Ammenmärchen über das Familienbett

Der kürzlich erschienene Artikel über das Familienbett hat bei einigen Leuten Fragen dazu aufgeworfen, wie das denn überhaupt funktionieren kann und ob das nicht unnatürlich und ungesund sei. Den häufigsten negativen Aussagen zum Familienbett wird hier daher hier einmal auf den Grund gegangen:

1. „Paare mit Familienbett haben keinen Sex.“
Denkt man einmal genau über diese sehr häufige Aussage nach, wird eigentlich sehr schnell klar, wie wenig sinnvoll sie ist. Sex ist schließlich nicht an den Ort „Bett“ gebunden, sondern von vielen anderen Faktoren abhängig, von denen der Ort nun wirklich der meist unwichtigste ist. Generell ist es bei vielen Eltern so, dass sich das Sexualleben nach dem ersten Kind verändert: Sind die Eltern – insbesondere die Mütter – durch durchwachte Nächte oder anstrengende Tage erschöpft, ist auch die Lust weniger vorhanden als an ausgeruhten Tagen. Gerade hier aber kann das Familienbett ein Vorteil sein: Der Schlafrhythmus von Mutter und Kind gleicht sich, wenn beide nahe beieinander schlafen, an. So werden die Mütter durch das nachts weinende Baby nicht aus dem Tiefschlaf gerissen und haben demnach erholsamere Nächte. Und schließlich können auch dann, wenn die Kinder im eigenen Bett im anderen Zimmer schlafen, Eltern in ihrem Sexualleben gestört werden, wenn der Nachwuchs von einem schlechten Traum geweckt und plötzlich im Zimmer steht. Da ist es vielleicht doch besser, wenn man von Anfang an auf einen anderen Ort oder andere Orte ausweicht.

2. „Familienbetten sind „nicht normal“.“
Wahrscheinlich ist diese Aussage gar nicht so falsch. Zumindest hier bei uns entspricht das Modell „Familienbett“ nicht der Norm. Historisch und transkulturell betrachtet sieht es aber schon anders aus: Das Familienbett ist in vielen Kulturen die durchschnittliche Art, wie Familien zu ihrer Nachtruhe kommen. In den nichtindustrialisierten Ländern schlafen laut einer Studie nahezu die Hälfte der Kinder im Elternbett. Ist dies nicht der Fall, schlafen sie häufig zumindest im selben Raum, wie auch Karl Heinz Brisch, der Bindungsforscher, in seinem Buch „Safe – Sichere Ausbildung für Eltern“ beschreibt:

„Vor einigen Jahren war ich auf einer internationalen Konferenz und saß beim Konferenzdinner mit sieben Kolleginnen aus Indonesien an einem Tisch. nachdem der Abend etwas fortgeschritten war und sich die Atmosphäre lockerte, fragte mich eine von ihnen, ob es stimme, dass bei uns in Deutschland Kinder in einem eigenen Bettchen schlafen müssen. Ich bejahte dies und war etwas erstaunt, als im Folgenden noch mehrmal diese Frage gestellt wurde und auf meine positive Antwort hin einige Unruhe auftrat. Schließlich fragte mich eine weitere Kollegin, ob denn die Kinder nachts in ihren Einzelbetten in ihren Zimmern blieben. Diese Frage musste ich nun eindeutig verneinen und sagen, dass die Kinder in Deutschland, wenn sie nachts Angst bekommen und die Möglichkeit haben, aus ihrem Bett herauszukommen und zu ihren Eltern zu gehen, diese als sichere Bindungspersonen aufsuchen, um sich durch Körperkontakt zu beruhigen. Das Erstaunen über diese Antwort war sehr groß und die Indonesierinnen meinten: Die Kinder in Deutschland sind ja genauso wie unsere Kinder, aber warum muten deutsche Eltern Kindern zu, dass sie allein in einem eigenen Zimmer im eigenen Bett schlafen müssen, wenn doch klar ist, dass sie sich daran nicht halten, sobald sie Angst bekommen?“

