Kategorie: Elternschaft

„Ich brauche eine Pause“ – Selbstfürsorge für Eltern

Der Alltag mit Kindern ist oft herausfordernd, denn er bringt auf einmal einen Menschen in unser Leben mit eigenen Bedürfnissen und es gilt fortan, nicht nur auf uns und unser eigenes Wohlergehen zu achten, sondern dieses in Balance zu bringen mit einem anderen, nicht erwachsenem Menschen. Während wir Erwachsenen nämlich unsere Bedürfnisse oft recht gut wahrnehmen, formulieren und für die Erfüllung selbst sorgen können, sind Kinder auf uns in vielfacher Hinsicht angewiesen: Wir nehmen die Signale der Kleinsten wahr und übersetzen sie, um sie zu verstehen und gleichzeitig auch den Kindern gegenüber zu erklären und zu formulieren, was sie gerade wahrnehmen. Wir beantworten Bedürfnisse und lehren dabei, wie das Kind sie selbst irgendwann beantworten kann. Und während wir all das tun, müssen wir darauf achten, dass in dieser Arbeit um Emotionen und Bedürfnisse des Kindes nicht unsere eigenen Bedürfnisse aus dem Blick geraten.

Eltern müssen auf ihre Bedürfnisse achten

„Die Bedürfnisse des Kindes haben immer Vorrang!“ so denken viele Eltern. Und natürlich sind kleine Kinder darauf angewiesen, dass wir ihre Bedürfnisse prompt erfüllen: Dadurch bildet sich ein Gefühl der Sicherheit aus. Das Kind weiß, dass wir da sind, für es sorgen und es verstehen. So kann eine sichere Beziehung aufgebaut werden.

Dennoch haben die Bedürfnisse von Kindern nicht per se Vorrang, wenn das bedeutet, dass wir die Erwachsenenbedürfnisse aus dem Blick verlieren und immer wieder hinter den Kinderbedürfnissen anstellen und so selber in einen Mangel kommen. Denn: Ohne die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen, können wir die Bedürfnisse der Kinder nur bedingt erfüllen. Wir können nicht feinfühlig mit ihnen umgehen, wenn wir selbst gestresst, erschöpft, schlecht versorgt sind. Wenn wir hungrig sind, müde oder gestresst, fällt es uns schwerer, ruhig, empathisch und entspannt auf kindliche Bedürfnisse zu reagieren. Wir sind angespannter, lauter, ungeduldiger gegenüber den für Kindern ganz normalen kindlichen Verhaltensweisen.

Schlafen wir zu wenig, wird der Hirnbereich inaktiver, der uns Intentionen und Handlungen anderer verstehen lässt. Wir können uns weniger gut in andere hineinversetzen. Gerade diese Feinfühligkeit ist aber im Familienleben und auch generell im sozialen Kontext von großer Bedeutung.

S. Mierau (2019): Mutter.Sein, S. 130

Im Alltag auf sich achten – wie soll das gehen?

Es ist nicht so einfach, im vollen Familienalltag mit Kindern zu Hause, die viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen und besonders in emotional aufwühlenden Zeiten besonders zuwendungsbedürftig sind, auf sich zu achten. Manchmal fällt es uns ohnehin schwer, die eigenen Bedürfnisse überhaupt wahrzunehmen und richtig zu beantworten. Was helfen kann, um in Balance mit eigenen Bedürfnissen zu bleiben:

  • Bedürfnisse verschriftlichen: Trage in deinen Kalender einen Tracker ein für die unterschiedlichen Bedürfnisse und bewerte am Ende des Tages, wie gut du auf sie geachtet hast: Genug getrunken? Gut gegessen? Ausreichend Schlaf? Sozialkontakte? Gefühl von Wertschätzung heute? Selbstverwirklichung? Pausen zum Durchatmen gehabt? Was an einem Tag fehlt, am nächsten besonders in den Blick nehmen und Zeitfenster dafür einbauen.
  • Mantra verinnerlichen: Die Bedürfnisse meines Kindes sind wichtig, aber meine auch! Oft leiten uns Glaubenssätze, die uns den Alltag schwer machen. Es ist okay, die eigenen Bedürfnisse in den Blick zu haben. Wir sind nicht schlechte Eltern oder selbstsüchtig, weil wir auf unsere ganz normalen Bedürfnisse achten.
  • Multitasking vermeiden: Verinnerliche und sage dir selber und deinem Kind „Eins nach dem anderen!“ – Mach eine Aufgabe in Ruhe zu Ende, bevor du die nächste beginnst, damit du das Gefühl hast, eine Sache wirklich abgeschlossen zu haben und dich darauf auch konzentrieren kannst. Das gilt auch für die Kinder: Sei in der Zeit, in der du etwas mit ihnen machst, wirklich geistig und körperlich anwesend, damit du dich danach wieder einer anderen Sache zuwenden kannst.
  • Feste Pausenzeiten in den Tagesablauf einbauen: Gerade wenn wir beständig mit Kindern zusammen sind, sind Pausen wichtig. Um kurz abzuschalten, um sich auszuruhen, um sich einen Moment mit etwas anderem zu beschäftigen als Kinderthemen. Das ist in Ordnung. Plane solche Pausen in Deinen Alltag ein mit festen Zeiten, an die du dich hältst. Vielleicht ist es anfangs für dein Kind ungewohnt, aber es wird diese Pausen akzeptieren. Du kannst beständig, liebevoll und klar formulieren, dass du gerade eine Pause machst und danach wieder zur Verfügung stehst.
  • Es ist praktisch und sinnvoll, sich die Care-Arbeit mit anderen Personen teilen zu können, um ausreichend Zeiten für eigene Pausen und Bedürfnisbefriedigung zu haben. Ist das nicht möglich, sind feste Pausen besonders wichtig.
  • Du merkst, dass du erschöpft bist und deine Nerven dünn werden: Nun musst du in den Ruhemodus kommen und nicht noch mehr aufdrehen. Gönn dir eine kurze Auszeit in einem anderen Zimmer, wenn die Kinder gefahrlos in einem anderen Raum sein können. Atme mehrmals tief durch, ruf ggf. eine befreundete Person an oder ein Familienmitglied, mach dir einen Tee und/oder versuche dich auf die Wahrnehmung deines Körpers zu fokussieren, um dich darüber zu beruhigen. Es ist in Ordnung, jetzt eine Pause zu machen!

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Als Elternteil mit Sorgen und Angst umgehen

Angst ist kein schlechtes Gefühl. Angst ist ein Gefühl, das uns in vielen Situationen schützen kann und uns davor warnt, wenn wir in eine für uns schwierige Situation kommen könnten, in der wir oder andere Personen Schaden nehmen könnten. Spüren wir Angst, versuchen wir meistens, den Angstauslöser zu vermeiden oder wir schützen uns durch ein Fluchtverhalten. Gerade neue, ungewohnte, fremde Situationen können Angst in uns auslösen. Die Angst gehört zu der breiten Palette all unserer Gefühle und wir müssen uns für sie nicht schämen, müssen sie nicht vertuschen oder ignorieren. Angst entsteht aus einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren, unter anderem den chemischen und molekularen Vorgängen in unserem Gehirn. Wir gehen unterschiedlich mit Ängsten um: Der Psychologe Prof. Dr. Borwin Bandelow erklärt*: „Kein Mensch ist ohne Angst“, aber unsere Ängste liegen in unterschiedlichen Bereichen. Und: „Ein bisschen Angst muss jeder haben – diese allgemeine Weisheit trifft zu. Wer vorsichtig Auto fährt, die Türen gut abschließt oder sich auf Prüfungen aus Angst vor dem versagen lange vorbereitet, hat durchaus Vorteile im Leben.“ Die Angst kann uns sogar beflügeln und helfen.

Es lohnt sich – gerade als Eltern – die Angst einmal genauer anzusehen und ihr zu begegnen, damit wir überprüfen können, woher sie kommt, und unterscheiden können, ob wir ängstlich sind, ob diese Angst einer Sorge entspringt oder auf dem Weg zu einer Panik ist.

Sorge oder Panik?

Die Sorge ist eine sanfte Art der Angst: ein mulmiges Gefühl in Bezug auf die Zukunft und eine Auseinandersetzung mit eventuell auf uns lauernden Problemen. Wenn wir uns sorgen, spielen wir verschiedene Szenarien in unseren Köpfen durch, setzen uns mit einem Thema auseinander, um mögliche Lösungsstrategien vorab zu durchdenken. Das kann uns durchaus für die Zukunft helfen, denn wir stolpern nicht unbedacht in eine schwierige Situation hinein, sondern haben bereits Lösungsansätze entwickelt oder Informationen gesammelt.

Manchmal sind unsere Ängste jedoch außerhalb der realistischen Erklärungen. Sie sind übertrieben, schränken uns ein, stören den Alltag. So haben sie keine Schutzfunktion mehr. Fühlen wir uns allerdings akut bedroht, spüren wir Panik. Wir können nicht mehr objektiv Informationen einholen, nicht abwägen und überlegen, sondern sind extrem angespannt und in einem Alarmmodus, der unser rationales Handeln behindert.

