Kategorie: Geburt

Geburt und Elternsein – Wie sich das Geburtserlebnis auswirkt

Als ich vor ein paar Monaten Mutter. Sein. las, stolperte ich über einige Stellen, die mich etwas schmunzeln ließen, da sie zusammengenommen ziemlich treffend die Ergebnisse unserer Forschung widerspiegeln. In den Stellen schreibt Susanne über negative Geburtserlebnisse und deren Auswirkungen, körperlich wie psychisch. Darüber, dass negative Geburtserlebnisse manchmal Verarbeitung benötigen und das Kümmern um den Säugling möglicherweise erschweren können. 

Wie wirkt sich Geburt auf das psychische Wohlergehen aus?

Wir haben an der Uni Bonn eine Längsschnittstudie zu den psychologischen Einflussfaktoren auf die Geburt und zu den Auswirkungen der Geburt auf psychologische Faktoren durchgeführt. Wir wollten u.a. wissen, inwieweit sich die Geburt und das Geburtserlebnis auf das kurz- und längerfristige psychische Wohlergehen auswirkt. Dafür haben wir 304 Paare erhoben, die in den ersten sechs Wochen nach der Geburt zunächst täglich und dann wöchentlich Angaben über ihr emotionales Wohlbefinden und über das Wohlbefinden des Säuglings machten. Müttern haben wir zusätzlich Fragen zum Stillen und zur wahrgenommenen Wundheilung gestellt. Sechs Monate nach der Geburt haben wir zudem die Eltern-Kind-Bindung per Fragebogen erfasst.

Was sich zeigte war: Frauen, die eine interventionsreiche Geburt hatten (also z.B. Dammschnitt, PDA, Kaiserschnitt) bewerteten die Geburt negativer als Frauen mit interventionsarmen Geburten. Die Geburtsbewertung, also das Geburtserlebnis, hatte wiederum Einfluss darauf wie es der Familie im Wochenbett ging.

War das Geburtserlebnis eher negativ, hatten die teilnehmenden Frauen und Männer ein geringeres emotionales Wohlbefinden, fühlten sich belasteter und auch der Säugling wurde als unruhiger beschrieben. Frauen mit negativem Geburtserlebnis berichteten zudem vermehrt von Stillprobleme. Das Wochenbett verlief also für die Familie weniger günstig und dies beeinflusste wiederum die Eltern-Kind-Bindung sechs Monate nach der Geburt. Zwar waren die meisten Studienteilnehmer*innen sicher an ihre Kinder gebunden (soweit dies durch eine Fragebogenerhebung feststellbar ist), trotzdem gab es Variationen in den Daten, welchen wiederrum teilweise durch die erschwerten Startbedingungen im Wochenbett erklärt werden konnten.

Geburtserlebnisse haben Auswirkung auf den Übergang zur Elternschaft

Die Studienergebnisse zeigen also deutlich, dass die Geburt und das daraus resultierende Geburtserlebnis wichtige Ausgangspunkte für den Übergang zur Elternschaft darstellen. Sie erleichtern oder erschweren den Prozess. Wir konnten Auswirkungen auf die Eltern, das Kind und auf beide gemeinsam – in Form von Stillprobleme und der Eltern-Kind-Bindung – feststellen. Aber warum ist das so? Der Grund liegt wahrscheinlich darin, dass der Übergang zur Elternschaft ein inhärent stressbehafteter Prozess ist. Für die Person, die geboren hat, bedeutet er eine körperliche Herausforderung, für alle Familienmitglieder eine emotionale. Wenn jedoch die Geburt negativ nachwirkt, weil sie ebenfalls körperlich und psychisch herausfordernd war, dann werden durch das Erlebnis Ressourcen gebunden, die eigentlich für den Übergang zur Elternschaft benötigt werden. Wir konnten diese Auswirkungen sogar noch sechs Monate nach der Geburt beobachten. 

Für die Familie ist ein positives Geburtserlebnis scheinbar essentiell und – aus psychologischer Perspektive – kein einfaches nice to have. Auf gesellschaftlicher Ebene betrachtet erscheint es insofern notwendig, die Geburtshilfe zu reformieren und Ansatzpunkte für optimale psychologische Rahmenbedingungen für die Geburt zu schaffen. 

Was Familien brauchen

Aber was können wir auf Einzelfallebene tun? Es ist wichtig anzuerkennen, dass Geburten nicht mit der Plazentageburt enden. Dass Familien – nicht ausschließlich nur die Person, die geboren hat – möglicherweise Zeit und gegebenenfalls auch Unterstützung benötigen, um den Prozess zu verarbeiten. Wir sollten Wissen darüber entwickeln, dass der Satz „Hauptsache das Kind ist gesund“ ziemlich oberflächlich ist. Wir sollten zuhören und erfragen, was die Familie braucht. 

Familien, die merken, dass es ihnen nach der Geburt nicht gut geht, sollten nicht davor zurückschrecken, dies zu äußern und Hilfe einzufordern. Von Freunden, Hebammen, Stillberater*innen, Pädagogen*innen oder Psychologen*innen. Es ist vollkommen in Ordnung unglücklich mit dem Geburtserlebnis zu sein und dies darf geäußert werden; es bedeutet in keinerlei Weise, dass man undankbar oder unglücklich über das Kind ist.

Wir sollten aber auch vorsichtig mit unseren Interpretationen sein. Denn auch wenn unsere Studie zeigte, dass sich die Geburt negativ auf das Wohlbefinden im Wochenbett auswirken kann, ist dies keine unbedingt auftretende ‚wenn-dann-Beziehung‘. Schwierigkeiten im Wochenbett, Stillprobleme, Ängste, Sorgen, Überforderungen – all das kann auch auftreten, wenn die Geburt positiv verlaufen ist und nichts davon muss bei negativ verlaufenden Geburten auftreten. Auch bedeutet eine weniger sichere Eltern-Kind-Bindung sechs Monate nach der Geburt nicht, dass sich dies nicht auch wieder ändern kann. Bindung ist grundsätzlich nichts fest Geschriebenes, sie kann sich immer verändern. Umgekehrt ist eine sichere Bindung sechs Monate nach der Geburt keine Garantie dafür, dass Eltern auch bei verändernden Herausforderungen (beispielsweise in der Autonomiephase) noch sensibel auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen können. 

Ich würde dazu raten, dass unabhängig davon, wie der Geburt verlief: wer das Gefühl hat, dass der Übergang zur Elternschaft überfordernd ist und das Bedürfnis nach (professioneller) Hilfe hat, nicht davor zurückschrecken sollte, diese in Anspruch zu nehmen. 

Lisa Hoffmann ist Diplom-Psychologin. Seit ihrem Studienabschluss 2012 ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am psychologischen Institut der Universität Bonn tätig. Im Rahmen ihrer Promotion erforschte sie die Rolle psychologischer Faktoren für die Geburt und leitete dabei von 2015-2019 eine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Längsschnittstudie zum Thema Mindset, Partnerschaft und Geburt, an der knapp 300 Paare teilnahmen und zu unterschiedlichen Zeitpunkten während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett befragt wurden. Im Frühjahr gründet sie das Institut für Geburts- und Familienpsychologie einAnfang , das sich u.a. für Wissenschaftskommunikation
einsetzt und berichtet daher auf Instagram und facebook sowie Twitter über aktuelle
Forschungsergebnisse zu den Themen Geburt und Elternschaft. Sie ist Mutter von zwei Töchtern.
 

Gebären in einer Ausnahmesituation – Interview mit Hebamme Anja Gaca

Die Rahmenbedingungen der Geburtshilfe haben sich in den letzten Jahren erheblich verschlechtert durch die schwierigen Versicherungsverhältnisse für Hebammen, aber auch durch den Personalmangel in Krankenhäusern. Durch die aktuellen Rahmenbedingungen zur Verhütung von Ansteckung mit dem Corona-Virus haben sich die Bedingungen, unter denen Geburt durchgeführt wird, noch einmal sehr verändert. Viele Schwangere sind aktuell verunsichert, welche Maßnahmen in den Kliniken vorgenommen werden, wie sie gebären können und welche Personen sie dabei begleiten können. Auch die Angst davor, dass die Bindung zum Kind unter den erschwerten Bedingungen leiden könnte, ist groß. Hebamme, Autorin und Bloggerin unter vonguteneltern Anja Constance Gaca, 2. Vorsitzende des Berliner Hebammenverbandes e.V. erzählt im Interview, worauf sich Frauen nun einstellen müssen und wie die Bindung unterstützt werden kann.