Unter „nicht normal“ wird jedoch häufig nicht „nicht der Norm entsprechend“ verstanden, sondern die Aussage zielt darauf ab, dass es sich um ein unnormales Beziehungsverhalten handeln würde. Oft wird im Zusammenhang mit dem Familienbett auf sexuellen Missbrauch angespielt. Hierzu gibt es zwei wesentliche Punkte, die aufgeführt werden müssen: 1. Familien, die Familienbetten nutzen, weisen meist einen kindorientierten, alternativen und liebevollen Erziehungsstil auf. Auch durch das unter Punkt 1 aufgeführte geringere Schlafdefizit neigen solche Eltern weniger zu Gewalthandlungen. 2. Eigene Kinderzimmer und -betten beugen leider nicht dem sexuellen Missbrauch vor, sondern können auch einer Vertuschung eines solchen förderlich sein.

3. „Babys und Kinder werden im Familienbett „verzogen“.“
Von Natur aus können Babys und Kinder dann gut einschlafen, wenn sie sich sicher und geborgen fühlen. Insbesondere bei Kindern, die noch nicht laufen können, ist dafür die Nähe der Eltern notwendig. Sind sie in der Nähe, bedeutet dies für das Kind: Mir kann nichts passieren. Wenn irgendetwas nicht in Ordnung ist, ist jemand für mich da und kümmert sich um mich, trägt mich im Notfall davon. Seinen Ursprung hat dieses Verhalten darin, dass das Verhalten unserer Babys in vielen Punkten noch von den Urinstinkten bestimmt wird, die seit Millionen von Jahren für das sichere Aufwachsen notwendig waren. Babys und Kleinkinder wissen noch nicht, dass keine wilden Tiere in unsere Wohnung kommen können oder wir mit sicheren Türen und Glasscheiben gegen die Naturgewalten geschützt sind. Um sich sicher zu fühlen, brauchen sie kein Angelcare oder Babyphone, sondern die Gewissheit, die Eltern in der Nähe zu haben.
Wenn daher Babys und Kinder im Familienbett schlafen, kommt das einem ganz natürlichen und Millionen Jahre altem Impuls nach. Von „verziehen“ kann also keinesfalls die Rede sein, sondern vielmehr davon, auf die Signale und Bedürfnisse des Kindes zu achten. Zudem hat das Schlafen im Familienbett bzw. der unmittelbaren Nähe der Eltern weitere, auch gesundheitliche Vorteile, die im Folgenden noch ausgeführt werden.

4. „Familienbetten sind gefährlich.“
Als Argument gegen das Familienbett wird häufig aufgeführt, dass Familienbetten für Babys gefährlich wären, da sie darin zugedeckt werden könnten und nicht mehr genügend Luft erhalten würden. Gegen dieses Argument sprechen jedoch einige andere Fakten, die hier aufgeführt werden sollen, damit sich Eltern ein eigenes Bild darüber machen können:
Ein Familienbett muss selbstverständlich groß genug sein, damit alle Familienangehörigen darin ihren Platz finden können. Ein herkömmliche Matratze von 120cm reicht also nicht für Vater, Mutter und Kind aus. Je nach „Teilnehmerzahl“ muss sie entsprechend breit sein. So wird gewährleistet, dass das Baby nicht überrollt oder zugedeckt werden kann. Ist ausreichend Platz vorhanden, läuft das Baby nicht Gefahr, von der Bettdecke eines Elternteils zugedeckt zu werden, sondern kann ohne Kissen und im Schlafsack gut bettet sein. Auch sollte die Matratze möglichst hart sein, damit das Baby nicht darin einsinkt. Wasserbetten eignen sich als Familienbetten daher nicht. Durch den zu weichen Untergrund kann das Baby darin versinken bzw. sich nicht selbst aufrichten zur Atmung. Und selbstverständlich müssen die Eltern Sorge tragen, dass sie nicht durch Drogeneinfluss das Kind bedecken.
Was die Atmung des Babys betrifft, sind folgende Informationen hilfreich für Eltern, die sich mit dem Gedanken an ein Familienbett tragen: Bei Neugeborenen ist der Atemrhythmus noch anders als bei uns Erwachsenen und es ist möglich, dass es zu einem Atemaussetzer kommen kann. Wenn es hierzu kommt, kann jedoch der Atem einer anderen anwesenden Person den Atemrhythmus des Babys stimulieren – es beginnt wieder zu atmen, weil es einen anderen Atem hört. Zudem hat das nahe beieinander Schlafen noch einen weiteren Schutzmechanismus: Wie bereits erwähnt, gleichen sich der Schlafrhythmus von Mutter und Kind an. Auf diese Weise wird die Mutter bei Störungen ebenfalls wach und kann helfend einwirken, sollte es zu irgendwelchen Problemen kommen. Durch die Nähe sind Eltern schneller in der Lage, bei Problemen einzuschreiten, als wenn das Kind in einem anderen Raum schlafen würde.
In Bezug auf Familienbetten und Plötzlichem Kindstod, dessen tatsächliche Ursachen noch immer ungeklärt sind, gibt Dr. Jan Sperhake, Oberarzt am Institut für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Eppendorf in Hamburg in der ELTERN (10/2012) folgende Information: „Wenn jedoch das Kind selbst keine Risikofaktoren aufweist und die Eltern alle üblichen Vorsichtsmaßnahmen einhalten, vor allem aber nicht rauchen, dann ist das Risiko für das Kind im Elternbett wahrscheinlich nur gering erhöht. Vorausgesetzt, es trägt einen Schlafsack, kann nicht unter eine Daunendecke oder mit dem Kopf in ein Kissen oder eine Kuhle geraten.“

