer, sich damit zufrieden zu geben, eine falsche Entscheidung zu treffen. Sie ärgern sich mehr über Fehlentscheidungen.

Unseren Kindern den Raum zu geben für eigene Entscheidungen ist richtig und gut, aber nicht immer ist es möglich und manchmal nur in einem begrenzten Handlungsfeld – auch das ist für das Kind gut.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

Eingewöhnung – die Angst davor, dass Mama/Papa geht

Die Eingewöhnung in die außerfamiliäre Betreuung ist für viele Familien eine herausfordernde Zeit: das Kind lernt neue Personen kennen, eine neue Umgebung mit neuen Reizen, neue Abläufe und Strukturen. An all das muss sich das Kind gewöhnen und gleichsam müssen die neuen Personen das Kind kennenlernen (sowohl Kinder, als auch Erwachsene). Gerade in Bezug auf die neue Bezugsperson muss ein gegenseitiger Abstimmungsprozess stattfinden: sich gegenseitig kennenlernen, aufeinander einstimmen. Die Trennung von den eingewöhnenden Bezugspersonen ist hierbei ein großer Meilenstein. Oft wird dabei gesagt und/oder gedacht, dass das Kind Angst hätte, sich von der gewohnten Bezugsperson zu trennen. Das lenkt den Fokus auf die Beziehung zwischen Kind und Elternteil. Schnell wird erklärt, dass die „Bindung zu eng“ sei, wenn sich das Kind nicht lösen kann. Dabei schränkt dieser Blick sowohl das Ergründen der Ursachen, als auch der möglichen Hilfen für Veränderung ein.

Das Kind hat noch kein Vertrauen in die neue Situation

Mit einem kleinen Wechsel des Blickwinkels können wir hingegen den Schwerpunkt auf die Bedürfnisse und das Temperament des Kindes lenken: Anstatt zu sagen „Das Kind hat Angst, sich vom Elternteil zu trennen!“ können wir sagen (und denken): „Das Kind hat (noch) nicht genug Sicherheit, um hier zu bleiben!“

Mit dieser Veränderung verschieben wir den Fokus von Eltern-Kind auf Kind-Erzieher*in. In den Blick genommen wird nicht die (in den meisten Fällen) normale Eltern-Kind-Beziehung, innerhalb der das Kind ein ganz normales Verhalten zeigt, da es über die bisherige Zeit eine Bindungshierarchie aufgebaut hat: Jene Personen, die besonders häufig und zuverlässig Bedürfnisse befriedigen, werden bevorzugt, wenn sie anwesend sind. Dass das Kind also in Anwesenheit der primären Bezugspersonen dazu neigen kann, Bedürfnisse von diesen einzufordern und ihre Nähe aufzusuchen, sowie sich noch schwer trennen kann, ist je nach Temperament des Kindes recht normal.

Wenn wir hingegen die neue Situation und die Beziehung von Erzieher*in-Kind in den Blick nehmen, können wir ressourcenorientiert statt defizitorientiert fragen: Was braucht das Kind, damit es ihm besser geht? Was braucht das Kind, damit es mehr Vertrauen in die neue Person fasst? Was braucht das Kind, um sich sicherer zu fühlen?

Ressourcenorientiert Bedürfnisse betrachten

Dieser Blick fokussiert die individuellen Bedürfnisse dieses Kindes. Vielleicht braucht es noch mehr Zeit allein mit der neuen Bezugsperson, um sie kennenzulernen und diese braucht mehr Zeit, um das Kind und dessen Signale kennen und verstehen zu lernen. Betreuungsrandzeiten, zu denen nicht so viele Kinder anwesend sind, können hier hilfreich sein. Vielleicht muss das Kind auch mit den Örtlichkeiten noch vertrauter werden und muss in Ruhe erklärt bekommen, was es wo findet. Vielleicht ist das Kind von den vielen neuen Reizen überfordert und fühlt sich sicherer, wenn es einen ruhigen Rückzugsort vorgestellt bekommt. – Es können verschiedenste Aspekte sein, die dem Kind ein besseres und sichereres Gefühl geben.

