Ich spüre nicht die Liebe

Und da liegt es dann, dieses kleine Wesen in unserem Arm. Nach einer längeren oder kürzeren, nach einer einfachen oder schweren Geburt. Wir blicken es an, berühren es, staunen über den kleinen Menschen, der dort im Arm liegt – und fühlen… Ja, was eigentlich? Ja, es gibt die Liebe auf den ersten Blick. Die Liebe, die sich an die Geburt anschließt und sofort erscheint und einen wie eine Welle überrollt voller Emotionen. Neben dieser gewaltigen Flutwelle gibt es aber auch kleine Wellen oder auch erst einmal Ebbe. Es ist unterschiedlich, wie wir uns nach der Geburt fühlen und es ist unterschiedlich, was wir nach der Geburt fühlen.

Die große Angst

Wenn sich dieses große Gefühl direkt nach der Geburt erst einmal nicht einstellt, schleicht sich oft langsam die Unsicherheit ein: Du müsstest doch aber jetzt…? Warum fühlst Du jetzt nichts? Und diese Unsicherheit sich selbst gegenüber wandelt sich nicht selten dann in eine Angst: Wenn ich keine Liebe fühle, was tue ich meinem Kind an? Bindung ist so wichtig, mein Kind wird es immer schwer haben, wenn ich es jetzt nicht liebe!

Es ist gut, wenn dieses Gefühl in Worte gefasst wird, wenn es gegenüber Partner*in oder Hebamme formuliert wird. Dann kann beruhigt und geholfen werden. Nicht selten aber überwiegt erst einmal die Scham, die still macht. Die dazu führt, über die fehlenden Gefühle nicht zu sprechen, sondern diese schweren Gefühle und Gedanken in sich zu tragen, in sich zu konservieren und zu hoffen, dass es irgendwann anders wird oder sich irgendwie damit abzufinden.

Manchmal kommt die Liebe später

Wir müssen uns aber nicht schämen, wenn die Liebe nicht sofort kommt. Manchmal stehen andere Empfindungen nach der Geburt im Vordergrund und es ist kein Raum dafür da, gerade die Beziehung zum Kind einzugehen: die Geburt muss verarbeitet werden, Traumata verarbeitet werden, die Rahmenbedingungen der neuen Familie sind schwierig oder der Start war unglaublich Kräftezehrend und die Beziehung konnte nicht aufgebaut werden, weil vielleicht das Kind oder die Mutter medizinisch versorgt werden mussten und keinen Kontakt hatten. Es kann viele Gründe dafür geben, dass das Gefühl der Liebe erst einmal nicht da ist.

Was tun, wenn die Liebe auf sich warten lässt?

Wenn sich das Gefühl der Liebe nicht zeigt, müssen sich Eltern also nicht schämen. Gut ist es aber, das fehlende Gefühl Fachpersonen gegenüber anzusprechen. Die erste Anlaufstelle kann die Hebamme sein. Sollte keine vorhanden sein, die Frauenärztin/der Frauenarzt, die entsprechend weiter verweisen können. Aber auch Familienberatungsstellen und auch der Verein Schatten und Licht können weitere Unterstützung bieten.

Je nach Ursache können Fachpersonen dann verschiedene Methoden anwenden, um den Gefühlsweg zwischen Baby und Elternteil anzubahnen: Das kann nach einer als traumatisch erlebten Geburt ein Bondingbad (pdf) sein oder aber eine Gesprächstherapie oder andere Form der Begleitung.

Schade ich meinem Kind?

Die häufigste Angst bei fehlender Liebe ist, dem Kind damit zu schaden, wenn nicht von Anfang an tiefe Emotionen gefühlt werden, sie kann in einen regelrechten Bindungsstress verfallen. Wichtig ist zunächst, dass die grundlegenden Bedürfnisse des Kindes befriedigt werden: es gut versorgt wird in allen Bereichen der Pflege und Ernährung, dass es Körperkontakt hat und angesprochen wird. Durch dieses Gefühl des sicher umsorgt Werdens baut sich beim Kind die Bindung zur Bezugsperson aus, denn von Seiten des Kindes ist Bindung zunächst ein Sicherheitssystem, wie der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotraumatologe Prof. Dr. Karl-Heinz Brisch es formuliert. Das Kind vertraut darauf, dass sein Leben sicher ist und es Erwachsene gibt, die sich darum sorgen. Die Art der Interaktion wirkt sich dann auf die tatsächliche Art der Bindungsbeziehung aus. Aber: Bindung braucht Zeit. Auf Seiten des Kindes wie auch der Erwachsenen.

