Kategorie: Geborgen Wachsen

Mein Baby bedürfnisorientiert kennenlernen

Nun ist es da, das Baby, und liegt so warm und weich an uns geschmiegt. Vielleicht haben wir im Geburtsvorbereitungskurs schon erfahren, was Babys brauchen und wie man mit ihnen umgeht. Wahrscheinlich haben wir gehört, dass Babys physiologische Frühgeburten sind, in den ersten Wochen nachreifen und in dieser Zeit besonders auf Rahmenbedingungen angewiesen sind, die denen im Uterus ähneln: Hüllen, die das Baby halten, Wärmen, Nähe geben. Und natürlich gibt es viele Dinge, die universell auf die meisten Babys zutreffen. Aber: Es gibt auch viele Unterschiedlichkeiten, die wir am Anfang und im Laufe der Zeit kennenlernen und auf die es gilt, Antworten zu finden. Denn bindungs- und bedürfnisorientiertes Familienleben ist keine Methode mit Punkten, die einfach abgearbeitet werden können. Es kommt darauf an, das Kind wirklich kennenzulernen und die passenden Antworten für dieses Kind zu finden.

Nimm dir Zeit

Ein Kind wirklich kennenzulernen, ist gar nicht so einfach. Weil wir oft versuchen, das zu sehen, was wir kennen und wissen. Wir haben ein Schema im Kopf von „dem Kind“ oder „dem Baby“ und versuchen, das Kind einzuordnen oder nehmen die Abweichung von diesem Bild als Problem war, anstatt zunächst vorurteilsfrei das Kind zu beobachten. Wenn wir gar nicht annehmen würden, dass Babys ab x Monaten durchschlafen würden, was würde das mit uns machen? Wenn wir nicht annehmen würden, dass Babys mit 6 Monaten mit der Beikost beginnen sollten, sondern darauf achten, wann das Baby selber bereit ist, vielleicht danach greift, würde uns das Stress ersparen? Wenn wir nicht glauben würden, dass wir ein Baby verwöhnen könnten, würden wir dann viel entspannter nach den Bedürfnissen des Kindes gehen?

Die Geschichten und Berichte, die wir gelesen und gehört haben, prägen uns. Unsere eigenen Erfahrungen prägen uns. Und manchmal verengen sie den Blick oder verschleiern ihn sogar ganz und es fällt uns schwer, das Kind vor uns wirklich zu sehen. So, wie es eben ist.

Was helfen kann, sind – gerade am Anfang – Ruhe und Zeit: Sich die Zeit zu nehmen, das Baby zu beobachten und die vielen kleinen Regungen wahrzunehmen, die Signale kennenzulernen. Hierzu können wir die Vorannahmen loslassen und uns ganz auf das Hier und Jetzt mit dem Baby einlassen. So gelangen wir nach und nach dahin, das Kind wirklich zu sehen, wie es ist.

Vergleiche stören manchmal mehr, als dass sie helfen

Babys sind unterschiedlich – von Anfang an. Sie unterscheiden sich in Merkmalen wie der Erregbarkeit, der Tröstbarkeit und ihrem Ausdruck: Manche Babys sind empfindsamer in Bezug auf Reize als andere. Dementsprechend ist es für sie vielleicht schnell zu viel, wenn sie von Arm zu Arm wandern oder draußen viele visuelle Eindrücke sammeln, während andere Babys damit gut zurecht kommen. Hier hilft kein Abhärten und kein „das Baby muss sich nur daran gewöhnen, die anderen machen das ja auch“, sondern einfühlsame Begleitung: Ein Baby, das schnell überreizt ist, braucht Bezugspersonen, die das erkennen und dann bei der Beruhigung helfen. So lernt es über die Jahre nach und nach, gut selbständig mit Reizen umzugehen. Manche Babys sind auch recht leicht zu trösten, während andere lange und ausgiebig weinen – auch hier hilft es nicht, das Baby an weniger lang weinende Babys anpassen zu wollen durch weniger Zuwendung.

Es ist wichtig, dass wir unser Kind so kennenlernen, wie es ist. Von Anfang an, damit wir es dann auf seinem individuellen Weg begleiten können. Wir können es da stärken, wo es vielleicht Hilfe braucht bei der Regulation, beim Umgang mit Gefühlen oder bei Eigenschaften wie Schüchternheit. Damit es selbstbewusst mit der eigenen Persönlichkeit umgeht und sich selbst von Anfang an als richtig und wertvoll wahrnehmen kann. Und dieser Weg beginnt bereits in den ersten Wochen.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Ablösung nach dem Tempo des Kindes

„Nun geh schon, trau dich doch endlich mal!“, „Irgendwann musst du sowieso mal woanders schlafen, das musst du jetzt lernen!“, „Du kannst ja nicht ewig bei uns schlafen, sondern musst auch in ein eigenes Zimmer!“ – Solche und ähnliche Anforderungen von Erwachsenen gegenüber Kindern sind nicht selten. Hinter ihnen steht der eigentlich gut gemeinte Wunsch, das Kind in der Selbständigkeit zu stärken und damit auf das Leben gut vorzubereiten. Das Problem nur ist, dass wir Selbständigkeit und innere Stärke nicht durch Druck und Überredung herstellen können.

Kinder sind verschieden

Kinder kommen mit unterschiedlichen Temperamenten zu uns und haben in verschiedenen Temperamentsdimensionen unterschiedliche Ausprägungen, beispielsweise unterscheiden sie sich in ihrer Anpassungsfähigkeit darin, wie tolerant sie mit Veränderungen umgehen und wie leicht sie sich an Neuerungen gewöhnen. Auch ihr Bedürfnis nach Rhythmus und ihre Sensitivität unterscheiden sich und nehmen Einfluss darauf, wie sie mit neuen Situationen umgehen können. Die unterschiedlichen Temperamentsdimensionen nehmen Einfluss auf ihr Verhalten im Alltag, aber auch beispielsweise auf die Eingewöhnung in den Kindergarten und auch später die Gewöhnung an den neuen Schulalltag. Die Erfahrungen mit der Umwelt nehmen dabei, besonders in den ersten Jahren, einen wichtigen Einfluss auf die Ausprägung und auf dem Umgang des Kindes mit den Impulsen. Durch ihr Verhalten können Bezugspersonen Kinder im Umgang mit ihren verschiedenen Temperamentsdimensionen unterstützen und bestimmte, beispielsweise für die soziale Interaktion oder Selbständigkeit wichtige Verhaltensweisen ausgleichen oder eben auch Ängste und Ruckzugstendenzen noch verstärken.

Unterstützen statt drängen

Gerade in Bezug auf die Selbständigkeit ist es wichtig, dass Kinder das Gefühl haben, aus einer sicheren Basis heraus zu handeln. Aus dieser Sicherheit heraus können sie wirksam werden und positive eigene Erfahrungen schöpfen, die dann wiederum ihr Bild von sich selbst stärken. Überwinden sie sich jedoch zunächst nur zuliebe einer Bezugsperson und merken dann, dass sie der Anforderung doch nicht gewachsen sind, machen sie eine negative Erfahrung, die sich auf die Bereitschaft, nochmals eine solche Herausforderung einzugehen, negativ auswirken kann. In der Folge können sowohl Kind als auch Bezugspersonen frustriert sein, dass das Vorhaben nicht geklappt hat und eventuell auch zukünftig erschwert ist. Zudem kann es sein, dass das Kind die Aufforderung zur Selbständigkeit eher als Abweisung oder Zurückweisung empfindet, denn als Abenteuer und Lernchance. In diesem Fall kann sich eine Aufforderung auch auf die Eltern-Kind-Beziehung negativ auswirken.

