Alle Artikel von Susanne Mierau

Elterlicher Stress als Einflussfaktor auf Erziehung

Theoretisch wissen es Eltern: Eine sichere Bindungsbeziehung für Kinder ist von Vorteil für die kindliche Entwicklung. Sie kann das Fundament bilden für ein gutes Selbstwertgefühl, kann die Widerstandsfähigkeit gegenüber Belastungen erhöhen und sich auf das Eingehen zukünftiger Beziehungen positiv auswirken. Natürlich können wir unsere Kinder nicht vor allen äußeren Einflüssen schützen, aber eine sichere Bindungsbeziehung kann ihnen helfen, mit widrigen Einflüssen besser umgehen zu können.

Viele Eltern sind deswegen darum bemüht, mit ihren Kindern genau darauf hinzuwirken. Sie lesen Bücher und Blogs, nehmen an Kursen teil und arbeiten eigene Kindheitserfahrungen auf, die das Verhalten gegenüber den eigenen Kindern noch heute prägen. Manchmal ist es schwer, die geprägten inneren Bilder über die Beziehung zwischen Eltern und Kind zu überwinden und neue, moderne Wege zu gehen. Gerade dann, wenn die eigene Kindheit durch psychische und/oder körperliche Gewalt besonders geprägt war, kann es eine große Herausforderung sein, diese inneren Bilder und besonders in Konfliktsituationen auftretenden Handlungsimpulse zu überwinden. Der Weg zu einer gewaltfreien Kindheit ist nicht immer einfach und vor allem höchst unterschiedlich herausfordernd: Eltern haben einen unterschiedlich schweren Rucksack auf dem Weg der Begleitung von Kindern zu tragen.

Auswirkungen von Stress auf unser Verhalten

Neben diesen individuellen Erfahrungen, die uns die Begleitung von Kindern erschweren können, gibt es jedoch zusätzlich erschwerende Rahmenbedingungen für die bedürfnisorientierte Begleitung von Kindern, die auf nahezu alle Eltern einwirken und jene, die ohnehin schon größere Herausforderungen ausgesetzt sind, zusätzlich belasten: Stress.

Stress wirkt sich auf unsere Feinfühligkeit aus, die eine wichtige Voraussetzung für das Begleiten von Kindern ist: Für sichere Bindungsbeziehungen müssen wir die Signale des Kindes wahrnehmen können, richtig interpretieren und dann passend beantworten. Natürlich können wir nicht immer auf alle Bedürfnisse des Kindes prompt und angemessen reagieren, aber in der Mehrheit der Fälle sollte das möglich sein, so dass das Kind verinnerlicht, dass es mit seinen Bedürfnissen gut bei uns aufgehoben ist und wir es sicher versorgen. Das, was viele Eltern als „intuitives Umsorgen“ bezeichnen oder „Bauchgefühl“ – das intuitiv richtige Eingehen auf das Kind – kann sowohl durch die oben genannten negativen eigenen Erfahrungen als auch durch Stress überdeckt werden.

Gerade sozioökonomisch schwierige Situationen von Familien können den Stress erhöhen und sich damit negativ auf die Eltern-Kind-Interaktion auswirken. Eine Studie aus dem Jahr 2018 zeigt beispielsweise, dass sich ein einer sozioökonomisch belasteten Stichprobe von Müttern mit Kindern eine geringere Feinfühligkeit und kindliche Kooperation zeigt. Eine andere Studie aus 2007 zeigt beispielsweise, dass emotionale Wärme und Zuneigung der Eltern tendenziell mit zunehmender Geschwisteranzahl sinkt, wahrscheinlich durch größere Belastungen und mehr Stress.

Gerade die Mental Load Debatte der vergangenen Jahre hat auch gezeigt, dass es gerade Mütter sind, die besonders viel Alltagsstress und Last tragen müssen: Durch das Mutterbild gibt es einen hohen Erwartungsdruck an die Begleitung der Kinder, dabei sind sie sowohl dem Gender-Pay-Gap, als auch Gender-Care-Gap und Gender-Renten-Gap ausgesetzt und als häufig in Teilzeitverhältnissen beschäftigten Personen auch unter Zeitdruck zwischen Erwerbs- und Fürsorgearbeit.

“Es ist, mit etwas Abstand betrachtet, ganz schön unfair, dass oft die Mutter-Kind-Beziehung darunter leiden muss, dass wir als Mütter so aufgeladen sind mit Erwartungen und Aufgaben.”

Susanne Mierau „New Moms for Rebel Girls“

Stress ist also ein ganz wichtiger Einflussfaktor auf unser Verhalten. Oft ist es das (aus Sicht des Kindes normale, kindliche) Verhalten, das unser durch den Alltag aufgefülltes Stressfass zum Überlaufen bringt: Nach einem ohnehin stressigen Tag verkippt das Kind am Tisch den Tee abends. Wären wir ausgeglichen nach einem ruhigen Tag würden wir vielleicht viel besonnenen reagieren als wenn wir ohnehin angespannt sind und in dem verkippten Tee nur noch eine weitere Tätigkeit sehen, um die wir uns kümmern müssen und ärgerlich werden.

Es sind nicht immer „nur“ die Eltern Schuld

In Familien kommen Menschen mit unterschiedlichen Temperamenten zusammen. Unsere Kinder kommen schon mit unterschiedlich ausgeprägten Temperamentsdimensionen zu uns und manche Kinder sind ruhiger, andere aufgeweckter, manche aggressiver, manche zurückhaltender. Kinder sind keine Tongefäße, die wir formen können. Und auch Eltern bringen unterschiedliche Temperamente und verschiedene eigene Erfahrungen mit in das Familienleben, die ihr Handeln leiten und mehr oder weniger Unterstützung und/oder Bearbeitung für ein bedürfnisorientiertes Zusammenleben benötigen. Zu diesen vielen schon feststehenden Faktoren kommt als großer Einflussfaktor dann noch der Stress unserer Zeit hinzu, der sich auf die Feinfühligkeit auswirkt, auf unsere persönlichen Ressourcen und überhaupt die Möglichkeit, Zeit zu haben, um Hilfen in Anspruch nehmen zu können und Zugang zu ihnen zu haben.

