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Glück ist, wenn man so geliebt wird, wie man ist

Dürfen wir dich zu Beginn dieses Artikels zu einer kleinen Reflexion einladen?

Gehe in Gedanken in deine Kindheit und Jugendzeit zurück. Denke an deine engsten Bezugspersonen: deine Eltern, Großeltern oder andere Menschen, die wichtig waren. Welche Erwartungen an dich hast du von wem gespürt? Welche davon konntest du erfüllen, welche nicht? Welchen versuchst du heute noch zu entsprechen? Wie musstest du sein, was musstest du tun, um Liebe und Anerkennung zu erhalten? Und wie hat dich das geprägt?

Wenn du dich mit diesen Erfahrungen beschäftigst, wirst du vielleicht merken, dass sie einen großen Einfluss auf dein Selbstwertgefühl hatten und haben.

Was ist das „Selbstwertgefühl“?

Der Sozialpsychologe Morris Rosenberg definierte 1965 Selbstwertgefühl als eine Haltung oder Einstellung, die wir uns selbst gegenüber einnehmen. Seiner Definition zufolge empfindet sich eine Person mit hohem Selbstwertgefühl als «gut genug»; er glaubt, dass er als Mensch wertvoll ist und kann sich mit seinen positiven und negativen Facetten annehmen – ohne sich deswegen als etwas Besonderes zu sehen oder zu erwarten, dass andere ihn bewundern.

Für die Entwicklung unseres Selbstwertgefühls ist es entscheidend, welche Beziehungserfahrungen wir mit anderen machen. Wenn wir uns geliebt, geborgen, gesehen und angenommen fühlen, wächst unser Selbstwertgefühl. Fühlen wir uns zurückgewiesen, abgelehnt oder kritisiert, macht sich jemand lustig über uns oder zeigt sich verächtlich, dann leidet unser Selbstwertgefühl.

Unser Selbstwertgefühl kann aber nicht nur mehr oder weniger hoch sein, es kann auch mehr oder weniger stark an Bedingungen geknüpft sein.

Wenn Kinder und Jugendliche die Erfahrung machen, dass sie auf eine bestimmte Art und Weise sein oder sich verhalten müssen, um Wertschätzung und Zuneigung zu erfahren, bildet sich ein an Bedingungen geknüpftes Selbstwertgefühl aus. Ein Kind kann beispielsweise erleben:

  • Ich werde geliebt, wenn ich Leistung zeige, gute Noten und sportliche Erfolge erziele.
  • Ich bin nur dann liebenswert, wenn ich brav bin und meinen Eltern gehorche.
  • Damit mich meine Eltern annehmen können, muss ich mich den religiösen Überzeugungen meiner Familie anschließen.
  • Um Liebe und Anerkennung nicht zu verlieren, muss ich darauf achten, immer schlank, gutaussehend und vorzeigbar zu sein.
  • Liebe muss man sich verdienen, indem man besonders hilfsbereit ist und sich für andere aufopfert.

Natürlich finden wir es alle schön, wenn wir Erfolge erzielen, gut aussehen oder anderen Menschen helfen können und reagieren verunsichert, wenn dem nicht so ist. Problematisch wird es, wenn das Selbstwertgefühl so stark an bestimmte Bedingungen geknüpft ist, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene in eine regelrechte Krise stürzen, wenn sie diese für einmal nicht erfüllen können. Wenn sie sich bei einer schlechten Note gleich als Versager abstempeln und sich jede Prüfung anfühlt, als ginge es um Leben und Tod. Wenn sie sich schuldig fühlen, sobald sie eine Bitte ausschlagen oder für ihre Bedürfnisse einstehen. Wenn sie sich als bösen Sünder sehen, weil sie sich „schmutzigen Gedanken“ hingegeben oder unchristlich verhalten haben. Wenn sie sich nicht mehr um einen anderen Menschen kümmern können und sich deswegen als Nichtsnutz oder wertlos empfinden. Wenn sie befürchten, dass ihre Freunde sie nicht mehr mögen oder sie nie eine/n Partner/in finden werden, wenn sie ein, zwei Kilo zunehmen.

Wie Erwartungen uns den Blick auf unsere Kinder verstellen

Hand aufs Herz: Wir alle haben bestimmte Bilder und Erwartungen im Kopf, wünschen uns, dass unsere Kinder bestimmte Eigenschaften, Interessen oder Werte zeigen und reagieren vielleicht auch enttäuscht, wenn unsere Kinder nicht so sind. Vielleicht möchten wir, dass unser Kind besonders sozial und einfühlsam ist und sind irritiert, wenn es sich als dominanter Rowdy zeigt und gerne mit Waffen spielt. Manchmal verstellen uns unsere Wünsche auch den Blick auf das Kind. Sehr treffend drückt das Familylab-Leiter Matthias Volchert aus: „Kann ich dich noch sehen wie du bist, oder bestimmen meine Erwartungen schon mein Bild von dir?“

Ein Kinderbuch greift dieses Thema auf

So geht es auch Jaron, dem jungen Fuchs in unserem Buch „Jaron auf den Spuren des Glücks“. Dieser könnte sich sehr viel Schöneres vorstellen, als am Sonntagmorgen bei einem Fußballspiel auf dem Platz zu stehen. Nur leider hat sein Vater das Gefühl, dass ihm der Sport guttun und ihm dabei helfen wird, mehr Biss und Durchhaltevermögen zu entwickeln:

«Dieses blöde Fußball! Warum muss ich da hin? Vielleicht könnte ich sagen, dass ich krank bin…», denkt Jaron. Aber da schallt ihm bereits ein aufgeregtes «Morgen, Sportsfreund!» entgegen. Papa Fuchs steht am Herd und wendet Pfannkuchen – etwas, das er nur zu besonderen Anlässen tut.

Jaron lässt sich auf seinen Stuhl plumpsen, hängt sich über die Tischplatte und legt den Kopf auf die Arme. 

Ein Turm aus Pfannkuchen schiebt sich in sein Blickfeld. Der Ahornsirup läuft an den Rändern herunter und bedeckt die Himbeeren und die Sahne auf dem Teller. Jarons Lieblingsgericht! Doch heute starrt er mit einem Kloß im Hals auf den süßen Turm, der ihm unendlich groß erscheint. «Ich schaff das nicht», murmelt er.

«Du musst ja nicht alle essen», antwortet Papa Fuchs. «Zwei oder drei Pfannkuchen reichen sicher.» Der Vater klopft ihm auf die Schulter und setzt sich mit einer Tasse Kaffee zu Jaron an den Tisch. «Ist vielleicht sowieso besser. Mit vollem Magen rennt es sich nicht gut. Und wir wollen ja, dass du fit bist heute.»

Leider kann Jaron auch in seiner Mannschaft nicht auf Rückhalt zählen. Nachdem er im Finale den entscheidenden Elfmeter verschossen hat, schließen ihn seine Kameraden vom gemeinsamen Eisessen aus und machen sich über ihn lustig.

„Nicht gut genug“ zu sein begleitet uns oft lebenslang

In Seminaren und Beratungen mit Eltern und Fachpersonen merken wir immer wieder, dass das Gefühl, nicht zu genügen, erstaunlich viele Menschen seit der Kindheit begleitet.

Sie haben deutlich gespürt, dass sie für ihre Eltern, Lehrkräfte, aber auch Gleichaltrige zu laut, zu schüchtern, zu anstrengend, zu empfindlich, zu faul, zu ehrgeizig, zu unsportlich, zu dick oder zu uncool waren. Einige haben erlebt, dass sie für ihre Eltern etwas Besonderes sein müssen: Die Beste Schülerin, ein Spitzensportler – und man die Aufmerksamkeit der Eltern vor allem dann bekommt, wenn man aus der Masse herausragt. Manche fühlten sich nicht angenommen, weil sie nicht das ersehnte Geschlecht hatten, dem gängigen Rollenbild eines „richtigen Jungen“ oder eines „richtigen Mädchens“ nicht entsprachen oder vom Charakter her dem Expartner schmerzlich ähnelten, den die Mutter oder der Vater verteufelte. Einige hatten erlebt, dass ihre Eltern immer wieder davon sprachen, wieviel sie für die Kinder geopfert hatten, wie anstrengend die Vater- oder Mutterschaft für sie ist – und man als Kind dieses Opfer nur durch ganz viel Dankbarkeit und Angepasstheit aufwiegen kann.

Warum fällt uns bedingungslose Liebe manchmal so schwer?

Ein unabhängiges Selbstwertgefühl nimmt uns den Druck, immer etwas tun oder uns den Erwartungen anderer anpassen zu müssen, um geliebt zu werden.

Es entsteht, wenn Kinder und Jugendliche von verschiedenen Bezugspersonen immer wieder erfahren dürfen, dass sie auch dann geliebt und angenommen werden, wenn sie nicht deren Vorstellungen entsprechen.