Der Wechsel des Blickwinkels weg vom „fehlerhaften Kind“, das sich nicht lösen kann oder dessen Eltern nicht loslassen wollen, hin zum Menschen mit Bedürfnissen ist eine kleine Änderung mit großer Wirkung. Diese Veränderung kann auch den Eltern mehr Vertrauen und Sicherheit geben in Bezug auf die neue Situation.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

Gebote statt Verbote – wie sie das Erleben deines Kindes verändern können

„Das darfst du nicht!“ – Gerade wenn unsere Kinder noch klein sind, gibt es viele Dinge, die sie noch nicht tun können oder sollen. Als Eltern sollten wir unseren Kindern nicht nur die Freiheit geben, die Welt zu erkunden, sondern müssen ihnen auch als Sicherheit gebende Bezugspersonen zur Seite stehen, ihnen die Welt erklären und sie an vielen Stellen auch noch anleiten. In der Kleinkindzeit, wenn Kinder selbständig die Welt erkunden wollen, selbstwirksam Erfahrungen machen wollen und ihren eigenen Entwicklungsplan verfolgen, stoßen sie dann mit ihrem kindlichen Erkundungsdrang gegenüber der Fürsorgeverantwortung der Eltern an Grenzen und drücken ihren Unmut je nach Temperament stärker oder weniger stark aus.

Alle Probleme lassen sich nicht umschiffen

Natürlich lassen sich nicht alle Situationen umschiffen, in denen der Wunsch des Kindes der Verantwortung der Eltern entgegensteht. Das muss es auch nicht, denn auch Konflikte gehören zum Leben dazu und Kinder lernen in der Familie Konfliktlösungsstrategien und den Umgang mit den eigenen Gefühlen wie Wut und Trauer, wenn Situationen anders laufen, als geplant. Auch das gehört zum Alltag und Entwicklungsplan der Kinder dazu. Aber wie bei der Ja-Umgebung für Babys lohnt es sich, auch in der Kleinkindzeit (und danach) den Fokus nicht auf die Verbote zu richten, sondern auf die Möglichkeiten und Alternativen.

Was ist alles möglich?

Regeln bestimmen nicht nur, was alles nicht gemacht werden kann, sondern auch, was alles möglich ist. Für den Alltag sind Regeln und Rituale hilfreich, weil sie uns eine Struktur geben, an der wir uns orientieren können. Auch hier gilt übrigens: einige Kinder (und Erwachsene) benötigen mehr Regelmäßigkeiten und Strukturen, andere weniger.

Wenn wir den Fokus auf die Möglichkeiten setzen, statt auf Verbote, erlebt sich das Kind weniger eingeschränkt in den Handlungsräumen, reagiert mit weniger Gegenwillen und ist mehr beteiligt. Im konkreten Alltag bedeutet das beispielsweise, bewusst Alternativen anzubieten: Statt „Damit darfst du nicht spielen!“ sagen „Schau, hier drüben stehen die Sachen, mit denen gespielt werden kann!“. Oder statt „Das darfst du (jetzt) nicht essen!“ anzubieten „Wenn du Hunger hast, kannst du jetzt ein Stück Gurke oder einen Apfel bekommen.“ Auch im Spielalltag können wir den Fokus verlagern von „Jetzt wird nicht xy gemacht!“ zu „Jetzt räumen wir zusammen den Tisch ab, danach kannst du aussuchen, was wir zusammen spielen.“ bzw. von „Ich hab keine Lust mit dir zu spielen!“ zu „Jetzt ruhe ich mich kurz aus und du kannst in der Zwischenzeit xy spielen, nachher machen wir was zusammen.“

