Schlagwort: Babywissen

7 Dinge, die Du schon in der Schwangerschaft wissen solltest für einen guten Start mit Baby

Geburtsvorbereitung ist wunderbar, denn in einem Kurs bekommen wir vermittelt, worauf wir bei der Geburt achten können, was uns unterstützt oder was den Geburtsverlauf auch hemmen kann. Wir erfahren, welche Bewegungen gut tun und was wir aktiv tun können, damit das Baby im Weg durch das Becken unterstützt wird. Wenn eine spontane Geburt nicht möglich ist, wird besprochen, wie eine Geburt auch auf andere Weise für alle beteiligten gut erlebt werden kann. Doch neben der Vorbereitung auf die Geburt und das konkrete Ankommen des Babys ist es genauso wichtig, den Weg der Bindung schon in der Schwangerschaft zu ebnen durch Aufklärung über die Fähigkeiten und Bedürfnisse des Babys, um den Start in das Elternleben leicht zu gestalten.

1. Du kannst Dein Baby nicht verwöhnen

Wir hören und lesen es noch immer überall: „Verwöhn das Baby nicht, sonst wird es dich tyrannisieren!“ „Erzieh das Baby von Anfang, damit du nicht bei jedem Mucks springen musst!“ Diese kleinen, hilfsbedürftigen Wesen werden nicht selten als große Bedrohung unseres Lebensstils dargestellt. Tatsächlich aber ist es so, dass du dein Baby mit liebevoller Zuwendung nicht verziehen kannst. „Verwöhnen“ ist wunderbar, wir alle werden gerne verwöhnt, wenn damit gemeint ist, dass einfach unsere Bedürfnisse auf angenehme Weise erfüllt werden. Das Baby bringt eigene Bedürfnisse ins Leben mit: Es hat ein Bedürfnis nach Nähe und Schutz, nach Nahrung, nach Schlaf, nach Pflege und nach sozialem Miteinander. Es möchte mit zunehmendem Alter Die Welt erkunden und dabei aber auch einen sicheren Hafen haben, zu dem es zurück kommen kann. Mit Liebe, die auch Freiraum lässt für eigenständiges Entdecken, verwöhnst du dein Baby nicht.

2. Mütter sind nicht allein verantwortlich

Wir bekommen es an so vielen Stellen vermittelt: Der gebärende Elternteil ist in besonderer Weise verantwortlich für das Kind und muss sich nun primär um die Bedürfnisse des Kindes kümmern. Nicht selten wird dabei auch vermittelt: Und die eigenen Bedürfnisse immer hinten an stellen! Lieselotte Ahnert, Professorin für Angewandte Entwicklungspsychologie, bringt es aber sehr schön in ihrem Buch „Wieviel Mutter braucht ein Kind?“ auf den Punkt: „Mit Ausnahme des Stillens gibt es kaum Hinweise, dass Frauen drauf vorbereitet sind, der befähigtere Elternteil zu werden.“ Ein Kind zu begleiten, braucht nicht selten viel Kraft. Oft mehr, als wir allein aufbringen können neben all den anderen Dingen, die unseren Alltag mitbestimmen. Es ist sehr wichtig, auch die eigenen Kraftreserven immer wieder aufzufüllen. Das geht besonders gut, wenn das Baby auch schon an andere nahe Bezugspersonen übergeben werden kann und von ihnen liebevoll begleitet wird. Das kann der andere Elternteil sein, aber auch Großeltern, Freunde etc. Die primären Bezugspersonen haben einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung des Kindes, aber sie sind nicht allein verantwortlich für alles und müssen es auch nicht sein.

3. Das Wochenbett heißt nicht umsonst so

Kraft sammeln, das ist oft auch gerade nach der Geburt wichtig. Manche Wöchnerin hat gerade jetzt auch das Gefühl, besonders viel Kraft zu haben und möchte zu Hause ausruhen, umräumen, Besuch empfangen. Auch bei einem solchen Hoch ist es wichtig, die eigenen Ressourcen im Blick zu halten: Das Wochenbett ist eigentlich eine Phase, in der die Wöchnerin tatsächlich zunächst mit dem Baby im Bett bleibt und sich umsorgen lässt.