„All diese Meldungen verändern unsere Wahrnehmung. Wir beginnen, die Welt durch eine negative Brille zu sehen und uns hilflos zu fühlen angesichts all der Schrecklichkeiten, denn die klassische Medienberichterstattung basiert auf den Schreckens- und Problemmeldungen, dem sogenannten Negativitätsbias.“

S. Mierau (2019): Mutter.Sein

Die Sorge vor der Ansteckung mit einer Krankheit ist zunächst normal: Wir überlegen, wie das passieren könnte, was passieren könnte und wie wir uns schützen können. Führt diese Sorge allerdings zu Panik und einer Zwangskrankheit, sind wir über das Ziel hinaus gegangen. Es kann deswegen beruhigen, uns immer wieder die Fakten vor Augen zu führen: Gehöre ich selbst oder gehören Familienmitglieder zur Risikogruppe? Wenn ja: Was kann ich tun, um mich/die Familie zu schützen und was muss ich im Falle einer Erkrankung tun? Wenn nein: Wie ist die Prognose im Falle einer Erkrankung ohne der Risikogruppe anzugehören? War ich in einem Risikogebiet? Was soll ich tun, um andere zu schützen? Wenn wir uns konkret mit diesen Fragen auseinander setzen, erleben wir uns als handlungsfähig und aktiv gegenüber unserer Angst. Wichtig ist dabei, bei Informationen auf offizielle Informationen und Angaben zu vertrauen und nicht inoffizielle Tipps aus Foren, WhatsApp Gruppen oder anderen als vertrauenswürdig einzustufen. Merken wir, dass unsere Ängste zu groß werden, uns einschränken oder aggressiv werden lassen, sollten wir therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen.

Auch die Sorge davor, in Quarantäne mit Kindern zu sein zur Vorbeugung der Ansteckung oder aufgrund der behördlichen Anordnungen, nicht das Haus verlassen zu dürfen, ist normal und wir können uns von dieser Aufgabe überrollt fühlen. Auch hier ist es wichtig, die Fakten zu betrachten: Habe ich schon einmal ähnliche Situationen gemeistert? Was kann ich konkret tun, wenn wir zu Hause bleiben müssen? Auf welche Ressourcen kann ich zurückgreifen? Wie kann ich mich dennoch gut vernetzen und was tut mir persönlich gut, um diese Zeit zu überstehen?

Deligierte Angst

Kinder spüren unsere Ängste. Auch wenn wir sie nicht aussprechen, stehen sie im Raum und umgeben uns. Sie können sich dann auf unsere Kinder übertragen, ohne dass sie diese Angst wirklich verstehen oder begreifen können. Es legt sich eine unbestimmte, verunsichernde Angst auf die Kinder. Sie werden ängstlich und manchmal dann wiederum von Eltern wegen der allgemeinen Ängstlichkeit verurteilt. Besser ist es deswegen, mit unseren Kindern zu reden: „Ich habe Angst/Sorge mich, es ist meine Angst, nicht deine. Deswegen bin ich gerade angespannt, aber du musst das nicht sein.“

Größere Kinder kommen über andere Kinder, Kitas, Schulen und Medien vielleicht selbst in Kontakt mit dem ängstigenden Thema, nehmen dabei vielleicht sogar falsche Informationen auf. Deswegen ist es wichtig, dass wir unsere Ängste nicht nur nicht versuchen zu verbergen, sondern mit ihnen altersangemessen darüber sprechen. Sofern das Kind selbst Angst hat, soll es sich nicht alleingelassen fühlen. „Kinder brauchen Unterstützung, Solidarität, Parteilichkeit und Trost, wenn sie sich bedroht fühlen.“ erklären Gabriele Frick-Baer, Pädagogin und Therapeutin, und Dr. Udo Baer, Pädagoge und Therapeut**. Das Bindungssystem ist ein Schutzsystem von Seiten der Eltern für die Kinder und es unsere Aufgabe, ihnen einen Schutzraum auf körperlicher und psychischer Ebene zu sichern.

Wenn wir weiterhin offen sind, wenn wir Interesse an den Themen unserer Kinder haben und zeigen (ohne sie zu überwachen), dann stehen wir mit ihnen in einem Dialog über das Leben. Und egal ob Computerspiel, Mobbing, Schneeball-Whats-App-Nachrichten: Wenn wir eine gute Basis geschaffen haben, können unsere Kinder damit zu uns kommen und mit uns reden. Sie wissen, dass wir sie ernsthaft begleiten und ihnen zur Seite stehen, denn auch größere Kinder brauchen Schultern zum Anlehnen, wenn es mal anstrengend ist.“

S. Mierau (2019): Mutter.Sein

Positiven Alltag fokussieren

Eine Angst, besonders vor einer neu aufgetretenen Krankheit oder anderen neuen Umständen, kann auf einmal viel Raum einnehmen: Ständig ändern sich Angaben, Richtlinien und Informationen. Gerade durch moderne Medien werden wir im Minutentakt mit diesen Informationen konfrontiert und kommen so in die Gefahr, dass sich nur noch dieses Angst-Thema in den Fokus unseres Alltags schiebt und wir die zwischenmenschliche Kommunikation in der Familie aus den Augen verlieren.

Es ist deswegen gut, etwas Abstand zum Geschehen zu bekommen und nicht beständig das Internet und Nachrichtensendungen nach neuen Informationen abzusuchen, sondern eine feste Routine für die Informationssammlung einzunehmen, beispielsweise morgens und abends. So, dass wir das Gefühl haben, gut über die aktuelle Lage informiert zu sein, aber dennoch der Fokus auf den Beziehungen im Alltag ausgerichtet ist. Gerade auch Kinder brauchen Eltern, die ihnen zugewandt sind in dieser Zeit, in der die Eltern sich sorgen. Zuwendung, Beziehung und Bindung geben den Kindern ein Gefühl von Sicherheit, das sie jetzt gerade benötigen. Deswegen sind Pausen von der Informationsflut und ein bewusster normaler Familienalltag in den aktuellen Rahmenbedingungen wichtig.

Es ist normal, dass wir uns aktuell sorgen. Es ist wichtig, dass wir andere Menschen schützen und uns gleichzeitig unsere eigene Position in dem System klar machen. Und es ist wichtig, dass wir aktiv mit unseren Gefühlen umgehen und Kindern einen Schutzraum geben.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Weiterführende Literatur:
*Bandelow, Borwin (2006): Das Angstbuch. Woher Ängste kommen und wie man sie bekämpft. – Reinbeck: Rowohlt Verlag.
**Baer, Udo/ Frick-Baer, Gabriele (2018): Wie Kinder fühlen. – Weinheim: Beltz.
Mierau, Susanne (2019): Mutter.Sein. Von der Last eines Ideals und dem Glück des eigenen Wegs. Weinheim: Beltz.

Familienalltag zu Hause gestalten

Während es einige Eltern gibt, die ihre Kinder generell zu Hause betreuen, ist es für andere eine große Veränderung, wenn langfristig die Betreuung außerhalb der Familie wegbricht – dies umso mehr, wenn sie bereits über einen längeren Zeitraum fester Bestandteil des Alltags geworden ist und die Familie nun emotional und auch strukturell in einer Umbruchphase steckt.

Sich jetzt gestresst und überfordert zu fühlen, ist normal

Dass Eltern dies als Herausforderung empfinden können, ist normal und sollte nicht diskutiert werden: Die Belastungsgrenzen, Ressourcen und Möglichkeiten einzelner Personen sind höchst individuell. Gerade Ängste, finanzielle Probleme bzw. finanzielle Ungewissheit, Kontrollverlust, gesundheitliche Einschränkungen oder fehlende Unterstützung können das persönliche Empfinden verschlechtern und unseren Stress erhöhen. Die Folge ist davon oft negatives Erziehungsverhalten: wir haben schlechte Laune, schimpfen mehr, schreien vielleicht oder überschreiten auf andere Weise die persönlichen Grenzen der Kinder.

Das kannst du für dich als erwachsene Person tun

Um dem vorzubeugen und das Konfliktpotential aus dem Alltag soweit möglich heraus zu nehmen, sollten wir zunächst auf persönlicher Ebene unser Sicherheitsgefühl stärken und die Belastungen minimieren. Dafür ist es wichtig, sich nicht für diese Gefühle zu schämen, sie nicht zu verstecken mit der Überforderung, sondern diese aussprechen zu dürfen, ohne dafür verurteilt zu werden. Eltern dürfen sich überlastet fühlen. Die aktuelle Situation kann anstrengend sein und je nach persönlicher Situation besondere Herausforderungen mit sich bringen, die ebenfalls benannt werden sollten. Sofern ein anderer Elternteil verfügbar ist, sollte gerade auch das Gefühl von Überforderung angesprochen werden. Dennoch sollten wir uns jedoch nicht diesem Gefühl der Überforderung ausliefern, sondern neben dem Benennen der Gefühle in Aktion kommen: Was kann ich konkret tun, um mir in meiner Situation zu helfen? Was kann/muss der andere Elternteil tun? Wo kann ich mich gut und objektiv informieren, welche Menschen sind gute Ansprechpartner*innen, wer kann mich aktiv unterstützen und verurteilt meine Situation nicht? Der Austausch mit anderen Eltern in einer ähnlichen Situation ist wichtig und hilfreich, weshalb der Auf- oder Ausbau eines verlässlichen Netzwerkes so wichtig ist: in der Umgebung, aber vor allem auch digital, wenn die persönlichen Kontaktmöglichkeiten gerade eingeschränkt sind. Eltern brauchen andere erwachsene Personen zum Austausch, zum Anlehnen, zum Reden und Lachen. Wer merkt, dass er nachhaltig überfordert ist von der Situation, sollte sich professionelle Hilfe holen.

Den Alltag neu gestalten

Mit einer Stärkung der persönlichen Sicherheit im Rücken, können wir dann den Alltag betrachten und in die Handlung kommen: Wir gestalten nun um, sind aktiv, legen neue Rahmenbedingungen in Zeiten der Veränderung vor für unsere Familie. Auch wenn es um uns gerade schwierig ist, haben wir einen Handlungsspielraum innerhalb unseren neuen Umfeldes.