Auch Kinder, die eher zurückhaltend sind und weniger aufgeschlossen gegenüber Veränderungen und Herausforderungen, können dennoch von ihren Bezugspersonen dazu angeregt werden, sich auf Neues einzulassen. Wichtig dabei ist jedoch, um den möglichen genannten negativen Folgen vorzubeugen, dass sie nicht gedrängt, überredet oder gar gezwungen werden, sondern begleitet und ermutigt werden. Hier gilt es, individuell herauszufinden, womit sich ein Kind noch geborgen und sicher fühlt und diesen Punkt als Basis für das Handeln zu nehmen statt der eigenen Erwartungen. Macht das Kind von diesem sicheren Punkt aus positive Erfahrungen, wird es sich nach und nach aus der Sicherheit und Unterstützung heraus mehr zutrauen.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Was ist hier EIGENTLICH los? Absichten hinter dem Verhalten von Kindern erkennen

Viele Eltern fragen sich an der ein oder anderen Stelle im Alltag mit ihren Kindern: „Warum nur macht das Kind dieses oder jenes?“ Oder auch: „Was soll das? Es weiß doch genau, dass…“ oder eben doch auch mal „Will es mich vielleicht doch nur ärgern?“ Nicht immer, aber oft ist das Verhalten des Kindes eher als Symptom eines Bedürfnisses zu betrachten, denn als eigenständige Aussage: Es versucht, mit dem Verhalten auf etwas anderes hinzuweisen. Gerade auch dann, wenn es sich sprachlich noch nicht besonders differenziert ausdrücken kann oder auch, wenn sich problematische Verhaltenskreisläufe eingespielt haben.

Das Verhalten des Kindes ansehen

In jenen Situationen, in denen wir dazu geneigt sind, uns über das Verhalten des Kindes zu ärgern, sollten wir zunächst das Verhalten einmal genau in den Blick nehmen: Was tut das Kind hier? Ein besonderer Blick ist dabei nicht nur auf die konkrete Handlung zu richten, sondern auch auf die Rahmenbedingungen: Ist das Kind müde? Ist es erschöpft nach einem Kita- oder Schultag? Geschieht dieses Verhalten (immer) im Zusammenhang mit anderen Kindern? Passiert es immer zu einer bestimmten Tageszeit, beispielsweise nach dem Abendessen, nach dem Aufwachen?

Solche Rahmenbedingungen können uns bereits einen guten Hinweis darauf geben, was genau das Kind leitet und damit den Blick davon weglenken, dass das Kind uns „nur ärgern“ möchte, einen Machtkampf ausübt oder das scheinbar negative Verhalten nur für sich steht.

Von Bedürfnissen geleitet

Das Verhalten der Kinder wird – wie bei uns Erwachsenen – von ihren Bedürfnissen geleitet. Während Erwachsene diesen aber oft noch besser nachspüren und sie erkennen können (obwohl selbst viele Erwachsene Schwierigkeiten damit haben, die eigenen Bedürfnisse richtig wahrzunehmen, Signale zu interpretieren oder den Bedürfnissen auch wirklich nachzugehen), können Kinder ihr Verhalten noch nicht so konkret zurückführen auf bestimmte Bedürfnisse. Sie sagen nicht: „Ich bin so müde und erschöpft, deswegen habe ich keine Energie für lange Diskussionen und hab einfach mit Dir über das Käsebrötchen gestritten.“ oder „Es war ein anstrengender Tag und ich brauche jetzt einfach jemanden, der mich in den Arm nimmt, mir zuhört und mir Liebe zeigt.“.

Es liegt an ihren Bezugspersonen, ihre Signale wahrzunehmen, richtig zu interpretieren und darauf dann angemessen zu reagieren. Auch wenn die Bedürfnisse bei verschiedenen Menschen insgesamt gleich sind, können sie sich in der Art, wie sie erfüllt werden sollen, unterscheiden und auch in ihrer Gewichtung. Ein Kind kann Nähe einfordern durch ganz bewusstes kuscheln, ein anderen beim Vorlesen eines Buches und das nächste durch gemeinsames Toben. Insgesamt können wir aber annehmen, dass die Bedürfnisse nach Nahrung, Schlaf/Ruhe/Entspannung, Sicherheit, Autonomie, Wertschätzung etc. bei allen Personen vorhanden sind und ihr Handeln leiten.

Gemeinsam die Ursache erkunden

Gerade wenn Kinder starke Bedürfnisse ausdrücken und wütend/traurig/enttäuscht sind, lohnt es sich, nicht nur auf den konkreten Auslöser dieses Gefühlsausdrucks zu blicken, sondern darauf, wofür dieses starke Gefühl jetzt gerade steht, denn nicht nur uns Erwachsenen fällt es manchmal schwer, zu erkennen, was das Kind gerade leitet, sondern auch dem Kind. Mit einem gemeinsamen Erkunden können wir dem Kind helfen, ein besseres Gespür für sich, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu bekommen.

Gemeinsam auf die Spur begeben können wir uns beispielsweise damit, dass wir (sobald das Kind wieder gut sprachlich zu erreichen ist nach einem Wutanfall), zunächst die Situation noch einmal wertfrei beschreiben. Wenn das Kind beispielweise ausdrückt, dass es sich von anderen Personen geärgert oder gestört gefühlt hat, können wir dem nachgehen und fragen „Du fandest doof, was ich gemacht habe?“. Bejaht das Kind dies, können wir gemeinsam auf die Suche nach einer passenden Gefühlsbeschreibung gehen: verärgert? enttäuscht? wütend? Im nächsten Schritt kann dann betrachtet werden, wofür dieses Gefühl steht: Du wolltest das selber/anders machen (Selbständigkeit)? Du wolltest, dass ich das für dich mache (Sicherheit)? Du wolltest, dass ich dabei zusehe (Wertschätzung)?… Auf diese Weise können wir das eigentliche Bedürfnis hinter dem Verhalten sehen und die Situation klären.

Dabei bekommen wir nicht nur einen Blick dafür, was das Kind jetzt gerade geleitet hat, sondern wenn wir konsequent in schwierigen Situationen unseren Blick für die Gefühle und Bedürfnisse des Kindes öffnen, erhalten wir einen Blick dafür, welches Bedürfnis vielleicht gerade besonders vom Kind als Mangel erlebt wird und können unseren Alltag darauf ausrichten, dieses ganz bewusst mehr einzubinden und damit Konfliktsituationen vorbeugen.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Warum es uns manchmal so schwer fällt, Gefühle von Babys zu begleiten

Mit einem Kind brechen wir nicht nur gewissermaßen in ein neues Leben auf, sondern werden auch zurückgeführt an den Anfang unseres eigenen Lebens. Besonders dann, wenn es um die Emotionen geht: Da liegt dieses kleine, weinende Baby in unseren Armen und wir wissen nicht, wie wir dieses Weinen begleiten sollen. Schließlich versteht es nicht unsere Worte, versteht nicht unsere Erklärungen und weiß nicht, dass das, was es jetzt gerade fühlt, wahrscheinlich bald vorüber geht. Es weint scheinbar untröstlich und anhaltend. Vielleicht fühlen wir uns hilflos oder sogar überfordert. Denn tief in uns verbirgt sich das Gefühl, dass das Weinen des Kindes beendet werden muss.

