Kategorie: Kleinkind

Warum es gut ist, dass unsere Kinder so langsam sind

Montagmorgen, der kleine Rucksack ist gepackt, alles ist Startbereit, die Eltern stehen wartend in der Tür, bereit zum Aufbruch in den Tag und in die neue Woche. – Nur das Kind sitzt noch da, mühsam den Schuh über den kleinen Fuß ziehend. „Komm, ich helf Dir schnell, wir müssen los!“ „Nein, alleine!“ – Aber wir müssen doch schnell…

Die Hektik unseres Alltags

Wenn wir unseren Kindern bei ihren Tätigkeiten zusehen, stellen wir fest, wie langsam sie oft sind: beim Anziehen, beim Waschen, beim Schreiben,… bei all den Tätigkeiten, die sie sorgsam neu in ihrem Alltag verrichten. Sie probieren aus, ihre kleinen Finger üben neue Griffe, ganz langsam wird ein Reißverschluss zugemacht, mit Sorgfalt werden die Knöpfe geschlossen oder die Müslischale in das Regal gestellt. Manchmal haben wir aus der Hektik unseres Alltags den Impuls, sie in ihrem Handeln zu ermahnen: „Nun mach doch mal schneller, wir müssen doch…“ Treten wir einen Schritt zurück und betrachten unsere Kinder in ihrem Tun, können wir feststellen, welch großer Schatz eigentlich in ihrem Handeln liegt: Sie tun die Dinge langsam, behutsam. Sie gehen achtsam mit den Dingen um – eine Achtsamkeit, die wir in unseren Jahren erst wieder versuchen, in unseren Alltag zurück zu holen durch Übungen, Kurse und Trainings. Natürlich sind auch sie manchmal schnell, hektisch oder ungeduldig – und je nach Temperament sind einige Kinder das mehr und andere weniger – aber in vielen Tätigkeiten sind sie zunächst in einer Weise bedacht, sie wir Erwachsenen in unseren Jahren erst wieder erlernen müssen, weil der Stress unseres Alltags uns die Langsamkeit im Handeln genommen hat.

Alleine machen

Natürlich geht es in diesem langsamen Handeln des Kindes um mehr als Achtsamkeit: Es liegt ein Lernwille dahinter: Das Kind übt sich in neuen Tätigkeiten, in neuen Handlungsabläufen und Gedanken. Anfangs ist das noch schwer und das Kind muss erst lernen, wie die richtige Bewegungsabfolge ist, um zum Ziel zu kommen. Nicht anders ist es bei vielen anderen Dingen, die es gerade jetzt lernt: soziale Regeln, Verhaltensweisen. All das will gelernt werden und braucht auch einfach Zeit. Unsere Kinder lernen, aber in vielen Dingen nicht von heute auf morgen, sondern über einen langen Zeitraum hinweg. Sie wollen nicht „die Abkürzung“ nehmen in de Form, dass ihnen dieses Lernen abgenommen wird: Sie wollen die Erfahrungen selbst machen, um sich Stück für Stück weiter auf das eigenständige Leben vorzubereiten.

„Alleine machen!“ ist kein Aufbäumen gegen unsere Wünsche, kein Machtspiel. Es bedeutet oft: „Ich muss mir diese Zeit jetzt nehmen, um zu lernen, wie es wirklich geht, damit ich es wirklich lernen kann!“ Berauben wir unsere Kinder durch Hektik dieser Möglichkeiten, berauben wir sie um Lernerfahrungen, die sie dringend brauchen. – Und die wir ja schließlich auch irgendwann einfordern: Kein Kind wird sich selbst die Schuhe anziehen und binden können, wenn wir es nicht geduldig haben lernen lassen.

Lernen in einer Umgebung, in der es erlaubt ist

Was Kinder also brauchen, ist eine Umgebung, die das Lernen zulässt und auch das Lerntempo des Kindes berücksichtigt. Eine Umgebung, in der diese vermeintliche Langsamkeit erlaubt ist. Das Lernen geht dann umso leichter, wenn wir eine Umgebung schaffen, in der es natürlicherweise erlaubt ist. Eine Umgebung, in der sich das Kind nicht erst durchsetzen muss, in der es nicht erst rebellieren muss, um das Recht auf Selbständigkeit zu erlangen, sondern in der es selbstverständlich davon ausgehen kann, dass es erlaubt ist. Muss es sich erst wehren, durchsetzen und Widerstand leisten gegen unsere Anordnungen, ist das Lernen wesentlich schwerer.

Nehmen wir also die Langsamkeit und den Wunsch, selber zu lernen, an und versuchen wir, unsere erwachsene Hektik ein wenig aus dem Kinderalltag zu verbannen, damit sie auf ihre Weise entspannt einen Zugang zu unserer Welt finden.
Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Ich will das anders machen! Kleinkindbedürfnisse verstehen

Du sagst: „Nein, ich will das nicht anziehen!“. Ich höre: „Nein, ich habe keine Lust, lass mich in Ruhe.“ Du meinst aber: „Ich will DAS nicht anziehen, ich will es alleine machen!“. Du sagst: „Ich will das nicht essen.“ Ich denke: „Das schmeckt dem Kind also auch wieder nicht!“ Du meinst: „Ich will selber entscheiden, was ich zu mir nehme.“ Diese Beispiele lassen sich scheinbar endlich fortführen – gerade mit Kleinkindern.

Kommunikationsprobleme mit Kleinkindern

Die Kleinkindphase ist eine Zeit, in der wir oft ein wenig aneinander vorbei kommunizieren: Da ist das Kind, das einen Wunsch zum Ausdruck bringt oder eine Ablehnung, hinter der ein Bedürfnis steht. Und da sind wir Erwachsenen, die diese Äußerung aus unserer Erwachsenperspektive sehen und bewerten. – Nur übersehen wir dabei häufig, dass ein „Nein“ des Kindes nicht zwangsweise ein absolutes Nein zu der Situation ist, sondern ein Nein zu unserer erwachsenen Idee zur Lösung eines Sachverhalts.

Kinder wollen ins Leben wachsen

Was Kinder – gerade in dieser Zeit – wollen, ist, in das Leben hinein zu wachsen. Das ist ihr Plan, ihre Aufgabe in dem, was wir Kindheit nennen. Sie wachsen in das Leben hinein und lernen das Leben, die Welt, die Menschen kennen. Und dies schaffen sie nur, indem sie sich aktiv mit der Welt auseinander setzen und auch auseinander setzen dürfen. Sie brauchen den Freiraum, Erfahrungen zu machen, Dinge zu lernen – und auch Fehler zu machen und daraus zu lernen.

Wenn unsere Kinder größer werden, fordern sie dieses Lernen und Teilhaben ganz aktiv ein. In der Babyzeit gelingt es uns noch oft, sie abzulenken, unsere Pläne durchzusetzen. Von Vorteil ist es, wenn wir schon in dieser Zeit damit beginnen, das Kind teilhaben zu lassen: Bei der Pflege, wenn es sich selbst abwischen darf, beim Essen, wenn es sich selbst füttern kann, beim Anziehen, wenn wir es auffordern, den Fuß zu heben, damit wir den Strumpf darüber ziehen können. Kinder sind von Anfang an daran interessiert, mitzuwirken, uns – neben dem Bestreben nach Selbstwirksamkeit – entgegen zu kommen.

„Oft bedeutet der Alltag mit einem Kind in der Autonomiephase eine Abkehr von den Gedanken, die uns bislang vermittelt wurden. Der wichtigste – vielleicht neue – Gedanke lautet: Dein Kind möchte kooperieren und unterstützen. Und das jeden Tag in vielen Situationen. Schau einfach genau hin!“

S. Mierau in „Ich! Will! Aber! Nicht!“ S. 61

Manchmal kollidieren allerdings beide Ansprüche: Das Kind möchte die Eltern nicht bewusst verärgern, sondern hat im Rahmen der Bindung das Bedürfnis, den Eltern zu entsprechen, um Sicherheit und Versorgung zu gewährleisten. Gleichzeitig hat es aber auch das Bedürfnis, sich zu entwickeln und zu lernen. Diese Neugierde und dieses Entwicklungsbedürfnis ist natürlicherweise sehr stark und das Kind kommt diesem nach im Rahmen der natürlichen Entwicklung. Dabei stößt es aber auf Hindernisse bei den Eltern, die vielleicht das Entwicklungsbedürfnis nicht sehen, aktuell nicht berücksichtigen können oder auch andere Abwägungen treffen müssen (beispielsweise bei Gefahrensituationen, die das Kind nicht überblicken kann). So kommt es zu einem Aufeinandertreffen unterschiedlicher Ansichten und ggf. zu einem Konflikt.

Mögliche Problemlösungsstrategien

Was wir also in den Situationen tun können, die zu einem Konflikt werden: Wir können uns und dem Kind) eine Reihe unterschiedlicher Fragen stellen, um vielleicht neue Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen oder zu finden:

Was will das Kind wirklich? Zieht sich das Kind beispielsweise auf der Straße auf einmal die Schuhe aus, können wir es zunächst fragen, warum es das tut, anstatt es gleich zu ermahnen. Vielleicht antwortet es (wie das Kind hier oben im Bild): „Ich möchte mal kurz fühlen, wie sich der Fußboden hier anfühlt.“ Lehnt es also etwas ab, oder möchte es „nur“ etwas anders gestalten? Wir können uns auch fragen, ob die Ängste oder Ansichten, die unsere Handlungen leiten, wirklich wichtig und richtig sind, oder ob es „nur“ erlernte Konventionen sind, auf die wir bestehen, die aber eigentlich nicht sinnvoll oder zielführend sind.