In diesem Rahmen ist es wichtig, die Bedürfnisse aller Beteiligten ausreichend zu berücksichtigen: Zwar haben Erwachsene und Kinder gleiche Bedürfnisse, aber sie sind unterschiedlich ausgestaltet. Haben wir zwar beide das Bedürfnis nach Bewegung, kann dieses bei Kindern aber ganz anders aussehen als bei Erwachsenen: Kinder bewegen sich anders, brauchen andere Bewegungsmöglichkeiten und möchten beispielsweise hüpfen, springen, balancieren – weil das auch ihrem Entwicklungsbedürfnis entspricht, während wir Erwachsene vielleicht mit einer Yoga-App und langen Spaziergängen zufrieden sind. Es ist deswegen wichtig, dass wir Angebote aus verschiedenen Perspektiven und durch Kinderaugen betrachten.

Folgende Ideen können deswegen Inspirationen sein für den Alltag. Ob und wie es in euren Alltag passt, zu euren Temperamenten und Möglichkeiten, kann unterschiedlich sein.

Kinder wollen sich bewegen

  • Sofern möglich: Ausflüge unternehmen an der frischen Luft. Besonders Wald, weitläufige Parks und Felder bieten sich an.
  • Zu Hause brauchen Kinder ebenfalls Bewegungsmöglichkeiten. Das Bett kann nun zum Trampolin werden, wenn sonst zu wenig Bewegungsmöglichkeiten bestehen, aber auch andere Bewegungsformen können fehlen. Das Spiel „Wasser, Feuer, Erde, Luft“ kann Abwechslung bringen oder der Aufbau eines Balancier- und Kletterparcours: Vom Stuhl auf den Tisch über den Stuhl… Oder mit Matratzen wird eine Tobehöhle gebaut.
  • Auch die Klassiker können ein Revival erleben: Springseil, Hula-Hoop-Reifen,…
  • Musik entspannt uns und reduziert Ängste: Deswegen Musik an, gemeinsam tanzen. Auch Stopptanz ist bei Kindern immer wieder beliebt. Musik tut auch uns Eltern oft gut in angespannten Situationen.

Struktur

  • Vielen Eltern und Kindern tut es gut, eine Struktur für den Tag zu haben und relativ feste Zeiten zu benennen für die Mahlzeiten, für Ausruhzeiten, für gemeinsame Spiele. Gerade Eltern, die im Homeoffice arbeiten mit älteren Kindern, können feste Zeiten vereinbaren für gemeinsame Tätigkeiten oder für Kinder im Vorschulbereich auch die Eieruhr stellen: Wenn sie klingelt, spielen wir wieder zusammen.
  • Wenn Eltern im Homeoffice arbeiten mit Kindern zu Hause, ist es wichtig, die Erwartungshaltung zu minimieren: Arbeiten zu Hause mit Kindern ist nicht wie das Arbeiten im Büro. Die Kinder tragen nicht die Schuld daran, sondern verhalten sich einfach normal kindgerecht, wenn sie uns zwischendurch ansprechen, Zuwendung haben wollen, gemeinsames Spiel wünschen. Gerade für diese Tätigkeiten ist deswegen eine Struktur besonders wichtig und Eltern sollten genau einplanen, wann sie welche Arbeiten erledigen, Arbeiten aufteilen in absolut notwendig, die viel Konzentration erfordern und solche, die weniger Aufwand und Konzentration bedeuten. Die schwierigen Aufgaben sollten nach Möglichkeit nicht auf den Nachmittag/Abend gelegt werden, wenn die Kooperationsfähigkeit von Kindern natürlicherweise nachlässt, da das zu mehr Streit führt.

In den Alltag einbinden

  • Kinder sind soziale Wesen und wollen an unserem Alltag beteiligt sein. Sie sind kooperativ und wollen mitmachen, Teil der Gemeinschaft sein und sich aktiv einbringen. Manchmal haben wir im Alltag zu wenig Zeit dafür – nun können wir aber mit Kindern putzen, abwaschen, kochen etc. Alle Socken werden im Quadrat auf dem Boden ausgelegt als Sockenmemory.
  • Manchmal finden sich beim gemeinsamen Aufräumen auch tolle Ideen zum Spielen: der Pappkarton, der eigentlich in den Müll sollte, wird zum Puppenhaus/Auto/Rakete. Die ausrangierten Kleidungsstücke sind auf einmal tolle Verkleidungssachen. Bohnen und Linsen werden zum Schüttspiel.
  • Und auch im Kinderzimmer kann „Haushalt“ erledigt werden: Zusammen die Spielsachen sortieren und ordnen, alte, unbespielte Spielsachen aussortieren und in den Keller oder auf den Dachboden bringen (in ein paar Wochen können sie wieder hervorgeholt werden und werden meistens begeistert neu bespielt).
  • Größere Kinder können auch Mahlzeiten zubereiten und sich hierfür erst einen Plan machen und dann nach einfachen Kinderrezepten kochen und zubereiten. Vielleicht ist es anfangs noch ungewohnt und vielleicht schmeckt es auch noch nicht perfekt, aber auch dies ist ein Lernprozess und Kinder sind dann aktiv beteiligt und fühlen sich selbstwirksam und hilfreich. Auch das Backen ist eine tolle Alternative und das Verzieren von Keksen mit bunten Perlen etc. kann Kinder lange Zeit beschäftigen.

Medien? Medien!

  • Medien stehen immer wieder in der Kritik in Bezug auf Kinder. Dabei können sie eine kreative Möglichkeit für den Alltag sein und/oder eine Entspannungszeit einläuten oder ermöglichen – und auch das ist okay. Behalten wir einen ausgewogenen Alltag im Blick mit genügend Zeit für das Miteinander, müssen wir uns nicht an strengenden Zeitregeln orientieren (empfehlenswert hierzu dieser Podcast)
  • Mit dem Fotoapparat oder Handy können Bilder gemacht werden für eine eigene Bilder-Geschichte, die später als Buch zusammengeheftet werden kann oder in einem kleinen Fotobuch verewigt werden kann. Das kann auch an Freund*innen geschickt werden.
  • Die Freunde aus der Kita oder Schule fehlen, können aber gerade nicht getroffen werden? Dann ist es Zeit für Videotelefonate. Auch Briefe und Postkarten können geschrieben und gemalt werden. Mit der Post können auch Bücher ausgetauscht werden.
  • Hörspiele, Hörbücher, Musik – das sind wunderbare Möglichkeiten für Kinder, um zu lauschen, sich auszuruhen oder auch zur Bewegung anzuregen. Viele Bibliotheken ermöglichen auch die Online-Ausleihe von Kinderbüchern, wie beispielsweise hier in Berlin.
  • Zudem gibt es auch tolle Möglichkeiten, die das Netz aktuell bietet: Zum Beispiel gibt es Museen, die virtuelle Führungen anbieten, auf Instagram bieten einige Eltern an, aus Kinderbüchern vorzulesen und man kann die eigenen Kinder dann einfach „dazusetzen“.
  • Medien können auch tolle Anregungen bieten für den Alltag: ein Bullerbü-Tag kann mit Zimtschnecken zelebriert werden oder am Sams-Tag bekommen alle blaue Flecken, es gibt (vegetarische) Würstchen und können sich etwas wünschen…
  • Größere Kinder können sich auch in das Programmieren vertiefen und damit viele Erfahrungen machen. Hier haben wir einmal einige Anregungen für den Einstieg in das Programmieren zusammengefasst.

Kreativität und Spiel

  • Kinder eignen sich im Spiel die Welt an und wollen beständig lernen und ihre Erfahrungen ausbauen. Im Spiel tun sie dies, indem sie kreativ damit umgehen. Wenn die Rahmenbedingungen einschränkend sind, ist es besonders wichtig, dass Kinder ihre Fantasie ausleben können und Kreativität entfalten können. Gute Materialien dafür sind beispielsweise (Holz-)Bausteine, Lego, Bügelperlen, Wasserperlen, Murmeln, Bastelmaterialien (bunte Papiere, Kleber, Pfeifendraht, Washi-Tape, Farbstifte, Fingerfarben, Wasserfarben, Scheren, Knete) – also all jene Materialien und Spielzeuge, die Vielfalt an Handlungen und Spielen zulassen und die Fantasie nicht begrenzen.
  • Viele kreative Spielmaterialien lassen sich auch selbst herstellen: selbstgemachte Knete, Salzteig, Farben, Papier schöpfen aus Altpapier. Einige einfache Ideen findet Ihr hier. Größere Kinder lieben es, Schleim selbst herzustellen. Auch Seifen können selbst gemacht werden in unterschiedlichen Farben, mit Düften und mit Spielfiguren darin – auch das ist ein schönes Geschenk, das mit der Post versendet werden kann an Familie und Freund*innen.
  • Es gibt viele schöne Brettspiele für Kinder. Seit einigen Jahren erscheinen auch immer mehr kooperative Brettspiele für Kinder: In diesen geht es nicht darum, dass eine Person gewinnt und sich gegen andere durchsetzt, sondern um das Miteinander, um Kooperation und das gemeinsame Erreichen eines Ziel. Diese Spiele regen das Miteinander an und sind deswegen gerade jetzt besonders passend und können die aktuellen Werte unterstützen. Über einige kooperative Spiele haben wir hier berichtet.

Schule

  • Viele Schulen bieten an, den Kindern Aufgaben zukommen zu lassen und diese auch zu kontrollieren. Andere haben bereits Online-Lernplattformen für die eigenen Schüler*innen. Zudem gibt es diverse private Lernplattformen, teilweise kostenpflichtig allerdings.
  • Kinder können daneben allerdings auch privat Projekte durchführen und kreativ umsetzen. Beispielsweise das Thema Frühling kann aufgegriffen werden und es werden in der Natur die Pflanzen betrachtet, abgezeichnet, dann kann mit Büchern oder über das Netz herausgesucht werden, wie die Pflanzen heißen, es können Steckbriefe geschrieben werden oder Briefe an Familie/Freund*innen über die Naturbeobachtungen. Auf diese Weise können verschiedene Themen bearbeitet werden.

