Kategorie: aktuell

Kinder brauchen klare Ansprachen

Kommunikation ist ein wesentlicher Teil unseres Miteinanders und gleichzeitig fällt es uns manchmal so schwer, miteinander zu sprechen: unsere Wünsche und Erwartungen auszudrücken, uns durch Sprache abzugrenzen oder durch Sprache auf unsere Bedürfnisse aufmerksam zu machen. Während viele Kinder recht klar in ihrem Ausdruck sind, haben wir Erwachsene oft viel größere Schwierigkeiten. Manchmal aus der Angst heraus, als Elternteil unfreundlich oder nicht ausreichend rücksichtsvoll zu sein oder auch aus dem Wunsch heraus, Probleme zu umschiffen. Für unsere Kinder aber ist es wichtig, dass wir klar ausdrücken, was wir uns für uns oder von ihnen wünschen.

Erwartungen und Wünsche klar formulieren

„Könntest du vielleicht bitte den Tisch abräumen?“, „Möchtest du jetzt die Socken wegräumen?“ – Was in unseren Erwachsenenohren freundlich und zugewandt klingt, ist für kleine Kinder manchmal nicht eindeutig genug. Sie können unsere Absicht nicht herausfiltern aus der Frage. Deswegen ist es wichtig, dass wir Aufforderungen und Wünsche klar formulieren. Das bedeutet nicht, dass wir deswegen unfreundlich sein müssen: Mit einer zugewandten Körperhaltung, einem netten Tonfall und freundlicher Mimik können wir klar formulieren: „Bitte räum jetzt den Tisch ab.“ oder „Bitte räum die Socken jetzt weg.“

Keine doppelten Botschaften, kein Sarkasmus

Doppelte Botschaften sind für Kinder (und oft Erwachsene) ein großes Kommunikationsproblem: Hier wird eine inhaltliche Aussage mit einer anderen, widersprechenden Botschaft kombiniert: „Ich helfe dir gerne, aber das machst du alleine!“, „Sag mir, was du gemacht hast, ich bin nicht böse!“ mit bösem Gesichtsausdruck und/oder drohender Körperhaltung sagen. Sarkasmus können Kinder in der Regel in der Kleinkind- und Vorschulzeit noch nicht gut verstehen und reagieren daher falsch (aber aus ihrer Perspektive richtig) auf sarkastische Äußerungen.

Keine Fragen, wenn es eigentlich keine Optionen gibt

„Was soll ich heute zum Abendessen machen?“ kann eine lieb gemeinte Frage sein. Wenn das Kind aber ehrlich mit „Pommes und Burger“ darauf antwortet und diese Wahl aber eigentlich keine Option ist, kann das zu Konflikten führen. Sinnvoller ist es deswegen, wenn nur dann eine offene Frage gestellt wird, wenn die Antwort des Kindes auch tatsächlich eine Option ist. Kleinkinder können zudem von offenen Fragen und zu viel Entscheidungsfreiheit überfordert sein. Hilfreicher ist dann eine Frage wie: „Möchtest du zum Abendessen Brot oder die Nudeln vom Mittagessen?“

Ein typisches anderes Feld, in dem oft Fragen gestellt werden, obwohl eigentlich eine Aufforderung gemeint ist, ist das Aufräumen: „Möchtest du jetzt dein Zimmer aufräumen?“, „Kannst du jetzt dein Zimmer aufräumen?“ Auch hier ist es hilfreich, eine klare Aussage zu treffen, anstatt eine Frage zu formulieren. Der Anspruch, dass ein Kleinkind allein selbständig aufräumen kann, ist oft zu hoch gegriffen. Sinnvoller ist eine klare Aussage wie „Wir räumen jetzt gemeinsam auf. Du sammelst alle Kuscheltiere ein und ich alle Bausteine.“

Uneindeutige Äußerungen führen zu Problemen

Wir wollen unsere Kinder liebevoll und respektvoll begleiten. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir nicht eindeutig mit ihnen sprechen können. Wir schaffen es auch nicht, durch liebevolle Ansprachen Konflikte zu umschiffen, die sich daraus ergeben, dass das Kind vielleicht von unserem Wunsch oder unserer Aussage nicht begeistert ist. Im Gegenteil: Uneindeutige Äußerungen von Erwachsenen können zu größeren Konflikten führen, weil das Kind sie nicht richtig versteht, die erwachsene Person deswegen verärgert ist und es dann zum Streit kommt, weil das Verhalten des Kindes als Angriff auf der Beziehungsebene verstanden wird („Das ist ein Machtspiel!“, „Du willst mich nicht verstehen!“) anstatt auf der Inhaltsebene (Das Kind will gerade nicht aufräumen).

Deswegen: Bedürfnisorientiertes und respektvolles Begleiten von Kindern und eine klare, eindeutige Ansprache schließen sich nicht aus. Im Gegenteil: Sie kann dazu beitragen, offen und lösungsorientiert über Probleme und Bedürfnisse zu sprechen.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

Auch Kinder haben Grenzen

Der Blick von Erwachsenen auf Kinder ist oft defizitär: Kinder können noch nicht so viel, Kinder wissen noch nicht so viel, Kinder gehen nicht „erwachsen“ mit Herausforderungen und Problemen um. Schnell passiert es, dass Erwachsene sich deswegen in einer beständigen Deutungshoheit über das Erleben und Empfinden des Kindes fühlen: „Das kann nicht wehgetan haben!“, „Jetzt stell dich mal nicht so an!“, „Das ist doch nicht schlimm!“. Dabei ist es nicht nur so, dass Kinder durchaus eine andere Wahrnehmung haben können, ein anderes Temperatur- oder Schmerzempfinden, sondern dass sie auch Grenzen haben, die von Erwachsenen respektiert werden sollten und nicht aufgrund des Denkens, dass „Kinder ja nur Kinder sind“ beständig übergangen werden sollten.

Die Grenzen um uns

Wir können uns persönliche Grenzen wie eine Hülle um uns herum vorstellen, eine Art unsichtbare Seifenblase, die sowohl unseren Körper umhüllt und körperliche Grenzen aufzeigt, als auch unser Innerstes umhüllt und schützt, also unsere psychischen Grenzen. Persönliche Grenzen schützen unsere Autonomie, unsere Selbstbestimmung, unsere körperliche Unversehrtheit. Dabei sind unsere Grenzen durchaus auch individuell unterschiedlich und ergeben sich aus persönlichen Erfahrungen, dem Temperament, der Kultur, in der wir eingebettet sind: Was für eine Person grenzüberschreitend ist, ist für eine andere Person vielleicht in Ordnung. Die Deutungshoheit darüber, was als Grenzüberschreitung wahrgenommen wird, liegt bei jeder Person selbst und sollte von anderen respektiert werden.

