Kategorie: Geborgen Wachsen

Wenn Kinder unangenehme Einschlafrituale haben…

Von Anfang an unterscheiden sich Kinder bereits in ihrer Erregbarkeit, Tröstbarkeit, in ihrem Ausdruck. Auch das Einschlafen ist bei Kindern unterschiedlich und einige brauchen dazu mehr Ruhe, andere stören sich nicht an lauteren Umgebungsgeräuschen. Und auch im Laufe der Zeit können sich verschiedene Rituale und Gewohnheiten ausbilden, die für Kinder den Übergang zum Schlaf markieren: einige Kinder gewöhnen sich daran, in bestimmter Weise im Arm zu liegen, andere gewöhnen sich daran, wenn ihnen vorgesungen wird beim Einschlafen und wieder andere bilden bestimmte Rituale und Gewohnheiten aus wie das Knibbeln oder Kratzen an der Haut der Person, die das Einschlafen begleitet, das Spielen an den Haaren zur Beruhigung oder auch beim Einschlafstillen das Kneifen in die Brust. Eltern sind bei solchen Einschlafritualen manchmal überfordert und gefangen zwischen dem Gefühl, dass das Einschlafen so funktioniert und sie darüber froh sind einerseits, und dem Umstand, dass diese Angewohnheit anstrengend für sie selbst ist. Oft gibt es einen Punkt, an dem sie sich fragen: Muss ich das wirklich weiter ertragen, nur damit das Kind einschläft?

Der Übergang zum Schlaf

Während Babys in den ersten Monaten nach der Geburt noch „nachreifen“ und der Schlaf noch annähernd gleich über Tag und Nacht verteilt ist, gleicht er sich nach und nach an den Tag-Nacht-Rhythmus an und nach den ersten drei Monaten des Nachreifens zeigt sich, dass bereits ein großer Anteil des täglichen Schlafbedarfs nachts eingenommen wird – allerdings noch unterbrochen, was noch lange Zeit sehr normal ist. Für den guten Übergang zum Schlaf müssen bestimmte Rahmenbedingungen erfüllt ein und das Kind muss sich sicher aufgehoben fühlen – dafür bevorzugt es sehr oft die Nähe von Bezugspersonen, da diese Wärme, Schutz, Nahrung nach Bedarf und Sicherheit versprechen. In dieser Zeit der Begleitung entwickeln wir selbst begleitende Rituale und auch die Kinder entwickeln Vorlieben für eine gute Einschlafbegleitung. Das, was wir als Brücke zum Schlaf, als Einschlafritual anbieten, wird zu einer Gewohnheit: bestimmte Rahmenbedingungen im Schlafraum, bestimmte Verhaltensweisen.

Ritualisiertes Einschlafen

Rituale und ritualisierte Handlungen finden sich an vielen Stellen in unserem Alltag und geben uns oft Halt und Struktur. Auch für unsere Kinder ist dies bereits wichtig. Oft leiten sie bewusst oder unbewusst aus einem Ritual eine Art Vorhersage ab: Wenn dieses so passiert, dann passiert als nächstes… Solche Voraussagbarkeit und Beständigkeit beruhigt. Ebenso, wie bestimmte Handlungen selbst beruhigend wirken können. Während für einige Kinder die Rituale den Übergang zum Schlaf erleichtern und markieren, die die Eltern ihnen beim Einschlafen anbieten (Gesang, Nähe, Stillen/Flasche, Berührung,…), entwickeln andere Kinder auch eigene Rituale. Gerade das Kratzen/Knibbeln an Haaren und Haut sind nicht selten. Darüber hinaus entwickeln einige Kinder aus noch nicht geklärten Ursachen auch schlafbezogene rhythmische Bewegungsbilder wie das Rollen mit dem Kopf, das Wippen des gesamten Körpers oder das Schlagen mit Beinen, manchmal begleitet von Brummgeräuschen. Oft verschwinden diese rhythmischen Bewegungen im Laufe der Kindheit und es ist besonders wichtig, das Kind in diesen Situationen vor Verletzung zu schützen. Wenn das Kind aber bestimmte Routinen entwickelt hat, an denen auch die einschlafbegleitende Person beteiligt ist, die sich davon gestört oder verletzt fühlt, kann diese sich auch selbst schützen und versuchen, dem Kind eine andere Brücke zum Schlaf zu bilden.

Statt Kratzen, Knibbeln und Haarewuscheln

Kratzen, Knibbeln und Haarewuscheln sind für die begleitenden Eltern oft auf Dauer anstrengend und natürlich müssen sie dies nicht über sich ergehen lassen, damit das Kind endlich einschläft. Wie auch beim Ungewöhnen vom Einschlafstillen auf das Einschlafen ohne Stillen ist es wichtig, dass wir uns zunächst vor Augen führen, dass diese Brücke zum Schlaf für das Kind bedeutsam ist und eine ganz normale, alltägliche Gewohnheit, von der es selbst nicht versteht, warum sie geändert werden sollte. Es wird daher sehr wahrscheinlich nicht damit einverstanden sein und sieht auch keine Notwendigkeit, die geliebte und etablierte Methode zu verändern.

Beschämung, Schimpfen oder Gewalt in Form von Festhalten der Hände helfen nicht weiter und auch die Androhung, dass das Kind ganz allein einschlafen muss, wenn es „das immer mit uns macht“, wird dem Kind nicht helfen, gut in den Schlaf zu kommen. In letzterem Fall würde nicht nur die besondere Angewohnheit wegfallen, sondern das Kind eine völlig neue und überfordernde Situation erleben. Sinnvoller ist deswegen ein sanftes Vorgehen, bei dem nur das eine Problem ausgetauscht wird:

Hilfreich ist es, dem Kind eine Alternative anzubieten: Vielleicht ein Kuscheltier, an dessen Schweif gedreht werden kann statt an den Haaren des Elternteils, ein Schnuffeltuch mit „tags“, vielleicht aus verschiedenen Materialien, an denen genibbelt werden kann, eine Puppe, die angekratzt werden kann. Auch wenn wir eine solche Alternative einführen, wollen dennoch viele Kinder zunächst die bewährte Handlung ausführen und es braucht Zeit und eine klare, liebevolle Begleitung der Umstellung.

Während das gesamte Schlafritual wie immer verläuft, wird nur die störende Handlung ausgewechselt. So hat das Kind weiterhin Beständigkeit und Sicherheit in vielen Punkten, wird aber immer wieder auf den Ersatz umgeleitet. Wichtig ist deswegen, dass die Eltern, die die Umgewöhnung begleiten, hierfür das Verständnis und die Ruhe mitbringen, beständig umzuleiten und eine Alternative anzubieten. So kann sich nach und nach die Alternative etablieren.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

„Ich habe dich gehört!“ – Kindern das Zuhören bestätigen

„Und dann, Papa, habe ich mit meinem Freund gespielt und wir haben… Papa, hörst Du? Wir haben gespielt und dann… Hörst Du zu?“ viele Eltern kennen solche und ähnliche Gespräche. Oder auch den Umstand, dass mehrere Personen gemeinsam am Tisch sitzen und sich locker unterhalten, während das Kind immer wieder in das Gespräch hineinplatzt mit einer Frage oder Aussage. Oft nimmt das einen negativen Einfluss auf die Atmosphäre und Eltern entgegnen schließlich nicht selten ruppig: „Du sollst uns nicht immer unterbrechen!“ Gerade kleinen Kindern fällt es oft schwer, ihre Gedanken und Empfindungen aufzuschieben. Sie haben den Impuls, das, was sie aktuell bewegt, mitzuteilen und mit diesem für sie wichtigen Inhalt gehört zu werden. Gerade dann, wenn wir von ihnen eigentlich wünschen, dass sie diesen Inhalt nicht gerade jetzt kommunizieren, sondern später, benötigen sie ein klares Zeichen der Aufmerksamkeit von uns, dass wir ihr Signal überhaupt wahrgenommen haben.