Es liegt nicht nur alles in den Händen der Eltern. In den vergangenen Jahren haben wir zuerst daran gearbeitet, das Bild davon zu verändern, was Kinder brauchen und die Bedeutung der sicheren Bindung in den Vordergrund zu rücken. Danach kam die Bedeutung der Selbstfürsorge von Eltern verstärkt in den Blick. Nun müssen wir, für ein gesundes Aufwachsen der Kinder, ganz besonders auch die allgemeinen Rahmenbedingungen zu den anderen Punkten noch hinzunehmen. Nicht alle Stressfaktoren liegen im Rahmen persönlichen Handlungsspielraums und können von Eltern selbst verändert werden.

Eltern sind darauf angewiesen, dass sie gute Rahmenbedingungen geboten bekommen, in denen sie ihre Kinder begleiten können. Dies bezieht sich sowohl auf finanzielle Rahmenbedingungen, als auch Zugang und Vorhandensein von Hilfs- und Beratungsangeboten, aber auch auf allgemeine Rahmenbedingungen wie Arbeitszeiten, Druck durch Arbeitgeber*innen, Freizeit- und Entspannungsmöglichkeiten, Angst vor Altersarmut, die wieder den Arbeitsstress erhöht etc. Die Gesellschaft trägt einen wesentlichen Anteil daran, wie es Eltern heute geht und damit, wie sie ihre Kinder überhaupt begleiten können.

Gerade in der Pandemie und in Bezug auf Gewaltschutz, Resilienz, Stärkung von Kindern in dieser Zeit und Unterstützung von Familien müsste mehr in den Blick genommen werden, wie wichtig die Stressentlastung für Familien eigentlich ist.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Das kindliche Schlafbedürfnis als Strukturgeber

Eines vorab: Natürlich gibt es immer Situationen, in denen es nicht möglich ist, sich nach den Bedürfnissen des Kindes zu richten. Manchmal gibt es einen dringenden auswärtigen Termin, manchmal ist der Tag einfach irgendwie chaotisch und ständig kommt irgendwas zwischen die normalen Abläufe. Manchmal ist auch gerade die Struktur des Kindes im Wandel, wenn es einen neuen Tagesrhythmus hat, vielleicht mehr oder weniger Bewegung oder gerade eines der Tagesschläfchen weglässt. Wir alle kennen diese Tage, an denen es etwas durcheinander ist, wir alle haben hin und wieder solche Tage. Unabhängig von den Ausnahmen ist es aber hilfreich, gerade in der Baby- und Kleinkindzeit, das Schlafbedürfnis des Kindes zu beachten und soweit es geht, in die Tagesplanungen einzubinden. – Dies kann sich nämlich sowohl für das Kind, als auch die Eltern als förderlich erweisen.

Wenn Kinder müde sind…

Auch als Erwachsene kennen wir es, wie es sich anfühlt, gegen die Müdigkeit anzukämpfen. Oder nicht einschlafen zu können/zu dürfen, obwohl wir eigentlich müde sind. Wenn Kinder müde sind, brauchen auch sie diesen Schlaf. Der Schlaf ist eine wichtige Erholungszeit unseres Körpers, stellt Balance her und dient sogar der Vertiefung von Lernerfahrungen. Babys und Kleinkinder haben aber oft noch Schwierigkeiten, selbst und eigenständig in den Schlaf überzugehen. Sie brauchen oft noch die Regulation durch ihre nahe(n) Bezugsperson(en) und die Sicherheit deren Nähe, um wirklich einschlafen zu können. Nur wenige Kinder schlafen tatsächlich einfach problemlos an Ort und Stelle ein, wenn sie müde sind. Hilfreich ist es, wenn diese Bezugspersonen schon frühzeitig erkennen, dass das Kind nun müde wird und Rahmenbedingungen herstellen, die das Einschlafen ermöglichen. Je nach Temperament des Kindes kann es unterschiedlich sein, was ein Kind braucht: Manche Babys schlafen problemlos auch bei hellem Licht und lauten Geräuschen ein, andere brauchen mehr Abgeschiedenheit. Wenn die Bezugsperson erkennt, dass das Kind nun müde wird, sollte gehandelt werden. Findet das Kind den Absprung zum Schlaf nämlich nicht, kann es überreizen und dann noch schwerer in den Schlaf finden und zunehmend ungehaltener werden.

Ein müdes Kind, das nicht einschläft, fühlt sich selbst nicht nur unwohl, sondern auch die Eltern sind von einem übermüdeten Kind und scheiternden Beruhigungsangeboten schnell überfordert: der Stress verstärkt sich, die Feinfühligkeit sinkt, es kann zum Streit kommen, obwohl niemand so richtig etwas an der Situation ändern kann: Ein Kind schläft nicht ein, wenn man ihm einfach sagt, dass es nun schlafen soll. Das hat nichts mit Machtkämpfen, Trotz oder Widerwillen zu tun: Um einschlafen zu können, braucht es Müdigkeit und passende Rahmenbedingungen. Deswegen ist es wichtig, schon bei geringen Müdigkeitszeichen wie einem starren Blick, Ruhe und/oder Rückzug des Kindes zu handeln und eine für dieses Kind passende Schlafumgebung herzustellen.

