Schlagwort: aktuell

Einmal alles – Wie Kinder die bunte Palette der Gefühle erproben

Drei Kinder in drei unterschiedlichen Altersgruppen, das bringt viele Erfahrungen mit sich, viele Abenteuer, sehr viele Gefühle – und immer wieder auch unterschiedliche Emotionen. Drei Kinder im Alter von 9 Jahren, 5 Jahren, 2 Jahren: Es ist alles dabei von der „Trotz“phase über die Vorschulzeit-Wackelzahnpubertät bis zur „Vorpubertät“. Es gibt Lachen und unglaubliche Freude und es gibt zutiefst verwurzelten Ärger und es gibt laute, unbändige Wut. In unserem Haus gibt es alles, jedes Gefühl, weil sie jedes hier kennen lernen und ausprobieren im Schonraum der Familie bevor es hinaus geht in die Welt.

Diese unglaubliche Freude, die nur Kinder haben können: Eine Freude, die den ganzen Körper ergreift und sie wie einen Flummi durchs Zimmer hüpfen lässt. Eine Freude, die manchmal zu groß zu sein scheint für den kleinen Körper, die in Funken zu explodieren scheint und ansteckt in ihrem wilden Gekicher. Und ebenso wie es diese Freude gibt, gibt es auch die unglaubliche Wut, die wie dicker roter Nebel auf einmal im Raum steht. Eine Wut, die sich in einen Tornado verwandelt, der um das Kind kreist: Komm nicht näher, denn sonst wirst Du eingesaugt. Geh nicht weg, denn Du musst dennoch für Sicherheit sorgen. Und es gibt die schwere Decke der Trauer, die sich über ein Kind legen kann und die Tränen fließen lässt. Die manchmal fast zu schwer erscheint, um sie wegzuziehen, und es nur hilft, sich daneben zu legen und mitzutrauern, bis die Schwere durch die vielen geflossenen Tränen nachgelassen hat.

All diese Gefühle und ihre tausend kleinen Facetten erwarten uns im Leben mit Kindern. Naiv habe ich schon manches Mal gedacht: Nun habe ich aber wirklich alles erlebt und werde dann von meinem größten Kind eines besseren belehrt: Es gibt so viele Farben und Formen von Gefühlen. Und das, was wir mit ihnen erleben, verändert sich – und ist bei jedem Kind ein wenig anders. Die Verarbeitung von Gefühlen verändert sich und auch das, was sie erleben können und wollen. Denn sie setzen sich zuerst mit sich und ihren Gefühlen auseinander und dann mit denen der Umwelt.

Am Anfang des Lebens ist alles noch verwoben und unklar: Ein Bauchschmerz ist kein Bauchschmerz, sondern ein starker, stechender Schmerz im Körper, von dem nicht gewusst wird woher und wohin. Im Laufe der Zeit wird verstanden, was genau passiert, was empfunden wird. Und irgendwann kommt das Bewusstsein dazu, dass auch andere Menschen ganz anders fühlen. Es wird probiert, wie Empfindungen entstehen und wie sich der Mensch gegenüber verhält. Was ist hier und heute wie und wie ist es morgen? Nach und nach wird die Welt in Frage gestellt und damit einher entsteht Freude, aber auch Enttäuschung, Wut, Liebe. Nicht nur da draußen, sondern gerade auch hier drinnen in der Familie. Am ersten Ort, an dem all das ausprobiert wird.

Mein „Trotz“kind weiß manchmal nicht so recht, wogegen oder wofür es gerade ist. Es IST einfach nur und gibt sich dem Gefühl hin. Mein großes Schulkind hingegen ist oft schon ganz bestimmt gegen oder für etwas und erklärt das laut und stark. Manchmal bin ich verletzt von dem: vom kleinsten Kind, vom mittelsten oder auch vom großen. Auch hier wieder ganz unterschiedlich: von einem empörten Biss in den Arm, einem „Kackmama“ oder einem „Du liebst mich gar nicht!“. Aber ich weiß: Da müssen wir jetzt durch. All die Gefühle wollen hier ausprobiert werden und alle Antworten wollen hier zum ersten Mal durchgegangen werden, bevor sie woanders ausprobiert werden. Das hier ist der Schonraum, der Ort, an dem nicht nur das Laufen, sondern auch das Fühlen gelernt wird und die Antworten, die es darauf gibt. Und mit diesem Wissen ist es dann manchmal etwas einfacher, auch wenn es manchmal weh tut.

Eure

 

Wochenende in Bildern 15./16. September 2018

An diesem Wochenende herrscht Aufregung und es wollen noch wichtige Dinge erledigt werden, denn am Sonntag fahren wir nach Südtirol für eine Woche: Ich halte dort am 20.9. um 17 Uhr eine Lesung in Naturns aus einem meiner Bücher. Das Hotel, in dem wir auch im letzten Jahr waren, hat uns eingeladen. Also gibt es ein kurzes Frühstück bevor die vielen kleinen Dinge des Tages erledigt werden wollen.

Punkt 1 auf der Liste: Freundinnen, die gerade im Wochenbett sind, Geschenke vorbei bringen. Über Wochenbettbesuche habe ich ja schon einmal hier geschrieben: Besuche sollen wirklich schöne Aufmerksamkeiten sein und manchmal reicht es auch, einfach eine kleine Überraschung an der Tür abzugeben, die andere erfreut und zeigt: Ich denke an Dich und Euch.

Zusammen mit einem kleinen Blumenstrauß vor die Tür gelegt. Denn im Wochenbett gibt es auch Zeiten, in denen man mal nicht an die Tür geht. Und das ist auch in Ordnung.

Programmpunkt 2: Die Kinder haben den Wunsch angemeldet, ihr Taschengeld ausgeben zu wollen. Glücklicherweise haben alle drei Kinder den gleichen Wunschort dafür und geben sich sehr ausführlich der Diskussion hin, wer sich was kauft und studieren Preise und wägen ab. Das dauert wirklich sehr lange und ich kenne mich jetzt erstaunlich gut im Sortiment eines Plastikspielzeugherstellers aus.

Programmpunkt 3: Am Nachmittag wieder zu Hause angelangt, wird die lange Fahrt vorbereitet. Wir haben beschlossen, dass wir als Familie nicht mehr fliegen wollen, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt. Während wir letztes Jahr noch das Flugzeug genutzt haben, fahren wir dieses Jahr stattdessen lieber 10 Stunden mit der Bahn. Ein spannendes Abenteuer, das mit drei Kindern gut vorbereitet sein will: Es wird vorgekocht und wir basteln und stellen verschiedene Beschäftigungen zusammen. Außerdem muss natürlich zu Hause aufgeräumt, gewaschen, getrocknet und geputzt werden.

Und dann ist auch schon Sonntagmorgen und wir fahren los. Die Kinder sind aufgeregt und dank guter Organisation am Tag zuvor kommen wir wirklich gut los und erreichen pünktlich die erste Bahn nach München.

Die Fahrt verläuft gut und unsere ausgedachten Beschäftigungen werden freudig aufgenommen. Die Kinder spielen, schlafen und hören Hörbücher. Hier auf Instagram habe ich viele Anregungen bekommen, was andere Familien auf ihren langen Reisen so spielen. Eine Liste mit unseren Spielen werde ich im Laufe der Woche noch posten. Gegen Ende der 10 Stunden wird es etwas anstrengender, die Kinder bei guter Laune zu halten, aber insgesamt haben wir es uns viel anstrengender vorgestellt und kommen recht entspannt im Hotel an.

Die Kinder freuen sich, wieder hier zu sein und erkunden erst einmal, was gleich geblieben ist und was sich geändert hat und müssen sofort baden gehen. Wir holen tief Luft. In diesem Moment rennt ein Kind voll Freude erst einmal gegen eine Glasscheibe, die im Trubel übersehen wurde. Deswegen beschließen wir, vielleicht doch nur ein kurzes Abendprogramm zu machen.

