Schlagwort: Schlafen

Schlaf gut: Von Traumfängern und Monsterspray

Kürzlich schrieb ich über das Schlafen und darüber, dass auch Kleinkinder oder Kindergartenkinder noch nicht unbedingt durchschlafen. Gerade bei den größeren Kindern treten in einem bestimmten Alter auch immer wieder Ängste auf: Vor der Dunkelheit an sich oder vor Monstern oder wilden Tieren, die sich im Zimmer verstecken könnten. Ich habe schon von einigen Freundinnen gehört, dass sie Monsterspray verwenden: Etwas Wasser mit berühigendem Lavendelöl in einer Sprühflasche, das die Kinder bei Bedarf einfach im Raum versprühen dürfen. Weiterlesen

Schlaf schön und träum was Süßes! – Warum Kinder auch nach dem 1. Geburtstag noch nicht durchschlafen

Immer wieder werde ich von Eltern von Kleinkindern um Hilfe gebeten, weil die Kinder  Schlafwandeln, einen Nachtschreck haben oder eben einfach nicht durchschlafen. Es erscheint vielen Menschen ungewöhnlich, wenn Kleinkinder oder Kindergartenkinder noch nicht vollständig von abends mit morgens durchschlafen – oder noch lange brauchen, um in den abendlichen Schlaf zu finden. Tatsächlich aber ist es ganz normal – weder Babys müssen durchschlafen noch Kleinkinder oder Kindergartenkinder. Und auch wir Erwachsenen wachen in der Nacht immer wieder auf – nur finden wir meist leichter in den Schlaf als die kleinen Kinder.

Aufwachen als Schutz

Eigentlich ist es längst bekannt, spätestens durch das Schlafbuch und sonstige Artikel des Kinderarztes Herbert Renz-Polster: Das Aufwachen von Babys und Kindern in der Nacht ist ein Schutz. Sie vergewissern sich, dass die Umgebung sicher ist und das bedeutet insbesondere, dass ihre Bindungspersonen in der Nähe sind, da sie ihnen Schutz und Pflege bieten. Babys sind genetisch darauf ausgerichtet, sich an diejenigen Menschen zu binden, die ihnen genau dies bieten. Und eben diese Menschen erwarten sie auch in der Nacht, wenn sie erwachen und sich Schutz wünschen. Stellen sie fest, allein zu sein, fühlen sie sich bedroht. Evolutionsbiologisch ist dies sinnvoll, denn die hätten in der Steinzeit nicht überlebt, wenn sich ihre Bindungspersonen von ihnen entfernt und sie der Natur überlassen hätten. Und auch heute ist es sinnvoll, wenn Kinder nachts Schutz suchen. Zwar kommen im Schlafzimmer keine wilden Tiere vorbei, doch zum Überleben und zur Nahrungsaufnahme sind auch heute die Babys noch drauf angewiesen, ihre Bedürfnisse erfüllt zu bekommen und hierfür benötigen sie Menschen, die sich um die Erfüllung der Bedürfnisse kümmern können. Gerade bei Babys spielt hier auch der Nahrungsbedarf und der Schutz davor, zu wenig Nahrung zu bekommen, eine wichtige Rolle

Aber auch ältere Kinder schlafen keinesfalls „einfach so“ durch: Eine Studie des Schweizer Kinderarztes Remo Largo und anderen aus dem Jahr 2006 (pdf) zeigte, dass nur 10 Prozent der untersuchten Eltern ihren Kindern von Geburt an erlaubten, im Elternbett zu schlafen und trotzdem fast die Hälfte der Kinder im Alter von 2-7 Jahren mindestens einmal pro Woche nachts noch ins Elternbett kamen. 

Durchschlafen – was heißt das eigentlich?

Wie sich der Schlaf von Kindern entwickelt, ist dabei sehr unterschiedlich. Manche Kinder schlafen früher durch, andere später. Durchschlafen bedeutet dabei, dass Kinder sechs bis acht Stunden ruhen. Wenn sie zwischendurch aufwachen, schlafen sie von selbst wieder ein und insgesamt dann sechs bis acht Stunden ohne die Zuwendung der Eltern zu benötigen. Durchschlafen bedeutet also nicht, dass Kinder die ganze Nacht lang schlafen und auch nicht, dass sie nachts überhaupt nicht aufwachen

Auch nach dem ersten Geburtstag schlafen viele Kinder noch nicht durch, was auch wieder ganz logische Gründe hat: Kinder, die mit der Fortbewegung begonnen haben, werden durch die Angst im Dunkeln davor geschützt, sich zu weit von ihren Bindungspersonen zu entfernen. Sie erwachen, die Dunkelheit ängstigt sie mit den dort möglicherweise lauernden Gefahren, sie rufen nach der schützenden Nähe der Bindungspersonen. Auch die Angst vor unter dem Bett lauernden Monstern, wilden Tieren oder anderen unheimlichen Wesen ist ein Schutz durch das Kind: es kann sich nun vorstellen, dass es Wesen gibt, die ihm schaden könnten und sucht die schützende Nähe.

Das Gehirn braucht Energie – auch nachts

Zudem gibt es noch einen weiteren sehr sinnvollen Grund für das nächtliche Aufwachen: das Kind hat tatsächlich den Bedarf, Nahrung zu erhalten. Zwar ist immer wieder zu lesen, Babys ab dem sechsten Monat würden nicht mehr nächtliche Nahrungszufuhr benötigen, doch beruht diese Grundannahme größtenteils auf Daten von nicht gestillten Kindern, deren Nahrung weniger schnell verwertet wird als Muttermilch und die auch größere Mengen auf einmal zu sich nehmen als Stillkinder. Das in den ersten drei Lebensjahren jedoch stark wachsende Gehirn des Kindes benötigt sehr viel Energie. Diese Energiezufuhr findet bei vielen Kindern auch nach dem ersten Geburtstag noch nachts statt.

Was hilft?

Das Bedürfnis nach Schutz und Nähe aufgrund möglicherweise vorhandener Gefahren und die benötigte Energiezufuhr für die kindliche Entwicklung sind also wichtige Faktoren, die auch nach dem ersten Geburtstag dazu führen, dass Kinder noch nicht durchschlafen. Wie man an diesen Gründen schon erahnen kann, lässt sich daran von Außen kaum etwas ändern: Schlaflernprogramme sind keine sinnvollen Alternativen, um Kindern Angst zu nehmen oder sie besser in den Schlaf zu begleiten und weisen langfristig gesehen viele Nachteile auf. Kinder müssen im Laufe der Zeit lernen, dass ihre Schlafumgebung sicher ist. Dies können sie, wenn wir einen Schlafplatz in der Nähe der Eltern bieten, bei dem Eltern noch hörbar sind. Kinder müssen nicht völlig ruhig und abgeschieden schlafen. Eine normale Geräuschkulisse, die ihnen das Gefühl gibt, ihre Bindungspersonen sind anwesend, ist völlig in Ordnung. Zum Einschlafen ist es oft auch hilfreich, wenn sie Körperkontakt haben. Wacht das Kind auf, ist es sinnvoll, es im Bett zu beruhigen und ihm zu vermitteln: Dein Bett ist ein sicherer Ort. Wichtig ist auch, auf ihre Bedürfnisse zu achten und sie dann zu Bett zu bringen, wenn sie wirklich müde sind. Gerade bei Kleinkindern ist es sinnvoll, nicht streng nach der Uhr zu gehen, denn kaum etwas ist anstrengender für Eltern, als wenn sie stundenlang neben ihrem kleinen Kind liegen in der Hoffnung, es möge einschlafen. Auch das Bedürfnis nach Nahrung sollte beachtet werden: Wenn das Kind stillen möchte, dann hat es vielleicht wirklich einfach noch den Bedarf, Kalorien aufzunehmen. Gerade bei Kindern, die eher langsam an die Beikost gewöhnt werden oder BLW-Kindern kann das öfter der Fall sein. Und noch einmal: Es ist vollkommen normal, dass es so ist.

Nachtschreck

Und das Gehirn ist auch die Ursache des Nachtschreck, der bei Kleinkindern und Kindergartenkindern nicht selten auftritt: Der Übergang vom Tief- in den Traumschlaf funktioniert noch nicht reibungslos, das Kind schreckt hoch, schreit, schlägt wild um sich und ist nicht ansprechbar. Es scheint große Ängste zu haben, reagiert aber auf keine Beruhigungsversuche, sondern wehrt diese sogar stark ab. Eltern bleibt dabei nur die Möglichkeit darauf zu achten, dass sich das Kind nicht selbst verletzt oder Schaden nimmt von diesem nächtlichen Schreck. Aktiv einwirken können sie allerdings nicht auf das Erlebnis, so schwer das in der Situation auch fällt. Aufregung, Stress oder ein anstrengender Tag können begünstigend auf das Auftreten wirken. Und auch hier ist zu sagen: Es ist keine Krankheit, sondern kann einfach normal passieren. Jungen sind häufiger davon betroffen und es scheint auch eine familiäre Häufung zu geben.