Vielleicht geht es dir wie uns und es fällt dir auch nicht immer leicht, dein Kind im Alltag so anzunehmen, wie es ist? Vielleicht ertappst du dich auch manchmal dabei, wie dich dein Kind nervt, wie du deine Enttäuschung nicht verbergen kannst oder dein Mutter- oder Vaterherz vor lauter Stolz anschwillt, wenn dein Kind deine (unbewussten) Erwartungen erfüllt oder sogar übertrifft?

Auch wenn sich die Forderung, sein Kind bedingungslos zu lieben, in vielen modernen Elternratgebern wiederfindet, so ist sie doch relativ neu.

Es ist hilfreich, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass dieses Konzept aus der Psychotherapie stammt. Beschrieben hat es als erster der humanistische Therapeut Carl Rogers, der Begründer der Gesprächspsychotherapie. Er ging davon aus, dass Menschen lernen können, sich selbst anzunehmen und schwierige Erfahrungen zu integrieren, wenn sie dabei von einem empathischen, authentischen und wertschätzenden Gegenüber begleitet werden. Dabei macht es sich der Therapeut zur Aufgabe, vorurteilsfrei zuzuhören.

Das ist natürlich in einem professionellen therapeutischen Setting deutlich einfacher als in engen, persönlichen Beziehungen. Um es mit einem plakativen Beispiel auszudrücken: Die Aussage „ich bin fremdgegangen“ ist für den Therapeuten einfacher zu ertragen als für die Partnerin.

Je enger die Beziehung zu unserem Gegenüber ist, je mehr sein Verhalten unser eigenes Leben beeinflusst und je stärker wir uns emotional mit jemandem verbunden fühlen, desto anspruchsvoller wird es, unbedingte Liebe zu zeigen.

Im Gegensatz zu einem neutralen Therapeuten haben wir Hoffnungen und Wünsche für unsere Kinder. Wir wollen das Beste für sie und ihnen ein glückliches Leben ermöglichen. Abhängig davon, wie wir aufgewachsen sind, haben wir sehr fixe Überzeugungen, was dazu nötig ist und welche Eigenschaften uns das ermöglichen. Entsprechend schnell läuten unsere Alarmglocken, wenn die Kinder vom vermeintlich „richtigen“ Weg abkommen: Manche Eltern sind so stark mit dem Schulerfolg ihrer Kinder identifiziert, dass sie vor Prüfungen schlaflose Nächte haben; andere geraten in Panik, wenn sich das Kind phasenweise „asozial“ verhält oder fürchten gleich um das Seelenheil des Kindes, wenn es sich von bestimmten Werten und religiösen oder politischen Überzeugungen ablöst.

Bedingungslose Liebe ist ein Geschenk

Wenn Eltern erkennen, dass bedingungslose Liebe wichtig ist, machen sie daraus zum Teil eine absolute Forderung: Du musst dein Kind stets annehmen und bedingungslos lieben!

Daraus leiten sie ab, dass sie nie wütend oder enttäuscht reagieren dürfen, schimpfen verboten ist und man sich sogar schuldig fühlen muss, wenn man sein Kind gelobt hat – schließlich ist doch auch das eine Form der Manipulation?

Bedingungslose Liebe wird plötzlich zu einem komplexen Regelwerk, an das man sich mit aller Verbissenheit halten muss, um keine schlechte Mutter, kein schlechter Vater zu sein.

Ohne es zu merken, tappt man erneut in die Falle der bedingten Wertschätzung: „Ich bin als Mutter oder Vater nur dann liebenswert, wenn ich alles richtig mache, meinem Kind gegenüber keine „negativen“ Gefühle zeige und es auf keine Art und Weise „manipuliere“.“

Wenn wir unseren Kindern bedingungslose Liebe schenken möchten, ist es hilfreich, wenn wir bei uns selbst beginnen und uns mit einer annehmenden und akzeptierenden Haltung begegnen.

Dazu dürfen wir uns bewusst machen: „Auch ich darf Fehler machen, ab und zu unangemessen reagieren, Gefühle haben, die mir nicht immer pädagogisch korrekt erscheinen – und kann trotzdem eine liebevolle Mama, ein liebevoller Vater sein.“

Anstatt uns selbst abzuwerten oder in Schuldgefühlen zu versinken, können wir uns annehmen und gleichzeitig Verantwortung für unsere Gefühle übernehmen. Das gelingt uns besser, wenn wir ehrlich mit uns sind und hinterfragen, welche Bilder, Wünsche und Bedürfnisse hinter unseren Reaktionen stehen:

  • „Jetzt habe ich meine Kinder wieder angeschrien. Es bringt mich so auf die Palme, wenn sie sich zoffen! Ich habe gedacht, mit einem zweiten Kind sei unser Familienglück perfekt. Ich habe mir das so schön vorgestellt, wenn sie immer einen Spielgefährten zu Hause haben – aber jetzt streiten die beiden pausenlos und sind eifersüchtig aufeinander. Ich merke gerade, dass mich das enttäuscht und ziemlich traurig macht.“
  • „Wenn ich sehe, dass mein Sohn so wenig für die Schule tut und ihn schlechte Note überhaupt nicht jucken, versetzt mich das in Rage! Wenn ich ehrlich bin, kriege ich es mit der Angst zu tun, dass er sich seine Zukunft verbaut und ich schuld daran sein werde, wenn ich das zulasse.“
  • „Mein Kind ist schon wieder so dominant und kommandiert die anderen rum. Am liebsten würde ich es von seinem hohen Ross herunterholen oder ihm die kalte Schulter zeigen! Es ärgert mich so, wenn sich Menschen über andere stellen, das weckt ganz viele schlechte Erinnerungen in mir. Ich habe immer darunter gelitten, wenn andere so bossy mit mir umgegangen sind.“

Zu dem Autor und der Autorin:
Fabian Grolimund ist Psychologe und Autor. Stefanie Rietzler ist Psychologin und Autorin. Ihr neues Kinderbuch Jaron auf den Spuren des Glücks“ geht der großen Frage nach dem Glück nach, das manchmal in kleinen Dingen steckt. Zudem schreiben beide regelmäßig für das Schweizer Elternmagazin Fritz+Fränzi. Mehr erfahren Sie unter mit-kindern-lernen-ch  

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Vorsicht, was du sagst! – Wie wir vor unseren Kindern über sie reden

„Ach, er ist immer so tollpatschig!“, „Schau mal, wie sie miteinander spielen, sie ist ja immer so süß!“, „Und letztens, also da hat er sich wieder angestellt beim Anziehen. So ein cholerisches Kind!“ – Wir kennen sie, die Spielplatzgespräche von Eltern untereinander. Ein bisschen was vom Alltag teilen, ein bisschen etwas von der Anspannung und dem Stress teilen. Ein bisschen Austausch und manchmal in der Kürze auch ein wenig überzogen. Woran wir in diesen – und anderen – Situationen manchmal nicht denken, sind die Kinder, sie sich in Hörweite befinden.

Ob nun im Gespräch auf dem Spielplatz, bei einer Familienfeier oder vor sich hingenuschelt im Alltag ohne anderes erwachsenes Gegenüber: Schnell kommen uns Worte über unsere Kinder über die Lippen. Besonders zu beachten sind natürlich die negativen Beschreibungen, die wir über unsere Kinder abgeben, aber auch vermeintlich positive Kommentare können eine störende Wirkung auf unsere Kinder haben.

Sie verstehen mehr, als wir denken

Schon viel früher, als wir manchmal annehmen, bildet sich das sprachliche Verstehen aus: Unsere Kinder verstehen früher Worte, als sie sie selbst produzieren. Und damit nehmen sie auf, was wir erzählen. Und sie hören es nicht nur, sondern bilden über das, was wir sagen, ein Bild von sich selbst aus. Wenn wir sie immer wieder in einer bestimmten Weise beschreiben, prägt sich das in ihr Selbstbild ein. Sie bilden das Bild von sich auch über die Art und Weise, wie wir sie spiegeln: Wer immer nur süß oder wild oder anstrengend ist in den Augen anderer, nimmt dies in das Bild über sich selbst auf. Und auch wenn „süß“ im ersten Moment lieb klingt, ist es anstrengend, wenn andere das von einem erwarten und man dies als Selbstkonzept übernehmen muss.