Tagesstruktur als Schlafhilfe

Einerseits ist es also wichtig, auf die Müdigkeitszeichen des Kindes zu achten, andererseits zeigen viele Kinder auch recht regelmäßige Schlafrhythmen und werden in etwa zur gleichen Zeit am Tag müde. Wenn Eltern ein Kind haben, das solche Regelmäßigkeiten und Rhythmen zeigt, ist es sinnvoll, diese zu berücksichtigen, um der Überreizung des Kindes und der eigenen Überreizung vorzubeugen. Viele Eltern kennen die Situation, wenn das Kind am Nachmittag zunächst nicht einschläft, weil etwas aufregendes unternommen wurde, dann vielleicht quengelig wird, um dann am Spätnachmittag einzuschlafen, wodurch sich der Abendschlaf verschiebt, obwohl der Abend doch schon für einen gemütlichen erwachsenen Fernsehabend verplant war. Das ist oft für alle Beteiligten eine unangenehme Situation. Daher hilft es, solange noch mehrere Schlafenszeiten tagsüber stattfinden, sich an dem Rhythmus des Kindes zu orientieren und nach Möglichkeit Termine so zu legen, dass die gewohnten Schlafphasen eingehalten werden können.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Vorsicht, was du sagst! – Wie wir vor unseren Kindern über sie reden

„Ach, er ist immer so tollpatschig!“, „Schau mal, wie sie miteinander spielen, sie ist ja immer so süß!“, „Und letztens, also da hat er sich wieder angestellt beim Anziehen. So ein cholerisches Kind!“ – Wir kennen sie, die Spielplatzgespräche von Eltern untereinander. Ein bisschen was vom Alltag teilen, ein bisschen etwas von der Anspannung und dem Stress teilen. Ein bisschen Austausch und manchmal in der Kürze auch ein wenig überzogen. Woran wir in diesen – und anderen – Situationen manchmal nicht denken, sind die Kinder, sie sich in Hörweite befinden.

Ob nun im Gespräch auf dem Spielplatz, bei einer Familienfeier oder vor sich hingenuschelt im Alltag ohne anderes erwachsenes Gegenüber: Schnell kommen uns Worte über unsere Kinder über die Lippen. Besonders zu beachten sind natürlich die negativen Beschreibungen, die wir über unsere Kinder abgeben, aber auch vermeintlich positive Kommentare können eine störende Wirkung auf unsere Kinder haben.

Sie verstehen mehr, als wir denken

Schon viel früher, als wir manchmal annehmen, bildet sich das sprachliche Verstehen aus: Unsere Kinder verstehen früher Worte, als sie sie selbst produzieren. Und damit nehmen sie auf, was wir erzählen. Und sie hören es nicht nur, sondern bilden über das, was wir sagen, ein Bild von sich selbst aus. Wenn wir sie immer wieder in einer bestimmten Weise beschreiben, prägt sich das in ihr Selbstbild ein. Sie bilden das Bild von sich auch über die Art und Weise, wie wir sie spiegeln: Wer immer nur süß oder wild oder anstrengend ist in den Augen anderer, nimmt dies in das Bild über sich selbst auf. Und auch wenn „süß“ im ersten Moment lieb klingt, ist es anstrengend, wenn andere das von einem erwarten und man dies als Selbstkonzept übernehmen muss.

Ein positives Selbstbild nicht behindern

Was wir also tun können, um positive Selbstbilder in unseren Kindern zu ermöglichen? Wählen wir die Worte, die wir über unsere Kinder sagen, mit Bedacht. Gerade dann, wenn sie in der Nähe sind und auch dann, wenn sie selbst noch nicht sprechen. Erklären wir auch anderen, dass unser Kind mehr versteht, als wir vielleicht denken und vermitteln wir, dass es wichtig ist, respektvoll mit Kindern und über Kinder zu sprechen. Und wenn wir wirklich – und auch das ist als Elternteil völlig legitim – über unsere Kinder in drastischen Worten reden wollen mit guten Freund*innen, dann tun wir das doch lieber, wenn sie wirklich nicht in der Nähe sind.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

„Ich will das aber haben!“ – Mit Kindern einkaufen gehen

Und da stehen wir: nach dem Kindergarten wollen wir eigentlich „noch schnell“ eine Runde einkaufen gehen für das Abendessen, schließlich haben wir es vorher nicht geschafft. Das Kind neben uns erzählt ein wenig vom Kindergartentag und auf einmal möchte es so viel haben: dieses Joghurt hier mit dem lustigen Aufdruck, eine Süßigkeit da und dann geht es auch noch vorbei an den Kinderzeitschriften mit buntem Plastikspielzeug von den Fernsehsuperheld*innen. Und als wir an der Kasse ankommen, gibt es da auch noch einmal eine ganze Reihe an scheinbar leckeren Dingen. Sollen wir das wirklich alles kaufen? Spätestens jetzt, vielleicht schon früher ist der Moment da: Das Kind beginnt, vehementer einzufordern, schreit vielleicht, wird wütend. – Ein immer wieder auftretendes Problem, nur was lässt sich da tun?

Verständnis für das Kind

Ein typischer Zeitpunkt für das Einkaufen ist die Zeit nach dem Kindergarten: die Erwerbsarbeit ist vorbei, das Kind vom Kindergarten abgeholt, auf dem Weg nach Hause liegt der Einkaufsladen. Es könnte doch so einfach sein. Aber das Kind hat einen anstrengenden Tag hinter sich und auch wenn die Zeit im Kindergarten schön war, bedeutet sie auch oft, dass Kinder über mehrere Stunden viele Kooperationen eingehen müssen und viele Reize verarbeiten.

Nach dem Kindergarten passiert es ohnehin nicht selten, dass die Kinder sich erst einmal auf die andere Bezugsperson (meistens die Eltern) einstellen müssen, also eine Änderung der Bezugsperson vollzogen werden muss, und dass sie dort auf einmal Nähe und Zuwendung einfordern, vielleicht indem sie sich nun anziehen oder tragen lassen wollen oder auch eine Kleinigkeit zu essen oder zu trinken fordern. Vielleicht wollen sie sich jetzt erst einmal fallenlassen.

Nun auch noch einkaufen zu gehen, kann für das Kind, das schon viel kooperieren musste und erschöpft ist, vielleicht auch gerade etwas ganz anderes machen möchte, eine Herausforderung sein. Dazu kommen noch die vielen Reize im Einkaufsladen, die genau auf Kinder zugeschnitten sind. Wenn Mama oder Papa ohnehin einkaufen, dann kann es doch auch dieses oder jenes für mich sein? Einen Überblick über Kosten und gesunde Ernährungsweise können wir von unseren Kindergartenkindern noch nicht erwarten.