Weinen ist ein wichtiges Signal

Aber ganz so einfach ist es nicht: Natürlich ist das Weinen eines Babys ein wichtiges Signal an die Bezugspersonen, dass etwas nicht in Ordnung ist: ob nun Hunger, Schmerz, Nähebedürfnis – wird auf die leiseren Signale nicht reagiert oder ist das Kind in seinem Gefühlsausdruck ohnehin schnell von 0 auf 100, wird das Unwohlsein mit Weinen und Schreien ausgedrückt und führt dazu, dass sich die Bezugspersonen dem Baby zuwenden. Wir spüren Stress durch dieses Weinen und sind bemüht, die Not des Kindes zu beenden. Ein von der Natur sinnvoll eingerichtetet System, um auf die Bedürfnisse von Babys einzugehen. Eigentlich haben über verschiedene Kulturen hinweg Eltern den Impuls, ein weinendes Baby hoch zu nehmen, es zu tragen und mit ihm zu sprechen. Das belegt eine Studie aus dem Jahr 2017, in der die Reaktionen von 648 Frauen aus elf verschiedenen Ländern auf das Weinen von Babys untersucht wurde. Und trotzdem fällt es uns oft gar nicht so leicht, das Weinen anzunehmen, zu begleiten oder über einen längeren Zeitraum auszuhalten. 

Von der interpersonellen zur intrapersonalen Emotionsregulation

Für die Emotionsregulation eines Babys sind die Bezugspersonen von besonderer Bedeutung: Sie müssen die Signale des Babys wahrnehmen, richtig interpretieren und dann passend beantworten. Auf jeder dieser einzelnen Ebenen kann es zu Kommunikationsproblemen kommen: wir nehmen nicht richtig wahr interpretieren falsch oder geben die falsche Antwort. Dass solche Fehlinterpretationen vorkommen, ist völlig normal und sogar sinnvoll: Durch die kleinen Unachtsamkeiten der Bezugspersonen haben Babys nämlich auch die Chance, sich in der Selbstregulation ein wenig zu üben. Interpretieren wir also ab und zu falsch oder reagieren zu spät, hat das Kind vielleicht schon eine eigene Antwort gefunden und sich beruhigt. Das passiert manchmal, aber nicht immer und nicht in jeder Problemsituation. Eigentlich erfolgt für das Baby recht lange eine Regulation von Emotionen von außen, die man auch als “interpersonelle Emotionsregulation” bezeichnet. Durch diese Art der Regulation durch eine andere Person lernt das Baby nach und nach, die eigenen Emotionen zu verstehen und passend darauf zu antworten, die Gefühle also selbst zu regulieren über “intrapersonale Emotionsregulation”. In der ersten Zeit sind diese Gefühle, die begleitet werden wollen, insbesondere Hunger, Müdigkeit, Schmerzen und Angst.* 

Werden die Gefühle des Kindes hingegen immer wieder absichtlich oder unabsichtlich nicht berücksichtigt oder nicht richtig interpretiert, kann sich das langfristig auf die emotionale Entwicklung auswirken und es fällt zunehmend schwer, die eigenen Gefühle zu verstehen und auch die von anderen Menschen. In einer Generation von Eltern, die als Babys oft noch “schreien gelassen” wurden, um keine kleinen Tyrannen heranzuziehen oder das Kind zur Anpassung zu erziehen an die Erwachsenenbedürfnisse, und in der Kinder nicht wütend sein durften, sondern Wut mit Bestrafung oder gar körperlicher Gewalt bestraft wurde, fällt es nun vielen Eltern schwer, mit den emotionalen Signalen ihrer eigenen Kinder gut umzugehen: Wir wissen eigentlich, dass das Weinen begleitet werden sollte, aber es fällt uns schwer, dieses Weinen anzunehmen, auszuhalten und auch passend darauf zu reagieren. Vielleicht ruft es in uns sogar jene Ungeduld hervor, die wir selbst gespürt haben als Kind und wir sind verleitet, die Gefühle nicht deswegen beenden zu wollen, um das Kind zu trösten, sondern weil wir sie selber nicht aushalten und/oder uns aus der gespürten Hilflosigkeit befreien wollen.

Trösten, um zu trösten statt trösten, damit Ruhe herrscht

Der Unterschied zwischen dem “Ich tröste mein Kind, damit es endlich still ist” und “Ich tröste mein Kind, um es zu trösten” ist dabei groß: Die Intention, ein Gefühl lediglich abstellen zu wollen, hält den Kreislauf der mangelnden Zuwendung und Anerkennung unserer Gefühle am Laufen: Diese Abspaltung bestimmter Gefühle oder gar Blindheit gegenüber Gefühlen kann sich in den späteren Jahren auf das psychische und soziale Wohlergehen auswirken. Die Intention, ein Leid nicht unseretwegen, sondern des Kindes wegen beenden zu wollen, unterbricht hingegen diesen Kreislauf und erlaubt einen gesunden, ehrlichen Umgang mit der breiten Palette an Gefühlen und auch in späteren Jahren einen gesunden Umgang mit Emotionen sich selbst und anderen gegenüber. 

Es ist wichtig, zu erkennen, ob ein Weinen des Babys durch eine bestimmte Ursache hervorgerufen wurde, die wir beenden können, beispielsweise wenn das Baby hungrig ist. Daneben gibt es aber auch viele Situationen, in denen wir den Grund des Weinens vielleicht nicht finden oder nicht beheben können, beispielsweise wenn die Kinder überreizt sind und ihre Anspannung durch das Weinen herauslassen. In diesem Fall können und sollten wir nicht versuchen, das Weinen vehement abstellen zu wollen, sondern sollten das Weinen begleiten. Begleiten meint, dass wir vielleicht keine Antwort finden, aber das Baby im Arm halten und das Gefühl, das es gerade ausdrückt so lange zulassen, bis es sich in unseren Armen beruhigt hat. So lernt es, dass alle Emotionen sein dürfen und nicht unterdrückt werden müssen, was auch in späteren Jahren eher einen guten Umgang mit Stress ermöglicht.** Ebenso wenig hilfreich wie ein Unterdrücken von Emotionen ist es, das Baby mit dem das Weinen auslösendem Problem allein zu lassen in einem anderen Raum: Wir können Babys durch Zuwendung und Beruhigung nicht verwöhnen, genausowenig wie wir ihnen durch mangelnde Zuwendung nicht einen gesunden Umgang mit Gefühlen vermitteln können.

Merken Eltern, dass sie mit der Begleitung des Weinens Probleme haben, in immer größeren Stress geraten oder sogar verleitet sind, das Baby mit Gewalt zum Schweigen zu bringen, brauchen sie Hilfe. Oft liegt eine eigene traumatische Erfahrung hinter diesem Impuls. Niemand muss sich dafür schämen, mit dem Weinen oder anderen herausfordernden Situationen mit einem Baby nicht zurecht zu kommen. Die früheren Umgangsweisen mit Babys und Kleinkindern haben dazu geführt, dass Probleme beim Begleiten von Emotionen keine Einzelfälle sind, sondern durchaus viele Eltern betreffen. Wichtig ist, dass wir heute durch Unterstützung lernen, diese Belastung nicht mehr weiter zu geben und unseren Kindern von Anfang an einen gesunden Umgang mit Emotionen ermöglichen und durch eine passende Unterstützung auch wieder einen Zugang zu unseren eigenen Emotionen erhalten.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

* vgl. Welding, Carlotta (2021): Fühlen lernen. Warum wir so oft unsere Emotionen nicht verstehen und wie wir das ändern können. – Stuttgart: Klett-Cotta, S. 71f.