Werden unsere Grenzen überschritten, fühlen wir uns unwohl und reagieren mit Abwehr – je nach Situation in unterschiedlicher Weise. Kinder zeigen beispielsweise oft mit körperlichen Signalen und ihrem Verhalten, dass eine Grenze überschritten wurde: sie weichen zurück oder rennen sogar weg, signalisieren ein Nein mit vorgestreckten Händen oder Kopfschütteln, ziehen sich innerlich zurück durch Verstummen oder Erstarren, vielleicht zeigen sie auch Aggression und schubsen, beißen oder schlagen. All diese Signale zeigen: Hier ist eine Grenze von mir erreicht – sowohl bei körperlichem Grenzübertritt, als auch be psychischem können diese (oder andere) Signale eingesetzt werden.

Körperliche Grenzen von Kindern achten

Auf die körperlichen Grenzen von Kindern treffen wir jeden Tag in vielen Situationen: in allen Bereichen der Pflege wie dem Zähneputzen, Windeln wechseln, Toilettengang, Anziehen, Haare bürsten, Waschen, aber auch beim Essen, wenn wir das Kind füttern, wie wir Nahrung anbieten und welche Regeln am Tisch gelten (gerade auch dann, wenn sich ein Kind beispielsweise ekelt, was ein deutliches Zeichen für eine Grenze ist). Es gibt aber auch Situationen, in denen uns oft nicht bewusst ist, dass es hier um eine körperliche Grenze des Kindes geht wie beispielsweise bei Begrüßungen und Verabschiedungen, wenn das Kind aufgefordert wird, die Hand zu geben oder sogar einen Kuss oder im Spiel, wenn einige Kinder nicht das Geschwisterkind/Besuchskind/andere Erwachsene anfassen wollen oder körperliche Spiele als unangenehm empfunden werden. Auch Geräusche im Familienalltag können Grenzen berühren oder überschreiten, besonders, wenn das Kind besonders geräuschempfindsam ist.

Es ist hilfreich, einmal in Ruhe zu reflektieren, welche Grenzen das eigene Kind in welchen Bereichen aufzeigt und wie es auf Grenzüberschreitungen reagiert. Manchmal erleben wir nur ein Verhalten des Kindes im Alltag, das uns vielleicht sogar ärgert, nehmen aber nicht wahr, dass hinter diesem Verhalten die Verletzung einer Grenze des Kindes stehen könnte. Wir reagieren dann auf das Handeln statt auf die Ursache, was oft weitere Streitigkeiten und Probleme mit sich bringt.

Psychische Grenzen achten

Auch auf die Verletzung psychischer Grenzen reagieren Kinder und auch hier sehen wir manchmal den Zusammenhang zwischen Verhalten und Ursache nicht. Psychische Grenzen schützen das Selbstbild und das Selbstwertgefühl – jede Form psychischer Gewalt wie Beleidigung, Beschämung, Herabwürdigung ist eine Grenzverletzung. Auch hier liegt die Deutungshoheit bei der betroffenen Person: Jeder Mensch entscheidet selbst, was verletzend ist und innerlich schmerzt.

Über Grenzen sprechen

Da Grenzen auch einen individuellen Anteil haben, ist es besonders wichtig, über die Grenzen zu sprechen. Mit kleinen Kindern können wir in Alltagssituationen wie der Pflege nachfragen, was sie mögen und was nicht. Wir können beim Essen darüber reden, was lecker ist und was weniger und beachten, wenn ein Kind etwas als eklig empfindet. Vor allem sollten wir die Signale des Kindes beachten und auch in Worte fassen „Du ziehst dich zurück, magst du das nicht mehr?“, „Du bist wütend, weil xy an deinen Haaren gezogen hat.“ Indem wir über die Grenzen des Kindes sprechen, können wir es dafür sensibilisieren, die eigenen Grenzen zu erkennen und zunehmend auch zu versprachlichen. So kann das Kind im Vertrauen zu den Bezugspersonen kommen und sagen: „Ich möchte auf der Familienfeier Onkel xy keinen Kuss geben!“ Gemeinsam kann dann nach einer Alternative gesucht werden.

Die Aufgabe der nahen Bezugspersonen ist es, die Grenzen des Kindes da zu schützen, wo es dies noch nicht selbst kann: Das betrifft sowohl das eigene auf das Kind ausgerichtete Handeln, als auch den Schutz gegenüber anderen Personen. Das Kind sollte verinnerlichen, dass es schützenswerte Grenzen hat, die von anderen Menschen respektiert werden und deren Schutz es einfordern darf, ohne beschämt oder übergangen zu werden.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

Als Eltern streiten

Viele Eltern haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich streiten. Sie fragen sich: Dürfen wir uns streiten? Ist es nicht ein Zeichen unseres Versagens als Eltern, als Paar, zu streiten? Dürfen wir uns vor dem Kind streiten oder nur heimlich? Und wie soll es gehen, heimlich zu streiten und Ärger aufzuheben, wenn das Kind erst einmal noch da ist und nicht schläft? Auch hier haben wir Bilder verinnerlicht, die es uns schwer machen können, den Alltag entspannt zu leben. Denn klar ist: Natürlich gibt es hier und da Unstimmigkeiten zwischen Erwachsenen, die auch geklärt werden müssen.

Wir haben streiten nicht gelernt

Oft haben wir noch aus der eigenen Kindheit verinnerlicht, dass Streit schlecht sei und schnell behoben werden muss: Wenn Kinder sich streiten und Erwachsene eingreifen, geht es oft mehr um die Beendigung des Streits als um wirkliche Problemklärung, bei der beide Seiten respektvoll angehört werden und es zu einer Vermittlung kommt. In unserem vollen Tagesprogramm und oft hoher Stressbelastung scheint nicht noch der Raum dafür zu sein, sich ewig mit einer Streiterei unter Kindern zu beschäftigen. Und im Streit zwischen Erwachsenen und Kind ist ein Diskurs oft nicht erlaubt, zu tief ist verankert, dass Erwachsene Recht haben müssen, um die Macht innerhalb der Familie zu erhalten und das Kind nicht zu einem Tyrannen werden darf durch Mitspracherecht.

Wir haben also ein ziemlich schlechtes Bild von Streit verinnerlicht und oft keine gesunde Streitkultur verinnerlicht, weshalb es uns auch innerhalb von Erwachsenenbeziehungen schwerfällt, gut mit Streitsituationen umzugehen.

Es geht um das Wie

Wenn es nun zu einer Meinungsverschiedenheit zwischen Erwachsenen innerhalb der Familie kommt, kann uns die fehlende Streitkultur daran behindern, einen Streit gut auszutragen oder überhaupt erst zu erlauben. Auch die verinnerlichte Angst, es könnte sich negativ auf das Kind auswirken, kann uns daran behindern, den Diskurs zu eröffnen. Der Gedanke, Streit innerhalb einer Familie wirke sich negativ auf das Kind aus, hält sich hartnäckig in unseren Köpfen. Dabei geht es auch hier – wie in vielen zwischenmenschlichen Bereichen – um das Wie und nicht um das Ob.