Bei dem beständigen Versagen von gewünschten Dingen passiert es schnell, dass das Kind emotional reagiert – je jünger, desto schwieriger ist es, die Emotionen reguliert zu zeigen. Sie brechen „einfach“ hervor. Und unser „Nein“ zu all den aus Kinderperspektive tollen Dingen kann ganz schön belastend sein für ein Kind.

Verständnis für die Erwachsenen

Auf der anderen Seite ist da ein Elternteil, das auch erschöpft ist vom Tag. Vielleicht ist auch hier die Kooperationsbereitschaft schon etwas eingeschränkt und der Wunsch groß, einfach schnell fertig zu werden, nach Hause zu kommen und die Beine hoch zu legen. Natürlich können Erwachsene viel besser mit ihren Gefühlen umgehen und dennoch sind auch sie manchmal erschöpft, müde, überreizt und es fällt nicht mehr so leicht, geduldig zu sein. Vielleicht ist es auch nicht so einfach, dass das Kind beständig so viele Wünsche hat, die sich nicht alle erfüllen lassen.

Und gerade dann, wenn um einen herum so viele Augenpaare sind, die das wütende Kind kritisch in den Blick nehmen, kann das auch zusätzlich belastend sein und weiteren Stress erzeugen.

Gemeinsam durch den Einkauf

Natürlich ist es, solange der Einkauf mit Kind emotional immer wieder aufreibend ist, praktisch, wenn er irgendwie ohne Kind organisiert werden kann: vor dem Abholen, durch eine andere Person oder als Großeinkauf am Wochenende. Aber nicht immer ist das möglich. Was helfen kann sind folgende Punkte:

  • eine festgelegte Einkaufsliste haben (hilft auch dem Elternteil, wirklich bei den Dingen zu bleiben, die man wirklich kaufen will)
  • erklären, was jetzt passieren wird und was gekauft wird
  • das Kind einbinden in das „Finden“ von Lebensmitteln
  • eventuell dem Kind schon vorab sagen, dass es sich eine Sache aussuchen darf
  • wenn es doch zu einem Wutausbruch kommt: ruhig bleiben, die Gefühle des Kindes annehmen und versuchen, eventuell kritische Kommentare oder Blicke auszublenden
  • wenn man selbst nicht in der Situation mit einem wütenden Kind ist, aber andere Eltern in dieser Situation antrifft: Verständnis signalisieren – wir kennen das alle
  • langfristig mit größeren Kindergartenkindern: zusammen die Einkaufsliste schreiben und ggf. einen Wochenplan für die Speisen machen, bei dem alle berücksichtigt werden und ihre Wünsche einbringen können

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Was willst du mit Strafen bezwecken? – Ein Perspektivwechsel

„Jetzt hast du wieder nicht aufgeräumt, deswegen wird heute nicht ferngesehen!“, „Du sollst dem anderen Kind nicht immer das Spielzeug wegnehmen, jetzt gehen wir deswegen nach Hause!“, „Du hast mich angelogen, heute gibt es keinen Nachtisch!“ – Solche und ähnliche Sätze sind noch immer häufig verbreitet in Familien: Wenn wir verleitet sind, bestrafen zu wollen, haben wir meistens einen Impuls, dass ein bestimmtes Verhalten des Kindes „abgestellt“ werden soll. Vielleicht sind wir extrem verärgert, vielleicht reiht sich das Verhalten des Kindes in eine lange Reihe anstrengender Situationen des Tages ein und ist nur noch der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Warum geht es hier eigentlich? Das Bedürfnis hinter DEINEM Handeln erkennen

In der bedürfnisorientierten Elternschaft geht es oft darum, das Bedürfnis des Kindes hinter dem Verhalten zu erkennen. Aber nicht weniger wichtig ist es, das Bedürfnis hinter dem Verhalten von Erwachsenen zu erkennen, gerade in solchen schwierigen Situationen. Abgesehen davon, dass Strafen für Kinder weder sinnvoll noch gut sind, können wir auch einmal in uns selbst hinein hören: Worum geht es hier eigentlich?

Meistens steht hinter unserem Handeln auch ein Bedürfnis: Meistens geht es nicht „nur“ um das „Abstellen“ einer Handlung, sondern auch um das, was bei uns hinter dem Gefühl der Wut oder Enttäuschung steht: ein Bedürfnis. Das Kind erfüllt mit seinem Handeln einen bestimmten Wert nicht, der uns wichtig ist. Wird nicht aufgeräumt, fühlen wir uns vielleicht nicht ausreichend gesehen in unserer eigenen Überlastung, uns fehlt Wertschätzung für das, was wir als Eltern ständig leisten. Streitet sich das Kind mit einem anderen, haben wir vielleicht das Gefühl, dass das Kind zu wenig Empathie zeigt. Und wenn es uns anlügt, sind wir enttäuscht von der fehlenden Ehrlichkeit des Kindes.

Strafen helfen nicht, um Werte zu vermitteln

Damit wird – wieder unabhängig davon, dass das Kind durch Strafen nicht nachhaltig lernt – auch für uns klar, dass wir ganz persönlich auch mit einer Strafe nicht das Ziel erreichen, um das es uns eigentlich geht: Wir können Wertschätzung, Achtsamkeit, Empathie nicht durch Strafen erzwingen oder bewirken. Wir vermitteln durch eine Strafe nicht den Wert, um den es uns eigentlich geht.

Für beide – Eltern und Kinder – ist deswegen wichtig, dass wir dem wahren Bedürfnis hinterher spüren und dann nachhaltige Problemlösungsstrategien entwickeln und gemeinsam reflektieren, warum etwas passiert ist und wie das anders geregelt werden kann. In Konfliktsituationen lohnt es sich, als erwachsene Person sich erst einmal kurz selbst zu beruhigen und dann zu überlegen: Worum geht es meinem Kind in dieser Situation gerade wirklich? Welches Bedürfnis leitet das Handeln meines Kindes? Und dann zu ergründen, was wir uns eigentlich wünschen in dieser Situation. Mit diesem Wissen können wir dann dem Konflikt begegnen.