Habt Ihr noch weitere Ideen? Weitere Inspirationen findet Ihr auch hier auf Twitter in den Antworten. Auf Instagram biete ich hier abends regelmäßig Live-Gespräche an, in dem wir uns über den Alltag austauschen können.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Unterschiedliche Erziehungsstile als Elternpaar? – Erziehung gemeinsam gestalten und sich wertschätzen

„Natürlich sind wir einer Meinung, was die Erziehung unserer Kinder betrifft!“ denken wahrscheinlich viele Eltern, die die Sorge und Pflege der Kinder in der ein oder anderen Form teilen. Auf den zweiten Blick tun sich dann aber doch hier und da Unterschiedlichkeiten auf und an manchen Stellen kommt es gelegentlich auch zum Streit: „Ich habe doch aber gesagt, wir sollen es so tun und nicht anders!“ oder auch „Lies doch endlich mal die Bücher, die ich Dir gegeben habe, wir wollen unsere Kinder doch modern begleiten!“ oder „Nie hörst Du Dir meine Gedanken zur Erziehung an!“ – Elternschaft ist nicht nur deswegen manchmal schwierig, weil die Begleitung der Kinder Kraft und Energie kostet, sondern auch, weil sie nicht in einem luftleeren Raum stattfindet und wir uns mit Freunden, Verwandtschaft und eben auch dem anderen Elternteil verständigen müssen.

Der gegenseitige Schutzhafen

In Bezug auf unsere Kinder sprechen wir oft davon, dass wir der sichere Hafen für sie sind. Wir stellen Bindung her, indem wir ihnen Schutz, Fürsorge und Freiheit geben und sie durch schwierige und schöne Momente begleiten und sie dabei annehmen, wie sie sind. Sie wissen: Auch wenn ich meine Flügel ausbreite, kann ich in das Nest zurückkehren. Auch in einer Beziehung mit einem erwachsenen Menschen gehen wir eine Bindung ein und auch dort ist es wichtig zu wissen, dass wir aufgefangen werden können und der andere Elternteil ein sicherer Hafen sein kann. Es ist wichtig, dass wir als Person gesehen werden mit unseren Werten, Bedürfnisse, unseren (Lebens-)vorstellungen und Ideen. Es ist wichtig, dass wir wertgeschätzt werden als Personen in unserem Handeln und Sein.

Werten wir die andere Person ab, nehmen wir ihre Vorstellungen und Bedürfnisse nicht ernst, stören wir das Beziehungsgefüge. Das kann passieren, wenn wir uns nicht mit den Werten der anderen Person auseinander setzen wollen. Oder wenn wir uns in unserem Tun überlastet und nicht wertgeschätzt fühlen: „Selber Schuld, dass das Kind immer so an Dir klebt und abends so lange braucht zum Einschlafen!“ In einem solchen Konflikt wird nicht gesehen, wie anstrengend die Begleitung von Kindern sein kann und dass es nicht eine Frage der Schuld ist, dass das Kind nicht allein einschläft, sondern eine Frage der Erziehungshaltung.

Ganz besonders schwierig wird es bisweilen in ohnehin schon angespannten Situationen: Das Kind ist wütend – eine oftmals anstrengende Situation für Eltern. Vielleicht kann ein Elternteil mit der Wut des Kindes nicht gut umgehen, das belastet den anderen Elternteil und auch die Beziehung. Oder sie haben gleiche oder unterschiedliche Lösungsstrategien (Wut und/oder Ohnmacht) und behindern sich dadurch im Umgang, sind also keine Sparringspartner in schwierigen Situationen. Die große Frage, die sich daraus ergibt, heißt also: Wann sollten Eltern übereinstimmen, und müssen sie es in Hinblick auf Erziehung überhaupt – oder ist es egal?

S. Mierau (2019): „Mutter.Sein. Von der Last eines Ideals und dem Glück des eigenen Wegs.“ S. 193

Unterschiedliche Wege gemeinsam betrachten und anerkennen

Es ist in Ordnung, wenn wir nicht immer einer Meinung sind als Eltern. Und auch dass wir unterschiedlich mit einzelnen Situationen der Kinder umgehen, ist ganz normal: Ein Elternteil kuschelt mit dem Kind bis es eingeschlafen ist, das andere liegt daneben und liest etwas. Ein Elternteil spielt gerne Gesellschaftsspiele, der andere bastelt lieber mit den Kindern. Ein Elternteil singt dem weinenden Kind etwas vor, der andere hält es „nur“ im Arm. Wir können unterschiedliche Wege gehen und dennoch zugewandt und liebevoll sein in den verschiedenen Wegen. Kinder lernen hiervon auch, dass es unterschiedliche Wege gibt, um Gefühle auszudrücken oder mit Situationen umzugehen. Es ist eine Bereicherung für sie, dass Eltern nicht immer alles gleich machen müssen.

Wichtig ist allerdings, dass wir in den grundlegenden Punkten übereinstimmen und in den Austausch kommen, wenn wir große Unterschiede feststellen, denn diese Unterschiede können auf Dauer zu Problemen werden. Wenn ein Elternteil die Kinder stärker bedürfnisorientiert begleitet, fordern die Kinder selbstverständlich von diesem Elternteil auch mehr Begleitung ein: Die Lastenverteilung kommt in ein Ungleichgewicht und ein Elternteil wird mit der Begleitung der Kinder mehr belastet.

Auch wenn Eltern grundlegend in ihrer Ausrichtung übereinstimmen, kann es zu unterschiedlicher Bevorzugung der Eltern kommen und zeitweise wird ein Elternteil (oft jenes, das mehr anwesend ist oder in einem konkreten Fall eher die konkreten Bedürfnisse erfüllt) bevorzugt. Stimmen beide Eltern in der grundlegenden Haltung jedoch überein, haben sie Verständnis dafür und fangen sich gegenseitig auf und teilen Lasten. Wendet sich ein Elternteil nun an den anderen, um aufgefangen zu werden, die eigene Not zu teilen und wertgeschätzt zu werden, kann dieser positiv darauf eingehen, wertschätzen und versuchen, zu entlasten.

Es kann aber auch passieren, dass der andere Elternteil kein Verständnis für die Bedürfniserfüllung des anderen zeigt, diesen zurückweist und mit der Last allein lässt. So erfolgt weder eine Entlastung, noch eine Wertschätzung. Der Elternteil, der das Kind begleitet, ist mit der emotionalen Last der Begleitung allein und bekommt hierfür keine Wertschätzung oder Anerkennung. Das Gefühl, in der Beziehung aufgefangen zu werden, ist nicht gegeben. Weiterer ungünstiger Effekt kann sein, dass der Elternteil, der von den Kindern weniger beansprucht wird, sich abgelehnt und ausgegrenzt fühlt und dafür die andere Erwachsenenperson mit ihrer Erziehungshaltung verantwortlich macht: Ein ungünstiger Kreislauf, der zu gegenseitigen Vorwürfen und Überlastungen führt.

Miteinander reden

Es klingt so einfach, und ist doch so schwer: Als Eltern müssen wir miteinander reden. Und nicht nur das: Wir sollten versuchen, gleichermaßen die Bedürfnisse von Kindern zu begleiten und zu erfüllen. In der Ausgestaltung kann das durchaus unterschiedliche sein, aber in der gleichwertigen Beantwortung sollten wir uns austauschen. Und auch wenn es manchmal einfacher erscheinen mag, sitzen zu bleiben, weil der andere Elternteil gerade angefragt wird, sollten wir dennoch aufstehen und das Bedürfnis des Kindes begleiten, wenn die andere erwachsene Person schon beim letzten Mal dran war/gerade erschöpft ist/einfach auch mal eine Pause macht. Wir können uns ergänzen und gegenseitig halten. Beide Elternteile können für alle Bedürfnisse Ansprechpartner*in sein und sich abwechseln, um einer Überforderung einer Person vorzubeugen und gleichzeitig die Wertschätzung des anderen nicht aus den Augen zu verlieren. Gerade im oft anstrengenden Leben mit Kindern tut es gut, sich anlehnen zu können an andere Menschen und aufgefangen zu werden, wenn wir es brauchen. Auch als Erwachsene brauchen wir einen sicheren Hafen, den wir ansteuern können, wenn es gerade schwierig ist.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Weiterführende Literatur*:
Mierau, Susanne (2019): Mutter.Sein. Von der Last eines Ideals und dem Glück des eigenen Wegs. Weinheim: Beltz.
Becker-Stoll, Fabienne (2018): Bindung. Eine sichere Basis fürs Leben. München: Kösel.
Mik, Jeannine/Teml-Jetter, Sandra (2019): Mama, nicht schreien! Liebevoll bleiben bei Stress, Wut und straken Gefühlen. München: Kösel.

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Alleine-Zeit: Quality-Time für Geschwisterkinder

„Ich will etwas mit Dir alleine machen!“ – Wer mehrere Kinder hat, kennt diesen Satz wahrscheinlich. Alleine-Zeit: Zeit mit einem Elternteil ohne andere Geschwister. Die Aufmerksamkeit nicht teilen, mal (wieder) im Mittelpunkt stehen, nicht von einem jüngeren Geschwisterkind belästigt werden, die Sachen beschützen müssen, aufpassen.