Wenn der Weg ins Bett das Problem ist

Manchmal ist in der Kleinkindzeit aber auch nicht mehr das Durchschlafen das Problem, sondern eher der Weg ins Bett: Bei einigen Kindern ist abends die Kooperationsbereitschaft aufgebraucht und der Weg vom Abendessen über das Bad bis zum Bett wird schwierig von Müdigkeit, Erschöpfung und Wunsch nach Selbständigkeit. Hier kann es helfen, den Ablauf des Abends zu optimieren: Vielleicht kann schon im Schlafanzug gegessen werden, um das Umziehen danach einzusparen und vom Esstisch geht es direkt Huckepack ins Bad, wo schon alles für das Zähneputzen vorbereitet ist. Bei anderen Kindern ist es schwer, sich vom Tag zu verabschieden: Sie brauchen einen sanften, gleitenden Übergang von der trubeligen Tagzeit in die Nacht hinein. Rituale können hier eine gute Übergangsbegleitung sein: Besonders Bad und Massage haben sich laut Studienlage als gutes Ritual für den Übergang gezeigt. Aber auch andere Ideen, um den Tag sanft immer ruhiger werden zu lassen, können entspannen und beruhigen.

Der Umstand, dass Kinder vielleicht auch weiterhin noch nicht „einfach so“ einschlafen und durchschlafen hilft nicht weiter? Vielleicht doch, denn wir müssen von den Erwartungen weg kommen, dass Kinder schon früh durchschlafen müssen oder können oder gar, dass sie sonst einen Schaden in ihrer Entwicklung nehmen würden, wenn sie es nicht tun. Kinder sind Kinder und sie entwickeln sich nach ihrem Tempo. Genau dies trifft auch beim Schlaf zu. Nicht durchzuschlafen ist auch nach dem ersten Geburtstag sehr weit verbreitet und nicht zwingend Anlass zur Sorge.

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Das Kind schläft nicht ein – über Mütterbedürfnisse

Dies ist einer dieser Abende: Ein Abend, an dem gebadet, eine lange Geschichte vorgelesen, gesungen und gestillt wurde. Und dennoch: das Kind schläft nicht. Vorbei ist die Zeit, in der das Stillen in den Schlaf hinein führte wie ein sanfter Schlummertrunk. Auch die immer gleichen Rituale und Abläufe, sie wirken an manchen Tagen nicht. Ich liege im Bett neben meinem Kind, meine Atmung wird langsam schneller, ich werde ungeduldig. Und je unruhiger ich werde, je mehr sich mein Geist windet und sich wünscht, nun endlich Feierabend zu haben, sich auf das Sofa zurück zu ziehen und fernzusehen oder ein Buch zu lesen oder einfach nur Zeit mit meinem Partner zu verbringen, desto unruhiger wird auch das Kind an meiner Seite. Natürlich spürt es mein Unbehagen. Ein Kreislauf beginnt von gegenseitigen Widerwillen: Das Kind will nicht schlafen, ich will die Vorstellung eines freien Abends nicht aufgeben.

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Aus dem Bücherregal im Mai

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Nun ist der Mai schon vergangen. Im April habe ich Euch die aktuellen Bücher zum Thema „Natur“ gezeigt, die bei uns gerade gelesen wurden. Heute zeige ich Euch die Lieblingsbücher des Sohns, die wir im Mai gelesen haben. Fast alle Bücher in unserem Bücherregal des Sohns sind noch von der Tochter. Aber es ist spannend, wie unterschiedlich die Kinder in ihren Favoriten sind. Während die Tochter „Die kleine Spinne spinnt und schweigt“ nicht besonders häufig vorgelesen bekommen wollte, zählt dieses Buch zu den absoluten Lieblingsbüchern des Sohns und wir können es täglich ansehen. Überhaupt sind alle Bücher mit Tieren gerade besonders toll und spannend. Und hier sind sie, die derzeitigen Lieblingsbücher:

Die Bücher von Eric Carle sind ja Klassiker, insbesondere die kleine Raupe Nimmersatt. Dem Sohn hat es „Die kleine Spinne spinnt und schweigt“ aber besonders angetan. Er liebt es, meinen Tiergeräuschen zu lauschen, wenn ich sie nachmache. Und er weiß schon, welches Tier auf der nächsten Seite kommt. In diesem Buch ist die Spinne, der Faden, den sie webt und die Fliege, die sie fängt, erhaben, so dass diese Dinge mit dem Finger nachgespürt werden können. Der Sohn fährt immer wild über das Spinnennetz und findet es ganz großartig.

Auch ein Mitmachbuch ist „Pusten, trösten, Pflaster drauf!„. Hier geht es in Gedichtform um fünf Tiere, die sich alle irgendwie verletzt haben und nun ein Pflaster brauchen. Der Elefant ist sich beispielsweise aus Versehen auf den Rüssel gestiegen und braucht nun die Versorgung. Das Tolle: Die Pflaster sind im Buch und das Kind kann sie selbst jedem Tier aufkleben. So bekommen alle Tiere das zu ihnen passende Pflaster und werden liebevoll umsorgt. Zum Schluss werden die Pflaster wieder nach ihren Farben auf die Anfangsseite zurück sortiert. Ein ganz großer Spaß und macht sogar noch mit der großen Schwester Freude!

Und dann gibt es noch das liebste Einschlafbuch des Sohns. Das hat er schon seit einigen Monaten und wird es einfach nicht über. Immer wieder schauen wir gemeinsam die Geschichte „Gute Nacht, Gorilla!“ an. Immer wieder betrachten wir die Geschichte vom Gorilla, suchen den rosa Luftballon und die kleine Maus und lachen über die erschrockenen Augen der Frau im Bett. Und ganz nebenbei schleicht sich dem Vorleser der Gedanke ein: Geht es hier eigentlich um Familienbetten und darum, dass Kinder nunmal nicht gerne allein schlafen?

Und welche Bücher lieben Eure Kinder gerade?

Was Du alles nicht brauchst für ein Baby ODER: Warum Babys gar nicht so teuer sind

Man hört ja immer wieder wie teuer Babys sind, was man alles kaufen müsse und dass schon ein Kinderwagen heutzutage fast ein Monatseinkommen kosten würde. Ja, man kann tatsächlich heutzutage allerhand (teure) Dinge für Babys kaufen. Muss man aber nicht. Denn eigentlich brauchen Babys gar nicht so viel und schon gar nicht so teure Sachen. Ich gebe es ja zu: Auch ich kaufe gerne ab und zu teuren Schnickschnack und gerne auch mal teure Kinderkleidung. Aber müssen tue ich es nicht. Und deswegen ist es auch etwas ganz Besonderes. Was also kann man sich alles sparen?

Kinderwagen – geht es auch preiswerter?

Fangen wir also mit dem an, was meistens als die teuerste Ausgabe für das erste Jahr betrachtet wird: der Kinderwagen. Die Preisspannen sind riesig und man kann locker 1000 Euro für einen Kinderwagen ausgeben. Dabei gibt es auch noch viel zu beachten: Die Fahrtrichtung des Babys sollte zum Beispiel auch bei einem Umbau zum Buggy noch mit Blick zum schiebenden Elternteil möglich sein und die Testergebnisse von Stiftung Warentest tragen auch zu offenen Augen bei der Auswahl bei. Wer unbelastet unterwegs sein möchte, schaut gerne in Richtung Naturkind-Kinderwagen, die preislich um die 1000 Euro liegen. Doch eigentlich braucht man den teuren und eventuell auch noch belasteten fahrbaren Untersatz nicht unbedingt. Ein Tragetuch oder eine geeignete Tragehilfe kostet vielleicht 1/10 des Kinderwagenpreises (in gebrauchtem Zustand sogar noch weniger), hält lange und ist gesundheitlich unbedenklich – sofern man richtig trägt.

Familienbett spart Geld und Energie

Babys benötigen generell kein eigenes Kinderzimmer. Besser als allein in einem eigenen Raum sind sie im Schlafzimmer der Eltern untergebracht. Hier können sie in einem eigenen Bett liegen, in einem Beistellbett oder gleich im Bett der Eltern. Letzteres ist die preiswerteste Variante und zudem auch noch sehr praktisch. Im Familienbett kann nämlich problemlos nachts gestillt werden. Kein Aufstehen ist nötig, was für die stillende Mutter vorteilhaft ist, aber auch weitere positive Aspekte mit sich bringt.