Ein positives Selbstbild nicht behindern

Was wir also tun können, um positive Selbstbilder in unseren Kindern zu ermöglichen? Wählen wir die Worte, die wir über unsere Kinder sagen, mit Bedacht. Gerade dann, wenn sie in der Nähe sind und auch dann, wenn sie selbst noch nicht sprechen. Erklären wir auch anderen, dass unser Kind mehr versteht, als wir vielleicht denken und vermitteln wir, dass es wichtig ist, respektvoll mit Kindern und über Kinder zu sprechen. Und wenn wir wirklich – und auch das ist als Elternteil völlig legitim – über unsere Kinder in drastischen Worten reden wollen mit guten Freund*innen, dann tun wir das doch lieber, wenn sie wirklich nicht in der Nähe sind.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Baby-led Weaning aus ernährungswissenschaftlicher Sicht

Wie haben unsere Vorfahren ihre Babys ernährt? Sicherlich hatten die Menschen in der Steinzeit keinen Pürierstab, mit dem sie einen Süßkartoffel-Broccoli-Hähnchenbrei gezaubert haben. Für Babys gab es oftmals Getreidebrei oder sie wurden über Jahre gestillt, bis sie die feste Nahrung essen konnten. In den letzten Jahren ist das BLW in unseren Breitengraden durch die Hebamme Gill Rapley bekannt und populär geworden. Sie betont, dass diese Art und Weise der Beikost nicht neu sei, sondern seit Jahrhunderten auf der ganzen Welt praktiziert werde. Darüber hinaus profitiere die ganze Familie davon, weil durch die breifreie Ernährung für das Baby selbstbestimmtes Essen ohne Druck und Zwang möglich sei.

Welcher Leitgedanke steckt hinter dem Begriff BLW?

Das Baby-led Weaning, kurz die Baby- geführte Entwöhnung von der Muttermilch, ist eine Form der Beikost, bei der das Baby den Übergang von der Milch zur festen Nahrung selbst steuert. Zusätzlich zur Muttermilch tastet es sich im wörtlichen Sinne spielerisch an feste Nahrung heran. Dabei steht anfangs nicht im Vordergrund, WAS genau und WIEVIEL dein Baby isst, sondern vielmehr, dass die kleinen Wesen die Möglichkeit bekommen, selbstbestimmt in ihrem eigenen Tempo Lebensmittel zu erkunden. Langsam tastet sich dein Baby mit allen Sinnen an das Essen heran. Die Energie und Nährstoffe erhält es anfangs eher über die Mutter- bzw. Säuglingsmilch. 

Was ist der wesentliche Unterschied im Vergleich zur landesüblichen Breikost? Statt Breifütterungen gibst du deinem Baby Fingerfood. So werden Löffel und stetiges Anreichen der Mahlzeiten überflüssig. Wir als Eltern bieten die Mahlzeiten an und die Kinder bestimmen ganz individuell, was sie essen möchten. Es wird davon ausgegangen, dass Babys intuitiv das Essen auswählen, was sie für ihre Entwicklung brauchen. Wir als Eltern geben ihnen die Möglichkeit zu entscheiden WAS, WIEVIEL und in WELCHER GESCHWINDIGKEIT sie essen wollen. Deshalb ist die Zusammensetzung der breifreien Babyernährung schwer mess- und vergleichbar mit der landesüblichen Breikost. 

Wie sieht die Praxis des BLW aus?

Kurz gesagt, isst du beim BLW zur gleichen Zeit, am selben Tisch mit deinem Baby das gleiche Essen. Wie lässt sich die breifreie Alternative zur Babyernährung grob in 6 Punkten beschreiben?

  1. Es ist ein Baby-gesteuertes Konzept zur Beikosteinführung
  2. Es gibt Fingerfood statt Brei
  3. Du servierst Familiengerichte
  4. Die Hauptenergie bezieht dein Baby anfangs durch das Stillen
  5. Gestillt wird zwischen den Mahlzeiten
  6. Du entscheidest, was du deinem Baby anbietest, denn es gibt keinen vorgegebenen Speiseplan

BLW – nur ein Trend oder eine tatsächliche Alternative zum Brei?

Immer mehr Familien hierzulande entscheiden sich für die breifreie Babyernährung, wobei sich beide Konzepte – also Brei und Fingerfood, auch gut kombinieren lassen. Du musst dich nicht für die eine oder andere Variante endscheiden! Wenn du dir nicht sicher bist, welcher Weg für eure Familie der passende ist, könnt ihr euch Rat bei eurer Hebamme, Kinderärzt*in suchen oder mit Ernährungsfachkräften darüber reden.

  • Sofern du die Reifezeichen deines Babys berücksichtigst,
  • abwechslungsreiches Essen anbietest,
  • gezielt dem Verschlucken vorbeugst,
  • und die regulären ärztlichen Kontrollen wahrnimmst,
  • kannst du das BLW gut umsetzen.

Pauschal gibt es auch aus dem Blickwinkel der Ernährungswissenschaften keine festgefahrenen Empfehlungen zur „optimalen“ Beikostmethode, weil vergleichende Langzeitanalysen fehlen. Der Vorteil der Breiernährung liegt darin, dass die Rezepturen auf den Nährstoffbedarf deines Babys abgestimmt sind. Für die Nährstoffe Fluorid, Jod, Vitamin D und K (Nährstoffe, die auch bei der Breiernährung zu kurz kommen) gibt es deshalb Empfehlung zur Nahrungsergänzung. Welche Nährstoffe beim BLW kritisch werden können, ist noch nicht hinreichend erforscht.

Was sind die diskutierten Vor- und Nachteile?

Vorteile

  • Das BLW kann einen positiven Einfluss auf die Hunger- und Sättigungs-Regulation haben.
  • Die motorischen Fähigkeiten des Babys werden geschult.
  • Der Beziehungsaufbau und Interaktion zwischen Eltern und Kind wird durch gemeinsame Mahlzeiten gefördert.
  • Ein abwechslungsreicher Speiseplan ist durch eine Vielfalt von Geschmack und Konsistenz möglich.
  • Es bietet für Eltern den Anreiz, sich gesünder zu ernähren.
  • Baby- und Familienmahlzeiten werden gemeinsam gestaltet.

Nachteile

  • Möglicherweise ist die Gefahr des Verschluckens höher.
  • Tendenziell ist die Versorgung mit Eisen geringer.
  • Die Gefahr des zu hohen Salzkonsums besteht, sofern Eltern die Speisen nicht explizit salzfrei gestalten.
  • Es bestehen höhere Tendenzen zur Energieunterversorgung, aber auch nährstoffreiche Gerichte sind beim BLW schwieriger umzusetzen.
  • Babygerechte Fingerfoodgerichte sind aufwändiger zuzubereiten.

Wie du siehst, bringt das BLW viele Vorteile, aber auch einige Risiken mit sich. Was sagen unsere Fachgesellschaften dazu? Die Mehrheit der Expert*innen und auch die Vereinigung nennenswerter Fachgesellschaften von Hebammen, Ärzt*innen und Ernährungsfachkräften (Netzwerk „Gesund ins Leben“) sprechen kein eindeutiges „Ja“ zum BLW aus, weil sie fürchten, dass sich die kleinen Wesen an den groben Stücken verschlucken können, und weil sie das Risiko für einen Nährstoffmangel als potenzielle Gefahr sehen. Schließlich wählt im Gegensatz zur Breikost das Baby frei, was es essen möchte und was nicht. Andererseits sind die genannten Risiken nicht eindeutig wissenschaftlich belegt. Die Forschungslage steckt hier im wahrsten Sinne des Wortes noch in den Kinderschuhen. Derzeit beschreiben jüngste Fachartikel, wie du die Sicherheit erhöhen und das Risiko für einen Nährstoffmangel reduzieren kannst:

Wie die Sicherheit erhöhen?

  • Beachte die Reifezeichen deines Kindes: Ist es nach 6 Monaten wirklich bereit dafür?
  • Tagesstruktur: Versuche extreme Müdigkeit oder extremen Hunger vor der Mahlzeit zu verhindern!
  • Erhöhe die Sicherheit: lass dein Baby nie allein beim Essen, sorge für eine aufrechte Sitzposition und dass die Hände frei sind.
  • Biete das Essen in einer babygerechten Konsistenz an: Nicht nur an harten, runden Lebensmitteln, sondern auch an Schalen kann sich ein Kind verschlucken!

Was kommt beim Baby-led Weaning konkret auf den Teller? Was tun, um einen Nährstoffmangel zu verhindern?

  1. Die Grundlage bildet eine abwechslungsreiche Kost:
    Nutze die Vielfalt der Lebensmittel in Bezug auf Farben, Konsistenzen und Formen. Das heißt, du kannst nicht nur die Lebensmittel austauschen, sondern auch gleiches Essen in einer anderen Zubereitungsart (z. B. als Bratling) anbieten!
  2. Biete 3 bis 4 verschiedene Lebensmittel und jeweils 1 Stück von jedem auf dem Teller an. Es kann immer nachgenommen werden!
  1. Stelle mindestens ein energiereiches Lebensmittel (z.B. Brot mit Margarine) mit mindestens einem eisenreichen Lebensmittel (z. B. Bratenaufschnitt/Linsen-Aufstrich) pro Mahlzeit zusammen!
  2. Beobachtungen: Lasse die Entwicklung des Kindes ärztlich langfristig beobachten,
    u. a. auch, ob eine Nahrungsergänzung (z. B. mit Eisen) erforderlich ist?