Das Kommunikationsproblem

Wenn Erwachsene keine Zeit haben, sich dem Thema des Kindes zu widmen, erfolgt oft keine passende Kommunikation: Das Kind erzählt etwas, möchte Aufmerksamkeit haben, aber die erwachsene Bezugsperson kann oder will gerade nicht zuhören. Anstatt dem Kind zu sagen, wann genau dessen Bedürfnis nach einem Gespräch erfüllt werden kann, wird oft ein „hm“ oder „ja“ oder „aha“ genutzt, damit das Kind die Botschaft loswerden kann, während nicht wirklich zugehört wird. Bemerkt das Kind dies, erzählt es nochmals das gleiche oder fragt nach, was die Bereitschaft der erwachsenen Person für dieses Gespräch oft noch weiter vermindert.

Kurze Zuwendung

Anstatt das Kind mit einem Füllwort abzuspeisen, das ohnehin nicht den gewünschten Effekt zeigt, ist es sinnvoller, sich kurz aktiv zuzuwenden. Kinder wollen gesehen werden, sie wollen das Gefühl haben, dass wir ihnen Aufmerksamkeit zukommen lassen, wenn sie sie benötigen. Was wir also tun können in solchen Situationen ist, eine wirkliche zugewandte Bestätigung zu geben: Sowohl in jenen Situationen, in denen Kinder uns etwas zwischendurch erzählen und wir abgelenkt erscheinen, als auch in jenen Situationen, in denen wir uns gerade jetzt nicht auf das Kind konzentrieren können. Wir können Blickkontakt aufnehmen, das Kind vielleicht sogar leicht berühren, wenn es nah bei uns ist und ihm sagen, dass wir es gehört haben. „Ich habe dich gehört!“ verbunden mit einer körperlichen Zuwendung und einem wirklichen Moment der Aufmerksamkeit zeigt dem Kind, dass wir anwesend sind, dass wir die Geschichte wahrgenommen haben oder auch, mit der Erweiterung „Ich habe dich gehört, aber jetzt gerade mache/spreche ich noch… Gleich höre ich dir zu, wenn ich fertig bin.“ dass wir das Bedürfnis wahrgenommen haben, es aber noch etwas aufschieben müssen.

Wichtig ist bei einem aufgeschobenen Gespräch, dieses dann auch wirklich sicher und von uns ausgehend wieder aufzunehmen: „Jetzt bin ich fertig, jetzt kann ich dir ganz zuhören. Was wolltest du mir erzählen?“ Hierdurch lernt das Kind, dass es sich auf unsere Aussage und Zuwendung sicher verlassen kann.

Nicht selbst interpretieren, sondern das Kind aussprechen lassen

Manchmal sind wir in Eile auch geneigt, die Geschichte des Kindes selbst fortzuführen oder zu interpretieren. Bestätigendes Zuhören meint auch, dass wir nicht unsere Erwachsenenperspektive in den Vordergrund schieben, sondern dass wir zunächst die Wahrnehmung des Kindes anerkennen: Kinder brauchen nicht nur das Gefühl, dass wir uns ihnen ernsthaft körperlich zuwenden und zuhören, sondern auch emotional Zuwendung und Bestätigung zeigen, indem wir ihre Gedanken und Gefühle anerkennen – so wie sie sie wahrnehmen. Nicht immer teilen wir diese Gedanken und Gefühle des Kindes, aber wir können zunächst zeigen, dass wir hören, wie das Kind fühlt und denkt und diesen Inhalt verstanden haben. Wenn ein Kind erklärt, dass es traurig ist, können wir „Ich habe dich gehört!“ zeigen, indem wir die Trauer nicht absprechen durch ein „Aber das ist doch nicht schlimm!“ oder „Ach, das geht schnell vorbei, stell dich nicht so an.“, sondern zunächst annehmen „Du bist ganz schön traurig deswegen, lass uns schauen, wie wir damit umgehen können.“ oder anerkennen, wenn ein Kind uns sagt „Ich kann die Aufgaben einfach nicht lösen, ich bin zu blöd!“, dass das Kind gerade jetzt dieses Gefühl hat. Mit einem „Stimmt doch gar nicht!“ oder „Stell dich nicht immer unter den Scheffel!“ können wir dem Kind in dieser Situation nicht helfen, mit einem „Du fühlst dich gerade blöd, weil du die Lösung der Aufgabe nicht herausbekommst? Lass uns schauen, was dir an der Aufgabe schwer fällt.“ schon eher.

Mit Bestätigung und Annahme des Kommunikationsbedürfnisses können wir unserem Kind zeigen, dass wir es ernst nehmen, seine Signale wahrnehmen, es bei uns mit seinen Bedürfnissen (auch wenn wir sie nicht sofort befriedigen können) sicher ist. Oft können wir dies bereits mit einem sprachlich (oder durch Zuwendung emotional) ausgedrücktem „Ich habe dich gehört“ vermitteln.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Wie wir unsere Kinder JETZT stärken können

Die aktuellen Rahmenbedingungen sind für Kinder und Familien an vielen Stellen schwer: nicht nur die Kontakte zu Familienangehörigen sind eingeschränkt, auch zu Kindern und anderen Familien. Viele Kinder sind aktuell zu Hause mit einem oder mehreren Elternteilen, Schulkinder sollen auch zu Hause Schulinhalte lernen. Auf der anderen Seite befinden sich die Eltern nicht selten in ebenfalls angespannten Verhältnissen durch die Kontakteinschränkungen, durch Sorgen und Ängste, vielleicht Probleme bei der Arbeit und/oder in finanziellen Nöten. Die Situationen von Familien sind komplex und ebenso die als problematisch erlebten Situationen. Dieses Gesamtgefüge an Problemen kann sich dann auch noch auf die Eltern-Kind-Beziehung auswirken, wenn sich die Anspannung durch Konflikte Raum macht.

Reflexion von Gefühlen ist gerade jetzt wichtig

Gerade jetzt ist es deswegen wichtig, zu reflektieren, wie es uns geht und warum es uns wie geht. Zunächst auf der Seite der Eltern: Wie geht es mir gerade? Was sorgt mich und warum? Wo kann ich in dem aktuell begrenzten Raum selbst wirksam sein, wo habe ich „die Dinge in der Hand“ und kann aktiv unsere Lebenssituation gestalten? Wichtig ist auch, dass wir unseren Blick nicht nur auf das richten, was aktuell nicht geht, sondern unsere Ressourcen und die schönen Dinge in den Blick nehmen: Was passiert jeden Tag Schönes? Welchen schönen Moment habe ich heute erlebt, was hat mir gut getan? Es können Kleinigkeiten sein, aber unsere Gedanken verändern sich, wenn wir den Blick besonders auch auf die schönen Momente richten.