Sich von der Werbung nicht beirren lassen: Stillende Mütter brauchen keine „Stillhilfsmittel“

Und da sind wir auch gleich bei der Ernährung des Kindes. Muttermilch ist die normale und gesunde Form der Ernährung für ein Baby. Wer also stillen kann, darin unterstützt wird und dem Stillen gegenüber generell positiv eingestellt ist, benötigt keine anderen Hilfsmittel. Natürlich kann es sein, dass das Stillen (oft durch fehlende Unterstützung und Anleitung durch das medizinische Personal in der Klinik) einfach nicht klappt und man auf künstliche Säuglingsnahrung angewiesen ist – darüber muss an dieser Stelle nicht diskutiert werden. Aber wenn alles gut läuft, benötigt man zu Hause keine Fläschchen, kein Flaschendesinfektionsgerät, keine Spülbürsten für Flaschen. Gerade der Markt an so genannten „Stillhilfsmitteln“ ist riesig: Flaschen aus Glas oder Plastik mit den verschiedensten Saugern, Hygieneartikel zur Reinigung und und und. Wer von Anfang an stillen möchte, braucht sich diese Dinge nicht „für den Notfall“ zulegen. Denn im wirklichen Notfall bekommt man auch eine Flasche und Säuglingsnahrung in einer Apotheke, von der Hebamme oder im Krankenhaus. Man muss nicht für jeden Notfall vorab planen und muss sich auch nicht eine Notfall-Säuglingsnahrung in den Küchenschrank stellen. Wenn wirklich ein Notfall eintreten sollte, bekommt man die Nahrung auch. Und ansonsten vergammelt sie im Schrank oder wird in irgendeinem Moment doch genutzt, wenn man zweifelt, ob man wirklich genug Milch hat (oft um den 3. Monat herum) und dann ist der Abstillweg schon eingeleitet. Diesen Weg jedenfalls habe ich schon oft in der Beratung gesehen. Daher: Nein, stillende Mütter benötigen keine Fläschchen und Säuglingsnahrung zu Hause, wenn sie nicht abpumpen müssen, weil sie arbeiten gehen oder andere Gründe für die Flaschennahrung haben. Regine Grensens, IBCLC, beschreibt sogar, dass Stillkissen nach ihren Erfahrungen überflüssig sindHebamme Christine Rothenbücher beziffert die Ersparnis bei Familien, die im ersten Jahr stillen und selbst kochen auf 800 Euro. Die Kostenersparnis für das Gesundheitswesen durch das Stillen werden hier aufgelistet. Und auch bei der Beikost geht es mit dem Sparen weiter. Babys benötigen nämlich keine teuren Gläschen, Babytiefkühlprodukte, spezielles Kinderwasser oder andere Dinge. Beikost kann ab dem 6. Lebensmonat einfach vom normalen Familientisch abgezweigt werden. entweder in Form von Baby-Led Weaning oder in Form von Brei, den man aus dem Familienessen anrührt.

Wer auf dem Boden gewickelt wird, der kann nicht fallen

Und wo wir gerade bei der Nahrungsaufnahme sind, können wir auch die Ausscheidung in den Blick nehmen. Das beginnt beim Wickeltisch, denn eigentlich wird ein Wickeltisch nicht benötigt. Wer auf dem Boden wickelt, dem kann das Kind nicht vom Tisch fallen. Preiswerter als komplette Wickeltische können noch Aufsätze für Waschmaschinen sein. Einen solchen haben wir selbst seit 5 Jahren in unserem Bad und ich kann ihn nur empfehlen. Möglich ist es auch, einen solchen Aufsatz einfach selbst zu bauen. Für die Babypflege werden ebenfalls nicht die teuren Kinderprodukte benötigt, die man in der Drogerie in Massen sieht: Vom Babyshampoo über -duschgel, -seife, Badefarben, Pflegeöle bis hin zur Bodylotion. Werden Babys gebadet, benötigt man zunächst nur Wasser. Erst wenn sie sich wirklich draußen schmutzig machen, kann man zusätzlich ein Shampoo/Duschgel benutzen. Ein mildes Pflanzenöl wie Jojobaöl oder Mandelöl kann zur Hautpflege der Hautfalten und zur Massage genutzt werden. Auf einen wunden Po (sofern er vorkommt, was aber bei Stoffwindeln selten der Fall ist, auf die wir gleich noch zu sprechen kommen) kann man Muttermilch geben und für den Notfall noch eine Wundcreme bereit halten. Puder und Co. haben auf der Babyhaut nichts verloren. Stoffwindeln sind dabei nicht nur für die Haut besser und ökologischer, sie sparen auch Geld. Thu von schickgewickelt.de spricht von einer Kostenersparnis von ca. 675 Euro über die gesamte Wickelzeit hinweg. Wer Elimination Communication betreibt, spart noch etwas mehr. Unterwegs müssen keine gekauften Feuchttücher, die manchmal fragliche Inhaltsstoffe haben, verwendet werden, sondern Taschentücher/Windelflies oder wiederverwendbare Waschlappen (die man unterwegs anfeuchtet oder feucht in einer Tüte mitnimmt). Wer mag, kann Feuchttücher auch einfach selber herstellen, wie hier von liebste-windeln.de gezeigt wird:

Es muss nicht immer Prada sein

Und dann gibt es noch den großen Posten der Kinderkleidung. Ja, es gibt bezaubernde Kleidung für Kinder. Doch nur allzu oft haben wir mehr als wir brauchen. Wer das Glück hat, andere Familien im Freundeskreis zu haben, kann sich bei der Geburt zumeist über viele Kisten voll gebrauchter Babykleidung freuen. Wer nicht so viele Unterstützer hat, kann Babykleidung sehr gut gebraucht erwerben. In Berlin gehe ich gerne zu den Kleidermärkten im Hug & Grow oder im Kurz & Klein, wo ich schon viele tolle gebrauchte (auch öko) Lieblingsstücke erworben habe. Gut ist es auch, wenn man sich zur Geburt nicht nur Anziehsachen für sofort in Größe 56/62 schenken lässt, sondern auch ein paar Teile für später, damit man nicht anfangs einen Berg und später zu wenig hat. Auch Online-Flohmärkte wie Mamikreisel sind sehr beliebt.

Eltern und Alltagsdinge sind die schönsten Spielsachen

Einer der beeindruckendsten Märkte ist neben der Kinderkleidung wohl auch der der Spielsachen für Babys. Da gibt es Rasseln in allen Größen und Variationen, mit und ohne Blinklicht oder Musik. Und auch hier gilt wie so oft: weniger ist mehr. Das betrifft sowohl die Menge an Spielzeug als auch die Art des Spielzeugs. Babys brauchen keine große Auswahl an verschiedensten Greiflingen. Sie spielen gerne mit Stofftüchern, später mit Alltagsgegenständen wie Löffel, Schneebesen, Bechern und Schüsseln. Sie lieben es, wenn sie selbst bei einer Sache herausfinden können wie Ursache und Wirkung zusammen hängen, zum Beispiel wenn sie ein kleines Glöckchen im inneren eines Balls selbst sehen. Und es stimmt, was man so oft liest: Das schönste Spielzeug für lange Zeit sind ganz einfach die Bindungspersonen selbst.

Wir können uns mehr sparen als wir denken

Ihr seht: Ein Baby muss nicht teuer sein. Das bedeutet nicht, dass wir unsere Kinder nur in verwaschenen, ausgeblichenen Secondhandsachen durch die Gegend tragen müssen in gebrauchten Stoffwindeln und mit einem Schneebesen in der Hand. Aber wenn wir wieder einmal denken, dass Kinder teuer sind, können wir etwas länger darüber nachdenken und uns daran erinnern, dass wir selbst es vielleicht ab und zu teuer wollen, dass wir uns gerne Luxus für uns oder unsere Kinder gönnen wollen. Aber wir müssen es nicht, denn es geht auch viel preiswerter. Und wisst Ihr was? Wenn wir diese Sachen, die kostengünstiger sind, nutzen, dann geben wir unseren Kindern auch automatisch viele andere guten Dinge mit auf dem Weg: Wer stillen kann und es tut, spart  nicht nur, sondern gibt dem Kind durch Muttermilch einen gesunden Start. Wer das Baby im Familienbett schlafen lässt und im Tuch oder einer Tragehilfe trägt, spart nicht nur Geld, sondern fördert die Bindungsbeziehung. Da haben wir es nämlich wieder: Manchmal ist weniger einfach mehr.