Wenn Eltern von ihren Kindern hören, dass diese sich „Alleine-Zeit“ wünschen, beschleicht sie manchmal ein schlechtes Gewissen: „Ich kümmere mich doch zu wenig.“ „Ich kann einfach nicht beiden/mehreren gleichzeitig gerecht werden.“ „Vielleicht geht doch eines der Kinder unter, weil es mehrere sind?“ – Natürlich können wir mehreren Kindern nicht in der Art gerecht werden, wie wir es bei nur einem Kind konnten. Aber dennoch haben Kinder auch in dieser Konstellation mit Geschwistern besondere Momente und die Chance, andere Dinge zu lernen, als wenn sie die Geschwister nicht hätten. Das Leben mit Geschwisterkindern ist anders als als Einzelkind und beide Möglichkeiten haben ihre Vor- und Nachteile. Grämen wir uns also als Eltern nicht, wenn wir mehrere Kinder haben, dass wir sie nicht alle als Einzelkind wachsen lassen können, sondern fokussieren wir uns auf das, was sie an positiven Erfahrungen aus diesem Alltag gewinnen. – Und gönnen wir ihnen ab und zu ganz besondere Aufmerksamkeitszeiten.

Muss es eine besondere Aktivität sein?

Wir denken oft, dass wir unseren Kindern etwas besonders schön machen, wenn wir uns etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Ein besonderes Ausflugsziel, ein teurer Kinonachmittag, ein Ausflug mit einer besonderen Attraktion. Fragen wir das Kind aber nach einem Wunsch, bekommen viele Eltern die Antwort, dass das Kind gar keiner besonderen Tätigkeit nachgehen möchte, sondern einfach Zeit zu zweit sucht zu Hause. Denn die Frage nach Alleine-Zeit ist meistens nicht die Frage nach einer besonderen Attraktion, sondern nach Beziehung. Sie kann nicht mit Geld bezahlt werden, sondern nur mit Aufmerksamkeit. Sie sagt aus: „Ich möchte Zeit mit Dir alleine haben, in der Du nur mich siehst und Dich nur mit mir beschäftigst.“ Gehen wir ins Kino, steht der Film im Fokus und wir beschäftigen uns wenig miteinander. Gehen wir auf den Spielplatz, sind dort vielleicht andere Kinder und das gemeinsame Eltern-Kind-Spiel tritt in den Hintergrund. Alleine-Zeit meint deswegen mit Vorschulkindern meistens: Verbringe einfach ganz normal zu Hause Zeit mit mir und spiel mit mir, was ich gerne mag.

Spiel in Beziehung

Bleiben wir also zu Hause und gehen wir in Beziehung mit unserem Kind. Jetzt haben wir die Chance, uns mitteilen zu lassen, was das Kind gerade bewegt: Wo die Entwicklungsschwerpunkte gerade sind, was es bedrückt und erfreut, welche Themen es gerade besonders gerne mag. Lassen wir also das Kind bestimmen, was in der Alleine-Zeit stattfindet und halten wir unsere eigenen Spielwünsche für diesen Moment zurück. Jetzt, heute darf das Kind allein bestimmen und wir wertschätzen die Wahl des Kindes und drücken bereits damit aus, dass es gesehen wird, dass seine Wünsche wichtig sind und berücksichtigt werden.

Qualität vor Quantität im Alltag

Es ist im Familienalltag nicht immer einfach, Alleine-Zeit einzuplanen. Gerade dann nicht, wenn es mehr als zwei Kinder sind. Ist der Altersabstand groß, bietet sich der Abend oft für eine kurze tägliche Alleine-Zeit an: Das größere Kind kann sich mit dem anderen Elternteil (sofern vorhanden) Alleine-Zeit genießen und das kleine Kind mit dem anderen. Gut ist es, auch hier zu variieren. Gibt es nur einen Elternteil, kann das größere Kind vielleicht einer Beschäftigung allein nachgehen, während das kleinere Kind spielen kann, ins Bett gebracht wird und danach das größere Kind noch einmal Alleine-Zeit bekommt. Diese abendliche Zeit muss nicht besonders lang sein. Dafür lassen wir auch hier das Kind bestimmen. Routinen wie Zähneputzen und Schlafanzug-Anziehen, die ja oft Elternregeln unterliegen, zählen allerdings nicht in die Zeit.

Manchmal ist es auch möglich, eine solche Zeit am Nachmittag einzuplanen, wenn ein Geschwisterkind gerade in eine Tätigkeit versunken ist und wir uns dem anderen intensiv widmen können. Wichtig dabei ist: Wirklich abzuschalten und den Fokus darauf zu legen, dass jetzt wirklich der Wunsch des Kindes im Mittelpunkt steht. Auch andere Störfaktoren sollten während der Alleine-Zeit beiseite gelassen werden: Smartphone, Telefon und anderes sind jetzt zur Seite zu legen.

Jedes Kind will gesehen werden, muss in seiner Individualität betrachtet werden und braucht ab und zu die Chance, die Akkus an Zuwendung wieder ganz aufzufüllen. Mit einer festen Planung von solchen Zeiten, können wir dem Bedürfnis des Kindes nachkommen.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Mit anderen Menschen über „Erziehung“ sprechen

Wir kennen es alle: Die Familienfeier, auf der auf einmal das Thema schwenkt auf die „fehlende Erziehung“ der Enkelkinder/Nichten/Neffen, der Spielplatz, auf dem fremde Eltern auf einmal anmerken, „bei ihnen gibt es ja sowas nicht“. Erziehung ist ein Thema, über das diskutiert wird – und manchmal sogar gestritten. Während es uns bei Fremden manchmal leichter fällt, unsere eigene Haltung darzulegen und sich dabei gut zu fühlen, ist das bei der eigenen Familie oder im Bekanntenkreis schon schwerer. Wie aber kommen Eltern nun gut durch solche Gespräche?

Die neue Rolle als Eltern finden, ist nicht immer einfach

Gerade am Anfang des Elternseins ist es schwer, in die neue Rolle zu finden: Nicht mehr das Kind zu sein, das den eigenen Eltern folgt und ihre Ratschläge annimmt, sondern eine eigene kleine Familie haben, für die die eigenen Leitsterne gelten, die sich manchmal unterscheiden von dem, was selbst erfahren wurde als Kind. Schnell passiert es, dass bei Familienzusammenkünften das Gefühl entsteht, unter beobachteten Augen zu stehen und sich Eltern verunsichert fühlen. Manches Mal kommen auch Empfehlungen und Belehrungen dazu oder es entsteht eine Diskussion darum, warum nun alles anders gemacht wird, schließlich sei doch früher alles auch gut gelaufen.

Manche Großeltern oder andere Familienmitglieder lassen sich leichter auf neue Ansätze ein, andere schwerer. Manchmal gibt es auch solche, die gar nicht erst überzeugt werden müssen, weil sie von sich aus auch schon ähnlich mit ihren Kindern gelebt haben. Und dann gibt es Menschen, auf die wir treffen, die in ihren Ansätzen und Meinungen nicht nachgiebig sind. Es ist schwer, in solchen Situationen entspannt und bei den eigenen Grundsätzen zu bleiben.

9 Tipps für gute Gespräche

Um weniger verunsichert zu sein bei solchen Gesprächen, gibt es einige Punkte, die wir vorbereiten können, um uns in solchen Gesprächen sicherer zu fühlen.

  • Klarheit über die Erwartungen: In Diskussionen haben wir nicht selten die Vorstellung oder den Wunsch, dass wir die andere Person davon überzeugen, dass wir richtig liegen und sie falsch. Allerdings werden wohl die wenigsten Familienangehörigen/Großeltern auf einmal sagen: „Ach so, stimmt. Das war damals alles nicht so gut, ab jetzt machen wir es anders.“ Fundamentale Änderungen setzen eine Auseinandersetzung mit der (oft schmerzhaften) eigenen Vergangenheit voraus, die oft Zeit braucht. Erwarten wir also gar nicht erst, in einem einzelnen Gespräch eine Meinung grundlegend zu ändern. Wir können einen Samen sähen, ein Bewusstsein öffnen – vielleicht. Ansonsten stellen wir dar, dass wir einen anderen Standpunkt haben, den es zu akzeptieren gilt.
  • Emotionen nicht das Gespräch führen lassen: In Erziehungsfragen wird es schnell emotional. Denn wenn wir darüber sprechen, was wir heute warum anders machen, sprechen wir indirekt auch darüber, was uns vielleicht verletzt hat, was wir nicht gut fanden. Doch im Hier und Jetzt soll es eigentlich nicht um die eigenen Verletzungen gehen (obwohl auch das ein wichtiges Thema ist, das in Ruhe besprochen werden kann), sondern um die aktuelle Situation mit den eigenen Kindern. Daher: Die eigenen Verletzungen kennen, aber in diesem Gespräch trennen von dem, worum es aktuell geht.
  • Wohlwollen anderen gegenüber: Auch unsere Eltern wollten das Beste für uns – nur waren die Wege aus ihrer Sicht anders. Vorwürfe sind in solchen Diskussionen nicht zielführend. Gehen wir lieber davon aus, dass die Person ein gutes Ansinnen hat (schließlich möchte unser Gegenüber auch das Beste für dieses Kind jetzt – und weiß nicht, dass dahin vielleicht ein anderer Weg führt als der bislang bekannte).
  • Verständnis: Argument gegen Argument bringt uns nicht voran. Was uns aber voran bringen kann, wenn unterschiedliche Meinungen aufeinander treffen, ist das Nachfragen, damit wir die Beweggründe unseres Gegenüber besser verstehen: „Warum gehst du davon aus?“ „Warum denkst du das?“ „Interessanter Gedanke, erzähl mir mir davon, was dich dazu bewegt.“ Oder auch: „Interessant, verstehe ich Dich richtig, dass…“
  • Auf Basis der Gleichheit argumentieren: Wenn wir die Beweggründe unseres Gegenüber kennen, werden wir wahrscheinlich darin Punkte finden, die auch uns bewegen. Diese können wir aufgreifen und dann unsere Erkenntnisse damit verbinden: „Du möchtest auch, dass [das Kind] es leicht hat im Leben, so geht es mir auch. Und deswegen machen wir xy, weil die Forschung heute gezeigt hat, dass Kinder, die xy aufwachsen…“
  • Themenzentriert bleiben: Gerade in Diskussionen um Erziehung passiert es schnell, dass generalisiert wird. „Ja, wo kommen wir denn hin, wenn alle Kinder…“ oder „Wir sehen ja an der Jugend heute, dass…“ Aber darüber sprechen wir aktuell gar nicht. Wir sprechen jetzt gerade hier über dieses Kind, über diese Familie und diese Situation.
  • Ich-Botschaften verwenden: Sprich über dich und das, was du empfindest. Im Gegensatz zu Du-Botschaften werden diese Äußerungen weniger als Kritik empfunden, daher muss sich die andere Person nicht verteidigen, sondern erfährt etwas von der Gefühlswelt der sprechenden Person.
  • Fachwissen haben: Eltern müssen keine Psychologen oder Pädagogen sein. Dennoch ist es hilfreich in Diskussionen mit anderen, einige gute Studien oder Facherkenntnisse aufführen zu können, warum das, wie man es anders macht, nicht nur „moderner Schnickschnack“ ist, sondern tatsächlich Hand und Fuß hat. Ein paar Studien zum Schlafen von Babys und Kleinkindern, Fakten zum Stillen bzw. warum eine Beziehung auch gut sein kann ohne Stillen, Erkenntnisse aus der Hirnforschung zum Thema „Trotzphase“ geben eine solide Basis.
  • Sicherheit: Jede Familie darf ihren eigenen Weg gehen, um gemeinsam zu wachsen. – Und du gehst mit deiner Familie den Weg, der genau zu euch passt. Niemand kennt euer Kind so gut wie ihr. Niemand kennt eure Familiendynamik so gut wie ihr. Ihr geht den Weg, der für euch richtig ist. – Sich das immer wieder zu sagen oder vielleicht sogar als Erinnerungszettel an den Spiegel zu hängen, ist gut.