Wichtig ist es auch, mit unseren Kindern über ihre Gefühle zu sprechen. Generell sollte das Reden über Gefühle in ihrer Vielfalt einen Platz im Alltag einnehmen. Aber gerade jetzt sind solche Gespräche besonders wichtig. Kinder erleben eine Vielzahl verschiedener Gefühle jeden Tag: von Langeweile über Einsamkeit, Freude, Wut, Liebe – und vielen anderen. Diese Vielfalt können wir mit unseren Kindern besprechen und ihnen bei der Einordnung der Gefühle helfen. Wenn wir merken, dass bestimmte belastende Gefühle über einen längeren Zeitraum immer wieder benannt werden, können wir überlegen, wie wir die Situation verändern können und wo das Kind weitere Hilfe im Alltag braucht. Was Kinder also jetzt gerade ganz besonders brauchen, ist Empathie: Unsere Bereitschaft und Fähigkeit, uns einzufühlen. Das zeigen wir u.a., indem wir unserem Kind wirklich zuhören.

Akzeptanz

Es ist wichtig für das Selbstwertgefühl des Kindes und seine gesamte Entwicklung, dass wir das Kind so, wie es ist, annehmen und schätzen. Kinder müssen bedingungslos geliebt werden und nicht das Gefühl haben, sich beständig für uns verbiegen zu müssen, um zu gefallen oder akzeptiert zu werden.

Gerade jetzt mag es eine besondere Herausforderung zu sein, dass sich nicht das Gefühl einschleicht „Meine Eltern mögen mich nur, wenn ich besonders leise bin“ oder „Meine Eltern fühlen sich unwohl mit mir, weil ich ihre Arbeiten verhindere“. Auch bei Schulkindern gibt es eine besonders schwierige Situation, wenn die Motivation für die Erledigung von Arbeitsblättern gering ist und die Eltern den Druck der Schule zur Erfüllung der Aufgaben weitergeben sollen. Hier kann sich schnell ein Gefühl des „nicht gut genug“ seins einstellen und es entstehen Konflikte. Wichtig ist es gerade jetzt, die Fähigkeiten und Grenzen des Kindes in dieser Situation zu berücksichtigen: Das Schulkind sollte realistische Aufgaben machen, die in dieser aktuellen Situation machbar sind, ohne dass sich die Situation negativ auf die Eltern-Kind-Beziehung auswirkt. Die Erwartungen an das Verhalten jüngerer Kinder sollten nicht durch den persönlichen Druck der Eltern zu hoch werden: Kleinkinder und Vorschulkinder sind weiterhin genau dies und können sich nicht langfristig und täglich den Erwartungen von Büroarbeiten anpassen.

Selbstwirksamkeit

So wie es Erwachsenen gut tut, den Blick auf das zu richten, worin sie gerade aktiv sein können, was sie an den Rahmenbedingungen innerhalb der Vorgaben gestalten können, ist für Kinder Selbstwirksamkeit jetzt besonders wichtig: Wo können sie im Alltag mitbestimmen, im Haushalt helfen, Entscheidungen selbständig treffen und umsetzen und sich kreativ mit Problemen auseinandersetzen? Es ist hilfreich, regelmäßig zu sehen, wo das Kind aktiv werden kann und auch gemeinsam die Teilhabe bewusst zu planen.

Gerade jetzt in dieser Zeit ist es wichtig, die psychische Widerstandsfähigkeit (Resilienz) von Kindern zu unterstützen. Einige Faktoren hierfür werden angeboren, andere ergeben sich über die Zeit und den Umgang im Laufe des Lebens. Zu jedem Zeitpunkt aber können wir als Eltern darauf einwirken, indem wir unsere Kinder liebe- und respektvoll behandeln und ihnen das Gefühl geben, ein wichtiger und wirksamer Teil ihrer sozialen Gruppe zu sein. Das ist, was sie gerade jetzt ganz besonders brauchen.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

„Lass mich doch mal gewinnen!“

Kinder gewinnen lassen, Kinder „stärker“ sein lassen – das fällt manchen Eltern gar nicht so einfach. Schließlich müssen Kinder doch vorbereitet werden aufs Leben? Und sie müssen doch lernen, dass es Menschen gibt, die stärker sind? Sie sollten doch lernen, sich anzupassen? Später lässt sie doch auch niemand immer gewinnen?

Macht umkehren ist gut für Kinder

Jetzt gerade aber sind Kinder noch Kinder und die Möglichkeit, im Spiel auch gewinnen zu können, schadet ihnen nicht nur nicht, sondern kann ihnen sogar sehr gut tun. „Machtumkehrspiele“ nennt die Entwicklungspsychologin Dr. Aletha Solter jene Spiele, in denen Kinder bestimmen dürfen und die „mächtigere“ Position einnehmen: Ob nun bei der Kissenschlacht oder anderen Tobespielen – es tut Kindern gut, mal in der machtvolleren Position zu sein und dieses Gefühl kennenzulernen und dabei auch eigene Gefühle der Aggression und Wut auszulassen, die die sonst unterlegenere Position manchmal mit sich bringt. Auch kann dabei erfahren werden, wie die andere Person mit ihrer Position umgeht, wo es Grenzen gibt, wie diese gewahrt werden (sollten) und aufgezeigt werden können.

In der Umkehr der Position können sich Kinder ausprobieren und die Erwachsenen erleben auch, wie das Kind die mächtigere Rolle wahrnimmt und ausfüllt. Vielleicht fällt es Kindern dabei – je nach Temperament – auch schwer, Grenzen anzunehmen und einzuhalten. Gerade das kann aber auch ein Gesprächsanlass sein, um über das Aufzeigen von Grenzen zu sprechen und festzulegen: Egal wer sich gerade als mächtiger oder unterlegener fühlt, muss immer auf ein „Stopp“ des anderen hören. Dieses gilt in allen Situationen – auch jenseits des aktuellen Spiels.

Aber: auch nicht immer gewinnen lassen

Machtumkehrspiele können eine Bereicherung für den Alltag sein. Das bedeutet aber nicht, dass Kinder immer gewinnen müssten. Zumal das Gefühl, wir Erwachsene sind starke, sichere und vorausschauend schützende Bezugspersonen, auch wichtig für Kinder ist. Eine gute Balance im Alltag ist sinnvoll. Es ist hilfreich, auf das Kind zu achten und zu überlegen, ob eine Umkehr vielleicht jetzt gut tun würde. Möglich ist auch, das Kind gelegentlich einfach zu fragen, wie gespielt werden soll.

Für manche Eltern ist es schwierig, mit der emotionalen Reaktion des Kindes auf das Verlieren umzugehen – aber wie bei vielen anderen Emotionsbegleitungen gilt auch hier, dass Erwachsene sich nicht durch Vermeidung aus der Verantwortung ziehen dürfen in der Begleitung von Gefühlen. Auch wenn das Kind aktuell noch sehr impulsiv auf das Verlieren reagiert, sollten Eltern dies begleiten und ihren Blick immer wieder darauf lenken, dass das Kind eben ein Kind ist.

Aber mein Kind kann nicht verlieren! – Muss es das nicht lernen?