Werden Konflikte zwischen Erwachsenen innerhalb der Familie destruktiv ausgetragen, kann sich das durchaus negativ auf das Kind auswirken: Sie können das Gefühl der (emotionalen) Sicherheit des Kindes verringern, zu Anpasungsproblemen, psychischen Schwierigkeiten, schulischen Problemen und Problemen im Umgang mit Gleichaltrigen führen. Destruktive Konflikte mit verbaler oder körperlicher Gewalt, Feindseligkeit, Blockadeverhalten, aber auch Rückzug und Meidung sind daher nicht gut für das Familienklima und das Wohlergehen des Kindes.

Konstruktive Streitigkeiten sind aber durchaus „erlaubt“ und können das Familienklima sogar verbessern. Wir streiten uns schließlich, weil es uns um etwas Wichtiges geht. Für das Kind, das ein Problem zwischen den Erwachsenen spürt oder erfährt, ist es sogar hilfreich, wenn es die Lösung dessen auch erfahren kann. Für konstruktive Streitgespräche ist es sinnvoll, dass wir einander zuhören und beide Seiten zu Wort kommen lassen. Auch wenn sich manchmal einige Themen angestaut haben, bis es zu einem Streit kommt, ist es hilfreich, nicht zu pauschalisieren, sondern bei konkreten Situationen und einem Thema zu bleiben und bei sich und den eigenen Gefühlen: erklären, wie man sich fühlt und warum das so ist ohne Beleidigungen und Abwertungen der anderen Person. Es ist hilfreich, nicht das Schlechteste zu unterstellen, sondern von der bestmöglichen Annahme des Verhaltens auszugehen und der anderen Person auch im Streit wertschätzend zu begegnen und gemeinsam eine Lösung zu finden. Manchmal findet sich nicht gleich ein passender Kompromiss, sondern wir brauchen Zeit, um eine gute Lösung zu finden.

Es ist wichtig, dass wir unseren Kindern eine gute Streitkultur beibringen, indem wir ihre Streitigkeiten begleiten und ihnen eine Hilfestellung geben beim Regeln von Konflikten. Gleichzeitig sind wir aber auch in unseren eigenen Streitigkeiten Vorbild dafür, dass sie eine neue Streitkultur verinnerlichen können.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

Glaubenssätze hinterfragen

Wir alle kennen jene Situationen, in denen wir etwas wollen, aber das Kind möchte etwas anderes. Schnell sind wir verleitet, zu denken: „Ich bin hier die erwachsene Person, ich bestimme, wo es lang geht!“ Tatsächlich ist es ja eine wichtige Aufgabe von uns Erwachsenen, dass wir innerhalb des Bindungssystems die Funktion übernehmen, das Kind sicher zu begleiten: Als Erwachsene haben wir einen Erfahrungsvorsprung, unsere Gehirne funktionieren anders, was uns ermöglicht, Situationen anders einzuschätzen und damit dem Kind einen sinnvollen Weg aufzuzeigen und es sicher zu begleiten. Das alles ist richtig – und dennoch gibt es manchmal Situationen, in denen auch wir Erwachsene mit unserer Einschätzung daneben liegen.

Erlernte Glaubenssätze leiten uns

Manchmal leiten uns nicht wirklich realistische Einschätzungen einer Situation oder eine wirkliche, verletztende Grenzüberschreitung, sondern es sind vielmehr verinnerlichte Glaubenssätze, die uns denken lassen, dass wir hier und jetzt in einer bestimmten Art reagieren sollten: Das Kind will keine Jacke anziehen – wir denken, wir müssten das Anziehen jetzt durchsetzen, weil man das so macht im Herbst/Winter/Frühling. Das Kind will die süße Nachspeise zuerst essen – wir denken, dass zuerst die „richtige“ Mahlzeit gegessen werden muss und erst nach der Sättigung damit die Nachspeise erlaubt sei. Das Kind sagt ein Schimpfwort und wir reagieren laut und verärgert, weil Kinder doch höflich sein müssen. – In all diesen Fällen leiten uns bestimmte Glaubenssätze, die wir verinnerlicht haben und nicht eine wirklich erzieherische Notwendigkeit. Wir denken, dem Kind müsse kalt sein, weil uns so kalt ist oder es würde sich sonst erkälten. Wir denken, dass eine richtige Mahlzeit herzhaft sein muss und eine Nachspeise eine Belohnung sei für das Aufessen. Wir denken, Kinder dürfen sich nicht schlecht gegenüber Erwachsenen benehmen, weil das auf schlechte Erziehung hinweist.

Diese Art von verinnerlichten Glaubenssätzen machen uns den Familienalltag manchmal schwerer, als er sein müsste, denn sie führen zu Konflikten, die wir vermeiden könnten: Wir können die Jacke mitnehmen und das Kind zieht sie an, wenn es friert. Wir können Nachspeisen nicht als Belohnung einsetzen für das Aufessen, sondern Süßigkeiten einen eigenen Raum geben ohne Zusammenhang mit anderen Mahlzeiten. Wir können es annehmen, dass das Kind gerade extrem verärgert ist und Alternativen erklären, statt Verbote auszusprechen.

Der Ursprung deiner Glaubenssätze

Unsere Glaubenssätze bilden sich im Laufe unseres Lebens aus durch die Erfahrungen, die wir machen und die Werte, mit denen wir selbst geprägt werden. Oft speisen sie sich aus eigenen Kindheitserfahrungen in unseren Ursprungsfamilien, aber auch aus dem weiteren Umfeld und den Medien, die wir konsumieren. Gerade wenn wir mit einer anderen Erziehung selbst aufgewachsen sind, können sich bestimmte Gedanken in uns manifestiert haben, die uns heute unbewusst leiten.

Ist das wirklich wichtig?

In Konflikten mit Kindern – gerade wenn es Themen sind, die regelmäßig auftreten – lohnt sich daher eine Reflexion der eigenen Annahmen: Warum ist mir das so wichtig? Ist das wirklich sinnvoll? Warum nehme ich an, dass wir das genau so machen müssen und nicht anders?

Vielleicht stellen wir dann an der ein oder anderen Stelle fest, dass wir hier einen Weg verfolgen, der so gar nicht gegangen werden muss und können aus den Fußstapfen der Vergangenheit heraustreten und neue Wege gehen. Das erfordert manchmal einige innere Anstrengung, ist aber lohnenswert.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

Beschütze mich – warum es für Kinder wichtig ist, hinter ihnen zu stehen

Eigentlich ist es klar, dass wir als Elternteil hinter unseren Kindern stehen, sie beschützen und umsorgen. Und dennoch gibt es immer wieder Situationen, in denen es uns schwerfällt, wirklich für das Kind einzustehen. Insbesondere dann, wenn andere Personen unser Verhalten oder das des Kindes bewerten oder ein bestimmtes Verhalten vom Kind einfordern. Auf einmal verschwinden unsere Vorsätze und Forderungen oder Verhaltensweisen, die wir eigentlich nicht zulassen wollen, werden doch erlaubt. Vielleicht denken wir, dass sich das nur auf die Beziehung des Kindes zu dieser anderen Person auswirkt, aber als Bezugsperson sind wir auch hier involviert.