5. „Im Familienbett kann man sich unmöglich erholen.“
Auch dies ist ein weit verbreiteter Irrtum über Familienbetten. Häufig findet man im Internet Bilder darüber, dass Kinder im Bett der Eltern quer liegen, sich breit machen und es wird ironisch darüber berichtet, dass das „H im Bett für Hölle“ steht.  Eltern werden hierdurch abgeschreckt, sich Gedanken über ein Familienbett zu machen. Dennoch gilt: Zunächst ist natürlich die Größe des Bettes wichtig, damit alle ihren guten Platz darin finden können. Ist dies gegeben, spricht nichts dagegen, dass alle Beteiligten genügend Erholung erhalten – im Gegenteil: Das nächtliche Stillen ist durch die Nähe erleichtert. Mütter müssen zum Stillen nicht aufstehen und können das Baby bequem anlegen. Durch den angeglichenen Schlafrhythmus werden sie nicht aus dem Tiefschlaf gerissen. Körperkontakt hat zudem auch positive Auswirkungen auf die Ausschüttung bestimmter Hormone, insbesondere des „Liebeshormons“ Oxytocin: Nähe und Körperkontakt sind daher für den Aufbau einer guten Beziehung jederzeit förderlich – tagsüber wie nachts. Dies gilt übrigens auch für Geschwisterkinder. Können sie gemeinsam in einem Bett schlafen, wird die Bindung verstärkt und Geschwister gewöhnen sich schneller und besser aneinander.

6. „Einmal im Familienbett, werden Kinder nie im eigenen Bett schlafen.“
Ein Totschlagargument, das in eine Kategorie fällt mit „Wer länger als ein Jahr stillt, der stillt sein Kind noch in der Schule“ oder „Tragetuchkinder fangen nie an zu laufen“. Natürlich ist es Unsinn, dass Kinder für den Rest ihres Lebens im Bett der Eltern schlafen wollen. Für die kleinen Kinder hat es aber große Vorteile, in der Nähe zu sein. Können sich Kinder nachts selbst beruhigen, „schlafen durch“ und haben die Gewissheit, dass sie jederzeit in die Nähe der Eltern flüchten können, wenn doch etwas sein sollte, können sie ganz selbstbestimmt aus dem Bett ausziehen. Bei manchen Kindern ist dieser Punkt erreicht, wenn sie nach dem 3. oder 4. Geburtstag ein neues Geschwisterkind mit ins Bett bekommen. Oder wenn sie es bei Freunden erleben und einmal ausprobieren möchten. Gründe dafür, warum Kinder auf einmal ein eigenes Bett wünschen, gibt es viele. Eltern sollten diesen Wunsch dann aufgreifen und respektieren. Bei einigen Kindern ist die früher der Fall, bei anderen später – aber so ist es ja bei allen Aspekten der kindlichen Entwicklung.

 

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