Anja, die Rahmenbedingungen für Geburten haben sich gerade sehr geändert bzw. ändern sich aktuell. Was erwartet aktuell Frauen, wenn sie zur Geburt ins Krankenhaus gehen?

Aktuell ist es nicht nur in den verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich, auch wenn wir in die Nachbarländer sehen mit ihren Regelungen, sondern es gibt auch Unterschiede zwischen den Bundesländern und selbst innerhalb einer Stadt. Es ist deswegen schwer, eine allgemein gültige Aussage zu machen. An einigen Standorten dürfen Väter noch die Geburten begleiten, an anderen nicht. Maximal darf eine andere Person die Geburt begleiten: Das kann dann der andere Elternteil sein oder eine Doula. Im OP ist aktuell meist keine weitere Person gestattet, wenn die Frau das Kind mit einem Kaiserschnitt gebärt. Es soll insgesamt vermieden werden, dass die begleitenden Personen im Kreißsaal ein- und ausgehen, denn mit jedem Verlassen und Wiederkommen steigt die Gefahr, dass eine Infektion erfolgen kann. Frauen sollten nicht zu früh in den Kreißsaal kommen, um zu vermeiden, dass wir die Frauen erst einmal wieder nach Hause zu schicken und auch um das Kommen und Gehen der Begleitperson zu reduzieren.  Hebammen müssen mittlerweile meist Schutzkleidung, wenn sie Geburten begleiten.

Soweit ich von Kolleginnen gehört habe, wird in den Krankenhäusern versucht, sehr gut zusammen zu arbeiten, um Frauen unter den aktuellen Rahmenbedingungen gute Geburtssituationen zu ermöglichen. Dennoch ist es aber auch so, dass wir natürlich weiterhin auch unter Personalmangel leiden und es keine garantierte 1:1 Betreuung in den Kreißsäalen gibt, wenn Frauen nicht gerade eine Begleit-Beleghebamme haben.

Die Stimmen für Hausgeburten werden lauter, manche Frauen berichten auch, dass sie über Alleingeburten nachdenken.

Die Nachfrage nach Hausgeburten steigt tatsächlich, obwohl diese nicht entsprechend durch Hausgeburtshebammen beantwortet werden können – es gibt zu wenige. In den Niederlanden werden Geburtstatione aktuell in Hotels ausgelagert.  Vielleicht ist das auch etwas, worüber in Deutschland nachgedacht werden wird. Von der Idee, die Kinder allein zu Hause ohne Hebammenhilfe zu bekommen, können wir allerdings nur abraten. Hebammen begleiten die Geburt, können den Geburtsverlauf einschätzen und ggf. eingreifen bzw. einschätzen, wann weitere Hilfe benötigt wird.

Wie können sich Schwangere aktuell gut auf die Geburt unter diesen Bedingungen vorbereiten?

Aktuell ist es wichtiger denn je, einen Geburtsvorbereitungskurs bei einer Hebamme zu besuchen, um einerseits über die aktuellen Rahmenbedingungen in den Kliniken aufgeklärt zu werden und auf der anderen Seite auch all die wichtigen Informationen zum Geburtsablauf zu bekommen, um in der Situation gut informiert zu sein und Vertrauen in die Geburt zu haben. Die Geburtsvorbereitungskurse können nicht mehr in Preäsenzkursen mit mehreren Teilnehmern in einem Raum stattfinden, sondern erfolgen nun über Onlinekurse. Diese können aber ganz normal über die Krankenkasse abgerechnet werden.

Es ist auch für die Hebammen wichtig, dass diese hebammengeführten Onlinekurse gebucht werden und nicht ausschließlich Kurse von anderen Anbietern (wie Yoga-Geburtsvorbereitung etc.) gebucht werden, denn die Hebammen haben die laufenden Kosten für ihre Räumlichkeiten weiterhin zu tragen und es kann die ohnehin schwierige Situation der freien Hebammen weiter verschlechtern, wenn ihre Kurse nicht besucht werden.

Wie ist es dann nach der Geburt? Wie können sich Frauen darauf vorbereiten bzw. diese Zeit dann gestalten?

Aktuell ist es so, dass wir versuchen sollen, so viele Beratungen wie möglich digital anzubieten, d.h. über Videotelefonate. Das erschwert natürlich die Begleitung der Wöchnerin. In konkreten Problemfällen, die über Videoberatung nicht behoben werden können, wie beispielsweise bestimmte Probleme beim Stillen, machen Hebammen dennoch Hausbesuche. Die Familien bekommen vorab Informationen, wie sie sich auf den Hausbesuch vorbereiten können, beispielsweise indem sie vorher lüften, Hygienehinweise beachten.  Problematisch ist, dass uns Hebammen aktuell Schutzkleidung oder auch Desinfektionsmittel u.a. für die Hausbesuche fehlt, denn wir müssen natürlich auch hier die entsprechende Schutzkleidung tragen und die Hygienekriterien einhalten.

Da die Familie im Wochenbett natürlich wie auch andere Familien keinen Besuch bekommen sollte, ist die Unterstützung im Wochenbett eingeschränkt. Gerade für Familien mit mehreren Kindern ist das schwierig, weil die Erwachsenen allein alles stemmen müssen. Hier ist Vorbereitung gut, d.h. Lebensmittel vorgekocht zu haben. Auch ist es nun noch wichtiger als sonst, die Erwartungen und Perfektionismus zurück zu schreiben: Die Wohnung darf unordentlich sein, Wäsche kann später gewaschen werden und es darf auch „ungesundes“ Essen geben. Schön ist, wenn die Familie aber zumindest aus der Ferne unterstützt werden kann: Mit Essen, das vor die Haustür gestellt wird oder ein Esspaket, das geschickt wird.

Wer nach der Geburt über die Hebammenhilfe hinaus Bedarf an Unterstützung hat, kann viele Angebote auch Online wahrnehmen. Wie auch die Geburtsvorbereitungskurse werden auch die Rückbildungskurse von Hebammen nun Online angeboten. Wer Stillberatung benötigt, findet auch viele Online-Angebote von qualifiziertem Personal. Wer traumatische Erfahrungen verarbeiten muss, sollte sich auch jetzt dringend an psychotherapeutische Angebote wenden – auch diese finden nun teilweise Online statt.

Die wichtige Frage: Was ist mit der Bindung, wenn Geburt nun so anders verläuft?

Bindung ist ja ein Prozess, der sich über eine lange Zeit erstreckt. Natürlich ist es vorteilhaft, wenn das so genannte Bonding direkt nach der Geburt stattfinden kann und Mutter und Kind in engem Körperkontakt in Ruhe sich kennenlernen und auch der andere Elternteil gleich das Baby sieht und (Körper-)kontakt aufnimmt. Aber wir wissen aus der Forschung und auch aus Adoptions- und Pflegefamilien, dass Bindung natürlich auch später stattfinden kann und sich ein sicheres Bindungsmuster aufbauen kann. Wichtig ist deswegen nun den Bindungsdruck herauszunehmen: Eltern und besonders Mütter sollten nicht zusätzlich gestresst sein, weil sie Angst haben, ein Zeitfenster zu verpassen. Soweit es irgendwie geht, ist es wichtig, Stress aus der Situation zu nehmen.

Auf ihrem Instagramprofil informiert Anja fortlaufend über die Neuerungen/Änderungen in Bezug auf die Geburtssituation. Wer die Arbeit von Hebammen unterstützen möchte, kann dies über Spenden beim Verein Motherhood e.V. tun.

Unterstützende Literatur für diese Zeit:
Gaca, Anja C. (2016): Das Wochenbett. Alles über diesen wunderbaren Ausnahmezustand. München: Kösel.
Gaca, Christian (2019): Papipedia. Alles, was Väter und ihre Kinder brauchen. München: GU.
Mierau, Susanne/Gaca, Anja C. (2018): Mein Schreibaby verstehen und begleiten. München: GU.
Afram, Juliana (2019): Vom Wochenbett zum Workout: Fit nach der Geburt mit Juliana Afram. München: GU.
Gaca, Anja C. (2019): Babyernährung. Vom Stillen bis zur Beikostphase – gesund und glücklich durch das erste Jahr. München: GU.