Kostenersparnis aus dem Text im Überblick:

kein Kinderwagen, aber Tuch = ca. 900 Euro

kein Kinderbett, kein Beistellbett, aber Familienbett = ca. 150 Euro

kein Fläschchen und keine künstl. Säuglingsnahrung, aber Stillen = ca. 800 Euro

keine Wegwerfwindeln, sondern Stoffwindeln = ca. 675 Euro

Habt Ihr noch andere Tipps. worauf man gut verzichten kann im ersten Jahr oder auch danach? 

 

Guten Abend, gute Nacht – Über das Zubettgehen

Schlafen

Wenn über das Schlafen gesprochen wird, kommt irgendwann auch das Thema Einschlafrituale auf den Tisch. Denn eines ist klar: Kinder lieben Rituale und gerade auch beim Einschlafen können sie eine schöne Hilfe sein. Warum? Weil sie Struktur geben. Weil sie dem Kind klar machen: Es ist ein immer gleicher Ablauf und Du weißt, was als nächstes passiert. Doch nicht nur für Kinder sind sie eine gute Unterstützung, auch Eltern helfen die kleinen Rituale am Abend, um sich an immer gleichen Handlungen zu orientieren. Gerade am Anfang des Elterndaseins ist es hilfreich, sich mit Ritualen den Tag zu strukturieren. Im Laufe der Jahre hatten wir verschiedene Einschlafrituale, denn je nach dem Alter des Kindes und dem Bedarf bzw. auch der Familienzusammensetzung haben sich die Rituale verändert. Heute gebe ich Euch einen kleinen Einblick in unsere Einschlafrituale der letzten 5 Jahre.

Gute Nacht, mein Baby!

Als unsere Tochter geboren war, war das Elternsein erst einmal neu für uns und ich fand es gut, mir mit Ritualen den Tag zu strukturieren. Schließlich war ich vorher noch nie einfach so zu Hause für lange Zeit ohne gerade zu arbeiten oder zu studieren. Was für den Tag galt, galt auch für den Abend: Ein Ablauf sollte her, der die Abendplanung unterstützen sollte. Wir entschieden uns, unsere Tochter abends mit einer entspannenden Massage zu beruhigen. Massiert wurde auf dem Wickeltisch im Bad, mal von Mama, mal von Papa. Es gibt spezielle beruhigende Massagegriffe. Grob gesagt sind es besonders alle Massagebewegungen, die vom Körper weg gehen, die entspannen, lösen und beruhigen. Also strichen wir Abend für Abend ihren Körper aus, was sie sehr genoss. Zusammen mit der Massage war auch die restliche Körperpflege verbunden: Sie bekam eine frische Windel und ab dem 4. Monat, als ihre ersten beiden Zähne erschienen, wurden die Zähne geputzt. Dann legte ich mich mit ihr auf der Brust auf das Sofa, stillte sie bis sie einschlief und las dann noch etwas, wenn ich nicht selbst dabei einschlummerte. Irgendwann, wenn mein Mann dann schlafen ging, weckte er mich und brachte uns ins Bett.

Als sie größer wurde, massierten wir sie ab und zu im Bett. Papa sagte dann gute Nacht und ich stillte sie im Bett bis sie einschlief. Es gab und gibt bei uns keine festen Zubettgehzeiten. Wir essen immer in etwa zur gleichen Zeit zu Abend, manchmal früher, manchmal später und daran schließt sich das Zubettgehen mit der Abendpflege an. Wenn wir merken, dass die Kinder besonders müde sind, beeilene wir uns mit dem Abendessen oder machen nur ein kleines Essen.

Gute Nacht, mein Kleinkind!

Als die Tochter größer wurde, blieb das Zubettgehen zunächst wie gehabt. Ich stillte sie bis zu ihrem 2. Geburtstag zum Einschlafen. Vorher schauten wir uns oft noch ein Bilderbuch gemeinsam an. Das Abstillen am Abend war eine große Änderung in unserem Abendablauf und zunächst brachte es viel durcheinander. Das Stillen wurde durch das Kuscheln ersetzt. Nach dem Abendessen ging es ins Bad, Zahnseide wurde benutzt, die Tochter durfte selbst putzen und wir putzten noch einmal die Zähne nach. Danach wurde im Bett ein Buch vorgelesen, meist ein kleines Pixi-Buch aus ihrer Sammlung. Bevor wir zu den großen Vorlesebüchern übergingen, durfte sie auch zwei Geschichten auswählen. Ich blieb bei ihr, bis sie eingeschlafen war. Dann genoss ich den Abend mit meinem Mann oder arbeitete noch etwas, bevor ich mich wieder ins Familienbett zu ihr legte.

Gute Nacht, große Schwester und kleiner Bruder!

Als dann der Sohn geboren wurde, war die Tochter 3,5 Jahre alt. Wie sollte ich sie weiter ins Bett bringen, wo doch jetzt das Baby da war? Wie macht man das mit dem Familienbett? Sind wie am Ende des Familienbetts angekommen? Diese Fragen stellten wir uns, und dann ging es doch einfacher, als wir dachten. Nach dem Abendessen wurden beide Kinder bettfertig gemacht. Die Tochter wie gewohnt mit Zahnseide und Zähneputzen, der Sohn bekam eine frische Windel. Da es keinen Raum für die Abendmassage beim Sohn gab, wurde er einfach morgens oder tagsüber massiert. Eine Weile aber forderte die Tochter mehr Massageeinheiten am Abend ein und ich massierte sie im Bett nach dem Zähneputzen. Wir gingen alle zusammen ins Bett: Mutter, Vater und zwei Kinder. So tun wir es auch heute noch. Der Mann liest ein Kapitel aus einem Vorlesebuch vor. Die Tochter lauscht, der Sohn hört etwas zu oder spielt ein wenig vor sich hin oder wird gestillt oder schaut parallel ein Bilderbuch an. Im Anschluss an das Vorlesen kann die Tochter sich aussuchen, ob sie noch ein Hörspiel auf ihrer Hochebene im Spielzimmer hören möchte bei Sternenlicht oder sie im Wohnzimmer auf dem Sofa liegen möchte, wo ihr Papa ihr noch ein Lied vorsingt. In der Zwischenzeit stille ich den Sohn im Familienbett, wo er auch schon bald einschläft. Die Tochter schläft dann auf der Hochebene oder auf dem Sofa meistens ein und wird dann wieder ins Bett zurück getragen.

So also laufen die Abende im Hause Mierau ab. Wichtig ist mir immer wieder, dass es zwar gleichbleibende Abläufe gibt, aber keine starren Regeln. Es muss nie etwas zu exakt einer bestimmten Uhrzeit passieren. Wir orientieren uns immer an den Kindern. Sind sie müde, wird alles etwas vor verlegt. Sind sie noch nicht müde, dürfen sie länger spielen und wir dehnen den Ablauf aus. So ersparen wir uns immer wieder Frust am Abend. Denn kaum etwas ist schlimmer, als Kinder, die nicht schlafen wollen und Eltern, die davon genervt sind. Ich kann deswegen nur allen Eltern raten: Schaut auf Eure Kinder und geht es ganz locker an. Wer müde ist, der wird auch schlafen – und das gilt auch für müde Eltern.

Und wie sind Eure Einschlafrituale?

Wiegenlieder – sanft in den Schlaf begleiten

Schlafen ist wohl eines der wichtigsten Themen für Eltern im ersten Lebensjahr. Nichts berührt so sehr, nichts ist so anstrengend wie fehlender Schlaf. Oft sind es schon die Rahmenbedingungen, die das Schlafen erleichtern können. Rituale sind für Kinder und Eltern wunderbar, um den Abend und das Schlafen einzuleiten. Sie geben dem Tag einen Rahmen und schon kleine Babys und Kinder lernen durch Rituale Abläufe kennen und erfahren Strukturen. Wie ein Abendritual aussieht, kann sehr unterschiedlich sein: Für die einen ist es das abendliche Waschen und die Babymassage, für andere  ist es ein Rundgang durch die Wohnung, bei dem allen Dingen Gute Nacht gesagt wird. Oft sind Abendrituale für Babys und Kinder mit Gesang verbunden. Wiegenlieder sind es, die sanft in die Nacht begleiten.

“Geborgenheit ist es, was wir einem Kind geben möchten, das einschlafen will und soll” schreibt Prof. Dr. Christoph Bührer bereits in seinem Nachwort zum Liederbuch “Wiegenlieder: Texte und Melodien mit Harmonien. Mit CD zum Mitsingen“ (Amazon* | Buch 7* | Buchhandel), das 2009 im Rahmen des Liederprojektes erschienen ist. Und es stimmt, dass das Wiegenlied genau die Geborgenheit nachbildet, die dem Kind so vertraut aus dem Mutterleib ist: das sanfte Schaukeln, das sie bei den Bewegungen der Mutter spürten, der Rhythmus, der dem Schlagen des Herzens ähnelt. Wiegenlieder sind deswegen seit langer Zeit ein wunderbares Ritual, um Kinder in den Schlaf zu begleiten. Sie wirken nicht nur auf das Kind beruhigend, sondern auch auf den Elternteil, der liebevoll singt und so auch sich selbst beruhigen kann.