Frustrationstoleranz bildet sich im Laufe der Kindheit aus und ist auch abhängig vom jeweiligen Temperament des Kindes. Einige Kinder brauchen längere und stärkere Begleitung, andere weniger. Hilfreich ist es dabei aber nicht, wenn das Kind immer wieder in frustrierende Situationen gebracht wird, damit es diese Fertigkeit ausbildet: Kinder immer verlieren zu lassen in Brett- und anderen Spielen ist nicht zielführend für das Engagement des Kindes und die Freude am gemeinsamen Spiel und auch nicht für die Ausbildung der Kompetenz im Umgang damit. Hat das Kind größere Schwierigkeiten im Umgang mit dem Verlieren, können kooperative Spiele eher unterstützen: In kooperativen Spielen wird gemeinsam auf ein Ziel hin gearbeitet. Wenn, dann verliert das Team gemeinsam und kann dieses Verlieren dann auch gemeinsam tragen und damit umgehen. So sieht das Kind am Beispiel der erwachsenen Person, wie mit dem Verlieren umgegangen werden kann und alle Teammitglieder können sich gegenseitig trösten.

Es ist also völlig in Ordnung, das Kind auch gewinnen zu lassen und kann sogar hilfreich sein. Es mag manchmal schwer fallen, dies zuzulassen, weil das Bild davon, das Kind gewinnen zu lassen, im Gegensatz steht zu vielen Erziehungspositionen vergangener Zeiten, die wir verinnerlicht haben und die uns eher dazu drängen, dass Kinder sich unterzuordnen haben. Für das Wohlbefinden und die Entwicklung des Kindes ist es jedoch vorteilhaft, wenn wir aus diesem Denken ausbrechen.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Genannte Literatur:
Solter, Aletha J. (2015): Spielen schafft Nähe – Nähe löst Konflikte. Spielideen für eine gute Bindung. – München: Kösel.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Was wir unseren Kindern zum Ende des Jahres schenken sollten

Hinter uns liegt ein Jahr, das anders war als viele anderen Jahre. Das uns in besonderer Weise gefordert hat, das besorgniserregend war, das und geängstigt hat. Vielleicht haben wir mit unserer Familie direkt die Auswirkungen dieses Jahres gespürt: haben Verluste im Familien- oder Freundeskreis erlitten, Sorgen um unsere Arbeit gehabt, um das Einkommen, mussten in Kurzarbeit gehen oder haben vielleicht sogar die Arbeit verloren. Vielleicht waren wir viel mehr als sonst erschöpft und genervt durch Homeschooling und Homeoffice mit Kindern. Dieses Jahr hat an verschiedenen Stellen Probleme aufgeworfen und Familien waren davon in höchst unterschiedlicher Art betroffen.

Es war ein anstrengendes Jahr für Kinder

Auch unsere Kinder waren vor neue Herausforderungen gestellt, mit den Problemen dieses Jahres umzugehen: mit dem, was sie von ihren Eltern wahrgenommen haben an Problemen und Sorgen, mit den Auswirkungen der Erwachsenenprobleme auf ihren Alltag, mit den Anforderungen eines neuen Alltags mit Abstandhalten, dem Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes, mit neuen Hygieneregeln. Sie haben erlebt, wie Kitas und Schulen teilweise kurzfristig geschlossen wurden und daher ihre Beziehungen zu anderen Kindern, Lehrenden und Erziehenden unterbrochen wurden – gerade für jüngere Kinder war dieser teilweise abrupte Abbruch manchmal eine besondere Herausforderung. Unsere Kinder mussten auf eine andere, neue Weise zusätzlich im Alltag kooperieren: nicht nur wie sonst, dass sie sich in unsere Zeitpläne und Regeln einpassen sollten, sondern in ganz neue, strengere und herausfordernde Vorgaben. Das hat sie Energie gekostet – und auch uns Eltern, denn Kinder sind trotz allem Kinder und passen sich nicht immer einfach und entspannt in strenge Vorgaben ein. Sie haben in diesem Jahr sozial und emotional viel leisten müssen – und Eltern auch. Glücklicherweise sind Kinder viel anpassungsfähiger und stabiler, als es ihnen manchmal nachgesagt wird – und dies ganz besonders dann, wenn wir ihnen dafür ein stabiles Fundament geben, auf dem diese Anpassung aufbauen kann, dass sie sicher trägt.

Was wir unseren Kindern schenken sollten

Es ist aktuell nicht absehbar, dass sich an den neuen Rahmenbedingungen etwas ändert oder entspannt. Und gerade deswegen haben unsere Kinder es verdient, dass wir zum Ende des Jahres und auch mit Blick auf das neue Jahr, noch einmal ihre Bedürfnisse in den Blick nehmen. Dass wir uns ansehen, wie wir sie aktuell stärken können für diese großen Herausforderungen und uns ein paar Tage besonders Zeit nehmen, um anzuerkennen und zu schätzen, was sie in diesem Jahr geleistet haben.

Auch wenn Kinder Unsicherheit und Angst in Bezug auf die Pandemie und ihre notwendigen Schutzmaßnahmen nicht so ausdrücken wie Erwachsene, können sie durchaus beängstigt oder verunsichert sein durch die aktuellen Rahmenbedingungen, Nachrichten und das Verhalten und/oder die Angespanntheit ihrer Eltern. Es ist wichtig, diesen Gefühlen von Angst/Sorge/Verunsicherung Raum zu geben und mit unseren Kindern altersentsprechend über ihre Gefühle zu reden. Kein Gefühl muss verschwiegen werden, alle Gefühle dürfen Raum haben. Wir können am Ende jedes Tages mit ihnen darüber reden, wie sie sich heute gefühlt haben, was sie gefühlt haben und warum. Auch unsere eigenen Gefühle können wir dabei altersangemessen einbetten und offen sein: Wenn unser Kind uns sagt, dass es Angst hat wegen der Nachrichten, können wir sagen, dass auch wir die Nachrichten manchmal beunruhigend finden. Gleichwohl können wir uns dann den Fakten zuwenden und dem Kind erklären, was wir tun, um Sicherheit herzustellen und warum die aktuellen Vorkehrungen in der Gesellschaft genau dafür da sind. Auf diese Weise nehmen wir einerseits das Gefühl des Kindes an, auf der anderen Seite unterstützen wir das Gefühl von Sicherheit, indem wir erklären, was wir tun.

Das Erklären unserer eigenen Handlungen hat noch einen weiteren wichtigen Aspekt für die Kinder: Wir zeigen ihnen ein Stück Selbstwirksamkeit in einer Situation, in der viele Bestrebungen nach Selbstwirksamkeit und Selbstbestimmung eingeschränkt werden. Wir sehr diese Einschränkungen der Selbstbestimmung uns herausfordern, merken wir an uns Erwachsenen und sehen es auch (leider) an vielen Menschen, die sich den Erfordernissen nicht anpassen wollen. Dass diese Einschränkung eine Herausforderung ist für uns und unser Autonomiestreben, ist normal. Dennoch müssen wir damit umgehen. Auch für unsere Kinder ist es schwierig, noch eingeschränkter zu sein, als sie es ohnehin schon oft durch unsere Erwachsenenregeln und -erwartungen sind. Dies gerade in einem Entwicklungsalter, das durch Neugierde und Autonomie gekennzeichnet ist. Um so wichtiger ist, ihnen dort, wo es aktuell möglich ist, Autonomie zu schenken (gerade beispielsweise auch in Quarantäne): sie in der Beteiligung bei Alltagsentscheidungen ernst zu nehmen (beispielsweise bei einer regelmäßigen Familienkonferenz), sie am Haushalt zu beteiligen, oder sich beim Spiel ganz auf ihre Vorstellungen und Regeln einzulassen und ihnen die Führung zu übergeben (Bindungsspiele). Kinder brauchen das Gefühl, aktiv und selbstwirksam zu sein. Selbstwirksamkeit ist ein wichtiger Faktor für die Entwicklung psychischer Widerstandsfähigkeit – gerade diese brauchen Kinder jetzt. Wir können sie durch Beteiligung, einen demokratischen Erziehungsstil und Anerkennung unterstützen.

