Kategorie: Kleinkind

Elterliche Präsenz – Anwesend sein ohne zu leiten

Zwischen dem Bedürfnis nach Schutz, Nähe und Fürsorge haben Kinder das Bedürfnis nach Exploration: Sie wollen die Welt erkunden, lernen, sich darin bewegen und sich so Stück für Stück die Welt aneignen. Zwischen diesen beiden Bedürfnissen bewegen sie sich jeden Tag an vielen Stellen hin und her. Wir sehen das daran, wenn das Kleinkind ein Stück voran läuft, freudig das Rennen übt und auf etwas neugierig zuläuft und plötzlich stehen bleibt, um sich zu versichern, dass die schützende Person noch anwesend ist. Auch in anderen Situationen nehmen wir wahr, dass es immer wieder ein Hin und Her gibt zwischen Erkundung und Nähe – je größer die Kinder werden, desto ausgedehnter werden die einzelnen Phasen.

Manchmal fallen Nähe und/oder Freiheit schwer

Für das Kind ist es deswegen wichtig, dass es beides hat und erfährt: die Nähe der Eltern und zugleich die Möglichkeit, zu erkunden. Manchmal erscheint gerade das aber gar nicht so einfach, wenn Eltern in Bezug auf die Nähe und/oder das Zulassen der Erkundung Schwierigkeiten haben. Wie kann es aussehen, das Kind in Bezug auf den Erkundungsdrang einzuschränken? Beispielsweise indem wir immer wieder die Betonung auf Gefahren lenken und dem Kind nicht altersgerechte Erkundung ermöglichen: „Nein, lieber nicht klettern!“, „Das Brot darfst du dir nicht schmieren, du könntest dich am Messer schneiden!“… Aber auch in Bezug auf die Nähe können wir Schwierigkeiten haben, wenn wir das Kind länger versuchen zu trösten, obwohl es schon wieder los möchte. Vielleicht, weil wir selbst verängstigt sind und weniger das Kind trösten, sondern mehr uns selbst. Oder – das Gegenteil -indem wir die Nähe nicht zulassen, wenn das Kind sie gerade einfordert: „Sei nicht immer so ängstlich!“

Es ist manchmal ein schmaler Grad und gerade für Eltern, die vielleicht selber Schwierigkeiten mit Nähe und Distanz haben und diese selber nicht beide gut ausleben konnten, ist es schwer, einzuschätzen, was das Kind gerade braucht, was angemessen oder auch altersgerecht ist. Auch Erlebnisse im Laufe unseres Lebens oder gehörte Geschichten können es uns schwer machen.

Der Gedanke von „Präsenz“ kann es erleichtern

Es hört sich so einfach an und ist dennoch oft so schwer: Wir müssen gar nicht so viel tun, um unsere Kinder zu begleiten. Wir müssen vor allem da sein. Der Gedanke daran, als Elternteil „präsent“ zu sein, kann vielen Eltern helfen, die Situation besser einzuschätzen.

Wir sind präsent, wenn wir anwesend sind, wenn das Kind etwas erkundet. Wir müssen nicht vormachen, wie man mit einem Spielzeug umgeht oder mit einem ungefährlichen Haushaltsgegenstand. Wir können anwesend sein und bei Bedarf des Kindes als Ansprechperson zur Verfügung stehen. Wenn das Kind uns auffordert, zu helfen, etwas anzusehen, zu erklären, sind wir da.

Wir sind präsent, wenn das Kind sich von uns entfernt und bleiben in einer angemessenen Entfernung, die Sicherheit bietet, wenn es sich von uns weg bewegt in einem sicheren Umfeld. Viele Kinder pausieren in der Erkundung, um sicherzustellen, dass die Erwachsenen noch in der Nähe sind. In gefährlichen Situationen wie dem Straßenverkehr, die ein kleines Kind noch nicht überblicken kann, sind wir in der präsenten Schutzfunktion und verdeutlichen, dass jetzt keine Erkundung möglich ist. Es fällt dem Kind einfacher, wenn es weiß, dass es später wieder in die Erkundung gehen kann.

Wir sind präsent, wenn das Kind wütend ist. Manchmal lässt es im ersten Moment oder den ersten Minuten keine Nähe zu, sondern lebt diese Wut aus, entlädt das Gefühl, das in ihm aufgekommen ist. Mit einem Abwarten in der Nähe sind wir präsent und drücken mit Anwesenheit oder auch sprachlich aus: „Ich bin hier, wenn du bereit bist. Ich tröste dich, wenn du es brauchst.“

Wir sind präsent, wenn das Kind Zuwendung braucht: Gerade jetzt braucht es Schutz und Nähe – nach einem Wutanfall. nach einem Streit, weil es sich verletzt hat. In diesem Moment sind wir für das Kind da und können körperlich und sprachlich ausdrücken: „Ich bin dein sicherer Hafen. Ich schütze dich, ich halte dich, wenn du es brauchst.“ Und wir bemerken, wenn das Kind von der Nähe und dem Schutz gesättigt ist und lasses es wieder gehen. Bei einigen Kindern geht es schneller, bei anderen dauert es länger.

Wenn wir also im Alltag manchmal Schwierigkeiten haben damit, ob wie zu nah oder zu weit weg sind, denken wir an den Begriff der Präsenz und erinnern uns daran, dass wir zugänglich sein sollten für das Kind und seine Bedürfnisse, ohne dabei aufdringlich zu sein und unser eigenes Denken und Handeln in den Vordergrund zu stellen.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

Konfliktsituationen zwischen Kindern begleiten mit Gewaltfreier Kommunikation

Janine Ringel hat zusammen mit ihrem Mann Stephan Ringel einen kleinen Kindergarten in Lübeck gegründet auf Basis einer Kindertagespflegestelle. Sie haben sich ein eigenes Konzept ausgedacht für den Kindergarten, das insbesondere die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg in den Blick nimmt. Wie genau dies in Konflikten zwischen Kindern im Alltag umgesetzt wird, erklärt Janine:

Grundsatz: Es gibt keine Schuld und damit auch keine Strafe 

Wir gehen davon aus, dass jedes Kind/jede Person in jeder Situation auf die Art und Weise reagiert, wie es ihm momentan auf Grundlage seiner Gefühle und Bedürfnisse möglich ist. Auch ein Verhalten wie hauen, schubsen, beleidigen etc. ist damit zunächst einmal nur der „tragische Ausdruck eines unerfüllten Bedürfnisses“.

Ein Konflikt bedeutet zunächst einmal: Bedürfnisse auf beiden Seiten sind gerade nicht erfüllt. Es ist für uns also zweitrangig, wer den Streit begonnen hat oder herauszufinden, wer in welcher Weise „Schuld“ an der momentanen Situation hat. Wenn wir mit Schuld und Strafe arbeiten, kommen wir nicht in Verbindung zueinander, sondern wir entfernen uns voneinander und schaffen eine Barriere. Und wir sehen die Kinder nicht wirklich in dem, was sie brauchen. Bedürfnisorientiert zu handeln heißt für uns auch das: Was brauchst du jetzt gerade und in Zukunft, um in solchen Situationen andere Handlungsmuster zur Verfügung zu haben? Und wie kann ich dir jetzt gerade helfen, deinen Schmerz zu lindern? Ein weiterer Grundsatz lautet: Keiner ist für den Ärger des Anderen verantwortlich. Es gibt bei uns kein „Ich bin wütend, weil du…“. Marshall Rosenberg nennt das „eine Trennlinie zwischen Auslöser und Ursache ziehen“. Es macht uns wütend, was gerade passiert ist, aber nicht die Person selbst. 

Wir sind für beide Kinder da 

Wir sehen bei einem Konflikt grundsätzlich beide Seiten. Wir trösten beide Kinder in ihrer Wut, Trauer und Verletzung. Wir machen bewusst, was das jeweilige Verhalten im anderen Kind und im Kind selbst ausgelöst hat, aber ganz ohne Schuldzuweisungen.Wir bitten beide Kinder, vor Ort zu bleiben, um die Situation klären zu können. Manchmal braucht ein Kind kurz Zeit, um sich darauf einzulassen, verlässt die Situation, um sich zu beruhigen und kommt dann wieder zu uns zurück. Auch das ist vollkommen in Ordnung. 