Idealerweise kann auch der andere Elternteil darauf teilhaben und diese Zeit des Neubeginns und Kennenlernens nicht nur mit Besorgungen und Haushalt auffüllen, sondern vielmehr auch mit Kuschelzeiten und Annäherung an das Familienleben. Jetzt ist vor allem Zeit wichtig vor allen anderen Dingen und es tut gut, sie sich für einen sicheren Start zu nehmen. Nach der Woche im Bett kann langsam damit begonnen werden, die Wohnung gemeinsam zu erobern – aber Schritt für Schritt. Gerade jetzt finden auf so vielen Ebenen Änderungen statt und so viel Neues tut sich auf, dass Langsamkeit besonders wichtig ist. Und wenn Besuch erwartet wird, kann dieser sich gerne an den Wochenbettbesuchsregeln orientieren.

4. Babys reifen noch nach

Der Schweizer Anthropologe Adolf Portmann prägte die Bezeichnung „physiologische Frühgeburt“ in Bezug auf die menschlichen Babys: Sie kommen aufgrund unserer Entwicklung des aufrechten Gangs und den damit veränderten Strukturen im Becken noch relativ „unreif“ zur Welt, damit sie in der Regel gut Becken und Gebärkanal passieren können. Dafür aber brauchen sie im Anschluss an die Geburt noch Zeit, um „nachzureifen“. Besonders die ersten drei Monate sind eine Zeit, in der Babys langsam in der Welt ankommen und noch sehr viel Hülle und Schutz brauchen. Besonders in dieser Zeit brauchen viele Babys noch gebärmutterähnliche Rahmenbedingungen, um sich sicher und geborgen zu fühlen: viel Körperkontakt und Wärme, gewiegt werden, beruhigende Töne und das Gefühl, in Symbiose zu sein mit einer sich um die Bedürfnisse kümmernden Bezugsperson.

5. Das Weinen des Babys ist normal und will begleitet werden

Babys kommen schon mit vielen Möglichkeiten der Kommunikation zur Welt und haben eigene Signale, mit denen sie sich mitteilen: Die können Hunger mit Saugen an den Händen oder einer Suchbewegung des Mundes anzeigen, drücken aus, wenn sie Ruhe brauchen durch abwenden des Kopfes und haben auch meistens eigene Fähigkeiten der Regulation. Dennoch ist auch das Weinen Teil der Sprache des Kindes. Manchmal können wir die Signale des Babys nicht wahrnehmen oder das Baby weint einfach ohne dass wir erahnen können, warum. Nicht nur Lachen und Freude sind im Leben mit Kindern wichtig und willkommen, sondern Kinder bringen eine ganze Palette an Gefühlen mit ins Leben ein und dürfen diese auch ausdrücken. Dies gilt auch für das Weinen: Wenn wir die Ursache nicht finden, brauchen sie eine liebevolle Begleitung des Weinens, bis dieses letztlich wieder abebbt. Auch wenn wir die Ursache nicht beheben können, vermitteln wir ihnen damit, dass die mit ihren Problemen nicht allein sind. Weinende Babys sollten nicht allein gelassen werden.

6. Stillen sollte nicht langfristig Schmerzen

Es ist eine ganz persönliche Entscheidung, ob gestillt wird oder nicht und jede Familie geht hier und in anderen Bereichen einen eigenen Weg. Wer sich für das Stillen entscheidet, sollte aber wissen, dass es kein Weg ist „durch den man eben durch muss“. Während es anfangs durchaus zu Schmerzen kommen kann bei der neuen Beanspruchung, und vielleicht auch noch Unsicherheiten in Bezug auf das richtige Anlegen des Babys gibt, sollten sich Probleme nicht über einen längeren Zeitraum hinziehen. Stillen muss manchmal erst geübt werden und hierzu braucht es vor allem Unterstützung: Anerkennung, Verständnis aber nicht selten auch einen fachkundigen Blick mit einigen Tipps. Sollte das Stillen langfristig schmerzen, ziehe schnell Hilfe hinzu.