Erwachsene gehen nach und nach eine Bindung zum Kind ein und diese langsame Bindungsentwicklung ist in Anbetracht der Menschheitsgeschichte und früher hohen Säuglingssterblichkeit durchaus sinnvoll. Bis das Bindungsmuster vollständig aufgebaut ist, dauert es etwa drei Jahre. Zwar werden im ersten Jahr die Grundlagen gebildet und um den ersten Geburtstag herum zeigt das Kind dann jene Verhaltensweisen, die wir als Ausdruck von Bindungsbeziehungen kennen: Es versucht aktiv, Nähe herzustellen und reagiert mit Abwehr auf Trennung, sucht Sicherheit bei der Bindungsperson und erkundet von ihr ausgehend die weitere Umgebung und kehrt wieder zurück, wenn es das braucht.

Wenn es mir schwer fällt

Wenn es also einem Elternteil schwer fällt, eine tiefe emotionale Verbundenheit zum Kind aufzubauen, ist es – wie schon erwähnt – sinnvoll, sich Hilfe zu holen. Darüber hinaus sollte sicher gestellt werden, dass eine andere Bezugsperson jene Verbindung aufbaut, die vielleicht aktuell noch fehlt. Das kann der andere Elternteil sein oder aber auch weitere Familienmitglieder, die sich aktiv und viel um das Kind kümmern können. Im Laufe des Lebens wird das Kind viele Bindungen zu unterschiedlichen Personen aufbauen in unterschiedlicher Art und unterschiedlicher Qualität. Die eigene tiefe Bindung kann ebenso später aufgenommen werden, wenn eventuelle Hindernisse beseitigt sind. Auch wenn erst zu einem späteren Zeitpunkt diese tiefe Verbundenheit empfunden und ausgebildet wird, ist sie deswegen nicht einer schlechteren Qualität. Manchmal braucht Liebe Zeit.

Es ist wesentlicher häufiger, dass die anfängliche Verliebtheit fehlt, als wir oft denken, Nur sprechen viele Eltern nicht darüber. Traut Euch, Gefühle und fehlende Gefühle anzusprechen.
Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Weiterführende Literatur:
Mierau, Susanne (2019): Mutter.Sein – Von der Last eines Ideals und dem Glück des eigenen Wegs.
Brisch, Karl-Heinz (2010): SAFE – Sichere Ausbildung für Eltern. Stuttgart: Klett-Cotta.
Meissner, Brigitte (2013): Emotionale Narben aus Schwangerschaft und Geburt auflösen. – Brigitte Meissner Verlag.

4 Kommentare

  1. Danke für diesen Beitrag. Wirklich ein Thema, über das kaum jemand spricht.

    Ich hab es auch erlebt:
    2017 kam meine Tochter zur Welt
    Aber die Geburt war furchtbar und ich war einfach froh, dass es vorbei war.
    Erst mehrere Stunden nach der Entbindung kam sie zu mir. Sie schrie mehrere Stunden am Tag und das stillen klappte nicht gut.
    Kurz: ein holpriger Start.
    Alle schauten verliebt das Baby an- und ich war einfach nur fertig und erschöpft und an mancher Stelle überfordert- aber diese tiefe liebe fehlte.
    Das machte mich traurig und ich schämte mich, dass ich nicht die Mutter war, die ich sein wollte.

    Es dauerte einige Wochen bis ich selbst mein Kind so verliebt (an)sehen konnte.
    Mir half, das Ganze zu verbalisieren und viel Re-bonding, Zeit nehmen zum kuscheln, viel Ruhe für uns zwei.

    Heute ist meine Maus fast 3 Jahre- und sie ist meine kleine große Liebe.