Lösungsprozess 

Sobald etwas Ruhe eingekehrt ist, haben wir auch meist durch das Spiegeln und im Gesehen-Sein den Sachverhalt erfasst. Wir fassen unsere Beobachtungen nochmal zusammen (auch paraphrasieren genannt) und versuchen zu verstehen, welche Gefühle und Bedürfnisse bei beiden Kindern zum jeweiligen Verhalten geführt haben. Wir versuchen, Verständnis und Empathie für beide Seiten aufzubauen, indem wir beide fragen: „Wie fühlst du dich jetzt? Wie fühlst du dich, wenn du siehst, wie es dem anderen damit geht?“ 

Manchmal, gerade bei kleineren Kindern, reicht dieser Schritt häufig schon aus – allein die Erkenntnis, wie es dem anderen geht, genügt, um wieder in Verbindung zu kommen. Zu erkennen, dass auch das Gegenüber sich unwohl fühlt, traurig und unzufrieden ist. Dann gelingt es häufig gemeinsam, auch ohne meine/unsere Hilfe, einen Konsens zu finden. Wenn das an dieser Stelle noch nicht der Fall ist, fragen wir danach, welche Bedürfnisse in diesem Moment wohl nicht erfüllt waren. Was war für dich gerade ganz wichtig und warum haben evtl. Lösungsvorschläge nicht gepasst? 

Manchmal ist es das Bedürfnis der Gemeinschaft, Zugehörigkeit und Verbindung, was durch gemeinsames Spielen gedeckt werden würde, manchmal das nach Kreativität, nach Autonomie… Wenn wir das Bedürfnis erkannt haben, können wir gemeinsam eine Lösung finden: zusammen mit einem (vielleicht gerade noch umkämpften) Spielzeug spielen, ein anderes finden, was dem Bedürfnis nach Kreativität etc. entspricht, ein Spiel mit einem anderen Kind beginnen, wenn es um 

Gemeinschaft ging etc. Daraus lassen sich dann wiederum Bitten und Lösungswege ableiten: „Können wir jetzt etwas zusammenspielen? Kannst du mir ein Buch vorlesen, weil ich noch ein bisschen traurig bin? Ich möchte gerade noch allein sein und kuschel mich lieber noch mit einer Decke und einem Puzzle aufs Sofa“ 

GFK: Das dauert doch so lange 

Viele Menschen glauben, dass gewaltfreie Kommunikation ein langwieriger Prozess ist. Und: ja, es dauert ein bisschen länger als übliche Verfahren in Konfliktsituationen. Wir haben jedoch festgestellt: die Atmosphäre unter den Kindern ist eine völlig andere. Sie spüren, dass sie ein Teil einer kleinen Gruppe sind, in dem jeder zählt, jeder gesehen wird und jeder sein darf wie er ist. Sie spüren, dass hier alle Emotionen ihren Platz haben. Sie dürfen sich frei und in Liebe begleitet entfalten. Wir sehen häufig, wie schon 2 1⁄2 jährige bei uns Wege finden, Konflikte zu lösen und Lösungsalternativen vorzuschlagen. Sie lernen sich besser kennen und können benennen, was in ihnen vorgeht- wie fühle ich mich gerade? Was hätte ich gebraucht in dieser Situation? Je nach Alter benötigt es natürlich mehr oder weniger Begleitung, vor allem, um ihnen Wörter an die Hand zu geben, für das, was in ihnen und im anderen vorgeht. 

Zu guter Letzt 

Wir erziehen nicht für ein schnelles Resultat. Auch nicht dafür, dass das Kind aus Angst vor Strafe oder Zurückweisung seine Emotionen und Bedürfnisse zurückstellt. Wir unterstützen darin, dass Kinder die wir begleiten zu Menschen heranwachsen können, die Entscheidungen aus sich heraus treffen, empathisch, stark und selbstbewusst, nicht aus Angst vor Strafe sondern aus ihrem eigenen inneren Antrieb heraus. 

Janine Ringel ist Sozialpädagogin (BA) und Mutter von zwei Kindern (2014 und 2017 geboren). 2017 hat sie zusammen mit ihrem Mann den kleinen, bindungsorientierten, auf Achtsamkeit und GFK basierenden Kindergarten „Farbtupfer“ in Lübeck für Kinder von 2-6 Jahren gegründet und arbeitet darüber hinaus in der Elternberatung. Sie ist ausgebildet in gewaltfreier Kommunikation nach M.B.Rosenberg. Mehr von Janine findet Ihr auf auf  farbtupfer.org oder hier   auf Instagram.


Essen mit Kleinkindern – 4 typische Probleme und ihre Lösungen

Mit einem Kleinkind können Mahlzeiten manchmal zu einer Herausforderung werden. Gemütlich möchte man sich zusammen an den Esstisch setzen und das gekochte Essen verzehren, aber dann will das Kind nicht essen/schimpft/wirft das Essen hinunter/spielt mit der Mahlzeit. Schnell können die gemeinsamen Mahlzeiten dann zu einem Dauerproblem werden. Doch was können wir gegen die schwierigsten Tischprobleme unternehmen?

1. Mein Kind will nicht essen

In der Kleinkindzeit ist es nicht selten, dass gesunde Kinder nicht so essen wollen, wie wir es uns manchmal vorstellen. Auf einmal schmeckt dieses oder jenes nicht und sie haben auch keine Lust, davon zu probieren. Das als „Neophobie“ bezeichnete Ablehnen von neuen Speisen ist gar nicht so selten und sogar eine ganz sinnvolle Eigenschaft kleiner Kinder: Sie schützt davor, Unbekanntes unbedacht in den Mund zu stecken. Eigentlich eine wirklich gute Eigenschaft für die sonst abenteuerlustigen Kleinkinder. Nur gerade jetzt, beim gesunden Essen auf dem Tisch, macht das doch eigentlich keinen Sinn? Es hilft aber auch nichts, dem gerade mäkeligen Kind das Essen aufzuzwingen: Besser ist es, das Nahrungsmittel immer wieder anzubieten, auch mal in unterschiedlichen Arten (püriert, ganz, klein geschnitten, vermengt mit andere, geliebten Dingen,…) bis das Kind doch einmal probiert.

Es kommt auch vor, dass Kinder rund um eine Erkältung herum weniger essen oder gerade dann bestimmte Nahrungsmittel bevorzugen und beispielsweise besonders viele Proteine zu sich nehmen wollen oder in Zeiten, in denen sie besonders körperlich aktiv sind, Kohlehydrate bevorzugen. Nehmen wir also in den Zeiten, in denen nur bestimmte Dinge auf den Tisch kommen sollen, die aktuelle Entwicklung des Kindes in den Blick und nicht nur das Essverhalten. Oft gibt dies einen Aufschluss über das Essverhalten. Es kann auch helfen, die tatsächlichen Nahrungsmengen und -bestandteile in einem Protokoll festzuhalten – manchmal essen Kinder über den Tag verteilt so viele kleine Snacks, dass sie zu den Mahlzeiten keinen Hunger haben. Wird das Kleinkind noch gestillt, gibt es manchmal rund um Erkrankungen auch Phasen, in denen die Muttermilch wieder zur Hauptnahrungsquelle wird und anschließend wieder mit gutem Appetit zurückgedrängt wird. Die Beikostaufnahme erfolgt nicht linear, d.h. erst gibt immer wieder auch mal Rückschritte in der Beikostzeit.

2. Mein Kind spielt mit dem Essen

Beikost ist erstmal eine spielerische Annäherung an eine neue Ernährungsform. Kinder lernen neue Nahrungsmittel kennen und lernen nach und nach, dass auch diese sättigen. Dabei erfahren sie ganz neue Konsistenzen und Geschmäcker. Nahrungsaufnahme ist deswegen lernen und lernen erfolgt im Spiel. Kinder gehen deswegen oft neugierig an neue Speisen heran: sie riechen darin, befühlen sie, testen ihre Konsistenz mit den Händen und erst später mit dem Mund. All das ist normal und bedeutet nicht, dass das Kind niemals Tischmanieren entwickeln wird. Tischmanieren lernt es mit der Zeit nach und nach durch unser Vorbild, denn auch hier lernt es im natürlichen Alltag und eignet sich mehr und mehr das an, was es in seiner Umgebung sieht. Spielt das Kind besonders zum Ende der Mahlzeit mit dem Essen, nachdem es zunächst „normal“ gegessen hat, könnte es auch einfach satt sein (siehe Punkt 4).