7. Um Hilfe bitten ist in Ordnung

Es ist in Ordnung, um Hilfe zu bitten! Leider haben wir es an vielen Stellen verlernt oder es wurde uns aberzogen. Wir bekommen nicht selten das Gefühl vermittelt: Familienleben bedeutet, sich um alles selbst zu kümmern. Aber damit sind wir schnell überfordert und Stress ist etwas, das sich negativ auf den Familienalltag und die Interaktion mit dem Baby auswirkt. Daher: Egal was du hörst, um Hilfe bitten ist in Ordnung! Bitte Freund und Familie darum, für die erste Zeit für Dich zu kochen. Bitte darum, dir Einkäufe mit- oder vorbeizubringen. Frag andere, wie sie bestimmte Dinge erledigen und tausche dich mit anderen aus, bilde ein eigenes Netz. Es ist zu viel verlangt, Familie, Job, Haushalt und all die anderen Dinge selbst zu stemmen – und das gerade am Anfang, wenn das Baby erst einmal kennengelernt werden will in seinem Temperament und Bedürfnissen.

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Braucht mein Baby einen Nuckel?

Auf fast jeder Erstausstattungsliste steht er drauf: der Nuckel. Als mein Mann und ich vor so vielen Jahren noch kinderlos heirateten, bekamen wir zur Hochzeitsfeier einen Blumenstrauß, in den viele rosa und hellblaue Nuckel gebunden waren als Wunsch für Kinderreichtum. Kinderreich wurden wir, aber in Bezug auf die Nuckel sind wir ganz unterschiedliche Wege gegangen: Weiterlesen

5 Ammenmärchen über den Babyschlaf

Im Laufe der Jahre habe ich viel erfahren über das Schlafverhalten anderer Babys und Kinder und auch meine eigenen drei Kinder sind ganz verschiedene Schläfer: Da gibt es das Kind, das von Anfang an nachts wunderbar schlief, aber kaum am Tage. Dann gab es das Kind, das nachts lange (und zwar Jahre!) schlecht schlief und dafür den Mittagsschlaf liebte. Und es gibt das Kind, das irgendwo so in der Mitte ist und gerade erst den Tag-Nacht-Rhythmus für sich entdeckt hat. 3 Kinder in einer Familie, 3 verschiedene Schlafgeschichten. Babys und Kinder schlafen unterschiedlich und doch gibt es eines, was ganz sicher gilt: Es gibt viel zu viele Ammenmärchen über den Schlaf unserer Kleinsten. Weiterlesen

Schlaf schön und träum was Süßes! – Warum Kinder auch nach dem 1. Geburtstag noch nicht durchschlafen

Immer wieder werde ich von Eltern von Kleinkindern um Hilfe gebeten, weil die Kinder  Schlafwandeln, einen Nachtschreck haben oder eben einfach nicht durchschlafen. Es erscheint vielen Menschen ungewöhnlich, wenn Kleinkinder oder Kindergartenkinder noch nicht vollständig von abends mit morgens durchschlafen. Tatsächlich aber ist es ganz normal – weder Babys müssen durchschlafen noch Kleinkinder oder Kindergartenkinder. Und auch wir Erwachsenen wachen in der Nacht immer wieder auf – nur finden wir meist leichter in den Schlaf als die Kinder.