Wenn die Geburt als traumatisch erlebt wurde…

Wie geht man damit um, wenn „das schönste Ereignis“, die Geburt des Kindes, doch nicht als solches erlebt wird, wenn sich die ganzen Erwartungen nicht erfüllen und die Geburt stattdessen als so schlimm erlebt wird, dass eine psychische Erkrankung die Folge ist?

Posttraumatische Belastungsstörung in Folge einer Geburt

Es geht um die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), eine psychische Erkrankung, die nach einem als traumatisch erlebten Ereignis auftreten kann. Zum Beispiel nach einem Überfall, einem Autounfall – oder eben auch nach einer Geburt. Jede PTBS braucht einen Auslöser, aber nicht jede Situation löst immer ein Trauma aus. Wichtig ist die subjektive Bewertung der Situation. Das heißt, dass manche Frauen die Geburt ihres Kindes als subjektiv traumatisierend erleben, obwohl es keine besonderen Schwierigkeiten oder ein katastrophales Ereignis gab in den Augen anderer.

Anders herum dasselbe: Nicht jede Frau mit „schlimmer“ Entbindung bewertet diese subjektiv als traumatisierend. Außenstehende haben nicht das Recht, eine Bewertung oder Einschätzung vorzunehmen. Trotzdem spielen natürlich die Umstände während der Geburt eine wichtige Rolle: Erlebte Gewalt, Gefühle wie Ausgeliefertsein, Hilflosigkeit, Verletzung von Schamgefühlen oder Wahrnehmen der Geburtshelfer als unsensibel steigern die Wahrscheinlichkeit, die Geburt subjektiv als traumatisierend zu erleben. Wichtig ist, dass es hier kein richtig oder falsch gibt. Was zählt, ist allein die subjektive Wahrnehmung.

… ein Tabuthema

Genau das macht den Umgang mit  PTBS jedoch auch so schwierig, da Betroffene sich oft nicht trauen über ihre Erfahrungen zu reden. Das sollte sich dringend ändern denn die Forschung zeigt, dass es viele betroffene Gebärende gibt. Laut meiner letzten Studie sind 7.93% aller Mütter betroffen, unter den Müttern mit Notfall-Kaiserschnitt sind es sogar 29.29%. Das ist fast jede Dritte. Die Differenz zwischen der Anzahl der betroffenen Frauen und dem Umstand, wie häufig darüber gesprochen wird, ist groß.  Glücklicherweise gibt es immer mehr Berichte in Zeitungen und auch Vereine wie motherhood e.V., die über die Situation rund um die Geburtshilfe aufklären, aber dennoch werden viele persönliche Berichte von betroffenen Frauen verschwiegen.

Anzeichen einer Posttraumatischen Belastungsstörung

Viele Mütter berichten von wiederkehrenden, unkontrollierten und unerwünschten Erinnerungen an die Geburt, von schlechten Träumen von der Geburt und/oder von einem Gefühl, dass man die Geburt erneut durchlebt. Zusätzlich wird das oft von Traurigkeit, Anspannung und Angst begleitet, sodass Betroffene versuchen zu vermeiden, an die Geburt zu denken.

Allgemeinere Symptome sind häufig ein negatives Selbstwertgefühl, das Gefühl sich von anderen Menschen entfernt zu haben, keine positiven Emotionen mehr zu empfinden und sich gereizt/aggressiv zu fühlen. Die Betroffenen spüren meistens einen hohen Leidensdruck, fühlen sich als schlechte Mutter. Schuld und Scham spielen häufig eine große Rolle.  

Sollte man sich so oder ähnlich fühlen, wird Hilfe benötigt. Im ersten Schritt kann es schon helfen über die Erfahrungen zu sprechen. Wenn die Symptome anhalten, ist es ratsam, sich an professionelle Hilfe zu wenden, z.B. sich an die Gynäkologin/den Gynäkologen wenden, Hebamme, Familienpfleger*in oder Hausärztin/Hausarzt. Zusätzlich gibt es Beratungsstellen, die spezielle Unterstützung anbieten. Auch wer nicht selbst betroffen ist, aber eine Mutter kennt, die unter ähnlichen Symptomen leidet, sollte einfühlsam vorbringen, ob vielleicht eine zusätzliche Beratung oder therapeutische Begleitung hilfreich wäre.

Weitere Forschung ist notwendig

Trotz der relativ hohen Anzahl an betroffenen Frauen gibt es in diesem Bereich bis jetzt kaum Forschung. Ich bin selber Mutter und Psychologin und versuche das zu ändern. Für meine aktuelle Online-Studie untersuche ich das psychische Wohlbefinden von Müttern nach der Geburt und mögliche Einflussfaktoren.  Wir suchen noch Schwangere und Mütter (bestenfalls liegt die Geburt nicht mehr als 12 Monate zurück) die bereit wären, an unserer Online-Studie teilzunehmen. Damit sich etwas verändert und mehr für die Betroffenen getan werden kann, braucht es mehr Forschung zu den Risikofaktoren. Mit deiner Teilnahme würdest du einen wichtigen Beitrag leisten, wir sind für jede Teilnahme dankbar.

Anlaufstellen nach traumatisch erlebten Geburten

Solltest du akut unter psychischen Beschwerden leiden und/oder Gedanken haben, dich selbst und/oder dein Kind zu verletzen oder das Gefühl haben, dein Wohlbefinden hat sich seit der Entbindung verschlechtert und/oder du fühlst dich im Alltag beeinträchtigt, dann empfehlen ich dir, Hilfe aufzusuchen. Sprich dazu deine Hebamme/Geburtshelfer, deinen Gynäkologen, oder deinen Haus- oder KinderärztIn an. Alternativ kannst du  dich auch anonym und kostenlos an die Telefonseelsorge wenden (0800/111 0 111) oder an den Verein Schatten & Licht e.V., der ein bundesweites Beratungs- und Selbsthilfegruppen-Netzwerk hat, an das sich Betroffene wenden können. Die Überweisung an einen Psychotherapeuten bekommst du von Hausarzt/Hausärztin oder Gynäkologin/Gynäkologen. Psychotherapeuten in deiner Nähe kannst du z.B. über die Seiten Deutschepsychotherapeutenvereinigung.depsych-info.detherapie.de oder psychotherapeutensuche.de finde. Die Wartezeiten sind oft lang, für akute Fälle lohnt es sich deswegen es über die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung  (gibt es online für jedes Bundesland) zu versuchen oder zu psychotherapeutischen Hochschulambulanzen in deiner Stadt zu gehen.

Lea Beck-Hiestermann ist Psychologin und Psychotherapeutin in Ausbildung (Tiefenpsychologie). Sie forscht an der Psychologischen Hochschule Berlin zu postpartalen psychischen Störungen. Mehr von Lea gibt es hier auf Instagram.

Ich spüre nicht die Liebe

Und da liegt es dann, dieses kleine Wesen in unserem Arm. Nach einer längeren oder kürzeren, nach einer einfachen oder schweren Geburt. Wir blicken es an, berühren es, staunen über den kleinen Menschen, der dort im Arm liegt – und fühlen… Ja, was eigentlich? Ja, es gibt die Liebe auf den ersten Blick. Die Liebe, die sich an die Geburt anschließt und sofort erscheint und einen wie eine Welle überrollt voller Emotionen. Neben dieser gewaltigen Flutwelle gibt es aber auch kleine Wellen oder auch erst einmal Ebbe. Es ist unterschiedlich, wie wir uns nach der Geburt fühlen und es ist unterschiedlich, was wir nach der Geburt fühlen.

Die große Angst

Wenn sich dieses große Gefühl direkt nach der Geburt erst einmal nicht einstellt, schleicht sich oft langsam die Unsicherheit ein: Du müsstest doch aber jetzt…? Warum fühlst Du jetzt nichts? Und diese Unsicherheit sich selbst gegenüber wandelt sich nicht selten dann in eine Angst: Wenn ich keine Liebe fühle, was tue ich meinem Kind an? Bindung ist so wichtig, mein Kind wird es immer schwer haben, wenn ich es jetzt nicht liebe!