Können wir (jetzt oder in Zukunft) die Situation anders gestalten, damit dem Bedürfnis des Kindes mehr entgegen gekommen wird? Haben wir vielleicht übersehen, dass das Kind in der Entwicklung schon weiter ist und behandeln es noch ein wenig „babyhaft“, obwohl es eigentlich schon Dinge kann, die wir noch für das Kind tun? Können wir gemeinsam ausprobieren, wie weit das Kind in einem bestimmten Bereich schon ist, um dann passende neue Herausforderungen in den Alltag einzubauen (beispielsweise das Kind bei der Essenszubereitung mehr einbinden).

Wie in der Kommunikation mit erwachsenen Menschen sollten wir auch hier von einem Dialog ausgehen, von einem Miteinander und dem gemeinsamen Finden eines Wegs.
Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

„Ich hab Bauchweh“ – Wenn Kinder eine Pause brauchen

Manchmal sind die Tage anstrengend. Manchmal gibt es Streit mit Freund*innen, manchmal gibt es Umbrüche im Alltag. Auch für Kinder ist nicht jeder Tag einfach. Und auch bei ihnen kann Stress und Anspannung auf den Bauch schlagen. Wichtig ist natürlich, zunächst abzuklären, ob nicht wirklich eine Erkrankung hinter dem Bauchweh oder den Kopfschmerzen steht*. Neben solchen Erkrankungen projizieren Kinder aber auch unangenehme Gefühle auf Kopf oder Bauch: „Mein Kopf tut weh!“, „Ich hab Bauchweh.“ – Diese Sätze kennen wohl viele Eltern. Aber wie können wir damit umgehen, wenn das Kind scheinbar Schmerzen ohne „echte“ Ursache hat?

Schmerzen sind Schmerzen

Schmerzen sind Schmerzen. Wir können nicht nachfühlen, ob das Kind Schmerzen hat oder nicht, auch wenn es keine medizinische Ursache gibt. Es ist möglich, dass sich ein Unwohlsein tatsächlich durch Schmerzen äußert. Deswegen gilt immer: Wenn Kinder Schmerzen haben, sollten wir diese Ernst nehmen. Hat ein Kind Schmerzen oder spricht es über Schmerzen, sollten wir daher nicht sagen: „Das ist nicht schlimm“, „Das kann gar nicht sein“, „Das bildest du dir nur ein“, sondern vielmehr Verständnis entgegen bringen: „Das tut dir weh!“ „Zeig mir, wo es weh tut“ oder auch „Was glaubst du, woher die Schmerzen kommen“ – solche Reaktionen bieten eine Möglichkeit zum Gespräch. Das Kind fühlt sich angenommen und verstanden und kann sich weiter öffnen.

Die Frage nach einer möglichen Ursache kann gerade auch bei größeren Kindern eine Tür sein, um dem Grund auf die Spur zu kommen: Vielleicht ist ein anderes Kind krank mit solchen Schmerzen, vielleicht hat es in Kita oder Schule etwas über eine Krankheit gehört, das es verängstigt hat. Vielleicht sagt es auch direkt, dass ein anderes Kind es geärgert hat und es seither Schmerzen hat. Oder dass es weh tut, weil gerade eine bestimmte Situation so anstrengend ist. Geben wir den den Kindern die Möglichkeit, den Schmerz zu benennen und sind wir bereit, uns darauf einzulassen, helfen wir den Kindern bereits durch das Gefühl, nicht allein zu sein.

Schmerzen „behandeln“

Vielleicht können wir durch solche Gespräche bereits die Ursache finden und an einem konkreten Problem gemeinsam arbeiten. Manchmal ist die Ursache aber auch nicht so einfach oder überhaupt nicht zu finden. Hier hilft es, wenn wir dem Kind Unterstützung geben beim Umgang mit dem Schmerz.

Oft haben Kinder „Bauchschmerzen“ oder „Kopfschmerzen“, wenn sie eine Ruhepause brauchen und ein wenig aus dem Alltag ausbrechen müssen, um mal wieder Zuwendung und Aufmerksamkeit von den Bezugspersonen zu bekommen. Das kann im Alltag einfach vorkommen, dass es zwischenzeitlich mal ein stärkeres Bedürfnis danach gibt, vielleicht weil der Alltag gerade sehr anstrengend oder mit vielen Veränderungen verbunden war. Wichtig ist, dies zu erkennen und (ohne Anklage) darauf zu achten, dem Kind zu vermitteln, dass es auch andere Wege geben kann, um Ruheinseln in den Alltag einzubetten, ohne dass dafür Beschwerden herangezogen werden müssen. Gerade in anstrengenden Übergangszeiten oder wenn es gruppendynamische Probleme gibt, bieten sich regelmäßige Rituale an, um die Akkus wieder aufzufüllen.

In der konkreten Situation aber geht es zunächst darum, für diese aktuelle Situation eine gute Begleitung zu finden und dem Kind liebevolle Zuwendung zukommen zu lassen. Wie sie aussehen kann, ist ganz verschieden – je nach Vorlieben des Kindes.

Ideen zur „Behandlung“ sind beispielsweise:

  • An erster Stelle steht immer das Mitgefühl
  • Körperkontakt: die warme Hand des anderen auf dem schmerzenden Bauch oder Kopf tut gut. Über Körperkontakt können wir Fürsorge vermitteln, Oxytozin, das bei positivem Körperkontakt ausgeschüttet wird, beruhigt und entspannt. Auch eine entspannende Bauchmassage (im Uhrzeigersinn) kann helfen. Oder mit etwas Creme ein lachendes Gesicht, eine Sonne oder ein Herz auf den Bauch des Kindes zu malen.
  • Ruhig zusammen atmen: Das Kind kann bei Bauchschmerzen die eigenen Hände auf den Bauch legen und bis in den Bauch atmen: Der Bauch hebt sich. Dann langsam ausatmen lassen und beobachten, wie sich der Bauch wieder senkt.
  • Bei Kopfschmerzen kann der Kopf in die Hände genommen und angenehm umfasst und dabei ebenfalls ruhig geatmet werden.
  • Mag das Kind Berührung (gerade) weniger, kann auch ein warmer Tee beruhigend und entspannend wirken.
  • Manchmal tut es auch gut, den Schmerz zu verbildlichen: Ein Bild dazu malen, eine Figur kneten. So wird der Schmerz in Gedanken aus dem Körper ausgelagert.
  • Hat das Kind über einen längeren Zeitraum Schmerzen, sollten auch die Gewohnheiten in den Blick genommen werden: Gibt es konkrete Auslöser, schläft es zu wenig, treten Schmerzen nach ganz bestimmten Situationen auf?

So, wie für Erwachsene, gibt es auch für Kinder eine Vielzahl an anstrengenden Situationen. Nur weil die Kinder sind, kommen sie nicht zwangsweise leichter mit dem Alltag zurecht oder sind unbeschwerter. Haben wir einen Blick für ihre Bedürfnisse und gönnen wir ihnen die Ruhe- und Entspannungspausen, die wir uns ja auch oft wünschen.

Eure

*Bei plötzlich auftretenden Schmerzen oder länger andauernden Schmerzen ist eine Ärztin/ein Arzt aufzusuchen. Gerade bei Bauch- und Kopfschmerzen gibt es eine Vielzahl möglicher Ursachen, die abgeklärt werden sollten. Dieser Artikel bezieht sich ausschließlich darauf, wenn von medizinischer Seite Erkrankungen/Nahrungsmittelunverträglichkeiten/Sehprobleme etc. ausgeschlossen werden können und Bauch- oder Kopfschmerzen durch Anspannung/Stress/Nähebedürfnis entstehen.

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Elementare Erfahrungen der Kindheit

Tief wühlen sich die kleinen Hände in den Schlamm, holen ihn hervor und lassen ihn langsam durch die Finger herunter tropfen. Hose, Arme und Gesicht sind mit kleinen braunen Spritzern übersäht. Aber all das ist gerade jetzt nicht wichtig, das Kind erkundet die Beschaffenheit der Erde, gräbt immer wieder die Hände in den Matsch und holt sie hervor. An einem anderen Tag wollen die Schuhe nicht getragen werden, denn die Füße wollen das Gras spüren, den Sand und das Kind selbst etwas schimpfend über die spitzen Steine hüpfen. Lange kann Wasser von einem Gefäß ins nächste gefüllt werden – hin und her und wieder zurück. All das sind elementare Erlebnisse.