Den Fokus von den Verboten auf die Möglichkeiten zu verlegen, ist eine kleine Veränderung. Weg vom Negativen, ausrichten auf das Positive. Es mag uns Erwachsenen vielleicht zunächst als unnötig oder wenig bedeutsam erscheinen, aber für unsere Kinder kann es einen Unterschied im Alltag machen und uns selbst auch Erleichterung schenken. Einen Versuch des Umdenkens und Ausprobierens ist es wert.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

Die Eingewöhnung nach dem Temperament des Kindes ausrichten

Eigentlich wissen wir, dass Kinder unterschiedlich sind und über verschieden ausgeprägte Temperamentsdimensionen verfügen. Und dennoch kommt es immer wieder vor, dass wir doch versuchen, sie in bestehende Schemata zu pressen, die scheinbar für alle Kinder gelten sollen. So finden wir immer wieder starre Richtlinien in Bezug auf den Schlaf von Kindern, in Bezug auf die Beikost und eben auch in Bezug auf die Eingewöhnung. In all diesen Bereichen sind Eltern verunsichert, wenn ihre Kinder nicht in das starre Schema passen und manchmal wirkt sich die fehlende Einpassungsfähigkeit dann auch auf das eigene Empfinden aus: Mache ich meine Sache als Elternteil falsch? Habe ich irgendwo einen groben Fehler gemacht, weil das Kind nicht nach Plan xy macht? Gerade auch bei der Eigewöhnung sind viele Eltern verunsichert, wenn sie anders als erwartet läuft und fragen sich, ob etwas „mit ihrer Eltern-Kind-Bindung nicht stimmt“.

Da stimmt was mit der Bindung nicht!

Wenn sich ein Kind wahlweise besonders schnell oder besonders langsam von den Bezugspersonen löst, wenn es wahlweise besonders forsch auf neue Personen und Situationen zugeht oder besonders abwartend ist, wird dies schnell der Bindung zugeschrieben: „Was, das Kind ist so schüchtern/so kontaktfreudig, da stimmt doch was nicht bei denen!“ Natürlich wirken sich Bindungsmuster auch auf das Verhalten aus und die Art der Interaktion des Kindes mit der Umwelt. Durch die Art, wie wir mit unseren Kindern umgehen, erleben die Kinder die sie umgebende Welt als sicher/gehen vertrauensvoll auf Neues zu bis hin zu unsicher/ängstlich. Dennoch ist die Art der Beziehung zu den nahen Bindungspersonen nicht der einzige Einfluss auf das Verhalten des Kindes.

Das Temperament nimmt Einfluss auf das Verhalten

In der Temperamentsforschung wurden von der amerikanischen Kinderpsychiaterin Stella Chess und ihrem Mann Alexander Thomas in einer Längsschnittstudie schon in den 80er Jahren verschiedene Temperamentsdimensionen identifiziert, auf denen sich Menschen in unterschiedlicher Ausprägung bewegen: Aktivitätsniveau, Rhythmus, Ablenkbarkeit, Erstreaktion bei Neuem, Anpassungsfähigkeit, Ausdauer und Aufmerksamkeit, Reaktionsintensität, Sensitivität, Stimmungsqualität.

Diese Temperamentsdimensionen nehmen Einfluss auf das alltägliche Verhalten, aber eben auch auf Eingewöhnung im Kindergarten. Gerade die Dimensionen „Anpassungsfähigkeit“ und „Erstreaktion bei Neuem“ wirken sich entscheidend aus auf die Eingewöhnung, aber auch die Abweichung vom bisherigen Rhythmus kann für ein Kind, das einen besonders regelmäßigen Rhythmus einfordert, zunächst herausfordernder sein als für ein Kind, das ohnehin weniger einen regelmäßigen Rhythmus benötigt (das dann vielleicht aber Schwierigkeiten damit haben kann, wenn es viele und enge Rituale in der Kita gibt). Auch der Umgang mit den neuen Reizen im Kindergarten (beispielsweise durch Gruppengröße und Lautstärke) kann bei Kindern unterschiedlich sein.