Mit diesen Hinweisen kannst du ein wenig entspannter in Familienfeiern und andere Diskussionen starten. Lass dich nicht verunsichern und bleib bei dem, was dir wichtig ist.
Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Weiterführende Literatur:
Mierau, Susanne (2018): Rundum geborgen …weil es ein ganzes Dorf braucht, um ein Kind großzuziehen. München: Kösel
Rosenberg, Marshall B. (2016): Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens. – Paderborn: Junfermann Verlag.
v. Kempis, Franzi (2019): Anleitung zum Widerspruch. Klare Antworten auf populistische Parolen, Vorurteile und Verschwörungstheorien. – München: Mosaik Verlag.

Mit Kindern im „Jetzt“ sein statt im „Später“

„Aus Dir soll doch mal etwas werden!“, „Wird das Kind noch als Teenager bei uns schlafen wollen?“, „Das Kind wird sich nie abstillen!“, „Später muss es doch mal mit Frustration umgehen können!“, „Ich kann ihm ja nicht alles durchgehen lassen, so ist das Leben später auch nicht!“ … Die Liste dieser Sätze lässt sich scheinbar unendlich fortsetzen. Die Liste der Zukunftsängste, der Erwartungen für die Zukunft, der Zukunftswünsche für das Kind. Aus dem Kind soll doch mal etwas werden!

Später. Wir denken beständig an Später, an die Zukunft. Daran, wie das Kind später einmal sein soll, welche Eigenschaften es vielleicht einmal braucht und was es unbedingt hinter sich gelassen haben sollte bis zum Tag X. Natürlich sind diese Gedanken normal und wir alle sorgen uns – gerade heute – um die Zukunft unserer Kinder. Aber der Blick auf die Zukunft bringt – so liebevoll und umsorgend er gemeint ist – auch eine Gefahr mit sich: Mit dem Blick, der immer in die Ferne gerichtet ist, sehen wir nicht auf das, was in der Nähe gerade passiert.

Zukunftsangst setzt uns unter Druck

Um ein Ziel zu erreichen in der Zukunft („Das Kind muss irgendwann doch alleine ein- und durchschlafen!“) haben wir nicht den Weg und die vielen Jahre dorthin im Blick, sondern das Jetzt und das Später. Dieses Denken setzt uns unter Druck, führt zu Stress. Wir sehen uns in Handlungsbedarf ob der vermeintlich zukünftigen Gefahr. Wir denken, wir müssten jetzt sofort etwas unternehmen, damit das Kind es später wirklich gut hat.

An das Jetzt denken

Durch dieses Denken und Handeln verlieren wir jedoch die Frage aus dem Blick „Was braucht mein Kind jetzt gerade?“. Und diese Frage ist es, die eigentlich den Weg bereitet für die Zukunft. Das, was das Kind jetzt gerade benötigt und die Erfüllung dieser Grundbedürfnisse bereitet den sicheren Boden, auf dem sich das Kind in der Zukunft bewegen wird. Jetzt gerade lernt es von seinen nahen Bezugspersonen, wie es sich regulieren kann in schwierigen Situationen wie in der Wut, beim Einschlafen oder Traurigsein. Aus dieser Begleitung und aus diesen Erfahrungen, die es jetzt gerade macht, wird es ein Leben lang schöpfen können.

Jetzt gerade lernt es, selbst wirksam zu sein, mit Frustration umzugehen und daraus eigene Schlüsse zu ziehen, so dass es zukünftig mit schwierigen Lebenssituationen, Zurückweisung und Misserfolgen umgehen kann und diese dann nicht mutlos machen, sondern das Wissen wecken, dass für einige Herausforderungen Hilfe angenommen werden muss und darf. Jetzt gerade lernt es, dass diese Wohnung, diese Familie ein sicherer Ort ist, an dem Bedürfnisse erfüllt werden, so dass es von dort aus in die Welt ziehen kann und später zurück kommen kann, wenn es Nähe und Zuwendung braucht. Weil es weiß, dass dies der Ort ist, an dem es all das gibt.

Keine Panik, sondern eine sichere Basis mitgeben

Wenn wir also wieder einmal Zukunftängste haben und uns fragen „Was soll ich nur tun, damit mein Kind später xy kann/macht/mag?“, dann können wir uns erst einmal beruhigen und uns fragen „Was braucht mein Kind jetzt gerade, in diesem Moment, in diesem Alter, in dieser Entwicklungsphase?“ und genau hinsehen, warum das Kind welches Verhalten jetzt zeigt. Und im nächsten Moment können wir uns beruhigt zurücklehnen und darauf vertrauen, dass wir unseren Kindern genau dann eine gute Zukunft und Entwicklung bieten, wenn wir jetzt diese Bedürfnisse erfüllen und darauf vertrauen, dass sie sich sättigen, damit unsere Kinder dann zu neuen, selbständigen Schritten fähig sind auf Basis dessen, dass wir ihnen gezeigt haben, wie sie diese Schritte gehen können.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Ich spüre nicht die Liebe

Und da liegt es dann, dieses kleine Wesen in unserem Arm. Nach einer längeren oder kürzeren, nach einer einfachen oder schweren Geburt. Wir blicken es an, berühren es, staunen über den kleinen Menschen, der dort im Arm liegt – und fühlen… Ja, was eigentlich? Ja, es gibt die Liebe auf den ersten Blick. Die Liebe, die sich an die Geburt anschließt und sofort erscheint und einen wie eine Welle überrollt voller Emotionen. Neben dieser gewaltigen Flutwelle gibt es aber auch kleine Wellen oder auch erst einmal Ebbe. Es ist unterschiedlich, wie wir uns nach der Geburt fühlen und es ist unterschiedlich, was wir nach der Geburt fühlen.

Die große Angst

Wenn sich dieses große Gefühl direkt nach der Geburt erst einmal nicht einstellt, schleicht sich oft langsam die Unsicherheit ein: Du müsstest doch aber jetzt…? Warum fühlst Du jetzt nichts? Und diese Unsicherheit sich selbst gegenüber wandelt sich nicht selten dann in eine Angst: Wenn ich keine Liebe fühle, was tue ich meinem Kind an? Bindung ist so wichtig, mein Kind wird es immer schwer haben, wenn ich es jetzt nicht liebe!

Es ist gut, wenn dieses Gefühl in Worte gefasst wird, wenn es gegenüber Partner*in oder Hebamme formuliert wird. Dann kann beruhigt und geholfen werden. Nicht selten aber überwiegt erst einmal die Scham, die still macht. Die dazu führt, über die fehlenden Gefühle nicht zu sprechen, sondern diese schweren Gefühle und Gedanken in sich zu tragen, in sich zu konservieren und zu hoffen, dass es irgendwann anders wird oder sich irgendwie damit abzufinden.

Manchmal kommt die Liebe später

Wir müssen uns aber nicht schämen, wenn die Liebe nicht sofort kommt. Manchmal stehen andere Empfindungen nach der Geburt im Vordergrund und es ist kein Raum dafür da, gerade die Beziehung zum Kind einzugehen: die Geburt muss verarbeitet werden, Traumata verarbeitet werden, die Rahmenbedingungen der neuen Familie sind schwierig oder der Start war unglaublich Kräftezehrend und die Beziehung konnte nicht aufgebaut werden, weil vielleicht das Kind oder die Mutter medizinisch versorgt werden mussten und keinen Kontakt hatten. Es kann viele Gründe dafür geben, dass das Gefühl der Liebe erst einmal nicht da ist.

Was tun, wenn die Liebe auf sich warten lässt?