Aber mehr noch: Zu den elementaren Erlebnissen zählt nicht nur all das fühlen, riechen und/oder sehen, es zählt auch die Anteilnahme am Alltag, an den wirklichen Tätigkeiten des Alltags: am schneiden, kochen, sauber machen. Unsere Kinder wollen dieses Leben, ihre Umwelt, uns Menschen kennen und verstehen lernen. Und für dieses Verständnis und den daraus resultierenden Respekt und sorgsamen Umgang brauchen sie die Möglichkeit, elementare Erfahrungen zu machen.

Kinder wollen dabei sein!

Viele Eltern haben am Anfang des Elternseins die Vorstellung, sie würden den Kindern ein schönes Kinderzimmer gestalten, in dem die Kinder fortan gemütlich spielen würden mit all den wunderbaren Spielzeugen. Irgendwann stellen sie dann umso entzauberter fest: Das ist ja gar nicht so! Das Kind bleibt gar nicht im Kinderzimmer! Es kommt ja ständig zu mir und möchte mitmachen bei allem und dabei sein!

Kinder sind soziale Lebewesen, sie wollen mit anderen Menschen zusammen sein und dabei lernen. Sie wollen sich austauschen und vor allem wollen sie eins: Teil der Gesellschaft sein und einen Platz darin einnehmen. Sie freuen sich darüber, wenn sie beteiligt sind, wenn sie vielleicht sogar etwas tun können, dessen Wert sie erkennen: Die Gurke für den Salat schneiden, das Waschbecken sauber putzen,… Über all diese für uns so banalen Tätigkeiten freuen sich Kinder.

Nehmen wir ihnen nicht Teilhabe und Möglichkeiten

Ja, wir Erwachsene können Dinge schneller, geschickter, ordentlicher regeln als Kinder. Wir machen es in unseren Augen „besser“. Aber Kinder werden nicht gut in etwas, wenn sie dazu keine Chance haben. Sie müssen viele Male das Wasser daneben schütten bis sie gelernt haben, sich ein Glas ohne kleckern selbst einzugießen. Und so ist es bei vielen verschiedenen Dingen unseres Alltags. Kinder wollen mitmachen und sie haben daran sogar oft eine viel größere Freude als an den Spielsachen, die in ihrem Kinderzimmer liegen und direkt zum Spielen gedacht sind.

Wir sollten unseren Kindern nicht die Freude nehmen am Helfen, am Unterstützen, an der Teilhabe an unserem Alltag. Sie zu beteiligen bedeutet, sie hinein wachsen zu lassen und ihnen auch Aufgaben zu übertragen, die auch uns unterstützen. In späteren Jahren wünschen wir, dass Kinder einkaufen und den Müll runter bringen ohne Murren. Die Grundlagen dafür bilden wir schon im Kleinkindalter aus, wenn sie lernen, dass diese Aufgaben natürlicherweise in das Familiensystem gehören und alle Familienmitglieder nach ihren Möglichkeiten dabei mitwirken.

Wenn wir Kinder in ihren Unterstützungsangeboten ablehnen, bieten sie Kooperation zunehmend weniger an aufgrund dieser Zurückweisung. Dabei ist es eigentlich ein wunderbar soziales und unterstützendes Verhalten, das wir nicht mindern sollten. Sehen wir hin und überlegen wir, was unser Kind da wirklich gerade tut, wenn es mitmachen will. Gehen wir von dem positivsten Gedanken aus, der uns einfällt, anstatt negativ zu denken, dass das Kind nun wieder gleich Unsinn/Unordnung/Müll macht.

Kleine Kinder einbinden – So kann es beispielsweise gehen:

  • Geschirrspüler aus- und einräumen
  • Socken zusammensuchen aus der Wäsche
  • Obst und Gemüse mit Kindermesser schneiden
  • Wasser in einem kleinen Krug anbieten, damit das Kind selber eingießen kann
  • Brote selber schmieren lassen mit kleinem Buttermesser
  • Putzen, Staubsaugen, Wischen
  • Aufkehren mit Handfeger und Kehrblech

Auch Medien gehören heute zu elementaren Erfahrungsbereichen

Es gibt viele Möglichkeiten, damit Kinder beteiligt sein können. Auf diese Weise können sie die elementaren Erfahrungen unseres Leben machen, die grundlegenden Fertigkeiten erlernen. Sie brauchen sowohl die Möglichkeit, mit Materialien und allen Sinnen umzugehen, als auch die Möglichkeit, kooperieren zu dürfen und sich aktiv in unseren Alltag einzubringen. Dies betrifft nicht nur all die Dinge, die wir aus unserer eigenen Kindheit vielleicht noch kennen, sondern auch den Umgang mit Medien, denn auch diese gehören heute zum Alltag und der Umgang damit wird auch in der Zukunft eine Rolle spielen. Neben all dem Matschen, Basteln, Klettern und der Kooperation in unseren Alltagsaufgaben können wir unseren Kindern deswegen auch dort einen Erfahrungsraum geben, der genauso spielerisch, lustvoll und kreativ genutzt werden kann wie all die anderen Erfahrungsbereiche.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Erst drei Jahre alt – erwarten wir nicht zu viel von ihnen

An manchen Tagen fällt es mir schwer, mich in mein Kind hinein zu versetzen: Warum kann er denn jetzt nicht…? Warum macht er denn jetzt nicht…? Oder warum macht er denn ausgerechnet…? Schließlich erscheint mein Kind nun, mit mehr als 3 Jahren, schon so groß: Es kann sich sprachlich schon so gewandt ausdrücken, es kann laufen, klettern, balancieren. Es kann Knoten machen und Knöpfe schließen. Mit einem Messer schneidet es Gurke und schiebt sich einen kleinen Stuhl an den Schrank, um sich selbst eine Maisscheibe aus dem Regal zu holen. Aber wenn ein Geschwisterkind ein Spielzeug nicht hergeben mag, das Essen auf dem Teller scheinbar falsch ist oder der Pullover sich einfach nicht allein anziehen lässt, wird es so wütend, dass es laut schreit und für Worte nicht erreichbar ist.

Lass Dich von Fähigkeiten nicht verunsichern

Mit drei Jahren können unsere Kinder schon sehr viel. Sie haben viele Fertigkeiten gelernt, die sie im Alltag mit uns benötigen. Ihre Grobmotorik hat sich nach und nach ausgebaut und ebenso die Feinmotorik. Sie können schon ziemlich gut sprechen und manchmal sogar diskutieren. Aber all diese Fähigkeiten dürfen uns nicht darüber hinweg täuschen, dass sie eigentlich noch ziemlich klein sind: Nicht schon drei Jahre, sondern erst drei Jahre. Und mit drei Jahren sind zwar viele Fähigkeiten schon ausgebildet, aber unsere Kinder denken dennoch anders.

Auch wenn Kinder von Anfang an Teil der Gesellschaft sein wollen und kooperieren, sind ihre Fähigkeiten zur Kooperation noch begrenzt: Manchmal sind sie einfach ausgeschöpft nach einem langen Tag und das Kind kann einfach nicht noch mehr Kompromisse eingehen, sich noch ein weiteres Mal „zusammenreißen“ oder Bedürfnisse aufschieben. All das ist normal in diesem Alter.

Auch wenn unsere Kinder schon so tolle Dinge machen und sagen, denken sie dennoch im Alter von drei Jahren anders als wir und die Verarbeitung von Gefühlen im Gehirn verläuft noch ganz anders: Wir Erwachsenen ordnen unsere Gefühle ein, können abwägen und rational überlegen. Im Kleinkindalter ist dies noch nicht möglich, weil die zuständige Verarbeitsungsstelle, der Neocortex, noch nicht dazu in der Lage ist: Das Kind regaiert impulsiv, instinktiv, reflexhaft. Und dies ist aus Sicht des Kindes durchaus sinnvoll, weil es auch nicht besonders viele Situationen im Laufe des Lebens kennen gelernt hat und keinen Vorrat an vergleichbaren Situationen hat. Es reagiert so, wie es aus dieser Entwicklung heraus sinnvoll ist. Und durch unsere Begleitung lernt es nach und nach, anders zu handeln. – Das dauert allerdings einige Jahre .

Denk daran, was Dein Kind sonst so denkt und sagt

Mit drei Jahren sagen und tun sie so viel. Aber auf der anderen Seite ist die Welt auch noch voller Wunder und Möglichkeiten: Hasen, die sprechen können. Die Existenz von Feen, Kobolden, Weihnachtsmann und Osterhase wird noch nicht per se in Zweifel gezogen. Die Welt ist noch magisch, noch voller möglicher Wunder und nicht rein rational erklärbar. Die Dinge haben noch ihren unerklärlichen Zauber. Auch so sieht die Welt eines dreijährigen Kindes aus: Voller Geschichten, die möglich sein könnten. Unsichtbare Freunde und Spielgefährten. Denken wir auch an diese Gedanken und Erlebnisse mit einem dreijährigen Kind, bevor wir denken, es müsste doch endlich schon verstehen, dass…

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Der Unterschied zwischen Grenzen und Strafen in der Erziehung

Immer wenn es um das Thema geht, Kinder nicht zu bestrafen, tut sich eine andere Frage auf: Aber wie sollen Kinder Grenzen lernen, wenn sie nicht bestraft werden? Dabei handelt es sich eigentlich um zwei verschiedene Themen, die nur durch den Ansatz des Bestrafens miteinander in Verbindung gebracht werden. Natürlich sind Grenzen für Kinder wichtig und ein wesentlicher Bestandteil des Aufwachsens hinein in eine Gesellschaft. Aber Grenzen müssen nicht mit Strafen eingehalten oder durchgesetzt werden, um bewahrt zu bleiben.