Es gibt also viele Bereiche, in denen Kinder auf verschiedenen Ebenen vor Herausforderungen stehen können, die sich darauf auswirken, wie schnell sie sich in die neuen Rahmenbedingungen einpassen können. Dies macht deutlich, dass Kinder sowohl eine unterschiedliche Zeitspanne brauchen können, um sich in der neuen Situation einzufinden, als auch unterschiedliche Arten der Begleitung, die ihre jeweiligen Bedürfnisse anerkennen.

Umgang mit dem Temperament nimmt Einfluss auf das Kind

Die Art der Interaktion der Umwelt mit den jeweiligen Temperamentsdimensionen nimmt starken Einfluss auf die Entwicklung des Kindes. Gerade Kinder mit extremen Ausprägungen von einzelnen Temperamentsdimensionen brauchen eine gute Unterstützung, damit sie lernen, damit gut umzugehen und sich keine langfristigen Nachteile entwickeln – das gilt sowohl zu Hause, als auch in der außerfamiliären Betreuung, beispielsweise wenn Kinder Schwierigkeiten haben in der Reaktionsintensität und deswegen viel und angemessene Begleitung von Emotionen benötigen. Diese an das jeweilige Temperament angepasste Begleitung sollte bereits in der Eingewöhnung beginnen und dann im pädagogischen Alltag fortgeführt werden. Hierfür ist es wichtig, dass bereits in der Eingewöhnung genügend Zeit vorhanden ist, um das Kind zu beobachten und die einzelnen Ausprägungen zu verstehen.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Katja Vogt

Jungen, die mit Puppen spielen? Ja, bitte!

Noch immer finden wir in vielen Spielzeugläden, Spielzeugprospekten und sogar Kinderzimmern eine Einteilung in „Mädchen- und Jungenspielzeug“: Für die Mädchen all die Dinge rund um Fürsorge wie Puppenküchen, Puppen und Kuscheltiere samt Puppenwagen und Puppentragetüchern, für Jungen die Technik- und Bauspielsachen. Und nicht nur dort wird oft eine grobe Unterteilung vorgenommen, sondern auch im Spielalltag, wenn einem Kind nach dem zugeordneten Geschlecht ein scheinbar passendes Spielangebot gemacht wird: „Geh doch mal in die Puppenküche spielen, Laura.“ „Spiel mal mit deinen Dinos, Linus.“ wird Kindern in Kindergärten und zu Hause gesagt und damit zugeordnet, welches Spielangebot scheinbar passend und richtig ist.

Aber mein Kind spielt eben lieber mit…

Und ja, vielleicht spielt Laura gerne mit Puppen und Linus mit Dinos und andersherum ist es nicht so. Aber durch die beständige Zuordnung ist es schwer zu entscheiden: Was ist Henne, was Ei? Unsere Kinder wachsen schon von frühen Jahren in eine Zuordnung hinein, die an vielen verschiedenen Stellen vorgenommen wird. Schon kleine Babybodys und Hosen sind bedruckt mit Autos oder Herzchen. Tatsächlich haben Kinder bestimmte Vorlieben, denen sie auch nachgehen dürfen. Die amerikanische Neurowissenschaftlerin Prof. Dr. Lise Elliot schreibt in ihrem Buch „Wie verschieden sind sie?“ hierzu (2010, S.162): „Auffallend ist aber, in welchem Maße auch heutige Eltern ihre Kinder, noch ehe sie auf der Welt sind, schon nach stereotypen Rollenmustern wahrnehmen. Dieser Tendenz entgegenzuwirken erfordert ständige Aufmerksamkeit. Am besten fangen wir damit an, wenn das Kind noch ganz klein ist und die geschlechtstypischen Merkmale kaum ausgeprägt sind. Bevor es später selbst darauf beharrt, dass es wie ein Mädchen oder wie ein Junge behandelt wird, können wir zunächst einfach nur wahrnehmen, wie es denn ist: kontaktfreudig, ungestüm, zappelig, fügsam, laut, still, wachsam, ernsthaft, unbefangen, heiter, neugierig, wuselig. Die Eltern sollten diese Phase, bevor die Geschlechtsidentität des Kindes sich entfaltet, genießen und den Signalen folgen, die ihnen sagen, was die ganz individuellen Bedürfnisse dieses kleinen Wesens sind.“