Doch Musik bewirkt noch mehr außer uns ggf. an unsere frühesten Wahrnehmungen zu erinnern: Untersuchungen haben gezeigt, dass Musik das körpereigene Belohnungssystem stimuliert. Für uns angenehme Musik bewirkt sogar, dass Gehirnstrukturen, die für Ängste und Aversionen zuständig sind, weniger aktiviert werden können. Das kann man ganz einfach selber an sich feststellen: Wer gerne singt oder pfeift, wenn er in einen dunklen Keller geht, tut das, um sich selbst zu beruhigen (vgl. Spitzer 2002, S. 188f.). Musik ist deswegen gut geeignet, um auch Kindern die Angst vor der Dunkelheit und dem Einschlafen zu nehmen.

Ganz besonders wichtig an dem Singen für und mit Kindern ist natürlich auch das Soziale: Gemeinsames Singen symbolisiert Zusammengehörigkeit, das Singen für einen anderen zeigt: Ich möchte Dir etwas Gutes tun, ich bin für Dich da.

Wiegenlieder sind daher überall auf der Welt zu finden. Bereits 2009 erschien durch das Liederprojekt eine Sammlung von 42 deutschen Wiegenliedern. Nun ist ein neuer Band des Liederprojektes heraus gekommen: Wiegenlieder aus aller Welt (Amazon* | Buch 7* | Buchhandel). 51 Wiegenlieder sind hierin versammelt, in Sprachen von Arabisch bis Zulu. Sie erzählen von den täglichen Erfahrungen der Kinder, vom Stillen, vom Alltag, manchmal auch von ernsten Themen. Die Melodien sind zum Teil vertraut, manche auch orientalisch neu. Jedes Lied ist nicht nur in seiner Originalsprache aufgeführt, sondern auch in deutscher Übersetzung. Wie immer befindet sich eine CD zum Mitsingen dabei. Wer bislang nur „Guten Abend, gute Nacht“ und „Schlaf Kindlein, schlaf“ in seinem Repertoire hatte, findet hier eine breite Auswahl an den unterschiedlichst klingenden Wiegenliedern. Auch die passende CD „Wiegenlieder aus aller Welt“ ist einen Ausflug in die Kulturen der Welt wert.

Illustriert ist das Buch mit wunderbaren Fotos aus verschiedenen Kulturen, die unterschiedliche Schlafsituationen abbilden. Bilder und Lieder zeigen: Überall auf der Welt wollen Eltern ihre Kinder sanft in den Schlaf begleiten. – Und auch das ist schon tröstlich, wenn man abends weiß: Überall auf der Welt ist das Einschlafen manchmal nicht leicht.

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Ruhe, Wärme, Nähe – Die Bedeutung des Wochenbetts

Altmodisch mutet der Begriff „Wochenbett“ schon an. Vielleicht liegt es daran, dass heute kaum noch beachtet wird, wie wichtig diese Zeit nach der Geburt für Mutter und Kind, aber auch die gesamte Familie ist. Entstanden ist der Begriff in einer Zeit, in der Mutter und Kind nach der Geburt noch mindestens eine Woche gemeinsam im Bett lagen. Nach der Zeit des Liegens schloss sich dann eine Phase an, in der Mutter und Kind in der Wöchnerinnenstube blieben. Viel Zeit durfte verstreichen, bis Mutter und Kind wieder den Alltag aufnahmen. Heute sieht es meistens anders aus. Viele Mütter gönnen sich allenfalls die drei Tage im Krankenhaus auf der Wöchnerinnenstation, bis sie zu Hause wieder in den Alltagstrubel zurück fallen. Doch ist das gut so?
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Familienschlaf – darauf kann ich achten, um mit Baby Schlaf zu finden

Schlaf ist wohl eines der wichtigsten Themen im ersten Lebensjahr. Nichts zehrt so sehr an jungen Familien wie Schlafmangel. Ganze Regalbretter in Buchhandlungen sind voll mit Ratgebern zu diesem Thema: vom Schreienlassen bis hin zum Akzeptieren. Doch wie kann es sein, dass gerade das Schlafen, eines unserer Grundbedürfnisse, in der ersten Zeit mit dem Baby so schwierig sein soll? Was ist es, was uns tatsächlich am Schlaf hindert und was können wir tun, um unserem Grundbedürfnis nachkommen zu können?

Schlafen – wie funktioniert das eigentlich?

Niemand schläft die ganze Nacht über durch ohne aufzuwachen. Das ist für viele Eltern erst einmal eine neue Information: Babys und Kinder schlafen nicht durch? Erwachsene auch nicht? Nein. Menschen werden nachts mehrmals wach. Nur schlafen wir Erwachsenen sehr schnell wieder ein. So schnell, dass wir uns am Morgen vielleicht gar nicht daran erinnern, dass wir nachts wach geworden werden sind. Babys und Kleinkinder haben diese Fähigkeit, schnell wieder in den Schlaf zu finden, meistens jedoch noch nicht.

Wie kommt es dazu, dass wir nachts aufwachen? Schlaf ist nicht einheitlich. Er besteht vielmehr aus verschiedenen Komponenten: oberflächlichem Schlaf und tiefem Schlaf. Werden wir müde, kommt es meistens zu typischen Anzeichen wie Gähnen und/oder Augenjucken. Begeben wir uns dann zum Schlafen, nimmt unsere Wahrnehmungsfähigkeit langsam ab und wir gelangen in den Tiefschlaf. Darin sind wir sehr entspannt und atmen regelmäßig. Von dort aus wechseln wir wieder in den oberflächlichen Schlaf mit unregelmäßiger Atmung und gelegentlichen Bewegungen. Wegen der schnellen Augenbewegungen, die hier stattfinden, wird er auch als REM-Schlaf (Radip Eye Movements) bezeichnet. In dieser Phase wird am meisten geträumt. Im Anschluss hieran werden wir wieder wach, um dann erneut in den Tiefschlaf zu kommen. Beim Neugeborenen dauert ein solcher Schlafzyklus etwa 50 Minuten – danach wacht er auf. Hat er einen solchen Zyklus drei bis viermal durchlaufen, bleibt er für längere Zeit wach. Beide Phasen des Schlafes sind für Babys von großer Bedeutung: Im Tiefschlaf erholt sich das Baby und das Nervensystem regeneriert sich, im oberflächlichen Schlaf entwickelt sich das Gehirn. Mit der Zeit dehnt sich dann der Schlafzyklus aus. Bei Erwachsenen beträgt er etwa 90 bis 120 Minuten. Der Schlafzyklus von Eltern und Baby ist also unterschiedlich. Wenn aber Mutter und Kind zusammen schlafen, gleichen sich die Schlafphasen einander an und so können die Eltern nach dem Aufwachen auch schneller wieder in den Schlaf finden, weil sie vom Kind nicht aus dem Tiefschlaf gerissen werden. Das gemeinsame Schlafen in einem Raum bzw. in einem Bett (ggf. mit Beistellbett) kann also dem Schlaf förderlich sein. Dieser 50-Minuten-Rhythmus gilt übrigens auch tagsüber: Etwa alle 50 Minuten gelangt das Baby von einer aktiven in eine ruhigere Phase, von der aus es dann in den Schlaf übergehen kann. Nimmt man die Signale des Kindes wahr und reagiert darauf, ist das schon eine gute Basis für den Schlaf.

Neben diesem Schlafrhythmus gibt es auch einen zirkadianen Rhythmus der Schlaf-Wach-Phasen: Schlafen und Wachen ist in etwa dem 24-Stunden-Tagesrhythmus angepasst. „In etwa“ bedeutet, dass es meistens nicht genau 24 Stunden sind, an denen wir uns orientieren. Nur die wenigstens Menschen sind am Abend immer zur gleichen Zeit müde und stehen morgens zur gleichen Zeit auf. Die meisten Menschen verfügen über einen Rhythmus, der länger als 24 Stunden ist: Dadurch bleiben diese Nachtmenschen gern abends länger wach und möchten morgens eigentlich lieber länger schlafen. Bei den Frühaufstehern ist es andersherum: Ihr Rhythmus beträgt weniger als 24 Stunden, weshalb sie abends früh müde werden und dann morgens früh und gern aufstehen. Dieser zirkadiane Rhythmus bildet sich in den ersten Lebensjahren aus. Natürlich kann es sein, dass Eltern und Kinder einfach unterschiedliche Rhythmen haben – daran kann man nichts ändern, sondern muss für den Tagesablauf Kompromisse finden.