Was sind Grenzen und warum sind sie wichtig?

Wir alle haben viele Grenzen in ganz unterschiedlichen Bereichen: Körperliche Grenzen, welche Berührungen wir wie und von wem mögen, was uns weh tut oder angenehm ist. Wir haben moralische Grenzen und unterscheiden uns darin: Was für einen unethisch ist (wie z.B. Fleischkonsum) ist für einen anderen keine Frage der Ethik. Wir haben unterschiedliche Belastungsgrenzen: einige Menschen halten weniger Stress aus, andere mehr. Wenn eine Grenze erreicht ist, beginnt ein unangenehmes Empfinden: Wir wünschen, dass etwas aufhört, weil es uns überfordert. Wo aber diese Grenze sich befindet, können einzelne Personen nur selbst festlegen: Was für eine Person zu laut ist, ist für eine andere vielleicht noch angenehm. In vielen verschiedenen Bereichen haben wir also ganz unterschiedliche Grenzen – als Erwachsene, aber auch im Vergleich zu den Kindern. Warum unsere Grenzen so unterschiedlich sind, kann ganz verschiedene Ursachen haben: Wir haben unterschiedliche Temperamente, die angeboren sind und wir machen im Laufe unseres Lebens unterschiedliche Erfahrungen, die sich auf unsere Bedürfnisse und Grenzen auswirken: Wenn wir Gewalt erfahren, sind wir später vielleicht sehr empfindsam in Bezug auf Berührungen und/oder unser gesamtes Stressverarbeitungssystem ist schneller an der Belastungsgrenze. Und auch unsere Alltagssituationen wirken sich auf unsere Grenzen aus: Sind wir bereits gestresst, sind wir vielleicht empfindsamer gegenüber Lautstärke und unsere Grenze ist schneller erreicht als sonst.

Auch Kinder haben Grenzen, die wir respektieren sollten: körperliche Grenzen (Wenn ein Kind beispielsweise aus Erschöpfung nicht mehr laufen kann. Oder von wem es welche Berührungen zulässt oder nicht), ethische Grenzen (hier haben die Eltern ganz besonders die Verantwortung, beispielsweise wenn es um vermeintlich „lustige“ Fotos geht, die in Social Media geteilt werden) und auch Grenzen der Sinnesempfindungen (Was für ein Kind laut oder zu laut ist, kann sich von dem unterscheiden, wie wir es empfinden). Am Anfang ist es für Kinder oft schwer, ihre Grenzen wirklich wahrzunehmen und selbst darauf zu achten. Sie sind auf unsere Co-Regulation angewiesen. Wir sehen das beispielsweise an Babys, die einen Tag über zu viel stimuliert wurden, von Arm zu Arm gereicht, durch ein Einkaufszentrum getragen mit hellen Lichtern und sich selbst vor diesen Reizen nicht schützen konnten und dann später viel weinen. Kinder sind sehr lange darauf angewiesen, dass wir uns um den Schutz ihrer Grenzen kümmern.

Die Grenzen also zeigen auf, wann unsere Belastungsmöglichkeit erreicht ist und nicht überschritten werden sollte. Es ist wichtig, dass wir Grenzen von anderen wahrnehmen und berücksichtigen, denn nur so funktioniert das Zusammenleben in einer Gemeinschaft – nicht nur in der Kleinfamilie, sondern der gesamten Gesellschaft: Jeder Mensch hat in verschiedenen Bereichen individuelle Grenzen, die nicht überschritten werden sollten, damit sich diese Person weiterhin wohl fühlt.

Wie können wir Grenzen schützen?

Wir sehen also: Wir alle haben Grenzen. Aber unsere Grenzen unterscheiden sich: Was mich anstrengt, ist für eine andere Person vielleicht in Ordnung. Was für mein Kind nicht geht, ist vielleicht für ein anderes passend. Das bedeutet: Wir müssen zunächst verstehen und anerkennen, dass wir alle unterschiedliche Grenzen haben und unser eigenes Empfinden nicht der Maßstab für alle ist.

Haben wir dies verstanden, können wir ansehen, welche Signale bei uns darauf hindeuten, dass eine Grenze erreicht ist bzw. bei anderen Menschen. Welche Signale geben unsere Kinder, bevor sie vehement und laut zeigen, dass eine Grenze überschritten ist? Und welche Signale können wir bei uns selbst wahrnehmen, bevor eine Grenze erreicht ist?

Gerade um unsere eigenen Grenzen zu schützen, ist es sinnvoll, nicht erst dann zu reagieren, wenn unsere Grenze schon erreicht oder gar überschritten ist, sondern schon vorher. Denn: Wenn unsere Grenze erreicht oder überschritten ist, sind wir bereits in Not und handeln aus einem Notgefühl heraus. Wir sind aggressiver, lauter (oder auch ganz abweisend und „flüchten“). Wenn wir also an uns selbst erkennen, dass unsere Grenzen bald erreicht sind, können wir besser und entspannter handeln und sind weniger verleitet, schnell und grob zu handeln, wie beispielsweise mit dem Androhen von Strafen. Um zu erkennen, dass eine Interaktion auf dem Weg ist, unsere Grenze zu erreichen, brauchen wir allerdings ein gutes Gespür für uns selbst:

  • vielleicht atmen wir schneller und/oder flacher
  • wir merken, dass wir unbestimmt unruhig werden
  • wir reden schneller
  • unser Blutdruck steigt
  • wir fühlen uns verkrampft

Wenn wir frühzeitig merken, dass unsere Grenzen erreicht werden, können wir handeln: Wir können dem Kind sagen: „Es ist mir zu laut, lass uns mal ruhigere Musik anmachen.“ oder „Es ist mir zu laut, ich gehe in einen anderen Raum. Sag Bescheid, wenn du fertig bist.“ oder wenn wir einen ohnehin stressigen Tag haben, das Kind nach der Kita schlechte Laune hat, können wir erklären: „Heute gehen wir nicht zusammen einkaufen, sondern es gibt abends einfach Reste von gestern.“ (und so einem Streit im Supermarkt vorbeugen). Wir können, wenn das Kleinkind im Essen stochert und wir merken, dass es uns langsam aufregt, frühzeitig reagieren, mit dem Kind über das Essen reden oder fragen, ob es nicht mehr essen mag, bevor es das Essen vom Teller schiebt und wir deswegen verärgert sind. Bevor also das Fass zum Überlaufen gebracht wird, können wir meistens noch recht gut und verständlich andere Wege einleiten.

Wenn sich Grenzen bedroht anfühlen, sind wir in Versuchung, zu strafen

Dann aber, wenn plötzlich eine Grenze überschritten wird, wollen wir auch schnell handeln: Hier ist unsere eigene Unversehrtheit in Gefahr (Das Kind schlägt oder beißt), hier sind unsere Werte in Gefahr (Das Kind sagt Scheiß-Papa und benutzt damit ein in der Familie verbotenes Schimpfwort), hier sind wir akut überreizt (Das Kind schreit wild und laut über Minuten), hier wollen wir vielleicht andere Personen schützen (Das Kind der Freundin) oder sorgen uns um unser Ansehen (Was sollen die Nachbarn denken). Unser Wunsch ist: Schnell dieses Verhalten abstellen und auch nachhaltig, damit wir nicht wieder in diese Situation kommen.

Viele von uns sind mit Strafen in der ein oder anderen Weise aufgewachsen, denn aus der Verhaltsbiologie wurde auch für die Erziehung von Kindern abgeleitet: Durch Belohnung können wir positives Verhalten verstärken, durch Bestrafung negatives Verhalten vermindern. Tatsächlich funktioniert diese Technik auch ganz gut, denn als Erwachsene sind wir den Kindern gegenüber in einer Machtposition: Bestrafen wir ein „falsches“ Handeln, lernt das Kind, dass es schwächer ist, unterliegt, sich unterwerfen muss. „Wenn Du nicht lieb bist, bekommst Du abends keinen Nachtisch!“ Das Kind versucht demnach, unserem Wunsch nach „lieb sein“ zu entsprechen, um der Strafe zu entgehen. Es passt sich an unsere Forderung an. Was es aber tatsächlich bedeutet, lernt es nicht. Es lernt auch nicht, dass „lieb sein“ ja nicht gezwungen werden kann, sondern ein tiefes Gefühl des Wunsches ist, einen anderen Menschen glücklich zu machen. Es verhält sich lediglich angepasst an unsere Vorstellungen: „lieb sein“ bedeutet dann – je nach unserer Forderung – leise sein, nicht schimpfen, nichts schmutzig machen. Es lernt nicht, das Gefühl des „lieb seins“ zu übertragen und auf andere Situationen anzuwenden. Es lernt, dass es scheinbar nicht lieb ist, wenn es diese Anforderungen nicht erfüllt – obwohl die Verhaltensweisen, die wir als Eltern oft reglementieren eigentlich völlig normale kindliche Verhaltensweisen sind, die meist der Neugierde und dem Wunsch nach Selbstständigkeit entspringen. Recht wahrscheinlich zeigt es dann das gewünschte Verhalten in jenen Situationen, in denen die erwachsene Person anwesend ist, die dies einfordert. Und weil es Angst vor der Folge eines falschen Verhaltens hat, ist es zudem nicht darum bemüht, ein eventuell doch abweichendes Verhalten einzugestehen: Es lügt, weil es (verständlicherweise) die Folgen des „lieb seins“ genießen möchte und keine Bestrafung erhalten will.