3. Mein Kind „trotzt“ beim Essen

Auch das Essen ist ein Teil der wichtigen Lernerfahrungen der Kleinkindzeit. Kinder wollen auch hier ihre Fertigkeiten ausbauen. Mit dem Essen kann ganz besonders gut die Feinmotorik verbessert werden. Wichtig ist natürlich auch hier, dass Kinder wirklich beteiligt werden und sich aktiv einbringen können. Bieten wir ihnen nicht die Möglichkeit dazu, führt das oft zu Frustration und Ärger.

Konkret bedeutet das: Kleinkinder sollten nach ihren Möglichkeiten an der Zubereitung, am Tischdecken und Essen beteiligt werden: Sie können beim Zubereiten des Essens helfen, indem sie Bestandteile davon schneiden oder zusammen mischen können. Sie können helfen, den Tisch zu decken und später ihren Teller und das Besteck abräumen und in die Küche bringen. Sie können mit Kinderbesteck (Messer, Gabel, Löffel) essen und aus einem kleinen Glas selbst trinken. Mit einem kleinen Krug können sie sich selbst Wasser einschenken und mit einer kleinen Kelle auftun. Kleinkinder brauchen kein spezielles Kindergeschirr, sondern können von normalen Tellern essen. So vermitteln wir ihnen, dass sie ebenso sicher und gut am Essen teilnehmen können wie alle anderen. Vielleicht geht gelegentlich etwas kaputt, oft aber fallen dort, wo echtes Geschirr verwendet wird, seltener Teller und Gläser zu Boden als dort, wo Kinder erfahren, dass das Werfen keinen Einfluss auf die Dinge nimmt.

4. Das Kind wirft Dinge auf den Boden

Und wenn das Kind nun doch Teller, Besteck oder Essen auf den Boden wirft? Wir kennen es manchmal aus der Babyzeit: Die Freude daran, zu sehen, dass Dinge nach unten fallen. Kleinkinder haben dieses Spiel aber eigentlich schon überwunden. Oft werfen sie deswegen nicht wegen des Interesses an der Physik, sondern weil sie etwas anderes ausdrücken möchten mit ihrem Verhalten: Ich will nicht mehr! Für Kleinkinder ist es oft noch schwer, sich sprachlich auszudrücken und auch am Tisch fehlen noch oft noch so einige Worte. Während das Kind beim Füttern durch Abwenden zeigt, dass es fertig ist, ist es beim selbständigen Essen manchmal schwierig. Nehmen die Eltern nicht wahr, dass das Kind eigentlich satt ist, und bleibt das Kind vor dem Teller sitzen, wird ihm langweilig: es beginnt zu spielen und eventuell damit, Essen oder Besteck auf den Boden zu werfen. Lernt es nach wiederholtem Herunterwerfen vielleicht sogar, dass Teller und Besteck abgeräumt werden, wenn es Dinge herunter geworfen hat, erscheint diese Handlung dem Kind logisch, um das Essen zu beenden und endlich weiter spielen zu können. Ein ungünstiger Kreislauf. Deswegen ist es auch beim Essen wichtig, auf die Signale des Kindes zu achten: Ist es satt, isst es nicht weiter, spielt auf dem Teller mit dem Essen herum, sollte das Essen beendet werden. Wir können noch einmal nachfragen und dann abräumen. Alternativ kann dem Kind auch ein Signal beigebracht werden, damit es auch ohne Sprache äußern kann, dass es satt ist. Das kann ein Signal mit den Händen sein (wie aus der Babyzeichensprache) oder einfach das Wegschieben des Tellers zur Tischmitte.

Essen ist eine sinnliche Erfahrung, die Kindern Freude machen sollte. Sie lernen gerade am Esstisch sehr viel in der Kleinkindzeit: Feinmotorik bildet sich aus, sie lernen Tischmanieren und das Essen ist immer auch ein soziales Miteinander. Eine positive Stimmung am Familientisch ist deswegen ein guter Baustein zum Ausbau dieser Fertigkeiten.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

Hilfe, mein Kind will nicht die Zähne putzen! – Gewaltfreie Wege der Zahnpflege

Pflegesituationen sind gerade mit größer werdenden Kindern oft nicht einfach und auch das Zähneputzen kann zu einem Konfliktthema zwischen Eltern und Kind werden, wenn das Kind kein Interesse am Zähneputzen hat oder es gar verweigert. Gerade das Zähneputzen ist für viele Eltern eine angstbehaftete Situation, vielleicht aus den eigenen Erfahrungen mit Karies und Zahnbehandlungen heraus, vielleicht aus der Angst um die Unversehrtheit des Kindes heraus oder möglicher Folgeprobleme durch Karies. Tatsächlich ist die Zahnpflege des Kindes wichtig und es sollte von Anfang an ein Zahnpflegeritual etabliert werden – aber auf eine entspannte Art.

Angst ist ein schlechter Berater

Es ist normal, dass Eltern sich um die Gesundheit ihrer Kinder sorgen und ihnen beste Rahmenbedingungen schaffen wollen für die Entwicklung – gerade auch in Hinblick auf die gesundheitliche Entwicklung. Karies ist eine Erkrankung, die sich nachhaltig auswirken und zu größeren Eingriffen führen kann, die gerade bei Kindern vermieden werden wollen. Auch die immer häufiger auftretende Erkrankung der Kreidezähne ängstigt viele Eltern. Obwohl wir darum wissen, dass es in Bezug auf die Vorbeugung von Karies viele Aspekte zu beachten gibt rund um Ernährung, Vermeidung von Ansteckung und dem Nuckeln an Getränken, ist besonders das Zähneputzen bei vielen Eltern der Faktor, der die größte Aufmerksamkeit bekommt.

Angst ist jedoch in vielen Situationen ein schlechter Berater für alltägliches Handeln. Leitet uns Angst in Bezug auf die Körperpflege, sind wir eher verleitet, übergriffig zu reagieren und die Signale des Kindes nicht nur zu übersehen, sondern auch bewusst zu ignorieren. Gerade der Blick auf die Bedürfnisse des Kindes ist es aber, der die Zahnputzsituation entspannen kann. Natürlich dürfen wir das Wissen um Karies nicht aus den Augen verlieren, aber die Angst davor sollte nicht den Blick für das Kind und Alternativen verstellen.

Gewöhnung von Anfang an

Die Zähen des Babys sollten geputzt werden, sobald die ersten kleinen Zähne erscheinen. Doch auch schon vorher können wir das Baby an die Reinigung gewöhnen. Gerade in Zahnungszeiten ist es für einige Kinder angenehm, wenn die Zahnleisten mit Finger oder einem Zahnputzfingerling massiert werden. Die ersten kleinen Zähnchen können dann auch mit einem Zahnbürstenaufsatz für den Finger gereinigt werden und es wird langsam auf eine Zahnbürste umgestiegen. Hier gibt es unterschiedliche Modelle, die auch von Babys schon gut gehalten werden können und Teilhabe ermöglichen.

Wenn das Kind nicht möchte

Aber auch wenn das Zähneputzen schon scheinbar ewig als Ritual etabliert ist, kann es immer wieder vorkommen, dass das Kind sich gegen das Zähneputzen wehrt und gerade jetzt und heute nicht möchte. Und vielleicht auch an einem anderen Tag nicht. Manchmal brechen neue Zähne durch und das Zähneputzen schmerzt, manchmal liegen andere Gründe vor. Anstatt das Kind aber mit Gewalt zum Zähneputzen zu zwingen, können wir die Rahmenbedingungen durchgehen. Das Zähneputzen ist ein wesentlicher Bestandteil der täglichen Körperpflege und hat es deswegen verdient, einen entspannten Platz im Tagesablauf zu finden.

Nur abends geht es nicht

Manche Kinder verweigern abends das Zähneputzen, lassen sich aber morgens bereitwillig die Zähne putzen. Häufig ist dann am Ende des Tages die Kooperationsbereitschaft des Kindes einfach aufgebraucht, vielleicht ist es müde und erschöpft vom Tag. Hier kann es helfen, den Ablauf des Abends noch einmal genauer anzusehen, ggf. das Essen etwas nach vorn verschieben oder das Kind schon im Schlafanzug an den Esstisch setzen, damit nach dem Essen nicht noch weitere Zeit verstreicht, in der das Kind immer weniger Lust auf das Zähneputzen hat. Manchmal kann aber auch eine kreative Zahnputzsituation (siehe unten) die Müdigkeit kurz überdecken.