Das Bindungssystem ist ein Schutzsystem

Das Bindungssystem ist aus Sicht des Kindes ein Schutzsystem: Es dient dazu, dass die Bedürfnisse des Kindes, das sich noch nicht selbst versorgen kann, erfüllt werden. Durch diese Bedürfniserfüllung bildet das Kind ein Vertrauen aus in andere Menschen und erlebt sich als wirksam und wertvoll, weil auf seine Signale und Bedürfnisse entsprechend eingegangen wird. Dieses Vertrauen in sich und andere legt einen Grundstein dafür, wie das Kind auch zukünftig mit der Umwelt und sich umgeht. Zu den Bedürfnissen gehören dabei nicht nur beispielsweise Nahrung und Schlaf, sondern auch das Bedürfnis nach Sicherheit und der Schutz vor Gewalt in ihren verschiedenen Formen. Die Bezugspersonen sind dafür zuständig, diesen Schutz zu bieten.

Wann Bezugspersonen schützen und begleiten sollten

Wenn das Kind eine Situation erlebt, in der es Schutz beansprucht, weil es sich beispielsweise ängstigt, sollte daher eine Bezugsperson zur Seite stehen und diesen Schutz anbieten. – Und zwar unabhängig davon, ob die erwachsene Person diese Situation selbst als bedrohlich oder ängstigend empfindet.

Die Bewertung der erwachsenen Person kann sich durchaus auf das Kind auswirken: Allein durch die Körpersprache vermitteln wir, ob wir eine Situation ebenfalls als bedrohlich wahrnehmen, oder nicht. Das Kind nimmt diese Signale wahr und reagiert auf unsere Einschätzung der Situation. Negativ ist allerdings, wenn wir dem Kind die Angst oder das Schutzbedürfnis absprechen: „Jetzt stell dich aber mal nicht so an!“ oder sogar über die Angst des Kindes lachen „Haha, der will doch nur spielen!“

Es ist hilfreich, die Angst des Kindes in einer Situation, in der sie nicht begründet ist, anzunehmen und dem Kind zu vermitteln, dass es sich nicht sorgen muss. Dies aber zunächst auf dem Boden der Annahme: „Ich merke, dass du Angst hast, ich gehe mal voran.“ oder „Du möchtest nicht, dass der Hund so nah an dich herankommt, ich nehm dich auf den Arm und er darf an meiner Hand schnuppern.“

Auch in Bezug auf das übergriffige Verhalten anderer Personen ist es wichtig, dass wir gegenüber dem Kind die für die Beziehung so wichtige Schutzposition einnehmen: Wenn das Kind nicht gekitzelt werden möchte, dies der anderen Person klarmachen. Das Kind vor Körperkontakt schützen, den es nicht will wie „Küsschen geben“ oder Händeschütteln. Und auch vor psychischer Gewalt verdient das Kind Schutz, wenn andere Menschen übergriffig sind, es beispielsweise als „Heulsuse“ bezeichnen oder „Angsthasen„.

Schutz kostet manchmal Überwindung

Es ist manchmal nicht einfach, diesen Schutzauftrag zu erfüllen, der für die Beziehung so wichtig ist. Dies insbesondere dann, wenn wir als Bezugsperson selber einer unseren Bezugspersonen gegenüberstehen, die wir als Instanz erlebt haben: eigene Eltern, ältere Familienangehörige und wir uns nun, obwohl es immer eine Hierarchie gab, in der ihre Entscheidungen über unseren standen, nun entgegentreten müssen. Auch in anderen sozialen Kontexten in der Öffentlichkeit erscheint es manchmal schwer, die eigene Haltung zu vertreten und das Kind zu schützen: Zu groß ist die Angst, als schlechtes Elternteil bewertet zu werden, das in den Augen der anderen falsch erzieht. Schließlich ist das Gefühl, zur Gemeinschaft zu gehören, so wichtig für Menschen.

Dennoch: Als Bezugsperson müssen wir diese Schamgrenzen überwinden und für das Kind einstehen. Es braucht uns als sicheren Hafen, als Schutzinstanz, aus deren Sicherheit heraus es die Welt entdecken kann. Es muss darauf Vertrauen können, dass wir für dieses Kind einstehen – denn wer sollte es sonst, wenn nicht die nahen Bezugspersonen?

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

Kinder bestärken – Die richtige Art, zu loben

Das Loben von Kindern wird immer wieder diskutiert: Ist es nun richtig oder falsch und wenn gelobt werden soll, dann wie? Um das Problem um das Loben zu verstehen, sollten wir Erwachsene einen Moment die Kinderperspektive einnehmen: Wenn wir etwas tun und darin erfolgreich sind, dann bestärkt uns dieses Erfolgserlebnis selbst: Wir erfahren uns als wirksam und gehen vielleicht durch diesen Erfolg auch auf die nächste Herausforderung offen zu. Wenn wir regelmäßig spüren, dass wir in dieser Weise die Welt selbst beeinflussen können, verinnerlicht sich das Gefühl, Einfluss nehmen zu können und Situationen nicht ausgeliefert zu sein. Das Kind geht durch diese Erfahrung freudig und neugierig auf neue Situationen zu und hat Spaß am Tun. Lernen macht Spaß, die Welt erfahren macht Spaß. Es geht nicht primär um ein bestimmtes Ziel, sondern das Tun und Ausprobieren ist eine Freude und Motivation.

Dieses Gefühl und die innere Überzeugung, dass das Ergebnis einer Handlung eine unmittelbare Konsequenz aus dem eigenen Tun ist, können Eltern unterstützen, indem sie das Tun des Kindes wertschätzen. Im Feedback an das Kind geht es nicht um das konkrete Ergebnis und auch nicht darum, ob das Kind das besser/schöner/schneller gemacht hat als andere Kinder. Es geht vielmehr darum, den Prozess und die Anstrengung des Kindes zu würdigen. Statt „Das hast du toll gemacht!“ können wir erklären „Ich habe gesehen, dass das auch ganz schön anstrengend war, da rauf zu kommen.“ oder „Ich glaube, du hattest wirklich Spaß beim Gestalten!“. Hilfreich kann es auch sein, das, was das Kind getan hat, mit Worten zu beschreiben „Du hast ganz viele Farben benutzt und vermischt!“ oder „Alle diese Steine hast du allein gesucht und getragen.“ Durch diese Art des Feedbacks wird der Fokus auf den Weg und das Tun gelenkt und die Herangehensweise des Kindes bestärkt, statt nur ein Ergebnis zu betrachten.

