Über das Ankommen

Wie oft bin ich im Leben irgendwo neu angekommen? Bei einem neuen Job, in einem anderen Land oder einer anderen Stadt, bei anderen Menschen, die ich erst kennenlernen musste? Immer wieder ein neues Kennenlernen, ein vorsichtiges Umsehen. Auch als Mutter komme ich mit jedem Kind neu an, so wie meine großen Kinder neu ankommen als große Geschwister, mein Mann als Vater und schließlich das Baby als neues Familienmitglied, als kleiner Mensch, der noch nichts gesehen und erlebt hat auf der Welt und für den alles neu ist.

Das Wochenbett ist eine Zeit des Ankommens: im neuen, alten, anderen Körper, im Leben als Familie, im Leben überhaupt. Wenn ich in dieser Woche meinen Babysohn beobachtet habe, ist mir wieder deutlich geworden, welch großes Wunder dieses Ankommen ist und welch große Leistung unsere Kinder vollbringen. Und auch, wie wichtig es ist, dass wir ihnen Ruhe und Zeit dafür geben.

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Stellen wir uns einen Moment vor, woher unsere Kinder kommen: Aus der fast Schwerelosigkeit unseres Körperinneren mit behaglicher Wärme, immer dauernden Geräuschen, wenig Lichteindrücken, nahezu immer sanft gewiegt und im Körperkontakt, ohne Hunger. Dieses Bild des Lebens vor der Geburt sollten wir uns immer wieder vor Augen führen, wenn wir uns fragen, was Neugeborene für ein gutes Ankommen auf der Welt brauchen. Die Antwort darauf ist nämlich erst einmal ganz einfach: uns. Sie brauchen einen Menschen, der ihnen den Übergang in dieses Leben, das so anders ist, erleichtert. Einen, der sie sanft begleitet und ihre Bedürfnisse wahrnimmt.

Für das Baby gilt, was für alle Menschen gleichermaßen in Situationen bedeutsam ist, in denen sie sich fremd und allein fühlen: Ein vertrauter Mensch an der Seite, der beruhigt und liebevoll unterstützt, ist eine große Hilfe.
aus: Geborgen Wachsen

Zum ersten Mal spüren sie, wie sich Hunger anfühlt, wie die süße, warme Milch in ihren Mund fließt und auch, was Verdauung ist und wie es sich anfühlt, wenn diese Milch vielleicht wieder in den Mund zurück kommt aus dem Magen. Eindrücke, die das Baby bisher gar nicht hatte. Sie sind neu, erschreckend, vielleicht manchmal auch schmerzhaft oder zumindest unangenehm. In Worte fassen kann es all dies noch nicht, noch nicht einmal verstehen. Es weint und möchte von uns beruhigt werden. Uns, die wir das einzig Beständige momentan sind in diesem Leben. Wir sind der Anker unserer Kinder. Wir sind da, um sie auf diesem Weg zu begleiten, ihnen Angst zu nehmen, sie zu beruhigen und mit unserer Liebe und Zuwendung einen guten Start zu geben.

Durch unsere Nähe fühlen sich Babys sicher: Durch Hautkontakt, Massagen, Stillen, sensibler Körperpflege und liebevoller Interaktion wird u.a. Oxytozin ausgeschüttet. Oxytozin bringt Entspannung, mildert Ängste, verringert den Kortisolspiegel, verbessert die Wundheilung und regt das (Nerven-)Wachstum an. Außerdem ist es das Bindungshormon, das dafür sorgt, dass das zarte Band zwischen Eltern und Kind geknüpft wird. – All dies zeigt uns, dass das Baby jetzt vor allem und zu möglichst viel Zeit Körperkontakt braucht, damit es mit den neuen Anforderungen des Lebens zurecht kommen kann. Nachdem es in uns lebte, lebt es eine Weile auf uns.

Und neben einem Menschen, der da ist und sich dem Baby annimmt braucht es vor allem noch eine andere Sache: Zeit. Die Anpassung an dieses neue Leben geht nicht von heute auf morgen. Es braucht Tage und Wochen. Ja vielleicht sogar Jahre. Wenn wir ein Baby im Wochenbett beobachten, sehen wir, wie es jeden Tag die Augen ein wenig länger offen hält. Wie es erst unsicher umher schaut und irgendwann mit dem Blick hängen bleiben kann. Es erfährt Tag für Tag mehr, welche Personen um es herum für ihn sorgen, macht sich mit der Welt vertraut. Es kommt an – nach und nach mit all seinen Sinnen.

Geben wir unseren Kindern zum Ankommen in diesem Leben also das, was sie jetzt gerade brauchen: Unsere Nähe, Zuwendung und Zeit. Bieten wir ihnen das, was wir uns alle eigentlich wünschen, wenn wir mit einem neuen Abschnitt des Lebens beginnen.

Eure
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6 Kommentare

  1. Das hast du so schön geschrieben und es ist so wahr!
    Vielen Dank für deine wunderbaren Worte und „Augenöffner“.
    Weiterhin viel Freude beim gemeinsamen Ankommen!

  2. Ich wünschte, als ich vor neun Jahren im Wochenbett war, hätte ich solche berührenden Worte gelesen. Das hätte mir viel Ruhe und Selbstvertrauen gegeben.
    Doch auch jetzt berührt mich was du schreibst. Vielen Dank ♡
    Gruß Sandra

  3. Neben dem Einfühlen in das Neugeborene, das ja gerade eine Weltreise hinter sich hat, finde ich im Wochenbett ganz wichtig, sich Zeit zu gönnen – endlos viel Zeit. Zeit, das Neugeborene zu bestaunen, es kennen zu lernen, sich treiben zu lassen. Man hat – gerade mit mehreren Kindern – nie wieder so viel Zeit wie im Wochenbett, wenn all die Alltagsverpflichtungen noch von lieben Menschen und vielen helfenden Händen übernommen werden.

  4. kidsaholic

    Danke, für diesen berührenden Text! Leider, kommen für mich diese Worte 3 Jahre zu spät. Bei meinem 1. Kind, habe ich mir im Wochenbett viel Zeit gelassen. Mich ausgeruht und rund um die Uhr mein Baby bestaunt, gestreichelt, gekuschelt… Bei unserem 2. Kind war alles anders. Wenige Stunden nach der Geburt bin ich zu Hause herumgelaufen und habe aufgeräumt. Ist das zu fassen?? Ich war unruhig, und fühlte mich innerlich zerrissen. Ich hatte das Gefühl, keinem der beiden Kinder gerecht zu werden. Im Nachhinein betrachtet, lief im Wochenbett bei meinem 2. Kind so ziemlich alles falsch und es tut mir so unendlich leid :´( Für mich, meine Erstgeborene aber vor allem für mein Neugeborenes! Mein kleines Baby, hatte merklich Schwierigkeiten „gut und geborgen anzukommen“, wofür ich mir heute die Schuld gebe. Ich wünschte, ich könnte die Uhr zurückdrehen um es wieder gut zu machen!

  5. Tanja Weigl

    Willkommen im Leben kleiner Mann!
    Willkommen liebe Familie in eurem neuen Abschnitt!
    Alles Liebe, Tanja

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