**Solter, Aletha J. (2015): Warum Babys weinen. Die Gefühle von Kleinkindern. – 3. Aufl. München: Kösel, S. 87.

Erschöpfte Eltern – Wie wir unsere Kinder dennoch begleiten sollten und können

Kinder brauchen Eltern, die größer, weiser, stärker und gütig sind, wie das Konzept „Kreis der Sicherheit“ die Aufgabe der Eltern im Rahmen der Bindungstheorie definiert. Aber was, wenn es Eltern durch die Rahmenbedingungen immer schwerer fällt, genau das zu sein? Wenn Erschöpfung und Verunsicherung um sich greifen, wenn die familiäre oder finanzielle Situation schwierig ist? Wenn Eltern nicht mehr wissen, wie sie Schulstoff aufholen oder vermitteln sollen, wenn die Schule gleichzeitig Druck macht, dass das passieren soll weil zu wenig gelernt werden wurde/der eigentliche Lehrplan nicht eingehalten wurde? Wenn Eltern nicht mehr strukturgebend erscheinen können, weil sie nicht wissen, wonach sie sich ausrichten sollen? Zerrissen zwischen der Sorge, die Kinder jetzt zu erschöpfen oder schlecht auf die Zukunft vorzubereiten. Wie können wir unsere „Elternfunktion“ wahrnehmen in Anbetracht der Probleme, die sich aktuell für viele Eltern stellen?

Was Kinder brauchen

Sicherheit ist die Grundlage des Bindungssystems: Kinder brauchen das Gefühl, sicher von ihren Bezugspersonen umsorgt zu werden und in ihren Bedürfnissen gesehen zu werden. Das bedeutet nicht, dass wir als Eltern immer alle Wünsche erfüllen müssten oder die Bedürfnisse der Kinder immer Vorrang hätten vor den eigenen. Es bedeutet aber, dass Kinder das grundlegende Gefühl benötigen, sicher umsorgt zu sein auf körperlicher und psychischer Ebene.

Für uns Eltern bedeutet dies, dass wir den Kindern einen sicheren, schützenden Rahmen vorgeben, an dem sie sich orientieren können. Wir begleiten sie in das Leben und geben ihnen einerseits all die Rahmenbedingungen der Umwelt, aber zugleich auch die Rahmenbedingungen des sozialen Miteinanders mit. Wir erklären ihnen die Welt, vermitteln Werte, zeigen Grenzen von Menschen, Dingen und sozialen Systemen auf. Dies brauchen unsere Kinder, um sich zu orientieren. Wir sind die verlässlichen Bezugspersonen an ihrer Seite, an denen sie sich orientierten können, an denen sie sich anlehnen können auf dem Weg, die Welt kennenzulernen und zu verstehen. Wir sind da, um sie zu stützen und zu begleiten, bis sie selbst laufen können – im übertragenen Sinne. Dabei haben wir ein Verständnis für ihre Bedürfnisse und auch ihre jeweiligen Fähigkeiten und berücksichtigen, dass sie Fehler machen, lernen, sich ausprobieren. Das ist es, was die Haltung der Erwachsenen als „größer, weiser, stärker und gütig“ umschreibt.

Was Eltern brauchen, um Kindern geben zu können, was sie brauchen

Auch wenn wir eigentlich wissen, was Kinder brauchen, ist es dennoch gar nicht so einfach, ihnen das, was sie brauchen, auch zu geben. Denn hier spielen viele Faktoren zusammen, die es manchmal schwer machen, die Position der schützenden, unterstützenden und verständnisvollen Person einzunehmen. Zum einen sind dies psychische Faktoren, die es uns manchmal schwer machen, liebevoll und verständnisvoll und gleichsam auch sich selbst gegenüber bedürfnisorientiert zu sein sein: Manchmal sind wir so sehr von unseren eigenen Kindheitserfahrungen geprägt, dass sie uns – besonders in Konfliktsituationen – einholen und wir Dinge sagen oder tun, die wir eigentlich vermeiden wollten. Daran dass uns eigene negative Erfahrungen manchmal einholen, können wir arbeiten: Mit einer Mischung aus Informationen über kindliche Entwicklung und Methoden zur Entspannung in Konfliktsituationen, lässt sich ein anderer Weg gehen. Manchmal braucht es auch eine therapeutische Unterstützung, um von bestimmten Denkmustern und Verhaltensprozessen weg zu kommen.

Wichtig ist auch, dass die eigenen Erfahrungen auch dazu führen können, dass wir versuchen, negativen Erfahrungen ganz aus dem Weg zu gehen und in Auseinandersetzungen immer zurückweichen, Konflikte mit dem Kind nicht aushalten. Hierdurch können wir allerdings auch nicht jene Stärke und Sicherheit geben, die Kinder brauchen. Auch hier kann eine therapeutische Begleitung sinnvoll sein, um das Muster der Konfliktvermeidung oder Überkompensation zu durchbrechen.

Neben diesen psychischen Faktoren gibt es aber auch Einflussfaktoren aus unserem Alltag, die sich auf unser Verhalten auswirken. Stress vermindert unsere Feinfühligkeit, wodurch es uns schwerer fällt, die Signale und Bedürfnisse der Kinder wahrzunehmen. Gleichzeitig begünstigt die erhöhte Anspannung auch, dass wir die oben erwähnte Regulation unserer erlernten Muster schwerer beherrschen. Stress, der sich auf uns auswirken kann, ergibt sich dabei direkt aus stressigen Rahmenbedingungen wie Druck bei der Arbeit, Zeitdruck, Partnerschaftskonflikten, aber auch Sorgen um finanzielle Absicherung. Auch eine ungerechte Aufgabenverteilung zwischen den erwachsenen Familienmitgliedern führt zu Stress. Auch wenn wir es durch beispielsweise Zeitdruck nicht schaffen, unsere Bedürfnisse nach Schlaf, Ernährung, sozialem Austausch nachzukommen, führt das zu Stress und Erschöpfung, die sich wiederum auf das soziale Miteinander auswirken.

Damit Eltern die so wichtige Position und sichere, schützende, unterstützende Beziehung zu ihren Kindern anbieten können, brauchen Eltern Informationen über kindliche Entwicklung und kindliches Verhalten, Anregungen zur Veränderung von Verhaltensmustern (wenn negative Verhaltensmuster erlernt wurden, ggf. therapeutische Unterstützung) und wenig Stress.

Wie Eltern für sich sorgen können

Gerade jetzt ist es nicht einfach, Stress aus dem Alltag auszuschließen. Die Pandemie fordert von Eltern besonders viel, führt zu Stress und entzieht damit Rahmenbedingungen, um gut mit Kindern umgehen zu können. Angst und Sorge wirken sich auf das psychische Wohlergehen aus, ebenso wie finanzielle Sorgen, Kontaktbeschränkungen und Mangel in der Erfüllung sozialer Bedürfnisse. Viele Erwachsene fühlen sich in ihrer Selbstwirksamkeit eingeschränkt.

Viele dieser Einflussfaktoren können wir aktuell nicht beseitigen. Wir brauchen vor allem auch politische Lösungen, die Familien mehr in den Blick nehmen. Aber wir können zumindest an einigen Stellen einige Stressoren ausschließen oder vermindern. Auch wenn die Selbstwirksamkeit an einigen Stellen eingeschränkt ist, haben wir immer noch einen Handlungsspielraum, in dem wir uns als aktiv und wirksam erfahren können. Gerade jetzt ist es besonders wichtig, dass wir uns in Selbstfürsorge üben: Essen wir ausreichend und regelmäßig? Trinken wir genug? Schlafen wir genug und lassen uns nicht durch die Pandemie zu Revenge Bedtime Prokrastination hinreißen? Bewegen wir uns gut und ausreichend, auch wenn unsere eigentlichen Wege viel kürzer sind als sonst durch das Homeoffice? Atmen wir nicht nur oberflächlich und flach durch Stress, sondern auch mal tief durch? Wie sieht es mit Liebe und Sexualität aktuell aus, sind wir erfüllt? Sorgen wir auch trotz Kontaktbeschränkungen für sozialen Kontakt, damit wir uns zugehörig fühlen zu anderen und werden optimalerweise von diesen Menschen wertgeschätzt? Auf diese Bedürfnisse zu achten hört sich so banal an, aber mit einem besseren Blick für die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse können wir durchaus etwas an unserem Wohlbefinden und Stresslevel verändern.