Wenn sich das Gefühl der Liebe nicht zeigt, müssen sich Eltern also nicht schämen. Gut ist es aber, das fehlende Gefühl Fachpersonen gegenüber anzusprechen. Die erste Anlaufstelle kann die Hebamme sein. Sollte keine vorhanden sein, die Frauenärztin/der Frauenarzt, die entsprechend weiter verweisen können. Aber auch Familienberatungsstellen und auch der Verein Schatten und Licht können weitere Unterstützung bieten.

Je nach Ursache können Fachpersonen dann verschiedene Methoden anwenden, um den Gefühlsweg zwischen Baby und Elternteil anzubahnen: Das kann nach einer als traumatisch erlebten Geburt ein Bondingbad (pdf) sein oder aber eine Gesprächstherapie oder andere Form der Begleitung.

Schade ich meinem Kind?

Die häufigste Angst bei fehlender Liebe ist, dem Kind damit zu schaden, wenn nicht von Anfang an tiefe Emotionen gefühlt werden, sie kann in einen regelrechten Bindungsstress verfallen. Wichtig ist zunächst, dass die grundlegenden Bedürfnisse des Kindes befriedigt werden: es gut versorgt wird in allen Bereichen der Pflege und Ernährung, dass es Körperkontakt hat und angesprochen wird. Durch dieses Gefühl des sicher umsorgt Werdens baut sich beim Kind die Bindung zur Bezugsperson aus, denn von Seiten des Kindes ist Bindung zunächst ein Sicherheitssystem, wie der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotraumatologe Prof. Dr. Karl-Heinz Brisch es formuliert. Das Kind vertraut darauf, dass sein Leben sicher ist und es Erwachsene gibt, die sich darum sorgen. Die Art der Interaktion wirkt sich dann auf die tatsächliche Art der Bindungsbeziehung aus. Aber: Bindung braucht Zeit. Auf Seiten des Kindes wie auch der Erwachsenen.

Erwachsene gehen nach und nach eine Bindung zum Kind ein und diese langsame Bindungsentwicklung ist in Anbetracht der Menschheitsgeschichte und früher hohen Säuglingssterblichkeit durchaus sinnvoll. Bis das Bindungsmuster vollständig aufgebaut ist, dauert es etwa drei Jahre. Zwar werden im ersten Jahr die Grundlagen gebildet und um den ersten Geburtstag herum zeigt das Kind dann jene Verhaltensweisen, die wir als Ausdruck von Bindungsbeziehungen kennen: Es versucht aktiv, Nähe herzustellen und reagiert mit Abwehr auf Trennung, sucht Sicherheit bei der Bindungsperson und erkundet von ihr ausgehend die weitere Umgebung und kehrt wieder zurück, wenn es das braucht.

Wenn es mir schwer fällt

Wenn es also einem Elternteil schwer fällt, eine tiefe emotionale Verbundenheit zum Kind aufzubauen, ist es – wie schon erwähnt – sinnvoll, sich Hilfe zu holen. Darüber hinaus sollte sicher gestellt werden, dass eine andere Bezugsperson jene Verbindung aufbaut, die vielleicht aktuell noch fehlt. Das kann der andere Elternteil sein oder aber auch weitere Familienmitglieder, die sich aktiv und viel um das Kind kümmern können. Im Laufe des Lebens wird das Kind viele Bindungen zu unterschiedlichen Personen aufbauen in unterschiedlicher Art und unterschiedlicher Qualität. Die eigene tiefe Bindung kann ebenso später aufgenommen werden, wenn eventuelle Hindernisse beseitigt sind. Auch wenn erst zu einem späteren Zeitpunkt diese tiefe Verbundenheit empfunden und ausgebildet wird, ist sie deswegen nicht einer schlechteren Qualität. Manchmal braucht Liebe Zeit.

Es ist wesentlicher häufiger, dass die anfängliche Verliebtheit fehlt, als wir oft denken, Nur sprechen viele Eltern nicht darüber. Traut Euch, Gefühle und fehlende Gefühle anzusprechen.
Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Weiterführende Literatur:
Mierau, Susanne (2019): Mutter.Sein – Von der Last eines Ideals und dem Glück des eigenen Wegs.
Brisch, Karl-Heinz (2010): SAFE – Sichere Ausbildung für Eltern. Stuttgart: Klett-Cotta.
Meissner, Brigitte (2013): Emotionale Narben aus Schwangerschaft und Geburt auflösen. – Brigitte Meissner Verlag.

Wenn Eltern Hilfe brauchen…

Elternschaft ist nicht immer einfach. Im Laufe der vielen Jahren, die wir Kinder begleiten, kommen wir immer wieder auch mal an Stellen, die schwierig sind. Stellen, die uns sehr viel Kraft abverlangen. Stellen, an denen wir abends auf dem Sofa sitzen und uns fragen, ob wir wirklich noch auf dem richtigen Weg sind oder wo und wie dieser Weg überhaupt verläuft. Manchmal kommen wir von ihm ab und sehen ihn nicht mehr. Und dann ist häufig ein Punkt erreicht, an dem wir zweifeln und uns selbst in Frage stellen: Sind wir gute Eltern, wenn wir an Hindernissen scheitern? Wenn wir ab und zu nicht weiter wissen? Ja, wir sind ganz normale Eltern, wenn es uns so geht.

Bindung ist dynamisch

Auch wenn wir heute manchmal das Gefühl vermittelt bekommen, alle anderen um uns herum würden immer genau wissen, was sie tun sollen und gerade in den Sozialen Medien schnell der Eindruck entsteht, dass alle Eltern mit ihren Kindern ganz selbstsicher wären und ganz genau wissen „wie der Hase läuft“ stimmt das in den meisten Fällen nicht. Beziehungen ändern sich, sie sind beeinflussbar von inneren und äußeren Faktoren. Schon der Begründer der Bindungstheorie, John Bowlby*, hat das festgehalten und erklärt, dass die Bindung auf einem dynamischen Entwicklungskonzept beruht mit Entwicklungspfaden: Es gibt Kräfte, die uns auf einen Weg bringen, uns darauf festhalten und solche, die uns davon abkommen lassen.

Wenn ihr hier etwas vom „geborgenen Weg“ lest oder davon, dass wir alle unsere unterschiedlichen Wege gehen, meint es: Wir haben bestimmte Grundwerte, Leitsterne, denen wir folgen, aber letztlich haben wir auch unterschiedliche Einflussfaktoren, die unsere Wege mitbestimmen und sie auch ändern.

In Bezug auf Kinder bedeutet dies: Manchmal ändern sich die Einflüsse kurzfristig und Kinder machen andere Erfahrungen. Es zeigte sich jedoch in Studien, dass Kinder, die über sichere Bindungserfahrungen verfügen, auch bei negativen Einflüssen später wieder zu dem sicheren Pfad zurück kommen können, also durch kurzfristige negative Erfahrungen nicht zwangsweise alle guten Erfahrungen ausgelöscht werden, sondern Bindung eben ein dynamisches Modell ist.

Wichtig: Sich selbst reflektieren

Wenn wir merken, dass wir von unserem Weg abkommen, ist das schon einmal gut: Wir merken es und haben deswegen die Möglichkeit, etwas zu ändern. Manchmal ist das möglich über Reflexion und Austausch mit anderen: Erfahren, wie es andere machen, drüber nachdenken, warum es jetzt gerade so schwer ist und was an der Situation geändert werden kann, damit es besser läuft. Gerade Stress lässt uns oft unserem gut geplanten Weg abkommen, denn unter Stress neigen wir zu negativem Erziehungsverhalten und alte, tief verborgene Erfahrungen werden nahezu reflexartig hervorgeholt.

Reflexion reicht nicht immer

Allerdings reicht Reflexion nicht immer aus. Manchmal kommen wir an Punkte, an denen wir mit uns selbst nicht weiter kommen. Oder an denen alles gute Wissen und alle Tipps von anderen „einfach“ nicht umsetzbar sind: So sehr wir es uns auch anders vornehmen, es klappt nicht. Und auch unser Umfeld, das so genannte „Dorf“, ist nicht dafür zuständig, dies aufzufangen und kann es oft auch gar nicht. „Das Dorf“ ist eine Alltagsbegleitung, ein Austausch. Helfende Hände, Schulterklopfen, liebe Worte. Es ist nah dran an uns und unseren Erlebnissen und kann daher auch nur schwer die Sicht von Außen einbringen, die es manchmal braucht für diese tiefere Reflexion. Es ist in Ordnung, sich andere Hilfe zu holen, wenn wir nicht weiter kommen mit uns: Psycholog*innen, Therapeut*innen, Pädagog*innen, Familienberater*innen. Es ist gut, Hilfe anzunehmen und zuzulassen. Denn diese Hilfe kann uns zurück führen auf den Weg, den wir eigentlich gehen wollten – trotz aller Probleme und Hindernisse, die es manchmal eben gibt.

„Wenn wir uns als minderwertig erlebt haben beziehungsweise durch andere minderwertig behandelt wurden, fällt es schwer, uns als Mütter kompetent und richtig zu fühlen. Wir sind unsicherer, stellen uns und unsere Entscheidungen häufiger infrage als Mütter, die ihrer selbst sehr sicher sind.“

S. Mierau „Mutter.Sein“ (2019) S.92

Hilfe anzunehmen ist nicht immer einfach. Dies besonders nicht, wenn wir gelernt haben, hilflos zu sein und nicht unterstützt zu werden oder wenn das Fragen um Hilfe schamhaft besetzt wurde: Nicht schwach sein! Das schaffst Du schon alleine! Es hilft Dir sowieso niemand! Wir müssen uns überwinden, um diese inneren Stimmen zum Schweigen zu bringen, damit wir schließlich die Hilfe bekommen, die wir nicht nur brauchen, sondern die uns auch zusteht. Es ist okay, Hilfe zu brauchen. Denn eigentlich brauchen wir sie alle ab und zu. Denn wir alle leben dynamisch, sind unterschiedlichen Einflüssen unterworfen.