Manchmal liegt der eigentliche Grund der Verweigerung auch darin, dass das Kind das Zähneputzen als Schwelle zum Schlafengehen betrachtet und noch spielen und den Tag nicht beenden möchte. Auch hier ist es gut, den Ablauf noch einmal genauer anzusehen und das Zähneputzen vom direkten Schlafen zu entkoppeln, so dass das Kind beides nicht in Abhängigkeit voneinander sieht, beispielsweise durch eine kleine Spielsequenz nach dem Zähneputzen vor dem Zubettgehen.

Das empfindsame Kind

Wir alle nehmen Reize unterschiedlich wahr: Gerüche, Geschmäcker, Berührungen und haben auch unterschiedliche Arten, darauf zu reagieren. Einige Kinder sind empfindsamer als andere und/oder drücken ihre Empfindsamkeit besonders stark aus. Das ist normal und richtig. Vielleicht macht sich das auch an anderen Stellen bemerkbar, nicht nur beim Zähneputzen: Das Kind reagiert besonders empfindsam auf Textilien, mag keine Nähte oder Tags an Kleidung, ist sehr empfindsam bei Berührungen. Gerade das Zähneputzen kann für ein empfindsames Kind sehr anstrengend sein, weil das Zähneputzen durch eine andere Person vielleicht schmerzt, der Geschmack der Zahnpasta zu intensiv ist, die Bürsten zu hart.

Hier hilft es, mit dem Kind ins Gespräch zu kommen: „Zeig mir, wie du es magst! Wie soll ich die Zähne schrubbeln oder lieber sanft fegen?“, „Schmeckt dir die Zahnpasta zu stark? Wir können einen anderen Geschmack ausprobieren.“ Manchmal ist es auch die Körperhaltung, die das Kind einnehmen muss: 2 Minuten lang stehen und den Kopf nach oben strecken ist unangenehm und anstrengend. Beim Zähneputzen auf dem Wickeltisch oder der Waschmaschine sitzen und auf Augenhöhe sein mit der putzenden Person in entspannter Körperhaltung ist wesentlich angenehmer. Wenn das Kind uns mitteilt, dass das Zähneputzen unangenehm ist, sollten wir Verständnis entgegen bringen und sehen, an welchen Rahmenbedingungen wir etwas ändern können anstatt zu erklären: „Stell dich nicht so an, tut mir ja auch nicht weh.“

Selbständigkeit ermöglichen

In der Zeit nach dem ersten Geburtstag macht sich das Kind mehr und mehr mit der Welt vertraut und versucht darin eigene Wege zu gehen: selbständig zu werden und zu sein. Die Dinge lernen, die es für das Leben benötigt. Die Körperpflege ist einer dieser Bereiche und auch hier möchte das Kind immer mehr selber machen. gerade dann, wenn wir merken, dass die Selbständigkeit dem Kind wichtig ist und dieser Wunsch zum Gegenwillen führt, wenn wir Erwachsenen „einfach schnell selber machen“ wollen lohnt sich ein Blick auf die Rahmenbedingungen: Kann das Kind gut am Waschtisch stehen und sich vielleicht selber Wasser in den Zahnputzbecher füllen? Kann es sich im Spiegel ansehen beim Putzen? Wer kreativ ist, kann auch einen kleinen Waschtisch nach Montessori improvisieren. Auch das Zähneputzen möchte natürlich selbst durchgeführt werden: Einige Kinder finden es gut, wenn sie zuerst putzen dürfen, andere mögen es, wenn sie die abschließende Reinigung übernehmen und gerade niemand mehr „nachputzt“.

Vorbilder sind wichtig

Unsere Kinder ahmen uns und andere nach und finden auch darüber den Weg in die Selbständigkeit. Wie in vielen anderen Bereichen (beispielsweise Töpfchen/Toilette) ist es auch beim Zähneputzen wichtig, dass das Kind auch andere Menschen dabei beobachten kann und nachahmen darf. Deswegen sind Eltern als Zahnputzvorbilder wichtig: gemeinsam können die Zähne geputzt werden. Das Kind kann dabei auch einmal in die Rolle des Erwachsenen schlüpfen und diesem die Zähne putzen und der Erwachsene dann dem Kind. In der Rolle des Kindes kann die erwachsene Bezugsperson dann auch erfahren, wie sich das Zähenputzen anfühlt und an welchen Stellen es vielleicht aus der Sicht des Kindes Probleme gibt. Vorbilder können Kinder aber auch in Büchern und Videos finden. Es ist viele Bücher rund um das Zähneputzen, die Kindern nicht Angst machen, sondern auch Freude am Zähneputzen wecken.

Kreative Ideen

Und wenn nichts von den genannten Ursachen in Frage kommt? Dann hilft uns manchmal nur ein kreativer Umgang mit dem Zähneputzen mit Hilfe von

  • Zahnputzlieder singen oder Zahnputzgedichte aufsagen
  • Eine Geschichte ausdenken zum Zähneputzen: Jeden Abend müssen die Zahnputzmonster erst lockergeschrubbt und dann herausgefegt werden…
  • Kuscheltiere oder Handpuppen/Waschlappen die Zähne putzen lassen. Ein einfacher Waschlappen kann mit zwei angenähten Knöpfen und etwas Wolle zu einer Zahnputzfee werden, die abends die Zähne säubert
  • Zahnputzvideos ansehen
  • Es gibt elektrische Zahnbürsten mit Apps, bei denen dann die Bakterien aus dem Mund geputzt werden
  • Zähneputzen an unterschiedlichen Orten: „Weißt du, wo wir noch nie die Zähne geputzt haben?“
  • Färbetabletten aus der Apotheke benutzen: Zahnfärbetabletten färben den Plaque blau und es ist sichtbar, wo besser geputzt werden sollte

Manche Eltern denken, es sei absurd, einen großen Aufwand um das Zähneputzen zu betreiben, wenn das Kind doch auch festgehalten werden könnte. Dabei wird aber die körperliche Integrität des Kindes übergangen, was langfristige Folgen haben kann. Auch Zahngesundheit ist ein wesentlicher Bestandteil der körperlichen Gesundheit und es ist wichtig, Kindern nicht das Engagement und die Bereitschaft zu nehmen, sondern das Zähneputzen als gutes Ritual zu etablieren, das Kinder ihr ganzes Leben lang begleiten wird. Die Zeit, in der Kinder vielleicht überredet oder kreativ begleitet werden müssen, ist vergleichsweise kurz in Bezug darauf, für wie lange wir ihnen mit diesem Aufwand ein gutes Vorbild und Gefühl mitgeben können. Gewaltfreiheit ist ein Recht des Kindes und mit Kreativität, geänderten Rahmenbedingungen und Ablenkung schaffen wir es, das Vertrauen des Kindes in uns zu erhalten, dass wir die schützenden Bezugspersonen sind, die unterstützen, helfen und auf dem Weg in das Großwerden begleiten.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

Die Entdeckungsfreude des Kleinkindes begleiten

Da sitzt das Kind versunken in sein Tun im Sand auf dem Spielplatz. Immer wieder lässt es den Sand ganz langsam aus der Höhe in von einer kleinen Schaufel in den Eimer rieseln. Die Hälfte des Sandes geht dabei daneben, aber das Kind macht unbeirrt weiter und rieselt vor sich hin. Bis zu dem Moment, an dem der Vater eingreift: „Schau mal, so geht doch alles daneben. Du musst die Schaufel tiefer halten, dann geht der ganze Sand auch in den Eimer.“ – Das Kind blickt auf. Ein lieb gemeinter Vorschlag des Vaters. Es lässt die Schaufel sinken. Der Vater nimmt sie, schaufelt den Eimer voll, drückt den Sand fest, kehrt den Eimer um und entleert ihn. Der Sandkuchen ist fertig, das Kind steht auf und geht zur Rutsche. Eine Szene, die nicht selten zu sehen ist und die auf viele andere Situationen übertragen werden kann: Das Kind spielt, Erwachsene bewerten das Spiel, greift ein, das Kind beendet das Spiel. Auch wenn das Eingreifen des Elternteils hilfreich und unterstützend gemeint ist an dieser Stelle, ist es ein Eingriff in das selbständige Erkunden.