Beispiele für BLW

Mahlzeiten-Ideen:

  • Eieromelette, z.B. mit Spinatfüllung
  • Pizza oder Flammkuchen mit Gemüse belegt
  • Risottobällchen mit Gemüse und Fisch
  • Lasagnemuffins
  • Ofengemüse + Ofenkartoffeln
  • eingerollte gefüllte Pfannkuchen
  • Gemüsebratlinge/ Frikadellen
  • Maiskölbchen/ Hähnchenkeule zum Abnagen

Snack-Ideen:

  • Grießschnitte
  • Bananenbrot
  • Brot- und Käsestreifen
  • Obststücke mit Nussmus
  • süße oder herzhafte Waffeln
  • süße oder herzhafte Muffins
  • Brokkoliröschen, Nektarinen- oder Avocadospalten
  • Gemüse/ Getreidestangen (z.B. Dinkelstangen) mit Dip
  • Maiswaffel mit pflanzlichem Aufstrich

Fazit

Das BLW kannst du alternativ zur Breikost oder zusätzlich praktizieren. Ansonsten ist es eine gute Ausweichmöglichkeit, wenn dein Baby das pürierte Essen verweigert. Mit 8 Monaten wird für Breibabys ohnehin empfohlen, Fingerfood anzubieten. So kannst du die breifreie Methode auch nutzen, um den Übergang zur Familienkost zu gestalten, sofern du Lebensmittel gezielt auswählst, Maßnahmen vornimmst und dem Verschlucken vorbeugst. Für die konkrete wissenschaftlich fundierte Bewertung des BLW sind allerdings noch Langzeitanalysen erforderlich.

Zur Autorin:
Nyara T. Gehringhoff ist Ernährungswissenschaftlerin (M. Sc.), arbeitet in einer ernährungsmedizinischen Abteilung im Krankenhaus und berät Familien rund um das Thema Ernährung. Für ihr Studium hat sie ein Stipendium der „Begabtenförderung Berufliche Bildung“ des Bundesministerium für Bildung und Forschung erhalten. 2014 hat sie den Wissenschaftspreis beim internationalen Kongress der DGEM (Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin erhalten. Mehr über ihre Arbeit erfährst du auf ihrem Blog nyarasfamilyfood.de und in ihrem Instagramkanal.

Aber du bist doch eigentlich müde…

Eigentlich reibt sich das Kind schon die Augen. Gegähnt hat es auch schon. Aber es will einfach nicht ins Bett. Vielleicht ist es ja doch noch nicht müde? Aber so richtig spielen möchte es auch nicht. Vielleicht wirft es das Spielzeug lustlos in die Ecke, sucht sich ein neues, aber auch das wird nicht lang bespielt. Wieder Augenreiben, aber kein Schritt voran in das Bett. Müde oder nicht müde?

Viele Eltern kennen diese oder ähnliche Situationen. Und viele Eltern zweifeln an ihrem Gefühl: „Wenn das Kind wirklich müde wäre, dann würde es doch jetzt schlafen?!“ Tatsächlich geht aber beides: müde sein und trotzdem nicht einschlafen können.

Den Absprung zum Schlaf finden

Kleinkinder haben oft noch Schwierigkeiten mit der Selbstregulation. Viele Bereiche der Regulation lernen sie erst durch Unterstützung durch die Eltern, beispielsweise durch Begleitung und Vorleben von Möglichkeiten. Wenn Kleinkinder den Absprung zum Schlaf, also das richtige Zeitfenster, nicht finden, überreizen sie. Sie sind noch nicht fähig, sich dann selbst zu regulieren. Sie sind müde, können aber nicht einschlafen. Gleichzeitig fehlt ihnen das Zeitfenster und die Möglichkeit, sich in den Schlaf zu begeben. Sie können noch nicht wie Erwachsene denken und sagen: „Ich bin eigentlich müde. Auch wenn ich noch nicht einschlafen kann, lege ich mich mal hin zum Ausruhen.“ So spielen sie übermüdet weiter. Je häufiger der Absprung nicht geschafft wird, desto erschöpfter, gereizter und auch wütender kann das Kind werden.

Wichtig ist daher, wenn das Kind müde wird, den passenden Zeitpunkt zu finden für die Begleitung in den Schlaf. Die Müdigkeit erkennen wir einerseits vielleicht an den Signalen des Kindes: es wird ruhiger, weniger aktiv, starrt vielleicht etwas vor sich hin. Nun wäre ein guter Zeitpunkt, um in den Schlaf zu überführen. Zeigt es diese Anzeichen, ist es sinnvoll, zeitnah zu reagieren. Wenn wir denken „Das Kind ist müde, aber ich räume lieber noch eben den Tisch ab/wir müssen jetzt noch schnell die Füße waschen vor dem Bett/nur noch schnell die Brote für morgen machen.“ dann kann dies schon das Zeitfenster verschieben. Gähnen und das Reiben der Augen zeigen auch viele Kinder als Müdigkeitszeichen, dann aber müssen wir uns bereits etwas beeilen, um den Absprung zum Schlafzeitfenster nicht zu versäumen. Besser ist es, die früheren, leiseren Zeichen des Ruhebedürfnisses zu erkennen.

Neben dem Erkennen der Signale und der Möglichkeit, darauf zu reagieren, ist es deswegen wichtig, dass der Nachmittag/Abend eine gute Struktur erhält, die langsam auf die Bettgehzeit zuführt. Der Überreizung kann entgegengewirkt werden, indem alle Aktivitäten und Tätigkeiten gegen Abend hin immer ruhiger werden und weniger ablenkend sind – sowohl für uns selbst, auch auch für das Kind. So ist es leichter möglich, regulierend einzuwirken und dabei zu helfen, dass sich das Kind doch noch etwas ausruht, vielleicht lieber gemeinsam ein Buch mit uns ansieht, als noch wilder zu spielen, so dass wir dann bei den nächsten Ruhezeichen wirklich den Absprung zum Schlaf finden und begleiten können.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Mit Kindern über die Flutkatastrophe reden

Die Flutkatastrophen der letzten Woche haben viele Menschen direkt betroffen und auch jene, die nicht direkt betroffen sind, haben vielleicht Familie und Freunde, die betroffen sind. Ältere Kinder haben vielleicht aus den Medien davon erfahren, jüngere Kinder die Eltern darüber sprechen hören. Es ist ein Thema, das uns alle angeht und das wir auf die ein oder andere Weise verarbeiten müssen. Kinder und Jugendliche gehen allerdings mit Katastrophen anders um als Erwachsene und brauchen eine besondere Unterstützung, auch um Langzeitfolgen zu vermeiden.

Es ist schwer, als Eltern mit Kindern über Probleme, Krisen und Katastrophen zu sprechen: Wir wollen sie nicht verängstigen, zugleich aber auch nicht die Realität vollkommen von ihnen fernhalten. Wenn wir direkt betroffen sind, wünschen wir uns, gerade ihre Not abzumildern und ihnen zu helfen – auch wenn es schwer ist, weil wir selbst gerade emotional nicht stabil sind.

Mit Kindern über Katastrophen und Krisen sprechen

Auch wenn wir nicht direkt betroffen sind, ist es für größere Kinder sinnvoll, über die Ereignisse zu sprechen, über die sie vielleicht aus den Medien oder dem Bekanntenkreis erfahren. Damit diese Informationen gleich richtig eingeordnet und aufgearbeitet werden können, ist es sinnvoll, als Eltern die ersten Ansprechpartner*innen dafür zu sein. Informationen sollten aufklären, aber nicht verängstigen. Fehlen Eltern die Worte hierfür, können geeignete Medien für Kinder hinzugezogen werden, beispielsweise ein Beitrag der Sendung mit der Maus hier oder für größere Kinder ein aktueller Beitrag von ZDF logo! über Überschwemmungen. Mit größeren Kindern im Grundschulalter und darüber hinaus kann es auch sinnvoll sein, die Geschehnisse weiter einzubetten und mit ihnen über Ursachen und Möglichkeiten zu sprechen, um einem starken Gefühl der Klimaangst entgegenzuwirken, das durch aktuelle Meldungen aufkommen/verstärkt werden kann.

Wenn wir direkt betroffen sind – So unterstützen wir unsere Kinder

Wir können das Erlebte nicht ungeschehen machen, aber unsere Kinder auffangen und ihnen helfen, Erlebnisse zu verarbeiten und einzuordnen. Hierfür kann es notwendig sein, therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Auswirkungen des Erlebens einer Notsituation können sich auch langfristig zeigen, beispielsweise in Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen, Aggressivität oder Zurückgezogenheit – sollten diese oder andere Veränderungen auftreten ist es gut, auch wenn bereits Zeit vergangen ist, eine Fachperson hinzu zu ziehen.