Wir können erklären: „Du hattest keine Lust aufzuräumen, weil du so ins Spiel vertieft warst, aber für mich ist es anstrengend, immer alles allein machen zu müssen. Komm, wir räumen zusammen auf und schauen nochmal, wo alles hingeräumt werden kann.“ oder „Du möchtest auch mit so einer großen Schaufel spielen. Leider haben wir nur die kleine Schaufel bei, lass uns probieren, damit auch so tief zu graben. Das Kind möchte mit seinem Spielzeug selbst spielen und darauf sollten wir Rücksicht nehmen, wenn es nicht teilen möchte.“ oder „Du hast mich angelogen, weil du Angst hattest, ich würde mit dir schimpfen. Das ist schade, lass uns lieber zusammen eine Lösung finden für das Problem.“

Es gibt viele Möglichkeiten, wie wir Schwierigkeiten begegnen können jenseits von Strafen, damit wir einerseits unsere Werte vermitteln können und andererseits die Kinder wirklich etwas aus der Situation lernen können.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Aber du bist doch eigentlich müde…

Eigentlich reibt sich das Kind schon die Augen. Gegähnt hat es auch schon. Aber es will einfach nicht ins Bett. Vielleicht ist es ja doch noch nicht müde? Aber so richtig spielen möchte es auch nicht. Vielleicht wirft es das Spielzeug lustlos in die Ecke, sucht sich ein neues, aber auch das wird nicht lang bespielt. Wieder Augenreiben, aber kein Schritt voran in das Bett. Müde oder nicht müde?

Viele Eltern kennen diese oder ähnliche Situationen. Und viele Eltern zweifeln an ihrem Gefühl: „Wenn das Kind wirklich müde wäre, dann würde es doch jetzt schlafen?!“ Tatsächlich geht aber beides: müde sein und trotzdem nicht einschlafen können.

Den Absprung zum Schlaf finden

Kleinkinder haben oft noch Schwierigkeiten mit der Selbstregulation. Viele Bereiche der Regulation lernen sie erst durch Unterstützung durch die Eltern, beispielsweise durch Begleitung und Vorleben von Möglichkeiten. Wenn Kleinkinder den Absprung zum Schlaf, also das richtige Zeitfenster, nicht finden, überreizen sie. Sie sind noch nicht fähig, sich dann selbst zu regulieren. Sie sind müde, können aber nicht einschlafen. Gleichzeitig fehlt ihnen das Zeitfenster und die Möglichkeit, sich in den Schlaf zu begeben. Sie können noch nicht wie Erwachsene denken und sagen: „Ich bin eigentlich müde. Auch wenn ich noch nicht einschlafen kann, lege ich mich mal hin zum Ausruhen.“ So spielen sie übermüdet weiter. Je häufiger der Absprung nicht geschafft wird, desto erschöpfter, gereizter und auch wütender kann das Kind werden.

Wichtig ist daher, wenn das Kind müde wird, den passenden Zeitpunkt zu finden für die Begleitung in den Schlaf. Die Müdigkeit erkennen wir einerseits vielleicht an den Signalen des Kindes: es wird ruhiger, weniger aktiv, starrt vielleicht etwas vor sich hin. Nun wäre ein guter Zeitpunkt, um in den Schlaf zu überführen. Zeigt es diese Anzeichen, ist es sinnvoll, zeitnah zu reagieren. Wenn wir denken „Das Kind ist müde, aber ich räume lieber noch eben den Tisch ab/wir müssen jetzt noch schnell die Füße waschen vor dem Bett/nur noch schnell die Brote für morgen machen.“ dann kann dies schon das Zeitfenster verschieben. Gähnen und das Reiben der Augen zeigen auch viele Kinder als Müdigkeitszeichen, dann aber müssen wir uns bereits etwas beeilen, um den Absprung zum Schlafzeitfenster nicht zu versäumen. Besser ist es, die früheren, leiseren Zeichen des Ruhebedürfnisses zu erkennen.

Neben dem Erkennen der Signale und der Möglichkeit, darauf zu reagieren, ist es deswegen wichtig, dass der Nachmittag/Abend eine gute Struktur erhält, die langsam auf die Bettgehzeit zuführt. Der Überreizung kann entgegengewirkt werden, indem alle Aktivitäten und Tätigkeiten gegen Abend hin immer ruhiger werden und weniger ablenkend sind – sowohl für uns selbst, auch auch für das Kind. So ist es leichter möglich, regulierend einzuwirken und dabei zu helfen, dass sich das Kind doch noch etwas ausruht, vielleicht lieber gemeinsam ein Buch mit uns ansieht, als noch wilder zu spielen, so dass wir dann bei den nächsten Ruhezeichen wirklich den Absprung zum Schlaf finden und begleiten können.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

„Lächeln und winken“ klappt leider meistens nicht bei Kindern

Wir alle kennen sie, die Sätze „Da darfst du nicht drauf reagieren!“, „Das musst du ihm/ihr abgewöhnen, indem du einfach nicht drauf eingehst!“, „Tu einfach so, als wär es dir egal.“ – Aber wir alle wissen auch: Irgendwie klappt das nicht. Und schon gar nicht langfristig. Denn Kinder, die ein Verhalten zeigen, das uns vielleicht stört/unangenehm ist, wollen mit diesem Verhalten auf ein Bedürfnis aufmerksam machen. Und Bedürfnisse werden unerhört immer wieder zu unerhörten Taten führen. Und ohne passende Begleitung lernen Kinder nicht, mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen umzugehen.

Was passiert, wenn wir das Verhalten belächeln

Beginnen wir aber noch einmal am Anfang: Das Kind verhält sich auf eine Weise, die wir als unangenehm empfinden: vielleicht haut es uns, vielleicht kippt es absichtlich das Glas um, das auf dem Tisch steht. Wenn wir nun nicht unsere persönliche Grenze ziehen und authentisch (aber nicht abwertend, beschämend oder gewaltvoll) aufzeigen, dass dieses Verhalten für uns unangenehm ist, sondern das Verhalten relativieren, vielleicht sogar dem Konflikt ganz aus dem Weg gehen wollen und nur lächelnd mitmachen, erfährt das Kind kein passendes Feedback von uns. Es lernt vielmehr, dass das gezeigte Verhalten in Ordnung ist und wird es in einer anderen Situation recht wahrscheinlich wieder zeigen, um Aufmerksamkeit zu erlangen. So hat es nicht die Möglichkeit, passende Handlungsweisen zu erlernen, um auf ein Bedürfnis aufmerksam zu machen.