Wie lange Babys insgesamt schlafen, ist sehr unterschiedlich. Es macht also keinen Sinn, Babys in Bezug auf die Anzahl der Stunden, die sie schlafen, zu vergleichen. Im Laufe der Zeit ist es auch unterschiedlich, wie lange Kinder Mittagsschlaf machen oder ob sie schon in jungen Jahren damit aufhören. Allgemein kann nur gesagt werden, dass die Gesamtschlafdauer mit zunehmendem Alter abnimmt. Auch der zirkadiane Rhythmus hat übrigens keinen Einfluss darauf, wie viele Stunden Schlaf tatsächlich benötigt werden.

Rahmenbedingungen für guten Nachtschlaf

Auch als Erwachsene haben wir ganz bestimmte Rahmenbedingungen, die eingehalten werden sollen, damit wir gut in den Schlaf finden. Für manche Erwachsene muss das Zimmer dunkel sein oder sie schlafen gar mit einer Schlafmaske, manche hören Musik, manche benötigen Stille. Anders als aber oft angenommen wird, benötigen Babys nicht eine reizarme und stille Umgebung, um in den Schlaf zu finden. Aus dem Mutterleib sind sie die beruhigenden Geräusche des mütterlichen Körpers gewohnt. Hintergrundgeräusche sind daher für die meisten Kinder kein Problem. Nur plötzliche und unerwartete Geräusche lassen sie aufschrecken – wie uns auch.

Wir alle haben bestimmte Vorraussetzungen für den Schlaf – Rituale. Auch für Kinder und Babys trifft dies zu. Auch für sie sind Rituale und gleiche Abläufe oft wichtig. Was dabei als Ritual gilt, kann sehr unterschiedlich sein: Es kommt nicht unbedingt darauf an, dass das Kind immer um die gleiche Uhrzeit ins Bett geht oder mit einem festgelegten Ablauf von Massage-Windelwechsel-Stillen-Schlafen, obwohl laut einer Studie an Babys und Kleinkindern gerade abendliche Bade- und Massageroutinen förderlich sein sollen. Viele Babys schlafen auch dann gut, wenn sie zu unterschiedlichen Zeiten abends einschlafen, aber bestimmte gleichbleibende Rahmenbedingungen haben, die eine Voraussagbarkeit und Routine gewährleisten. Bei vielen Familien lassen sich bei genauem Hinsehen oft Kleinigkeiten ausmachen als Routine – sei es „nur“ die Anwesenheit einer der Bindungspersonen. Wird das Kind dann größer, festigen sich Erwartungen an gleich bleibende Rituale zunehmend. Das bedeutet nicht, dass diese nicht geändert werden können oder sollten. Aber was sich als Routine eingeschliffen hat, braucht eine größere Energie, um verändert zu werden.

Auch die innere Haltung ist wichtig

Gut ist es, wenn wir uns nicht an bestimmten Abläufen zwangsweise festhalten, sondern insgesamt eine ruhige Abendgestaltung planen ohne besonders aufregende Ereignisse zum Abend hin: ein langsames Abgleiten in immer ruhigere Zeiten, bis sich das Kind schließlich ausruhen darf im Bett. „Ausruhen darf“ ist dabei ein guter Gedanke, den wir verinnerlichen können als Eltern: mit Zwang und Druck ist auch hier wenig geholfen. Schlafen ist erholsam und eine Wohltat für das Kind (und uns) und es ist ein schöner Moment, sich ausruhen zu können. Diese Grundhaltung kann wesentlich zur Entspannung des Abendablaufs beitragen.

Ist das Baby müde?

Doch noch bevor bestimmte Rituale erlernt und gleiche Abläufe eingefordert werden, gibt es auch ganz gleichbleibende und über alle Menschen hinweg gültige Vorraussetzungen, die erfüllt sein wollen: Wie wir bereits erfahren haben, gibt es einen Schlafrhythmus: Kommt das Kind in eine ruhigere Phase und zeigt es Müdigkeitssymptome, fällt es ihm leichter, dann auch in den Schlaf zu finden. Eltern müssen jedoch diese Müdigkeitssymptome erkennen können. Auch hier ist die Bandbreite groß: Neben Gähnen und Augenreiben gibt es noch viele andere individuelle Signale. Manch ein Kind massiert sich dei Ohren, manch eines macht rhythmische Bewegungen mit Armen oder Beinen. Eltern lernen, wenn sie den Raum haben, um genau hin zu sehen, über die Zeit die individuellen Signale ihres Babys. Müdigkeit ist aber insgesamt eine wichtige Voraussetzung für das Schlafen: Ist das Baby nicht müde und wollen wir es nur ins Bett bringen, weil wir denken, dass es nun aber langsam Zeit wäre, ist das Vorhaben wenig Erfolg versprechend.

Andere Grundbedürfnisse, die erfüllt sein wollen

Damit das müde Kind dann problemlos schlafen kann, müssen zuvor auch seine Grundbedürfnisse befriedigt sein: Es soll weder durstig noch hungrig sein, es soll sich wohl, entspannt und geborgen fühlen. Wir alle wissen, dass man mit Hunger, Durst, zu vollem Magen, bei Kälte oder zu starker Hitze schwer einschlafen kann. Das gilt auch für Babys und Kinder. Gerade die Raumtemperatur ist ein wichtiger Bestandteil des guten Schlafes: Zu warme Schlafräume und -arrangements behindern einen guten Schlaf und werden sogar als Ursache für den Plötzlichen Kindstod mit aufgeführt.

Für Babys ist es zudem wichtig, dass sie die Anwesenheit eines Erwachsenen spüren – auch dies zählt zur Erfüllung der Grundbedürfnisse. Denn nur dann fühlt es sich ganz sicher und kann sicher sein, dass jemand über es wacht, während es schläft. So kommt es auch, dass viele Kinder die Nähe der Eltern im Familienbett bevorzugen. Was auf keinen Fall geeignet ist, um den Schlafrhythmus des Kindes auszudehnen oder das selbständige Durchschlafen zu fördern, ist das „(kontrollierte) Schreienlassen„. Auch wenn Kinder durch diese Methode nachts weniger aufwachen, kann das psychische und allgemein gesundheitliche Nachteile mit sich bringen.

Einschlafstillen?

Eines der Grundbedürfnisse, die erfüllt sein wollen, ist es also, dass das Kind satt ist. Demnach stehen Stillen und Schlafen in einem Zusammenhang bzw. auch das Stillen des Hungerbedürfnisses durch künstliche Säuglingsnahrung, wenn nicht gestillt wird. In vielen Ratgebern wird davor gewarnt, Babys im Bett zu stillen oder sie gar an der Brust einschlafen zu lassen. Warum aber? Das Einschlafen an der stillenden Brust bietet dem Baby schließlich die Erfüllung vieler Grundbedürfnisse auf einem Mal: Es hört den vertrauten Herzschlag, es ist warm, es besteht Körperkontakt und es wird dabei auch noch satt. Eine Traumvorstellung für ein Baby! Es spricht daher nichts dagegen, das Baby an der Brust einschlafen zu lassen. Doch wie schon ausgeführt wurde, erwarten Babys dieses Ritual dann auch beim nächtlichen Aufwachen. Es ist also eine ganz normale Grundsatzentscheidung, die Eltern hier fällen müssen: Soll das unser Ritual sein oder nicht? Wenn sich alle Beteiligten damit wohl fühlen, gibt es nichts, was dagegen sprechen würde. Wenn nicht, wird es ein anderes Ritual geben. Leider wird noch immer an vielen Stellen von Zahnärzten behauptet, das nächtliche Stillen würde Karies verursachen. Glücklicherweise gibt es Studien, die im ersten Babyjahr gegen dieses Ammenmärchen sprechen.

Auch die Milchproduktion unterliegt einem  zirkadianen Rhythmus. Gerade in Phasen von Entwicklungsschüben ist dies vielen Stillenden bekannt: Ist das Kind tagsüber mit dem Ausprobieren einer neuen Fertigkeit beschäftigt, trinkt es weniger und möchte dann nachts diesen Bedarf wieder auffüllen. Vormittags ist der Bedarf meist geringer und steigt am Nachmittag mit einem 2-Stunden-Rhythmus des Stillens wieder an. Holt das Baby nachts Mahlzeiten nach, kann auf verschiedene Weise eingewirkt werden: Das Baby kann tagsüber die Brust häufiger angeboten bekommen, um seinen Bedarf zu stillen und die Mutter kann auch nachts die so genannte „11-Uhr-Stillmahlzeit“ anbieten: Geht die Stillende zum Schlafen ins Bett, bietet sie dem Baby die Brust an, um dann erst einmal den Bedarf zu stillen und eine längere Stillpause zu haben, in der sie auch Schlaf bekommt.