Es ist gut, wenn dieses Gefühl in Worte gefasst wird, wenn es gegenüber Partner*in oder Hebamme formuliert wird. Dann kann beruhigt und geholfen werden. Nicht selten aber überwiegt erst einmal die Scham, die still macht. Die dazu führt, über die fehlenden Gefühle nicht zu sprechen, sondern diese schweren Gefühle und Gedanken in sich zu tragen, in sich zu konservieren und zu hoffen, dass es irgendwann anders wird oder sich irgendwie damit abzufinden.

Manchmal kommt die Liebe später

Wir müssen uns aber nicht schämen, wenn die Liebe nicht sofort kommt. Manchmal stehen andere Empfindungen nach der Geburt im Vordergrund und es ist kein Raum dafür da, gerade die Beziehung zum Kind einzugehen: die Geburt muss verarbeitet werden, Traumata verarbeitet werden, die Rahmenbedingungen der neuen Familie sind schwierig oder der Start war unglaublich kräftezehrend und die Beziehung konnte nicht aufgebaut werden, weil vielleicht das Kind oder die Mutter medizinisch versorgt werden mussten und keinen Kontakt hatten. Es kann viele Gründe dafür geben, dass das Gefühl der Liebe erst einmal nicht da ist.

Was tun, wenn die Liebe auf sich warten lässt?

Wenn sich das Gefühl der Liebe nicht zeigt, müssen sich Eltern also nicht schämen. Gut ist es aber, das fehlende Gefühl Fachpersonen gegenüber anzusprechen. Die erste Anlaufstelle kann die Hebamme sein. Sollte keine vorhanden sein, die Frauenärztin/der Frauenarzt, die entsprechend weiter verweisen können. Aber auch Familienberatungsstellen und auch der Verein Schatten und Licht können weitere Unterstützung bieten.

Je nach Ursache können Fachpersonen dann verschiedene Methoden anwenden, um den Gefühlsweg zwischen Baby und Elternteil anzubahnen: Das kann nach einer als traumatisch erlebten Geburt ein Bondingbad (pdf) sein oder aber eine Gesprächstherapie oder andere Form der Begleitung. Manchmal braucht es auch „einfach“ Zeit und die Gefühle entwickeln sich nach und nach ohne weitere Unterstützung.

Schade ich meinem Kind?

Die häufigste Angst bei fehlender Liebe ist, dem Kind damit zu schaden, wenn nicht von Anfang an tiefe Emotionen gefühlt werden, sie kann in einen regelrechten Bindungsstress verfallen. Wichtig ist zunächst, dass die grundlegenden Bedürfnisse des Kindes befriedigt werden: es gut versorgt wird in allen Bereichen der Pflege und Ernährung, dass es Körperkontakt hat und angesprochen wird. Durch dieses Gefühl des sicher umsorgt Werdens baut sich beim Kind die Bindung zur Bezugsperson aus, denn von Seiten des Kindes ist Bindung zunächst ein Sicherheitssystem, wie der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotraumatologe Prof. Dr. Karl-Heinz Brisch es formuliert. Das Kind vertraut darauf, dass sein Leben sicher ist und es Erwachsene gibt, die sich darum sorgen. Die Art der Interaktion wirkt sich dann auf die tatsächliche Art der Bindungsbeziehung aus. Aber: Bindung braucht Zeit. Auf Seiten des Kindes wie auch der Erwachsenen.

Erwachsene gehen nach und nach eine Bindung zum Kind ein und diese langsame Bindungsentwicklung ist in Anbetracht der Menschheitsgeschichte und früher hohen Säuglingssterblichkeit durchaus sinnvoll. Bis das Bindungsmuster vollständig aufgebaut ist, dauert es etwa drei Jahre. Zwar werden im ersten Jahr die Grundlagen gebildet und um den ersten Geburtstag herum zeigt das Kind dann jene Verhaltensweisen, die wir als Ausdruck von Bindungsbeziehungen kennen: Es versucht aktiv, Nähe herzustellen und reagiert mit Abwehr auf Trennung, sucht Sicherheit bei der Bindungsperson und erkundet von ihr ausgehend die weitere Umgebung und kehrt wieder zurück, wenn es das braucht.

Wenn es mir schwer fällt

Wenn es also einem Elternteil schwer fällt, eine tiefe emotionale Verbundenheit zum Kind aufzubauen, ist es – wie schon erwähnt – sinnvoll, sich Hilfe zu holen. Darüber hinaus sollte sicher gestellt werden, dass eine andere Bezugsperson jene Verbindung aufbaut, die vielleicht aktuell noch fehlt. Das kann der andere Elternteil sein oder aber auch weitere Familienmitglieder, die sich aktiv und viel um das Kind kümmern können. Im Laufe des Lebens wird das Kind viele Bindungen zu unterschiedlichen Personen aufbauen in unterschiedlicher Art und unterschiedlicher Qualität. Die eigene tiefe Bindung kann ebenso später aufgenommen werden, wenn eventuelle Hindernisse beseitigt sind. Auch wenn erst zu einem späteren Zeitpunkt diese tiefe Verbundenheit empfunden und ausgebildet wird, ist sie deswegen nicht einer schlechteren Qualität. Manchmal braucht Liebe Zeit.

Es ist wesentlicher häufiger, dass die anfängliche Verliebtheit fehlt, als wir oft denken, Nur sprechen viele Eltern nicht darüber. Traut Euch, Gefühle und fehlende Gefühle anzusprechen.
Eure

Weiterführende Literatur:
Mierau, Susanne (2019): Mutter.Sein – Von der Last eines Ideals und dem Glück des eigenen Wegs.
Brisch, Karl-Heinz (2010): SAFE – Sichere Ausbildung für Eltern. Stuttgart: Klett-Cotta.
Meissner, Brigitte (2013): Emotionale Narben aus Schwangerschaft und Geburt auflösen. – Brigitte Meissner Verlag.

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

Dein geschützter Raum für die Geburt

Auch wenn wir es manchmal anders lesen: Es gibt nicht den einen perfekten Raum für die Geburt. Dafür sind wir alle zu unterschiedlich, unsere Lebensbedingungen unterscheiden sich, unsere Bedürfnisse unterscheiden sich. Was mir persönlich wichtig ist, damit ich mich sicher und wohl fühle, kann etwas ganz anderes sein als das, womit du dich wohl und sicher fühlst. Und noch mehr: Es kann sich auch von Geburt zu Geburt bei einer Person verändern.

Wohl und sicher

„Wohl und sicher“ sind genau die Rahmenbedingungen, die wir brauchen. Gebärende sollten sich bei der Geburt wohl und sicher fühlen. Welche Faktoren dabei Wohlbefinden oder ein Gefühl von Sicherheit auslösen, ist unterschiedlich: Während Sicherheit für einige darin besteht, ein Netzwerk an moderner Medizin im Hintergrund zu wissen, ist es für andere ausreichend, auf das Können der Hebamme zu vertrauen. Für wieder andere Gebärende kann der Sicherheitsbegriff noch einmal anders gefasst sein und es ist von noch größerer Bedeutung, nur vertraute Personen um sich zu haben und genaue Absprachen in Bezug auf Eingriffe zu treffen.

Wir alle bringen unsere eigene Geschichte, unsere eigenen Erfahrungen zur Geburt mit und für jede Gebärende können die Rahmenbedingungen daher variieren, die das Gefühl von Sicherheit herstellen. Auch wie wir mit Schmerz umgehen, wie wir Schmerz wahrnehmen, unterscheidet sich – und somit auch der Umstand, wie wir bei der Geburt eventuell damit umgehen oder unterstützt werden (müssen). Unsere eigene Vergangenheit beeinflusst uns auch unter der Geburt und bei manchen Gebärenden kann die Angst vor dem Schmerz oder Geburt auch so groß sein, dass Sicherheit für sie bedeutet, sich diesen Gefühlen nicht auszuliefern. Als Außenstehende können wir nicht beurteilen, was sich für einen anderen Menschen wie anfühlen sollte. Wir sollten akzeptieren, dass jeder Mensch anders ist, anders fühlen kann, Bedürfnisse in einer anderen Ausprägung hat.

Wichtig in Bezug auf Wohlbefinden und Sicherheit sind auch die Menschen, die die Geburt begleiten: Der französische Gynäkologe Michel Odent spricht in seinem Buch „Die Natur des Orgasmus“ sogar davon, dass Angstgefühle übertragen werden können und Menschen mit einem hohen Adrenalinspiegel in der Nähe einer Gebärenden dazu führen, dass auch bei ihr der Adrenalinspiegel ansteigen kann. – Wir müssen uns sicher fühlen bei der Geburt und in guten Händen.