Im Hotel gibt es köstliches Essen, nur der kleinste Sohn ist doch zu müde, um noch lange auszuhalten. Und die Nachspeise wird dann doch auf dem Zimmer eingenommen. Die Kinder fallen sehr erschöpft in die Betten und besprechen noch schnell, was sie wirklich unbedingt alles morgen machen wollen. – Ich glaube, so viele Stunden hat der Tag gar nicht. Wer uns durch unseren Aufenthalt in Südtirol begleiten möchte, kann das hier auf dem Instagramkanal des Hotels machen, den ich für die nächste Woche übernehme, um von unseren Erlebnissen und Ausflügen hier zu berichten.

Eure

Riechst Du das? – Über den Geruchssinn, Kinder und ätherische Öle in der Familie {Werbung}

Werbung

Wir sind umgeben von Gerüchen, die wir manchmal gar nicht mehr wahrnehmen. Sich einen Moment besinnen, die Augen schließen und riechen: Was riechst Du da eigentlich gerade alles? In Kaufhäusern, Einkaufsläden, Hotels und gar Büros werden wir über Klimaanlagen gezielt mit synthetischen Duftstoffen „beduftet“, um unsere Kauffreude oder -entscheidungen anzuregen, um uns effektiver arbeiten zu lassen. Slipeinlagen, Windeln und selbst Technik werden beduftet, damit sie frisch, sauber oder neu riechen. Reizüberflutung betrifft schon lange nicht mehr nur die akustischen oder optischen Eindrücke, sondern bezieht sich auch auf den Riechsinn, dem wir alle nicht entgehen können: Wir können nicht die Nase schließen, keine Geruchsschutzkopfhörer aufsetzen. Wir riechen jeden Tag und es gibt gute Einflüsse auf diesen Sinn und weniger gute. Es gibt hilfreiche Düfte und Düfte, auf die wir verzichten können oder sollten.

Warum das Riechen so wichtig ist

Der Geruchssinn entsteht recht früh in der Entwicklung des Menschen. Ab der 28. Woche nimmt der Embryo Gerüche wahr. Schon jetzt „riecht“ das Baby über die Nabelschnur mit und verbindet den Geruch mit den übermittelten Gefühlen der Mutter. So entstehen bereits vor der Geburt Vorlieben und Abneigungen, die wir scheinbar „mitbringen“. Auch nach der Geburt ist der Geruchssinn wichtig, denn u.a. darüber „erkennt“ das Baby die Mutter und findet die Brust, um zu stillen. Und auch später ist der Geruchssinn wichtig für uns, denn wir nehmen viel von der Umgebung über den Geruch auf: Geruch ist wichtig im sozialen Miteinander („Kann ich den anderen riechen?“), zur Warnung vor Gefahren, in Bezug auf Nahrungsmittel und Geschmack. Viele Menschen, deren Geruchssinn eingeschränkt ist, entwickeln eine Depression.

Der Geruchssinn begleitet uns ein Leben lang, auch wenn er im Alter oft schlechter wird. Was wir riechen, kann Einfluss nehmen auf unsere Gesundheit, unser Wohlbefinden, unser Empfinden. Nicht selten passiert es, dass wir einen Geruch wahrnehmen und mit ihm taucht auf einmal ein besonderes Empfinden auf, vielleicht auch eine konkrete Erinnerung: Wir speichern Empfindungen oft zusammen mit Gerüchen ab. Der besondere Rosenduft bei der Hochzeit, der Geruch des Massageöls bei der Geburt oder auch bei belastenden Lebenssituationen der süße Lilienduft bei der Beerdigung der Großmutter. – Wir erinnern uns unwillkürlich an Ereignisse und Gefühle durch die Düfte, die unser limbisches System (das „Emotionsgehirn“) abgespeichert hat.

„Positiv“ riechen

Diesem besonderen Sinn schenken wir im Alltag so wenig Aufmerksamkeit, besonders auch im Alltag mit unseren Kindern. Wie viele beduftete Dinge verwenden wir für unsere Kinder? Und wo hat dieser Duft einen wirklichen Vorteil? Wo bringt er eine angenehme, sinnliche Erfahrung und etwas, das die Bindung stärken kann, ein gutes Gefühl vermittelt, uns unterstützt? Wo lenken wir überhaupt unser Augenmerk einmal auf den Geruchssinn. Wir fragen unsere Kleinkinder: „Hast Du das Müllauto gesehen?“ oder „Hast Du das Hupen gehört?“ Aber wie oft fragen wir: „Riechst Du das?“ „Hast Du den Blumenduft eben gerochen?“ Unsere Aufmerksamkeit liegt so sehr auf den anderen Sinnen. Das Riechen, das dennoch beständig da ist, nehmen wir aktiv kaum wahr.

Aber gerade mit dem Riechen können wir auch viel erreichen, können unterstützen, können schöne Erinnerungen schaffen, einen positiven „Geruchsabdruck“ der Kindheit hinterlassen. Gerüche lösen Empfindungen in uns aus und können unterstützen, heilen, beruhigen. Wird ein Geruch aufgenommen, wird er über die Riechnerven ins limbische System geleitet und von dort an das Zentralhirn, das schließlich bewirkt, was wir empfinden durch den Geruch.

Ätherische Öle und synthetische Duftstoffe – Wo ist der Unterschied?

Über Haut, Atmung und Geruch wird unser Empfinden beeinflusst: Unbewusst, durch die Gerüche unserer Umgebung oder durch bewusste Beeinflussung, wenn wir über einen Geruch und seine Chemie Einfluss nehmen wollen auf ein Empfinden. Wir alle wissen, dass Gerüche unterschiedlich auf uns wirken: Lavendelduft wirkt entspannend, Zitrusdüfte eher anregend, Vanille wohlig umhüllend. Während wir an vielen Stellen unbewusst mit diesen Botschaften konfrontiert werden, können wir sie aber auch ganz bewusst anwenden, um zu entspannen, um uns Frische zu geben oder Energie und Mut an einem schwierigen Tag.

Ätherische Öle sind das Essentielle einer Pflanze, das in ihren Öldrüsen eingelagert ist. Die Öle können in verschiedenen Pflanzenteilen zu finden sein, u.a. in Wurzel, Holz, Kraut, Blüten, Samen. Diese natürlichen pflanzlichen Inhaltsstoffe setzen sich aus verschiedenen chemischen Substanzen zusammen. Wie das Öl duftet, ergibt sich aus dieser Zusammensetzung. Weil sich die Öle schnell verflüchtigen, werden sie als ätherische Öle bezeichnet (Äther = Himmelsluft). Auf verschiedene Arten können diese Öle aus den Pflanzen gewonnen werden: durch Wasserdampfdestillation, Kaltpressung, Enfleurage oder Extraktion. Für die Qualität des Öls ist nicht nur der Anbau des Öls wichtig (da es von unserem Körper aufgenommen wird, ist hier besonders wichtig, dass es frei von Pestiziden und anderen Belastungen ist, weshalb ein ökologischer Anbau sehr wichtig ist), sondern auch das Ernteverfahren und die Herstellung und Lagerung des Öls. Ätherisches Öl ist nicht gleich ätherisches Öl und nicht selten verbirgt sich hinter einem kleinen Fläschchen auf dem Weihnachtsmarkt kein naturreines ätherisches Öl, sondern ein synthetisches aus Erdölausgangsprodukten hergestelltes.

Synthetische Duftstoffe sind zwar lange haltbar, preiswerter und haben im Vergleich zur Naturvariante einen immer gleich bleibenden Duft ohne natürliche Schwankungen, aber sie sind von unserem Körper nicht verstoffwechselbar, werden also nicht oder nur schwer abgebaut und können sich sogar im Gewebe ablagern und auf diese Weise den Körper belasten. Naturreine ätherische Öle hingegen sind nicht nur stoffwechselaktiv, sondern können auch abgebaut werden.