Selbständig die Welt entdecken

Kinder sind neugierig und die Neugierde ist der Motor ihrer Entwicklung. Durch sie lernen Kinder die Welt kennen, interagieren mit ihr, stellen die Dinge in Frage und machen Erfahrungen. Sie lernen Zusammenhänge, Ursache-Wirkung und machen Fehler, aus denen sie wieder etwas lernen. Dafür brauchen sie die Möglichkeit, Erfahrungen ungestört machen zu können. Als Eltern verfügen wir selbstverständlich über viel mehr Erfahrung, haben schon viel erlebt und selber Fehler gemacht, aus denen wir gelernt haben. Um unsere Kinder vor diesen Fehlern zu bewahren, um sie zu bilden und zu unterstützen, sind wir machmal verleitet, in ihr Tun einzugreifen. Doch das Tun der Kinder ist wichtig für ihre Entwicklung.

Lassen wir das Kind tun, was es gerade machen möchte: balancieren lernen in einer noch sicheren Höhe, physikalische Experimente mit Wasser und Sand, Mengenexperimente durch das Schütten von einem Becher in den anderen, Steine stapeln, die immer wieder herunterfallen… Auch wenn das Ergebnis nicht unseren Vorstellungen entspricht, lernen Kinder davon: Sie lernen, ausdauernd bei einer Aktivität zu bleiben, sie lernen Konzentration, sie lernen Selbstvertrauen und sind stolz auf sich, wenn sie ihr eigenes Ziel erreicht haben. Wenn es nicht klappt, lernen sie, mit der Frustration umzugehen. Sie fühlen sich kompetent, wenn sie etwas machen dürfen und nicht von Erwachsenen darin unterbrochen werden, weil sie es scheinbar besser können. Sie lernen um Hilfe zu bitten, wenn sie Hilfe wirklich benötigen.

Unterbrechen wir das Spiel des Kindes, weil wir es scheinbar besser wissen, lernen die Kinder bestensfalls unseren Weg kennen. Schlechtestenfalls fühlen sie sich unterlegen, inkompetent und verlieren Vertrauen in ihr eigenes Tun. Sie geben das Explorieren auf und werden darauf angewiesen, „unterrichtet“ zu werden statt zu erkunden.

Statt eingreifen: Die Haltung der passiven Teilnahme

Lassen wir also unsere Kinder aktiv sein und die Welt bis zu dem Grad, an dem wir aus Schutz eingreifen müssen, selbst erkunden. Viele Kinder brauchen dennoch Erwachsene als sicheren Hafen im Hintergrund: Eltern, die anwesend sind, aber nicht eingreifen in das Spiel oder Erkunden. Die nicht beobachten, aber im Notfall zur Seite stehen. Diese Haltung der passiven Teilnahme gibt uns Eltern zugleich Raum, anderen Tätigkeiten in der Nähe nachzugehen. Es reicht für viele Kleinkinder aus, dass die Eltern in sicht- und hörbarer Nähe sind, damit sie in ein Spiel und Erkunden versinken können. Gelegentlich tauchen sie aus der Erkundung auf, um Nähe einzufordern: durch Körperkontakt, durch Sprache, manchmal auch nur durch einen Blick. Im Anschluss können sie, sicher in dem Gefühl, dass die vertraute Person da ist und im Notfall zur Verfügung steht, wieder in das Spiel eintauchen.

Braucht das Kind dann doch Hilfe und Unterstützung, kann es diese selbst einfordern. Aber auch dann müssen wir als Eltern nicht den richtigen Weg vorgeben, sondern können dem Kind helfen, sich selbst zu helfen: Wir können eine Idee geben, eine Anregung. Und dem Kind die Möglichkeit überlassen, von da an den Weg selbst zu finden oder nach weiterer Hilfe zu fragen.

Lassen wir unseren Kindern die Chance, die Welt nicht nur aus ihren Augen zu sehen, sondern auch mit ihren Händen und Ideen zu entdecken.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

Entspannte Einschlafbegleitung und Übergang zum Allein-Schlafen begleiten

Während Babys oft noch recht einfach und schnell in den Schlaf zu begleiten sind wenn sie gestillt, geschuckelt oder getragen werden, wird die Einschlafbegleitung bei größeren Kindern manchmal zu einer Herausforderung: So viel wurde tagsüber erlebt und will noch berichtet werden. So spannend ist die Welt gerade und will entdeckt werden – da fällt es einigen Kindern schwer, in den Schlaf zu finden: Müde, aber nicht schläfrig genug. Munter, aber nicht mehr in einem Zustand, in dem das Kind alleine entspannt spielen möchte. Schon ein Kleinkind, aber noch immer auf eine Begleitung in den Schlaf angewiesen. Was also können Eltern tun, wenn das Kind müde ist, aber nicht einschläft und dennoch begleitet werden will?

Wann schlafen Kinder alleine?

Wann Kinder alleine einschlafen, ist unterschiedlich: Es hängt u.a. vom Temperament und Entwicklungsstand des Kindes ab. Manche Kinder schlafen schon als Babys gut allein ein und auch lieber in einem separaten Bett, andere brauchen noch lange die Nähe und Zuwendung von ihren Bezugspersonen. Manchmal brauchen auch Kinder, die schon allein einschlafen konnten, wieder eine Begleitung, wenn sie gerade eine anstrengende Phase durchleben und abends mehr Zuwendung benötigen.

Untersuchungen haben gezeigt, dass aber auch dann, wenn die Kinder nicht im Bett der Eltern schlafen durften als Babys, die Kinder später, wenn sie laufen können, zum Elternbett kommen: Eine Studie von Remo Largo und anderen aus dem Jahr 2006 (pdf) zeigte, dass nur 10 Prozent der untersuchten Eltern ihren Kindern von Geburt an erlaubten, im Elternbett zu schlafen und dennoch fast die Hälfte der Kinder im Alter von 2-7 Jahren mindestens einmal pro Woche ins Elternbett kamen. Es scheint also wenig zu bringen langfristig, die Kinder vom Elternbett fernhalten zu wollen. Sinnvoller ist es, dem Bedürfnis des Kindes nach Nähe und Sicherheit beim Schlafen nachzukommen und zu warten, wann das Kind sich sicher genug fühlt und genügend Selbstregulationsfähigkeiten entwickelt hat, um allein schlafen zu können. Diese Entwicklung kann nicht erzwungen, sondern lediglich durch Feinfühligkeit und Verständnis begleitet werden. Ein Kind, das sich sicher fühlt und weiß, dass die Eltern als liebevolle Leuchttürme in der Nacht im Notfall zur Verfügung stehen, kann von dieser Sicherheit aus ausprobieren, allein zu schlafen. Ist es an diesen Punkt gelangt, zieht es aus dem Elternbett aus. Bei vielen Kindern ist dieser Punkt irgendwann in der Kleinkindkindzeit bis zum Beginn des Schulalters erreicht.

Wenn das Kind noch nicht allein einschläft

Wenn das Kind noch nicht allein einschläft, sich aber die Einschlafbegleitung zu einer Belastung für die Eltern entwickelt, müssen Alternativen betrachtet werden: Was kann an der Situation beim Kind oder den Eltern verändert werden?

Natürlich gilt wie auch schon bei Babys: Nur ein müdes Kind schläft auch ein. Gerade dann, wenn die Kinder an dem Wendepunkt stehen, den Mittagsschlaf nicht mehr unbedingt zu benötigen, kann sich das Einschlafen manchmal sehr hinauszögern. Hier hilft es, zu ergründen, welchen Schlafbedarf das Kind wirklich noch hat und ob es vielleicht zu lange mittags schläft. Gut ist es, wenn das Kind so viel schläft, dass es den Nachmittag entspannt verbringen kann. Ist das Kind wegen Schlafmangel mittags nur schlecht gelaunt und erschöpft, ist dies auch keine sinnvolle Alternative zum früheren Schlaf, weil die Beziehungsqualität darunter leiden kann.