Aufwachen als Schutz
Eigentlich ist es längst bekannt, spätestens durch die weit verbreiteten Bücher von Herbert Renz-Polster: Das Aufwachen von Babys und Kindern in der Nacht ist ein Schutz. Sie vergewissern sich, dass die Umgebung sicher ist und das bedeutet insbesondere, dass ihre Bindungspersonen in der Nähe sind, da sie ihnen Schutz und Pflege bieten. Babys sind genetisch darauf ausgerichtet, sich an diejenigen Menschen zu binden, die ihnen genau dies bieten. Und eben diese Menschen erwarten sie auch in der Nacht, wenn sie erwachen und sich Schutz wünschen. Stellen sie fest, allein zu sein, fühlen sie sich bedroht. Evolutionsbiologisch ist dies sinnvoll, denn die hätten in der Steinzeit nicht überlebt, wenn sich ihre Bindungspersonen von ihnen entfernt und sie der Natur überlassen hätten. Und auch heute ist es sinnvoll, wenn Kinder nachts Schutz suchen. Zwar kommen im Schlafzimmer keine wilden Tiere vorbei, doch zum Überleben und zur Nahrungsaufnahme sind auch heute die Babys noch drauf angewiesen, ihre Bedürfnisse erfüllt zu bekommen und hierfür benötigen sie Menschen, die sich um die Erfüllung der Bedürfnisse kümmern können. Gerade bei Babys spielt hier auch der Nahrungsbedarf und der Schutz davor, zu wenig Nahrung zu bekommen, eine wichtige Rolle.

Durchschlafen – was heißt das eigentlich?
Wie sich der Schlaf von Kindern entwickelt, ist dabei sehr unterschiedlich. Manche Kinder schlafen früher durch, andere später. Durchschlafen bedeutet dabei, dass Kinder sechs bis acht Stunden ruhen. Wenn sie zwischendurch aufwachen, schlafen sie von selbst wieder ein und insgesamt dann sechs bis acht Stunden ohne die Zuwendung der Eltern zu benötigen. Durchschlafen bedeutet also nicht, dass Kinder die ganze Nacht lang schlafen und auch nicht, dass sie nachts überhaupt nicht aufwachen.

Auch nach dem ersten Geburtstag schlafen viele Kinder noch nicht durch, was auch wieder ganz logische Gründe hat: Kinder, die mit der Fortbewegung begonnen haben, werden durch die Angst im Dunkeln davor geschützt, sich zu weit von ihren Bindungspersonen zu entfernen. Sie erwachen, die Dunkelheit ängstigt sie mit den dort möglicherweise lauernden Gefahren, sie rufen nach der schützenden Nähe der Bindungspersonen. Auch die Angst vor unter dem Bett lauernden Monstern, wilden Tieren oder anderen unheimlichen Wesen ist ein Schutz durch das Kind: es kann sich nun vorstellen, dass es Wesen gibt, die ihm schaden könnten und sucht die schützende Nähe.

Das Gehirn braucht Energie – auch nachts
Zudem gibt es noch einen weiteren sehr sinnvollen Grund für das nächtliche Aufwachen: das Kind hat tatsächlich den Bedarf, Nahrung zu erhalten. Zwar ist immer wieder zu lesen, Babys ab dem sechsten Monat würden nicht mehr nächtliche Nahrungszufuhr benötigen, doch beruht diese Grundannahme größtenteils auf Daten von nicht gestillten Kindern, deren Nahrung weniger schnell verwertet wird als Muttermilch und die auch größere Mengen auf einmal zu sich nehmen als Stillkinder. Das in den ersten drei Lebensjahren jedoch stark wachsende Gehirn des Kindes benötigt sehr viel Energie. Diese Energiezufuhr findet bei vielen Kindern auch nach dem ersten Geburtstag noch nachts statt.