Ätherische Öle in der Familie – Geht das?

Immer wieder ist zu lesen, ätherische Öle wären gefährlich, sollten nicht verwendet werden oder zumindest nicht in Familien. Betrachtet man diese gelegentlich auftauchenden Meldungen genauer, wird schnell klar, dass in der Berichterstattung viele Aspekte vermischt werden und mehr Unklarheiten entstehen als Aufklärung. Tatsächlich sind die synthetischen Duftstoffe, die wir in vielen Produkten finden, oft belastend für den Körper und gerade für kleine Kinder und Babys ungeeignet: Parfumierte Windeln, beduftete Feuchttücher oder auch mit synthetischen Duftstoffen versehene Nahrungsmittel können Probleme mit sich bringen. Und auch in Bezug auf die Verwendung naturreiner ätherischer Öle gibt es einige Punkte zu beachten:

  • Ätherische Öle sind nicht als Dauerbeduftung zu benutzen
  • Ätherische Öle sollen (bis auf wenige Ausnahmen) nur stark verdünnt auf der Haut benutzt werden. Gerade bei Babys uns Kleinkindern muss auf eine besonders starke Verdünnung geachtet werden
  • Bevor ätherische Öle benutzt werden, empfiehlt sich eine Kontaktprobe in der Ellenbeuge
  • Kinder sollten keinen Zugang zu ätherischen Ölen haben
  • Der Kontakt mit den Schleimhäuten ist (bis auf medizinische Anwendungen durch Fachpersonal) zu vermeiden

Dennoch können auch ätherische Öle in Familien und gerade auch mit Kindern genutzt werden, wenn die Anwendungshinweise befolgt werden. Einige ätherische Öle sind für Babys, Kinder und/oder Schwanger nicht geeignet, weshalb es wichtig ist, sich gut beraten zu lassen. Unterschiedliche Öle einer auf den ersten Blick gleich wirkenden Pflanze können in ihrer Wirkung ganz verschieden sein: Während „Lavendel fein“ und „Lavendel extra“ in der Regel sogar pur auf der Kinderhaut angewendet werden können, ist Lavandin nicht für Kinder geeignet. Es empfiehlt sich daher immer eine fachkundige Beratung vor der Benutzung. Und auch im Netz ist nicht jedes Rezept, das zu lesen ist, unbedingt aus fachkundigen Händen. Vor jeder Anwendung von ätherischen Ölen bei Kindern sollte zudem die Frage stehen: Was verspreche ich mir davon? Warum brauchen wir das jetzt? Erst dann, wenn es einen wirklichen Bedarf gibt für die Nutzung eines oder mehrerer Öle, sollten wir dieses anwenden. Für die ganz normale Alltagspflege reichen oft Wasser und ein fettes Öl wie Mandel- oder Aprikosenkernöl.

Richtig angewendete Aromapflege kann jedoch den Familienalltag im Bedarfsfall unterstützen: Mit ätherischen Ölen können Massageöle beduftet werden, um eine besondere Wirkung hervor zu bringen: Schlaf-gut-Öle für die Abendmassage, Alles-wird-gut-Öl für aufgebrachte Kindergarten- oder Schulkinder zum Ausgleich, Duftmischungen, um die Konzentration zu verbessern, beispielsweise bei Klassenarbeiten. Wir können positive, duftende Kindheitserinnerungen schaffen mit duftenden Ritualen wie dem „Goldtröpfchen“ nach der Badezimmerpflege. Und wir können unser Augenmerk auch einmal im Alltag ganz bewusst auf den Geruchssinn lenken und mit größeren Kindern beispielsweise ein Geruchsmemory spielen und im Alltag mehr darauf achten, welche Bedeutung der Geruch hat und was wir vielleicht auch einfach „überriechen“.

Unser Geruchssinn ist einer unserer Sinne, den wir nicht vergessen sollten. Weder im Alltag, noch in Hinblick darauf, was wir uns und unseren Kindern über ihn Gutes tun können. Einige Anregungen für die Nutzung ätherischer Öle findet Ihr hier bei Primavera, hier habe ich schon einmal Ideen für größere Kinder aufgeschrieben, hier auch zum Thema Konzentration in der Schule. Hier auf Instagram findet Ihr außerdem eine aktuelle kleine Anregung für einen Duft-Säckchen als Begleiter in die Kita und ein Gute-Nacht-Öl.

Eure

 

Wochenende in Bildern 8./9. September 2018

Nach einer Woche mit teilweise kranken Kindern steht das Wochenende vor der Tür mit ein wenig Arbeit, aber vor allem auch viel Zeit im Garten und in der Küche zur Verarbeitung der kleinen Ernte. Weil wir nicht einkaufen waren und ein wenig chaotisch ins Wochenende gestartet sind, wollten wir frühstücken gehen. Leider wurde unser Lieblingsfrühstücksort, der Haferkater, geschlossen und wir müssen ausweichen.

Langsam wird es herbstlich kühl. Auf dem Wochenmarkt kaufen wir eine Wollmütze, denn die Mützen vom letzten Jahr wurden leider von Motten angeknabbert. – Ich hatte vergessen, sie zu vakuumieren für die warme Jahreszeit und nun sind sie leider irreparabel zerfressen. Schlupfwespen sind bereits ausgelegt, aber für diesen Winter braucht es eine neue Mütze.

Wochenende bedeutet momentan oft auch für mich: arbeiten. Mein Mann ist mit den kranken Söhnen voraus gefahren aufs Land, ich bin mit meiner großen Tochter in Berlin geblieben, um zu arbeiten. Sie genießt die freie Zeit ohne Brüder, spielt in Ruhe, liest und kocht das Mittagessen allein für uns.

Als wir am Abend mit der Bahn zur restlichen Familie kommen, gibt es warme Kürbissuppe mit knusprigen Kichererbsen. Diese Farben! Und vor allem: Habt Ihr schon einmal knusprige Kichererbsen gemacht? So lecker!

Das restliche Wochenende wird größtenteils im Garten verbracht: Wir pflücken Kräuter und trocknen sie für Tee, pflücken Holunderbeeren und kochen sie ein zu Marmelade, pflücken den Wein, der in der kommenden Woche verarbeitet werden muss. Von den Nachbarn bekommen wir Äpfel geschenkt, die zu Apfelessig, getrockneten Apfelscheiben und Apfelmus verarbeitet werden wollen.
Da ich in den letzten Wochen immer wieder danach gefragt wurde: Unser Garten ist wirklich klein, aber ich habe ihn in den letzten Jahren immer weiter nutzbringend angelegt, so dass wir dennoch jedes Jahr auch einen schönen kleinen Ertrag haben an einigen Kräutern und etwas Obst. Dazu fühlen sich Insekten und Vögel darin wohl, weil wir darauf achten, dass genügend Nahrung für sie übrig bleibt. Wer keinen eigenen Garten hat oder bepflanzbaren Balkon, der kann mit Kindern auch nach Selbstpflücken Ausschau halten, manchmal werden auch bei eBay Kleinanzeigen Obst und Gemüse aus Gärten angeboten oder auf foodsharing Seiten oder Karten wie mundraub.

Und nun starten wir in eine weitere Woche. Wenn alles gut läuft und niemand krank wird, verreisen wir am nächsten Wochenende.
Und wie war Euer Wochenende?
Eure

 

„Nein, meins!“ – Ich will genau dieses Spielzeug JETZT!