Fühlen wir uns sicher und geschützt bei der Geburt, wird auch das Hormon Oxytozin ausgeschüttet, das nicht nur die Kontraktionen der Gebärmutter verursacht, sondern auch die Schmerzgrenze hebt und Mut gibt. Es entsteht also ein Kreislauf der Unterstützung, wenn wir uns sicher fühlen. Positiv auf die Ausschüttung dieses Hormons wirken sich auch Wärme, Ruhe und Abgeschiedenheit aus.

Den geschützen Raum herstellen

Wärme, Ruhe, Abgeschiedenheit, Vertrauen – diese Rahmenbedingungen sind in der aktuellen Situation um die Geburtshilfe schwer zu finden. Die außerklinische Geburtshilfe ist stark zurück gegangen, in den Kliniken unterliegen Geburten ebenfalls Personalmangel (insbesondere Hebammenmangel) und Klinikroutinen. Gebärende benötigen aber dennoch den geschützten Raum der Geburt, um Problemen vorzubeugen, die als traumatisch erlebte Geburten nach sich ziehen. Aktuell setzen sich dafür Vereine wie motherhood e.V. ein und auch der Roses Revolution Day macht jedes Jahr aufmerksam darauf, woran es aktuell mangelt. Und dennoch besteht dieser Mangel weiterhin und wir können nur versuchen, in diesem Mangel es so angenehm wie möglich zu machen.

Zunächst einmal ist daher wichtig, für sich selbst zu bestimmen: Was bedeutet für mich Sicherheit und Wohlbefinden? Welche Faktoren müssen für mich erfüllt werden? Dabei ist es nicht wichtig, welche Entscheidungen andere Gebärende aus Familie, Freundeskreis oder Geburtsvorbereitungskurs getroffen haben, sondern was ganz individuell ein Gefühl von Sicherheit gibt: Wer sich für eine außerklinische Geburt entscheidet, nur weil das andere gemacht haben, sich dabei aber nicht wohl fühlt, tut sich selbst keinen Gefallen – und andersrum. Nur du kannst entscheiden, ob du dich wohl fühlst zu Hause, im Geburtshaus, in einer „normalen“ Geburtsklinik oder einer Klinik mit Perinatalzentrum. Einfluss auf die Entscheidung nehmen natürlich auch Schwangerschaftsverlauf und eventuelle Diagnosen.

Nachdem die grundlegenden Fragen nach dem individuellen Sicherheits- und Wohlbefindensgefühl geklärt sind, kann dann im zweiten Schritt betrachtet werden, wie an dem ausgewählten Ort in besonderer Weise dafür gesorgt werden kann: Eine außerklinische Geburt wird von einer freien Hebamme begleitet. Wie sieht es aber in der Klinik aus: Gibt es Beleg-Hebammen? Wie ist die Versorgungssituation vor Ort: Brauche ich vielleicht neben Geburtspartner*in noch eine weitere vertraute Person, die vor Ort ist, damit sich diese privaten Geburtsbegleiter*innen abwechseln können und die Gebärende nicht allein ist? Das Verlassenheitsgefühl ist es oft, das Gebärende als sehr belastend unter der Geburt erleben. Welche sonstigen Rahmenbedingungen können für ein persönliches Sicherheitsgefühl und Wohlbefinden sorgen: Gibt es Musik, Kuschelkissen, Kuscheldecken, Düfte, Teesorten, Essen,… die sich positiv auswirken könnten? Es erscheint uns rational vielleicht absurd, zur Geburt mit solchen Dingen zu kommen, aber hier, an diesem Tag und zu dieser Zeit zählt, dass sich die Gebärende wirklich wohl und sicher fühlt. Und wenn dafür der alte Kuschelteddy dabei sein muss, dann ist das so. Unbedingt von Vorteil ist auch, wenn die begleitende(n) Person(en) sicher sind: gut informiert über die Geburt, weil sie selbst an einem Geburtsvorberitungskurs teilgenommen haben, gut selbst versorgt mit Nahrungsmitteln und darum wissend, dass auch sie mal eine Pause brauchen und sich nehmen können. Wir können auch schon vorsorgen für die Zeit nach der Geburt: Zu Hause das Nest einrichten, in dem sich die Familie finden kann. Familie und Freunde informieren, womit sie uns nach Geburt unterstützen dürfen: vom Bekochen/Bebacken über Aufräumhilfe bis Babysitting von Geschwisterkindern. Sollte es Probleme mit dem Stillen geben, schon vorab die Liste an Stillberaterinnen zur Verfügung haben, die in der Nähe sind. Wissen, ob Kinderarzt/Kinderärztin die erste U-Untersuchung auch zu Hause durchführt. – Auch solche Vorarbeiten können Sicherheit vermitteln.

Mit diesen Überlegungen können wir versuchen, einen guten Raum für die Geburt herzustellen. Nicht immer beugen diese Rahmenbedingungen Eingriffen vor oder können die so genannte Interventionskaskade verhindern. Es liegt nicht alles in unserer Hand – auch das sollten wir vorab wissen. Wenn es anders läuft, ist das nicht deine Schuld. Manchmal verläuft die Geburt ganz anders als geplant. Manchmal ist der Start ins Elternleben anders als geplant – und dennoch kann auf so viele verschiedenen Arten eine gute, sichere Beziehung zwischen Eltern und Kind hergestellt werden. Aber es gibt nicht per se ein „besser“ oder „schlechter“ in Bezug auf den Geburtsort. Richtig ist zunächst das, wo du dich ganz persönlich geschützt, begleitet und umsorgt fühlst in qualifizierten Händen und unter Berücksichtigung deiner individuellen Bedürfnisse.

Eure

Der erste Stillmoment & die unglaublichen Kompetenzen des Babys

Dieser erste Moment nach der Geburt, wenn Mutter und Kind sich ansehen, ineinander versinken und die Zeit fast einen Moment stehen bleibt. Bei manchen gibt es diesen Zeitpunkt früher, bei anderen später – je nachdem, wie die Geburt verlaufen ist. Diesen Moment genießen, ganz ineinander eintauchen und sich kennen lernen: So siehst Du aus, so riechst Du, so fühlst Du Dich an – auf Seiten des Kindes und Seiten der Eltern. Ein magischer Moment.

Gerade jetzt haben wir eigentlich alle Zeit der Welt – oder sollten sie haben. Aber oft wird in Filmen, Büchern oder auch durch Fachpersonal vor Ort vermittelt: Nun musst Du Dich beeilen und das Kind anziehen und stillen. Aber das Baby kommt – wenn es reif und gesund zur Welt kommt ohne Gründe, die schnelles Eingreifen notwendig machen – auch mit dem Wunsch zu uns, von Anfang an die Welt mit allen Sinnen kennen zu lernen. Und die Welt beginnt genau jetzt mit dem Menschen, auf dem es liegt und dessen warme Haut es spürt.

Dein Baby lernt Dich jetzt kennen

Da liegt es nun und nimmt zum ersten Mal den Herzschlag nicht aus dem inneren des Körpers wahr, sondern über die Brust im Hautkontakt. Es hört die bekannten Stimmen, aber ganz anders als zuvor. Es fühlt Körperwärme dort, wo es im Körperkontakt steht und spürt zum ersten Mal Kälte an den Stellen, die nackt sind. Es spürt Stoff auf der Haut zum ersten Mal dort, wo es von einer Decke bedeckt ist. Es spürt Haut, aber ganz anders als zuvor im Mutterleib, denn sie fühlt sich anders an.

Instinktiv weiß das Baby, wohin es nun möchte und folgt dem eigenen Geruchssinn, verbunden mit den anderen Sinnen. Wenn es ausreichend geruht hat, beginnt es, sich zu bewegen. Liegt das Baby nun nackt bäuchlings auf nackter Brust oder Oberbauch der Mutter, beginnt es vielleicht, mit dem Kopf und Mund die Brust zu suchen und die Haut um sich mit dem Mund zu ertasten. Es leckt oder saugt an der Haut, die es umgibt, um zu erkennen, ob es sich um die Haut der Brust handeln könnte. Es weiß instinktiv, dass sich die Haut der Brustwarze anders anfühlt als andere Haut und nimmt die unterschiedlichen Empfindungen wahr. Vielleicht beruhigt es sich durch das Saugen zunächst noch einmal, bevor es wieder mit der Suche beginnt. Es kann sich mit den Füßen abstoßen, den Kopf bewegen oder gar ruckartig zu einer Seite schnellen lassen. Auf diese Weise bewegt es sich selbst zu seinem Zielort.