Was hilft?
Das Bedürfnis nach Schutz und Nähe aufgrund möglicherweise vorhandener Gefahren und die benötigte Energiezufuhr für die kindliche Entwicklung sind also wichtige Faktoren, die auch nach dem ersten Geburtstag dazu führen, dass Kinder noch nicht durchschlafen. Wie man an diesen Gründen schon erahnen kann, lässt sich daran von Außen kaum etwas ändern: Schlaflernprogramme sind keine sinnvollen Alternativen, um Kindern Angst zu nehmen oder sie besser in den Schlaf zu begleiten und weisen langfristig gesehen viele Nachteile auf. Kinder müssen im Laufe der Zeit lernen, dass ihre Schlafumgebung sicher ist. Dies können sie, wenn wir einen Schlafplatz in der Nähe der Eltern bieten, bei dem Eltern noch hörbar sind. Kinder müssen nicht völlig ruhig und abgeschieden schlafen. Eine normale Geräuschkulisse, die ihnen das Gefühl gibt, ihre Bindungspersonen sind anwesend, ist völlig in Ordnung. Zum Einschlafen ist es oft auch hilfreich, wenn sie Körperkontakt haben. Wacht das Kind auf, ist es sinnvoll, es im Bett zu beruhigen und ihm zu vermitteln: Dein Bett ist ein sicherer Ort. Wichtig ist auch, auf ihre Bedürfnisse zu achten und sie dann zu Bett zu bringen, wenn sie wirklich müde sind. Gerade bei Kleinkindern ist es sinnvoll, nicht streng nach der Uhr zu gehen, denn kaum etwas ist anstrengender für Eltern, als wenn sie stundenlang neben ihrem kleinen Kind liegen in der Hoffnung, es möge einschlafen. Auch das Bedürfnis nach Nahrung sollte beachtet werden: Wenn das Kind stillen möchte, dann hat es vielleicht wirklich einfach noch den Bedarf, Kalorien aufzunehmen. Gerade bei Kindern, die eher langsam an die Beikost gewöhnt werden oder BLW-Kindern kann das öfter der Fall sein. Und noch einmal: Es ist vollkommen normal, dass es so ist.

Nachtschreck
Und das Gehirn ist auch die Ursache des Nachtschreck, der bei Kleinkindern und Kindergartenkindern nicht selten auftritt: Der Übergang vom Tief- in den Traumschlaf funktioniert noch nicht reibungslos, das Kind schreckt hoch, schreit, schlägt wild um sich und ist nicht ansprechbar. Es scheint große Ängste zu haben, reagiert aber auf keine Beruhigungsversuche, sondern wehrt diese sogar stark ab. Eltern bleibt dabei nur die Möglichkeit darauf zu achten, dass sich das Kind nicht selbst verletzt oder Schaden nimmt von diesem nächtlichen Schreck. Aktiv einwirken können sie allerdings nicht auf das Erlebnis, so schwer das in der Situation auch fällt. Aufregung, Stress oder ein anstrengender Tag können begünstigend auf das Auftreten wirken. Und auch hier ist zu sagen: Es ist keine Krankheit, sondern kann einfach normal passieren. Jungen sind häufiger davon betroffen und es scheint auch eine familiäre Häufung zu geben.

Das hilft Eltern nun alles nicht weiter? Vielleicht doch, denn wir müssen von den Erwartungen weg kommen, dass Kinder schon früh durchschlafen müssen oder können oder gar, dass sie sonst einen Schaden in ihrer Entwicklung nehmen würden, wenn sie es nicht tun. Kinder sind Kinder und sie entwickeln sich nach ihrem Tempo. Genau dies trifft auch beim Schlaf zu. Nicht durchzuschlafen ist auch nach dem ersten Geburtstag sehr weit verbreitet und kein Anlass zur Sorge.

Eure

Susanne_clear Kopie


Wenn Babys schreien gelassen werden – was passiert in Babys Körper?

Vielen Eltern ist das“Kontrollierte Schreienlassen“, auch „Ferbern“ genannt (nach dem Erfinder des Schlafprogramms Dr. Richard Ferber, bei uns durch das Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen“ verbreitet) bekannt. Auch heute ist es noch weit verbreitet und wird immer wieder bei Schlafproblemen von Babys und Kleinkindern angeraten. Die Idee hinter dem Schreienlassen lässt sich einfach umreißen: Wenn Eltern auf das Weinen und Schreien des Babys nicht reagieren, stellt es seine Versuche irgendwann ein, was zu ruhigeren Nächten führen soll. Für viele Eltern klingt dies verlockend. Doch ist diese Methode nicht ohne Negativpunkte: Dass Babys und Kleinkinder Schreien und Weinen, hat Ursachen.