Gewaltfreie und friedvolle Elternschaft ist möglich, ohne dass wir uns und unsere Grenzen selbst vergessen oder übertreten. Im Gegenteil: Das sichere, selbstbestimmte Einhalten der eigenen und sozialen Grenzen ist sogar zwingend notwendig, um gewaltfrei mit Kindern leben und ihnen anhand dieser Grenzen den Entwicklungsrahmen zu bieten, in dem sie sich frei entfalten können“

S. Mierau „Frei und unverbogen“, S. 189

Natürlich sollte Selbstfürsorge dabei nicht zu neuem Stress führen. Es geht vielmehr darum, einen guten Blick für sich zu entwickeln und sich Pausen zu gönnen. – Denn gerade als Elternteil ist es wichtig, auf sich zu achten und gut für sich zu sorgen. Damit gewinnen wir eine innere Klarheit und können diese als Struktur nach Außen vertreten.

Größer, weiser, stärker und gütig – Die Pandemie-Edition

Wenn wir es schaffen, unsere eigenen Bedürfnisse als wichtig zu betrachten und ihnen im Alltag Aufmerksamkeit zu schenken, haben wir auch mehr emotionale Ressourcen, um mit dem Verhalten unserer Kinder gut umgehen zu können. Und auch hier ist es wichtig, dass wir gerade jetzt sehr wohlwollend auf sie blicken und Verständnis dafür haben, dass natürlich auch sie unter den Rahmenbedingungen leiden. Auch sie sind in der Selbstwirksamkeit eingeschränkt, haben weniger Erfahrungsraum, weniger Möglichkeiten, sich auszuprobieren in Auseinandersetzung mit der Umwelt, aber auch mit anderen Menschen.

Kinder im Kindergartenalter, die gerade jetzt in der „Autonomiephase“ sind, haben es oftmals besonders schwer, mit den aktuellen Gegebenheiten umzugehen und zeigen ihre Unzufriedenheit und die vielen Anforderungen an ihre Kooperationsfähigkeiten (Masken tragen, nicht zu nah an Menschen gehen, nicht alles anfassen,…) durch mehr Wut, Unzufriedenheit und manchmal auch mehr Wunsch nach Zuwendung und Aufmerksamkeit. Auch die geringen Kontakte zu Freund*innen sind anstrengend für sie.

Es ist wichtig, dass wir versuchen, auch ihre Bedürfnisse in den Blick zu nehmen und dabei besonders auch sehen, dass ihr Entwicklungsumfeld stark beschnitten ist, was eben zu Unzufriedenheit und Wut führen kann. Unser Blick sollte darauf gerichtet sein, wo wir es ihnen im Alltag ermöglichen können, sich als selbständig zu erleben, als aktiv. Auch wenn sie vielleicht gerade von anderen sozialen Gruppen entfernt sind, können wir ihnen das Gefühl geben, dass sie in der Familie gesehen und respektiert werden, dass sie darin einen wichtigen Platz einnehmen.

Vor allem aber ist es wichtig, dass wir ihnen zeigen, dass wir als Bindungspersonen zur Seite stehen: Dass wir nicht noch mehr Druck und Stress ausüben (gerade auch in Bezug auf Schule), sondern sie unterstützen und notfalls Druck und Stress von ihnen abhalten. Dies ist Teil unserer Elternaufgabe: Wenn wir merken, dass unsere Kinder dem Lerndruck nicht folgen können, sollten wir nicht noch mehr Druck ausüben (wodurch auch diese wichtige Beziehung und aktuell für viele Kinder wichtigste Beziehung gestört werden kann), sondern aktiv ins Gespräch mit der Schule gehen.

Eine sichere Bindungserfahrung, gerade jetzt unter diesem Stress, ist kurz- und langfristig wichtiger, als viele andere Schulvorgaben. Als Eltern sollten wir uns den Druck des Lernerfolgs nicht nach Hause holen. Wenn unser Kind Schwierigkeiten mit dem Lernen zu Hause hat, sollten wir uns nicht in die Position begeben, mit Druck das Lernen einzufordern. Wir können reden, nach kreativen Lösungen suchen, aber müssen und sollten nicht Druck ausüben in einer ohnehin schwierigen Zeit. Es ist Aufgabe der Schulen und Politik, die versäumten Inhalte aufzubereiten, nachzubereiten, Konzepte zu entwickeln. Unsere Aufgabe als Eltern ist es, gerade jetzt der Fels in der Brandung zu sein, der sichere Hafen, die liebevolle Unterstützung.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Raus aus der Konfliktspirale mit Kleinkindern

Kinder haben oft ihre eigenen Vorstellungen davon, wie Situationen gestaltet werden sollen und welchen Anteil sie darin wie einnehmen. Viele Alltagssituationen sind für sie vor allem Lernsituationen: Sie lernen im Alltag etwas über die Welt, sich in ihr zu bewegen, ihre Regeln und das Zusammenleben. Deswegen wollen sie aktiv am Alltag teilhaben und reagieren mit Verärgerung bis Wut, wenn wir ihnen die Selbständigkeit nicht zugestehen wollen oder gerade nicht können.

Im ersten Lebensjahr erwirbt das Kind die grundlegenden Fähigkeiten, die es für das Leben benötigt. Es beginnt die Umgebungssprache zu verstehen und die ersten Worte darin mitzuteilen und lernt, sich fortzubewegen. In dieser Zeit lassen wir unserem Kind meist noch viel Spielraum, um diese Kompetenzen zu erwerben. Erst wenn es krabbelt und nach Dingen fasst, die es nicht erreichen soll, greifen wir mit einem „Nein!“ ein. Hier treffen verschiedene Vorstellungen aufeinander. Oft reagieren schon Babys mit Verärgerung darauf, wenn ihnen Dinge untersagt werden, doch lassen sie sich noch leichter ablenken und trösten als ein Kleinkind.

S. Mierau „Ich! Will! Aber! Nicht!“ S. 17

Die Nein-doch- oder Doch-nein-Spirale

In den Situationen, in denen sich ein Konflikt zwischen Elternteil und Kind ergibt, stehen wir uns also gegenüber: Elternteil, der etwas einfordert oder verbietet und Kind, das das Gegenteil will von dem, was die erwachsene Person gerade wünscht. Nicht selten begeben wir uns in eine Diskussionsspirale, die sich emotional immer weiter auflädt: „Ich möchte (nicht), dass du dieses oder jenes tust!“ während das Kind mit einem „Doch!“ oder „Nein!“ kontert, woraufhin wir wieder unseren Wunsch vorbringen. Sowohl Kind als auch erwachsene Person werden in jedem weiteren Durchgang dieses Gespräches verärgerter. Nicht selten gerät das Kleinkind in eine Wutsituation, aus der es aufgrund der aktuellen Gehirnreife noch nicht von allein heraus kommt, vielleicht versucht es mit Aufstampfen, Schlagen oder Beißen seine Gefühle auszudrücken. Je stärker das Kind in die Wutsituation gerät, desto weniger erreichbar ist es für unsere Worte und vielleicht gesellt sich zum ursprünglichen Problem nun noch die Wutsituation und das Verhalten des Kindes dazu, das die Verärgerung bei der erwachsenen Person noch weiter steigen lässt.