Kleine Hilfen zur Entspannung

Zunächst ist es wichtig, sich in Bezug auf das Schlafen eines klar zu machen: Säuglinge, Babys und selbst Kleinkinder schlafen in den seltensten Fällen die Nacht durch. Auch wenn in Ratgebern wie „Das Durchschlafbuch“ von Anna Wahlgren behauptet wird, dass Babys durchschlafen müssten und sich der als chronisch bezeichnete, aber eigentlich normale Schlafmangel negativ auf das Gehirn auswirken würde – es ist nicht richtig. Das nächtliche Aufwachen hat, wie wir gesehen haben, einen Sinn und Zweck. Wird man sich dessen bewusst und kann man daher auf die Frage, ob der sechs Monate alte Säugling denn nun endlich durchschlafen würde, ganz gelassen antworten, dass er das nicht tut, ist für die elterliche Entspannung schon einiges getan. Nicht-Durchschlafen ist nämlich kein Zeichen dafür, dass das Kind zu sehr verwöhnt wird und auch nicht für elterliches Versagen. Es ist schlichtweg normal.

Doch natürlich kann zu wenig Schlaf (und das ständige Nachfragen von Familienangehörigen und Verwandten nach dem Durchschlaffortschritten des Nachwuchses) an unseren Nerven zehren. Gerade wenn wir ganz besonders wünschen, dass das Kind nun doch einschlafen möge, weil wir unsere Lieblingsserie im Fernsehen sehen möchten, gelingt das Zu-Bett-Bringen besonders oft nicht. Woran das liegen kann? Wir selbst müssen entspannt sein, um Entspannung zu vermitteln. Nimmt das Baby oder Kleinkind den schnelleren Herzschlag der Mutter, die schnellere Atmung oder die Körperspannung durch die Aufregung oder Verärgerung wahr, kann es erst Recht nicht einschlafen. Auch das ist ganz sinnvolles und normales Verhalten des Babys: „Mama ist beunruhigt, ich weiß nicht warum, aber irgendwas wird nicht stimmen. Dann bleib ich lieber wach.“ Ruhig durchatmen, heißt es dann. Vielleicht sind ja noch einige Atem- oder Entspannungstechniken aus der Geburtsvorbereitung bekannt, die zur Lockerung führen können. Erst wenn der Körper wieder beruhigt ist, kann auch das Baby schlafen. Wenn das nicht möglich ist, kann man sich vielleicht mit dem Partner abwechseln.

Die wohl wichtigste Hilfe, damit alle Beteiligten einen guten Schlaf finden ist, dass sie auch wirklich schlafen gehen. Während wir darauf bestehen, dass unsere Babys und Kinder ausreichend Schlaf erhalten, gehen wir nämlich mit uns selbst meistens nicht so wohlwollend um: Statt sich mit dem Säugling gemeinsam ins Bett zu legen und auch dort zu bleiben, stehen wir wieder auf, um noch auf der Couch einen Film zu sehen, aufzuräumen oder zu arbeiten. So vertun wir die Stunden, die wir nach unserem ganz persönlichen Schlafbedarf benötigen (der ja, wie gezeigt wurde, bei jedem anders ist), mit Wachsein und kommen automatisch zu wenig Schlaf. Ist der Nachtschlaf zu kurz und oft gestört, brauchen wir am Tag Zeit, um den Schlaf nachzuholen. Dafür sollten wir uns entweder zusammen mit dem Kind hinlegen, oder das Kind an eine andere Person übergeben, um Schlaf zu finden. Denn Schlafmangel tut langfristig weder uns selbst gut, noch der Beziehung zum Kind.

Durch das gemeinsame Schlafen im Familienbett kann sich der Schlafrhythmus der Stillenden an den des Babys anpassen: So wird sie nicht aus dem Tiefschlaf gerissen, wenn das Baby erwacht. Auch wenn sie nachts recht häufig durch die Signale des Babys erwachen, erscheinen sie ausgeruhter als bei getrenntem Schlaf.

Selbstverständlich benötigen wir aber auch ab und zu einen Abend mit Partner:in oder Freund:innen oder doch mal die Zeit für die Steuererklärung. Verabredungen und Termine können dann nützlich sein. Und an den restlichen Abenden gilt: Einfach mal alles andere sein lassen und gemeinsam mit dem Kind den Schlaf genießen. Und die Aufgaben, die erledigt werden wollen wie das Aufräumen und Wäschewaschen, müssen nach und nach später erledigt werden – am besten mit weiteren helfenden Händen. Denn: Es braucht bekanntlich ein Dorf, um ein Kind groß zu ziehen. Das meint nicht nur die Versorgung des Kindes, sondern auch alles drum herum.

Eure


Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik), Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

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Wenn Babys schreien gelassen werden – was passiert in Babys Körper?

Vielen Eltern ist das“Kontrollierte Schreienlassen“, auch „Ferbern“ genannt (nach dem Erfinder des Schlafprogramms Dr. Richard Ferber, bei uns durch das Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen“ verbreitet) bekannt. Auch heute ist es noch weit verbreitet und wird immer wieder bei Schlafproblemen von Babys und Kleinkindern angeraten. Die Idee hinter dem Schreienlassen lässt sich einfach umreißen: Wenn Eltern auf das Weinen und Schreien des Babys nicht reagieren, stellt es seine Versuche irgendwann ein, was zu ruhigeren Nächten führen soll. Für viele Eltern klingt dies verlockend. Doch ist diese Methode nicht ohne Negativpunkte: Dass Babys und Kleinkinder Schreien und Weinen, hat Ursachen.

Warum Babys weinen und schreien

Babys und Kleinkinder schreien nicht aufgrund von Machtkämpfen. Sie wollen damit auch nicht ihre Eltern tyrannisieren. Sie schreien und weinen, weil sie ein Bedürfnis haben und zu klein und unselbständig sind, um es eigenständig erfüllen zu können. In vielen unterschiedlichen Bereichen ihrer Grundbedürfnisse sind Babys und Kleinkinder noch lange auf die Versorgung durch ihre Bezugspersonen angewiesen, beispielsweise in Hinblick auf Schutz, Wärme, Nahrungszufuhr. Wenn diese Bedürfnisse erfüllt werden, bildet sich ein Vertrauen darin aus, dass das Kind gut umsorgt wird: eine gute Grundlage für eine sichere Bindungsbeziehung. Wenn ein Bedürfnis nicht erfüllt ist, zeigen das viele Babys zunächst durch bestimmte Signale an, beispielsweise nuckeln sie an ihren Händen oder wenden den Kopf hin und her, wenn sie hungrig werden. Wird auf diese Signale nicht reagiert, beginnen sie irgendwann zu weinen und zu schreien als Alarmzeichen.

Wenn Babys nicht getröstet werden

Werden Babys nun nicht getröstet bei solchen Alarmzeichen, hören sie dennoch irgendwann auf zu schreien. Man könnte denken: Also war es ja doch nicht so schlimm! Wichtig ist aber, die Abläufe im Körper des Kindes zu betrachten und danach zu beurteilen, ob das Schreienlassen eine geeignete Methode ist, mit Babys umzugehen. Im Rahmen der Bindungstheorie wird heute – auch durch viele Vertreter:innen – vom Schreienlassen abgeraten, denn die negativen Auswirkungen auf die Entwicklung des Babys und die Bindungsbeziehung werden hervorgehoben. Allerdings gibt es keine konkreten Studien, die Schreienlassen und Nicht-Schreienlassen vollkommen sicher gegeneinander abgrenzen können, da ein entsprechendes Forschungsdesign unethisch wäre und auch das generelle Verhalten der Eltern im Alltag Einfluss nimmt auf beispielsweise die zu untersuchende Bindungsbeziehung.

An dieser Stelle soll daher darauf eingegangen werden, welche Prozesse durch das Schreienlassen ausgelöst werden und welche Langzeitfolgen neben psychischen und sozialen Problemen auf der medizinischen Ebene auftreten können.