Wir sind es als Erwachsene gewohnt, dass Lob auf ein bestimmtes Ergebnis fokussiert ist und eine Bewertung in gut/schlecht vorgenommen wird. Aber wir können aus diesem Denken aussteigen und es bei unseren Kindern anders machen. Wenn wir einen kleinen Moment darüber nachdenken und in uns selbst hineinspüren, können wir überlegen: Was würde mich mehr motivieren? Ein einfaches „Hast du toll gemacht!“, das ich vielleicht immer wieder in der gleichen Art höre, oder ein auf mein Tun gerichtetes Feedback? Wir alle wollen gesehen werden, statt nur nebenher gelobt. Und dann können wir das Feedback nicht nur gegenüber unseren Kindern verändern, sondern auch gegenüber uns selbst und anderen nahen Bezugspersonen.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

Buchvorstellung: „Miteinander durch die Babyzeit“ – Ankommen im Familienleben

„Jetzt seid Ihr Eltern!“ wird gerne gesagt, sobald ein Baby geboren wurde. Aber ich erinnere mich noch gut daran, wie ich in den ersten Wochen nach der Geburt unsers ersten Sohnes 2005 das Gefühl hatte, irgendjemand müsse doch jetzt wirklich endlich mal klingeln und mir sagen, wie das alles funktioniert mit diesem kleinen Menschen. Irgendwann war endlich das Gefühl da „Okay, das ist mein Kind. Ich bin die Mama!“, aber so richtig sattelfest und sicher habe ich mich weiterhin nicht gefühlt. Nur die Verbindung war endlich richtig da. Ich hatte die Aufgabe angenommen – aber wie man „eltert“ musste ich noch lernen!  

So geht es den meisten Eltern mit ihrem Baby. Das Kind muss sich entwickeln – aber wir Großen auch. Und das in einer Zeit, die unglaublich fordernd sein kann (Kein Schlaf! Dinge laufen anders als erwartet! Langeweile! Was ist eigentlich mit der Partnerschaft? Und wie geht es uns finanziell?). Selbst für mich war das schwierig, obwohl ich als Pädagogin viel theoretisches Wissen hatte und auch insgesamt ein ganz gutes Bauchgefühl. Aber das fällt alles immer mal wieder hinten runter, wenn du mit einem eigenen Kind emotional so stark verbunden bist. So klopften auch bei mir Glaubenssätze, innere und äußere Kritiker:innen sowie Überforderung und Druck an. Zum Glück hatte ich gute Begleitung. Und die wünsche ich dir auch.

Ein Beispiel zu den inneren Glaubenssätzen aus meinem Buch „Miteinander durch die Babyzeit„:

Schreien kannst du durchaus als etwas Positives sehen – versuche es mal.
Denn dein Baby kommuniziert mit dir, es sucht dich, es will mit dir in Verbindung gehen. Und es lässt raus, was sich an Stress angesammelt hat. Dein Baby ist nämlich gar kein so „hilfloses kleines Würmchen“, wie es den Anschein hat. Allerdings braucht es dich als Gegenpart, um richtig stark sein zu können.

Bindungs- und beziehungsorientierte Begleitung für dich

Dein Baby ist noch ganz neu in dieser Welt und doch ist ihm nicht alles fremd, denn es bringt bereits einige Fähigkeiten mit ins Leben und hat auch im Bauch schon viel mitbekommen. Nicht alles, was dein Säugling zeigt, ist tatsächlich angeboren, sondern hat sich vielleicht erst in der Schwangerschaft entwickelt. Diese neun Monate haben bereits eine große Bedeutung. Mit diesen Startbedingungen geht es in den ersten sechs bis acht Wochen für dein Neugeborenes vor allem um Anpassung: Töne, Temperatur und Bildeindrücke sind anders als im Bauch, das Fruchtwasser, in dem es sich so leicht gefühlt hat, ist weg und so vieles mehr.

Unsere Babys sind, anders als viele Tiere, keine „Nestflüchter*innen“, die rasch ohne Eltern auskommen, aber auch keine „Nesthocker*innen“, die viel allein sein können, wenn die Eltern Nahrung organisieren. Sie sind auf eine enge Verbindung angewiesen und wahre Traglinge: „Nimm mich überall mit hin!“ Erst einmal ins Wochenbett, aber dann wirklich an jeden anderen Ort. Am liebsten auch aufs Klo!

Sie fordern Sicherheit, Nähe und Beziehung ein, notfalls mit Lautstärke. Denn nur so gestärkt können sie sich optimal an alles anpassen, was die Welt von ihnen erwartet. Du darfst diese Welt anfangs für dein Baby gestalten.

Komplexe Gedanken kann dein Baby natürlich noch nicht fassen, aber dennoch spielt sich schon sehr viel in seinem Kopf ab. Es nimmt seine Umwelt wahr und lernt von Anfang an – das begann schon im Bauch der Mutter. Die Eindrücke sammelt es wie auch wir Großen über seine Sinne, die aber anfangs noch beschränktere Möglichkeiten haben als unsere und sich über einen längeren Zeitraum erst entfalten müssen. Anfangs nimmt dein Baby alle Eindrücke noch vorwiegend getrennt auf, doch auf seinem Entwicklungsweg werden die Wahrnehmungen rasch zusammengeführt: Dann schaut es beispielsweise danach, was es gefühlt oder gehört hat, weil alle Sinnesorgane und das Gehirn sich verknüpfen. Das kannst du unterstützen, indem du alle Sinne spielerisch ansprichst und zu viele Eindrücke auf einmal vermeidest.

Auch Gefühle spielen ins Denken hinein – je jünger ein Mensch ist, desto stärker. Ihnen widmen wir uns im nächsten Abschnitt.

Was kann dein Baby schon? – Das erfährst du beispielsweise im Buch:

Babys kann man nicht befragen. Aber durch das Beobachten ihrer Reaktionen auf Temperatur, Schmerzen, Druck, Berührungen und weitere Reize, sowohl im Bauch der Mutter als auch im ersten Lebensjahr, ist viel über ihre angeborenen und seit der Frühschwangerschaft erworbenen Fähigkeiten bekannt. Wie gut sie wahrnehmen und diese Wahrnehmungen verarbeiten, ist schon von Geburt an individuell verschieden: Einige Babys sind besonders aufmerksam und feinfühlig, andere eher zerstreut bis unempfindsam. Letztere brauchen etwas mehr Zeit und über die Jahre vermutlich mehr Unterstützung beim Wahrnehmen, bei der Reizverarbeitung und in Bezug auf ihre Reaktionen.

