Kategorie: Geborgen Wachsen

Glück ist, wenn man so geliebt wird, wie man ist

Dürfen wir dich zu Beginn dieses Artikels zu einer kleinen Reflexion einladen?

Gehe in Gedanken in deine Kindheit und Jugendzeit zurück. Denke an deine engsten Bezugspersonen: deine Eltern, Großeltern oder andere Menschen, die wichtig waren. Welche Erwartungen an dich hast du von wem gespürt? Welche davon konntest du erfüllen, welche nicht? Welchen versuchst du heute noch zu entsprechen? Wie musstest du sein, was musstest du tun, um Liebe und Anerkennung zu erhalten? Und wie hat dich das geprägt?

Wenn du dich mit diesen Erfahrungen beschäftigst, wirst du vielleicht merken, dass sie einen großen Einfluss auf dein Selbstwertgefühl hatten und haben.

Was ist das „Selbstwertgefühl“?

Der Sozialpsychologe Morris Rosenberg definierte 1965 Selbstwertgefühl als eine Haltung oder Einstellung, die wir uns selbst gegenüber einnehmen. Seiner Definition zufolge empfindet sich eine Person mit hohem Selbstwertgefühl als «gut genug»; er glaubt, dass er als Mensch wertvoll ist und kann sich mit seinen positiven und negativen Facetten annehmen – ohne sich deswegen als etwas Besonderes zu sehen oder zu erwarten, dass andere ihn bewundern.

Für die Entwicklung unseres Selbstwertgefühls ist es entscheidend, welche Beziehungserfahrungen wir mit anderen machen. Wenn wir uns geliebt, geborgen, gesehen und angenommen fühlen, wächst unser Selbstwertgefühl. Fühlen wir uns zurückgewiesen, abgelehnt oder kritisiert, macht sich jemand lustig über uns oder zeigt sich verächtlich, dann leidet unser Selbstwertgefühl.

Unser Selbstwertgefühl kann aber nicht nur mehr oder weniger hoch sein, es kann auch mehr oder weniger stark an Bedingungen geknüpft sein.

Wenn Kinder und Jugendliche die Erfahrung machen, dass sie auf eine bestimmte Art und Weise sein oder sich verhalten müssen, um Wertschätzung und Zuneigung zu erfahren, bildet sich ein an Bedingungen geknüpftes Selbstwertgefühl aus. Ein Kind kann beispielsweise erleben:

  • Ich werde geliebt, wenn ich Leistung zeige, gute Noten und sportliche Erfolge erziele.
  • Ich bin nur dann liebenswert, wenn ich brav bin und meinen Eltern gehorche.
  • Damit mich meine Eltern annehmen können, muss ich mich den religiösen Überzeugungen meiner Familie anschließen.
  • Um Liebe und Anerkennung nicht zu verlieren, muss ich darauf achten, immer schlank, gutaussehend und vorzeigbar zu sein.
  • Liebe muss man sich verdienen, indem man besonders hilfsbereit ist und sich für andere aufopfert.

Natürlich finden wir es alle schön, wenn wir Erfolge erzielen, gut aussehen oder anderen Menschen helfen können und reagieren verunsichert, wenn dem nicht so ist. Problematisch wird es, wenn das Selbstwertgefühl so stark an bestimmte Bedingungen geknüpft ist, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene in eine regelrechte Krise stürzen, wenn sie diese für einmal nicht erfüllen können. Wenn sie sich bei einer schlechten Note gleich als Versager abstempeln und sich jede Prüfung anfühlt, als ginge es um Leben und Tod. Wenn sie sich schuldig fühlen, sobald sie eine Bitte ausschlagen oder für ihre Bedürfnisse einstehen. Wenn sie sich als bösen Sünder sehen, weil sie sich „schmutzigen Gedanken“ hingegeben oder unchristlich verhalten haben. Wenn sie sich nicht mehr um einen anderen Menschen kümmern können und sich deswegen als Nichtsnutz oder wertlos empfinden. Wenn sie befürchten, dass ihre Freunde sie nicht mehr mögen oder sie nie eine/n Partner/in finden werden, wenn sie ein, zwei Kilo zunehmen.

Wie Erwartungen uns den Blick auf unsere Kinder verstellen

Hand aufs Herz: Wir alle haben bestimmte Bilder und Erwartungen im Kopf, wünschen uns, dass unsere Kinder bestimmte Eigenschaften, Interessen oder Werte zeigen und reagieren vielleicht auch enttäuscht, wenn unsere Kinder nicht so sind. Vielleicht möchten wir, dass unser Kind besonders sozial und einfühlsam ist und sind irritiert, wenn es sich als dominanter Rowdy zeigt und gerne mit Waffen spielt. Manchmal verstellen uns unsere Wünsche auch den Blick auf das Kind. Sehr treffend drückt das Familylab-Leiter Matthias Volchert aus: „Kann ich dich noch sehen wie du bist, oder bestimmen meine Erwartungen schon mein Bild von dir?“

Ein Kinderbuch greift dieses Thema auf

So geht es auch Jaron, dem jungen Fuchs in unserem Buch „Jaron auf den Spuren des Glücks“. Dieser könnte sich sehr viel Schöneres vorstellen, als am Sonntagmorgen bei einem Fußballspiel auf dem Platz zu stehen. Nur leider hat sein Vater das Gefühl, dass ihm der Sport guttun und ihm dabei helfen wird, mehr Biss und Durchhaltevermögen zu entwickeln:

«Dieses blöde Fußball! Warum muss ich da hin? Vielleicht könnte ich sagen, dass ich krank bin…», denkt Jaron. Aber da schallt ihm bereits ein aufgeregtes «Morgen, Sportsfreund!» entgegen. Papa Fuchs steht am Herd und wendet Pfannkuchen – etwas, das er nur zu besonderen Anlässen tut.

Jaron lässt sich auf seinen Stuhl plumpsen, hängt sich über die Tischplatte und legt den Kopf auf die Arme. 

Ein Turm aus Pfannkuchen schiebt sich in sein Blickfeld. Der Ahornsirup läuft an den Rändern herunter und bedeckt die Himbeeren und die Sahne auf dem Teller. Jarons Lieblingsgericht! Doch heute starrt er mit einem Kloß im Hals auf den süßen Turm, der ihm unendlich groß erscheint. «Ich schaff das nicht», murmelt er.

«Du musst ja nicht alle essen», antwortet Papa Fuchs. «Zwei oder drei Pfannkuchen reichen sicher.» Der Vater klopft ihm auf die Schulter und setzt sich mit einer Tasse Kaffee zu Jaron an den Tisch. «Ist vielleicht sowieso besser. Mit vollem Magen rennt es sich nicht gut. Und wir wollen ja, dass du fit bist heute.»

Leider kann Jaron auch in seiner Mannschaft nicht auf Rückhalt zählen. Nachdem er im Finale den entscheidenden Elfmeter verschossen hat, schließen ihn seine Kameraden vom gemeinsamen Eisessen aus und machen sich über ihn lustig.

„Nicht gut genug“ zu sein begleitet uns oft lebenslang

In Seminaren und Beratungen mit Eltern und Fachpersonen merken wir immer wieder, dass das Gefühl, nicht zu genügen, erstaunlich viele Menschen seit der Kindheit begleitet.