Was also durch Bestrafung passiert: Das Kind fühlt sich machtlos, es fühlt sich schwach und unterlegen und verinnerlich das Weltbild, dass der Stärkere gewinnt und Kooperation und Gleichwürdigkeit keine Methoden der Wahl sind in Konfliktsituationen. Diese Haltung verinnerlicht das Kind für die Zukunft (wie wahrscheinlich auch viele von uns sie verinnerlicht haben) und andere Interaktionen, auch im Zusammensein mit anderen Kindern. Das Kind lernt keine sinnvollen und nachhaltigen Lösungsstrategien für die Zukunft, um sie in der Zukunft anzuwenden und Problemsituationen beispielsweise anders zu verarbeiten. Oftmals sind Strafen Mittel der Wahl in der Kleinkindzeit, in der sich Kinder noch gar nicht in andere hinein versetzen können, weil sich die Theory of mind erst langsam ausbildet. Das Kind versteht also nicht, warum es eine bestimmte Handlung ausführen oder lassen soll für eine andere Person, sondern lernt nur stures Befolgen. Aus Angst vor der Bestrafung, ist es in Anwesenheit der strafenden Person bemüht, die Forderungen einzuhalten. Es kann in Anwesenheit der bestrafenden Person also nicht „es selbst sein“ und verstellt sich, um sich anzupassen. Das ist auf Dauer anstrengend, besonders wenn es ein normales kindliches Verhalten unterdrücken muss (nicht schmutzig machen/nicht laut singen/nicht wütend sein/nicht mit den Fingern das Essen anfassen/…). Manchmal äußert sich dies dann in scheinbar „grundlosen Wutausbrüchen“, die aber eigentlich der angestauten Überlastung zuzuschreiben sind. Vielleicht versucht es, heimlich dieses Verhalten auszuleben und lügt aus Angst dann die bestrafende Person an („Ich habe das nicht schmutzig gemacht, das war ein fremder Hund.“).

Durch Bestrafen gewinnen wir also tatsächlich langfristig nichts: Das Kind wird kein „besserer Mensch“ durch Strafen. Das Kind ist ein guter Mensch und wir müssen es auf dem Weg begleiten, zu erfahren, wie es Grenzen anderer gut berücksichtigen kann. Das erlernt es aber nicht durch Strafen. Auch nicht solche, die wir als „Konsequenzen“ bezeichnen, weil es Strafen sind, die sich direkt auf das vermeintliche Fehlverhalten beziehen: „Wenn du nicht aufisst, gibt es keinen Nachtisch!“, „Wenn du nicht aufräumst, spielen wir nicht miteinander!“, „Wenn du Schimpfwörter benutzt, musst du allein in deinem Zimmer bleiben, damit niemand das hört!“ Ja, diese Strafen stehen in Zusammenhang mit der Ursache, die vermieden werden möchte, aber dennoch sind es Strafen, die ein von uns als negativ betrachtetes Verhalten abstellen sollen aufgrund eines Machtgefälles und rein dazu dienen, das Verhalten zu vermeiden anstatt dem Kind echte Lösungsstrategien anzubieten.

„Kinder testen keine persönlichen Grenzen böswillig aus, sie fordern uns nicht heraus. Sie gelangen aber durch ihr Handeln an Grenzen, um zu erfahren, wie sie sich in einer Gesellschaft richtig bewegen. Neben all den Dingen, die sie lernen, lernen sie nämlich auch, wie andere Menschen sind.“

S. Mierau (2017): Geborgene Kindheit, S. 104

Wie können Grenzen bewahrt werden, ohne zu bestrafen?

Wir sehen: Grenzen sind wichtig und müssen geschützt werden. Aber Strafen sind nicht das Mittel der Wahl dafür, wir brauchen andere Handlungsmöglichkeiten. Um diese zu finden, müssen wir unseren Blick auf das Kind ändern: Wenn es eine Grenze überschreitet, dann hat das einen Anlass. Kindliches Verhalten ergibt eigentlich immer einen Sinn, auch wenn er uns zunächst nicht klar ersichtlich ist. Hinter dem Verhalten eines Kindes steht ein Anlass: Im Kleinkindalter hat das oft mit Neugierde, Selbständigkeit und Ressourcen zu tun. Das Kind will sich die Welt aneignen, will Erfahrungen darin machen, sich erproben. Manchmal ist es dabei zu ungestüm: es hat Unfälle, macht Dinge kaputt, kann mit anderen Menschen noch nicht so umgehen, wie wir Erwachsenen (im positiven Fall) miteinander gut umgehen. Kinder machen Dinge nicht, um „Machtspiele“ zu provozieren, sie sind ja auch uns Erwachsene als Versorger*innen angewiesen und wollen dies nicht von sich aus umkehren. Wenn Kinder scheinbar „provozieren“ lohnt sich auch ein Blick hinter dieses Verhalten: Warum wollen sie Aufmerksamkeit, wo fühlen sie sich nicht gesehen, wo ist es gerade anstrengend für sie, dass sie mehr Zuwendung brauchen, die wir anscheinend aktuell nicht geben?

Wenn wir also in einer Konfliktsituation sind, in der wir geneigt sind, eine Strafe verhängen zu wollen, macht folgendes Vorgehen Sinn:

  • Erst einmal ruhig bleiben: etwas trinken, tief durchatmen, kurz aus dem Raum gehen,…
  • Du darfst wütend sein. Nur brauchst du eine Methode, um gut mit der Wut umzugehen udn sie nicht am Kind auszulassen.
  • Nachdenken: Warum genau hat mein Kind wie gehandelt? Was steht hinter dem Verhalten meines Kindes?
  • Wenn wir den Grund des Kindes erfahren haben (weil es das gesagt hat oder wir es durch nachdenken erkunden konnten): Überlegen (ggf. gemeinsam): Wie kann diesem Bedürfnis nachgegangen werden, ohne dann Grenzen überschritten werden? Wie hätte die Situation auch laufen können? Wie wäre es besser gegangen? Größere Kinder können in diese Analyse einbezogen werden.
  • Vielleicht ist etwas kaputt gegangen, etwas wurde verschüttet,… Gemeinsam kann nun das Problem behoben werden: Wir räumen zusammen auf, machen zusammen sauber. So lernt das Kind auch gleich, wie es richtig gemacht wird (und es ergibt sich nicht sofort der nächste Problemfall: „Das ist ja gar nicht sauber, mach das nochmal!“)
  • Später kann noch einmal besprochen werden, wie zukünftig in solchen Situationen gehandelt werden kann. Vielleicht kann auch gemeinsam ein Plakat gebastelt werden, wenn es beispielsweise immer wieder abends Probleme gibt in der Abendroutine: Statt zu drohen „Wenn du dich nicht endlich fertig machst, dann gibt es keine Geschichte!“ können wir ein Papier mit den abendlichen Routinen skizzieren, damit das Kind eine Orientierung hat. „Schau, jetzt ist Punkt 3 dran: Wir gehen Zähne putzen.“

Aber wenn es gefährlich ist, dann muss ich doch verbieten?

Wenn etwas gefährlich ist, müssen wir unsere Kinder vor Gefahr schützen: Kinder dürfen nicht auf die Straße rennen, nicht auf dem Fensterbrett spielen, nicht als Nichtschwimmer*in ins Wasser springen. Natürlich müssen wir in allen gefährlichen Situationen eingreifen und unsere Kinder schützen und dies auch gegen ihren Willen, weil sie die Situation nicht überblicken können. Aber dieser Schutz ist keine Bestrafung. Eine Bestrafung wäre es, wenn wir das Kind davor schützen, auf die Straße zu rennen und danach sagen: „Weil du das gemacht hast, bekommst du heute kein Eis.“

Unsere Aufgabe ist es – und natürlich ist das nicht immer einfach – unseren Kindern Handlungsfähigkeit beizubringen und zu ermöglichen. Verständnis für Gefahrensituationen ermöglichen, Lösungsstrategien aufzeigen, so dass sie zukünftig nicht wegen eines Verbotes etwas nicht tun, sondern weil sie wirklich verstanden haben, warum ein solches Handeln in dieser Situation falsch wäre. Statt also das Eis zu verbieten, können wir danach in die Bibliothek gehen und Bücher über Verkehrserziehung ausleihen und lesen, können zukünftig an der Straße besser aufpassen und gemeinsam in Kommunikation sein: besprechen, was als nächstes passiert, warum hier was gemacht werden muss.