Gerade jetzt, in den letzten Tagen des Jahres, können wir uns unseren Kindern auf diese Weise widmen und uns zu ihnen setzen, mit ihnen nach ihren Bedürfnissen spielen und sie bestimmen lassen. Nein, das schadet ihnen nicht, verzieht sie nicht, „verwöhnt“ nicht negativ. Gerade jetzt tut genau dies der Bindungsbeziehung gut, denn Bindung ist auf Seiten des Kindes vor allem ein Sicherheitssystem und diese Sicherheit der Fürsorge, der Umsorgung brauchen sie gerade jetzt. Sie brauchen gerade jetzt das Gefühl, geliebt und in ihrem individuellem Wesen angenommen zu sein.

Vielleicht zeigen unsere Kinder auf besondere Weise, dass sie gerade jetzt unsere Aufmerksamkeit und Zuwendung brauchen: Vielleicht sind sie aggressiver, fordernder, „kleben“ mehr an uns, sagen noch öfter „Mama“/“Papa“ als sonst, wollen noch mehr Aufmerksamkeit, wollen vielleicht wieder mit im Elternbett schlafen oder fordern auf andere Weise ganz besonders Zuwendung ein. Das darf sein. Es ist wichtig, dass wir hier genau hinsehen und ergründen, woher die Ursache des Verhaltens unseres Kindes kommt und darauf nicht mit Abweisung und Strafe reagieren, sondern mit Annehmen und Verständnis. Kinder sind von Anfang an unterschiedlich in ihrem Temperament und in ihren Persönlichkeitseigenschaften: einige sind ruhiger, andere wilder. Wenn wir wahrnehmen, dass sich unser Kind von seinem ursprünglichen Wesen weiter wegbewegt und entweder viel stiller oder viel aggressiver wird, sollten wir genauer hinsehen.

Schenken wir unseren Kindern also gerade jetzt Liebe, Anerkennung, Verständnis – und vor allem Gewaltverzicht. Schenken wir ihnen Aufmerksamkeit und die Beachtung ihrer Gefühle. All das ist generell wichtig für die Entwicklung von Kindern, aber gerade jetzt, nach diesem Jahr und in dieser Zeit hat es noch einmal einen ganz besonderen Stellenwert für die Entwicklung der Kinder. Und gerade dies sollte auch unser Blick nach vorn auf das nächste Jahr sein.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Getrennte Weihnachtsfeiern – Ideen für ein Miteinander auf Distanz

In diesem Jahr ist vieles anders als in anderen Jahren. Ganz besonders trifft das auch auf unsere Kinder zu und das Familienleben allgemein: den Umgang, Alltagsrituale, Feiertage. Kindergeburtstage mussten anders gefeiert werden, Einschulungen und Abschiede im Kindergarten. Und unsere Kinder waren vor große Herausforderungen gestellt in Hinblick auf ihre Kooperationsfähigkeiten – und damit auch wir Eltern, die das begleiten und auffangen mussten und müssen.

Mit Familien über das andere Weihnachtsfest sprechen

Nun steht in vielen Familien das Weihnachtsfest bevor und auch dieses wird in diesem Jahr in vielen Familien anders aussehen müssen als zuvor. Vielleicht ist es noch schwierig, alle Familienmitglieder zu überzeugen und zu erklären, warum in diesem Jahr in so kleinen Gruppen wie möglich gefeiert werden sollte. Vielleicht gibt es Familienmitglieder mit anderen Ansichten, mit anderen Wünschen. Natürlich wollen wir gerade jetzt niemanden verärgern oder enttäuschen, aber gerade jetzt müssen wir gleichzeitig auch Verantwortung übernehmen gegenüber unserer Gesundheit, der körperlichen Gesundheit der Kinder, ihrer psychischen Gesundheit im Falle von Erkrankungen von nahestehenden Personen und gegenüber der Gesundheit aller anderen Personen.

So schwer es deswegen auch fallen mag und so sehr wir auch bedauern, die in anderen Haushalten lebenden Familienmitglieder nicht alle sehen zu können (gerade bei älteren Familienmitgliedern), müssen wir nun richtige, sinnvolle und verantwortungsvolle Entscheidungen treffen. Vielleicht werden wir Menschen, die anderer Meinung sind, nicht überzeugen können von den Tatsachen. Aber wir können auch sie durch unser Handeln innerhalb unserer Möglichkeiten mit schützen und Verantwortung tragen. Und wir können Alternativen anbieten für ein etwas anderes Fest:

Ein Feier-Paket versenden

Wir sind räumlich voneinander getrennt, aber wir können das Gefühl von Gemeinsamkeit herstellen durch etwas, das uns verbindet. Wie wäre es, sich dazu zu verabreden, ganz ähnliche Dinge auf den Tisch zu bringen, zu essen, anzusehen? In kleinen Feier-Paketen für die Lieben um uns können wir Dinge versenden, sie wir alle zusammen auf den Tisch bringen: Jeder Haushalt, der sonst zur Feier gekommen wäre, bekommt ein kleines Paket von jedem anderen Haushalt: Eine Familie versendet Kekse für alle, die andere hat vielleicht schöne Serviettenhalter gebastelt, die nächste verschickt Kerzen. So sitzen wir an verschiedenen Orten und es gibt dennoch verbindende Elemente – und wir haben zugleich vielleicht etwas weniger selbst zu organisieren.

Gemeinsame Bescherung aus der Ferne

Glücklicherweise verfügen viele Familien über Medien, mit denen Videotelefonate möglich sind und auch viele Großeltern besitzen bereits Smartphones. Auch wenn wir nicht gemeinsam an einem Tisch sitzen können, können wir andere Familienmitglieder über entsprechende Geräte an den Tisch setzen: Nicht zu einem klar umgrenzten Telefonat, sondern vielleicht sogar direkt dazu über das ganze Essen hinweg, so dass die ganze Atmosphäre des Abends übertragen wird.

Ein Weihnachts-Fotoalbum

Ist eine Zusammenkunft per Videotelefonat nicht möglich oder gewollt, können wir mit Fotos die Stimmung am Festtag einfangen und später kleine Fotohefte erstellen, die wir versenden, so dass zumindest später ein wenig Erinnerung und Gefühl in Bildern geteilt werden kann. Und die Verwandten, die vielleicht nicht bei der Vergabe der eigenen Geschenke dabei sein konnten, sehen, wie die Kinder sie empfangen haben.

Türklinkengeschenke

Auch wenn wir uns nicht direkt treffen können, denken wir aneinander. Und dieses Aneinanderdenken ist gerade jetzt für viele Menschen sehr wichtig. Nicht nur die Verwandten, sondern vielleicht auch die älteren Menschen, die mit im Haus wohnen oder in der Straße und von denen man weiß, dass sie vielleicht allein feiern müssen. Denken wir auch an diese Menschen und hängen wir ihnen gerade in diesem Jahr eine kleine Freude an die Tür: einen lieben Gruß, ein paar Kekse, eine Bastelei der Kinder. Gerade in diesem Jahr ist es wichtig, niemandem aus dem Herzen zu verlieren, wenn wir uns schon nicht unter mehreren Augen sehen können.
Auch Stadtmission, Notunterkünfte und andere Vereine freuen sich oft besonders auch in diesem Jahr über (finanzielle) Unterstützung und/oder andere Spenden (jeweils vorher nachfragen, was gebraucht wird), denn auch dort trifft die aktuelle Situation Menschen besonders schwer.