Sie haben deutlich gespürt, dass sie für ihre Eltern, Lehrkräfte, aber auch Gleichaltrige zu laut, zu schüchtern, zu anstrengend, zu empfindlich, zu faul, zu ehrgeizig, zu unsportlich, zu dick oder zu uncool waren. Einige haben erlebt, dass sie für ihre Eltern etwas Besonderes sein müssen: Die Beste Schülerin, ein Spitzensportler – und man die Aufmerksamkeit der Eltern vor allem dann bekommt, wenn man aus der Masse herausragt. Manche fühlten sich nicht angenommen, weil sie nicht das ersehnte Geschlecht hatten, dem gängigen Rollenbild eines „richtigen Jungen“ oder eines „richtigen Mädchens“ nicht entsprachen oder vom Charakter her dem Expartner schmerzlich ähnelten, den die Mutter oder der Vater verteufelte. Einige hatten erlebt, dass ihre Eltern immer wieder davon sprachen, wieviel sie für die Kinder geopfert hatten, wie anstrengend die Vater- oder Mutterschaft für sie ist – und man als Kind dieses Opfer nur durch ganz viel Dankbarkeit und Angepasstheit aufwiegen kann.

Warum fällt uns bedingungslose Liebe manchmal so schwer?

Ein unabhängiges Selbstwertgefühl nimmt uns den Druck, immer etwas tun oder uns den Erwartungen anderer anpassen zu müssen, um geliebt zu werden.

Es entsteht, wenn Kinder und Jugendliche von verschiedenen Bezugspersonen immer wieder erfahren dürfen, dass sie auch dann geliebt und angenommen werden, wenn sie nicht deren Vorstellungen entsprechen.

Vielleicht geht es dir wie uns und es fällt dir auch nicht immer leicht, dein Kind im Alltag so anzunehmen, wie es ist? Vielleicht ertappst du dich auch manchmal dabei, wie dich dein Kind nervt, wie du deine Enttäuschung nicht verbergen kannst oder dein Mutter- oder Vaterherz vor lauter Stolz anschwillt, wenn dein Kind deine (unbewussten) Erwartungen erfüllt oder sogar übertrifft?

Auch wenn sich die Forderung, sein Kind bedingungslos zu lieben, in vielen modernen Elternratgebern wiederfindet, so ist sie doch relativ neu.

Es ist hilfreich, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass dieses Konzept aus der Psychotherapie stammt. Beschrieben hat es als erster der humanistische Therapeut Carl Rogers, der Begründer der Gesprächspsychotherapie. Er ging davon aus, dass Menschen lernen können, sich selbst anzunehmen und schwierige Erfahrungen zu integrieren, wenn sie dabei von einem empathischen, authentischen und wertschätzenden Gegenüber begleitet werden. Dabei macht es sich der Therapeut zur Aufgabe, vorurteilsfrei zuzuhören.

Das ist natürlich in einem professionellen therapeutischen Setting deutlich einfacher als in engen, persönlichen Beziehungen. Um es mit einem plakativen Beispiel auszudrücken: Die Aussage „ich bin fremdgegangen“ ist für den Therapeuten einfacher zu ertragen als für die Partnerin.

Je enger die Beziehung zu unserem Gegenüber ist, je mehr sein Verhalten unser eigenes Leben beeinflusst und je stärker wir uns emotional mit jemandem verbunden fühlen, desto anspruchsvoller wird es, unbedingte Liebe zu zeigen.

Im Gegensatz zu einem neutralen Therapeuten haben wir Hoffnungen und Wünsche für unsere Kinder. Wir wollen das Beste für sie und ihnen ein glückliches Leben ermöglichen. Abhängig davon, wie wir aufgewachsen sind, haben wir sehr fixe Überzeugungen, was dazu nötig ist und welche Eigenschaften uns das ermöglichen. Entsprechend schnell läuten unsere Alarmglocken, wenn die Kinder vom vermeintlich „richtigen“ Weg abkommen: Manche Eltern sind so stark mit dem Schulerfolg ihrer Kinder identifiziert, dass sie vor Prüfungen schlaflose Nächte haben; andere geraten in Panik, wenn sich das Kind phasenweise „asozial“ verhält oder fürchten gleich um das Seelenheil des Kindes, wenn es sich von bestimmten Werten und religiösen oder politischen Überzeugungen ablöst.

Bedingungslose Liebe ist ein Geschenk

Wenn Eltern erkennen, dass bedingungslose Liebe wichtig ist, machen sie daraus zum Teil eine absolute Forderung: Du musst dein Kind stets annehmen und bedingungslos lieben!

Daraus leiten sie ab, dass sie nie wütend oder enttäuscht reagieren dürfen, schimpfen verboten ist und man sich sogar schuldig fühlen muss, wenn man sein Kind gelobt hat – schließlich ist doch auch das eine Form der Manipulation?

Bedingungslose Liebe wird plötzlich zu einem komplexen Regelwerk, an das man sich mit aller Verbissenheit halten muss, um keine schlechte Mutter, kein schlechter Vater zu sein.

Ohne es zu merken, tappt man erneut in die Falle der bedingten Wertschätzung: „Ich bin als Mutter oder Vater nur dann liebenswert, wenn ich alles richtig mache, meinem Kind gegenüber keine „negativen“ Gefühle zeige und es auf keine Art und Weise „manipuliere“.“

Wenn wir unseren Kindern bedingungslose Liebe schenken möchten, ist es hilfreich, wenn wir bei uns selbst beginnen und uns mit einer annehmenden und akzeptierenden Haltung begegnen.

Dazu dürfen wir uns bewusst machen: „Auch ich darf Fehler machen, ab und zu unangemessen reagieren, Gefühle haben, die mir nicht immer pädagogisch korrekt erscheinen – und kann trotzdem eine liebevolle Mama, ein liebevoller Vater sein.“

Anstatt uns selbst abzuwerten oder in Schuldgefühlen zu versinken, können wir uns annehmen und gleichzeitig Verantwortung für unsere Gefühle übernehmen. Das gelingt uns besser, wenn wir ehrlich mit uns sind und hinterfragen, welche Bilder, Wünsche und Bedürfnisse hinter unseren Reaktionen stehen:

  • „Jetzt habe ich meine Kinder wieder angeschrien. Es bringt mich so auf die Palme, wenn sie sich zoffen! Ich habe gedacht, mit einem zweiten Kind sei unser Familienglück perfekt. Ich habe mir das so schön vorgestellt, wenn sie immer einen Spielgefährten zu Hause haben – aber jetzt streiten die beiden pausenlos und sind eifersüchtig aufeinander. Ich merke gerade, dass mich das enttäuscht und ziemlich traurig macht.“
  • „Wenn ich sehe, dass mein Sohn so wenig für die Schule tut und ihn schlechte Note überhaupt nicht jucken, versetzt mich das in Rage! Wenn ich ehrlich bin, kriege ich es mit der Angst zu tun, dass er sich seine Zukunft verbaut und ich schuld daran sein werde, wenn ich das zulasse.“
  • „Mein Kind ist schon wieder so dominant und kommandiert die anderen rum. Am liebsten würde ich es von seinem hohen Ross herunterholen oder ihm die kalte Schulter zeigen! Es ärgert mich so, wenn sich Menschen über andere stellen, das weckt ganz viele schlechte Erinnerungen in mir. Ich habe immer darunter gelitten, wenn andere so bossy mit mir umgegangen sind.“

Zu dem Autor und der Autorin:
Fabian Grolimund ist Psychologe und Autor. Stefanie Rietzler ist Psychologin und Autorin. Ihr neues Kinderbuch Jaron auf den Spuren des Glücks“ geht der großen Frage nach dem Glück nach, das manchmal in kleinen Dingen steckt. Zudem schreiben beide regelmäßig für das Schweizer Elternmagazin Fritz+Fränzi. Mehr erfahren Sie unter mit-kindern-lernen-ch  

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Vorsicht, was du sagst! – Wie wir vor unseren Kindern über sie reden

„Ach, er ist immer so tollpatschig!“, „Schau mal, wie sie miteinander spielen, sie ist ja immer so süß!“, „Und letztens, also da hat er sich wieder angestellt beim Anziehen. So ein cholerisches Kind!“ – Wir kennen sie, die Spielplatzgespräche von Eltern untereinander. Ein bisschen was vom Alltag teilen, ein bisschen etwas von der Anspannung und dem Stress teilen. Ein bisschen Austausch und manchmal in der Kürze auch ein wenig überzogen. Woran wir in diesen – und anderen – Situationen manchmal nicht denken, sind die Kinder, sie sich in Hörweite befinden.