Es ist also okay, wenn Laura mit Puppen spielen möchte und Linus mit Dinos. Aber als Eltern können wir dennoch darauf hinwirken, bestehende Stereotypen nicht noch stärker zu zementieren und unsere Kinder offen zu begleiten. In obigem Beispiel ist das sogar ganz einfach möglich: Statt einen konkreten Spielvorschlag zu machen, können wir anregen „Laura/Linus, geh doch mit deinen Spielsachen spielen.“ Und wir können ein Spielangebot zur Auswahl stellen, das nicht nur den klassischen Stereotypen entspricht, sondern die Erfahrungswelt des Kindes so gestalten, dass es wirklich eine freie Auswahl hat zwischen Spielsachen, die wir selbst nicht als richtig oder falsch für dieses Kind bestimmen. Die generelle Auswahl der Spielsachen spielt hier eine wichtige Rolle.

„Kein Mädchen muss mit Autos spielen. Aber es sollte die Chance und die Möglichkeit haben, das zu tun, und erleben, dass das normal ist.“

Susanne Mierau „New Moms for Rebel Girls“

Der besondere Aspekt: Fürsorgespiele für Jungen

An stereotypen Spielangeboten gibt es viele Themen, die kritisiert werden können: Schönheitsschminkspiele für Mädchen, die schon früh das gesellschaftliche Schönheitsideal in Mädchen einbrennen mit langfristigen Folgen, Ausklammern von Mädchen aus MINT-Themen, Spiele, die Aggression und Kampf insbesondere für Jungen als normal und richtig darstellen – die Liste ist lang und vielfältig in ihren möglichen Auswirkungen.

An dieser Stelle soll ein besonderer Aspekt herausgegriffen werden, nämlich nicht das spezielle Angebot für ein Geschlecht, sondern die Vorenthaltung von Spielen, die sich um Fürsorge drehen, für Jungen. Während einerseits das Spielangebot so gestaltet sein kann, dass das Versorgen von Puppen und/oder Kuscheltieren mit Nahrung und Pflegetätigkeiten nicht frei zur Verfügung steht, werden Jungen manchmal auch dort, wo es diese Spielmöglichkeiten gäbe, bewusst hiervon abgehalten durch Aussagen wie „Komm, damit spielen Jungs nicht.“, „Du kannst doch keine Mama sein!“ oder „Geh mal lieber in die Bauecke.“

Doch für ihre Entwicklung ist es wichtig, dass auch Jungen Fürsorge erlernen. Das Sorgen für andere erlernen wir, es ist in großen Teil nicht in uns angelegt. Väter und Mütter müssen nach der Geburt gleichermaßen erlernen, ihre Kinder zu umsorgen: ihre Signale wahrzunehmen, richtig zu interpretieren und dann passend zu beantworten. In der frühen Kindheit wird dafür bereits ein Grundstein gelegt. Besonders auch dafür, ob wir überhaupt denken, dass das eine Aufgabe ist, für die wir uns eignen, die wir ausführen können. Das Selbstbild wird auch in diesem Bereich geprägt durch die Erfahrungen, die Kinder machen. Werden Jungen immer wieder vom fürsorgenden Spiel ausgeschlossen und können darin keine Erfahrungen sammeln, wird ihnen damit signalisiert: Das ist nicht dein Aufgabenbereich. Einher damit geht manchmal auch eine unbewusste Abwertung der Fürsorgetätigkeiten: Das ist doch keine „richtige“ Beschäftigung! Mit solchen oft unbewusst vermittelten Botschaften prägen wir daher nicht nur das Selbstbild des Kindes, sondern nehmen auch Einfluss auf ein gesellschaftliches Bild vom Wert der Fürsorge.