Einen Weihnachtsstern ans Fenster hängen

Wer erinnert sich noch an die Regenbögen aus dem Frühjahr, die die Fensterscheiben zierten? Zu Weihnachten können wir auch kleine Grußbotschaften mit Kreidestiften an die Fensterscheiben schreiben oder anderweitig hübsch dekorieren und zeigen: Wir sind zwar an verschiedenen Orten, aber wir denken an die anderen Menschen da draußen.

Habt Ihr noch mehr Ideen für ein Fest auf Distanz? Dann teilt sie gerne hier.
Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Wenn Kinder nach dem Tod fragen

„Und wenn du stirbst, was passiert dann, Papa?“, „Und dann sterben Oma und Opa und dann sind sie nicht mehr da.“, „Wenn du stirbst, Mama, sterbe ich dann auch?“ – Mit Kindern über den Tod zu sprechen, fällt vielen Eltern nicht leicht. Manchmal fehlen schlicht die Worte, manchmal kommt erst durch die Frage des Kindes die eigene Unsicherheit zum Vorschein, manchmal steigen eigene schmerzhafte Gefühle und Erinnerungen auf und manchmal möchte man vielleicht auch selbst nicht über die Fragen nachdenken. Doch so sehr wir auch die Antworten hinauszögern oder von uns weg schieben, sind Kinder in ihrem Wunsch nach Wissen und Verständnis oft unnachgiebig.

Am Anfang noch ein unvollständiges Bild vom Tod

Oft fangen Kinder rund um den 4. Geburtstag damit an, selbst mehr mit dem Thema Tod umzugehen: Er wird in das Spiel eingebunden und auf einmal sterben die Spielfiguren oder werden sogar absichtlich getötet. Die offenen und neugierigen Fragen des Kindes stehen im Raum: Was passiert da eigentlich, warum und wie – und sterben eigentlich nur alte Menschen? Auch wenn das Kind in diesem Alter noch nicht die gesamte Tragweite des Todes versteht und wirklich einschätzen kann, wie unwiederbringlich der Tod ist, hat es jetzt oft ein grobes Wissen vom Tod (in dem Sinne, dass der Körper seine Funktionsfähigkeit verliert), das sich in den folgenden Jahren weiter ausbaut. Nach und nach verinnerlicht es, was der Tod wirklich bedeutet: dass alle Lebewesen sterben und dieses Sterben nicht umgangen oder rückgängig gemacht werden kann.

Angepasst Gespräche führen

An den jeweiligen Stand des Kindes angepasst sollten wir auch mit unserem Kind über Tod und Sterben sprechen. Das bedeutet, dass dieses Thema in den Jahren der Kindheit immer wieder aufkommen und unterschiedlich behandelt werden kann je nach fortschreitender Entwicklung des Kindes. Das Wichtige dabei ist, dass das Kind den Rahmen vorgibt, in dem das Thema Tod behandelt wird und die Bezugspersonen gehen auf die konkreten Fragen des Kindes ein, ohne darüber hinaus zu sehr abzuschweifen. Je näher wir dabei an der Frage des Kindes bleiben, desto besser. Sollte es darüber hinaus etwas wissen wollen, wird es eine weitere Frage stellen. Wichtig ist, nicht unsere eigenen Ängste und Sorgen auf das Kind zu übertragen in den Gesprächen – das Kind gibt den Weg vor.

Natürlich gibt es viele Fragen, die auch wir nicht konkret beantworten können, die Kinder aber dennoch stellen: „Wann stirbst du?“, „Wann sterbe ich?“ Auch hier lohnt es sich, möglich ehrlich und nicht zu weitschweifend zu antworten. Wir können sagen, dass man nicht genau weiß, wann man stirbt, aber die Wahrscheinlichkeit geringer ist, in jungen Jahren zu sterben. Wir können auch erklären, dass wir natürlich aufpassen auf uns – vielleicht reicht das bereits als Antwort. Wichtig ist, dass wir auf unsere Wortwahl achten, wenn wir über den Tod sprechen – gerade bei Kindern. Denn ein als Ausflucht und Verharmlosung gedachtes „Und dann schläft man für immer ein“ oder „Sich auf die letzte Reise begeben“ kann Kinder verunsichern oder ängstigen.

Wenn Kinder mehr Informationen einfordern, können wir passende Kinderbücher zum Thema auswählen und darüber sprechen. Je nach Alter der Kinder und Entwicklungsstand kann auch hier unterschiedlich vorgegangen werden – Schulkinder finden vielleicht einen Besuch in einem ägyptischen Museum spannend, um sich dort Mumien anzusehen.

Im Trauerfall

Anders als die alltägliche Frage nach dem Tod verhält es sich, wenn eine konkrete Situation mit einem Trauerfall vorliegt. Wie Kinder damit umgehen, kann sehr unterschiedlich aussehen. Wichtig ist auch hier, offen zu sein und Fragen zuzulassen. Alle Gefühle dürfen ihren Raum haben und Erwachsene sollten das Bedürfnis des Kindes nach Austausch so annehmen, wie es kommt: Manchmal möchte das Kind eine konkrete Frage beantwortet wissen, spielt dann wieder, um etwas später mit einer anderen Frage oder einem Gedanken zurückzukommen.

Wie sich die Trauer konkret äußert, ist verschieden. Kleine Kinder leiden beispielsweise öfter unter Störungen des Schlafverhalten, Unruhe oder auch Änderungen im Ess- und Trinkverhalten. Aber auch bei älteren Kindern kann der Schlaf betroffen sein. Manche Kinder werden ruhiger, andere wilder. Wichtig ist, dass das Kind so angenommen und gesehen wird, wie es sich gerade fühlt – auch der Kindergarten oder die Schule sollten hier einbezogen und informiert werden, um das Verhalten des Kindes einordnen zu können. Schwierig ist das Annehmen der kindlichen Bedürfnisse und des kindlichen Verhaltens dann, wenn die Eltern selbst sehr von der Trauer betroffen sind. Wenn unsere Gefühle uns nicht zu sehr mitreißen, dürfen Kinder aber auch an der Trauer der Eltern Teil haben und sie erleben. Mit ihnen kuscheln und trauern und gleichzeitig auch Erinnerungen wachrufen. Hilfreich ist es, wenn es Unterstützung um die Familie herum gibt, die sich um die Alltagsaufgaben kümmert, damit die Familie den Raum für die Trauer hat.

Abschiedsrituale können Kindern helfen, mit dem Tod umzugehen. Auch hier müssen wir aber sehen, wie es zum Kind passt. Vielleicht ist die Teilnahme an einer Beerdigung zu viel für das Kind und wird von Anfang an ausgeschlossen, vielleicht muss die Beerdigung auch ungeplant verlassen werden, weil das Kind überfordert ist. Vielleicht passt es dann besser, ein gemeinsames Abschiedsritual im kleinen Kreis zu zelebrieren auf dem Friedhof nach der Beerdigung oder abseits, beispielsweise indem ein Papierschiffchen zu Wasser gelassen wird oder ähnliches. Wir dürfen kreativ umgehen mit solchen Ritualen und auch mit der Trauer des Kindes.