Manchmal erscheinen die Kinder müde, reiben sich die Augen und können dennoch nicht einschlafen, weil sie noch spielen wollen, Erfahrungen machen, etwas erzählen,… Ihr Wunsch nach Entwicklung, ihre Neugierde stehen ihnen im Weg, sich zu entspannen. Wenn wir diesen Wunsch des Kindes und sein Bedürfnis nach Entwicklung in den Blick nehmen, können wir damit kreativ umgehen: Wir können den Nachmittag nutzen, um in den Abend über zu leiten: Fragen wir das Kind früh, was es noch gerne spielen möchte heute. Reden wir darüber, was es alles erlebt hat und betten alle Aktivitäten so ein, dass zum Abend hin alles ruhiger und entspannter wird. Das Kind hatte tagsüber die Möglichkeit, allen Bedürfnissen nachzukommen und wird Schritt für Schritt in einen ruhigen Abend überführt. Gerade in der kalten Jahreszeit ist es auch möglich, dass das Kind vielleicht zu wenig Möglichkeiten hat, um sich wirklich auszutoben. Sehen wir hier einen Mangel, können wir überlegen, wie wir mittags oder nachmittags noch ausreichend Bewegungszeit einbinden können, bevor es in die ruhige Phase geht.

Auch ein Blick auf die Abendrituale lohnt sich: Gibt es etwas, was noch einmal besonders aufregend ist und das Kind noch einmal besonders ablenkt? Vielleicht kann auch dies anders gestaltet werden. Im Bad liegt schon alles bereit für das Zähneputzen, im Bett liegt bereits das Buch, das zuvor als Einschlafgeschichte ausgewählt wurde.

Kann das Kind dennoch nicht einschlafen und turnt im Bett umher, hilft es nur, es sich so bequem wie möglich zu machen: Vielleicht ist es in Ordnung, neben dem Kind ein Buch zu lesen. Oder ein Hörbuch zu hören (ggf. mit Kopfhörern, wenn das Kind parallel eine andere Geschichte hören will) oder in einer Zeitschrift zu blättern…

An das Einschlafen gewöhnen

Kinderkrankenschwester, Stillberaterin und Schlafcoach Sibylle Lüpold empfiehlt in ihrem Buch „Ich will bei euch schlafen“ als Übergang für das Allein-Einschlafen-Lernen von Kleinkindern, die müde sind und den Worten der Eltern vertrauen, dem Kind nach dem Einschlafritual zu erklären, dass man kurz hinaus gehen würde, um eine Tätigkeit zu verrichten (Zähne putzen, Spülmaschine ausräumen), aber danach zurück käme. Nachdem die Tätigkeit wirklich verrichtet wurde, kehrt das Elternteil wie versprochen zurück. Schläft das Kind noch nicht, widmet man sich mit dem Versprechen wieder einer Tätigkeit.

Und wie gestaltet Ihr die Einschlafbegleitung aktuell?
Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

Weiterführende Literatur:
Lüpold, Sibylle (2014): Ich will bei euch schlafen! (Ein-)Schlafen lernen mit Co-Sleeping. – Freiburg: Herder.
Renz-Polster, Herbert; Imlau, Nora (2016): Schlaf gut, Baby! Der sanfte Weg zu ruhigen Nächten. – München: GU.
Mierau, Susanne (2017): Geborgene Kindheit: Kinder vertrauensvoll und entspannt begleiten. München: Kösel.

Beitragsbild: Katja Vogt

Kinder wollen gesehen werden, statt gelobt

„Papa, schau mal was ich kann!“ – „Ja, super!“ „Schau mal Papa, schau mal!“ „Ja, ich hab ja gesagt, das hast Du toll gemacht!“ „Schau mal jetzt, Papa!“ – „Ja, immer noch toll!“ – wahrscheinlich kennen viele solche oder ähnliche Gespräche mit Kindern. Auf dem Spielplatz, zu Hause beim Spielen, beim Malen, beim Bauen. Nach dem zweiten „Ja, toll!“ sind wir Eltern vielleicht schon ein wenig erschöpft, vielleicht ein wenig genervt. Wir haben doch gesagt, dass es toll es, kann das Kind jetzt in Ruhe weiter spielen? Aber das Kind möchte gar nicht gelobt werden. Es ruft nicht nach einem „Toll!“, sondern nach Beziehung.

Verschiedene Botschaften

„Schau mal, Mama/Papa!“ – was könnte das bedeuten? Lassen wir uns diese Worte einmal wirklich durch den Kopf gehen. Ruft das Kind hier nach einem Lob? Oder interpretieren wir vielmehr, dass das Kind gelobt werden möchte? Und welche Intention hat unser Lob als Eltern? Ist es ein aufrichtig gemeintes „Oh, wow, toll! Ich bin beeindruckt!“ oder ist es manchmal nicht doch eher ein „Ja, ja, nun spiel schön weiter.“?

Unsere Kinder bekommen von uns Eltern nicht selten Antworten aus einem überschaubaren Eltern-Antwort-Katalog: „Das ist ja toll!“, „Hast Du gut gemacht!“, „Ja, weiter so!“ – Nutzbar in verschiedenen Situationen, zu verschiedenen Anlässen. Ob nun oben auf dem Klettergerüst sitzend, ein neues Bild vorzeigend oder einen Turm gebaut. Dabei gehen wir nicht auf das ein, was das Kind eigentlich wünscht, nach dem es ruft, was es möchte. Mit einem „Schau mal!“ sagt es uns das, was diese Worte genau sagen: „Schau einmal her zu mir und dem, was ich getan habe/tue.“

Kinder wollen gesehen werden

Kinder wollen in ihrer Entwicklung, in ihrem Tun, in ihrem Entdecken der Welt gesehen werden. Nicht immer: Manchmal wollen sie auch still und leise etwas tun, heimlich. Manchmal, um Dinge zu tun, die wir ihnen sonst nicht erlaubt hätten und manchmal, um dann erst das Ergebnis zu präsentieren. Oft aber wollen sie in ihrem Alltag einfach in einem sozialen Austausch, in Kontakt sein. Sie sind soziale Wesen, so wie wir. Sie wollen erkannt werden in ihrer Art, ihrem Sein, ihrem Tun.

Statt Lob: Beziehung

Statt also eine Antwort aus unserem Eltern-Antwort-Katalog zu ziehen, können wir bei einem „Schau mal!“ kurz anhalten in unserem Tun und Denken und uns wirklich dem Kind zu wenden. Gerade jetzt ruft das Kind nach Beziehung, nach einem Miteinander. Es braucht kein Lob in Form von Worten wie „toll“, „schön gemacht“ oder „oh super“, sondern es möchte erfahren, gesehen worden zu sein. „Du bist alleine ganz nach dort oben geklettert!“, „Dieses Bild hast du aber bunt gemalt!“, „Ich habe gesehen, dass du dir ganz allein das Glas Wasser eingeschüttet hast!“ – Diese Sätze und Beschreibungen geben unseren Kindern in einer solchen Situation viel mehr als ein bloßes „toll gemacht“. Sie zeigen, dass das Kind in seinem Tun gesehen wurde. Sie zeigen, dass wir aufmerksam sind und uns Zeit nehmen für das Kind und sein Handeln. Und dies drückt viel mehr Wertschätzung aus als ein pauschales Lob, das in so vielen Situationen belanglos über die Lippen kommt. Und es führt dazu, dass das Kind eben nicht wieder und wieder nachfragen muss, ob wir es vielleicht doch noch wirklich sehen wollen in seinem Handeln, sondern weiß, dass es mit dem, was ihm gerade wichtig war, wahrgenommen wurde.

Deswegen: Wenn ihr das nächste Mal versucht seid, eine Antwort aus eurem persönlichen Eltern-Antwort-Katalog abzuspulen, haltet doch einen kurzen Moment inne und erinnert euch daran, dass euer Kind vielleicht gerade jetzt etwas anderes gemeint hat. Und dann umschreibt, was gerade passiert ist und wartet ab, welchen Beziehungsraum diese Antwort öffnet.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

Weiterführende Literatur zum Thema:
Mierau, Susanne (2017): Geborgene Kindheit. Kinder vertrauensvoll und entspannt begleiten. – München: Kösel.
Kohn, Alfie (2015): Liebe und Eigenständigkeit. Die Kunst bedingungsloser Elternschaft, jenseits von Belohnung und Bestrafung. – Freiburg: Arbor Verlag.
Pikler, Emmi/Tardos, Anna (1997): Miteinander vertraut werden. Wie wir mit Babies und kleinen Kindern gut umgehen – ein Ratgeber für junge Eltern. – Freiburg: Herder.