Frühzeitig aus der Spirale aussteigen

Diskurse mit Kindern sind kein Machtkampf. Sie wollen nicht aufbegehren gegen unsere Wünsche, weil sie eine Machtstellung beanspruchen wollen, sondern sie versuchen, ihren (durchaus sinnvollen) Wunsch nach Lernen und Selbständigkeit durchzusetzen. Dementsprechend geht es in solchen Diskussionen nicht darum, wer das letzte Wort behält. Es geht darum, hinter das Verhalten und dem Wunsch des Kindes das Bedürfnis zu sehen und auf dieses zu reagieren. Wenn wir also statt eines „Nein!“ oder „Doch!“, statt eines sturen Beharrens auf unseren Vorschlag, genau auf das ursprüngliche Bedürfnis des Kindes eingehen, können wir aus dem negativen Kreis aussteigen.

Ein Eingehen auf das Bedürfnis meint dabei nicht, dass wir diesem immer nachgeben müssen: Natürlich gibt es Situationen, in denen wir unsere erwachsene Vorgehensweise umsetzen müssen, wenn wir beispielsweise einen wichtigen Termin haben oder das Kind in einer sonst gefährlichen Situation wäre. Aber anstatt dem Kind mit dem Gefühl von „Du musst machen, was ich will, weil ich es besser weiß“ entgegen zu treten, können wir dem Kind sagen, dass wir das eigentliche Bedürfnis gesehen haben: „Nein, das geht nicht. Hier an der Straße kannst du nicht balancieren, aber wir suchen jetzt zusammen einen anderen Ort dafür.“ „Doch, wir müssen jetzt gehen. Du möchtest lieber noch etwas bleiben, das verstehe ich. Morgen planen wir es anders.“

Auch wenn unsere Kinder dennoch unzufrieden sind, hilft es ihnen, wenn sie sich gesehen und verstanden fühlen. Wenn sie wissen, dass ihre Bedürfnisse erkannt wurden und zu einem anderen Zeitpunkt (dann auch wirklich) berücksichtigt werden. Wir können damit nicht das Problem an sich aus der Welt schaffen, dass das Kind gerade etwas anderes tun wollte. Und wir müssen als Eltern nicht selten die starken Gefühle unserer Kinder begleitend aushalten. Oftmals können wir aber durch diese Art des Gespräches einem größeren Streit vorbeugen und ihnen trotz der Differenz das gute Gefühl mitgeben, dass wir sie wahrnehmen in ihren Bedürfnissen.

Eure

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Muss mein Kind das Gläschen leeren? – Beikostmengen und Bedürfnisorientierung

Viele Eltern sorgen sich – gerade am Anfang in der Beikostzeit – um die Menge der aufgenommenen Nahrung: Was, wenn das Baby immer etwas im Glas zurücklässt? Was, wenn das Baby auf einmal viel mehr essen will? Soll ich das Baby überreden, mehr zu essen? Soll ich mehr verweigern?

Prinzipiell fällt es vielen Eltern leichter, mit den Mengen der Beikost umzugehen, wenn das Kind am Familientisch mitisst und nicht mit vorportionierter Beikost versorgt wird. Natürlich machen sich auch Eltern, die Baby-Led-Weaning (babygesteuerte Beikosteinführung/Milchentwöhnung) als Beikostmethode ausgewählt haben, gelegentlich Sorgen darum, ob das Kind tatsächlich genügend Beikost und Nährstoffe über die neue Ernährungsform aufnimmt. Die Frage danach, ob es zu viel isst, ist aber relativ selten.

Die Gläschenvariante hingegen verunsichert Eltern in zweierlei Richtungen: zu wenig oder zu viel? Und sie verleitet Eltern eher in Anbetracht der eigentlich vorgesehenen Menge dazu, das Kind zu überreden mit Spielen und Tricks, damit es schließlich doch noch das ganze Glas leert. Doch wie bei der Flaschenernährung und beim Stillen geht es bei der Beikost darum, die Signale des Babys wahrzunehmen, richtig zu interpretieren und dann darauf zu reagieren.

Langsame Gewöhnung an die neue Ernährung

Gerade zu Beginn der Beikostzeit haben Babys eher ein spielerisches Interesse an der neuen Ernährungsform und wollen diesen neue Angebot mit allen Sinnen erst einmal ausprobieren und im wahrsten Sinne be-greifen. Im Laufe der Zeit machen die Kinder dann die Erfahrung, dass dieses neue Angebot nicht nur ein sinnlicher Reiz ist, sondern auch sättigt.

Wichtig ist es, die Rahmenbedingungen für die Nahrungsaufnahme gut zu gestalten: Das beikostreife Baby kann aufrecht auf dem Schoß oder einem bequemen, passenden Kinderhochstuhl sitzen, die Beikost ist angenehm temperiert (nicht zu heiß) und das Kind wird aktiv einbezogen. Diese Beteiligung kann damit erfolgen, dass das Baby auch einen Löffel halten kann und vielleicht mit einem anderen durch den fütternden Elternteil gefüttert wird. Es ist schön für das Kind, wenn es sehen kann, was sich auf dem Löffel befindet. Wichtig ist auch, genügend Ruhe und Zeit mitzubringen: Es sollte darauf gewartet werden, dass das Kind von sich aus den Mund weit genug öffnet und kann dann den Brei im Mund bewegen, schmecken, erfühlen, bis es schließlich herunterschluckt. Erst wenn das Baby bereit ist, sollte der nächste gefüllte Löffel angeboten werden. Zeigt das Baby aber Ablehnung, wendet sich weg oder schiebt den Brei aus dem Mund heraus, ist Zeit für eine Pause.

Nicht die Signale übergehen

Es ist wichtig, die Signale des Kindes zu achten und nicht zu übergehen. Manchmal dauert es lange, bis eine Mahlzeit beendet ist. Manchmal ist das Baby auch einfach noch nicht bereit für größere Beikostmengen. Aber Eltern sollten sich nicht durch Ungeduld dazu verleiten lassen, über die Signale des Kindes hinwegzugehen mit Tricks („Hier kommt das Flugzeug!“), emotionalen Beeinflussung („Noch ein Löffelchen, dann ist Mama/Papa aber glücklich!“) oder Ablenkung (Handy anschalten mit Videos, damit das Kind währenddessen schnell gefüttert werden kann). Solche Maßnahmen verhindern die Ausbildung eines guten Gespürs für Sättigung.

Schon Babys haben eigentlich ein gutes Gespür

Eine Studie zeigt, dass schon Babys eigentlich ein gutes Gefühl für ihre Sättigung haben und zwar durchaus unterschiedliche Mengen Beikost zu sich nehmen pro Mahlzeit, aber insgesamt über den Tagesrhythmus ungefähr täglich die gleiche Menge an Energie zu sich nehmen, solange sie nicht durch die Fütterungsumstände und elterliche Beeinflussung davon abgebracht werden.Es ist wichtig, eine gesunde, ausgewogene Nahrungspalette anzubieten, aus der das Kind dann über die Signale, die es zeigt, auswählen kann, was und wieviel es isst. Im Laufe der Zeit gibt es immer wieder auch Speisen, die abgelehnt werden und von den Eltern dann immer wieder angeboten werden können. Wichtig ist tatsächlich, dass nicht bei jeder Mahlzeit das ganze Glas verfüttert werden muss, sondern individuell betrachtet werden sollte, wieviel das Kind gerade jetzt essen will.

Sollte sich das Kind nicht gut entwickeln, abnehmen oder weniger aktiv sein, sollte in der kinderärztlichen Praxis abgeklärt werden, was genau die Ursache dafür ist und ob es eine Unterversorgung mit Nährstoffen gibt.