Ob nun im Gespräch auf dem Spielplatz, bei einer Familienfeier oder vor sich hingenuschelt im Alltag ohne anderes erwachsenes Gegenüber: Schnell kommen uns Worte über unsere Kinder über die Lippen. Besonders zu beachten sind natürlich die negativen Beschreibungen, die wir über unsere Kinder abgeben, aber auch vermeintlich positive Kommentare können eine störende Wirkung auf unsere Kinder haben.

Sie verstehen mehr, als wir denken

Schon viel früher, als wir manchmal annehmen, bildet sich das sprachliche Verstehen aus: Unsere Kinder verstehen früher Worte, als sie sie selbst produzieren. Und damit nehmen sie auf, was wir erzählen. Und sie hören es nicht nur, sondern bilden über das, was wir sagen, ein Bild von sich selbst aus. Wenn wir sie immer wieder in einer bestimmten Weise beschreiben, prägt sich das in ihr Selbstbild ein. Sie bilden das Bild von sich auch über die Art und Weise, wie wir sie spiegeln: Wer immer nur süß oder wild oder anstrengend ist in den Augen anderer, nimmt dies in das Bild über sich selbst auf. Und auch wenn „süß“ im ersten Moment lieb klingt, ist es anstrengend, wenn andere das von einem erwarten und man dies als Selbstkonzept übernehmen muss.

Ein positives Selbstbild nicht behindern

Was wir also tun können, um positive Selbstbilder in unseren Kindern zu ermöglichen? Wählen wir die Worte, die wir über unsere Kinder sagen, mit Bedacht. Gerade dann, wenn sie in der Nähe sind und auch dann, wenn sie selbst noch nicht sprechen. Erklären wir auch anderen, dass unser Kind mehr versteht, als wir vielleicht denken und vermitteln wir, dass es wichtig ist, respektvoll mit Kindern und über Kinder zu sprechen. Und wenn wir wirklich – und auch das ist als Elternteil völlig legitim – über unsere Kinder in drastischen Worten reden wollen mit guten Freund*innen, dann tun wir das doch lieber, wenn sie wirklich nicht in der Nähe sind.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Baby-led Weaning aus ernährungswissenschaftlicher Sicht

Wie haben unsere Vorfahren ihre Babys ernährt? Sicherlich hatten die Menschen in der Steinzeit keinen Pürierstab, mit dem sie einen Süßkartoffel-Broccoli-Hähnchenbrei gezaubert haben. Für Babys gab es oftmals Getreidebrei oder sie wurden über Jahre gestillt, bis sie die feste Nahrung essen konnten. In den letzten Jahren ist das BLW in unseren Breitengraden durch die Hebamme Gill Rapley bekannt und populär geworden. Sie betont, dass diese Art und Weise der Beikost nicht neu sei, sondern seit Jahrhunderten auf der ganzen Welt praktiziert werde. Darüber hinaus profitiere die ganze Familie davon, weil durch die breifreie Ernährung für das Baby selbstbestimmtes Essen ohne Druck und Zwang möglich sei.

Welcher Leitgedanke steckt hinter dem Begriff BLW?

Das Baby-led Weaning, kurz die Baby- geführte Entwöhnung von der Muttermilch, ist eine Form der Beikost, bei der das Baby den Übergang von der Milch zur festen Nahrung selbst steuert. Zusätzlich zur Muttermilch tastet es sich im wörtlichen Sinne spielerisch an feste Nahrung heran. Dabei steht anfangs nicht im Vordergrund, WAS genau und WIEVIEL dein Baby isst, sondern vielmehr, dass die kleinen Wesen die Möglichkeit bekommen, selbstbestimmt in ihrem eigenen Tempo Lebensmittel zu erkunden. Langsam tastet sich dein Baby mit allen Sinnen an das Essen heran. Die Energie und Nährstoffe erhält es anfangs eher über die Mutter- bzw. Säuglingsmilch. 

Was ist der wesentliche Unterschied im Vergleich zur landesüblichen Breikost? Statt Breifütterungen gibst du deinem Baby Fingerfood. So werden Löffel und stetiges Anreichen der Mahlzeiten überflüssig. Wir als Eltern bieten die Mahlzeiten an und die Kinder bestimmen ganz individuell, was sie essen möchten. Es wird davon ausgegangen, dass Babys intuitiv das Essen auswählen, was sie für ihre Entwicklung brauchen. Wir als Eltern geben ihnen die Möglichkeit zu entscheiden WAS, WIEVIEL und in WELCHER GESCHWINDIGKEIT sie essen wollen. Deshalb ist die Zusammensetzung der breifreien Babyernährung schwer mess- und vergleichbar mit der landesüblichen Breikost. 

Wie sieht die Praxis des BLW aus?

Kurz gesagt, isst du beim BLW zur gleichen Zeit, am selben Tisch mit deinem Baby das gleiche Essen. Wie lässt sich die breifreie Alternative zur Babyernährung grob in 6 Punkten beschreiben?

  1. Es ist ein Baby-gesteuertes Konzept zur Beikosteinführung
  2. Es gibt Fingerfood statt Brei
  3. Du servierst Familiengerichte
  4. Die Hauptenergie bezieht dein Baby anfangs durch das Stillen
  5. Gestillt wird zwischen den Mahlzeiten
  6. Du entscheidest, was du deinem Baby anbietest, denn es gibt keinen vorgegebenen Speiseplan

BLW – nur ein Trend oder eine tatsächliche Alternative zum Brei?

Immer mehr Familien hierzulande entscheiden sich für die breifreie Babyernährung, wobei sich beide Konzepte – also Brei und Fingerfood, auch gut kombinieren lassen. Du musst dich nicht für die eine oder andere Variante endscheiden! Wenn du dir nicht sicher bist, welcher Weg für eure Familie der passende ist, könnt ihr euch Rat bei eurer Hebamme, Kinderärzt*in suchen oder mit Ernährungsfachkräften darüber reden.

  • Sofern du die Reifezeichen deines Babys berücksichtigst,
  • abwechslungsreiches Essen anbietest,
  • gezielt dem Verschlucken vorbeugst,
  • und die regulären ärztlichen Kontrollen wahrnimmst,
  • kannst du das BLW gut umsetzen.

Pauschal gibt es auch aus dem Blickwinkel der Ernährungswissenschaften keine festgefahrenen Empfehlungen zur „optimalen“ Beikostmethode, weil vergleichende Langzeitanalysen fehlen. Der Vorteil der Breiernährung liegt darin, dass die Rezepturen auf den Nährstoffbedarf deines Babys abgestimmt sind. Für die Nährstoffe Fluorid, Jod, Vitamin D und K (Nährstoffe, die auch bei der Breiernährung zu kurz kommen) gibt es deshalb Empfehlung zur Nahrungsergänzung. Welche Nährstoffe beim BLW kritisch werden können, ist noch nicht hinreichend erforscht.

Was sind die diskutierten Vor- und Nachteile?

Vorteile

  • Das BLW kann einen positiven Einfluss auf die Hunger- und Sättigungs-Regulation haben.
  • Die motorischen Fähigkeiten des Babys werden geschult.
  • Der Beziehungsaufbau und Interaktion zwischen Eltern und Kind wird durch gemeinsame Mahlzeiten gefördert.
  • Ein abwechslungsreicher Speiseplan ist durch eine Vielfalt von Geschmack und Konsistenz möglich.
  • Es bietet für Eltern den Anreiz, sich gesünder zu ernähren.
  • Baby- und Familienmahlzeiten werden gemeinsam gestaltet.