Und natürlich müssen wir auch da eingreifen, wo andere Personen durch das Kind in Gefahr geraten: Wenn das Kind andere haut oder beißt, müssen wir eingreifen, um die anderen Kinder zu schützen. Aber auch hier sollte im Anschluss keine Bestrafung des Kindes erfolgen, sondern es sollte genau hingesehen werden: Warum beißt/kratzt/schlägt/spuckt mein Kind? Was können wir an Situationen ändern, damit das Kind das nicht macht, welche Alternativen gibt es?

Neue Wege fallen oft schwer

Ja, viele von uns haben Strafen erlernt als Handlungsmethode, aber das bedeutet nicht, dass es die richtige und sinnvolle Möglichkeit ist, mit Kindern umzugehen und um eigene oder andere Grenzen zu sichern. Wir haben unseren Kindern gegenüber die Verantwortung, auch ihre Grenzen zu bewahren. Strafen verstoßen dagegen und deswegen ist es unsere Aufgabe, andere Wege zu finden. Dass das nicht immer einfach ist, ist klar. Uns fehlen Vorbilder hierfür, wir haben diese Art des Umgangs oft selbst nicht erlernt. Deswegen machen wir eben auch Fehler. Aber wir sind keine schlechten Eltern, weil wir überfordert sind. Wenn wir Fehler machen, können wir um Entschuldigung bitten. Und wir können versuchen, es beim nächsten Mal anders zu machen und so nach und nach von den Strafen wegzukommen und das Denken zu verändern.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Einschlafroutinen mit Kleinkindern

„Ich will aber nicht!“, „Ich will aber jetzt noch…“, „Ich kann nur schlafen, wenn Du noch eine Geschichte vorliest!“, „Ich bin gar nicht müde!“… Die Kleinkindzeit und das Einschlafen können manchmal eine schwierige Zeit sein: Nicht nur tagsüber drückt sich der Wunsch des Kindes nach Selbständigkeit aus, sondern auch abends. Dann aber manchmal gepaart mit Müdigkeit oder erschöpfter Kooperationsfähigkeit. – Eine ungünstige Mischung, wenn auch noch Eltern müde und erschöpft sind.

Am Ende des Tages…

Am Ende des Tages hat das Kind sehr viel erlebt. Es hat – wie jeden Tag – Neues gelernt, hat mit anderen Menschen interagiert. Vielleicht war es in einem Kindergarten, hat sich dort oder andernorts mit Freund*innen gestritten, vertragen, gespielt. Vielleicht musste es sich an Regeln und Abläufe anpassen, was nicht schlimm ist, aber Kraft kostet. Vielleicht ist es am Ende des Tages erschöpft, aber noch immer so neugierig. Vielleicht möchte es unbedingt noch dieses eine schöne Buch vorgelesen bekommen und im Arm kuscheln, obwohl es doch schon müde ist.

Vielleicht möchte es einfach nicht müde sein, sondern selbst bestimmen über sich und die Müdigkeit nicht anerkennen. Es möchte nicht gerade jetzt noch den Mund aufhalten zum Zähneputzen, denn das erfordert wieder Kraft und Ruhe – und vielleicht tut es auch noch etwas weh, weil gerade neue Zähne kommen und Schmerzen sind dann, wenn wir müde sind, noch viel intensiver. Am Ende eines Tages ist viel passiert und die Kraft eines Kindes, sowie die Möglichkeit, entspannt mit Situationen umzugehen, aufgebraucht. Wir sollten nicht zu viel erwarten von einem Kleinkind am Ende des Tages.

… braucht ein Kind einen langsamen Übergang

Wissen und berücksichtigen wir, dass das Kind am Ende des Tages viel erlebt hat, viel gesehen hat, viel in dem Gehirn dieses Kindes jetzt und in der Nacht verarbeitet wird, verstehen wir, dass nun nicht mehr viele Möglichkeiten bestehen, um uns entgegen zu kommen. Es ist ein wenig so, wie wenn wir nach einem fordernden Tag nach Hause kommen und einfach auf das Sofa sinken. Und dieses Sofa sind wir, die Eltern. Das Kind braucht es nun bequem, entspannt und ruhig. Manchmal ist diese Zeit des Einsinkens schon am Nachmittag zu finden, manchmal beginnt sie erst gegen Abend. Nun heißt es: Erwartungen zurückfahren an das kindliche Verhalten. Konkret kann es bedeuten:

  • Das Kind kann nicht mehr große Entscheidungen treffen in Bezug auf das Essen und fühlt sich überfordert von zu viel Auswahl.
  • Vielleicht hat es aber auch den Wunsch, etwas ganz Bestimmtes zu essen, weil es die Nährstoffe darin benötigt. Vertrauen wir dem Kind, wenn es aus einer gesunden Auswahl einen Wunsch heraus formuliert.
  • Das Kind kann nicht mehr laufen und möchte getragen werden: Eben gerade tobte es noch auf dem Spielplatz, aber nun ist es wirklich müde, weil der Antrieb des Spiels, der Neugierde, des Lernens nicht mehr da ist. Der Nachhauseweg ist zu beschwerlich – gönnen wir dem Kind die Ruhe auf unserem Rücken oder im Buggy.
  • Sich müde anziehen ist anstrengend – auch das kennen vielleicht einige von uns – nun nicht noch ausziehen und ganz neu ankleiden. Manchmal ist es sinnvoll, einfach schon vor dem Abendessen den Schlafanzug anzuziehen, damit es danach nicht zu mühevoll ist.
  • Langsam in den Schlaf gleiten und dabei einem anderen Menschen nah sein und von einer vertrauten Stimme hinüber in den Schlaf geleitet werden – das ist sicherlich schön. Wer gerne vorliest, muss nicht darauf bestehen, dass nach einer Geschichte wirklich Schluss ist. Es tut gut, die beruhigende Stimme einer liebevollen Person zu hören.
  • Den Raum verdunkeln und eine kuschelige Atmosphäre schaffen, die Ruhe ausstrahlt und nicht zum Spielen einlädt. Nun ist Zeit des Ruhens. Niemand muss schlafen, ist aber eingeladen, sich auszuruhen – schon diese Haltung des Nicht-Schlafen-Müssens kann etwas verändern.
  • Vielleicht plagen das Kind auch Ängste, die es noch nicht benannt hat oder schwer in Worte fassen kann. In der magischen Phase gibt es auf einmal Angst vor Krokodilen unter dem Bett oder Monstern im Kleiderschrank. – Natürlich lässt es sich so nicht gut einschlafen. Nehmen wir diese Ängste also ernst.
  • Auch in der Umstellungszeit des Mittagsschlafes wird das entspannte Einschlafen abends manchmal schwierig: Entweder ist das Kind müde, weil es den Mittagsschlaf nicht gemacht hat und kann aus Müdigkeit nicht mehr kooperieren, wird vielleicht auch wütend oder aggressiv aus Müdigkeit. Oder es macht noch Mittagsschlaf, vielleicht auch erst spät oder lang, und ist dann einfach wirklich nicht müde, wäre aber am nächsten Tag unausgeschlafen am Morgen. Hier muss der tatsächliche Schlafbedarf des Kindes am Tag angesehen und überlegt werden, wie er sinnvoll aufgeteilt werden kann.
  • Eine ruhige Routine an den meisten Nachmittagen kann eine Hilfe sein für diese Zeit: ruhige Momente und Nachmittagsgestaltung, beruhigende Geschichten, entspannte Vorbereitungen der Abendabläufe unter Einbindung der Selbständigkeit

Und wenn alles nicht klappt…

An manchen Abenden finden unsere Kinder das Fenster zum Schlaf einfach nicht. Auch das ist eine Fähigkeit, die mit der Zeit wächst. Erkennen wir an, dass es auch Ausnahmesituationen gibt und es an manchen Tagen schwierig ist. Erkennen wir an, dass das Kind einen anstrengenden Tag hatte und nörgelig ist, aber nicht zur Ruhe findet. Probieren wir es am nächsten Tag mit mehr Ruhe am Nachmittag oder schauen wir, was genau das Kind heute so besonders aufgedreht hat. Sprechen wir noch einmal ruhig über den Tag und die Geschehnisse: Was war heute besonders schön und was weniger? Was wollen wir morgen anders machen? Wichtig ist, selbst ruhig zu bleiben und nicht unter Stress zu geraten, weil das Kind nicht einschläft. Das erreichen wir mit ruhiger Atmung, Abwechslung mit Partner/Partnerin und einem eigenen, ruhigen Abendprogramm.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Vom „Ich-will-keine-Windel-mehr“ und Einnässen

Irgendwann ist es geschafft: Das Kind ist windelfrei. Bei einigen dauert es länger, bei anderen geht es schneller. Häufig sind Kinder, die abgehalten werden (oder Teilzeit-windelfrei sind) etwas früher die Windeln los, während Kinder, die Wegwerfwindeln tragen, aufgrund der darin enthaltenen Superabsorber (und dem dadurch geringeren Gefühl für die Ausscheidungen) etwas länger brauchen, um zum Gefühl für das Ausscheidungsbedürfnis zurück zu kommen. Und dennoch kommt es ab und zu zu einer nassen Hosen am Anfang – oder auch länger.

Von null auf trocken – kann das gehen?