Zwei Kinder sitzen im Sandkasten, eines von ihnen spielt mit einem kleinen Trichter und lässt den Sand hindurch rieseln in eine kleine Wasserschüssel, wo der Sand sich sogleich mit Wasser voll saugt und zu Matsch wird. Wie hypnotisiert sieht das andere Kind einen Moment zu, steht dann auf, geht hinüber, und reißt den Trichter aus der Hand. Es entsteht ein Streit um den Trichter – beide wollen ihn haben. Aber steht wirklich der Besitz hinter diesem Streit? Eine ähnliche Situation, die sich oft in Kinderzimmern von Geschwistern abspielt: Das kleine Kind sieht dem größeren Geschwisterkind beim Spielen zu, rennt zu ihm, reißt das Spielzeug aus der Hand, rennt weg, spielt kurz damit und wirft es dann achtlos in die Ecke. Was passiert hier?

Das belebte Objekt

Wenn sich Kinder um einen Gegenstand streiten, denken wir oft, dass es um den Besitz geht. Wir denken, das andere Kind möchte dieses andere Ding haben, möchte es besitzen und wir regen dazu an, Sachen zu teilen, weil wir denken, es würde darum gehen, sich einen Gegenstand auszuleihen. Wenn der Gegenstand dann den Besitzer oder die Besitzerin gewechselt hat, ist das Interesse an dem Gegenstand auch oft schon verloren. „Aha, es ging nur darum, den eigenen Willen durchzusetzen!“ sind Eltern dann oft verleitet zu denken. Oft aber geht es, gerade bei Babys und kleinen Kindern, nicht um den Besitz und auch nicht darum, den eigenen Willen durchzusetzen, sondern um die Erfahrung, die dahinter steht. Dieses Wissen, das Verstehen des Kindes, kann verändern, wie wir mit einer solchen Situation umgehen und das Kind betrachten. Und selbst dann, wenn es manchmal um das Besitzen geht, lohnt sich ein Blick auf die wirklichen Gründe dahinter, warum Besitz ein wichtiges Thema für Kinder ist.

Entwicklungsressourcen

Das Kind, das den Trichter haben möchte, sieht das andere Kind, sieht wie es Freude hat bei dem Spiel und dass es damit eine spannende Erfahrung macht. Es sieht, dass das Kind etwas lernt, experimentiert. Genau das möchte es auch: lernen und experimentieren, sich weiter entwickeln, einen Entwicklungsvorteil erwerben. Wie so oft geht es auch hier um Ressourcen, dieses Mal um Entwicklungsressourcen. Es ist also keine böse Absicht des Kindes, es ist kein Machtspiel, sondern ein innerer Entwicklungsdrang, der hinter dem Verhalten steht.

Genau das erkennen wir auch dann, wenn das Kind das Spiel auf einmal beendet und das Spielzeug achtlos zur Seite wirft. Oft passiert das dann, wenn es dieses Spiel, das es gesehen hat, nicht nachahmen kann, wenn es nicht die gleiche Erfahrung damit machen kann wie das andere Kind. Vielleicht, weil es dafür noch zu klein ist, wie oft bei Geschwistern zu beobachten ist: Eben sollte es dieses Spielzeug noch unbedingt sein, nun ist es schon nicht mehr interessant, wo es doch endlich in der Hand gehalten wird.

Warum nur „teilen“ oft nicht hilft

Das andere oder größere Kind nur zum Teilen aufzufordern, bringt deswegen meist keinen Erfolg in einer solchen Streitsituation: Denn nur durch den Besitz des Gegenstandes wird der eigentliche Wunsch hinter dem „Habenwollen“ nicht erfüllt. Im schlechtesten Fall sind durch die Aufforderung des Teilens zwei Kinder frustriert: Das Kind, das teilen soll (und seinen Besitz abgeben muss, der für das ältere Kind sehr wichtig ist, siehe unten) und das Kind, das mit dem Gegenstand eigentlich nichts anfangen kann.

Hilfreich ist deswegen, wenn wir das andere Kind begleiten im Experimentieren damit oder von Anfang an Alternativen anbieten können bspw. bei Spielsachen, die doppelt vorhanden sind. Andere Kinder zum Teilen aufzufordern, ist oft schwierig, denn es ist wichtig, auch sie nicht aus ihrem Spiel und ihrer aktuellen Entwicklung heraus zu reißen. Sie brauchen einen geschützten Raum, in dem sie sich in Ruhe beschäftigen dürfen und gerade unter Geschwistern ist es auch wichtig, eigenen Besitz zu haben, der nicht geteilt werden muss.

Besitz

Besitz ist in der Vorschulzeit etwas, das die eigene Position in der Gruppe stärkt oder auszeichnet. Geht es im Wegnehmstreit nicht um das Ausprobieren, kann auch der reine Besitz eine Rolle spielen. Auch hier geht es aber wieder um eine Entwicklungsressource und nicht um eine böse Absicht: Zu sehen, wohin ich gehöre, wie ich mich in der Gruppe bewege und welche Stellung ich habe. Manchmal nehmen Kinder anderen Kindern Dinge weg, um diese soziale Position zu hinterfragen und auszumachen. Auch dies ist normal und wichtig.

Kreativer Umgang mit Konfliktsituationen

Wie immer in Streitsituationen ist es gut, Kinder auch eigene Möglichkeiten und Lösungen finden zu lassen. Manchmal ist dies nicht möglich, und wir müssen eingreifen, um zu unterstützen. Langfristig ist es hilfreich, den Kindern zu vermitteln, dass nach gewünschten Dingen gefragt werden kann. Auch hier ist das Vorbildverhalten der Eltern wieder wichtig: Nehmen wir Dinge einfach aus der Hand oder fragen oder bitten wir zuvor?

Teilen ist ein wichtiger Meilenstein der Entwicklung, aber das freiwillige Teilen erwerben Kinder erst im Laufe der Zeit – es ist, wie viele andere Dinge, eine Frage der Entwicklung.

Deswegen ist es so wichtig, Kinder gut zu begleiten, sie anzuregen, aber nicht zu bestimmen. Wir können ein „gleich“ anbieten, ein „ausleihen“ oder auch einfach vermitteln: Es ist vollkommen in Ordnung, dass Du dieses Ding nicht teilen möchtest, wenn es so wichtig ist. Wir können erklären, dass beispielsweise nicht teilbare Dinge nicht auf den Spielplatz mitgenommen werden, um Konflikten vorzubeugen. Und wir können selber Vorbild sein im Teilen und dem Umgang mit eigenen Dingen, gerade wenn ein Kind etwas von uns Erwachsenen „einfach“ wegnimmt.

Betrachten wir solche Streitsituationen also wohlwollend einmal durch die Augen der Kinder. Dann wird uns klar, dass hinter solchen Streitsituationen keine böse Absicht steckt, kein Fehlverhalten und keine „schlechte Erziehung“, sondern dass sie vollkommen normal und wichtig sind für die kindliche Entwicklung. Und mit diesem Wissen wird es schon leichter.

Eure

 

Kleine Abenteurer*innen, ab in die Wildnis! – Warum Kinder die Natur nicht nur zum Spielen brauchen

Das Dickicht reicht uns bis zu den Schultern. Die Beine sind zerkratzt, die Haare sind zerzaust und unserer Kleidung sieht man den Kampf durchs Unterholz an. Wir schlagen uns mit Stöcken durch das hohe Gras. Ich voran, mein Bruder hinterher. Wir sind mitten in der Wildnis, auf dem Weg zu unserer selbstgebauten kleinen Hütte.

Die stärksten Erinnerungen an meine Kindheit sind die Abenteuer, die ich draußen erlebt habe. Viele davon auf dem Bauernhof bei meinem Opa oder auf dem großen Gelände der Gärtnerei von Freunden. In beiden Orten haben mein Bruder und ich viele, viele Wochenenden verbracht. Und unter der Woche streiften wir in der Stadt durch die Wildnis. Hier trafen sich die Kinder der Straße, hier wurde gekämpft und gebaut, gespielt und geträumt.