Nachteile

  • Möglicherweise ist die Gefahr des Verschluckens höher.
  • Tendenziell ist die Versorgung mit Eisen geringer.
  • Die Gefahr des zu hohen Salzkonsums besteht, sofern Eltern die Speisen nicht explizit salzfrei gestalten.
  • Es bestehen höhere Tendenzen zur Energieunterversorgung, aber auch nährstoffreiche Gerichte sind beim BLW schwieriger umzusetzen.
  • Babygerechte Fingerfoodgerichte sind aufwändiger zuzubereiten.

Wie du siehst, bringt das BLW viele Vorteile, aber auch einige Risiken mit sich. Was sagen unsere Fachgesellschaften dazu? Die Mehrheit der Expert*innen und auch die Vereinigung nennenswerter Fachgesellschaften von Hebammen, Ärzt*innen und Ernährungsfachkräften (Netzwerk „Gesund ins Leben“) sprechen kein eindeutiges „Ja“ zum BLW aus, weil sie fürchten, dass sich die kleinen Wesen an den groben Stücken verschlucken können, und weil sie das Risiko für einen Nährstoffmangel als potenzielle Gefahr sehen. Schließlich wählt im Gegensatz zur Breikost das Baby frei, was es essen möchte und was nicht. Andererseits sind die genannten Risiken nicht eindeutig wissenschaftlich belegt. Die Forschungslage steckt hier im wahrsten Sinne des Wortes noch in den Kinderschuhen. Derzeit beschreiben jüngste Fachartikel, wie du die Sicherheit erhöhen und das Risiko für einen Nährstoffmangel reduzieren kannst:

Wie die Sicherheit erhöhen?

  • Beachte die Reifezeichen deines Kindes: Ist es nach 6 Monaten wirklich bereit dafür?
  • Tagesstruktur: Versuche extreme Müdigkeit oder extremen Hunger vor der Mahlzeit zu verhindern!
  • Erhöhe die Sicherheit: lass dein Baby nie allein beim Essen, sorge für eine aufrechte Sitzposition und dass die Hände frei sind.
  • Biete das Essen in einer babygerechten Konsistenz an: Nicht nur an harten, runden Lebensmitteln, sondern auch an Schalen kann sich ein Kind verschlucken!

Was kommt beim Baby-led Weaning konkret auf den Teller? Was tun, um einen Nährstoffmangel zu verhindern?

  1. Die Grundlage bildet eine abwechslungsreiche Kost:
    Nutze die Vielfalt der Lebensmittel in Bezug auf Farben, Konsistenzen und Formen. Das heißt, du kannst nicht nur die Lebensmittel austauschen, sondern auch gleiches Essen in einer anderen Zubereitungsart (z. B. als Bratling) anbieten!
  2. Biete 3 bis 4 verschiedene Lebensmittel und jeweils 1 Stück von jedem auf dem Teller an. Es kann immer nachgenommen werden!
  1. Stelle mindestens ein energiereiches Lebensmittel (z.B. Brot mit Margarine) mit mindestens einem eisenreichen Lebensmittel (z. B. Bratenaufschnitt/Linsen-Aufstrich) pro Mahlzeit zusammen!
  2. Beobachtungen: Lasse die Entwicklung des Kindes ärztlich langfristig beobachten,
    u. a. auch, ob eine Nahrungsergänzung (z. B. mit Eisen) erforderlich ist?

Beispiele für BLW

Mahlzeiten-Ideen:

  • Eieromelette, z.B. mit Spinatfüllung
  • Pizza oder Flammkuchen mit Gemüse belegt
  • Risottobällchen mit Gemüse und Fisch
  • Lasagnemuffins
  • Ofengemüse + Ofenkartoffeln
  • eingerollte gefüllte Pfannkuchen
  • Gemüsebratlinge/ Frikadellen
  • Maiskölbchen/ Hähnchenkeule zum Abnagen

Snack-Ideen:

  • Grießschnitte
  • Bananenbrot
  • Brot- und Käsestreifen
  • Obststücke mit Nussmus
  • süße oder herzhafte Waffeln
  • süße oder herzhafte Muffins
  • Brokkoliröschen, Nektarinen- oder Avocadospalten
  • Gemüse/ Getreidestangen (z.B. Dinkelstangen) mit Dip
  • Maiswaffel mit pflanzlichem Aufstrich

Fazit

Das BLW kannst du alternativ zur Breikost oder zusätzlich praktizieren. Ansonsten ist es eine gute Ausweichmöglichkeit, wenn dein Baby das pürierte Essen verweigert. Mit 8 Monaten wird für Breibabys ohnehin empfohlen, Fingerfood anzubieten. So kannst du die breifreie Methode auch nutzen, um den Übergang zur Familienkost zu gestalten, sofern du Lebensmittel gezielt auswählst, Maßnahmen vornimmst und dem Verschlucken vorbeugst. Für die konkrete wissenschaftlich fundierte Bewertung des BLW sind allerdings noch Langzeitanalysen erforderlich.

Zur Autorin:
Nyara T. Gehringhoff ist Ernährungswissenschaftlerin (M. Sc.), arbeitet in einer ernährungsmedizinischen Abteilung im Krankenhaus und berät Familien rund um das Thema Ernährung. Für ihr Studium hat sie ein Stipendium der „Begabtenförderung Berufliche Bildung“ des Bundesministerium für Bildung und Forschung erhalten. 2014 hat sie den Wissenschaftspreis beim internationalen Kongress der DGEM (Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin erhalten. Mehr über ihre Arbeit erfährst du auf ihrem Blog nyarasfamilyfood.de und in ihrem Instagramkanal.

„Ich will das aber haben!“ – Mit Kindern einkaufen gehen

Und da stehen wir: nach dem Kindergarten wollen wir eigentlich „noch schnell“ eine Runde einkaufen gehen für das Abendessen, schließlich haben wir es vorher nicht geschafft. Das Kind neben uns erzählt ein wenig vom Kindergartentag und auf einmal möchte es so viel haben: dieses Joghurt hier mit dem lustigen Aufdruck, eine Süßigkeit da und dann geht es auch noch vorbei an den Kinderzeitschriften mit buntem Plastikspielzeug von den Fernsehsuperheld*innen. Und als wir an der Kasse ankommen, gibt es da auch noch einmal eine ganze Reihe an scheinbar leckeren Dingen. Sollen wir das wirklich alles kaufen? Spätestens jetzt, vielleicht schon früher ist der Moment da: Das Kind beginnt, vehementer einzufordern, schreit vielleicht, wird wütend. – Ein immer wieder auftretendes Problem, nur was lässt sich da tun?

Verständnis für das Kind

Ein typischer Zeitpunkt für das Einkaufen ist die Zeit nach dem Kindergarten: die Erwerbsarbeit ist vorbei, das Kind vom Kindergarten abgeholt, auf dem Weg nach Hause liegt der Einkaufsladen. Es könnte doch so einfach sein. Aber das Kind hat einen anstrengenden Tag hinter sich und auch wenn die Zeit im Kindergarten schön war, bedeutet sie auch oft, dass Kinder über mehrere Stunden viele Kooperationen eingehen müssen und viele Reize verarbeiten.

Nach dem Kindergarten passiert es ohnehin nicht selten, dass die Kinder sich erst einmal auf die andere Bezugsperson (meistens die Eltern) einstellen müssen, also eine Änderung der Bezugsperson vollzogen werden muss, und dass sie dort auf einmal Nähe und Zuwendung einfordern, vielleicht indem sie sich nun anziehen oder tragen lassen wollen oder auch eine Kleinigkeit zu essen oder zu trinken fordern. Vielleicht wollen sie sich jetzt erst einmal fallenlassen.