Manche Kinder lassen nach und nach die Windel hinter sich, andere erklären auf einmal: „Ich will keine Windel mehr tragen!“ und sind in diesem Wunsch ganz engagiert. Oft sind es die Eltern, denen das Vertrauen in die Fähigkeiten des Kindes fehlt: Sie denken, das Kind sei zu jung oder könne doch nicht für sich selbst entscheiden. Oft vergessen wird dabei, wie stark innere Motivation wirken kann und dass Kinder einen eigenen inneren Entwicklungsplan haben. Sagt das Kind, dass es nun ohne Windeln sein möchte, sollten wir ihm das ermöglichen. Besonders im Sommer ist das recht einfach möglich, wenn nicht viele Kleidungsschichten ausgezogen werden müssen. Aber auch in jeder anderen Jahreszeit ist es möglich, dem Bedürfnis des Kindes nachzukommen. In kühleren Jahreszeiten geht das besonders gut zu Hause.

Worauf können Eltern achten, wenn das Kind die Windel ablehnt

Am Anfang ist es manchmal noch etwas schwer, die Bedürfnisse einzuschätzen und es muss manchmal schnell gehen mit der Toilette. Daher ist es gut, wenn das Kind Kleidung trägt, die sich schnell und einfach ausziehen lässt. bequeme, weite Kleidung und Röcke oder Hosen, die das Kind selber und einfach wegschieben kann. Für die Übergangszeit ist es gut, wenn auch extra Kleidung unterwegs bereit gehalten wird. Denn noch überhört das Kind manchmal die Signale des Körpers, wenn gerade etwas besonders spannend ist, zum Beispiel wenn es im Spiel vertieft ist.

Kein „Geh doch nochmal aufs Klo!“

Wir können unsere Kinder in der ersten windelfreien Zeit fragen, ob sie das Gefühl haben, auf Toilette gehen zu müssen. Ein einfaches Nachfragen ohne Drängen oder Bewertung. Schließlich geht es genau darum, dass das Kind lernt, den eigenen Körper einzuschätzen und zu spüren, wann der richtige Zeitpunkt kommt. Vorsorgliches Auf-die-Toilette-schicken ist allerdings nicht sinnvoll: So lernt langfristig die Blase, schon bei geringer Füllung ein Harndrangsignal zu geben. Ein „Geh mal, du musst bestimmt.“ ist ebenso ungünstig wie ein „Geh mal jetzt bevor wir raus gehen.“ – Natürlich ist es unpraktisch, wenn das Kind wenige Meter nach der geschlossenen Tür dringend muss, aber es ist eine kurze Phase, in der wir dies aushalten müssen auf dem Weg zu einem guten Körpergefühl.

Tipps für die Anfangszeit ohne Windeln

  • dem Kind vertrauen
  • einfache Kleidung, die leicht auszuziehen ist und Wäsche gut verträgt
  • Trainerhosen: dickere Unterhosen, die ein paar Tropfen auffangen, aber wie eine Unterhose sind
  • kein Drängen zum Toilettengang
  • keine Beschämungen, wenn doch etwas daneben geht
  • Wechselkleidung für unterwegs, feuchter Waschlappen in Box zum Säubern
  • Erzieher*innen einbeziehen
  • Unterlage fürs Bett
  • auf Reisen: Schutzlaken erfragen/mitnehmen

Wenn es doch daneben geht

Und wenn es dann doch daneben geht? Dann geht es daneben und das Kind wird neu angezogen. Auf dem Weg zum Erlernen einer neuen Fähigkeit gibt es oft auch Missgeschicke – das kennen wir doch alle. Niemand von uns ist wohl mit dem Skateboard nie hingefallen, hat Nähen gelernt ohne sich zu pieksen oder Schreiben ohne eigenwillige Wortschöpfungen.

Wie bei allen anderen Dingen, die Kinder lernen, ist es auch hier wichtig, dass das Kind nicht beschämt oder bestraft wird. Weder durch Worte, noch durch Taten. Ein „Ich hab doch gesagt, dass Du das nicht kannst!“ oder „So eine Sauerei!“ wird einem Kind nicht helfen, es in Zukunft anders zu machen oder Vertrauen in den eigenen Körper aufzubauen. Ein „Komm ich helfe dir, etwas anderes anzuziehen.“ ist eine gute und nicht wertende Alternative.

Wenn nachts weiterhin eine Windel benötigt wird

Nachts ist es ein wenig komplizierter mit dem Gefühl: Das nächtliche Aufwachen wenn die Blase voll ist, wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Die Blase muss dem Gehirn melden, dass sie geleert werden muss und das Kind muss aufwachen. Manche Kinder schlafen so fest, dass sie einfach nicht aufwachen oder das Hormon, das an diesem Prozess beteiligt ist, wird noch nicht ausreichend gebildet. Es scheint, dass es auch eine vererbte Komponente um das nächtliche Einnässen gibt. So kommt es, dass tagsüber vielleicht alles wunderbar klappt, aber nachts eben doch noch eine Windel getragen werden muss. Auch dies wird sich mit der Zeit ändern. Um den fünften Geburtstag sollte eine ärztliche Abklärung erfolgen, wenn das Kind weiterhin regelmäßig nachts ins Bett nässt. Gelegentlich kann dies allerdings auch noch bei Schulkindern stattfinden. Nässt ein Kind nachts wieder ein, obwohl es eigentlich trocken war, lohnt sich ein Blick auf das Kind: Gibt es gerade besondere Veränderungen, Ängste, Stressfaktoren? Bei nächtlichem Einkoten sollte auch genauer hingesehen werden auf mögliche Ursachen. Wichtig ist: Dem Kind sollte generell kein Druck gemacht werden.

Nächtliches Einnässen ist anstrengend für eine Familie, denn nachts aufstehen und Wäsche wechseln zehrt an uns und macht Stress. Auch wollen sich die aufgewachten Kinder oft nicht einfach umziehen lassen. Wichtig ist deswegen, gute Rahmenbedingungen zu schaffen: Matratzenschutz ins Bett legen, Wechselkleidung griffbereit und sich im nächtlichen Umsorgen abwechseln, damit jedes Elternteil abwechselnd Schlaf bekommt.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

„Spiel bitte etwas anderes!“ – Wenn Eltern das Spiel des Kindes nicht mögen

Wenn wir Kinder beim Spiel beobachten, geht es dabei manchmal ganz schön zur Sache: Da sterben die Figuren, es gibt Krieg, Eltern sterben, Spielfiguren verlaufen sich, werden entführt oder Kuscheltiere werden operiert. Und gelegentlich werden auch noch Schimpfwörter benutzt. Manchmal sind wir verleitet, nicht nur zu denken, sondern zu sagen: „Jetzt spiel doch etwas Schönes!“ – Aber das sollten wir nicht tun.

Kinder spielen von Anfang an

Im Spiel lernen unsere Kinder sich selbst und die Welt kennen. Das Spiel beginnt dabei schon sehr früh im Babyalter, wenn das Kind nach und nach mit der Umgebung interagiert, Gesichtsausdrücke nachahmt, später Laute, und anfängt, Hände, Füße und den Körper zu erkunden. Es steht im Zusammenhang mit den Fähigkeiten des Kindes und entwickelt sich anhand dieser Fähigkeiten weiter: Je mehr die Feinmotorik ausgebildet wird, desto mehr untersucht das Kind spielerisch Gegenstände. Je mehr es interagieren kann, desto stärker tritt das Spiel mit anderen hervor. Im Spiel übt das Kind, verfeinert Fähigkeiten und entwickelt sie weiter. Während es am Anfang erkundet, ahmt es später nach und schließlich entwickelt es eigene Handlungsstränge und Spielideen – und diese stellen uns manchmal mehr und manchmal weniger vor Herausforderungen.

Das Spiel als „Sprachmedium“

Um die Bedeutung des Spiels für das Kind zu verstehen, müssen wir uns von dem Gedanken verabschieden, dass „Kinder eben nur spielen“. Das Spielen ist ein komplexer Vorgang des Lernens und Erfahrens und auch der Aufarbeitung von emotionalen Erlebnissen. Was wir am Abend auf dem Sofa mit einem anderen Erwachsenen besprechen, lebt das Kind im Spiel aus: Spielsachen sind ein Medium wie die Sprache und das Kind drückt darüber aus, was es bewegt. Manchmal sind das die ganz alltäglichen Dinge des Alltags, wenn Puppen bekocht und bespielt werden oder Freundschaft nachgespielt wird. Manchmal werden aber auch Konflikte darüber bearbeitet und nachgespielt oder Themen, die das Kind gerade generell bewegen. Wünsche, Bedürfnisse, Gefühle, können oft im frühen Kindesalter noch nicht gut versprachlicht werden und finden dann im Spiel spontan ihren Ausdruck. Das Kind beschäftigt sich mit dem, was gerade ein Thema für das Kind ist.

Themen der Kinder zulassen

Wenn wir also merken, dass ein Kind sich mit einem Thema beschäftigt, das wir als kein „gutes Spielthema“ betrachten, können wir uns zunächst fragen, warum uns dieses Thema überhaupt so große Probleme bereitet: Warum können wir Aggression im Spiel nicht zulassen, warum wünschen wir, dass das Kind ausschließlich „harmonisch“ spielen soll? Warum ist es für uns schwer, wenn das Kind leichtfertig das Thema Tod im Spiel bearbeitet? Welche eigenen Themen kommen da vielleicht gerade hoch, ausgelöst durch das Spiel des Kindes?