Sie wird vielleicht in den folgenden Jahren wieder ab und zu auftauchen, wenn nach der verstorbenen Person wieder gefragt wird. Dann kann gemeinsam ein Fotoalbum angesehen werden und es kann darüber gesprochen werden, welche schönen Erinnerungen man an die verstorbene Person hat. Auch hier gilt: Eltern können den Fragen des Kindes nachgehen und diese begleiten im Wachsen.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Lieber Nikolaus…

Dieses Jahr war für alle herausfordernder und anders als viele andere Jahre. Kinder brauchen weder in diesem, noch in einem anderen Jahr Bestrafung oder Fantasiefiguren, die mit ihnen schimpfen. Sie haben in diesem Jahr viel kooperiert, viel Neues gelernt, viel mitgetragen. Sie brauchen verlässliche Bezugspersonen, die sie wertschätzen, die sehen, wie sie sind und welche Stärken sie haben. Jedes Kind ist einzigartig mit seinem ganz persönlichen Wesen und möchte als genau dieses gesehen werden. Wenn in einer Familie ein Nikolaus oder Weihnachtsmann zu Besuch kommt, sollte er genau dem Rechnung tragen und die Individualität des Kindes beschreiben: was es tut, was es gerne mag, was es in diesem Jahr Neues gelernt hat, welchen Herausforderungen es begegnet ist und auch, wie dieses Kind von den Eltern geliebt wird und dass es zu der sozialen Gruppe seiner Familie gehört.

Und auch wir Erwachsenen haben in diesem Jahr bisher viel schultern müssen, gelernt, Pläne geändert. Auch wir haben ein Lob verdient und vor allem auch die „Erlaubnis“, in diesem Jahr alles wirklich ganz entspannt zu gestalten – so, wie es dieser Familie eben gerade jetzt gut tut. Ohne Erwartungsdruck. Deswegen:

Lieber Nikolaus, ich mag Dir sagen,
ich danke Dir für Deine Gaben.
Leider sind die Schuh‘ voll Schmutz,
denn wir haben nicht geputzt.
Der Mental Load war dieses Jahr,
ach, einfach unberechenbar.

Die Kinder waren wie sie sind,
mal wild, mal still – halt einfach „Kind“.
Hier muss niemand brav Kind sein,
denn das wäre ja gemein.
Wir lieben sie mit allen Seiten,
am Tag, des Nachts, zu allen Zeiten.

Nun freu ich mich auf diesen Tag,
der uns viel Freude bringen mag.
Die Pädagogik liegt beiseite,
damit niemand hier mehr streite:
Zucker, Spielzeug, Fernsehabend,
lieber Freude statt hochtrabend.
Denn grad‘ in diesem Jahr
ist Entspannung doch ganz wunderbar.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  


Mein Kind ist ganz anders als andere! – Kinder individuell begleiten

Viele Eltern starten mit einem Bild von „dem Kind“ in die Elternschaft: alle Babys sind süß und schlafen viel, alle Kleinkinder sind „trotzig“, alle Schulkinder machen nicht gern Hausaufgaben… So sind vielleicht die Vorstellungen davon, wie Kinder sich grob entwickeln. Schon im ersten Babyjahr merken aber viele Eltern dann: Irgendwie ist es so doch nicht, mein Kind beginnt früher/später zu krabbeln als andere oder früher/später zu sprechen und während einige Kinder richtige Abenteurer:innen sind, sind andere von Anfang an eher abwartend und beobachtend. Diese Feststellung und Abweichung von der eigentlichen Erwartungshaltung kann verunsichern: „Ist es eigentlich normal, dass…?“

Von Anfang an verschieden

Tatsächlich sind Kinder von Anfang an sehr unterschiedlich und kommen mit unterschiedlichen Temperamenten zu uns, die sich im Laufe der ersten Jahre zu Persönlichkeitseigenschaften ausbauen – auch in Abhängigkeit davon, wie die Umwelt (und ganz besonders die nahen Bezugspersonen) mit dem Kind und seiner jeweiligen Art umgehen. Kinder unterscheiden sich in ihrer Erregbarkeit, Tröstbarkeit, in ihrer Ablenkbarkeit und in ihrem Gefühlsausdruck. Sie unterscheiden sich in dem Ausmaß ihrer Aktivität und anderem Verhalten. All das wird zum Teil schon vor der Geburt wesentlich in unseren Kindern geprägt. Kommen sie auf die Welt, sind sie Menschen mit persönlichen Eigenschaften: beispielsweise manche ruhiger, manche aggressiver.

Probleme durch Pauschalisierungen bei Eltern und Kindern

Wenn wir ein pauschales „Bild vom Kind“ auf das eigene Kind projizieren, führt das nicht selten zu Problemen auf verschiedenen Ebenen: Als Eltern nehmen wir die Abweichung von der scheinbaren Norm kritisch wahr und fragen uns oft, was wir als Eltern falsch gemacht hätten: „Warum nur ist das Kind nicht…?“, „Warum nur macht es…?“, „Aber ich habe doch immer…“ Viele Eltern beziehen die kindliche Abweichung von der Norm zunächst auf ihr eigenes Verhalten, suchen bei sich selbst nach Fehlern. Gerade bei besonders zurückhaltenden oder besonders aggressiven Kindern wird oft „das Problem“ im elterlichen Verhalten gesucht und schnell steht die These im Raum, die Bindungsbeziehung wäre schlecht.

Bei der Fokussierung auf das vermeintliche elterliche Fehlverhalten geraten nicht selten die Kinder mit ihren Eigenschaften aus dem Blick: Der Gedanke kreist darum, was mit den Kindern falsch gemacht wird, anstatt darauf zu blicken, wie das Kind ist und was es braucht, so wie es ist. Natürlich kann es Unstimmigkeiten in der Begleitung des Kindes mit seinem jeweiligen Temperament geben, die sich dann weiter nachteilig auf das Kind und die Interaktion auswirken: Beispielsweise brauchen gerade aggressive Kinder eine liebevolle und zugewandte Begleitung, um zu lernen, mit ihrem Temperament gut umzugehen. Da in unserer Gesellschaft aber weiterhin der Gedanke vorherrscht, dass dieses Verhalten immer durch ein falsches Elternverhalten hervorgebracht wird und mit Strenge behandelt werden muss, kann sich hier ein negativer Kreislauf entwickeln.

Die eigenen Prägungen und gesellschaftlichen Erwartungen an „das Verhalten von Kindern“ trüben den Blick auf die Vielfalt kindlichen Verhaltens und dem Bedarf an individueller Begleitung. Menschen sind nicht alle gleich, auch nicht am Anfang. Natürlich kann ein ungünstiges Erziehungsverhalten, gerade Erziehung mit Druck und Zwang und Gewalt, sich negativ auf das kindliche Verhalten auswirken und bestimmte Verhaltensweisen befördern. Aber es können ebenso bestimmte Aspekte im Kind angelegt sein. Oft ist es das Verbiegen des Kindes in die ein oder andere Richtung, die es uns schwer machen: Weil Kinder sich nicht verbiegen wollen und dieser Gegenwille zu Stress und Streit führt, sie auch gar nicht verbogen werden sollen, damit sie ein gutes Bild von sich ausbauen können mit psychischer Widerstandskraft – und wir für unsere Gesellschaft Menschen in ihrer Vielfalt brauchen.