Die Trampelpfade unserer Kindheit sind im Buschwerk nur noch für den zu erahnen, der ihre verschlungenen Wege kannte. Längst ist die nächste Generation Kinder groß genug für neue Abenteuer auf dem 500 Meter langen, schmalen Wildnisstreifen.

Doch von Abenteurern ist weit und breit nichts zu sehen. Kein Hämmern dringt aus dem Buschwerk, das den Bau eines Unterschlupfs verraten würde. Kein Indianer-Heulen deutet auf Clan-Kämpfe der verschiedenen Häuserreihen an. Kein Rascheln und Stapfen im grünen Dschungel. Wo sind die Kinder? Dürfen sie dort nicht spielen? Wollen sie dort nicht spielen? Ich tippe mal auf ersteres: Kinder alleine in der Natur, das würde mir als Mutter heute auch den Schweiß auf die Stirn treiben. Und trotzdem sehe ich meine Tochter, wenn sie etwas älter ist als ihre jetzigen zwei Jahre, dort spielen. Weil Natur der Stoff ist, aus dem Erinnerungen gemacht sind. Weil wir Spaß hatten an den Abenteuern und unglaublich viel gelernt haben. Und vor allem, weil das Spielen in der Natur so viel mehr ist, als nur ein Spiel.

Die flurbereinigte Kindheit behindert die kindliche Entwicklung

Für Kinder ist das Spielen in der Natur nicht einfach eine nette Ergänzung zum Alltag. Nein, für Kinder ist das Sein in der Natur essenziell. Kinder entwickeln sich in der Natur. Hier stoßen sie auf Freiheit und kommen mit Unmittelbarkeit in Berührung. Sie erleben Widerstand und gleichzeitig einen Bezug zu ihrer Umwelt und sich selbst. Und mit diesen Quellen, die in keiner künstlichen Welt nachzustellen sind, bauen Kinder das Fundament, das sie durchs Leben trägt. Die Stunden, die die Kinder in der Natur verbringen, sind reine Entwicklungszeit.

Kinder spielen nicht mit Matsch, sie lernen mit Matsch

Bis die Menschen in Mittel-und Nordeuropa vor 4.000 bis 5.000 Jahren sesshaft wurden, lebten wir Menschen in und mit der Natur. Ein großer Teil der Zeit spielte sich draußen ab. Die Kinder mussten dabei auf ihrem Weg zum Großwerden starke und vielverzweigte Wurzeln ausbilden, die ihr Fundament zum Großwerden darstellen. Wurzeln bilden die Kinder auch heute noch aus. Lernen tun sie täglich.Aber zu 99% passiert das in unserer heutigen Zeit in geschlossenen Räumen. Der Kinderarzt und Autor Herbert Renz-Polster spricht von einem „Flurbereinigten Modell“ der Kindheit.

Den Kindern steckt die Natur aber noch immer im Blut. Im freien Spiel träumen sie sich in uralte Motive. Sie spielen mit Stöcken und imitieren Jagdszenen. Sie bauen Höhlen und Zelte, verstecken sich und suchen Schutz. Sie spielen stundenlang an einem Bach, stauen Wasser auf, vermischen es mit Erde. Sie matschen, kleben und bauen. Und ein Abend am Lagerfeuer, mit Stockbrot, heißen Gesichtern und kalten Rücken ist eine magische Erfahrung für Kinder. All diese Erfahrung sind es, die Kinderaugen abends leuchten lassen: „Heute haben wir ein Abenteuer erlebt“.

Doch Kinder spielen nicht einfach so zum Spaß. Sie lernen, sie arbeiten richtig für ihre Entwicklung, während sie ihre Sinne trainieren. Sie verfeinern ihren Einsatz von Körperkraft und Koordination, während sie auf Bäume klettern und auf rutschigen Steinen balancieren. Und Spielforscher beschreiben, dass Vorschulkinder in der freien Natur die Hälfte ihrer Zeit mit Zählen und dem Erforschen von Formen, Mustern und dem Sortieren verbringen. Sie machen sich mit den Grundkonzepten der Mathematik und Physik vertraut. Natürlich wissen sie das nicht und das ist auch nicht wichtig. Aber für uns Erwachsene mag es wichtig sein, das zu wissen. Kinder spielen nicht ohne Grund. Sie lernen im Spiel. Dabei schöpfen sie den Reichtum aus, den die Natur ihnen für ihre Entwicklung bietet.

Zeit und Raum schenken – unter freiem Himmel

In unserer Erziehung achten wir darauf, dass die Phantasie und Kreativität bei unseren Kindern nicht zu kurz kommt, dass sie empathisch mit anderen Menschen und Lebewesen umgehen, dass sie selbstsicher sind und im Falle eines Risikos richtig handeln. All das lässt sich mit Stofftieren und auf asphaltierten Höfen nicht planbar anerziehen. Aber all das finden Kinder draußen. Wir sollten wieder mehr auf die Fähigkeiten ihrer eigenen Entwicklung vertrauen. Sie sind hungrig nach Abenteuern und suchen sich dabei ihre Nahrung. Sie haben eine Intuition dafür, was sie für ihre Entwicklung benötigen und sind mit Feuereifer dabei, sich das notwendige Handwerkszeug zum Aufwachsen in ihrem Spiel anzueignen.

Doch dafür brauchen Kinder Zeit und Raum. Beides Dinge, die heute Mangelware sind. Statt stundenlang draußen zu spielen, gehen wir mit den Kindern „mal für eine Stunde raus“. Wir blockieren die Räume, in denen Kindern ihre Spiele gestalten wollen. Wir haben einen Ort im Sinn, wenn wir mit den Kindern nach draußen gehen. Und dieser Ort ist nicht die verwilderte Brachfläche, auf der es keine Bank zum sitzen, keine Kommunikation mit anderen Eltern und – für uns Eltern – auch wenig zu sehen gibt. Doch es sind genau diese verwilderten Brachen oder die vergessenen Ecken der Planer auf Spielplätzen oder Parks, die die Kinder so magisch anziehen. Hier suchen und finden sie Nahrung für ihre Entwicklung in ihrem Spiel.

Wir wussten oder ahnten zumindest, dass Natur wichtig ist für Kinder. Jetzt wissen wir auch, dass sie nicht nur wichtig für ihr Spiel, sondern essenziell für ihre Entwicklung ist. Und wir sollten versuchen, für unsere Kinder wieder ein Stück weit Richtung Natur zu gehen.

Ein naturorientiertes Aufwachsen ist auch heute noch möglich, auch als Stadtkind. Wie das geht, welche Hindernisse es geben kann und was „Natur“ in Deutschland alles ausmacht, darüber erzähle ich euch in den nächsten Folgen dieser Kolumne. Damit meine Tochter bald Spielkamerad_innen findet, um mit ihnen durch die Wildnis zu stromern. Immer auf der Suche nach neuen Abenteuern.

Veronika hat Biologie, Naturschutz und Landschaftsplanung studiert und ist Mutter einer Tochter. In ihrer Kolumne „Naturorientiertes Aufwachsen“ berichtet sie von Wegen, auf denen Kindern die Liebe und der Respekt zur Natur als Samenkorn mitgegeben werden können.  Mehr über Veronikas Arbeit und ihre aktuellen Texte zu grünen Themen findet ihr auf ihrer Homepage, Instagram oder Twitter.

 

Wochenende in Bildern 01./02. September 2018

Das erste Septemberwochenende hat Schnupfnasen für die Kinder mitgebracht. Nach wirklich langer Zeit ohne Erkältungen und andere Erkrankungen waren an diesem Wochenende gleich alle drei Kinder erkältet, anhänglich und erschöpft. Natürlich bringt das auch immer schlechtere Nächte mit sich und somit auch weniger Schlaf für uns Eltern.