Was passiert, wenn wir dem Verhalten nicht auf die Spur gehen

Oft liegt einem störenden oder gewaltvollem Verhalten eigentlich ein Bedürfnis zugrunde, dass das Kind ausdrücken möchte. Vielleicht wurden andere Signale des Kindes bisher übergangen, vielleicht kann es sich noch nicht gut ausdrücken oder hat bereits ein falsches Verhalten als richtige Problemlösungsstrategie abgespeichert. Es ist wichtig, das eigentliche Bedürfnis hinter dem Verhalten ausfindig zu machen und zu befriedigen, damit das Verhalten wirklich langfristig geändert werden kann. Solche Bedürfnisse können beispielsweise Hunger und Durst sein, aber auch Müdigkeit, Selbstwirksamkeit, Autonomie, Nähe, Anerkennung. Ein Ignorieren des Verhaltens ist deswegen nicht zielführend, weil es das Bedürfnis nicht berücksichtigt und langfristig auch der Bedürfniswahrnehmung des Kindes schaden kann.

Was passiert, wenn wir beim Umgang nicht helfen

Was das Kind also braucht, ist einerseits ein authentisches Gegenüber, andererseits eine passende Reaktion auf das eigentliche Bedürfnis und drittens eine gute Lösungsstrategie. Von uns lernt das Kind, mit Gefühlen und Bedürfnissen umzugehen. Wir vermitteln, welches Verhalten in welchen Situationen angemessen ist und wie das Kind auch nach und nach selbst für die Bedürfnisse sorgen kann. Ohne unsere Unterstützung und unser Vorbild ist es schwer für das Kind, das passende Verhalten zu erlernen.

„Lächeln und winken“ mag noch immer ein Tipp sein – aber wir sollten ihn eher auf solch überholte Ratschläge von Außen beziehen. Kinder brauchen ein authentisches, echtes Gegenüber, das sie in das Leben begleitet und ihnen Aufmerksamkeit, Hilfe und Unterstützung anbietet. Damit sie es dann nach und nach alleine schaffen und ihren Bezugspersonen zulächeln und ihre Hilfe abwinken, wenn sie dazu bereit und in der Lage sind.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Ich will Ruhe, Du willst Spiel

Ein langer Arbeitstag liegt hinter uns, das Kind ist vom Kindergarten abgeholt und hatte ebenfalls einen vollen Tag mit Erfahrungen, sozialem Austausch, Regeln. Eigentlich wollen wir als erwachsene Person uns jetzt kurz ausruhen: Endlich mal die Beine hochlegen nach dem langen Tag, Gedanken abschalten, einfach ausruhen. Vielleicht sind wir erschöpft, vielleicht sogar etwas kränklich. Aber da ist das Kind an unserer Seite, das nun mit uns spielen will. Schnell kann eine solche Situation zu einem Streit führen zwischen „Ich will spielen!“ – „Ich will Ruhe!“

Bedürfnisse verstehen

Dass wir nach einem Arbeitstag Ruhe und Entspannung als Erwachsene brauchen, ist verständlich. Es ist wichtig, dass wir dieses Bedürfnis wahrnehmen und darauf reagieren, für uns selbst und unser Wohlergehen und auch die Beziehung zum Kind: Nur wenn es uns selbst gut geht, unsere Bedürfnisse berücksichtigt werden, können wir langfristig auch gut mit den Bedürfnissen des Kindes umgehen.

Auf der anderen Seite steht das Kind mit einem Bedürfnis. Denn ja: Der Wunsch nach gemeinsamen Spiel ist wahrscheinlich nicht nur ein Zeitvertreib, es möchte uns damit auch nicht ärgern oder nur die Langeweile besiegen. Nach der Zeit der Trennung ist es gut möglich, dass das Kind gerade jetzt das Bedürfnis nach Nähe hat, die Verbindung zur Bezugsperson herstellen will.

Dieser Blick darauf, dass beide Personen jetzt ein Bedürfnis haben, ist ein erster wichtiger Schritt, um einem Konflikt aus dem Weg zu gehen: Wir nehmen keine böse Absicht an, kein Machtspiel, kein Ärgern.

Kompromisse finden

In einer Familie können unterschiedliche Bedürfnisse unterschiedlicher Personen zusammentreffen und die Aufgabe der erwachsenen Bezugspersonen ist es, einen Weg durch das Wirrwarr der unterschiedlichen Bedürfnisse zu finden, der alle langfristig gleichmäßig berücksichtigt. Wir müssen also gute Kompromisse finden und können uns dazu fragen: Welches der Bedürfnisse ist am ehesten aufzuschieben? Gleichzeitig müssen wir aber auch bei einer Verschiebung im Blick behalten, dass wir das verschobene Bedürfnis dann auch wirklich erfüllen: Wenn wir sagen, dass wir beispielsweise gleich etwas zusammen spielen nach der Ruhe, dürfen wir nicht in die „Ja, ja, sofort“-Falle tappen. Und anders herum: Wir dürfen unsere eigenen Bedürfnisse als erwachsene Person nicht beständig aufschieben und vergessen, um unseren Kindern einen vermeintlichen Gefallen zu tun.