Anstatt die Spielthemen des Kindes zu lenken und zu beeinflussen, können wir zuhören: Was ist es, was das Kind gerade beschäftigt, worüber es sich Gedanken macht? Wir können Themen aufgreifen außerhalb des Spiels und gemeinsam Bücher ansehen rund um den Tod oder um Freundschaft, wenn das große Themen sind oder einen passenden Film ansehen. Wenn wir zusammen mit unserem Kind spielen, sollten wir das Thema des Kindes annehmen, statt zu versuchen es in eine von uns gewünschte Richtung zu lenken und schauen, welche kreativen Lösungen das Kind selbst entwickelt und das unterstützen. Vor allem sollten wir die Themen nicht zu sehr dramatisieren und uns Fragen, ob wir etwas falsch gemacht haben, weil das Kind Auseinandersetzungen spielerisch bearbeitet . Wir sollten weniger deuten und mehr annehmen und begleiten.

Schimpfworte

Je nach Alter des Kindes tauchen auch Schimpfworte im Spiel (und auch im Alltag) auf. Natürlich werden sie beeinflusst von dem, was das Kind in der Umgebung hört. Dass es aber Schimpfworte prinzipiell nutzt, ist normal.

Mit einem Schimpfwort, so lernt das Kind, kann ein negativer Superlativ ausgedrückt werden: Das andere Kind ist nicht nur doof, sondern ein Scheißmann; die Situation ist nicht nur blöd, sondern superkacke. Das Kind sucht ein Wort, mit dem es all die Unzufridenheit, all das negative Empfinden im Inneren beschreiben kann, was es fühlt.

S. Mierau „Geborgene Kindheit“

Benutzt ein Kind Schimpfworte, ist das kein Zeichen für elterliches Versagen. Wir können über die Worte sprechen und welche festlegen, die in unserer Familie Raum haben und solche, die nicht gesagt werden sollen – und warum. Im Spiel können die Schimpfworte auch ihren Platz finden. Gerade dann können Kinder auch die Macht dieser Worte ausprobieren und ihre Wirkung. Ein Schimpfwort kann manchmal die Machtverhältnisse zwischen Eltern und Kind umkehren: Durch die Benutzung eines solchen Wortes fühlt sich das Kind stark und selbständig. Diesen Wunsch können wir hinter dem Verhalten sehen und mitspielen oder andere Spiele und Situationen finden, in denen das Kind obsiegen kann.

Das Spiel ist ein wunderbarer Entwicklungsraum, in dem sich unsere Kinder entfalten und die Themen bearbeiten, die gerade und prinzipiell wichtig sind. Begleiten wir diese Entwicklung, lassen wir sie zu, anstatt Themen und Gefühle auszuklammern.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

„Mama/Papa, schaut mal!“ – Kinder und Aufmerksamkeit

Wahrscheinlich kennen wir alle die Situation, dass wir abends auf dem Sofa sitzen neben einer Freund*in oder Partner*in und etwas von unserem Tag erzählen. Auf einmal stellen wir fest, dass unser Gegenüber an unpassender Stelle nickt. „Hey, hörst Du mir eigentlich zu?“ Wir wünschen uns, dass wir in solchem Momenten beide die Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Thema richten, über das wir uns austauschen. Wir wollen Aufmerksamkeit, um ein Thema zu besprechen, ein Problem zu erörtern, Hilfe zu bekommen. Das kennen wir nicht nur aus dem Alltag mit Erwachsenen. Gerade Kinder brauchen unsere Aufmerksamkeit für die Bewältigung des Lebens.

Warum Aufmerksamkeit für Kinder wichtig ist

Wir Menschen benötigen das Gefühl, zugehörig zu sein zu einer Gruppe. Wenn wir uns ausgeschlossen fühlen, schmerzt das. – Nicht nur umgangssprachlich, sondern tatsächlich werden im Gehirn bei Abweisung ähnliche Reaktionen hervorgerufen wie bei körperlicher Verletzung. Es tut weh, ausgeschlossen oder abgewiesen zu werden.

Zudem brauchen Kinder die Versicherung, dass wir als Erwachsene uns um sie kümmern, denn als Kinder sind sie lange auf unser Umsorgen angewiesen, damit ihre Bedürfnisse erfüllt werden können. Viele Bedürfnisse können sie noch lange Zeit nicht selbst erfüllen: Als Babys brauchen sie unsere Nähe beim Einschlafen, sie müssen von uns mit Nahrung versorgt werden, sie brauchen uns als Partner*in in der sozialen Interaktion. Weil wir so wichtig sind für ihr Wachsen und ihre Entwicklung, sind sie darauf bedacht, diese Zuwendung zu bekommen.

Viele Wege zur Beachtung

Haben Kinder einen Mangel in Bezug auf unsere Aufmerksamkeit, versuchen sie sie zu erlangen: Oft versuchen sie es zunächst durch einfache Kontaktaufnahmen in Form von Ansprachen: „Papa, schau mal!“. Manchmal nutzen sie nicht die Sprache, sondern ziehen unsere Aufmerksamkeit körperlich auf uns, indem sie scheinbar an „unserem Körper kleben“. Sie drängen sich immer wieder an uns, klettern auf den Schoß, zupfen am Bein oder lecken vielleicht den Arm an: „Hallo, ich bin hier!“ auf einer anderen Sprache. Manche Kinder fordern auch Aufmerksamkeit, indem sie Fähigkeiten zurückschrauben und auf einmal nicht mehr die Schuhe binden „können“. Wie genau ein Kind Aufmerksamkeit auf sich lenken möchte, kann ganz unterschiedlich sein – eine Frage des Typs, aber auch der Situation und des Anlasses, Aufmerksamkeit (wieder) zu bekommen.

Manchmal ist es gar nicht so leicht, zu verstehen, dass unser Kind gerade „nur“ Aufmerksamkeit haben möchte. Wir nehmen das Verhalten als störend wahr, wenn wir es nicht entziffern können: „Hör auf, immer meinen Arm abzulecken!“ sagen wir vielleicht und merken nicht, dass das Kind eigentlich Aufmerksamkeit und Zuwendung sucht. In gewisser Weise bekommt es das nun auch: allerdings auf negative Weise, die weder das Kind langfristig und gesund erfüllt, noch uns. Denn durch vermeintlich negative Verhaltensweisen Aufmerksamkeit zu erlangen, bringt zwar Zuwendung, aber nicht die ersehnte und erfüllt nicht das eigentliche Bedürfnis: das Kind wird zwar gesehen und wahrgenommen, aber das Bedürfnis nach Nähe und Zuwendung wird nicht erfüllt. Deswegen wird das Kind wieder versuchen, Aufmerksamkeit zu erlangen, um das eigentliche Bedürfnis zu befriedigen.

Bedürfnisse erkennen und Aufmerksamkeit schenken

In Situationen, in denen wir immer wieder denken: „Mein Kind ist gerade extrem anstrengend“ oder „Warum tut das Kind nur diese nervige Sache immer?“ sollten wir einen Schritt zurück treten und hinter das Verhalten des Kindes schauen. Das Anlecken, das ständige „Schau mal hier!“, das Babyverhalten sind nur Symptome einer anderen Ursache. Vielleicht braucht das Kind gerade jetzt mehr Nähe, mehr Körperkontakt. Das Kind, das abends wild alles herumschmeißt, braucht vielleicht unsere Aufmerksamkeit, weil es müde ist und allein nicht in den Schlaf findet und von uns co-reguliert werden möchte. Kinder wollen uns nicht verärgern. Ihr Verhalten ist meistens Ausdruck eines Anliegens. Sie sprechen nur manchmal eine andere Sprache, die wir manchmal nicht richtig verstehen.

Immer aufmerksam sein?

Natürlich sind wir nicht immer aufmerksam. Weder Freund*innen, Partner*innen noch Kindern gegenüber. Und wir müssen es auch nicht sein. Gerade bei Kindern reicht es oft aus, auch einfach verfügbar zu sein: in der Nähe, ansprechbar, vielleicht mit einer eigenen Sache beschäftigt, aber erreichbar für die Bedürfnisse. Manchmal gibt es aber Phasen, in denen sich Kinder unserer Zuwendung noch mehr versichern müssen, in der sie Aufmerksamkeit ganz besonders brauchen und wir mehr Aufmerksamkeit schenken müssen, weil sie mehr Unterstützung benötigen, um die Abenteuer der Welt verarbeiten zu können und ihren Weg darin zu finden. Und dann, wenn sie wieder sicher sind, brauchen sie wieder weniger. Aber sie wissen durch jede Phase, in der wir verstanden haben, dass sie uns brauchen und darauf eingegangen sind, dass wir im Notfall da sind. Und nach und nach bilden sich immer mehr Fähigkeiten aus, durch die sie selbst Kompetenzen im Umgang mit der Welt erwerben und immer weniger Aufmerksamkeit benötigen.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.