Der erste Weg am Samstag führt dennoch in den Schuhladen, denn auf einmal sind die Füße gewachsen und einer der Söhne ist schon gestern nur noch mit Socken gelaufen, weil die Schuhe wohl so sehr zu eng waren, wie er meinte. Mit und für drei Kindern Schuhe einzukaufen ist meistens keine Freude. Umso weniger erfreulich ist es, wenn die Schuhverläuferin wenig auf die Bedürfnisse der Kinder eingeht und erklärt „Der Schuh passt jetzt aber gut!“ statt zu fragen „Passt der Schuh?“. Letztlich haben aber doch alle Kinder hoffentlich langfristig passende Schuhe gefunden und für uns Eltern steht fest: Beim nächsten Mal lieber ein anderer Laden und doch einzeln mit jedem Kind gehen und langfristig wieder Barfußschuhe bestellen, bei denen sich die Kinder noch nie über „drücken“ oder schlechte Passform beschwert haben.

Eine wesentlich schönere Wochenendaufgabe: Am Wochenende wird das Kinderzimmer aufgeräumt, nicht mehr bespielte Spielsachen aussortiert und wir widmen uns unserem Universum-Projekt. Die Kinder sind große Weltraumfans und alle Nachrichten der ISS werden verfolgt und der Sohn weiß erstaunliche Details über die verschiedenen Planeten, Sterne und alles drum herum. Nun wollen wir einen Teil des Kinderzimmers in ein Universum umgestalten mit Tafelfarbe an der Wand, um Raketen und Sonden selbst malen zu können, und den Planeten des Sonnensystems inklusive einer großen Sonne an der Decke. Wir kommen ein gutes Stück voran mit unserer Arbeit.

Mal wieder Zeit für einen Flohmarktstand. Wie wir Sachen aussortieren und auch Spielzeug zusammen mit den Kindern für den Flohmarkt freigeben, habe ich hier schon einmal aufgeschrieben. An diesem Wochenende konnte ich jedenfalls mal wieder einen Flohmarktstand mit meinen Freunden Anja und Christian teilen und neben dem Umstand, dass die Wohnung nun wieder leerer ist, hatten wir auch eine schöne Zeit zusammen.

In einem aufgeräumten, strukturiertem Kinderzimmer lässt es sich auch wieder gut spielen. Alle restlichen Bausteine und andere Spielsachen sind sortiert und gut erreichbar, die Bücher sind nach Benutzung aktualisiert (und nicht zur Jahreszeit passende oder gerade nicht gelesene Bücher weggeräumt). Die Kleidungsstücke, die für ein jeweils jüngeres Geschwisterkind aufgehoben werden (oder für den nächsten Flohmarktbesuch) sind vakuumiert und verstaut.

Mal sehen, wie die nächste Woche startet. Hier gibt es jetzt Salbeitee, Zwiebel-Honig-Hustensaft und Brustwickel.
Und wie war Euer Wochenende?
Eure

 

Der Moment des ersten Kennenlernens

Wer ein Kind in sich trägt, lernt es über die Monate kennen. Kleine Streckbewegungen, Tritte gegen eine Hand, das Streicheln über den Bauch, das beruhigt. Wir gehen schon vor der Geburt in Beziehung mit dem kleinen Menschen, der in uns wächst. Und dennoch gibt es diesen einen Moment, in dem sich Eltern und Kind zum ersten Mal in die Augen blicken, in dem zum ersten Mal die kleinen Gesichtszüge betrachtet oder befühlt werden. Der magische Moment des richtig bewussten Kennenlernens.

Hier sind wir zwei nun…

Zwei Handvoll Mensch liegen im Arm, so warm und leicht und schwer zugleich. So leicht als Mensch und so schwer als Verantwortung. Von nun an ist da dieser Mensch in Deinem Leben und Du bist Mutter oder Vater. Das erste Mal das eigene Kind zu halten, ist besonders. Mit großen Augen blickt es den Menschen gegenüber an, so ruhig und besonnen. Es scheint jede Besonderheit des Gesichts aufzunehmen, es abzugleichen, zu erkennen. Und auch wir auf der anderen Seite blicken in dieses kleine Gesicht und denken: „Ach so siehst Du aus, herzlich willkommen.“ Ein Kennenlernen beginnt, eine Art Blind-Date: Was bringst Du wohl mit in unsere Beziehung, in unser Leben? Was wirst Du lieben, was wirst Du ablehnen? Welches Temperament hast Du und welche wird Deine Lieblingsfarbe werden? In den nächsten Jahren werden wir zusammen wachsen, uns aufeinander abstimmen und auch immer wieder mit verschiedenen Meinungen aufeinander treffen. Es wird so schöne Momente geben wie diesen und harte, schwere Stunden. Großes Glück und große Sorgen. Aber in diesem einen Moment zählt nur, sich anzublicken. Alles andere kommt später.

In all den Jahren habe ich viele Erfahrungen mit meinen Kindern gemacht und doch erinnere ich mich an diesen einen Moment, an dem ich jedes Kind so wirklich bewusst und in Ruhe wahrgenommen habe. In dem die Zeit um uns verschwand und wir ganz bewusst eintauchten in das Kennenlernen. Uns gegenüber waren und anblickten. Jedes Mal wieder war es ein magischer Moment. Ein Blick des Erkennens und gleichzeitig des neu Kennenlernens: „Hier sind also wir beide. Lass uns sehen, wohin die Reise zusammen geht.“

Wenn das Kennenlernen warten muss…

Manchmal ist es nicht möglich, das Baby sofort in die Arme zu nehmen und anzublicken. Manchmal stehen andere Dinge im Vordergrund: das Baby muss versorgt werden oder die Mutter braucht dringend medizinische Versorgung. Manchmal muss dieser erste Moment warten. Oft gibt es andere liebevolle Hände, die das Baby aufnehmen und Augen, die es neugierig und voll Gefühl anblicken. Nicht nur die gebärenden Mütter erleben diesen Augenblick des Kennenlernens. Und auch, wenn es manchmal schwer ist, anzunehmen, dass dieser Augenblick verschoben werden muss, ist ein Verschieben möglich: Der magische Moment des Kennenlernens kann nachgeholt werden.

Es ist gut und schön und kann einige Dinge erleichtern, wenn das frühe Bonding direkt nach der Geburt stattfinden kann, aber Eltern haben auch später Zeit, mit dem Kind zu bonden, an eine Beziehung anzuknüpfen, die ja bereits im Mutterleib begonnen wurde. Wir müssen uns in einer ohnehin schwierigen Situation nicht noch zusätzlich unter Druck setzen (lassen), wenn es wichtige Gründe gibt, die dagegen sprechen. Denn diese Gründe sind auch Teil der Bindungsbeziehung: Wir versorgen uns oder lassen uns versorgen, um dann für das Kind sorgen zu können. Wir lassen das Baby von anderen versorgen und geben es zum Überleben, für seinen Schutz, in die Hände von Fachleuten, die es medizinisch versorgen mit dem, was es genau jetzt braucht. All das hat auch mit Bindung zu tun und mit der Sorge gegenüber dem Kind. All das ist auch kümmern. All das ist wichtig.

Kennenlernen kann später stattfinden. In einem ruhigen Moment zusammen im Bett oder zusammen im Bad. Die Hebamme Brigitte Meisner hat hierfür das Babyheilbad als Anregung zur Aufarbeitung negativer Geburtserfahrungen entwickelt, bei dem eine Geburt noch einmal anders nacherlebt wird. Und auch dann, wenn es noch einige Wochen dauert, weil die Mutter seelisch von der Geburt und den Ereignissen drum herum sehr belastet ist, ist noch Zeit für das Kennenlernen und Verbinden. Bindung passiert im Alltag, in den kleinen Momenten und ist ein langer Prozess.