Fühlen

Dein Baby fühlt mit jedem Millimeter seiner Haut und besonders stark mit den Lippen. Durch Daumennuckeln und Fruchtwassertrinken hat es diese im Bauch schon gut genutzt. Weitere sensible Bereiche sind die Handinnenflächen, die Fußsohlen und auch die Genitalien, weil die Haut dort über viele Rezeptoren, also Reizaufnehmer, verfügt. Sei also besonders behutsam, wenn du dein Kind dort berührst. Es wird die Gefühle mögen, aber eventuell auch rasch überreizt sein und benötigt dann die Chance, sich abwenden zu dürfen. Solange es das noch nicht aus eigener Muskelkraft kann, musst du vorsichtig darauf achten, ob ihm etwas zu viel wird. Meist kannst du es seinem Blick und seiner Kopfhaltung entnehmen, die signalisieren: „Ich habe genug!“Dein Baby fühlt mit seinem ganzen Körper, beispielsweise wenn du es trägst, und kennt schnell die typischen Tragehaltungen von euch Eltern. Nimmt jemand anderes es auf ungewohnte Weise hoch, kann es dadurch – oft auch in Kombination mit zum Beispiel einem fremden Geruch – erschrecken. Dieser Person, die dann oft traurig ist, kannst du sagen: „Es lehnt lehnt nicht dich ab, sondern ist einfach vorsichtig Neuem gegenüber. Denn das bedeutet Unsicherheit.“ (…)

Sicher Eltern werden

Die Erfahrung aus den Kursjahren und mein Wissen habe ich in mein neues Buch „Miteinander durch die Babyzeit“ gesteckt. Du lernst Entwicklungsmeilensteine kennen, ohne dich unter Druck zu fühlen, weil dein Baby vielleicht später dran ist als andere – mein Buch verzichtet auf zu enge Zeitvorgaben und arbeitet mit Illustrationen, die dich entdecken lassen, wo im Buch du gerade lesen solltest. Du bekommst ganz alltagspraktische Tipps, wie du eure Tage sinnvoll gestalten kannst, ohne dein Kind zu überfordern, ohne dich fürchterlich zu langweilen, ohne dauernde Gedanken an den liegengebliebenen Haushalt zu haben und auch ohne hunderte Euro in Spielzeug investieren zu müssen.

Du bist wichtig

Außerdem erinnere ich dich daran, auch an dich selbst zu denken, denn Beziehungsorientierung heißt nicht nur „Baby, Baby, Baby“. Als deutsche Eltern intensiver damit begannen, sich mit Beziehungsorientierung zu befassen, gingen ihre Blicke erst einmal auf die Kleinen. Das war wichtig: Wir dürfen unsere Kinder heute gut verwöhnen, wir wissen viel über sie. Aber all zu leicht stecken wir all‘ unsere Kraft in diesen Weg und übersehen uns selbst.

Du brauchst Wissen, Verständnis und Mitgefühl – ganz sicher keinen Druck, lebensfremde Prinzipien und Schuldgefühle. Es ist in Ordnung, wenn du auch negative Gefühle bezüglich deiner Elternschaft hast. Das Mitgefühl ist an dieser Stelle angebracht, denn Mama oder Papa zu sein ist oft auch einfach hart. Daran will keiner so gerne denken, denn ein Leben mit Baby soll doch bitte rosarotwattebauschig sein. Viele klammern die Schattenseiten daher aus, wenn sie von ihrem Leben als Neueltern berichten. Doch es ist sehr viel sinnvoller, sich auch diese bewusst zu machen. Sie müssen nicht auftauchen, können aber. Elternteil eines Babys zu sein, ist anstrengend, ist herausfordernd, kann wehtun. Und darf auch mal nerven. Wahrscheinlich wirst du immer mal wieder an dir zweifeln. Doch wenn du im Hinterkopf hast, dass das normal ist, kannst du viel selbstbewusster durch dieses Jahr gehen. Elternsein ist nie ein gerader, asphaltierter Weg. Die Umwege und Stolpersteine, der leere Tank und die Panik vor dem aufziehenden Gewitter gehören dazu! Das ist Elternsein. Miteinander lernen, aneinander wachsen. Fern von Bilderbuchperfektion.

Wenn dein Baby leidet, ist es zum Beispiel zwar wichtig, nach den Ursachen zu fragen. Aber es ist nicht notwendig, dass du diese immer erkennst und seine Bedürfnisse zu hundert Prozent erfüllst. Klar, du möchtest gerne die Gründe dafür verstehen, warum dein Kind gerade so und nicht anders ist. Doch für dein Baby ist das nicht immer entscheidend. Ob es unter Zahnungsschmerzen leidet, überreizt ist vom Verwandtschaftsbesuch oder sich im Halbschlaf vor einem Klingeln erschreckt hat – Dein Baby braucht ganz oft die gleiche Lösung: Nähe, Ruhe und vor allem dich!

Ich möchte, dass das erste Babyjahr trotz aller Herausforderungen eine Entdeckungsreise für euch wird: Dein Baby entdeckt sich, dich und die Welt; du entdeckst dein Kind, mit allem was es mitbringt, und dich selbst als Mama oder Papa. Im Spiel und im Alltag kommt ihr euch näher, findet Rituale, könnt gemeinsam wachsen. So kannst du dein Baby in seiner Entwicklung passend begleiten, ihm Urvertrauen schenken, eure Bindung sichern und wirst auch für die Momente gestärkt, in denen es keine richtige Lösung zu geben scheint. Denn auf die Haltung kommt es an.

Ein Jahr wie kein zweites

Machst du dich mit mir auf den Weg durch die Babyzeit? In den Kapiteln „Abreise“, „Aussicht genießen“, „Expedition wagen“ und „Ankunft“ erfährst du jede Menge über Denken und Wahrnehmung, Gefühle und Miteinander, Bewegen und Entdecken sowie Alltagspraktisches, Wissen rund um Selbstfürsorge und den Anstoß dazu, Erinnerungen festzuhalten. Denn die Zeit geht schnell vorbei. Auch die Fragen, wie du im echten Leben sinnvollen Austausch mit anderen Eltern findest, wie dein Baby Spaß an Lebensmitteln bekommt, ob es irgendwann Gleichaltrige benötigt und wie das mit der Außer-Haus-Betreuung gehen kann, habe ich bedacht.

Das Vorwort zum Buch stammt von Dr. Natalie Grams-Nobmann, Ärztin, selbst dreifache Mutter und Autorin von „Was wirklich wirkt – Kompass durch die Welt der sanften Medizin“. Sie schreibt darin unter anderem: „Verunsicherung und Stress können dazu beitragen, dass man nach Antworten und leichten Lösungen sucht, wo es letztlich keine gibt.“ Und genau hier nehme ich dich an die Hand: Ich helfe dir, Sicherheit zu finden, ohne auf falsche Versprechungen hereinzufallen. Mit ganz vielen Tipps aus jahrelanger Arbeit mit Familien.

Deine
Inke Hummel

Zur Autorin:
Inke Hummel ist Autorin, Pädagogin und Inhaberin der Familienbegleitung „sAchtsam Hummel“. Als pädagogischer Coach unterstützt sie Familien im ersten Babyjahr, in der Kindergarten- und Grundschulzeit und in der Pubertät. Besonders häufig begleitet sie Eltern mit gefühlsstarken oder schüchternen Kindern und verhilft ihnen zu einer gelingenden Eltern-Kind-Bindung. Im Netzwerk „Bindungs(t)räume“ setzt sie sich dafür ein, dass Eltern und Pädagogen die Bedürfnisse von Kindern besser verstehen. Sie ist Mutter von drei Kindern.

Foto: Inke Hummel

Weinende Kleinkinder brauchen Unterstützung

Manchmal wissen wir nicht einmal den Grund für das scheinbar untröstliche Weinen des Kindes: Auf einmal steht es vor uns, ruft und weint. Das Weinen eines Babys oder Kleinkindes signalisiert uns, dass eine Not vorhanden ist. Aber manchmal fällt es Eltern gar nicht so leicht, angemessen zu reagieren: Soll ich trösten oder verwöhne ich es damit nur? Ist das nicht gerade völlig übertrieben vom Kind? Sollte es nicht besser lernen, allein mit dem Weinen aufhören zu können?