Wer Hilfe braucht, sollte sich nicht scheuen, sie zu suchen. Es ist nicht schlimm, es macht Eltern nicht zu schlechteren Eltern und zeugt absolut nicht von Versagen. Es zeugt davon, bemüht zu sein, sich einzusetzen. Es ist also eigentlich genau das Gegenteil von dem, was wir manchmal denken. Und auch wenn wir manchmal kurzfristig vom Weg abkommen, bedeutet das nicht, dass wir damit den Weg für uns oder unsere Kinder für immer verloren haben. Wir können beruhigter sein, als wir es an vielen Stellen sind. Es ist – wie so oft – völlig normal und okay, nicht perfekt und gradlinig zu sein. Unsere Wege haben Kurven, Steine und manchmal müssen wir ganzen Findlingen ausweichen – und kommen dann wieder zurück.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

*Bowlby, John (1975): Bindung. Eine Analyse der Mutter-Kind-Bindung. – München: Kindler.

Emotionsarbeit

Wir wissen alle: Das Leben mit Kindern bringt neue Aufgaben mit sich. Da gibt es auf einmal eine ganze Reihe mehr Dinge zu erledigen, mehr Handgriffe zu tun, mehr Wäsche zu waschen, mehr Müll weg zu tragen, mehr sauber zu machen und mehr Dinge zu suchen. Es gilt, gemeinsam zu verhandeln, welcher Elternteil was tut, damit Aufgaben gut verteilt werden und es auf keiner Seite zu einer Überlastung kommt. Was wir aber oft übersehen, ist der große Berg an Emotionsarbeit, der mit einem Kind auf uns zukommt: in Form von Emotionsregulation und -begleitung und auch in Form von Selbstreflexion. Emotionsarbeit ist es, die uns manchmal am Ende des Tages denken lässt: Was habe ich heute eigentlich getan und warum bin ich so erschöpft, obwohl ich doch scheinbar kaum etwas getan habe? Sie ist unsichtbar, diese Emotionsarbeit. Noch weniger sichtbar als der erledigte Haushalt oder dass wir daran gedacht haben, neue Schuhe zu kaufen. Aber sie ist bedeutsam – und kräftezehrend.

Die Emotionen von Kindern begleiten und regulieren

Auf einmal ist das Kind geboren, hinein in eine ganz neue Welt, in der alles so anders ist als zuvor: Hunger wird gespürt, unterschiedliche Temperaturen, unterschiedliche Materialien auf der Haut. Im Bauch rumpelt es und vielleicht liegt es mal unbequem auf einer Decke oder einem Knopf. Das Kind spürt neue Dinge und kann dies zunächst nicht einordnen: Es braucht Bezugspersonen, die es nicht nur umsorgen und die Bedürfnisse nach Nähe, Nahrung und Pflege allgemein erfüllen, sondern die auch Sicherheit geben und das Gefühl vermitteln: Wir sind für dich da, wir helfen dir. Es bildet sich ein Vertrauen aus durch diese Regulation, durch die Begleitung des Kennenlernens der Welt. Einfach ist das nicht immer für das Kind, denn es gibt viele Dinge, die unangenehm sind, erschrecken oder überreizen. Werden die ersten Anzeichen des Kindes nicht bemerkt oder ist das Kind besonders empfindsam und geht schneller in ein weinen über als andere Kinder, wird das Unbehagen laut kundgetan, damit die nahen Bezugspersonen wirklich verstehen, dass es dem Kind gerade nicht gut geht. Im Laufe der Zeit gewöhnt sich das Kind in das Leben ein, aber die Begleitung und Regulation von bestimmten Zuständen ist weiterhin wichtig: Das Kind in den Schlaf begleiten, wenn es noch nicht allein einschlafen kann, das Kind durch Wutanfälle begleiten, weil es diese noch nicht selbst verarbeiten kann und es ihm schwer fällt, sich allein zu beruhigen. Es gibt viele Jahre lang verschiedene Bereiche, in denen Kinder auf Co-Regulation angewiesen sind, bevor ihnen in allen Bereichen Selbstregulation möglich ist, die sie u.a. über die Co-Regulation von Verhaltenszuständen erlernt haben.

Emotionen begleiten ist oft anstrengend für die Bezugspersonen

Das Begleiten von Weinen, Schreien, Wut, aber auch unbändiger Freude, Neugierde etc. ist nicht immer einfach. Ein weinendes Baby aktiviert in uns Zuwendung – wir versuchen, die Ursache zu ergründen, das Unbehagen des Babys anzunehmen und nach Möglichkeit zu beenden. Häufiges, intensives und/oder langes Weinen erleben wir als anstrengend bis hin zu einem Gefühl der Gefahr: Es verängstigt Eltern, wenn sie über einen längeren Zeitraum ihr Baby nicht beruhigen können.* Langfristig kann durch besonders häufiges Weinen und Schreien nicht nur die Beziehung zwischen Eltern und Kind beeinflusst werden, sondern es zeigen sich auch körperliche Beschwerden in Form von Verspannungen, Veränderungen der Atmung (Abflachung) und anderem. Ohnmacht, Verzweiflung und Wut können sich ausbreiten bis hin zum Burnout.**

Auch die Co-Regulation des Schlafes ist nicht immer einfach. Auch wenn Kinder von Anfang an schlafen können, müssen sich unsere Schlafrhythmen erst einander angleichen. Je nach Rahmenbedingungen, Temperament des Kindes und Unterstützung kann das Eltern vor große Herausforderungen stellen. Auch wenn wir an vielen Stellen lesen und hören, Schlafmangel sei nahezu natürlich für Eltern und ganz normal in den ersten Jahren, ist er nicht gut und auch nicht richtig für Familien: Schlafmangel führt dazu, dass wir gereizter sind, uns eher bedroht fühlen, unsere Amygdala überreagiert. Feinfühligkeit und Beziehungsarbeit sind unter Schlafmangel erschwert. Wenn wir also zu wenig schlafen, weil der Schlafrhythmus unserer Kinder es nicht anders ermöglicht und wir den fehlenden Schlaf nicht nachholen können, führt das zu Stress.***

Aber nicht nur in der Babyzeit ist die Regulation von Gefühlen und Begleitung anstrengend für uns: Auch im Kleinkindalter ist das Begleiten von Gefühlen nicht einfach. Auch hier haben wir wieder viel zu tun und können leicht in stressige Situationen geraten, wenn das Kind wütend ist, nicht kooperiert oder eigene Ideen umsetzen möchte, von denen wir gerade nicht überzeugt sind. Stress führt zu negativem Erziehungsverhalten, das wir eigentlich vermeiden wollen. In den stressigen Situationen können wir jedoch, da wir gerade im Stressmodus sind, nicht überlegt und wie eigentlich gewünscht handeln. Gerade dann, wenn der Alltag mit Aufgaben angefüllt ist und wir ohnehin unter Zeitdruck stehen, kann uns dann das eigentlich normale Verhalten des Kindes weiter stressen. Im nächsten Moment tut es uns wieder leid, wie wir unter Stress gehandelt haben, was uns dann häufig weiter grübeln lässt.

Auch wenn wir auf einmal getriggert werden in eigenen Erfahrungen durch das Verhalten unseres Kindes und wir uns mit der eigenen Kindheit, unseren gemachten Erfahrungen oder auch den Mängeln unserer Kindheit auseinander setzen müssen, erfordert das besondere mentale Kraft und innere Arbeit – dies insbesondere dann, wenn wir merken, dass es bestimmte erlernte Handlungsmuster gibt, die wir in stressigen Situationen zeigen, aber nicht zeigen wollen.

Emotionale Arbeit ist Arbeit

All diese Begleitung von Kindern ist nicht immer einfach. Im Laufe der Kindheit gibt es immer wieder Phasen, in denen eine stärkere emotionale Begleitung notwendig ist: Eintritt in den Kindergarten, in die Schule, Erklimmen bestimmter Meilensteine der Entwicklung, Begleitung von Streitigkeiten unter Freund*innen. Je nach eigenen Kraftressourcen und persönlicher Belastbarkeit kann diese emotionale Begleitung von Kindern viel Kraft erfordern. Und manchmal bleibt dann weniger Kraft für andere Dinge übrig. Manchmal fragen sich Eltern vielleicht „Was hab ich heute eigentlich geschafft?“ aber diese Frage ist nicht richtig: Jeder Tag, an dem ein Kind begleitet wird, erfordert von uns Zuwendung, Aufmerksamkeit, Kraft. Und es ist vollkommen normal, davon auch erschöpft zu sein. Manchmal mehr, manchmal weniger. Aussagen wie „Du bist doch nur zu Hause mit dem Kind!“ verkennen, welch große Arbeit – neben den vielen Handgriffen – wirklich vollbracht wird einfach damit, ein Kind emotional zu begleiten. Emotionsarbeit ist Arbeit. Es ist oft auch schöne Arbeit, manchmal sehr anstrengende Arbeit, oft unterschätzte und vor allem zu wenig honorierte Arbeit. Jeder Mensch, der Kinder begleitet, leistet jeden Tag sehr viel.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Literatur
*Harms, Thomas (2016):Emotionelle Erste Hilfe. Bindungsförderung – Krisenintervention – Eltern-Baby-Therapie. – Gießen: Psychosozial-Verlag.
**Gaca, Anja Constance/Mierau, Susanne (2018): Mein Schreibaby verstehen und begleiten. Der geborgene Weg für High-Need-Babys. – München: GU.
***Mierau, Susanne (2019): Mutter.Sein. Von der Last eines Ideals und dem Glück des eigenen Wegs. – Weinheim: Beltz.