Eure

 

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik), Geburtsvorbereiterin, Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Elternblogs über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Angstfresserchen – Wie Sie Kindern bei Angstanfällen helfen können

Kinder haben Ängste und Kinderängste sind normal. Wichtig ist, wie Eltern (und andere Bezugspersonen) damit umgehen. Diplom-Pädagoge und Therapeut Dr. Udo Baer beschreibt einen kreativen Umgang mit Kinderängsten:

Es gibt ein sehr schönes Kinderbuch von Michael Ende: „Das Traumfresserchen“.
Hier sorgt sich ein König um seine Tochter. Denn die Tochter wird von bösen
Träumen geplagt. Der König ruft alle Weisen und Heiler seines Landes zusammen,
die seiner Tochter helfen sollen. Sie bemühen sich, aber ihre Bemühungen sind
vergeblich. Niemand kann der Königstochter die furchtbaren Albträume nehmen, die
sie jede Nacht erzittern und aufwachen lassen. Da beginnt der König eine Weltreise.
Er reist in andere Länder und sucht überall jemanden, der seine Tochter von den
Träumen befreien könnte. Doch die Reise bleibt erfolglos.

Überall fragt er vergeblich, bis er schließlich ans Ende der Welt gerät. Dort setzt er
sich auf einen Stein und weint bitterlich, weil er versagt hat, weil er seiner Tochter
nicht helfen kann. Da nähert sich ihm ein fremdes Wesen, wie er es noch nie
gesehen hat. Das Wesen fragt ihn, warum er so betrübt sei und weine. Der König
erzählt die Geschichte von seiner Tochter und seiner vergeblichen Suche. Da sagt
das Wesen: „Oh, das trifft sich ja gut. Ich bin nämlich ein Traumfresserchen. Ich
ernähre mich von Träumen. Und je schlimmer diese Träume sind, desto besser
schmecken sie mir.“ Der König fragte das Traumfresserchen, ob es ihn begleiten
wollte, um seiner Tochter zu helfen. Das Traumfresserchen sagte „Ja“, und die
Tochter wurde schließlich von den bösen Träumen befreit.

Diese Geschichte, die Michael Ende viel schöner erzählt, als ich sie hier
zusammenfasse, war mein Anstoß dafür, mit und für Kinder ein Angstfresserchen zu
malen. Viele Kinder haben Ängste. Und es ist gut, wenn wir Eltern uns um diese
Ängste kümmern. Wir können beruhigen. Wir können helfen, indem wir nachfragen,
wovor das Kind denn konkret Angst hat. Wir können zum Beispiel ein Licht anlassen,
wenn dunkle Schatten drohen. Doch manchmal bleiben Ängste so diffus, und oft
treten sie, wie bei der Königstochter, auch nachts auf.

Hilfe bei Ängsten: Das Angstfresserchen malen

Eine Hilfe kann darin bestehen, dass die Kinder ein Angstfresserchen malen.
Erklären Sie Ihrem Kind, dass es Wesen gibt, die sich von Ängsten ernähren, also
Angstfresserchen. „Jedes Kind weiß nur selbst, wie sein Angstfresserchen aussieht.
Jedes Kind kann es beschreiben oder vielleicht auch malen.“ Bitten Sie Ihr Kind, ihr Angstfresserchen zu malen. Wenn es dazu noch zu klein ist, dann malen Sie das
Angstfresserchen für Ihr Kind – nach dessen genauen Angaben.

Dennis hatte über seinem Bett ein Bild mit seinem Angstfresserchen hängen. Doch
eines Tages kam er zu seiner Mutter und brachte ein großes Blatt Papier und eine
Packung Farbstifte mit. Er sagte: „Mama, das Angstfresserchen über meinem Bett
hilft gegen die kleinen Ängste. Ich brauche aber noch eines gegen die große Angst.
Mal mir das.“ Die Mutter malte nach genauen Angaben große Krokodilzähne, ein
breites Maul, furchterregende Augen und Stacheln auf dem Kopf … . Gemeinsam
hängten sie dieses Bild im Kinderzimmer auf. Nun gab es auch einen Angstfresser
gegen die große Angst.
Er half.

Solche Bilder haben für die Kinder eine hohe symbolische Bedeutung. Vor allem
dann, wenn sie diese selber gestalten oder die Bilder nach ihren Angaben gestaltet
werden, also nicht von der Stange angefertigt werden. Wir nennen diese Methode
„Aktives Symbolisieren“. Die Kinder schaffen selbst Symbole, und das ist viel
hilfreicher, als wenn Symbole gekauft oder vorgefertigte verschenkt werden. Solche
Symbole müssen nicht in Bildern bestehen. Es gibt viele andere Möglichkeiten.
Kinder können aus Knete oder Ton ein Objekt gestalten. Sie können sich einen Stein
oder ein Stück Holz aussuchen und es bemalen oder als Stofffigur gestaltet werden.
Ganz gleich in welcher Form Sie Ihrem Kind Aktives Symbolisieren anbieten, Sie
stärken damit die inneren Kräfte des Kindes und mobilisieren seine Ressourcen.
Dass Sie das Kind trösten, halten, stützen, begleiten, bleibt natürlich notwendig. Das
kann kein Angstfresser ersetzen. Doch Ihr stärkender Halt kann von den
Angstfressern unterstützt werden.

Dr. Udo Baer ist Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL und u.a. Vorsitzender der Stiftung Würde. Auf Geborgen Wachsen schreibt er über die (Gefühls-)Welt der Kinder, ihre Gedanken und die sich ergebenden Herausforderungen. Mehr über Kinderängste und ihre professionelle Begleitung findet sich in seinem Buch „Wenn Oskar Angst hat. Kinder verstehen und im Kita-Alltag professionell begleiten“

Selbstoptimierungs-Mom

Familie, Haushalt, Job, Partnerschaft, Freundschaften, Hobbys,… und das alles nicht nur unter einen Hut bekommen, sondern auch noch perfekt darin sein. Denn „einfach nur gut“ reicht heute an vielen Stellen nicht, wird uns suggeriert. Besonders als Mutter. – Und es möglichst noch allein schaffen, denn das bedeutet doch Vereinbarkeit. Wir sind nicht mehr nur bei der Supermom angelangt, sondern schon in Zeiten der Selbstoptimierungs-Mom:

Der Tag hat 24 Stunden und Kraft ist begrenzt

Ein Tag hat 24 Stunden, in die wir unsere Aufgaben hinein geben können. Zunächst müssen wir darauf achten, unsere grundlegenden Bedürfnisse selbst zu erfüllen wie beispielsweise Schlaf und Nahrung. Dazu kommen weitere Bedürfnisse, die erfüllt werden können, sofern die Grundbedürfnisse befriedigt sind. Zu unseren Grundbedürfnissen, die erfüllt werden wollen, gesellen sich – zumindest in den ersten Jahren – die Grundbedürfnisse des Kindes, das auf die Befriedigung selbiger durch erwachsene Personen angewiesen ist: Die Erfüllung dieser geht von den 24 Stunden des Tages ab. Werden wir unterstützt, sind es weniger Stunden, die von unseren eigenen 24 Stunden dafür Verwendung finden. Werden wir nicht unterstützt (oder nur wenig), müssen wir viel von der eigenen Zeit verwenden und es bleibt weniger Zeit für die eigenen Bedürfnisse übrig.