Weinen ist ein Signal, auf das wir reagieren sollten

Gerade bei Babys ist das Weinen ein spätes Warnsignal, beispielsweise wenn das Baby Hunger hat und die früheren Signale wie die Suchbewegungen des Kopfes oder das Saugen an der Faust nicht wahrgenommen und/oder beantwortet wurden. Auch im späteren Alter ist das Weinen ein Signal und Ausdruck für ein Empfinden und/oder eine Not und löst in uns Bezugspersonen ein entsprechendes Verhalten aus. Das angemessene Verhalten der Bezugsperson beim Weinen des Kindes ist die Co-Regulation: „Ich (als erwachsene Person mit einem reichen Erfahrungswissen) helfe dir, mit deinem Empfinden zurechtzukommen. Ich biete dir Schutz und Hilfsstrategien, um mit deinen Gefühlen umzugehen. Ich weiß, dass kindliches Weinen aus einer Not heraus erfolgt und nicht, um mich zu ärgern.“ Allerdings haben viele Erwachsene die Erfahrung gemacht, selbst als Kind nicht ausreichend getröstet worden zu sein und der eigentlich in uns angelegte Impuls, das Kind zu trösten und zu begleiten, kann durch eine Abwehrhaltung überdeckt werden.

Ist das jetzt nicht etwas viel Geweine?

Haben wir selbst negative Erfahrungen gemacht mit dem Getröstetwerden, kann es uns schwerfallen, den Bedarf des Kindes nachzuempfinden. Zudem haben wir Menschen auch in Bezug auf Schmerzwahrnehmung, Reizschwellen und Tröstbarkeit unterschiedliche Ausprägungen: Was mir weh tut, muss einer anderen Person keinen Schmerz bereiten, der die Tränen in die Augen treibt. Und nur weil eine Person sich leicht mit einer Berührung beruhigen lässt, gilt das nicht für alle Menschen gleichermaßen: einige Kinder brauchen wesentlich länger Zuwendung und Trost als andere.

Wenn wir das kindliche Weinen abwerten und erklären, das Kind würde nun aber (wieder einmal) übertreiben, wird das Kind zunächst sein Signal verstärken, damit wir vielleicht doch erkennen, dass es wirklich Hilfe braucht. Wird weiterhin darauf nicht reagiert mit der eigentlich im Kleinkindalter noch benötigten Co-Regulation, hat das Kind auch keine Chance, geeignete Beruhigungsstrategien zu erlernen, die es später ggf. selber anwenden kann. Es ist in einem Zustand der Angst/Sorge/Schmerz und hat keine Unterstützung. Langfristig kann sich das negativ auf die Eltern-Kind-Beziehung auswirken und auch auf das kindliche Selbstbild, da es beständig eine Zurückweisung erfährt in Situationen, in denen es eigentlich Schutz und Nähe sucht.

Wichtig ist daher, dass die Bezugspersonen das Weinen des Kindes nicht bewerten und nicht von ihren eigenen Empfindungen ausgehen, sondern sich wirklich fragen, wie es dem Kind jetzt gerade geht, welche Signale es sendet und diese dann bedarfsgerecht beantworten.

Co-Regulation stärkt die Beziehung

Wenn die Bezugspersonen hingegen auf das Weinen des Kindes reagieren, wird damit signalisiert: „Ich nehme deine Signale wahr, ich reagiere darauf. Als Bezugsperson schütze ich dich und stehe mit meinem Wissen zur Verfügung, um dir zu helfen. Du kannst auf mich vertrauen.“ Durch diese Signale an das Kind wird der Aufbau einer guten Beziehung gestärkt.

Auch wenn es manchmal anstrengend ist, ist es also durchaus sinnvoll, auf das Weinen des Kindes nicht abwehrend zu reagieren. Durch die aktive Zuwendung vermindern wir das Leid des Kindes. Manchmal braucht das Trösten Zeit – weil die Tröstbarkeit unterschiedlich ist zwischen den Menschen, aber auch, weil durch das Weinen Spannung abgebaut wird.

Und manchmal brauchen auch die Eltern später Trost, weil das Trösten ihnen viel Kraft abverlangt und sie mit alten Wunden konfrontiert, denen sie sich nicht gewahr waren. Emotionsarbeit kann Eltern viel Kraft abverlangen.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

Neugeborene Eltern

Wir lesen und reden so viel davon, wie sich der Erfahrungsraum des Babys durch die Geburt verändert: Es fühlt andere Dinge als zuvor, es riecht anderes, es sieht anderes. Nie zuvor hat es Kleidung getragen oder war kühlen Luftzügen ausgesetzt, wenn es gewickelt wurde. Es taucht in eine neue Welt ein, in der es nur wenige Berührungspunkte gibt zum Erleben zuvor. Eine Welt, in der es alles kennenlernen muss und möchte – mit der fortschreitenden geistigen und körperlichen Entwicklung erweitert sich auch der Erfahrungsraum nach und nach.

Auch für Eltern ist alles neu

Während es uns schon oft gelingt, gütig auf unsere Kinder zu blicken, fällt der Blick auf uns selbst aber oft weniger wohlwollend aus. Obwohl auch wir Eltern neu sind in all diesen Themen. Für viele Eltern ist das Anziehen des Babys nach der Geburt das erste Mal, dass sie ein Neugeborenes bekleiden und den kleinen Körper in einen winzigen Babybody hüllen. Es ist das erste Mal, eine Windel zu wechseln und die erste schlaflose Nacht, in der man sich fragt, was nur das Baby hat und warum es nicht schläft. Es ist das erste Mal, diese riesige Verantwortung zu tragen und das erste Mal, mit einem Menschen zu kommunizieren, der noch nicht spricht und die Welt so anders sieht und fühlt, wie es eben ein kleines Kind tut.

Und selbst dann, wenn es das zweite, dritte,… Kind ist, ist dieses Kind sehr wahrscheinlich nicht in allen Verhaltensweisen identisch mit den Kindern, die man schon kennt. Jedes Kind kommt mit verschiedenen Temperamentsdimensionen zu uns, ist reagiert stärker oder schwächer auf Reize, ist schneller oder langsamer zu trösten, braucht mehr oder weniger Körperkontakt bei der Co-Regulation.

Neben dem Verhalten in Bezug auf das Kind verändert sich gleichsam auch die Umgebung: Wenn es mehrere Elternteile gibt, verändert sich die Beziehung untereinander dadurch, dass nun ein Baby mit Bedürfnissen dazugekommen ist. In der Familie werden Eltern durch die Geburt eines Kindes zu Großeltern, ihre Kinder werden zu Eltern und müssen fortan Entscheidungen treffen, die das eigene Kind im Blick behalten und die eigene Eltern-Kind-Beziehung verändert sich. Selbst Freundschaften können sich dadurch verändern, dass eine Person des Freundschaftsnetzwerkes ein Kind bekommen hat.