Nun auch noch einkaufen zu gehen, kann für das Kind, das schon viel kooperieren musste und erschöpft ist, vielleicht auch gerade etwas ganz anderes machen möchte, eine Herausforderung sein. Dazu kommen noch die vielen Reize im Einkaufsladen, die genau auf Kinder zugeschnitten sind. Wenn Mama oder Papa ohnehin einkaufen, dann kann es doch auch dieses oder jenes für mich sein? Einen Überblick über Kosten und gesunde Ernährungsweise können wir von unseren Kindergartenkindern noch nicht erwarten.

Bei dem beständigen Versagen von gewünschten Dingen passiert es schnell, dass das Kind emotional reagiert – je jünger, desto schwieriger ist es, die Emotionen reguliert zu zeigen. Sie brechen „einfach“ hervor. Und unser „Nein“ zu all den aus Kinderperspektive tollen Dingen kann ganz schön belastend sein für ein Kind.

Verständnis für die Erwachsenen

Auf der anderen Seite ist da ein Elternteil, das auch erschöpft ist vom Tag. Vielleicht ist auch hier die Kooperationsbereitschaft schon etwas eingeschränkt und der Wunsch groß, einfach schnell fertig zu werden, nach Hause zu kommen und die Beine hoch zu legen. Natürlich können Erwachsene viel besser mit ihren Gefühlen umgehen und dennoch sind auch sie manchmal erschöpft, müde, überreizt und es fällt nicht mehr so leicht, geduldig zu sein. Vielleicht ist es auch nicht so einfach, dass das Kind beständig so viele Wünsche hat, die sich nicht alle erfüllen lassen.

Und gerade dann, wenn um einen herum so viele Augenpaare sind, die das wütende Kind kritisch in den Blick nehmen, kann das auch zusätzlich belastend sein und weiteren Stress erzeugen.

Gemeinsam durch den Einkauf

Natürlich ist es, solange der Einkauf mit Kind emotional immer wieder aufreibend ist, praktisch, wenn er irgendwie ohne Kind organisiert werden kann: vor dem Abholen, durch eine andere Person oder als Großeinkauf am Wochenende. Aber nicht immer ist das möglich. Was helfen kann sind folgende Punkte:

  • eine festgelegte Einkaufsliste haben (hilft auch dem Elternteil, wirklich bei den Dingen zu bleiben, die man wirklich kaufen will)
  • erklären, was jetzt passieren wird und was gekauft wird
  • das Kind einbinden in das „Finden“ von Lebensmitteln
  • eventuell dem Kind schon vorab sagen, dass es sich eine Sache aussuchen darf
  • wenn es doch zu einem Wutausbruch kommt: ruhig bleiben, die Gefühle des Kindes annehmen und versuchen, eventuell kritische Kommentare oder Blicke auszublenden
  • wenn man selbst nicht in der Situation mit einem wütenden Kind ist, aber andere Eltern in dieser Situation antrifft: Verständnis signalisieren – wir kennen das alle
  • langfristig mit größeren Kindergartenkindern: zusammen die Einkaufsliste schreiben und ggf. einen Wochenplan für die Speisen machen, bei dem alle berücksichtigt werden und ihre Wünsche einbringen können

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Was willst du mit Strafen bezwecken? – Ein Perspektivwechsel

„Jetzt hast du wieder nicht aufgeräumt, deswegen wird heute nicht ferngesehen!“, „Du sollst dem anderen Kind nicht immer das Spielzeug wegnehmen, jetzt gehen wir deswegen nach Hause!“, „Du hast mich angelogen, heute gibt es keinen Nachtisch!“ – Solche und ähnliche Sätze sind noch immer häufig verbreitet in Familien: Wenn wir verleitet sind, bestrafen zu wollen, haben wir meistens einen Impuls, dass ein bestimmtes Verhalten des Kindes „abgestellt“ werden soll. Vielleicht sind wir extrem verärgert, vielleicht reiht sich das Verhalten des Kindes in eine lange Reihe anstrengender Situationen des Tages ein und ist nur noch der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Warum geht es hier eigentlich? Das Bedürfnis hinter DEINEM Handeln erkennen

In der bedürfnisorientierten Elternschaft geht es oft darum, das Bedürfnis des Kindes hinter dem Verhalten zu erkennen. Aber nicht weniger wichtig ist es, das Bedürfnis hinter dem Verhalten von Erwachsenen zu erkennen, gerade in solchen schwierigen Situationen. Abgesehen davon, dass Strafen für Kinder weder sinnvoll noch gut sind, können wir auch einmal in uns selbst hinein hören: Worum geht es hier eigentlich?

Meistens steht hinter unserem Handeln auch ein Bedürfnis: Meistens geht es nicht „nur“ um das „Abstellen“ einer Handlung, sondern auch um das, was bei uns hinter dem Gefühl der Wut oder Enttäuschung steht: ein Bedürfnis. Das Kind erfüllt mit seinem Handeln einen bestimmten Wert nicht, der uns wichtig ist. Wird nicht aufgeräumt, fühlen wir uns vielleicht nicht ausreichend gesehen in unserer eigenen Überlastung, uns fehlt Wertschätzung für das, was wir als Eltern ständig leisten. Streitet sich das Kind mit einem anderen, haben wir vielleicht das Gefühl, dass das Kind zu wenig Empathie zeigt. Und wenn es uns anlügt, sind wir enttäuscht von der fehlenden Ehrlichkeit des Kindes.

Strafen helfen nicht, um Werte zu vermitteln

Damit wird – wieder unabhängig davon, dass das Kind durch Strafen nicht nachhaltig lernt – auch für uns klar, dass wir ganz persönlich auch mit einer Strafe nicht das Ziel erreichen, um das es uns eigentlich geht: Wir können Wertschätzung, Achtsamkeit, Empathie nicht durch Strafen erzwingen oder bewirken. Wir vermitteln durch eine Strafe nicht den Wert, um den es uns eigentlich geht.

Für beide – Eltern und Kinder – ist deswegen wichtig, dass wir dem wahren Bedürfnis hinterher spüren und dann nachhaltige Problemlösungsstrategien entwickeln und gemeinsam reflektieren, warum etwas passiert ist und wie das anders geregelt werden kann. In Konfliktsituationen lohnt es sich, als erwachsene Person sich erst einmal kurz selbst zu beruhigen und dann zu überlegen: Worum geht es meinem Kind in dieser Situation gerade wirklich? Welches Bedürfnis leitet das Handeln meines Kindes? Und dann zu ergründen, was wir uns eigentlich wünschen in dieser Situation. Mit diesem Wissen können wir dann dem Konflikt begegnen.

Wir können erklären: „Du hattest keine Lust aufzuräumen, weil du so ins Spiel vertieft warst, aber für mich ist es anstrengend, immer alles allein machen zu müssen. Komm, wir räumen zusammen auf und schauen nochmal, wo alles hingeräumt werden kann.“ oder „Du möchtest auch mit so einer großen Schaufel spielen. Leider haben wir nur die kleine Schaufel bei, lass uns probieren, damit auch so tief zu graben. Das Kind möchte mit seinem Spielzeug selbst spielen und darauf sollten wir Rücksicht nehmen, wenn es nicht teilen möchte.“ oder „Du hast mich angelogen, weil du Angst hattest, ich würde mit dir schimpfen. Das ist schade, lass uns lieber zusammen eine Lösung finden für das Problem.“

Es gibt viele Möglichkeiten, wie wir Schwierigkeiten begegnen können jenseits von Strafen, damit wir einerseits unsere Werte vermitteln können und andererseits die Kinder wirklich etwas aus der Situation lernen können.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Aber du bist doch eigentlich müde…

Eigentlich reibt sich das Kind schon die Augen. Gegähnt hat es auch schon. Aber es will einfach nicht ins Bett. Vielleicht ist es ja doch noch nicht müde? Aber so richtig spielen möchte es auch nicht. Vielleicht wirft es das Spielzeug lustlos in die Ecke, sucht sich ein neues, aber auch das wird nicht lang bespielt. Wieder Augenreiben, aber kein Schritt voran in das Bett. Müde oder nicht müde?