Deswegen: Lasst Kinder – unabhängig vom zugeordneten Geschlecht – mit Puppen spielen. Lasst sie nachahmen, wie Babys gefüttert, getragen und umsorgt werden. Seid offen für die Fragen der Kinder und zeigt Anerkennung für dieses Spiel. Wir wissen, welch große Herausforderung – neben aller Liebe – Fürsorge für Kinder sein kann und sollten gemeinsam daraufhin wirken, dass diese Tätigkeit nicht nur von allen Menschen ganz selbstverständlich geleistet wird, sondern auch entsprechende Anerkennung von allen erfährt. – Und genießt es einfach, wenn euer Kind in das Spiel versunken ist.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

„Damit will es mich nur ärgern!“ – Warum Kleinkinder nicht auf diese Art provozieren

„Das macht es nur, um mich zu ärgern!“ Diesen Satz haben wahrscheinlich schon viele Eltern irgendwann einmal gedacht. Vielleicht auch nicht als diese Aussage, sondern als zweifelnde Frage „Macht es das jetzt vielleicht doch nur, um mich zu ärgern?“ – Gerade wenn wir immer wieder aus dem nahen Kreis von erwachsenen Personen um uns hören, dass unsere Kinder uns mit ihrem Verhalten doch nur ärgern oder provozieren wollen, kommt dieser Gedanke oft irgendwann einmal als Zweifel auf: „Vielleicht ist ja doch etwas dran, dass…?“ Aber sehen wir einmal genauer hin:

Kleinkinder können noch nicht bewusst provozieren wie Erwachsene

Der Gedanke „Das macht es nur, um mich zu ärgern!“ bedeutet, dass das Kind weiß, dass eine Handlung von ihm im Gegenüber eine andere bestimmte Reaktion auslösen wird und dass es sich der Folge nicht nur bewusst ist, sondern auch billigend in Kauf nimmt, dass die Bezugsperson verärgert ist.

Natürlich verfügen Kinder im Kleinkindalter schon über ein Wissen von Ursache und Wirkung. Aber sie können sich noch nicht besonders gut in die Gedanken und Gefühle anderer Personen hineinversetzen und ihre eigenen Gefühle entsprechend regulieren, um mit ihrem Verhalten bei uns bewusst Ärger hervorzurufen. Wenn sich ein Kleinkind in einer Weise verhält, die uns verärgert, liegt das häufig daran, dass die Erwartungshaltung der Erwachsenen zu groß ist (beispielsweise können Kleinkinder je nach Temperament oft noch nicht lange Mahlzeiten im Restaurant oder beim Familienessen geduldig am Tisch durchhalten) oder dass sie mit ihrem Verhalten darauf aufmerksam machen wollen, dass ein Bedürfnis von ihnen nicht/nicht ausreichend erfüllt ist und sie ihr inneres Befinden nicht in Worten ausdrücken können, beispielsweise wenn wir einen langen Tag hatten, das Kind schon viel mitgemacht hat morgens, um sich fertigzumachen, später in der Kita kooperiert hat und dann nach dem Abholen noch „brav mit einkaufen soll“. Nun braucht es aber eigentlich etwas Autonomie oder auch Beziehung und Geborgenheit mit der primären Bezugsperson. Es wird wütend und schimpft laut, weil es nicht einkaufen will. Aber eigentlich geht nicht um das Einkaufen, sondern darum, dass es eben jetzt das Gewünschte nicht leisten kann, sondern ein anderes Bedürfnis hat, das endlich erfüllt werden will.