Was also können wir tun? Wir können also überlegen, ob eines der Bedürfnisse verschiebbar ist: In dieser Situation mit einem Kleinkind ist das Bedürfnis nach Nähe wahrscheinlich weniger aufschiebbar, aber auch unsere Erschöpfung braucht eine Antwort. Daher können wir nach weiteren Kompromissen suchen: Vielleicht können wir gemeinsam ruhen und ein Hörspiel hören, Musik hören, einer Traumreise für Kinder nachgehen, ein Buch ansehen. Vielleicht lässt sich das Kind auch darauf ein, schon einmal etwas zum Spielen aufzubauen, wenn wir selbst nur eine kurze Pause brauchen. Vielleicht gibt es ein Massagespiel, das gespielt werden kann: Die erwachsene Bezugsperson ist die Pizza und liegt bäuchlings auf dem Boden, das Kind knetet den Rücken, belegt ihn und reibt mit den Händen wärmend darüber. Solche Kompromisse können beide Seiten in den Blick nehmen. Vielleicht können wir auch zukünftig einplanen, dass wir vor dem Abholen des Kindes eine kleine Ruhepause für uns selbst einplanen: eine Viertelstunde auf der Parkbank sitzen und entspannen, bevor das Kind abgeholt wird.

Im Alltag mit Kind(ern) gibt es immer wieder Situationen, in denen verschiedene Bedürfnisse im Raum stehen und gegeneinander abgewogen werden wollen. Oft können wir durch Gespräche und/oder eigene Überlegungen Lösungen finden, die einen Mittelweg anbieten und damit gleichzeitig einen guten Weg für die Eltern-Kind-Beziehung.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Warum viele Kinder eine Begleitung beim Einschlafen UND Aufwachen brauchen

Die Einschlafbegleitung sind wohl die meisten Eltern aus dem ersten Babyjahr bereits gewohnt. Oft wird um den ersten Geburtstag herum überlegt: Wann hört das eigentlich auf? Braucht das Kind das überhaupt noch? Und gerade dann, wenn ein Kind bislang beispielsweise beim Stillen immer problemlos eingeschlafen ist und nun länger und aufwändiger begleitet werden muss, weil es nicht mehr beim Trinken einschläft, stellen sich manche Eltern die Frage, wie lange denn dieses neue Ritual anhalten muss und ob es nicht doch Alternativen gibt zu diesem oft zeitaufwändigem Begleiten. Gerade bei Kleinkindern wird dann aber nicht nur das Einschlafbegleiten, sondern auch das Aufwachen ein Thema: Nicht wenige Eltern kennen die Situation, dass das Kind am Morgen oder nach dem Mittagsschlaf übellaunig aufwacht, vielleicht auch weint, schreit oder wütend um sich schlägt.

Schlaf: eine besondere Situation für Kinder

Aber warum nur sind sowohl das Einschlafen als auch das Aufwachen für Kinder so ein Problem? Und Erwachsenen gelingt es doch oft auch, es sich gemütlich zu machen und die Augen zu schließen, um in den Schlaf hinüber zu gleiten und später in Ruhe aufzuwachen, sich umzublicken und in den Tag zu starten?

Beim Einschlafen können wir Erwachsene auf viel Wissen zurückgreifen: Wir wissen, dass unsere Wohnung sicher ist, haben vorher vorausschauend dafür gesorgt, dass unsere verschiedensten Bedürfnisse befriedigt sind (wir sind satt, waren auf Toilette, haben uns zur Gesunderhaltung die Zähne geputzt, die Wohnungstür abgeschlossen, vielleicht nochmal gelüftet für frische Luft, haben den nächsten Tag vorbereitet und den zurückliegenden gedanklich abgeschlossen). So können wir beruhigt von einem Bewusstseinszustand in einen anderen hinübergleiten. Wir Erwachsene wissen aber auch: Wenn uns noch etwas gedanklich beschäftigt, ist dieser Übergang in die Schlafphase nicht so problemlos möglich. Ohne Entspannung, kann auch für uns dieser Übergang schwierig werden.

Bei kleinen Kindern hingegen verhält sich die Situation noch etwas anders: Für sie ist der Schlaf eine Trennungssituation von den schutzgebenden Bezugspersonen, auf die sie noch angewiesen sind. Sie wissen nicht um die Sicherheit dieser Wohnung, dass wir über den Schlaf wachen, auch wenn sie träumen, dass ihnen nichts passieren kann. Bei größeren Kindern kann es sogar zu Ängsten vor Monstern und gefährlichen Tieren im Zimmer kommen, obwohl das in der Realität ausgeschlossen ist. Das Loslassen in diese Phase ist deswegen für Kleinkinder oft gar nicht so einfach. Immerhin: Sie haben das Schutzsystem des nächtlichen Aufwachens, mit dem sie nachts die Rahmenbedingungen der Sicherheit überprüfen.

Nach und nach lernen Kinder ihren Schlafort als sichere Basis kennen und vertrauen darauf. So können sie selbst wieder einschlafen, wenn sie einmal aufgewacht sind. Doch diese Entwicklung braucht Zeit und von Eltern die Unterstützung, den Schlafplatz als sicheren Ort zu erfahren – egal ob Familien- oder eigenes Kinderbett. Die Kinder lernen, dass immer eine Bindungsperson in der Nähe ist und dass sie nachts nichts befürchten müssen. Diese Sicherheit gilt es, ihnen in den ersten Jahren zu vermitteln.

aus: Susanne Mierau (2020): Geborgene Kindheit, S.55

Auch das Aufwachen kann herausfordernd sein

Beim Aufwachen verhält sich die Situation nun anders herum: Das Kind gelangt vom Schlaf in den Wachzustand. So, wie wir Erwachsene manchmal auch noch etwas brauchen, um nach einem aufreibenden Traum im Hier und Jetzt anzukommen, kann das auch bei den Kindern auf kindliche Weise vorkommen. Sie sind desorientiert, vielleicht greifen sie zunächst noch nach etwas, was sie Schlaf anfassen wollten, einige sind auch aus diesem Wechsel heraus wütend. Wie beim Einschlafen ist auch hier Sicherheit ein gutes Angebot, um die Situation zu begleiten: Manche Kinder mögen es, nach dem Aufwachen noch zu kuscheln und so langsam anzukommen. Wenn der Start in die Wachphase turbulenter ist, helfen manchmal Erklärungen: „Du hast gerade geschlafen und bist jetzt aufgewacht. Ich bin hier.“

Wichtigstes Hilfsmittel in beiden Situationen: Co-Regulation

Sowohl beim Einschlafen, als auch beim Aufwachen sind viele Kinder darauf angewiesen, dass eine nahe Bezugsperson sie unterstützt. Diese Unterstützung gibt ihnen Sicherheit und ein gutes Gefühl in der konkreten Situation, wodurch sie sich beruhigen können bzw. von der Bezugsperson eine Anleitung zur Beruhigung (unbewusst) vermittelt bekommen. Mit der Zeit lernen sie, wie sie sich selber beruhigen können und verinnerlichen auch das Gefühl von Sicherheit der Rahmenbedingungen. Einschlafroutinen können hilfreich sein, um das Gefühl der Sicherheit zu unterstützen. Manche Kinder haben auch für uns unangenehme Einschlafrituale entwickelt wie kratzen oder knibbeln, die wir verständnisvoll umlenken können.