Auch wenn wir versucht sind, an dieser Stelle einzugreifen und das Baby selbst aufzunehmen und an die Brust zu legen, müssen wir es nicht tun. Denn unser Kind ist von Anfang an kompetent und strebt nach Autonomie – nicht erst im Alter von 2 oder 3 Jahren, sondern von Beginn an. Wir können uns zurück lehnen (im wahrsten Sinne des Wortes) und warten – eine Tätigkeit, die wir in den folgenden Jahren immer wieder tun werden: abwarten, das Kind machen lassen. Gerade jetzt und hier, in den ersten Momenten des Familienlebens, lernen wir einen der wichtigsten Eckpfeiler der Elternschaft: Vertrauen in das Kind und dessen Fähigkeiten.

Selbstwirksamkeit: Das Baby findet die Brust

Irgendwann wird das Baby die Brust gefunden haben durch das Riechen, Tasten, Fühlen. Manchmal muss es durch den Arm der Mutter ein wenig gestützt werden, damit es nicht vom Körper rutscht. Aber den Großteil des Weges schafft es ganz allein. Vielleicht befühlt es die Brust mit dem Mund, vielleicht nimmt es die kleinen Hände oder Fäuste zu Hilfe, um die Brust zurecht zu schieben. Vielleicht ruht es sich noch einmal aus und legt den Kopf ab. Irgendwann wird es jedoch den Mund öffnen und mit dem Stillen beginnen – selbstbestimmt und aus eigener Kraft.

Der Vorteil dieses babygeleiteten Anlegens ist, dass das Baby selbst wirksam ist, dass es uns bereits nun, ganz am Anfang, etwas Wesentliches lehrt über den Blick auf das Kind und das Stillen so meist gut und komplikationslos starten kann, da durch die Eigenaktivität des Kindes Anlegeprobleme vermieden werden können, die den Stillstart erschweren. Nicht nur unmittelbar nach der Geburt können daher die Reflexe und Intuition des Babys genutzt werden, um zu stillen, sondern in den ersten Wochen. Gut ist es, wenn Mutter und Kind im direkten  Haut-zu-Haut-Kontakt sein können hierfür.

Eure

 

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik), Geburtsvorbereiterin, Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Elternblogs über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Der Moment des ersten Kennenlernens

Wer ein Kind in sich trägt, lernt es über die Monate kennen. Kleine Streckbewegungen, Tritte gegen eine Hand, das Streicheln über den Bauch, das beruhigt. Wir gehen schon vor der Geburt in Beziehung mit dem kleinen Menschen, der in uns wächst. Und dennoch gibt es diesen einen Moment, in dem sich Eltern und Kind zum ersten Mal in die Augen blicken, in dem zum ersten Mal die kleinen Gesichtszüge betrachtet oder befühlt werden. Der magische Moment des richtig bewussten Kennenlernens.

Hier sind wir zwei nun…

Zwei Handvoll Mensch liegen im Arm, so warm und leicht und schwer zugleich. So leicht als Mensch und so schwer als Verantwortung. Von nun an ist da dieser Mensch in Deinem Leben und Du bist Mutter oder Vater. Das erste Mal das eigene Kind zu halten, ist besonders. Mit großen Augen blickt es den Menschen gegenüber an, so ruhig und besonnen. Es scheint jede Besonderheit des Gesichts aufzunehmen, es abzugleichen, zu erkennen. Und auch wir auf der anderen Seite blicken in dieses kleine Gesicht und denken: „Ach so siehst Du aus, herzlich willkommen.“ Ein Kennenlernen beginnt, eine Art Blind-Date: Was bringst Du wohl mit in unsere Beziehung, in unser Leben? Was wirst Du lieben, was wirst Du ablehnen? Welches Temperament hast Du und welche wird Deine Lieblingsfarbe werden? In den nächsten Jahren werden wir zusammen wachsen, uns aufeinander abstimmen und auch immer wieder mit verschiedenen Meinungen aufeinander treffen. Es wird so schöne Momente geben wie diesen und harte, schwere Stunden. Großes Glück und große Sorgen. Aber in diesem einen Moment zählt nur, sich anzublicken. Alles andere kommt später.

In all den Jahren habe ich viele Erfahrungen mit meinen Kindern gemacht und doch erinnere ich mich an diesen einen Moment, an dem ich jedes Kind so wirklich bewusst und in Ruhe wahrgenommen habe. In dem die Zeit um uns verschwand und wir ganz bewusst eintauchten in das Kennenlernen. Uns gegenüber waren und anblickten. Jedes Mal wieder war es ein magischer Moment. Ein Blick des Erkennens und gleichzeitig des neu Kennenlernens: „Hier sind also wir beide. Lass uns sehen, wohin die Reise zusammen geht.“

Wenn das Kennenlernen warten muss…

Manchmal ist es nicht möglich, das Baby sofort in die Arme zu nehmen und anzublicken. Manchmal stehen andere Dinge im Vordergrund: das Baby muss versorgt werden oder die Mutter braucht dringend medizinische Versorgung. Manchmal muss dieser erste Moment warten. Oft gibt es andere liebevolle Hände, die das Baby aufnehmen und Augen, die es neugierig und voll Gefühl anblicken. Nicht nur die gebärenden Mütter erleben diesen Augenblick des Kennenlernens. Und auch, wenn es manchmal schwer ist, anzunehmen, dass dieser Augenblick verschoben werden muss, ist ein Verschieben möglich: Der magische Moment des Kennenlernens kann nachgeholt werden.

Es ist gut und schön und kann einige Dinge erleichtern, wenn das frühe Bonding direkt nach der Geburt stattfinden kann, aber Eltern haben auch später Zeit, mit dem Kind zu bonden, an eine Beziehung anzuknüpfen, die ja bereits im Mutterleib begonnen wurde. Wir müssen uns in einer ohnehin schwierigen Situation nicht noch zusätzlich unter Druck setzen (lassen), wenn es wichtige Gründe gibt, die dagegen sprechen. Denn diese Gründe sind auch Teil der Bindungsbeziehung: Wir versorgen uns oder lassen uns versorgen, um dann für das Kind sorgen zu können. Wir lassen das Baby von anderen versorgen und geben es zum Überleben, für seinen Schutz, in die Hände von Fachleuten, die es medizinisch versorgen mit dem, was es genau jetzt braucht. All das hat auch mit Bindung zu tun und mit der Sorge gegenüber dem Kind. All das ist auch kümmern. All das ist wichtig.

Kennenlernen kann später stattfinden. In einem ruhigen Moment zusammen im Bett oder zusammen im Bad. Die Hebamme Brigitte Meisner hat hierfür das Babyheilbad als Anregung zur Aufarbeitung negativer Geburtserfahrungen entwickelt, bei dem eine Geburt noch einmal anders nacherlebt wird. Und auch dann, wenn es noch einige Wochen dauert, weil die Mutter seelisch von der Geburt und den Ereignissen drum herum sehr belastet ist, ist noch Zeit für das Kennenlernen und Verbinden. Bindung passiert im Alltag, in den kleinen Momenten und ist ein langer Prozess.