„Das ist so peinlich.“

Und da steht es also, das schreiende Kind. Vielleicht strampelt es vor Wut auch noch mit den Beinen. Und es ist uns unangenehm vor den anderen Menschen. Aber das Kind verhält sich nicht so, damit wir uns vor anderen unangenehm fühlen und nicht gut dastehen. Das Kleinkind verhält sich so, weil es gerade nicht anders kann. Denn jetzt gerade, in der Situation der Wut und Not kann es nicht so rational denken wie erwachsene Menschen es tun. Die emotionalen Gehirnregionen sind aktiv und überlagern das Nachdenken. Es ist nicht erreichbar dafür, dass wir daran appellieren, sich doch bitte nicht so peinlich zu verhalten, damit aufzuhören oder dass es doch wirklich eigentlich keinen Grund dafür gibt. Und vor allem: Es verhält sich nicht so, um uns zu beschämen, sondern weil es nicht anders kann.

Nur mein Kind kooperiert einfach nicht!

Eigentlich ist das Kind auf Kooperation und Teilhabe an der sozialen Gruppe interessiert. Das Bindungssystem funktioniert so, dass das Kind Schutz und Geborgenheit bei den Bezugspersonen sucht und sich durchaus an vielen Stellen anpasst, um den Bezugspersonen zu gefallen. Kinder kooperieren an vielen Stellen im Alltag, aber sie bleiben eben dennoch Kinder und sind keine Erwachsenen. Oft ist die Erwartungshaltung zu hoch und wir blicken in der Situation nur auf das, was jetzt gerade nicht stimmig ist, anstatt zu sehen, wie oft das Kind eigentlich heute oder generell eben doch kooperativ war. Wer sich wiederfindet in dem Gedankenkreislauf „Mein Kind ärgert mich, weil es einfach nie tut, was ich will!“ sollte sich eine Weile darauf fokussieren, ganz besonders auf die Kooperation zu achten: Wann hat das Kind mitgemacht oder vielleicht sogar von sich aus etwas getan für mich/die Situation? Wann hat es Rücksicht genommen nach Aufforderung oder vielleicht auch von sich aus, beispielsweise wenn es ein kleineres Geschwisterkind hat und abwartet? Unser Blick auf die Kooperation und das positive Verhalten des Kindes kann unsere Wahrnehmung verändern.

Wo kommt das Denken also her, dass Kleinkinder uns ärgern wollen?

Wir sehen also: Kleinkinder wollen uns nicht mit ihrem manchmal unangenehmen Verhalten ärgern oder vor anderen vorführen. Sie sind kleine Kinder, die sich noch in der Entwicklung befinden und genau jetzt genau richtig sind. Es ist sinnvoll, dass sie so reagieren, wie sie reagieren, weil sie noch kein großes Erfahrungswissen haben, auf das sie zurückgreifen können in schwierigen Situationen und weil sie in für sie schwierigen Situationen darauf angewiesen sind, von uns Hilfe zu bekommen. Hilfe, von der sie nach und nach in Kombination mit der eigenen Reifung lernen, die Hilfsangebote selbst umsetzen und anzuwenden.

Was also bleibt, sind die Fragen: Warum habe ich diesen Glaubenssatz verinnerlicht, dass ich jedes Verhalten des Kindes, das nicht meinen Vorstellung entspricht, als Ärgern und bewusste Aktion gegen mich interpretiere? Welches Bild von Kindern wurde da eigentlich in uns geprägt und welche Erwartungshaltung, die uns noch heute so sehr belastet? Wir haben eine Geschichte von Kindheit und Erziehung hinter uns, die auf Anpassung und gehorsam ausgelegt war und über geringes Wissen über kindliche (Gehirn-)entwicklung verfügte. Das alles lässt eine Erwartungshaltung gegenüber Kleinkindern entstehen, die nicht an ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen orientiert ist und zu negativem Erziehungsverhalten verleitet, das Kindern nachgewiesermaßen aber mehr schadet als ihnen ein gutes und gesundes Rüstzeug für die Zukunft mitzugeben.

Lassen wir diese Glaubenssätze also lieber hinter uns und denken wir bewusst in der nächsten anstrengenden Situation: „Ich weiß zwar noch nicht, was es will, aber mein kleines Kind will mich gerade nicht ärgern.“

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de