Jenseits einer solchen Hilfe können wir den Kindern als Ansprechpartner*in zur Verfügung stehen, damit sie ihr Erleben mitteilen können. Der Impuls des Erzählens geht dabei vom Kind aus und wir sollten als geduldige Zuhörer*in zur Verfügung stehen. Auch können wir das Erzählte des Kindes einordnen in einen Gesamtverlauf, der dem Kind vermittelt, dass es nun wieder in Sicherheit ist nach der beängstigenden Situation. Manche Kinder drücken die Erlebnisse auch gestalterisch aus im Spiel oder in Bildern – auch hier können wir aufmerksam sein und den Ausdruck begleiten und einordnen. Es gut, wenn wir die Situation/das Erlebte weder herunterspielen, noch Ängste verstärken durch die eigene Angst/Sorge. Als Eltern können und sollten wir auch über unsere Empfindungen sprechen und sie nicht verbergen, aber dabei darauf achten, dass hierdurch nicht noch mehr Angst und Unsicherheit entsteht. Gerade jetzt ist es wichtig, dass das Kind sich der Sicherheit der Bindungsbeziehung sicher sein kann und spürt, dass trotz aller Änderungen im Umfeld die nahen Bezugspersonen ein Anker im Durcheinander sind.

Soweit möglich, ist es für Kinder deswegen auch hilfreich, möglichst viel Sicherheit gebende Struktur anzubieten durch Nähe, Rituale und einen weitgehend geregelten Tagesablauf. Die Grundbedürfnisse des Kindes sollten erfüllt werden. Dies mag in Notsituationen schwierig sein, gerade wenn das gewohnte häusliche Umfeld fehlt, aber es ist hilfreich, im Rahmen der Möglichkeiten darauf zu achten, möglichst viel Struktur und Sicherheit zu vermitteln. Auch hier sollte dann, wenn dies nicht möglich ist, weitere Hilfe in Anspruch genommen werden. Es ist durchaus möglich, dass Eltern sich gerade in einer so schwierigen Situation befinden, dass es ihnen schwerfällt, das Kind selbst emotional aufzufangen. Hier braucht es dann Unterstützung durch Freunde, Familie oder andere qualifizierte (Fach-)Personen.

Gerade in Notsituationen erleben wir uns oft als hilflos und ausgeliefert – so geht es auch unseren Kindern. Wichtig ist daher, ihnen das Gefühl von Selbstwirksamkeit soweit möglich zurückzugeben: sie in Aufgaben altersangemessen einzubinden, ihnen Handlungsspielraum zu geben und das Gefühl, selbst etwas bewirken zu können und aktiv zu sein. Auch im Spiel können sie diese Selbstwirksamkeit erfahren und Eigenständigkeit ausleben. Durch das Gefühl der Selbstwirksamkeit kann ihre psychische Widerstandsfähigkeiten (Resilienz) gestärkt werden.

Eine Zusammenfassung der psychischen Ersten Hilfe für Kinder im Hochwassergebiet findet sich in dem „SEEBAER“ Konzept von Prof. Dr. Harald Karutz

Es gibt mittlerweile verschiedene Spendenaufrufe. Auf Nachfrage hat der Caritasverband für die Stadt Bonn e.V., der Gelder sammelt für die schwer betroffene Region Ahrtal, diese Spendenmöglichkeit benannt für finanzielle Hilfen für die schwer betroffene Region.

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Lerntrott und Hausaufgabenfrust ade: Neue Lernspiele, die für spaßige Lernabenteuer sorgen

Wer kennt das nicht? Wenn Kinder am Vormittag in der Schule sind, haben nur wenige
Lust, Zuhause am Schreibtisch ihre Hausaufgaben zu erledigen oder Wissenslücken zu
schließen: viel zu mühsam und langweilig. Besonders die Corona-Pandemie wirbelt
den Alltag der Schüler*innen durcheinander und stellt Familien vor erhebliche Herausforderungen. Distanz und Mundschutz im Unterricht, aber auch Homeschooling und digitale Unterrichtseinheiten sind anstrengend für alle Beteiligten. Immer wieder müssen
Kinder sich den Schulstoff selbständig erarbeiten und wiederholen. Eltern geraten an ihre
Grenzen, weil sie neben dem Beruf und Haushalt lehrende Tätigkeiten der Schule
übernehmen sollen. Es kann ganz schön kräftezehrend sein, die Kinder beim Lernen bei Laune zu halten und zur Erledigung ihrer Hausaufgaben zu motivieren. Schnell ist man überfordert – die Nerven liegen blank. Verabredungen mit Freunden, Toben auf dem Spielplatz oder Fahrrad fahren: All das ist für Kinder attraktiver, als am Schreibtisch zu sitzen. Wie können wir also die Lernmotivation steigern und dem Lernfrust ein Ende setzen?

Abwechslungsreiche Lernspiele für Zuhause und an der frischen Luft

Schluss mit trockenem Wiederholen: Vielfältige Lernspiele mit Bewegung und Spaß sind jetzt angesagt. Wir alle wissen, dass Kinder es lieben, die Welt zu entdecken, sich zu bewegen und zu spielen. Lernspiele mit Gute-Laune-Garantie sind da eine willkommene Abwechslung. Sie fördern die Motivation, weil sie das Lernen mit Freizeitaktivitäten verbinden. Deshalb lohnt es sich, die Begeisterung für Bewegung und Spiele mit dem Lernen zu verknüpfen. Spielerisches Lernen bereichert den Lernalltag enorm und entspannt viele Lernsessions. Der Lernstoff bleibt vor allem im Gedächtnis hängen, wenn das Lernen wirklich Freude macht. Abwechslungsreiche Lernspiele mit hohem Spaßfaktor bringen Schwung in den Schulalltag, vertreiben die Langeweile und stillen den Bewegungsdrang. Zudem erhöhen Lernspiele die emotionale und soziale, als auch motorische und kognitive Entwicklung der Kinder. Besonders bei trockenem Wetter erfreuen Lernsessions
unter freiem Himmel. Es gibt jede Menge unterschiedliche Materialien wie Wäscheklammern, Kastanien, Kreide, Sand, Wasserbomben, Knete etc., um ansprechende
Lernspiele zu kreieren.

Der Activity-Kreis/ Activity-Pfad

Der Activity-Kreis/ Activity-Pfad ist ein Lernspiel für draußen, bei dem die Kinder sich auch
bewegen können. Ob Rechenaufgaben, Vokabeln, Fragen oder Leseübungen: Das Lernthema variiert Ihr ganz flexibel. Dazu lässt sich das Lernspiel wunderbar an die Interessen des Kindes anpassen!


So geht`s:

  • Malt auf ein Pflaster mit Kreide einen Kreis oder Pfad mit 10-12 Feldern.
  • In jedes zweite Feld schreibt Ihr die Lerninhalte zum Üben.
  • Die „Activity“-Felder gestaltet Ihr mit tollen, kurzen Spielen oder Bewegungen, die das Kind ausführen kann, bevor es die Aufgaben löst.

Activity-Ideen für ein fußballbegeistertes Kind:

  1. Fußball hochhalten
  2. Fußball mit dem Kopf hochhalten
  3. Fußball um Hindernisse dribbeln
  4. Ein Hindernis abschießen etc.

Weitere vielfältige Activity-Ideen: 10x Seilspringen, Hula Hoop, Froschhüpfen, Rückwärts-
oder Slalom laufen, ein Ziel (Eimer) mit Bällen treffen, Ballon in der Luft halten, Balancieren,
mit Rollschuhen oder einem Skateboard zu einer bestimmten Stelle fahren, eine bestimmte
Gummitwist-Übung, Tischtennisball hochhalten etc.

Fahnen-Alarm

Euer Kind muss alle fünf Burgen mit den farbigen Flaggen erobern. Doch das wird gar nicht
so einfach. Schließlich meistert es einige Herausforderungen. Das Lernthema ist variabel
(Hier ein Beispiel zum Lernen der Irregular Verbs in Englisch).

Material drinnen: Papier, farbige Stifte, Schere, Spielfigur
Material draußen: Kreide, Papier, Schere, farbige Stifte

So geht’s:

  • Malt das abgebildete Spielfeld mit farbigen Stiften auf ein Blatt.
  • Tragt in die bunten Felder unterhalb der Burgen ein Verb der Irregular Verbs.
  • Stellt die Spielfigur auf ein beliebiges Startfeld am unteren Rand.
  • Schneidet aus einem weiteren Blatt Papier fünf Kärtchen aus. Auf jedes Blatt malt Ihr einen
    einzigen farbigen Punkt (gelb, rot, blau, hellgrün, dunkelgrün). Beim Umdrehen der Karte
    darf der farbige Punkt nicht erkennbar sein.