Eure

 

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik), Geburtsvorbereiterin, Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Elternblogs über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Dos und Don’ts im Wochenbett: So sind Wochenbettbesuche schön. 7 Tipps für Besucher*innen

Wenn das lang ersehnte Baby im Familien- oder Freundeskreis geboren ist, wollen es viele Menschen begrüßen und die Familie beglückwünschen, beschenken und ihre Freude zum Ausdruck bringen. Gerade die ersten Tage und Wochen aber sind eine sensible Phase, in der sich die kleine neue Familie erst einmal kennen lernen möchte und Zeit und Ruhe benötigt – und liebevolle, fürsorgliche und passende Unterstützung, wenn sie diese wirklich wünscht. Mit diesen Tipps fürs Wochenbett kannst Du eine Familie auf ihrem Weg wirklich unterstützen:

1. Den richtigen Zeitpunkt für den ersten Besuch bestimmen die Eltern

Frisch geborene Babys sind zauberhaft: Es ist toll, einen Menschen ganz am Anfang begrüßen zu können und zu bewundern, wie er die ersten Male die Welt erblickt. Aber: Dieses Wunder ist nun vor allem den Eltern vorbehalten. Sie sind es, die nun eine Beziehung zu ihrem Baby aufbauen. Gerade die Mutter hat vielleicht eine mehr oder weniger anstrengende Geburt zu verarbeiten, das Baby ebenso. Vielleicht fühlt sich die Mutter nicht wohl, hat Schmerzen oder das Stillen bereitet ihr noch Probleme und sie braucht Ruhe, um sich einzufinden. Kleine Babys sind auch noch mit einer Woche zauberhaft und auch noch später. Nicht sofort ins Frühwochenbett eingeladen zu werden, ist keine Abweisung und muss nicht negativ interpretiert werden. Im Gegenteil: Mit dem Besuch zu warten bis zum richtigen Zeitpunkt ist ein zusätzliches Geschenk. Deswegen gilt: Warte auf eine Einladung für den ersten Besuch und gehe nicht spontan vorbei mit der Erwartung, in die Wohnung gelassen zu werden.

2. Sei ein Geschenk!

Beim Begrüßen eines kleinen Menschen sind wir schnell verleitet, unsere eigene Bedürfnisse in den Vordergrund zu stellen: Einmal das kleine Baby halten, es streicheln und tragen. Tipps weiter geben, die für uns wichtig waren, weil wir es schon wissen… Beim Wochenbettbesuch ist es jedoch wichtig, selbst das Geschenk zu sein und sich an die Bedürfnisse vor Ort anzupassen: Das beginnt bei den Rahmenbedingungen: Plane nur einen kurzen Besuch ein, parfümiere Dich nicht, denn sowohl die Mutter als auch das Baby sind gerade sehr empfindsam. Vielleicht möchten die Eltern das Baby noch nicht in fremde Hände legen: Schenke Verständnis dafür und fordere nichts ein und stelle keine Erwartungen auf. Erwarte keine saubere Wohnung und keinen gedeckten Tisch, sondern bringe selber etwas mit für den Tisch.

3. Geschenke sind gut, wenn sie für alle sind

Es gibt so zauberhafte Babysachen, die verschenkt werden können. Oft ist die Familie aber schon gut ausgestattet für die ersten Wochen. Babykleidung sollte daher lieber nach Absprache vorher geschenkt werden und oft ist es sinnvoll, lieber Sachen für die späteren Monate auszuwählen, wenn das Baby der Erstausstattung entwachsen ist. Ins Wochenbett kann mitgebracht werden, was der ganzen Familie gut tut: Vielleicht ein kleines Körbchen mit gekochtem Essen oder anderen Leckereien für die Eltern, einer schönen Wasserflasche für die Mutter, damit sie beim Stillen daraus trinken kann (sofern sie stillt), (Trocken)früchte, einem schönen Buch für das Wochenbett und natürlich ein Geschenk für Geschwisterkinder, wenn es diese gibt.

4. Aufmerksamkeit für alle

Bei einem Besuch im Wochenbett ist natürlich der neue kleine Mensch ein wesentlicher Besuchsgrund, aber eine ganze Familie möchte nun Aufmerksamkeit und Zuwendung haben. In den Gesprächen sollte es sich nicht nur um das Baby drehen, sondern um die Gefühle und das Empfinden aller. Ganz besonders wichtig: andere Kinder der Familie. Sie sollten nach Möglichkeit zuerst begrüßt werden, bekommen ein eigenes kleines Geschenk oder Mitbringsel und werden nach ihrem Empfinden gefragt.

5. Zuhören ist wichtig

Aber nicht nur die Aufmerksamkeit für alle ist wichtig und das Fragesteller. Besonders wichtig ist es nun, zuzuhören: Was wollen die Familienmitglieder erzählen, was loswerden? Wo wollen sie Freude teilen und wo vielleicht auch Kummer und Sorgen? Hier setzt eine liebevolle Unterstützung an: Ich verhelfe nicht meine eigene Geschichte über, sondern nehme die Geschichte dieser Familie auf und schaue, wo ich sie unterstützen kann. Wenn sie wirklich Hilfe brauchen und dies sagen, biete ich individuelle Hilfe an oder schaue mich nach Unterstützung um.

6. Wirklich helfen

Viele Familien brauchen eher Zeit statt Zeug im Wochenbett: Sie brauchen Zeit, um die Geburt zu verarbeiten und im Bett zu liegen und sich kennen zu lernen. Hilfe ist, anzubieten, mit den größeren Geschwistern zu spielen oder spazieren zu gehen. Hilfe ist, essen zu kochen oder vorbei zu bringen. Hilfe ist, einmal durch die Wohnung zu saugen oder einen Gutschein für eine Putzhilfe für die erste Zeit zu schenken. Hilfe ist es, beim Verlassen der Wohnung den Müll mit hinunter zu nehmen. Es können so kleine Dinge sein. Hilfe ist all das, was die Familie wirklich entlastet und einander näher bringt.

7. Anerkennung der persönlichen Familienentscheidungen

Jede Familie geht ihren Weg. Und immer sieht er ein wenig anders aus. Wir haben in unserer Familie, in unserer persönlichen Situation mit einigen Dingen gute Erfahrungen gemacht, mit anderen schlechte – jede Familie geht ihren ganz eigenen Weg. Wir können liebevoll unsere Empfehlungen mit auf den Weg geben, aber wir sollten immer die Entscheidungen einer anderen Familie anerkennen. Das fängt beim Namen des Kindes an, geht über die Ernährungsweise und Kleidung bis hin zu Tragen, Stoffwindeln oder Abhalten. Und auch wenn wir selbst auf Erfahrungen zurück blicken können, darf diese Familie nun ihre ganz eigenen Erfahrungen sammeln.

Und was sind Eure ganz persönlichen Tipps?
Eure

 

Was erlebt ein Kind im Mutterleib? – Ideen für Kinder in Kindergarten und Schule

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Was erlebt ein Baby im Mutterleib? Diese Frage ist für alle größeren Kinder spannend, die Geschwister werden. Spätestens in der Schule im Aufklärungsunterricht kommt dieses Thema näher und will bearbeitet werden, auch wenn es keinen Nachwuchs gab, der diese Frage aufbrachte. Denn es ist nicht nur wichtig, wie Kinder entstehen, sondern auch, wie sie sich entwickeln und warum. Kinder können hieraus ein Verständnis entwickeln, was Babys auch nach der Geburt brauchen und was auf sie zukommt. Zudem legen wir einen Grundstein dafür, wie sie selber einmal mit Babys umgehen. Weiterlesen

Geburtsbegleiter*innen werden wichtiger denn je

Als ich vor sechs Jahren meine letzten Geburtsvorbereitungskurse im Geburtshaus gab, wollten viele Frauen dort gebären. Es war klar, dass sie dort in guter Umgebung, begleitet von ihren jeweiligen Hebammen gebären würden. Auch die anderen Frauen hatten damals Hebammen an ihrer Seite. Dieses Geburtshaus gibt es mittlerweile nicht mehr – wie viele andere auch nicht mehr. Geburten sehen heute anders aus: weniger begleitet, weniger sicher ist der Geburtsort, wenn Kreißsäle überfüllt sind. Oft höre ich von Frauen, dass sie weder für die Geburt eine Beleghebamme finden, noch eine Hebamme für die Vorsorge in der Schwangerschaft oder die Betreuung im Wochenbett. Das Problem der überfüllten Kreißsäle habe ich schon selbst bei der Geburt meines letzten Kindes erlebt, obwohl die Situation damals nur ein Vorbote des Problems war. Geburten haben sich verändert und damit die Anforderungen an die Rahmenbedingungen, die wir ändern müssen.