Erst das Kind wirklich wahrnehmen

Wenn wir uns fragen, was mit unserem Kind „los ist“, sollte der Blick nicht sofort auf uns gerichtet sein, sondern zunächst einmal auf das Kind: Wir können uns fragen: Wer ist dieses Kind eigentlich? Was sind die Eigenschaften dieses Kindes? Wie war es früher, wie ist es jetzt – und gibt es Veränderungen oder war es schon immer eher so wie heute? Und dann, wenn wir dieses Kind in seinem eigenen Wesen erfasst haben, können wir auf uns, auf die Familie und den Umgang mit diesem Kind blicken.

Eure

Mehr zu diesem Thema könnt ihr ab 10. Februar 2021 in meinem neuen Buch
„Frei und unverbogen:
Kinder ohne Druck begleiten und bedingungslos annehmen“
lesen. Darin erfahrt ihr, wie unterschiedlich Kinder von Anfang an sind, warum es Eltern oft schwer fällt, mit dieser Unterschiedlichkeit umzugehen, wie und warum wir alte Erziehungsmethoden überwinden müssen und können und warum das für die individuelle Entwicklung so wichtig ist, aber auch für die Entwicklung unserer gesamten Gesellschaft.
Das Buch ist bereits jetzt vorbestellbar: am besten in eurer Buchhandlung vor Ort, aber auch bei Buch7*, Amazon* oder direkt beim Beltz Verlag


Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

* Transparenz:
Dieser Artikel enthält Affiliate-Links zu Amazon und Buch7, durch die Geborgen Wachsen im Falle einer Bestellung eine Provision erhält, ohne dass für Euch Mehrkosten anfallen. Wir empfehlen dennoch, den lokalen Buchhandel durch das Einkaufen vor Ort zu unterstützen. Viele Bücher gibt es darüber hinaus zum Ausleihen in den öffentlichen Bibliotheken. Hier kann beispielsweise nach Büchern in den Bibliotheken in Berlin-Brandenburg gesucht werden.

Zahnfee, Weihnachtsmann, Nikolaus – Gib die Elternverantwortung nicht an Fantasiefiguren ab!

„Wenn du nicht die Zähne putzt, dann kommt nicht die Zahnfee!“, „Wenn du nicht lieb bist, dann notiert der Weihnachtsmann das in seinem Buch und du bekommst kein Geschenk!“, „Wenn du deinen Bruder immer ärgerst, bringt der Nikolaus eine Rute statt Süßigkeiten!“ – Neben dem Umstand, dass all diese Drohungen generell ungünstige Erziehungsmittel sind, weil sie auf Strafen beruhen und diese nicht, wie Eltern oft hoffen, zu einer nachhaltig guten Verhaltensänderung führen, sondern eher Aggressivität und Lügen befördern, sind sie auch auf einer weiteren Ebene des Beziehungsaspekts ungünstig: Die Erziehungsverantwortung wird abgegeben an eine Fantasiefigur.

In der magischen Phase sind Fantasiewesen besonders beeindruckend

Manchmal ist der Alltag mit Kindern ganz schön anstrengend. Besonders die vielen Diskussionen und Verhandlungen mit Kindern können Kraft rauben: Da wird zum fünften Mal darum gebeten, dass das Kind nun den Schlafanzug anziehen soll oder zum dritten Mal, dass das Kind doch bitte mal vom Gemüse probieren soll. Und gerade wenn die Kraft gerade gering ist, der Alltagsstress hoch, wünschen sich Eltern eine Lösung und sind versucht, in die Trickkiste zu greifen. Gerade in der Zeit des magischen Denkens sind Kinder besonders beeindruckbar mit den Fantasiefiguren, die wahlweise etwas herbeizaubern oder auch ängstigen können. Es ist verlockend, da mit einem dieser Magiewesen zu drohen oder zu locken.

Sollten Fantasiewesen eine bedeutsamere Autorität sein als Eltern?

Was aber passiert, wenn wir Zahnfee, das Monster unter dem Bett, die Fee, den Weihnachtsmann, Krampus oder Nikolaus vorschieben, ist, dass wir unsere elterliche Verantwortung und unsere eigenen Wünsche und Bedürfnisse abgeben und hinter einer anderen Person verstecken. Wir erklären nicht mehr, dass wir als Eltern dieses oder jenes wünschen oder dieses oder jenes notwendig ist für die gesunde Entwicklung, sondern verbergen dies, weil es zunächst auf dem fantasievollen Weg einfacher erscheint oder uns die Fantasiefigur als größere Autorität erscheint als wir selber.

Damit sind wir bei einem wesentlichen Punkt der Eltern-Kind-Beziehung: der Autorität. Viele Eltern haben heute Schwierigkeiten mit dem Begriff der Autorität, da das Vorangehen und Begleiten von Kindern durch die Kindheit in den vergangenen Jahrzehnten oft mit Druck, Zwang und Strafen erfolgte. Heute wollen es Eltern anders machen, als sie es selbst erfahren fahren haben – aber passende Vorbilder fehlen. Es mag auch den Anschein erwecken, dass man selbst ja gar nicht straft, denn schließlich ist dann der Nikolaus schuld oder die Zahnfee bringt nichts für kaputte Zähne. Letztlich aber ist dieser Weg dennoch ein Weg der Strafe und zugleich der fehlenden elterlichen Begleitung.

Kinder brauchen Stabilität und einfühlsame, liebevolle Autorität

Kinder brauchen uns Eltern als Begleitpersonen auf ihrem Weg. Sie brauchen Bezugspersonen, die größer, weiser und gütig sind und ihnen vorleben, sich im Leben und in der Gesellschaft zu bewegen. Sie brauchen Bezugspersonen, die sie auf dem Weg, dies selbständig leben zu können, unterstützen. Und auch wenn es anstrengend ist, einem Kind zu sagen „Ich will das nicht!“ oder „Das geht so nicht!“ oder sich immer wieder (wie beim Zähneputzen) neue Wege und Alternativen auszudenken, ist das die Aufgabe von uns Eltern. Wir müssen präsent sein, ansprechbar, verlässlich. Wir zeigen den Weg, wir begleiten auf dem Weg. Und dies gibt Kindern Sicherheit.

In der konkreten Konfliktsituation bedeutet das: Schieben wir nicht irgendein Fantasiewesen vor, um das Kind zu etwas zu bewegen. Seien wir ehrlich und erklären, warum etwas geht oder nicht geht. Und erklären wir ehrlich, wie wir uns fühlen. Und ja: Manchmal müssen wir dann die Gefühlsstürme der Kinder aushalten, auch das gehört dazu. Und manchmal können wir auch einfach ein Auge zudrücken, statt auf etwas zu beharren und von uns aus als Eltern erklären: Ach komm, wir machen es heute einfach so wie du es willst. Das geht vielleicht nicht immer und bei allen Dingen, aber sicherlich ab und zu im Alltag. Und ist eine bessere Methode für die Beziehung, als mit Druck und Fantasiefiguren* zu arbeiten.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

* Das bedeutet nicht, dass es Weihnachtsmann, Nikolaus, Christkind und Zahnfee nicht geben darf – aber sie sollten eben kein Druckmittel sein bzw. keine Stellvertreter:innen für unsere eigenen Wünsche.