Dreht die farbigen Karten um und mischt sie. Zuerst nennt das Kind die weiteren
unregelmäßigen Formen zu dem Verb auf dem Startfeld der Spielfigur. Sind die Formen
richtig, darf es dem Pfeil auf das nächste Feld in der Reihe davor Richtung Burg folgen. Ist das Ergebnis falsch, zieht das Kind eine Karte. Ist die Farbe auf der Karte beispielsweise blau, stellt das Kind nun seine Spielfigur auf das blaue Feld in der gleichen Reihe und zieht von dort weiter. Erreicht das Kind eine Burg, ist sie erobert. Jetzt startet es wieder am unteren Spielrand auf einem beliebigen Feld, das es frei wählt. Draußen malt Ihr das Lernspiel auf das Pflaster mit Kreide. Das Kind läuft dann als Spielfigur von Feld zu Feld.

Zur Autorin:
Katharina Hilberg ist Diplom-Pädagogin mit jahrelanger Erfahrung in der Kinder- und
Jugendarbeit sowie Nachhilfe. Die 36-Jährige stellt in ihren beiden Bändern
„Hausaufgabenfrust ade! Lernen mit Spiel & Spaß“ sowie „Raus aus dem Lerntrott – Ab ins
Lernabenteuer! Lernen mit Spiel & Spaß“ über 80 tolle Lernspiele vor, die für Spaß beim
Lernen sorgen. Die Bücher sind lediglich auf ihrer Homepage
www.lernenmitspielundspass.de erhältlich.

Über die Scham, etwas falsch gemacht zu haben als Elternteil

Wir kennen ihn wohl alle, den Gedanken: „Das wollte ich nicht!“ oder „Oje, ich mache es immer wieder falsch!“ oder sogar „Ich bin einfach eine schlechte Mutter/ein schlechter Vater!“. Was es ist, das dieses Gefühl auslöst, kann ganz unterschiedlich sein: Während es bei einem Elternteil entsteht, weil es wirklich zu viel schreit, kann ein anderes Elternteil dieses Gefühl haben, weil das Kind sich das Knie schlimm aufgeschlagen hat, während man selbst gerade abgelenkt war. Jetzt, in diesem Artikel, soll es nicht um eine Bewertung dessen gehen, welche Situation dieses Gefühl konkret auslöst, sondern um unseren Umgang mit der Scham über Fehlerhaftigkeit im Familienalltag.

Fehler gehören in gewissem Grad dazu

Ja, wir machen Fehler. Wir alle. Jeden Tag und manchmal mehrmals am Tag. Wie schwer sie wiegen, ist ganz unterschiedlich. Und wie oft wir sie machen, ebenfalls. Dies hängt auch mit anderen äußeren Umständen zusammen: Haben wir gerade generell viel Stress, sind deswegen weniger feinfühlig und das Kind bringt mit seinem (vielleicht ganz normalem kindlichen Verhalten) das Stressfass zum Überlaufen?

Wir brauchen dringend eine größere Fehlertoleranz und eine Fehleroffenheit, von der aus es möglich wird, neu zu starten. Denn wir alle machen Fehler, jeden Tag. Viele davon verlaufen sich ohnehin im sonst liebevollen Alltag, andere können wir aufrichtig entschuldigen, und bei den dritten brauchen wir Hilfe – aber ohne Abwertung.

S. Mierau „Frei und unverbogen“ S.175

Ein gewisses Maß an Fehlern tolerieren unsere Kinder in ihrer Entwicklung. Nicht mit allen Fehlern schaden wir langfristig der Bindungsbeziehung. Es ist aber wichtig, dass wir über die Zeit hinweg und in der Mehrheit der Situationen unseren Kindern zeigen, dass sie sich auf uns verlassen können, dass wir sie schützen, dass wir sie lieben und respektieren.

Natürlich gibt es Dinge, die wir unbedingt vermeiden sollten: psychische und physische Gewalt. Wenn wir merken, dass uns dies schwer fällt, brauchen wir Unterstützung von professioneller Seite.

Die Scham-Falle

Scham allerdings kann uns schnell in einem Kreislauf gefangen halten, der die Veränderung behindert: Wir denken nur daran, dass wir gerade und immer wieder schlechte Eltern sind und dieses Denken behindert uns daran, uns den Ursachen zuzuwenden. Wir sind gefangen in der Scham. Nicht selten ist sie es auch, die uns daran behindert, uns Hilfe zu holen: im kleinen bei Freunde und Familie oder auch im großen bei Beratungsstellen. Denn wir denken „Andere bekommen das ja auch hin!“ oder „Dann denken/wissen auch die anderen, dass ich ein schlechtes Elternteil bin!“

Der Weg heraus aus der Schamfalle führt darüber, dass wir wirklich verinnerlichen, dass Elternschaft eben auch bedeutet, dass wir selbst noch lernen: Wir lernen dieses Kind kennen, das da so neu zu uns gekommen ist mit einem eigenen Temperament und Bedürfnissen, die manchmal mit unseren eigenen Bedürfnissen in Konflikt stehen. Wir lernen, uns als Eltern in dieser Gesellschaft zu bewegen und ecken hier und da an, müssen uns erst einmal unseren Weg suchen. Manchmal haben wir nicht sofort eine Antwort auf Fragen des Elternseins – auch das ist okay.

Hilfreich ist es auch, wenn wir einen Kreis von Menschen um uns haben, dem wir uns wirklich öffnen können. In dem wir gegenseitig von unseren Fehlern und Problemen berichten können. Mit der Toleranz gegenüber Fehlern können wir zudem selber gegenüber anderen anfangen: In unseren Köpfen, wenn wir das nächste Mal denken, dass diese Eltern auf dem Spielplatz ja scheinbar alles falsch machen und uns selbst innerlich korrigieren damit, dass dies, was wir gerade sehen, ein kleiner Ausschnitt ist aus einem anderen Leben. Oder auch im Internet, wenn wir kurz überlegen, einer fremden Person zu schreiben, dass das ja wohl völlig daneben ist, können wir kurz innehalten, nachdenken und einen Angriff in eine Unterstützung oder wirklich wohlgesonnene Frage umwandeln.

Steigen wir aus aus der Scham-Falle und überwinden wir sie auch gemeinsam durch eine neue Fehlertoleranz uns selbst und anderen gegenüber.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Der Mitteilungsdrang von Kindern

Stellen wir uns vor, wir Erwachsene reisen an einen Ort, an dem wir noch nie zuvor waren und dort sehen, riechen, spüren wir Dinge, die wir noch nie zuvor erlebt haben. Zufällig sind wir gemeinsam an diesem Ort mit einem Freund oder einer Freundin und zeigen hierhin und dorthin und machen mit Worten auf die erstaunlichen Dinge aufmerksam, die wir sehen. Stellen wir uns vor, dass unsere Reisebegleitung diesen Ort vielleicht schon kennt und ein wenig genervt ein „Ja…“ oder „Hm…“ oder vielleicht sogar ein „Ja, jetzt ist aber auch mal gut.“ hervor bringt. Und stellen wir uns auch vor, wie unsere Reisebegleitung auch anders reagieren könnte „Das findest du interessant? Lass uns das genauer ansehen.“ oder „Was findest du daran denn besonders schön?“. – Und nun stellen wir uns vor, dass nicht wir an der Stelle stehen, alles neu kennenzulernen, sondern unsere Kinder.

Die Welt ist voller Wunder

Jeden Tag erleben Kinder etwas Neues, etwas Aufregendes. Etwas, bei dem sie etwas lernen, das ihnen die Welt ein Stück weit näher bringt. Vielleicht ist es heute ein Insekt, das sie noch nie zuvor gesehen haben. Oder morgen entdecken sie, wie ein Stück Glas auf der Fensterbank funkelnde Lichtpunkte an die Wand zaubert. Oder sie haben am Vormittag im Kindergarten eine neue Fertigkeit entwickelt und sind weiter gesprungen, höher geschaukelt, schneller gerannt als je zuvor. Über viele Jahre gibt es in ihrer nahen Umgebung unglaublich viele neue Dinge zu entdecken und zu erfahren.

Dieses selbständige Entdecken der Welt ist für unsere Kinder von besonderer Bedeutung. Sie erfahren sich als wirksam: sie können selbst Dinge erreichen, neue Erfahrungen machen, etwas lernen. Sie können die Welt tatsächlich verändern und sehen, wie das mit ihren wachsenden Fähigkeiten geht. Die Freude über dieses Können, diese Möglichkeit, wollen sie mit ihren nahen Bezugspersonen teilen und von ihnen in deren Blicken, Worten und in der Mimik die eigene Freude widergespiegelt bekommen. Wir müssen Kinder nicht beständig loben für ihre Erkenntnisse, aber Kinder wollen darin gesehen werden, dass sie die Welt be-greifen und verändern. Dies gibt ihnen einen Ansporn, weiter zu machen, neugierig zu bleiben – eine besonders wichtige Eigenschaft für ihre Zukunft.