Manchmal sind wir uns dessen gar nicht bewusst, wie viel Energie und Zeit wir wirklich in unsere Kinder und Familie investieren. Psychologin Patricia Cammarata hat kürzlich hier über die vielen  unsichtbaren Aufgaben geschrieben, die wir scheinbar nebenher im Alltag absolvieren und bezeichnet dies als „Mental Load“. Sie schreibt auch:

„Energie ist endlich (hätte ich auch schon aus dem Physikunterricht wissen können). Energie ist eine Torte. Ich kann acht oder sechzehn Stücke rausschneiden, größer macht das die Torte nicht und am Ende ist die Torte weg. Für einen Job und ein Kind hat meine Energie leicht gereicht, für zwei auch noch, beim dritten war dann Schluss.“

Unsere Tage haben nur einen begrenzten Zeitumfang, unsere Energie ist nicht unbegrenzt. All das setzt uns ein Limit an Dingen, die wir erledigen können, die wir bearbeiten können. Arbeit, Haushalt, Familie, Freunde, Hobbys, Partnerschaft,… Unsere Liste an Aufgaben/zu erledigenden Dingen ist lang. So lang, dass sie kaum noch in den Alltag hinein passt. Dass wir schon oft und immer wieder merken: Ich habe mehr Aufgaben als Zeit. Ich kann nicht noch mehr tun, kann nicht noch mehr Zeit herzaubern. Das Maximum an möglichen Tätigkeiten ist erreicht.

Nicht nur alles, sondern alles auch perfekt

Aber mit dem „Mental Load“, mit den alleinigen Aufgaben, die sowieso schon viel sind und oft nicht allein zu bewältigen, haben wir das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Denn es geht nicht nur darum, dass wir all das schaffen, sondern auch wie: Es ist nicht nur ausreichend, die Arbeit zu absolvieren und damit zufrieden zu sein. Wirklich wertgeschätzt wird diejenige, die trotz Familienbelastung auch Karriere macht. Aber Achtung: Nur nicht zu früh in den Job zurück, denn auch das ist verkehrt und gilt als egoistisch. Es reicht nicht mehr, den Haushalt nur zu erledigen, sondern es muss sorgfältig erledigt werden, um letztlich eine strahlend aufgeräumte Wohnung zu haben – instagrammable. Es reicht nicht, sich neben all den Aufgaben einfach nur wohl zu fühlen in der eigenen Haut, sondern auch an unsere Körper werden höchste Ansprüche gestellt. Erwachsenenbildnerin und Sexualpädagogin Katja Grach schreibt in ihrem Buch „MILF Mädchen Rechnung“ dazu

„Beruf und Familie unter einen Hut bekommen war gestern. schließlich wachsen Menschen an ihren Herausforderungen. Weil aller guten Dinge drei sind, macht nun erst der Fuckability-Faktor die Vereinbarkeitsdebatte komplett.“

Nicht nur Frau und Mutter und Karriere, sondern dabei auch gut aussehend und sexy. Und um all das noch zu erweitern, kommt auch noch die Pädagogik hinzu: Die Kinder sollen schließlich bestmöglich gefördert, auf die Zukunft vorbereitet und modern erzogen werden. Wie das geht, muss nebenher auch angelesen, gecoacht und gelernt werden. Denn wenn sich „das Kind nicht benimmt“ (was auch immer das sein soll, denn Kinder sind Kinder), dann sind schließlich die Eltern schuld und zumeist die Mutter, ebenso wie das Erziehungsverhalten bei Müttern generell kritischer betrachtet wird, wie auch Kim Brooks in der New York Times folgendermaßen belegt

„Dr. Sarnecka, the cognitive scientist, has an answer to this. Her study found that subjects were far less judgmental of fathers. When participants were told a father had left his child for a few minutes to run into work, they estimated the level of risk to the child as about equal to when he left because of circumstances beyond his control. I love the way this finding makes plain something we all know but aren’t supposed to say: A father who is distracted by his interests and obligations in the adult world is being, well, a father; a mother who does the same is failing her children.“

Selbstoptimierung – die Falle

Der Druck, der auf Familien lastet, ist enorm. Dies umso mehr, wenn es Familien sind, die wenig Unterstützung haben oder in denen gar eine erwachsene Person mit Kind(ern) allein lebt. Alle Aufgaben sollen erledigt werden, allen Lebensbereichen soll gleichermaßen gerecht werden und dabei soll jeder einzelne Bereich perfekt sein. Wir bekommen in der Werbung, auf Instagram, in Social Media und selbst auf Kongressen vermittelt: Du bist nicht genug nur einfach so, Du musst noch mehr. Wenn Du Frau bist, müssen Deine Kinder nicht nur wohl „erzogen“, hübsch und adrett sein, Du musst dabei gebildet, belesen, fit, gesund und schön sein, sorgsam gepflegt und geschminkt und wohl frisiert und gekleidet. Und wenn Du das jetzt noch nicht bist, dann musst Du es werden. Du musst Dich selbst optimieren: Aus der vorhandenen Zeit das Maximum an Leistung heraus holen, jede Minute sinnvoll nutzen. Ist Dein Körper nicht perfekt, kannst Du ihn mit Hilfe von Apps optimieren und besser definieren – „in nur 5 Minuten am Tag zur Traumfigur“. Bist Du unsicher in Hinblick auf Erziehung, musst Du Ratgeber konsumieren und Dich in Bindungs-, Entwicklungs- und Gehirnentwicklungsfragen auskennen als hättest Du Erziehungswissenschaften oder Psychologie studiert. Wenn Du nicht die Grundlagenliteratur der Bindungstheorie und ihre Autor*innen kennst, bist Du in manchen Facebookgruppen verloren. Bilde Dich und nutze die Zeit perfekt und optimal, um das möglichste aus Dir heraus zu bekommen – und noch ein wenig mehr. Burnout ist nicht mehr nur eine Erkrankung unter Unternehmens-Manager*innen, es hat auch die Familien-Manager*innen eingeholt und verbreitet sich von dort auf die Familie, denn das Vorbild der Selbstoptimierung macht vor den Kindern nicht halt: Auch sie erleben, wie die Eltern an sich arbeiten, den Alltag mit Terminen voll legen und verplanen und entwickeln selbst ein Perfektionsstreben, das zu Erschöpfung führen kann. Von den Selbstoptimierungseltern ist es nicht mehr weit zur optimierten Kindheit.

Du bist gut genug

Das ist es, was alles auf unseren Schultern lastet. Viele Aspekte davon auf Müttern und Vätern, aber ganz besonders sind Mütter davon betroffen. Wir sind mitten drin in der Selbstoptimierungsindustrie, gerade wir Eltern. Wie viel wir davon aushalten können, ist ganz individuell verschieden und hängt mit unseren persönlichen Ressourcen zusammen, aber auch mit dem Grad der Unterstützung, die wir weniger dazu nutzen, damit wir wirklich entspannen können, als dafür, Zeiten frei zu bekommen, um mehr an uns oder für uns arbeiten zu können. Wenn das Baby Mittagsschlaf macht, wird schnell die Küche aufgeräumt und das Bad geputzt, statt selbst zu ruhen.

Die große Frage aber ist: Warum eigentlich? Was soll es uns bringen, jeden einzelnen Teil des Lebens maximal zu optimieren? Verspricht es uns wirklich in einer fernen Zukunft Entspannung? Was ist aus dem Grundsatz „Der Weg ist das Ziel“ geworden, durch den wir die Tage genießen konnten. Ob es wirklich etwas bringt, uns zu perfektionieren, ist ungewiss. Was wir aber bislang wissen, ist, dass es ausreicht, „nur“ gut genug zu sein. Wir müssen keine Supermütter sein, auch wenn uns das beständig und von allen Seiten eingeredet wird.

Du bist gut so, wie Du bist. Mit Deinen persönlichen Schwerpunkten, in Deiner Individualität. Du bist so, wie es für Euch gerade richtig ist und so, wie es für Dich richtig ist. Anstatt immer weiter an uns zu optimieren, sollten wir vielleicht lieber ehrlich zu uns selbst sein, stolz auf das, was wir leisten – egal ob berufstätig oder nicht. Und wir sollten nicht mehr von uns selbst einfordern (müssen), sondern von der Gesellschaft: mehr an Unterstützung, weniger Druck. Hilfen normalisieren, Verständnis erwarten und entgegenbringen. Anerkennen und Schulter klopfen statt hochgezogene Augenbrauen und heimliches Kopfschütteln und Optimierungstipps.

Eure