Aufräumen im Kinderzimmer – Schluss mit Stress

„Räum jetzt endlich mal Dein Zimmer auf!“ Diesen Satz sagen so viele Eltern in der Hoffnung, das Kind würde auf einmal die Wohnung aus Erwachsenenaugen sehen, in die Hände klatschen und freudig erst die Kleinteile vom Boden aufräumen und anschließend die restliche Unordnung beseitigen. Tatsächlich aber blicken nach einem solchen Satz oft nur verunsicherte Augen um sich: Schließlich ist doch alles in bester Spielordnung, oder nicht?

Wechseln wir einmal die Perspektive

Sehen wir also einen Augenblick das Zimmer aus der Perspektive des Kindes, vielleicht auch tatsächlich aus der Augenhöhe des Kindes. Da ist die sorgsam aufgebaute Eisenbahn: Holzteil musste in Holzteil gesteckt werden. Die passenden Züge wurden ausgewählt, drum herum noch eine kleine Landschaft gebaut aus Bausteinen und Figuren. Ein Stück daneben liegen die gerade durchgeblätterten Lieblingsbücher auf einem Stapel. Herausgenommen aus dem Regal, in dem die anderen Bücher, die gerade nicht so spannend sind, noch stehen. Da sitzen die Kuscheltiere in Reichweite, eines sieht scheinbar dem Eisenbahntreiben zu.

Das Spiel ist die Arbeit des Kindes. Im Spiel zeigt sich, welche Entwicklungsaufgaben das Kind gerade angeht, wie Fein- und Grobmotorik gerade ausgebaut werden, welche Themen das Kind gerade für sich bearbeitet und was ihm wichtig ist. Das Kinderzimmer spiegelt diese Arbeit wider und ist auch ein Spiegel unserer eigenen Schreibtische, auf denen wir manches Mal die Sachen zusammenstellen, an denen wir gerade arbeiten, auf denen wir die Bücher ablegen, die wir gerade lesen (wollen). All das zeigt sich auch im Raum des Kindes und darin, wie das Kind ihn gestaltet.

Dementsprechend ist es nicht einfach, die so sorgsam zusammengestellten Sachen zur Seite zu räumen. Den so gut aufgestapelten Turm wegzuräumen, die kunstvoll gestaltete Landschaft in Kisten zu verstauen.

Alternativen und Kompromisse

Haben wir also im Blick, welche Bedeutung einige der aufgestellten und in unseren Augen „unordentlichen“ Sachen haben, können wir uns auf den Weg machen, Kompromisse zu finden: Vielleicht gibt es ein Regal, in dem die Bauwerke aufgehoben werden. Oder es gibt einen Tisch oder eine Spielplatte, der/die beim Aufräumen immer unangetastet bleiben kann. Müssen wir die Flut der Kinderbilder und Bastelwerke etwas ausdünnen, können wir Fotos der Werke machen und diese so verewigen.

Wenn doch aufgeräumt werden muss

Natürlich gibt es dann auch Situationen, in denen das Aufräumen nicht mehr verhindert werden kann. Für viele Kinder ist es gut, wenn es eine bestimmte Ordnung und Übersichtlichkeit gibt, damit sie in das Spiel finden können und nicht beständig abgelenkt werden. Muss also aufgeräumt werden, muss das aber nicht in Streit enden. Damit auch das Aufräumen entspannt abläuft, können wir einige Punkte beachten:

  • Den Grund für das Aufräumen benennen und dabei aus der eigenen Perspektive reden: „Ich denke, wir müssen mal wieder etwas Ordnung schaffen, damit wir besser laufen können und es einen besseren Überblick gibt.“
  • Keine Fragen stellen, wenn etwas nicht zur Diskussion steht. Fragen wir „Findest Du nicht auch, dass wir mal wieder aufräumen sollten?“ kann das Kind „Nein“ antworten – damit ist eine Auseinandersetzung ziemlich wahrscheinlich. Sprechen wir also lieber Fakten aus, als zu fragen, wo wir eigentlich keine anderen Antwortmöglichkeiten zulassen wollen.
  • Unterstützung anbieten: Kinder haben ein anderes Verständnis von Ordnung als wir. Ein „Räum mal auf!“ wird kaum den Erfolg bringen, den wir uns vorstellen. Wenn wir allerdings gemeinsam das Aufräumen angehen, ist das Kind engagierter und lernt durch unsere Anteilnahme und Vorbild, wie das Aufräumen ablaufen kann und erwirbt die Kompetenz, es immer mehr selbst tun zu können.
  • Besonders wichtige Aufbauten retten (siehe oben).
  • Konkrete Anregungen statt diffuses Aufräumen: Da Kinder keine konkrete Vorstellung vom Aufräumen haben, sind konkrete Anregungen viel praktischer: „Ich sammle alle Kuscheltiere ein und setze sie auf das Bett, du sammelst alle Bausteine ein und legst sie in die Kiste.“ oder auch „Ich sammle alle roten Sachen ein, du alle blauen.“
  • Praktisch ist es auch – gerade für jüngere Kinder – wenn ein fester Zeitrahmen eingehalten wird: „Ich stelle die Küchenuhr jetzt auf 10 Minuten. So lange räumen wir alles auf. Wenn die Uhr klingelt, hören wir auf.“ Auch ein Aufräumlied kann dem Aufräumen als Ritual einen Rahmen geben. Manchmal sind solche Lieder auch aus dem Kindergarten bekannt: „Aufräumzeit, es ist so weit. Alle Kinder räumen auf!“
  • Keine Drohungen wie „Wenn in 10 Minuten nicht alles ordentlich ist, kommt es in die blaue Tüte auf den Müll!“ Kleinkinder können weder mit dem Zeitrahmen etwas anfangen, noch mit unserer Vorstellung von Ordnung. Und größere Kinder werden durch Drohnungen und Stress nur handlungsunfähig und verängstigt, wodurch sie weder aufräumen können, noch lernen, wie Ordnung gemacht wird. Zudem fühlen sie sich machtlos und bedroht in dem wenigen, aber geliebten Besitz.

Aufräumen muss keine ungeliebte Streitsituation sein. Haben wir einen Blick für das kindliche Bedürfnis und die Möglichkeiten des Kindes, können wir das Aufräumen entspannt gestalten.
Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

Beruhig dich doch mal – Wann Kinder Selbstregulation lernen

„Beruhig dich doch mal!“ – Ein Satz, der sowohl bei kindlicher Wut als auch beim Weinen so einigen Eltern schnell über die Lippen kommt. Neben dem Aspekt, dass es für Kinder wichtig ist, alle Gefühle der breiten Gefühlspalette zeigen zu dürfen (von Freude über Wut bis Trauer und alle Abstufungen dazwischen), ist dieses „einfach beruhigen“ auch leichter gesagt als getan, denn Kinder erwerben die Fähigkeit, sich selbst eigenständig zu beruhigen, erst mit der Zeit.

Was Babys mitbringen

Schon Babys verfügen über die Möglichkeit, in einem gewissen Rahmen bestimmte innere Zustände zu regulieren und ihre angeborenen Fähigkeiten zu nutzen, um sich selbst zu beruhigen. Zu vielen Teilen sind sie aber noch darauf angewiesen, dass Erwachsene sie begleiten und ihnen die Möglichkeiten zur Regulation zeigen und sie darin unterstützen. Besonders für die Regulation von Schlafen und Wachen, Aktivität, Aufmerksamkeit und Gefühlsregulation benötigen Kinder Bezugspersonen. Sie zeigen den Kindern, wie diese Zustände reguliert werden können.

Warum die Bezugspersonen so wichtig sind für die Regulation

Notwendig ist es dafür, dass die Bezugspersonen die Signale des Kindes wahrnehmen, richtig interpretieren und dann angemessen darauf reagieren – kurz gesagt: dass auf die Bedürfnisse feinfühlig reagiert wird. Hierdurch erfahren Kinder, welche Strategien angewendet werden können, um bestimmte Zustände entweder zu verstärken oder abzuschwächen. Sie lernen zunehmend, flexibel mit Situationen umzugehen und die jeweils passenden Strategien anzuwenden. So kommt es, dass Kinder ab dem 5. Lebensjahr ihre Gefühle schon wesentlich besser selbst regulieren können als in der Kleinkindzeit. Ohne die feinfühlige Begleitung von Bezugspersonen fällt es Kindern jedoch schwerer, die Selbstregulation zu erlernen. Der Spruch „Nimm es doch nicht bei jedem Mucks hoch!“ ist ein Ammenmärchen: Kinder brauchen tatsächlich in den ersten Jahren unsere Begleitung und Unterstützung, um dann immer besser zu lernen, sich selbst zu beruhigen.