Mitteilungsbedürfnisse begleiten statt stoppen

Je nach Temperament des Kindes geht es mit den Neuentdeckungen in dieser Welt anders um: Einige Kinder beobachten lange, still und ausgiebig und stellen dann gezielte Fragen oder erzählen nur wenig. Andere hingegen erzählen ausführlich in Details, was sie erlebt und wahrgenommen haben. Wie auch immer unser Kind damit umgeht und welche Art von Mitteilungsbedürfnis es hat: es ist gut und wichtig, dass es sich mitteilen kann. Wir sollten diese Mitteilungen nicht stoppen, weil wir diese Information schon haben, weil wir schon wissen, dass Ameisen auch riesige Krümel tragen können, weil es uns gar nicht so relevant erscheint, dass das Kind nun allein hoch schaukeln kann ohne angeschubst zu werden. Ja, wir haben einen Informationsvorteil, einen -vorsprung. Wir wissen viele Dinge besser aus unserem Erfahrungswissen und natürlich gibt es im Vergleich auch andere Kinder, die Dinge besser, schneller etc. können. Und ja: Manchmal ist es tatsächlich für uns Erwachsene auch langweilig, sich lange Geschichten von Kindern anzuhören. Und dennoch ist es wichtig, dass wir eben als Erwachsene handeln und unsere Kinder mit Respekt liebevoll begleiten. Und das bedeutet, dass wir offen sind für die Wunder, von denen sie uns berichten wollen und dass wir uns an dem Funkeln in ihren Augen auch dann erfreuen, wenn wir selbst diese Erfahrung nicht ganz so mitreißend finden – vielleicht nicht wegen des Inhalts des Gesagten, sondern wegen des Kindes, das sich so sehr freut.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

„Einfach Halloween“ zu Hause feiern

Halloween steht vor der Tür und auch hierzulande wurde in vielen Städten und Gemeinden die amerikanische Tradition übernommen. Dort gehen Kinder insbesondere von Tür zu Tür, um Süßigkeiten zu sammeln. In diesem Jahr ist jedoch alles etwas anders und die Umzüge sollten ausfallen. Aber auch zu Hause lässt sich mit Kindern ein schönes Fest feiern – und die Dekoration muss auch nicht teuer eingekauft werden oder aus Plastik bestehen, sondern kann mit wenigen Materialien zu Hause selbst hergestellt werden.

Kleine Geister aus Stoffservietten oder Stoffresten

Wer weiße Stofftaschentücher, Servietten oder einfach einen quadratischen Stoffrest zu Hause hat, kann daraus mit wenigen Handgriffen ein kleines Gespenst zaubern. In der Mitte des Tuches wird ein Kopf mit etwas Schnur abgebunden, indem ein kleiner Wattebausch, eine Kugel oder ähnliches liegt. Aus zwei Ästen wird mit Hilfe einer Schnur ein Kreuz gebunden. Die vier Ecken des Tuches werden dann mit einer Schnur an den Enden des Kreuzes befestigt. So kann das kleine Gespenst aus dem Fenster schauen.

Geisterlichter aus Einmachgläsern

Ein altes Schraubglas kann mit etwas Mehlkleber, Transparentpapier und schwarzer Pappe schnell in ein Geisterlicht verwandelt werden. Für den Mehlkleber wird eine Tasse Mehl mit einer 3/4 Tasse Wasser zu einem Brei verrührt. Mit diesem kann das Transparentpapier dann in kleinen Stücken auf das Marmeladenglas geklebt werden. Abschließend werden zwei ovale Augen aus schwarzer Pappe aufgeklebt. Teelicht hinein, fertig!

Spinnenweben aus Zahnstochern und Kastanien

In eine Kastanie werden ringsum gleichmäßig verteilt 5 Zahnstocher gestochen. Zwischen diesen Zahnstochern wird dann von Zahnstocher zu Zahnstocher das Spinnennetz gewebt. Die Kastanie ist die Spinne, die in der Mitte sitzt. Diese Spinnennetze können dann am Fenster aufgehangen werden.

Gerippe aus Stöcken schnell geklebt

Noch schnell einen kleinen Ausflug machen, um im Wald oder Park ein paar unterschiedlich lange Äste zu sammeln. Diese können dann mit Heißkleber oder Nägeln zu einem Skelett verbunden werden mit einem Gesicht aus Pappe oder Baumrinde.

Gruselfühlkisten basteln

Vielleicht habt Ihr ja noch Schuh- oder Pappkartons zu Hause, die schnell mit einem kleinen handgroßen Loch in eine Fühlkiste verwandelt werden können. Ansonsten können auch Schüsseln genommen werden, die einfach mit einem Tuch verhangen werden, unter das die Kinderhand dann schlüpft. Im Karton oder in der Schüssel befinden sich dann unterschiedliche Dinge, die erfühlt werden können: zum Beispiel etwas haarige Wolle, ein Wattebausch, selbstgemachter Schleim, ein nasser Waschlappen, Kiefernadeln, etwas feuchtes Gras oder trockene Blätter.

Eine andere Variante des Spiels: Aus den gefüllten Kisten muss ein Gegenstand herausgesucht werden.

In der Hexenküche

Kleine Kinder matschen, rühren und füllen oft gern um. In der Halloween-Edition dieses Spiels können wir einen ausgehölten Kürbis als Hexenkochtopf nutzen. Hinein kommen kann entweder einfach Matschepampe aus dem Garten oder vom Balkon zum Rühren, Klecksen und Umfüllen. Oder es kommt ein selbstgemachter Schleim hinein oder mit Lebensmittelfarbe gefärbtes Wasser.

Mit größeren Kindern kann auch ein Experiment gemacht werden: Der überlaufende Kürbis. Hier wird Natron mit etwas Farbe vermischt und in den Kürbis gegeben und mit Apfelessig aufgegossen, so dass Schaum entsteht, der aus dem Kürbismund herauslaufen kann.

Geister- und Monsterbücher vorlesen

Eine Vorlesezeit bei Kerzenschein im Dunkeln ist ein weiterer einfacher Programmpunkt für eine Halloweenfeier zu Hause. Dabei kann dann auch als Thema aufgegriffen werden, dass Geister und Monster gar nicht gruselig sind und/oder Kinder keine Angst davor haben müssen – das ist ohnehin ein wichtiger Punkt bei diesem Fest, bei dem sich Kinder damit auseinandersetzen können, was gruselig ist, warum und wie sie mit solchen Ängsten umgehen und wie sie von ihren Eltern begleitet werden können. Eine Sammlung an Büchern zum Thema findet Ihr hier.

Ein kleines Grusel-Buffel anbieten

Es gibt zahlreiche Rezepte für Halloween mit mehr oder weniger großem Aufwand für gruselige Suppen mit Roter Beete, Kürbissuppen, auf die aufgrund ihrer dicken Konsistenz mit Kürbiskernöl und/oder Schmand Gesichter und Geister aufgezeichnet werden können. Tomaten können mit einem scharfen Messer und etwas Gurkenfüllung wie Halloween-Kürbisse aussehen oder Nachos können mit einer gruseligen Guacamole angeboten werden, die aus einem kleinen Kürbis herausläuft. Der Süßigkeiten anbieten möchte, kann kleine weiße Schaumküsse mit Zuckeraugen bekleben – so werden sie blitzschnell zu kleinen Geistern. Und Brezeln werden durch Zuckeraugen zu kleinen Fledermäusen. Zwei Kekse zwischen die ein Halbkreis aus Mini-Marshmallows geklebt wird, sehen aus wie ein Mund mit Zähnen.