Eure

Quengeln lassen oder gleich reagieren, wenn das Baby nachts unruhig wird?

Babys und Kleinkinder schlafen meist nachts nicht so durch, wie wir Erwachsene es tun. Zwar erwachen auch wir Erwachsene jede Nacht mehrere Male, aber in der Regel schlafen wir schnell wieder ein und erinnern uns morgens nicht einmal an das regelmäßige Aufwachen. Babys und Kleinkinder schlafen jedoch dann, wenn sie zwischen der Tiefschlaf- und REM-Schlaf-Phase erwachen, meist nicht so leicht wieder ein: weil sie Hunger haben und auch nachts Nahrung brauchen für Wachstum und Lernen, und weil sie beim Aufwachen überprüfen, ob sie weiterhin sicher und geschützt sind: Ist es zu warm oder zu kalt, sind sie allein und damit ungeschützt – da sie noch nicht für sich selbst sorgen können, sind sie auf Schutz und Versorgung durch ihre Bezugspersonen angewiesen und überprüfen dies beim Aufwachen.

Keine Pauschallösungen

Die Fähigkeiten zur Selbstregulation sind schon bei Babys unterschiedlich ausgeprägt, ebenso wie ihre Tröstbarkeit, Erregbarkeit und ihr Ausdruck. Während es einige Babys gibt, die schon recht früh bei einigen Aufwachsituationen wieder selbständig in den Schlaf finden, gibt es andere, die längere Zeit auf Regulation durch die Bezugsperson(en) angewiesen sind. Eine Pauschalantwort darauf, ob alle Babys daher schnell wieder beruhigt werden müssen oder nicht, gibt es nicht.

Wenn das Baby unruhig wird…

Wenn Eltern allerdings merken, dass das Kind unruhiger wird, vielleicht sogar lauter zu quengeln beginnt, sollte nicht weiter abgewartet werden. Auch wenn auch Eltern heute noch gesagt bekommen, dass es sehr wichtig sei, dass schon Babys lernen, sich selbst zu beruhigen und dies gerade nachts wichtig wäre, damit Eltern Schlaf finden und die Kinder – angeblich zugunsten ihrer Entwicklung – ebenfalls „durchschlafen“, ist das inhaltlich so nicht richtig: Das normale nächtliche Aufwachen des Kindes behindert nicht die Entwicklung. Und das Trösten hilft Kindern, die sich noch nicht selbst beruhigen können, nach und nach durch das Gefühl der Sicherheit oder durch die von uns angebotene Brücke zum Schlaf, Selbstregulation auszubauen.

Wenn wir also merken, dass das Kind unruhiger und quengeliger wird, ist es durchaus sinnvoll, möglichst schnell beruhigend einzuwirken. Dabei können wir so sanft wie möglich beruhigen bzw. dem jeweiligen Bedürfnis nachkommen und das Kind stillen/füttern oder durch Berührung und/oder einige Worte signalisieren, dass wir da sind und weiterhin schützen und behüten. Ein frühes Beruhigen ermöglicht dem Kind, schnell wieder in den Schlaf zu finden. Werden die Signale zunächst ignoriert, muss das Baby auf stärkere Signale zurückgreifen, um die eigene Problemsituation mitzuteilen: es weint oder schreit. Von diesem Punkt aus braucht das Baby länger, um wieder in den Schlaf zu finden und auch die Eltern haben dann, unter anderem durch die längere Beruhigungszeit, mehr Schwierigkeiten, selbst wieder in den Schlaf zu finden. Es ist also in Ordnung und sogar sinnvoll, das Baby möglichst früh zu beruhigen und nicht lange abzuwarten.

Eure

Fürsorge(-arbeit) – Über die Arbeit, die Eltern heute leisten für ein gutes Aufwachsen von Kindern

Das Bindungssystem ist in erster Linie ein Schutzsystem des Kindes. Es sorgt dafür, dass Kinder umsorgt und geschützt werden, mit all dem versorgt werden, was sie zum Wachsen benötigen: das beinhaltet sowohl die äußeren Faktoren wie Nahrung und Sicherheit in Verhütung von Gefahren, als auch die inneren Faktoren, die wir dem Kind angedeihen lassen, damit es sich gut entwickeln kann und im besten Fall mit einem guten Bild von sich selbst aufwächst, das es in den vielen weiteren Jahren stützt in der Auseinandersetzung mit der Umwelt.

Im Laufe der Menschheitsgeschichte hat sich daher das Bindungssystem ausgebildet: Ein Verhaltenssystem, das dafür sorgt, dass Kinder sich in den ersten Jahren an mindestens eine schutzgebende Person binden und mit ihrem Verhalten dafür sorgen, dass sich diese Person um sie kümmert. […] Das Bindungssystem ist so wichtig für das Kind, dass es allen anderen (Entwicklungs-)aufgaben vorgelagert wird.

S. Mierau (2021): Frei und unverbogen, S. 30.

Fürsorge meint, dass ich für das Kind so sorge, wie es das braucht

Unsere Aufgabe als Eltern ist daher vor allem die Fürsorge: das Sorgen für das Kind. Und dieser Begriff der Fürsorge zeigt uns bereits einen sehr wichtigen Aspekt der wichtig ist für die Haltung, die wir als Eltern gegenüber unserem Kind einnehmen sollten: Die Ausrichtung auf das Kind und dessen Wesen und Bedürfnis. Wir sorgen dafür, dass dieses Kind individuell gesehen und begleitet wird.

Fürsorge meint nicht, dass wir das Kind hineinpressen in unsere Vorstellungen, dass es sich unseren Vorstellungen anpassen muss davon, wie es ist, was es mag und welche Eigenschaften es mit sich bringt. Sondern dass wir es genau so annehmen, wie es ist und dafür sorgen, dass es sich auf seinem ganz individuellem Weg optimal entfalten kann. Wir tragen Sorge dafür, dass es dem Kind jetzt und zukünftig gut geht. – Natürlich ist es dabei auch wichtig, auf sich selbst zu achten und die eigenen Bedürfnisse nicht aus dem Blick zu verlieren.

Fürsorge ist auch Arbeit

Dieses Erkennen und Begleiten eines Kindes ist nicht immer einfach. Weil das Kind vielleicht mit einem Temperament zu uns kommt, das für uns schwierig ist und sich von unserem unterscheidet oder in besonderer Weise herausfordernd ist. Es ist nicht immer einfach, weil es Aufmerksamkeit verlangt dafür, dass wir die Signale des Kindes wahrnehmen, richtig interpretieren und – je nach Alter prompt – beantworten. Und diese Signale ändern sich im Laufe der Zeit und manchmal fällt es schwer, die neuen Signale beispielsweise nach einem Entwicklungssprung wahrzunehmen und zu interpretieren. Und manchmal bedeutet diese Fürsorge auch, dass wir den ganzen Tag einem Kind hinterrennen müssen, dass die Autonomie entdeckt und am Ende nicht nur von der emotionalen Begleitung erschöpft sind, sondern auch von den tausenden Handgriffen, die sie erfordern.

Neues Erziehungsdenken gestalten ist auch Arbeit an sich selbst

Fürsorgearbeit ist es auch da, wo wir merken, dass wir uns von eigenen Erfahrungen trennen wollen und andere Wege gehen möchten als die, die wir selbst als Kind erfahren haben. Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung und dies umfasst sowohl das Recht darauf, vor körperlicher als auch psychischer Gewalt geschützt zu werden. Das Umsetzen dieses Rechts fällt aber noch immer vielen Eltern schwer. Je nach eigenem Rucksack, den wir tragen, ist es schwierig, sich von den verinnerlichten Mustern zu trennen: sie zunächst als falsch erkennen, sie im Alltag zu bemerken und schließlich zu lernen, ganz bewusst anders zu handeln. Das erfordert sehr viel Kraft und Arbeit an uns selbst. Und dennoch ist es besonders lohnenswert, wenn wir alte Muster aufbrechen, um Verletzungen nicht mehr weiterzugeben oder entstehen zu lassen, sondern Kindern die Chance geben, psychisch gesund aufzuwachsen, um im späteren Leben nicht durch diese Erfahrungen belastet zu werden.