Warum Babys weinen und schreien

Babys und Kleinkinder schreien nicht aufgrund von Machtkämpfen. Sie wollen damit auch nicht ihre Eltern tyrannisieren. Sie schreien und weinen, weil sie ein Bedürfnis haben und zu klein und unselbständig sind, um es eigenständig erfüllen zu können. In vielen unterschiedlichen Bereichen ihrer Grundbedürfnisse sind Babys und Kleinkinder noch lange auf die Versorgung durch ihre Bezugspersonen angewiesen, beispielsweise in Hinblick auf Schutz, Wärme, Nahrungszufuhr. Wenn diese Bedürfnisse erfüllt werden, bildet sich ein Vertrauen darin aus, dass das Kind gut umsorgt wird: eine gute Grundlage für eine sichere Bindungsbeziehung. Wenn ein Bedürfnis nicht erfüllt ist, zeigen das viele Babys zunächst durch bestimmte Signale an, beispielsweise nuckeln sie an ihren Händen oder wenden den Kopf hin und her, wenn sie hungrig werden. Wird auf diese Signale nicht reagiert, beginnen sie irgendwann zu weinen und zu schreien als Alarmzeichen.

Wenn Babys nicht getröstet werden

Werden Babys nun nicht getröstet bei solchen Alarmzeichen, hören sie dennoch irgendwann auf zu schreien. Man könnte denken: Also war es ja doch nicht so schlimm! Wichtig ist aber, die Abläufe im Körper des Kindes zu betrachten und danach zu beurteilen, ob das Schreienlassen eine geeignete Methode ist, mit Babys umzugehen. Im Rahmen der Bindungstheorie wird heute – auch durch viele Vertreter:innen – vom Schreienlassen abgeraten, denn die negativen Auswirkungen auf die Entwicklung des Babys und die Bindungsbeziehung werden hervorgehoben. Allerdings gibt es keine konkreten Studien, die Schreienlassen und Nicht-Schreienlassen vollkommen sicher gegeneinander abgrenzen können, da ein entsprechendes Forschungsdesign unethisch wäre und auch das generelle Verhalten der Eltern im Alltag Einfluss nimmt auf beispielsweise die zu untersuchende Bindungsbeziehung.

An dieser Stelle soll daher darauf eingegangen werden, welche Prozesse durch das Schreienlassen ausgelöst werden und welche Langzeitfolgen neben psychischen und sozialen Problemen auf der medizinischen Ebene auftreten können.


Wie unser Körper mit Stress umgeht

Betrachten wir zunächst, wie der Körper eines erwachsenen Menschen mit Stress umgeht, um ein Verständnis dafür zu bekommen, welche Prozesse auch beim Kind ablaufen: Unser Körper verfügt über ein ausgeklügeltes System an Hormonen, das es ihm ermöglicht, Stress zu verarbeiten. Eine ganz besonders große Bedeutung kommt dabei den so genannten Glukokortikoiden zu, dessen bekanntester und wirksamster Vertreter das körpereigene Hormon Cortisol ist. Cortisol wird von den Nebennierenrinden ausgeschüttet, wenn sie dazu angeregt werden. Dass die Nebennierenrinden dazu angeregt werden Cortisol auszuschütten, wird durch andere Hormone gesteuert. Diese Steuerung erfolgt vom Gehirn durch den Hypothalamus und die Hypophyse. Unser Gehirn gibt demnach über bestimmte Botenstoffe den Auftrag, dass die Nebennierenrinden Cortisol ausschütten sollen, weil wir mit Stress umgehen müssen. In Stresssituationen sind die Glukokortikoide (Stresshormone) wie das Cortisol für uns sehr hilfreich: Sie führen zum Abbau von Eiweiß in der Muskulatur, im Fett- und Hautgewebe, zum Abbau von Fett und zur Neubildung von Zucker, so dass unsere Glukosekonzentration im Blut steigt. Das sind alles wichtige Vorgänge, damit wir mit Stress umgehen können. Insbesondere sind diese Vorgänge auf Stresssituationen ausgerichtet, wie unsere Vorfahren sie von Millionen von Jahren erlebten, wenn sie auf einmal einem gefährlichen Tier gegenüber standen. Ist die Konzentration der Stresshormone hoch und dies auch längerfristig, gibt es noch weitere Effekte: Sie wirken entzündungshemmend, unterdrücken das Immunsystem indem insbesondere Lymphozyten und Phagozyten gehemmt werden, was zur Infektanfälligkeit führt,  und zeigen auch einen osteoprotischen Effekt, d.h. sie dünnen die Knochen aus. Längerfristig fällt auch das Lernen schwer und es kann zu Konzentrationsstörungen kommen.