Mit diesen Ideen wird Halloween auch zu Hause zu einem schönen Fest im kleinen Kreis.
Eure

Raus in den Wald – Bücher für Waldausflüge mit Kindern

Ausflüge mit den Kindern in den Wald sind wunderbar – in jeder Jahreszeit. Im Winter können Spuren im Schnee betrachtet werden und man lauscht den Geräuschen, im Frühling wird beobachtet, wie die Natur erwacht, im Sommer bietet der Wald Kühle und Schatten zum Spielen, in Herbst werden Pilze gesammelt und Naturmaterialien, die dann im Winter verbastelt werden können. Ein paar schöne Bücher, die noch weitere Waldideen beinhalten, findet Ihr hier:

aus: 100 Dinge, die du im Wald tun kannst

100 Dinge, die du im Wald tun kannst

In den Wald gehen, um spazieren zu gehen? Ja, aber es ist noch so viel mehr möglich. 100 Ideen hat Jennifer Davis in ihrem Buch „100 Dinge, die du im Wald tun kannst“ (Amazon* | Buch 7* | Buchhandel) gesammelt: Hier finden sich Inspirationen für unterschiedliche Altersgruppen wie das Sammeln essbarer Wildblumen, waldtaugliche Yogaübungen, Fußspurensuche, Blattkunst, das Bauen eines Unterschlupfes und viele andere Dinge. Nicht alle Ideen darin sind für kleine Kinder (oder überhaupt Kinder) gedacht, aber das Buch zeigt die Vielfalt auf der Dinge, die möglich sind und dass ein Waldbesuch überhaupt nicht langweilig ist, sondern es jedes Mal neue Ideen geben kann, um den Wald auf eine andere Weise kennenzulernen. Auch für uns regelmäßige Waldbesucher waren noch ein paar neue Ideen dabei, wie die Idee, einen Spaziergang mit Hilfe eines Würfels zu machen, der vorgibt, wohin gelaufen wird.

aus: Die kleine Waldfiebel

Die kleine Waldfiebel

In der kleinen Waldfiebel von Linda Wolfsgruber (Amazon* | Buch 7* | Buchhandel) finden sich Informationen rund um den Wald für Kinder ab dem Schulalter. Mit dem Buch geht es auf eine informative und poetische Reise durch das Jahr im Wald. Hier finden sich die unterschiedlichen Baumarten vom Ahorn bis zur Zirbe, es finden sich Gedichte darin, Waldfrüchte samt passenden Rezepten. Das besondere Detail sind die Baumportraits, bei denen sich einige Abbildungen auf durchsichtigem Papier befinden, so dass der Baum einmal mit Blättern und einmal ohne betrachtet werden kann. Die kleine Waldfiebel ist ein sehr sanftes, ruhiges Buch über den Wald mit schönen, dazu passenden Illustrationen. Ein Buch, das tatsächlich ein wenig den Jahreslauf im Wald begleiten kann.

aus: Im Wald wird’s eng

Im Wald wird’s eng

In ihrem Buch „Im Wald wird’s eng“ (Amazon* | Buch 7* | Buchhandel) zeigt Annegrit Ritter ein großes Problem auf: Die Verdrängung der Waldgebiete mit ihren Folgen für die Tiere. Sie erklärt dies anschaulich anhand von Förser Bruno, dessen Wald immer kleiner wird. Die Tiere ziehen in die Stadt um, die für sie gefährlich ist. Dort passen sie sich den neuen Lebensbedingungen an und auch die Menschen gewöhnen sich an die Tiere. Das Buch verfügt über viele einfache Bilder, in denen mit Kindern zusammen viel entdeckt wird und das auch zur Reflexion einlädt über die Tiere, die in den Städten zu finden sind. Ein wenig fehlt jedoch am Ende der Aufruf, dass wir uns dennoch dafür einsetzen müssen, dass Wälder nicht noch kleiner werden und wir im Gegenteil darauf hinarbeiten müssen, wieder mehr passenden Lebensraum für die Tiere zur Verfügung zu stellen – denn nur die Anpassung der Tiere an die Stadt kann ja nicht die Lösung sein.

aus: Ales über Bäume

Wieso? Weshalb? Warum? Bilderbücher mit Klappen

Für jüngere Kinder, die Informationen zu den Bäumen im Wald haben wollen, finden sich viele Fakten in diesem Buch. Die Serie „Wieso? Weshalb“ Warum?“ aus dem Ravensburger Verlag hat für viele Themen schön aufgearbeitete Kinderbücher. Auch rund um Pflanzen und Natur gibt es hier die passenden Bücher für Kinder von 4 bis 7 Jahren.

Im Buch „Alles über Bäume“ (Amazon* | Buch 7* | Buchhandel) erfahren Kinder, was ein Baum ist, wie unterschiedlich Bäume sind, wo sie wachsen und überall zu finden sind. Außerdem wird der Aufbau von Bäumen (einzelne Schichten den Stamms ebenso wie Unterteilung in Wurzeln, Stamm, Krone) erklärt und das Wachstum vom Samen bis zum Baum nachgezeichnet. Letztlich wird auch darauf eingegangen, wo wir im Alltag überall Holz finden und warum es wichtig ist, Bäume zu schützen. Ein Eichhörnchen begleitet dabei von Doppelseite zu Doppelseite durch das Buch. Hervorzuheben ist auch, dass das Buch Kinder unterschiedlicher Hautfarbe abbildet und damit nebenbei auf natürliche Weise einen Aspekt gesellschaftlicher Vielfalt abbildet. Die vielen Klappen machen das Vorlesen interaktiv und helfen, einige Aspekte noch einmal visuell zu verdeutlichen. Als Begleitung für Projekte rund um das Thema „Bäume“ ist dieses Buch sehr hilfreich und bietet auch für Erwachsene spannende Informationen.

aus: Pilze. Verrückte Fakten über Fliegenpilz, Hefe und Co.

Was finden wir im Wald? Pilze!

Wenn wir im Wals unterwegs sind, macht es Spaß, Dinge zu sammeln: Stöcke und Steine sind ja oft von Kindern bevorzugt, aber auch Moos und Tannenzapfen sind beliebt. Und besonders im Herbst ist natürlich auch Zeit für das Pilzesammeln. Wichtig ist natürlich, sich mit Pilzen auszukennen. Viele spannende Informationen für Kinder ab 8 Jahren (und auch noch viel Wissenswertes für Erwachsene) findet sich im Buch „Pilze. Verrückte Fakten über Fliegenpilz, Hefe und Co.“ von Asoa Gwis und Liliana Fabisnska (Amazon* | Buch 7* | Buchhandel). Hier erfahren Kinder wirklich alle wichtigen Informationen rund um Pilze, immer wieder auch mit dem Hinweis, dass diese auch giftig sein können. Außerdem gibt es neben einer Übersicht über die vielen Pilzarten und ihre Nutzung auch einige Rezepte. Ein Buch, das so richtig Lust macht auf das Pilzesuchen oder zumindest -ansehen.

Pipias Abenter – Manege frei für den Waldzirkus

Pinipas Abenteuer – Manege frei für den Waldzirkus

Von Pinipa gibt es schon eine ganze Serie, in der ihre Abenteuer beschrieben werden. Nun hat es Greta mit ihrer geheimen Freundin Pinipa auf eine Gartenparty an einem Wald verschlagen. Leider ist es dort so langweilig, dass Greta einschläft. Pinipa aber organisiert in der Zwischenzeit gegen die Langeweile einen Waldzirkus und besucht die Waldtiere: den Mistkäfer, der auf seinem Mistball balanciert, das Eichhörnchen, das akrobatisch am Baum turnt, der zaubernde Rabe, die anderen Vögel, die Nester flechten, zimmern oder maurern und viele andere. Auf der Reise durch den Wald werden so auf verspielte Weise die Tiere des Waldes vorgestellt mit ihren jeweiligen Besonderheiten und eröffnen so einen neuen und spannenden Blick auf das Leben der Tiere und ihre Eigenschaften. „Pinipas Abenteuer. Manege frei für den Waldzirkus“ (Amazon* | Buch 7* | Buchhandel) ist deswegen ein schönes Buch, das das Interesse am Wald und an Ausflügen dorthin, auf denen dann Tiere gesucht und beobachtet werden, weckt.

aus: Das große Buch vom Schnitzen

Das große Buch vom Schnitzen

Frank Egholms „Das große Buch vom Schnitzen“ (Amazon* | Buch 7* | Buchhandel) ist eine schöne Idee für die Verarbeitung der vielen Stöcke, die im Wald gesammelt werden bzw. als Inspirationsquelle, was mit Schnitzmesser direkt im Wald gemacht werden kann. Neben grundlegendem Wissen finden sich hier viele kleine Anleitungen, wie man Zwerge und Vögel schnitzen kann oder sogar Brett- oder Fädelspiele. Eher für die erwachsene Hand ist dann die Anleitung zum Schnitzen einer Rassel. Ein schönes Buch für alle, die das Schnitzen lieben oder damit beginnen möchten. Oder zusammen mit einem Schnitzmesser ein tolles Geschenk.

* Transparenz:
Dieser Artikel enthält Affiliate-Links zu Amazon und Buch7, durch die Geborgen Wachsen im Falle einer Bestellung eine Provision erhält, ohne dass für Euch Mehrkosten anfallen. Wir empfehlen dennoch, den lokalen Buchhandel durch das Einkaufen vor Ort zu unterstützen. Viele Bücher gibt es darüber hinaus zum Ausleihen in den öffentlichen Bibliotheken. Hier kann beispielsweise nach Büchern in den Bibliotheken in Berlin-Brandenburg gesucht werden.
Die vorgestellten Bücher wurden auf Anfrage von den Verlagen als Rezensionsexemplare zur Verfügung gestellt.