Kraft, Kinder im Alltag zu schützen

Und auch auf einer weiteren Ebene bedeutet diese Art der Fürsorge Arbeit: Weil wir nicht nur an unseren eigenen Mustern arbeiten und uns damit auseinander setzen müssen, sondern unsere Kinder auch da schützen, wo sie anderen Ansichten ausgesetzt sind. Weil wir Familienmitgliedern erklären müssen, dass Kinder nicht ein Küsschen zur Begrüßung geben, wenn sie das nicht wollen. Weil wir im Supermarkt die hochgezogenen Augenbrauen entweder ignorieren oder erklären, warum wir nicht „den Po versohlen“ wenn das Kind wütend ist. Weil wir uns vielleicht in der Kita dafür einsetzen müssen, dass wir eine andere Art der Eingewöhnung brauchen, weil das Kind es in dem gesteckten Zeitfenster noch nicht schafft, sich an eine neue Bezugsperson zu wenden, oder weil wir alte Erziehungsmethoden dort in Frage stellen. All das kostet ebenfalls Energie. Es ist anstrengend, nicht nur in sich selbst, sondern in der Gesellschaft eine Offenheit und Akzeptanz für einen neuen Weg der Begleitung von Kindern zu etablieren.

Gesellschaft verändern

Die Arbeit, die wir täglich leisten – an uns selbst, für unsere Kinder und gegenüber der Gesellschaft – ist umfassend. Viel zu oft wird übersehen, welch enorme Anstrengungen Eltern und andere Personen in der Begleitung von Kindern jeden Tag leisten, gerade auch wenn sie neue, respektvolle und gewaltfreie Wege mit Kindern gehen. Wie sie die Gesellschaft durch die Fürsorgearbeit, die sie so ungesehen vollbringen, verändern. Und über die Fürsorgearbeit jene Werte, die über bindungs- und bedürfnisorientiertes Leben transportiert werden (Werte wie Achtsamkeit, Empathie, Gleichheit, Gerechtigkeit, Toleranz, Hilfsbereitschaft, Nachhaltigkeit und Weitsicht) in der Gesellschaft verankern.

Fürsorgearbeit bzw. Carearbeit sind auch Arbeit. Auch wenn wir unsere Kinder lieben und gerne begleiten. Diese Arbeit verdient Respekt und Wertschätzung an jedem einzelnen Tag gegenüber den Personen, die sie leisten.

Eure

Der #equalcareday macht auch in diesem Jahr wieder aufmerksam auf die mangelnde Wertschätzung und unfaire Verteilung von Carearbeit. Mehr dazu findet ihr hier.

Wer sich damit auseinandersetzen möchte, wie wir Erziehung heute neu denken und bindungs- und bedürfnisorientiertes Familienleben gestalten können, findet hier eine ausführliche Leseprobe von „Frei und unverbogen“.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Natürlich darfst du wütend/traurig/ängstlich sein…

Viele Erwachsene geben als Lebensziel etwas an wie „Erfolg haben“, „es sich gut gehen lassen können“ oder schlicht „glücklich sein“. Und auch wenn das durchaus Ziele sind, die man haben kann, besteht unser Alltag eben nicht nur daraus. Manchmal liegt aber der Fokus so sehr auf den freudigen und glücklichen Zielen und Möglichkeiten, dass Wut, Trauer oder Angst nur noch als störend betrachtet werden. Als Gefühle, die unbedingt vermieden werden müssen, die keinen Platz haben dürfen auf dem Weg zum Glück. Nicht nur bei uns Erwachsenen, sondern auch bei den Kindern. „Jetzt sei mal wieder fröhlich!“, „Komm, lächel mal wieder!“, „Trübsal blasen bringt doch nichts!“ – all diese Sätze werden gar nicht so selten zu Kindern gesagt.

Bedeutet eine glückliche Kindheit, immer nur Glück zu fühlen?

Unser Leben allerdings besteht aus vielen verschiedenen Gefühlen und jedes Gefühl darin darf sein und hat Platz. Denn wenn wir uns wünschen, dass unsere Kinder glücklich sein sollen, meinen wir damit eigentlich, dass es ihnen gut gehen soll. Gut geht es ihnen aber nicht, wenn sie zum Glücklichsein gezwungen werden durch beständige Aufforderung dazu oder durch Unterdrückung und Vernachlässigung der anderen Gefühle. Glücklich können Kinder dann sein, wenn sie von ihren Eltern so angenommen werden, wie sie sind und wie sie fühlen. Wenn sie sicher sein können, dass all ihre Gefühle wahrgenommen und begleitet werden ohne Wertung. Wenn sie ihre Gefühle ausleben können und von ihren Eltern darin begleitet werden, nach und nach den Ausdruck von Gefühlen gut selbst moderieren zu können bzw. zu wissen, wann sie bei welchen Gefühlen auch weiterhin die Hilfe und Unterstützung von anderen in Anspruch nehmen sollen und können.

Einige Situationen lassen sich leichter begleiten, andere schwerer

Es ist nicht immer einfach, sich den Gefühlen von Wut, Trauer, Ärger, Verzweiflung, Angst von Kindern zu stellen. Während es uns vielleicht noch leicht fällt, wenn das Kind erklärt, dass es Angst vor einem Monster unter dem Bett hat, diese Angst aufzufangen und mit Einfühlungsvermögen und Sicherheit zu begleiten, fällt es uns aber oft schwerer, wenn das Kind sagt, dass es uns nicht mehr lieb hat oder sogar hasst oder den anderen Elternteil viel lieber mag als uns.

Oft spielen hier eigene Verletzungen, innere Bilder und schwierige Kindheitserfahrungen hinein, die es uns schwer machen, diesem Gefühl des Kindes wirklich nachzugehen und es nicht lieber einfach zur Seite schieben zu wollen mit einem „Das ist aber nicht nett!“ oder dem Versuch, die eigene Verletzung in den Vordergrund zu schieben mit einem „Wenn du das sagst, dann machst du mich aber ganz traurig!“. Es fällt manchmal schwer, sich dem Gefühl zu stellen, dass man selbst ein unbehagliches Gefühl beim Kind durch eigenes Verhalten hervorgerufen hat. Oder ein Gefühl zu begleiten, das man selbst als Kind nicht haben durfte.

Alle Gefühle dürfen sein

Ein Gefühl der glücklichen Kindheit geben wir ihnen also nicht durch viele Dinge und auch nicht durch die Vermeidung oder Unterdrückung von Wut, Ärger, Trauer, Angst etc. mit, sondern durch das Zulassen und Begleiten all dieser Gefühle. Dann nämlich fühlen sich Kinder gesehen, anerkannt und sicher. Sie spüren, dass sie sichere Bindungspersonen an ihrer Seite haben, die in all den verschiedenen Lagen des Lebens zu ihnen stehen und sie stützen. Die ihnen helfen, mit den verschiedenen Gefühlen umzugehen und Hilfe anbieten, damit zurecht zu kommen. Das ist es, was uns ein sicheres, geliebtes Gefühl gibt und damit auch unterstützt, glücklich zu sein.

Eure

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de