Aus dieser Perspektive betrachtet ist auch klar, warum es Kindern schwer fällt, zur Ruhe zu kommen, wenn der begleitende Elternteil selbst unruhig ist oder unter Zeitdruck steht: Das Kind spürt die Unruhe, es wird unsicher und gleichzeitig fehlen Beruhigungsstrategien. So kann sich das Einschlafen hinauszögern.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Warum es sich (auch in späteren Jahren) lohnt, bei Babys „bei jedem Piep zu springen“

Aber wenn wir immer alle Gefühle begleiten und darauf eingehen, wird das Kind dann nicht unselbständig und fordert es dann nicht auch ständige Begleitung ein? Schwächen wir es nicht, wenn wir bei jedem „Piep“ aufspringen und da sind, Verständnis zeigen und mitfühlen?

Woher der Gedanke des Verwöhnens u.a. kommt

Noch immer tragen wir an der Last der frühen Form des Behaviorismus: Hier wurde jedes Verhalten auf Reiz und Reaktion zurückgeführt und innerpsychische Vorgänge wurden ausgeklammert. Das typische Bindungsverhalten des Babys wurde so interpretiert, dass es dazu dienen würde, die Bindungsperson in der Nähe zu behalten – was im Groben durchaus passend ist. Allerdings lässt sich davon nicht, wie es getan wurde, ableiten, dass dieses Eingehen dazu führen würde, dass die Kinder für immer auf das Eingehen angewiesen wären: John B. Watson, einer der Väter des Behaviorismus, erklärte 1928, dass zu viel Sorge die Entwicklung des Kindes verzögern und das Kind auf das Umsorgtwerden konditionieren würde.* Diese Theorie prägte, auch wenn sie unbewiesen blieb, die Erziehung der kommenden Jahre und hält auch heute noch Einzug in unser Denken.

Babys brauchen genau dieses Eingehen und Begleiten

Wenn das Baby auf die Welt kommt, versteht es nicht, was es fühlt und wahrnimmt in dem Sinne, wie wir Erwachsenen unsere Gefühle und Eindrücke einordnen können. Es spürt etwas, das vielleicht unangenehm ist und weiß nicht, dass es Hunger ist oder ein drückender Knopf des Bodys oder die Nässe der Windel. Es spürt ein unangenehmes Gefühl, das es nicht einordnen kann und drückt das Unbehagen aus durch Signale. Wenn wir als Bezugspersonen darauf reagieren, können wir dem Kind drei Dinge vermitteln:

Einerseits vermitteln wir, was die Ursache der Wahrnehmung ist und geben dem Kind so die Möglichkeit, sich selbst und die eigene Wahrnehmung kennen und verstehen zu lernen. Gleichzeitig zeigen wir, indem wir reagieren, welche Problemlösungsstrategien es bei bestimmten Gefühlen und Wahrnehmungen gibt. Diese Strategien werden im „prozeduralem Gedächtnis“ des Kindes gespeichert, so dass es mehr und mehr lernt, was es selbst tun kann in bestimmten Situationen**. Und schließlich vermitteln wir dem Baby auch, dass es wichtig ist für uns und wir uns um das Kind kümmern – die Basis für ein Urvertrauen.

In der Kleinkindzeit kann dann etwas gewartet werden

Ist das Kind der Babyzeit entwachsen und hat ein grundlegendes Vertrauen und auch einige Selbstberuhigungsstrategien entwickelt, muss nicht immer prompt reagiert werden, sondern das Kind kann zunehmend lernen, dass bestimmte Bedürfnisse auch aufgeschoben werden können und auch bei einem Aufschieben noch sicher etwas später beantwortet werden. Aus der sicheren Beantwortung der Bedürfnisse im ersten Lebensjahr hat das Kind ein Vertrauen entwickelt, dass sich auf das Eingehen des Kindes auf die Bedürfnisverschiebung auswirkt: Hat das Kind gelernt, dass die Bedürfnisse bisher sicher erfüllt werden, ist es oft in späteren Zeiten kooperativer, weil es von dem Erfüllen prinzipiell ausgeht.

Im ersten Jahr legen wir den Grundstein

Es lohnt sich also, wenn wir gerade im ersten Jahr versuchen, auf die Bedürfnisse des Babys schnell und richtig einzugehen. Durchaus gibt es – gerade am Anfang – auch einige Abstimmungsprobleme und nicht immer verstehen Eltern gleich, was das Baby gerade braucht. Aber allein das Umsorgen und Dasein hat viele Vorteile, auch wenn Eltern nicht gleich (oder mal auch überhaupt nicht) die Ursache finden: Es zeigt dem Kind, dass wir da sind und versuchen, zu helfen. Und dieses Umsorgen bildet den Grundstein für ein Vertrauen, von dem Kinder und Eltern in den späteren Jahren noch profitieren. Es ist vollkommen in Ordnung, wenn wir aufspringen, Nähe geben und umsorgen.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Literatur:
* Bischof-Köhler (2011): Soziale Entwicklung in Kindheit und Jugend: Bindung, Empathie, Theory of Mind – Stuttgart: Kohlhammer, S. 93
** Hoffmann, K./Cooper, G./Powell, B. (2019): Aufwachsen in Geborgenheit. Freiburg: Arbor, S.136

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de