Viele Eltern kennen diese oder ähnliche Situationen. Und viele Eltern zweifeln an ihrem Gefühl: „Wenn das Kind wirklich müde wäre, dann würde es doch jetzt schlafen?!“ Tatsächlich geht aber beides: müde sein und trotzdem nicht einschlafen können.

Den Absprung zum Schlaf finden

Kleinkinder haben oft noch Schwierigkeiten mit der Selbstregulation. Viele Bereiche der Regulation lernen sie erst durch Unterstützung durch die Eltern, beispielsweise durch Begleitung und Vorleben von Möglichkeiten. Wenn Kleinkinder den Absprung zum Schlaf, also das richtige Zeitfenster, nicht finden, überreizen sie. Sie sind noch nicht fähig, sich dann selbst zu regulieren. Sie sind müde, können aber nicht einschlafen. Gleichzeitig fehlt ihnen das Zeitfenster und die Möglichkeit, sich in den Schlaf zu begeben. Sie können noch nicht wie Erwachsene denken und sagen: „Ich bin eigentlich müde. Auch wenn ich noch nicht einschlafen kann, lege ich mich mal hin zum Ausruhen.“ So spielen sie übermüdet weiter. Je häufiger der Absprung nicht geschafft wird, desto erschöpfter, gereizter und auch wütender kann das Kind werden.

Wichtig ist daher, wenn das Kind müde wird, den passenden Zeitpunkt zu finden für die Begleitung in den Schlaf. Die Müdigkeit erkennen wir einerseits vielleicht an den Signalen des Kindes: es wird ruhiger, weniger aktiv, starrt vielleicht etwas vor sich hin. Nun wäre ein guter Zeitpunkt, um in den Schlaf zu überführen. Zeigt es diese Anzeichen, ist es sinnvoll, zeitnah zu reagieren. Wenn wir denken „Das Kind ist müde, aber ich räume lieber noch eben den Tisch ab/wir müssen jetzt noch schnell die Füße waschen vor dem Bett/nur noch schnell die Brote für morgen machen.“ dann kann dies schon das Zeitfenster verschieben. Gähnen und das Reiben der Augen zeigen auch viele Kinder als Müdigkeitszeichen, dann aber müssen wir uns bereits etwas beeilen, um den Absprung zum Schlafzeitfenster nicht zu versäumen. Besser ist es, die früheren, leiseren Zeichen des Ruhebedürfnisses zu erkennen.

Neben dem Erkennen der Signale und der Möglichkeit, darauf zu reagieren, ist es deswegen wichtig, dass der Nachmittag/Abend eine gute Struktur erhält, die langsam auf die Bettgehzeit zuführt. Der Überreizung kann entgegengewirkt werden, indem alle Aktivitäten und Tätigkeiten gegen Abend hin immer ruhiger werden und weniger ablenkend sind – sowohl für uns selbst, auch auch für das Kind. So ist es leichter möglich, regulierend einzuwirken und dabei zu helfen, dass sich das Kind doch noch etwas ausruht, vielleicht lieber gemeinsam ein Buch mit uns ansieht, als noch wilder zu spielen, so dass wir dann bei den nächsten Ruhezeichen wirklich den Absprung zum Schlaf finden und begleiten können.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

„Lächeln und winken“ klappt leider meistens nicht bei Kindern

Wir alle kennen sie, die Sätze „Da darfst du nicht drauf reagieren!“, „Das musst du ihm/ihr abgewöhnen, indem du einfach nicht drauf eingehst!“, „Tu einfach so, als wär es dir egal.“ – Aber wir alle wissen auch: Irgendwie klappt das nicht. Und schon gar nicht langfristig. Denn Kinder, die ein Verhalten zeigen, das uns vielleicht stört/unangenehm ist, wollen mit diesem Verhalten auf ein Bedürfnis aufmerksam machen. Und Bedürfnisse werden unerhört immer wieder zu unerhörten Taten führen. Und ohne passende Begleitung lernen Kinder nicht, mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen umzugehen.

Was passiert, wenn wir das Verhalten belächeln

Beginnen wir aber noch einmal am Anfang: Das Kind verhält sich auf eine Weise, die wir als unangenehm empfinden: vielleicht haut es uns, vielleicht kippt es absichtlich das Glas um, das auf dem Tisch steht. Wenn wir nun nicht unsere persönliche Grenze ziehen und authentisch (aber nicht abwertend, beschämend oder gewaltvoll) aufzeigen, dass dieses Verhalten für uns unangenehm ist, sondern das Verhalten relativieren, vielleicht sogar dem Konflikt ganz aus dem Weg gehen wollen und nur lächelnd mitmachen, erfährt das Kind kein passendes Feedback von uns. Es lernt vielmehr, dass das gezeigte Verhalten in Ordnung ist und wird es in einer anderen Situation recht wahrscheinlich wieder zeigen, um Aufmerksamkeit zu erlangen. So hat es nicht die Möglichkeit, passende Handlungsweisen zu erlernen, um auf ein Bedürfnis aufmerksam zu machen.

Was passiert, wenn wir dem Verhalten nicht auf die Spur gehen

Oft liegt einem störenden oder gewaltvollem Verhalten eigentlich ein Bedürfnis zugrunde, dass das Kind ausdrücken möchte. Vielleicht wurden andere Signale des Kindes bisher übergangen, vielleicht kann es sich noch nicht gut ausdrücken oder hat bereits ein falsches Verhalten als richtige Problemlösungsstrategie abgespeichert. Es ist wichtig, das eigentliche Bedürfnis hinter dem Verhalten ausfindig zu machen und zu befriedigen, damit das Verhalten wirklich langfristig geändert werden kann. Solche Bedürfnisse können beispielsweise Hunger und Durst sein, aber auch Müdigkeit, Selbstwirksamkeit, Autonomie, Nähe, Anerkennung. Ein Ignorieren des Verhaltens ist deswegen nicht zielführend, weil es das Bedürfnis nicht berücksichtigt und langfristig auch der Bedürfniswahrnehmung des Kindes schaden kann.

Was passiert, wenn wir beim Umgang nicht helfen

Was das Kind also braucht, ist einerseits ein authentisches Gegenüber, andererseits eine passende Reaktion auf das eigentliche Bedürfnis und drittens eine gute Lösungsstrategie. Von uns lernt das Kind, mit Gefühlen und Bedürfnissen umzugehen. Wir vermitteln, welches Verhalten in welchen Situationen angemessen ist und wie das Kind auch nach und nach selbst für die Bedürfnisse sorgen kann. Ohne unsere Unterstützung und unser Vorbild ist es schwer für das Kind, das passende Verhalten zu erlernen.