Wir wachsen hinein – und das ist gut so

Wir denken so oft, dass wir die Antwort auf alles haben müssten. Schließlich sind wir Erwachsen. Schließlich sollten Eltern doch unfehlbar sein und einen Plan von der Welt und allem haben. Tatsächlich aber bringen wir nur ein paar Basics mit in dieses Elternsein: Hormone, die ausgeschüttet werden wie Oxytocin und Prolaktin. Fürsorgeverhalten, das dadurch entsteht (manchmal aber auch durch die eigene Erziehung oder gesellschaftlichen Druck überlagert werden kann). Der wesentliche Teil ist, dass wir uns als Eltern auf dieses Kind einstimmen müssen. Und das ist gleichsam Herausforderung wie Vorteil: Denn weil Kinder nicht alle gleich sind, müssen wir Eltern hineinwachsen in diese neue Aufgabe. Wir müssen lernen, wie unser Kind ist, was es braucht, welche Signale es gibt. Wir müssen lernen und sind eben nicht von Anfang an richtig eingestellt und haben alle Antworten.

Deswegen: Sei nachsichtig mit dir. Natürlich gibt es Dinge, die wir immer vermeiden sollten bei allen Kindern: jede Form der Gewalt. Aber jenseits davon ist das Begleiten von Kindern Versuch – Irrtum – erneuter Versuch. Manchmal finden wir schnell die richtige Antwort, manchmal dauert es etwas, manchmal finden wir selbst sie vielleicht gar nicht. Manchmal machen wir Fehler, die sich vielleicht im liebevollen Alltag verlieren. Oder wegen denen wir um Entschuldigung bitten müssen oder Hilfe von anderen brauchen. All das ist Elternschaft. Elternschaft ist Wachstum, Irrtum, Hoffnung, Liebe, aber vor allem ist es ständige Bewegung. Sieh gütig auf dich und dein Wachstum. Auch du bist neugeboren in dieser Eltern-Kind-Beziehung.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

Versöhnung nach dem Eltern-Kind-Streit

Streit kommt in Familien vor: zwischen den Eltern, zwischen Geschwistern, zwischen Elternteil und Kind. Natürlich ist es hilfreich, Streit da, wo es geht, durch überlegtes Handeln zu vermeiden, aber er ist nicht immer so schädlich für das Familienklima, wie manchmal behauptet wird – sofern er gut ausgetragen wird. Lange Zeit wurde angenommen, dass Streit zwischen Elternteilen vermieden und wenn doch, dann nicht vor dem Kind stattfinden sollte. Untersuchungen zeigen aber, dass nur destruktive Paarkonflikte problematisch sind, die verbale oder physische Aggressivität, Blockadeverhalten, Rückzug, Meidung oder andere Feindseeligkeit beinhalten, die dazu führen können, dass beispielsweise das Gefühl der emotionalen Sicherheit des Kindes verringert wird. Konstruktive Konfliktbewältigung ist hingegen nicht von Nachteil.

Gerade wenn das Kind Zeuge des Elternkonflikts ist, ist es hilfreich, wenn es auch dessen Lösung erfährt.

Susanne Mierau „New Moms for Rebel Girls“ S.193

Konstruktive Problemlösung ist hilfreich

So, wie bei Streitigkeiten in der Paarbeziehung, ist es auch bei Streitigkeiten zwischen Geschwistern wichtig, dass der Konflikt konstruktiv gelöst wird. Und auch bei Streitigkeit zwischen Eltern und Kind kommt es auf konstruktive Lösungen an: In einem familiären Streit geht es darum, die Perspektive der anderen Person einzunehmen, zu verstehen und eine gemeinsame, sinnvolle Lösung zu finden. Durch einen konstruktiven und gerechten Umgang mit Konflikten in der Familie kann das Kind lernen, diese Problemlösungstrategie auch auf außerfamiliäre Situationen zu übertragen – eine wichtige Fertigkeit für das weitere Leben.

Zudem ist es im Rahmen des Bindungssystems wichtig, dass die nahen Bezugspersonen als sichere, wissende und starke Begleitung dem Kind eine Orientierung bieten. Gerade dann, wenn das Kind im Baby-, Kleinkind- oder auch noch Vorschulalter nicht konkret benennen kann, wie es sich fühlt, was es gerade als Problem wahrnimmt, ist es wichtig, dass sich die Bezugsperson in das Kind hineinversetzt und versucht, die Ursache wertfrei zu ergründen, um dann eine Lösung zu finden.

Das ist manchmal gar nicht so leicht: Unsere eigenen Empfindungen können uns dabei im Weg stehen, objektiv auf die Situation zu blicken. Auch verinnerlichte Glaubenssätze (beispielsweise dass Konflikte Machtkämpfe wären und Eltern immer Recht behalten müssen, damit sie ihre Autorität nicht verlieren) können es erschweren, konstruktiv mit einem Konflikt umzugehen.

Versöhnung nach dem Streit

Neben der Lösung des konkreten Problems ist es hilfreich, wenn nach dem Konflikt auch die Beziehungsebene noch einmal thematisiert wird: Es kann besprochen werden, dass es einen Streit gab, gemeinsam eine Lösung gefunden wurde und viele Gefühle daran beteiligt waren. Dass es Streit gibt, ist normal. Das sollten auch Kinder erfahren und nicht Angst oder Vermeidungsverhalten in Bezug auf Streitigkeiten entwickeln, weil sie in der Familie tabuisiert werden. Der Fokus auf die Beziehungsebene vermittelt: Streit kommt vor, aber ich habe dich mit deinen Bedürfnissen gesehen und verstanden und bin trotz unserer unterschiedlichen Meinung für dich da und suche mit dir eine Lösung, damit es uns besser geht. Das Kind kann noch einmal nachvollziehen, was passiert ist und bekommt vermittelt, dass eine Beziehung von Offenheit und Respekt gelebt wird.

Nicht immer ist eine Lösungsfindung schnell und einfach. Manchmal muss ausprobiert werden, was funktioniert und was nicht. So dauert es manchmal mit der Beseitigung des Streits etwas. Die Versöhnung muss auch nicht daraus bestehen, dass beide Seiten wieder gute Laune haben, sondern daraus, anzuerkennen, dass es verschiedene Perspektiven und Empfindungen gab und man als Bezugsperson dennoch sicher zur Verfügung steht und das Kind weiterhin liebt. Das Kind hat auch das Recht, nicht sofort wieder gute Laune haben zu müssen. Manchmal braucht es etwas Zeit, bis der Ärger wirklich verflogen ist. Auch das ist in Ordnung. Das Kind sollte wissen, dass es sich jederzeit vertrauensvoll an die Bezugsperson wenden kann mit seinen Gefühlen, da wir als Erwachsene die Schutz- und Regulationsfunktion für das Kind erfüllen und dies auch im Konfliktfall tun.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de