Neben den Glukokortikoiden werden in Stresssituationen zusätzlich noch Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet. Sie führen dazu, dass alle für das Überleben wichtigen Organe richtig funktionieren. So wird die Herzschlagfrequenz gesteigert und das Herz kann sich auch stärker kontrahieren. Die Organe, die zur Bewältigung des Stresses notwendig sind (Herzmuskel, Lunge, Skelettmuskeln), werden stärker durchblutet, Haut und innere Organe weniger. Auch komplexe Denkvorgänge sind jetzt nicht möglich, sondern eher Reflexhandlungen, die auf Flucht oder Angriff abzielen.

Der Körper hat also ein sehr ausgeklügeltes System erfunden, um mit kurzfristig auftretendem Stress umgehen zu können, damit wir in solchen Situationen überleben können. Längerfristig macht negativer Stress krank, weil die Hormone uns zu viel abverlangen.

Wenn Babys schreien

Wenn Babys beunruhigt sind und weinen und schreien, zeigen auch sie typische Stressreaktionen: Ihr Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt an, es wird mehr Cortisol ausgeschüttet. – Dies insbesondere, wenn sie eben nicht in der Begleitung einer Bindungsperson weinen und schreien, sondern allein. Natürlich kommt es vor, dass Babys auch in den Armen der Eltern weinen und erst einmal nicht tröstbar erscheinen, aber die dennoch bestehende Zuwendung der Bezugsperson und die Sicherheit „Es ist jemand bei mir“ führen zu einer anderen Reaktion als beim Weinen allein.

Beim „Schreienlassen“ insbesondere als „Schlaftraining“ wird das Baby nicht einmalig allein gelassen mit dem Weinen und Schreien, sondern gezielt mehrfach an mehreren Tagen hintereinander, bis das Kind „gelernt“ hat, dass die Bezugsperson nicht kommt und das Schreien einstellt. Dieser längerfristige Stress führt zu entsprechenden Reaktionen im Körper.

Mögliche längerfristige Auswirkungen

Die Liste der längerfristigen Auswirkungen von zu viel negativem Stress auf den Körper ist lang. Es gibt Auswirkungen auf das Zentrale Nervensystem, auf das Autonome Nervensystem, metabolische und immunologische Effekte. Im Zentralen Nervensystem kann es zur Potenzierung von Angst kommen. Auch wird auf Stress später anders reagiert als bei „normalen“ Menschen und es entsteht eine Art Grundspannung und sehr leichte Erregbarkeit. Dementsprechend zeigen Studien beispielsweise, dass Kinder, die nicht beruhigt werden, viel länger weinen, als wenn die Bezugspersonen prompt reagieren und das Kind trösten und Babys, die schreien gelassen werden, sogar häufiger weinen. Zudem kann das Wachstum durch zu viel Stresshormone beeinträchtigt werden, wie auch die Lernfähigkeit insgesamt. Auch das Immunsystem leidet darunter und Kinder mit viel Stress können leichter krank werden.