„Lächeln und winken“ mag noch immer ein Tipp sein – aber wir sollten ihn eher auf solch überholte Ratschläge von Außen beziehen. Kinder brauchen ein authentisches, echtes Gegenüber, das sie in das Leben begleitet und ihnen Aufmerksamkeit, Hilfe und Unterstützung anbietet. Damit sie es dann nach und nach alleine schaffen und ihren Bezugspersonen zulächeln und ihre Hilfe abwinken, wenn sie dazu bereit und in der Lage sind.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Ich will Ruhe, Du willst Spiel

Ein langer Arbeitstag liegt hinter uns, das Kind ist vom Kindergarten abgeholt und hatte ebenfalls einen vollen Tag mit Erfahrungen, sozialem Austausch, Regeln. Eigentlich wollen wir als erwachsene Person uns jetzt kurz ausruhen: Endlich mal die Beine hochlegen nach dem langen Tag, Gedanken abschalten, einfach ausruhen. Vielleicht sind wir erschöpft, vielleicht sogar etwas kränklich. Aber da ist das Kind an unserer Seite, das nun mit uns spielen will. Schnell kann eine solche Situation zu einem Streit führen zwischen „Ich will spielen!“ – „Ich will Ruhe!“

Bedürfnisse verstehen

Dass wir nach einem Arbeitstag Ruhe und Entspannung als Erwachsene brauchen, ist verständlich. Es ist wichtig, dass wir dieses Bedürfnis wahrnehmen und darauf reagieren, für uns selbst und unser Wohlergehen und auch die Beziehung zum Kind: Nur wenn es uns selbst gut geht, unsere Bedürfnisse berücksichtigt werden, können wir langfristig auch gut mit den Bedürfnissen des Kindes umgehen.

Auf der anderen Seite steht das Kind mit einem Bedürfnis. Denn ja: Der Wunsch nach gemeinsamen Spiel ist wahrscheinlich nicht nur ein Zeitvertreib, es möchte uns damit auch nicht ärgern oder nur die Langeweile besiegen. Nach der Zeit der Trennung ist es gut möglich, dass das Kind gerade jetzt das Bedürfnis nach Nähe hat, die Verbindung zur Bezugsperson herstellen will.

Dieser Blick darauf, dass beide Personen jetzt ein Bedürfnis haben, ist ein erster wichtiger Schritt, um einem Konflikt aus dem Weg zu gehen: Wir nehmen keine böse Absicht an, kein Machtspiel, kein Ärgern.

Kompromisse finden

In einer Familie können unterschiedliche Bedürfnisse unterschiedlicher Personen zusammentreffen und die Aufgabe der erwachsenen Bezugspersonen ist es, einen Weg durch das Wirrwarr der unterschiedlichen Bedürfnisse zu finden, der alle langfristig gleichmäßig berücksichtigt. Wir müssen also gute Kompromisse finden und können uns dazu fragen: Welches der Bedürfnisse ist am ehesten aufzuschieben? Gleichzeitig müssen wir aber auch bei einer Verschiebung im Blick behalten, dass wir das verschobene Bedürfnis dann auch wirklich erfüllen: Wenn wir sagen, dass wir beispielsweise gleich etwas zusammen spielen nach der Ruhe, dürfen wir nicht in die „Ja, ja, sofort“-Falle tappen. Und anders herum: Wir dürfen unsere eigenen Bedürfnisse als erwachsene Person nicht beständig aufschieben und vergessen, um unseren Kindern einen vermeintlichen Gefallen zu tun.

Was also können wir tun? Wir können also überlegen, ob eines der Bedürfnisse verschiebbar ist: In dieser Situation mit einem Kleinkind ist das Bedürfnis nach Nähe wahrscheinlich weniger aufschiebbar, aber auch unsere Erschöpfung braucht eine Antwort. Daher können wir nach weiteren Kompromissen suchen: Vielleicht können wir gemeinsam ruhen und ein Hörspiel hören, Musik hören, einer Traumreise für Kinder nachgehen, ein Buch ansehen. Vielleicht lässt sich das Kind auch darauf ein, schon einmal etwas zum Spielen aufzubauen, wenn wir selbst nur eine kurze Pause brauchen. Vielleicht gibt es ein Massagespiel, das gespielt werden kann: Die erwachsene Bezugsperson ist die Pizza und liegt bäuchlings auf dem Boden, das Kind knetet den Rücken, belegt ihn und reibt mit den Händen wärmend darüber. Solche Kompromisse können beide Seiten in den Blick nehmen. Vielleicht können wir auch zukünftig einplanen, dass wir vor dem Abholen des Kindes eine kleine Ruhepause für uns selbst einplanen: eine Viertelstunde auf der Parkbank sitzen und entspannen, bevor das Kind abgeholt wird.

Im Alltag mit Kind(ern) gibt es immer wieder Situationen, in denen verschiedene Bedürfnisse im Raum stehen und gegeneinander abgewogen werden wollen. Oft können wir durch Gespräche und/oder eigene Überlegungen Lösungen finden, die einen Mittelweg anbieten und damit gleichzeitig einen guten Weg für die Eltern-Kind-Beziehung.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Warum viele Kinder eine Begleitung beim Einschlafen UND Aufwachen brauchen

Die Einschlafbegleitung sind wohl die meisten Eltern aus dem ersten Babyjahr bereits gewohnt. Oft wird um den ersten Geburtstag herum überlegt: Wann hört das eigentlich auf? Braucht das Kind das überhaupt noch? Und gerade dann, wenn ein Kind bislang beispielsweise beim Stillen immer problemlos eingeschlafen ist und nun länger und aufwändiger begleitet werden muss, weil es nicht mehr beim Trinken einschläft, stellen sich manche Eltern die Frage, wie lange denn dieses neue Ritual anhalten muss und ob es nicht doch Alternativen gibt zu diesem oft zeitaufwändigem Begleiten. Gerade bei Kleinkindern wird dann aber nicht nur das Einschlafbegleiten, sondern auch das Aufwachen ein Thema: Nicht wenige Eltern kennen die Situation, dass das Kind am Morgen oder nach dem Mittagsschlaf übellaunig aufwacht, vielleicht auch weint, schreit oder wütend um sich schlägt.

Schlaf: eine besondere Situation für Kinder

Aber warum nur sind sowohl das Einschlafen als auch das Aufwachen für Kinder so ein Problem? Und Erwachsenen gelingt es doch oft auch, es sich gemütlich zu machen und die Augen zu schließen, um in den Schlaf hinüber zu gleiten und später in Ruhe aufzuwachen, sich umzublicken und in den Tag zu starten?

Beim Einschlafen können wir Erwachsene auf viel Wissen zurückgreifen: Wir wissen, dass unsere Wohnung sicher ist, haben vorher vorausschauend dafür gesorgt, dass unsere verschiedensten Bedürfnisse befriedigt sind (wir sind satt, waren auf Toilette, haben uns zur Gesunderhaltung die Zähne geputzt, die Wohnungstür abgeschlossen, vielleicht nochmal gelüftet für frische Luft, haben den nächsten Tag vorbereitet und den zurückliegenden gedanklich abgeschlossen). So können wir beruhigt von einem Bewusstseinszustand in einen anderen hinübergleiten. Wir Erwachsene wissen aber auch: Wenn uns noch etwas gedanklich beschäftigt, ist dieser Übergang in die Schlafphase nicht so problemlos möglich. Ohne Entspannung, kann auch für uns dieser Übergang schwierig werden.

Bei kleinen Kindern hingegen verhält sich die Situation noch etwas anders: Für sie ist der Schlaf eine Trennungssituation von den schutzgebenden Bezugspersonen, auf die sie noch angewiesen sind. Sie wissen nicht um die Sicherheit dieser Wohnung, dass wir über den Schlaf wachen, auch wenn sie träumen, dass ihnen nichts passieren kann. Bei größeren Kindern kann es sogar zu Ängsten vor Monstern und gefährlichen Tieren im Zimmer kommen, obwohl das in der Realität ausgeschlossen ist. Das Loslassen in diese Phase ist deswegen für Kleinkinder oft gar nicht so einfach. Immerhin: Sie haben das Schutzsystem des nächtlichen Aufwachens, mit dem sie nachts die Rahmenbedingungen der Sicherheit überprüfen.