  2. Was für ein wichtiger und schöner Text! Vielen Dank, liebe Susanne!
    Ich habe selbst, nach einer eher traumatischen Geburt (ungewünschter Kaiserschnitt) dieses Gefühl gehabt, eben erstmal gar nichts zu empfinden außer unendlich großer Erschöpfung (und entsprechendem Überfordertsein mit dem kleinen Wesen, das eine ebenso traumatische Erfahrung hinter sich gebracht hatte) und tatsächlich habe ich auch mit niemandem darüber gesprochen, weil ich dachte, es sei eben nicht normal, wenn die Flutwelle der Liebe, von der alle immer sprechen, einen nicht gleich überrollt …
    Glücklicherweise hatte ich einen Mann an meiner Seite, dessen Liebe gleich beim ersten Blick ausbrach und der dann auch viel von den Dingen jenseits des Stillens und Tragens übernahm – wie zum Beispiel das Baby zum Lachen bringen … für solcherlei Späße fehlte mir recht lange die Kraft …
    Heute ist sie neun Jahre alt, unsere Tochter und wir sind uns sehr innig verbunden. Dafür bin ich unendlich dankbar. Auch dafür, dass ich mir viel Zeit nehmen konnte für sie – die haben wir, glaube ich, beide gebraucht.

    Danke für Deine Arbeit, liebe Susanne, sie ist so wahnsinnig wertvoll und wichtig!

  3. Danke für deinen Text zu diesem wichtigen Thema.
    Ich mochte aus meiner Erfahrung noch zwei Punkte ergänzen/hervor heben:
    1. auch ohne Unterstützung kommt die Liebe in der Regel mit der Zeit. Ich konnte anfangs meine (fehlenden) Gefühle gar nicht so zuordnen und benennen, ich hätte gar nicht gewusst was ich meiner Hebamme sagen soll. Ich hab mir eine Weile eingeredet dass das Liebe ist was ich da fühle… Und ich war so überfordert mit allem ich hätte es nicht geschafft mir Hilfe zu organisieren und dort regelmäßig hin zu gehen. Termine haben mich extrem gestresst das erste halbe Jahr.
    2. Trotz perfekter Rahmenbedingungen kann es dauern bis die Gefühle so richtig da sein. Bei mir gab es weder eine traumatische oder besonders schwierige Geburt (klar, krass anstrengend war sie natürlich) noch Startschwierigkeiten im klassischen Sinne, also beim stillen oder mit besonders starkem Schreiverhalten. Ich hatte gute Rahmenbedingungen, ein unterstützendes Umfeld, mein Kind war ein absolutes Wunschkind…

    Bei mir blieb die tiefe Liebe zu diesem kleinen Baby anfangs aus, oder jedenfalls sehr sehr viel weniger als erwartet. Das hat mich irritiert und verunsichert. Ich habe einfach extrem gebraucht um in meine neue Rolle zu wachsen. Die Liebe kam ganz leise Tag für Tag. Nach 4 Monaten fühlte es sich okay an, nach 6 gut und ich glaube so spätestens kurz vor dem ersten Geburtstag war ich gefühlsmäßig da, wo ich gedacht hatte direkt nach der Geburt zu sein.

    Also an alle Mamas (und Papas) denen es auch so geht: nur Mut! Ihr seid okay! Alles was ihr fühlt und nicht fühlt ist okay!

    • Ich kann mich Dir nur anschließen. Bei mir war es ähnlich. Ich glaube ich war einfach zu fertig um der ganzen krassen neuen Situation was tolles abzugewinnen. Und auch heute glaube ich, dass ich keine „Vollblutmama“ bin. Das hat mein Leben ganz schön umgekrempelt und ich hab irgendwann mal gedacht: Mist, alles falsch gemacht. Unsere Hebamme hat immer von dem Duft der Babys gesprochen. (Am Kopf schnuppern). Ich habe das die ersten Wochen nicht wahrgenommen. Aber dann plötzlich wars da. Der Duft und die verknalltheit. Ich bin’s immer noch, sie ist fast zwei. Sie ist das Beste was mir passieren konnte.

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