Wie unser Körper mit Stress umgeht

Betrachten wir zunächst, wie der Körper eines erwachsenen Menschen mit Stress umgeht, um ein Verständnis dafür zu bekommen, welche Prozesse auch beim Kind ablaufen: Unser Körper verfügt über ein ausgeklügeltes System an Hormonen, das es ihm ermöglicht, Stress zu verarbeiten. Eine ganz besonders große Bedeutung kommt dabei den so genannten Glukokortikoiden zu, dessen bekanntester und wirksamster Vertreter das körpereigene Hormon Cortisol ist. Cortisol wird von den Nebennierenrinden ausgeschüttet, wenn sie dazu angeregt werden. Dass die Nebennierenrinden dazu angeregt werden Cortisol auszuschütten, wird durch andere Hormone gesteuert. Diese Steuerung erfolgt vom Gehirn durch den Hypothalamus und die Hypophyse. Unser Gehirn gibt demnach über bestimmte Botenstoffe den Auftrag, dass die Nebennierenrinden Cortisol ausschütten sollen, weil wir mit Stress umgehen müssen. In Stresssituationen sind die Glukokortikoide (Stresshormone) wie das Cortisol für uns sehr hilfreich: Sie führen zum Abbau von Eiweiß in der Muskulatur, im Fett- und Hautgewebe, zum Abbau von Fett und zur Neubildung von Zucker, so dass unsere Glukosekonzentration im Blut steigt. Das sind alles wichtige Vorgänge, damit wir mit Stress umgehen können. Insbesondere sind diese Vorgänge auf Stresssituationen ausgerichtet, wie unsere Vorfahren sie von Millionen von Jahren erlebten, wenn sie auf einmal einem gefährlichen Tier gegenüber standen. Ist die Konzentration der Stresshormone hoch und dies auch längerfristig, gibt es noch weitere Effekte: Sie wirken entzündungshemmend, unterdrücken das Immunsystem indem insbesondere Lymphozyten und Phagozyten gehemmt werden, was zur Infektanfälligkeit führt,  und zeigen auch einen osteoprotischen Effekt, d.h. sie dünnen die Knochen aus. Längerfristig fällt auch das Lernen schwer und es kann zu Konzentrationsstörungen kommen.

Neben den Glukokortikoiden werden in Stresssituationen zusätzlich noch Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet. Sie führen dazu, dass alle für das Überleben wichtigen Organe richtig funktionieren. So wird die Herzschlagfrequenz gesteigert und das Herz kann sich auch stärker kontrahieren. Die Organe, die zur Bewältigung des Stresses notwendig sind (Herzmuskel, Lunge, Skelettmuskeln), werden stärker durchblutet, Haut und innere Organe weniger. Auch komplexe Denkvorgänge sind jetzt nicht möglich, sondern eher Reflexhandlungen, die auf Flucht oder Angriff abzielen.

Der Körper hat also ein sehr ausgeklügeltes System erfunden, um mit kurzfristig auftretendem Stress umgehen zu können, damit wir in solchen Situationen überleben können. Längerfristig macht negativer Stress krank, weil die Hormone uns zu viel abverlangen.

Wenn Babys schreien

Wenn Babys beunruhigt sind und weinen und schreien, zeigen auch sie typische Stressreaktionen: Ihr Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt an, es wird mehr Cortisol ausgeschüttet. – Dies insbesondere, wenn sie eben nicht in der Begleitung einer Bindungsperson weinen und schreien, sondern allein. Natürlich kommt es vor, dass Babys auch in den Armen der Eltern weinen und erst einmal nicht tröstbar erscheinen, aber die dennoch bestehende Zuwendung der Bezugsperson und die Sicherheit „Es ist jemand bei mir“ führen zu einer anderen Reaktion als beim Weinen allein.

Beim „Schreienlassen“ insbesondere als „Schlaftraining“ wird das Baby nicht einmalig allein gelassen mit dem Weinen und Schreien, sondern gezielt mehrfach an mehreren Tagen hintereinander, bis das Kind „gelernt“ hat, dass die Bezugsperson nicht kommt und das Schreien einstellt. Dieser längerfristige Stress führt zu entsprechenden Reaktionen im Körper.

Mögliche längerfristige Auswirkungen

Die Liste der längerfristigen Auswirkungen von zu viel negativem Stress auf den Körper ist lang. Es gibt Auswirkungen auf das Zentrale Nervensystem, auf das Autonome Nervensystem, metabolische und immunologische Effekte. Im Zentralen Nervensystem kann es zur Potenzierung von Angst kommen. Auch wird auf Stress später anders reagiert als bei „normalen“ Menschen und es entsteht eine Art Grundspannung und sehr leichte Erregbarkeit. Dementsprechend zeigen Studien beispielsweise, dass Kinder, die nicht beruhigt werden, viel länger weinen, als wenn die Bezugspersonen prompt reagieren und das Kind trösten und Babys, die schreien gelassen werden, sogar häufiger weinen. Zudem kann das Wachstum durch zu viel Stresshormone beeinträchtigt werden, wie auch die Lernfähigkeit insgesamt. Auch das Immunsystem leidet darunter und Kinder mit viel Stress können leichter krank werden.

Auch auf die Beziehung wirkt sich das Schreienlassen aus: Die möglichen Auswirkungen eines Traumas durch Schreienlassen in der frühen Kindheit können sehr unterschiedlich ausgeprägt sein und sind auch davon abhängig, wie sich die Bindung ansonsten gestaltet: Sie reichen von Schafproblemen und Lernproblemen über Angststörungen bis hin zu Depressionen und Abhängigkeit. Durch das fehlende Entgegenkommen der Eltern in der Notsituation des Kindes (denn so empfindet das Kind, wenn es weint und schreit), kann auch das allgemeine Bindungsmuster negativ beeinflusst werden. Für die Ausbildung einer sicheren Bindung ist es wichtig, dass die Bindungsperson feinfühlig, sicher und prompt (je nach Alter des Kindes) auf die Bedürfnisse des Kindes reagiert.

Hormone bewirken auch Beruhigung

Wird es jedoch wahrgenommen und getröstet, wird im Gehirn Oxytocin freigesetzt. Dieses Bindungs- oder auch Kuschelhormon sorgt dafür, dass der Spiegel an Stresshormonen wieder sinkt. Auch das ist etwas, was uns aus dem Alltag nur allzu bekannt ist: Eine liebevolle Umarmung, Streicheleinheiten, Nähe wirken manchmal Wunder, wenn wir gestresst sind. Was Babys und Kinder also unbedingt zur Beruhigung benötigen, ist die Anwesenheit und die Zuwendung von Erwachsenen, damit sie die Stresshormone abbauen können. Passiert das Gegenteil und das Kind wird allein Schreien gelassen – wie es leider noch immer bei einigen „Schlafprogrammen“ angeraten wird – hat das Kind nicht die Chance, effektiv den Überschuss an Stresshormonen abbauen zu können.

Was bedeutet das für den Alltag mit Babys?

All diese medizinischen und wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen eines: Babys und Kinder sollten unter keinen Umständen allein schreien gelassen werden (Außer in jenen Ausnahmesituationen, wenn Eltern sonst Gefahr laufen, ihren Babys gegenüber gewalttätig zu werden und/oder sie zu schütteln. In diesen Situationen sollten sie das Baby sicher ablegen, den Raum verlassen und Hilfe rufen). Der Begriff „kontrolliertes Schreienlassen“ ist irreführend, denn die Eltern haben zwar anhand einer Uhr eine Kontrolle über die Zeitdauer, doch das Kind nicht. Gerade kleine Kinder verfügen noch nicht über ein Zeitgefühl, wie wir Erwachsenen es besitzen. Von einer Kontrolle kann daher keine Rede sein. Schlafprogramme wie „Jedes Kind kann schlafen lernen“ oder dessen Abwandlung „Freiburger Sanduhr Methode“ sind für Babys daher vollkommen ungeeignet. Das weinende Kind benötigt unter allen Umständen prompte, liebevolle Zuwendung, um sich wieder stabilisieren zu können. Unterbleibt diese und dies auch noch längerfristig, können Folgen auftreten, die sich bis ins Erwachsenenleben auswirken.

„Ich kann ja sowieso nicht helfen!“ – Positive Nähe wirkt immer

Manchmal beruhigen sich Babys auch dann nicht, wenn wir uns ihnen liebevoll zuwenden und es ist unklar, wie dem Kind geholfen werden kann. In solchen Fällen ist es jedoch notwendig, dass wir mit der Zuwendung nicht aufhören und das Kind nicht alleine mit seiner Not lassen nach dem Motto „Ich kann ihm ja sowieso nicht helfen“. Auch wenn es für uns nicht ersichtlich ist, ist das Dasein und die damit einher gehende Hormonausschüttung von Oxytocin schon eine Hilfe für das Kind, die nicht unterschätzt werden darf. Darüber hinaus lernt es: „Ich werde geliebt und umsorgt, wie auch immer es mir geht.“ – Ein wichtiger Baustein für das weitere Leben und unerlässlich dafür, Vertrauen aufzubauen. Wenn das Baby in unseren Armen liegt und im Schreien begleitet wird, ist das kein „schreien lassen“.

Wie auch ohne Schlafprogramm ausreichend Schlaf erlangt werden kann, wird demnächst vorgestellt im Artikel „Familienschlaf – darauf kann ich achten, um mit Baby Schlaf zu finden