Nach und nach lernen Kinder ihren Schlafort als sichere Basis kennen und vertrauen darauf. So können sie selbst wieder einschlafen, wenn sie einmal aufgewacht sind. Doch diese Entwicklung braucht Zeit und von Eltern die Unterstützung, den Schlafplatz als sicheren Ort zu erfahren – egal ob Familien- oder eigenes Kinderbett. Die Kinder lernen, dass immer eine Bindungsperson in der Nähe ist und dass sie nachts nichts befürchten müssen. Diese Sicherheit gilt es, ihnen in den ersten Jahren zu vermitteln.

aus: Susanne Mierau (2020): Geborgene Kindheit, S.55

Auch das Aufwachen kann herausfordernd sein

Beim Aufwachen verhält sich die Situation nun anders herum: Das Kind gelangt vom Schlaf in den Wachzustand. So, wie wir Erwachsene manchmal auch noch etwas brauchen, um nach einem aufreibenden Traum im Hier und Jetzt anzukommen, kann das auch bei den Kindern auf kindliche Weise vorkommen. Sie sind desorientiert, vielleicht greifen sie zunächst noch nach etwas, was sie Schlaf anfassen wollten, einige sind auch aus diesem Wechsel heraus wütend. Wie beim Einschlafen ist auch hier Sicherheit ein gutes Angebot, um die Situation zu begleiten: Manche Kinder mögen es, nach dem Aufwachen noch zu kuscheln und so langsam anzukommen. Wenn der Start in die Wachphase turbulenter ist, helfen manchmal Erklärungen: „Du hast gerade geschlafen und bist jetzt aufgewacht. Ich bin hier.“

Wichtigstes Hilfsmittel in beiden Situationen: Co-Regulation

Sowohl beim Einschlafen, als auch beim Aufwachen sind viele Kinder darauf angewiesen, dass eine nahe Bezugsperson sie unterstützt. Diese Unterstützung gibt ihnen Sicherheit und ein gutes Gefühl in der konkreten Situation, wodurch sie sich beruhigen können bzw. von der Bezugsperson eine Anleitung zur Beruhigung (unbewusst) vermittelt bekommen. Mit der Zeit lernen sie, wie sie sich selber beruhigen können und verinnerlichen auch das Gefühl von Sicherheit der Rahmenbedingungen. Einschlafroutinen können hilfreich sein, um das Gefühl der Sicherheit zu unterstützen. Manche Kinder haben auch für uns unangenehme Einschlafrituale entwickelt wie kratzen oder knibbeln, die wir verständnisvoll umlenken können.

Aus dieser Perspektive betrachtet ist auch klar, warum es Kindern schwer fällt, zur Ruhe zu kommen, wenn der begleitende Elternteil selbst unruhig ist oder unter Zeitdruck steht: Das Kind spürt die Unruhe, es wird unsicher und gleichzeitig fehlen Beruhigungsstrategien. So kann sich das Einschlafen hinauszögern.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Warum es sich (auch in späteren Jahren) lohnt, bei Babys „bei jedem Piep zu springen“

Aber wenn wir immer alle Gefühle begleiten und darauf eingehen, wird das Kind dann nicht unselbständig und fordert es dann nicht auch ständige Begleitung ein? Schwächen wir es nicht, wenn wir bei jedem „Piep“ aufspringen und da sind, Verständnis zeigen und mitfühlen?

Woher der Gedanke des Verwöhnens u.a. kommt

Noch immer tragen wir an der Last der frühen Form des Behaviorismus: Hier wurde jedes Verhalten auf Reiz und Reaktion zurückgeführt und innerpsychische Vorgänge wurden ausgeklammert. Das typische Bindungsverhalten des Babys wurde so interpretiert, dass es dazu dienen würde, die Bindungsperson in der Nähe zu behalten – was im Groben durchaus passend ist. Allerdings lässt sich davon nicht, wie es getan wurde, ableiten, dass dieses Eingehen dazu führen würde, dass die Kinder für immer auf das Eingehen angewiesen wären: John B. Watson, einer der Väter des Behaviorismus, erklärte 1928, dass zu viel Sorge die Entwicklung des Kindes verzögern und das Kind auf das Umsorgtwerden konditionieren würde.* Diese Theorie prägte, auch wenn sie unbewiesen blieb, die Erziehung der kommenden Jahre und hält auch heute noch Einzug in unser Denken.

Babys brauchen genau dieses Eingehen und Begleiten

Wenn das Baby auf die Welt kommt, versteht es nicht, was es fühlt und wahrnimmt in dem Sinne, wie wir Erwachsenen unsere Gefühle und Eindrücke einordnen können. Es spürt etwas, das vielleicht unangenehm ist und weiß nicht, dass es Hunger ist oder ein drückender Knopf des Bodys oder die Nässe der Windel. Es spürt ein unangenehmes Gefühl, das es nicht einordnen kann und drückt das Unbehagen aus durch Signale. Wenn wir als Bezugspersonen darauf reagieren, können wir dem Kind drei Dinge vermitteln:

Einerseits vermitteln wir, was die Ursache der Wahrnehmung ist und geben dem Kind so die Möglichkeit, sich selbst und die eigene Wahrnehmung kennen und verstehen zu lernen. Gleichzeitig zeigen wir, indem wir reagieren, welche Problemlösungsstrategien es bei bestimmten Gefühlen und Wahrnehmungen gibt. Diese Strategien werden im „prozeduralem Gedächtnis“ des Kindes gespeichert, so dass es mehr und mehr lernt, was es selbst tun kann in bestimmten Situationen**. Und schließlich vermitteln wir dem Baby auch, dass es wichtig ist für uns und wir uns um das Kind kümmern – die Basis für ein Urvertrauen.

In der Kleinkindzeit kann dann etwas gewartet werden

Ist das Kind der Babyzeit entwachsen und hat ein grundlegendes Vertrauen und auch einige Selbstberuhigungsstrategien entwickelt, muss nicht immer prompt reagiert werden, sondern das Kind kann zunehmend lernen, dass bestimmte Bedürfnisse auch aufgeschoben werden können und auch bei einem Aufschieben noch sicher etwas später beantwortet werden. Aus der sicheren Beantwortung der Bedürfnisse im ersten Lebensjahr hat das Kind ein Vertrauen entwickelt, dass sich auf das Eingehen des Kindes auf die Bedürfnisverschiebung auswirkt: Hat das Kind gelernt, dass die Bedürfnisse bisher sicher erfüllt werden, ist es oft in späteren Zeiten kooperativer, weil es von dem Erfüllen prinzipiell ausgeht.

Im ersten Jahr legen wir den Grundstein

Es lohnt sich also, wenn wir gerade im ersten Jahr versuchen, auf die Bedürfnisse des Babys schnell und richtig einzugehen. Durchaus gibt es – gerade am Anfang – auch einige Abstimmungsprobleme und nicht immer verstehen Eltern gleich, was das Baby gerade braucht. Aber allein das Umsorgen und Dasein hat viele Vorteile, auch wenn Eltern nicht gleich (oder mal auch überhaupt nicht) die Ursache finden: Es zeigt dem Kind, dass wir da sind und versuchen, zu helfen. Und dieses Umsorgen bildet den Grundstein für ein Vertrauen, von dem Kinder und Eltern in den späteren Jahren noch profitieren. Es ist vollkommen in Ordnung, wenn wir aufspringen, Nähe geben und umsorgen.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Literatur:
* Bischof-Köhler (2011): Soziale Entwicklung in Kindheit und Jugend: Bindung, Empathie, Theory of Mind – Stuttgart: Kohlhammer, S. 93
** Hoffmann, K./Cooper, G./Powell, B. (2019): Aufwachsen in Geborgenheit. Freiburg: Arbor, S.136

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de