Die Bedeutung der Hebammenhilfe

Hebammen sind die Fachfrauen zur Begleitung von Geburten. Sie sind in ihrer Arbeit nicht zu ersetzen und es ist äußerst problematisch, dass durch die hohen Versicherungskosten und die schlechte Bezahlung und die Einschränkungen ihrer Tätigkeiten dieser Berufsstand weiter bedroht wird. Es ist wichtig, dass wir uns alle für den Erhalt der Hebammen einsetzen. Gleichzeitig müssen aber auch die Frauen, die aktuell durch die Unterversorgung von Hebammenarbeit betroffen sind, bessere Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit sie trotz des Mangels gute Geburten erleben können.

Ausnahmesituation: erste Geburt

Jede Geburt ist besonders, jede Geburt kann unterschiedlich sein, sich unterschiedlich anfühlen, unterschiedlich verlaufen. Jede einzelne Geburt ist individuell. Und doch sind oft die ersten Geburten ganz besondere Situationen, weil Geburt zum allerersten Mal erlebt wird. Geburten finden heute hinter verschlossenen Türen statt, fernab von anderen Frauen. Wer das erste Mal ein Kind gebiert, ist damit oft zum ersten Mal bei einer Geburt anwesend und hat zuvor keine gebärende Frau erlebt, gehört, begleitet. Auch wenn wir Kurse zur Vorbereitung besuchen, wenn wir Videos auf YouTube ansehen, wenn wir Fotos in Büchern sehen: So richtig vorbereitet auf das, was kommt, sind wenige Frauen. Die Wucht der Gefühle, des Geburtsschmerzes, der Anforderungen ist oft neu. Wir wissen dann, wie Geburt ist, wenn wir sie miterleben. Und was auch wichtig ist: Weil wir wissen, wie es sich für uns anfühlt und was für uns gut und richtig war, wissen wir es nicht für alle anderen.

Gerade dann, in dieser besonderen Zeit der ersten Geburt ist es wichtig, von Menschen begleitet zu werden, die diese Gefühle auffangen können. Menschen, die uns versichern: Das ist normal, Du machst das gut! Menschen, auf die wir uns verlassen können, dessen Einschätzung wir vertrauen, weil sie erfahren sind. Das sind Hebammen.

Und auch bei der zweiten, dritten, vierten… Geburt ist es gut, einen solchen Menschen bei sich haben, der die Unterschiedlichkeit auffängt und uns immer wieder verdeutlicht: alles ist gut. Und wenn es doch eine Komplikation gibt, kann dieser Mensch damit umgehen und sie sicher begleiten.

Wenn es an Hebammenbegleitung mangelt: Unterstützung durch andere

Durch die veränderten Rahmenbedingungen fehlen vielen Frauen nun aber genau diese Begleiterinnen durch die Geburt. Sie erleben sich als allein, als hilflos, als verlassen in einer ganz besonderen Situation in ihrem Leben. Die Rahmenbedingungen in vielen Kliniken sind so schlecht, dass die dort arbeitenden Hebammen nicht alle Frauen gleichzeitig so begleiten können, wie sie es individuell benötigen. Schuld daran trägt aber nicht das Personal. So kommt es, dass gerade am Anfang der Geburt Frauen und Paare über viele Stunden allein gelassen oder gleich wieder allein nach Hause geschickt werden, um zu einem späteren Zeitpunkt zurück zu kehren. Manche bekommen ihre Kinde rin Autos, auf dem Parkplatz, ungeplant zu Hause.

Unser Aprilscherz „Die Autogeburt“ wurde viel geteilt und kommentiert, aber eigentlich ist er kein wirklicher Scherz, sondern nur die Zuspitzung der aktuellen Situation: Die ungeplante Alleingeburt bzw. Geburt an einem nicht ausgewählten Geburtsort ohne Fachperson an der Seite ist keine bloße Dystopie mehr, sie ist für einige Frauen bereits Realität geworden. Während an einigen Stellen die geschlossenen Kreißsäle zu mehr Hausgeburten führen, sind an anderen Stellen Frauen ängstlich und bieten Geld, um doch noch eine Hebamme zu finden. Tatsache aber ist: An zahlreichen Orten gibt es eine Unterversorgung und viele Frauen finden keine Hebammen.

Unter der Geburt brauchen wir jedoch andere, die uns stützen, die uns helfen, die uns begleiten. Zwar kann ein Partner/eine Partnerin, eine Freundin, eine Mutter keine Hebamme ersetzen in ihren Tätigkeiten, aber liebevolle Menschen an unserer Seite können uns ein gutes Gefühl geben, Sicherheit und Geborgenheit. Sie können da sein, umsorgen, streicheln, Tee bringen, Essen anbieten. Sie können den Rücken massieren oder unsere Lieblingsmusik auflegen. Sie können an einem Ort, an dem wir gebären, an dem durch Personalmangel nicht genug Menschen zur Versorgung bereit stehen, –unterstützen.

Geburtsbegleitung durch andere: So können Freundinnen und Familie helfen

Viele Mütter beschreiben, wie die Elternschaft sie einsam gemacht hat. Doch gerade als Familie brauchen wir ein Netzwerk, wir brauchen andere. Nicht nur für praktische Arbeiten, sondern auch als emotionale Stütze. Und dies beginnt nicht erst in der Babyzeit, nicht im Wochenbett, sondern schon vorher.

Neben Hebammen gibt es Doulas, die Geburten begleiten und Frauen und Paare unterstützen. Sie sind nicht für die medizinische Versorgung zuständig, sondern geburtserfahrene Frauen, die sich um die emotionale Unterstützung kümmern und um das, was sonst noch wichtig und hilfreich ist. Eine Studie aus dem Jahr 1995 (Klaus/Kennel/Klaus) gibt an, dass durch eine solche Begleitung die Geburtsdauer verkürzt werden kann und weniger medizinische Interventionen notwendig sind. Doch auch das kostenpflichtige Doula Angebot ist nicht überall verfügbar oder bezahlbar.

Wer dennoch nicht auf Unterstützung verzichten möchte, kann auch andere Bezugspersonen um Teilnahme bitten. Noch ist uns der Gedanke vielleicht fremd, weil wir eine andere Gebärkultur entwickelt haben in den vergangenen Jahren. Aber auch geburtserfahrene Freundinnen, Schwester, Mutter, Partner können begleiten, wenn die Gebärende diesen Gedanken als angenehm empfindet. Für die Geburt im Krankenhaus ist eine solche Begleitung sinnvoll, besonders bei manchmal langen Eröffnungsphasen. So lastet auch nicht die ganze Begleitung auf den Schultern des heute oft begleitenden Partners und es ist möglich, sich in der Begleitung abzuwechseln und zwischendurch Kraft zu tanken. Zu Hause kann eine Freundin sich um die Kinder kümmern, kann Tee kochen, Essen vorbereiten, Musik anmachen, kann mit Wehen ertönen und lachen und einfach da sein. Geburt kann auch wie ein Fest sein. Wichtig dabei ist: Menschen, die uns zu Geburten begleiten, sollten selbst eine positive Einstellung zur Geburt haben und nicht unter Ängsten leiden. Michel Oden (2011) berichtet, dass die Angst unter der Geburt ansteckend ist: Haben Menschen in der Umgebung einer Gebärenden einen hohen Adrenalinspiegel, reagiert sie ebenfalls mit einem Anstieg des Adrenalins. 

Geburtsvorbereitung heute

Wenn ich heute einen Geburtsvorbereitungskurs geben würde, wäre er anders als vor 6 Jahren. Die neuen Rahmenbedingungen müssen auch in die Vorbereitung von Frauen einfließen und wir brauchen neue Konzepte, um Frauen unter den schlechten Bedingungen gute Geburten zu ermöglichen. Das bedeutet nicht, den Kampf um eine politische und rechtliche Verbesserung der Lage aufzugeben. Es bedeutet aber, dass wir bis zu diesem Zeitpunkt nicht nur für unsere Rechte und Bedürfnisse demonstrieren müssen, sondern auch Möglichkeiten schaffen müssen, um den Frauen, die jetzt schwanger sind und gebären, Hilfe und Unterstützung anzubieten. Ein Ansatzpunkt dafür wäre, Familie und/oder geburtserfahrene Freundinnen wieder mehr in Geburten einzubeziehen, einen „Geburten-Clan“ zu schaffen, der zumindest die emotionale Versorgung übernimmt unter der Geburt und gerade nicht das Gefühl aufkommen lässt, allein und ausgeliefert zu sein. Darauf sollten wir heute Gebärende vorbereiten: Schafft Euch Eure geburtsfreundliche Situation.

Eure