Auch auf die Beziehung wirkt sich das Schreienlassen aus: Die möglichen Auswirkungen eines Traumas durch Schreienlassen in der frühen Kindheit können sehr unterschiedlich ausgeprägt sein und sind auch davon abhängig, wie sich die Bindung ansonsten gestaltet: Sie reichen von Schafproblemen und Lernproblemen über Angststörungen bis hin zu Depressionen und Abhängigkeit. Durch das fehlende Entgegenkommen der Eltern in der Notsituation des Kindes (denn so empfindet das Kind, wenn es weint und schreit), kann auch das allgemeine Bindungsmuster negativ beeinflusst werden. Für die Ausbildung einer sicheren Bindung ist es wichtig, dass die Bindungsperson feinfühlig, sicher und prompt (je nach Alter des Kindes) auf die Bedürfnisse des Kindes reagiert.

Hormone bewirken auch Beruhigung

Wird es jedoch wahrgenommen und getröstet, wird im Gehirn Oxytocin freigesetzt. Dieses Bindungs- oder auch Kuschelhormon sorgt dafür, dass der Spiegel an Stresshormonen wieder sinkt. Auch das ist etwas, was uns aus dem Alltag nur allzu bekannt ist: Eine liebevolle Umarmung, Streicheleinheiten, Nähe wirken manchmal Wunder, wenn wir gestresst sind. Was Babys und Kinder also unbedingt zur Beruhigung benötigen, ist die Anwesenheit und die Zuwendung von Erwachsenen, damit sie die Stresshormone abbauen können. Passiert das Gegenteil und das Kind wird allein Schreien gelassen – wie es leider noch immer bei einigen „Schlafprogrammen“ angeraten wird – hat das Kind nicht die Chance, effektiv den Überschuss an Stresshormonen abbauen zu können.

Was bedeutet das für den Alltag mit Babys?

All diese medizinischen und wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen eines: Babys und Kinder sollten unter keinen Umständen allein schreien gelassen werden. Der Begriff „kontrolliertes Schreienlassen“ ist irreführend, denn die Eltern haben zwar anhand einer Uhr eine Kontrolle über die Zeitdauer, doch das Kind nicht. Gerade kleine Kinder verfügen noch nicht über ein Zeitgefühl, wie wir Erwachsenen es besitzen. Von einer Kontrolle kann daher keine Rede sein. Schlafprogramme wie „Jedes Kind kann schlafen lernen“ oder dessen Abwandlung „Freiburger Sanduhr Methode“ sind für Babys daher vollkommen ungeeignet. Das weinende Kind benötigt unter allen Umständen prompte, liebevolle Zuwendung, um sich wieder stabilisieren zu können. Unterbleibt diese und dies auch noch längerfristig, können Folgen auftreten, die sich bis ins Erwachsenenleben auswirken.

„Ich kann ja sowieso nicht helfen!“ – Positive Nähe wirkt immer

Manchmal beruhigen sich Babys auch dann nicht, wenn wir uns ihnen liebevoll zuwenden und es ist unklar, wie dem Kind geholfen werden kann. In solchen Fällen ist es jedoch notwendig, dass wir mit der Zuwendung nicht aufhören und das Kind nicht alleine mit seiner Not lassen nach dem Motto „Ich kann ihm ja sowieso nicht helfen“. Auch wenn es für uns nicht ersichtlich ist, ist das Dasein und die damit einher gehende Hormonausschüttung von Oxytocin schon eine Hilfe für das Kind, die nicht unterschätzt werden darf. Darüber hinaus lernt es: „Ich werde geliebt und umsorgt, wie auch immer es mir geht.“ – Ein wichtiger Baustein für das weitere Leben und unerlässlich dafür, Vertrauen aufzubauen. Wenn das Baby in unseren Armen liegt und im Schreien begleitet wird, ist das kein „schreien lassen“.

Wie auch ohne Schlafprogramm ausreichend Schlaf erlangt werden kann, wird demnächst vorgestellt im Artikel „Familienschlaf – darauf kann ich achten, um mit Baby Schlaf zu finden

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.