Wie wir die Ausbildung der Selbstregulation unterstützen können

Wichtig dafür ist jedoch, dass wir sie auf dem Weg dorthin angemessen begleiten und ihnen die Möglichkeiten zur Regulation aufzeigen und sie in der Anwendung unterstützen. Dies erreichen wir durch folgende Aspekte:

  • Ein generell offener Umgang mit Gefühlen: Alle Gefühle sind erlaubt, keine Gefühle dürfen nicht sein oder müssen ganz schnell behoben werden. Auch das Weinen von Kindern ist wichtig und braucht Begleitung, statt Verbote.
  • Auch als Eltern sind wir im Umgang mit unseren eigenen Gefühlen Vorbilder: Auch wir dürfen alles fühlen und auch zeigen (dabei jedoch angemessen in Bezug auf die Kinder reagieren, wenn wir beispielsweise in Familiensituationen wütend sind) und geben durch unseren Umgang mit Selbstregulation von Zuständen und Gefühlen ein Beispiel.
  • Gefühle werden nicht abgesprochen wie „Das hat ja gar nicht weh getan!“ Auch das so verbreitete „Ist ja nicht so schlimm!“ ist unpassend, wenn ein Kind sich augenscheinlich verletzt hat oder traurig ist, weil es beispielsweise von anderen Kindern ausgeschlossen wurde.
  • Gefühle werden benannt, damit sie auch vom Kind unterschieden werden können: Kinder werden dazu angeregt, zu beschreiben, ob sie wütend, traurig, verärgert oder enttäuscht sind – und alle anderen möglichen Empfindungen. Auch Bücher oder passende Spiele können das Benennen unterschiedlicher Gefühle unterstützen.
  • In bestimmten Situationen können die Gefühle des Kindes gespiegelt werden: „Du bist jetzt ganz schön traurig/wütend/überschwänglich/…“ So lernt das Kind, den aktuellen Empfindungen Worte zuzuordnen.
  • Das Kind wird gefragt, wie es sich fühlt – nicht nur in Konfliktsituationen, sondern auch im Alltag. So lernt es, sich zu beobachten und auch zu spüren, wann Gefühle sich ändern. Durch die Selbstbeobachtung lernt das Kind zunehmend, rechtzeitig aktiv zu werden für die Selbstregulation: Wird es müde, zieht es sich zurück. Spürt es Wut aufsteigen in einem Konflikt, lernt es, sich zurück zu ziehen bevor die Situation eskaliert, wenn es frühzeitig das Gefühl einordnen kann. Das ist allerdings erst im fortgeschrittenen Grundschulalter möglich. Die Grundlagen legen wir jedoch schon früher dafür.
  • Gefühle werden so lange und oft begleitet, wie das Kind das benötigt.
  • Gemeinsam werden für das Kind passende Regulationsstrategien ausprobiert: Mag es in den Arm genommen werden, mag es gewiegt werden, wenn es traurig ist? Was braucht es, wenn es müde ist? Was braucht es, um morgens in Schwung zu kommen?

Durch Begleitung statt Erwartung können wir unsere Kinder auf den Weg zur Selbstregulation bringen und sie darin Stück für Stück unterstützen.
Eure

Weiterführende Literatur:
Mierau, Susanne (2017): Geborgene Kindheit. Kinder vertrauensvoll und entspannt begleiten. – München: Kösel.
Mierau, Susanne (2017): Ich! Will! Aber! Nicht! Die Trotzphase verstehen und begleiten. München: GU.
Fröhlich-Gildhoff, Klaus/Rönnau-Böse, Maike (2019): Resilienz. – München: Ernst Reinhardt Verlag.

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

„Dann will ich nie wieder eine Jacke anziehen!“

Da stehen wir. Es wird langsam kalt. Die Winterjacke des letzten Jahres wurde aus der Truhe heraus geholt und passt leider nicht mehr. Doch nun soll es eigentlich raus gehen in die Kälte. „Dann zieh bitte einen Pullover an und darüber die andere Jacke.“ „NEIN!“ „Bitte.“ „Nein, ich ziehe nie wieder eine Jacke an!“ Sagt es und stampft hinaus in die Kälte, so ganz ohne Jacke.

Als Kleinkind ist es schwer, mit einer solchen Situation umzugehen. Während uns Erwachsenen die Logik sagt „Es ist kalt, meine Jacke passt nicht, dann ziehe ich eben eine andere an und einen dicken Pullover“, ist das für Kinder kein schlüssiges Argument. Die Vorstellung weicht von der Möglichkeit ab, das logische Nachdenken funktioniert in der mit Verärgerung überladenen Situation nicht. Wut!

Jetzt wird nicht nachgedacht

Mit Argumenten werden wir gerade jetzt nicht einen Wandel des Denkens erreichen: „Es ist aber doch kalt!“, „Du holst Dir sonst eine Erkältung!“ Alle Erklärungen bringen nun nichts. Das Kind hat in seinem Gehirn noch nicht viele ähnliche Situationen abgespeichert, auf die es nun zurück greifen könnte. Während wir auf ein Leben voller Erfahrungen mit Wärme und Kälte zurückblicken, ist es vielleicht gerade der dritte Winter des Kindes und Erfahrungen gibt es noch kaum. Unsere Worte „Du könntest dich erkälten“ haben für das Kind nicht die Tragweite, wie sie es für uns vielleicht haben. Jetzt gerade kann das Kind nur emotional reagieren, der unsere Überlegungen steuernde Neocortex ist bei ihm noch nicht ausgereift.

Ist dir überhaupt kalt?

So stampft es da nun also in der Kälte auf. Keine Spur von Einsicht. „Merkst Du: Es ist doch ganz schön kalt!“ Aber das Kind schüttelt energisch den Kopf. Vielleicht ist ihm aktuell wirklich nicht kalt: Unser Temperaturempfinden unterscheidet sich nach Tagesform, aber auch dadurch, dass verschiedene Menschen eine unterschiedliche Dichte und Menge an Kälterezeptoren haben. Und auch durch die aktuelle Ablenkung und den Fokus auf die Wut spürt das Kind vielleicht jetzt gerade gar keine Kälte.

Der Weg aus dem Konflikt

Mit für uns logischen Argumenten werden wir in dieser Situation also keine Lösung finden. Gleichzeitig können wir die Aufgabe der Problemlösung noch nicht unserem Kleinkind überlassen: Es kann die Folge von „Na gut, dann läufst du eben ohne Jacke, du wirst schon sehen…“ nicht abschätzen. Noch ist das Kind darauf angewiesen, dass Erwachsene die Situationen auflösen und gleichzeitig damit dem Kind auch zukünftige Lösungsansätze zeigen. Würden wir nun Druck ausüben und versuchen, das Kind in die Jacke zu zwingen, würde das Kind nur noch mehr in einen Gegenwillen verfallen und der Konflikt würde sich verschärfen. Zwang und Druck helfen uns gerade mit wütenden Kindern – aber auch sonst – nicht langfristig weiter.

Wir können das Kind deswegen nur begleiten: Wir können beschreiben, was wir wahrnehmen und fühlen: „Du bist ganz schön traurig, dass die alte Jacke nicht mehr passt.“. Wir können beschreiben, was wir sehen: „Du bist ganz schön wütend. Aber ich glaube, Dein Körper friert schon ein wenig. Schau, du zitterst schon.“ Wir können die Jacke dabei haben und sie dem Kind geben, wenn es sich beruhigt hat und merkt, dass es doch kalt ist. Wir können eine alternative Planung machen, wenn das Kind den großen Teil der Wut hinter sich gebracht hat und wieder bereit für Worte ist: „Wenn dir die Jacke so gut gefallen hat, kann ich mal schauen, ob ich sie in deiner neuen Größe noch einmal bekomme.“ oder „Was mochtest du besonders an der alten Jacke? Die Elefanten darauf? Vielleicht finden wir eine andere Jacke mit Elefanten oder bügeln dir ein Bild darauf.“

Wir können viele Ideen und Anregungen einsetzen, anstatt das Kind zu beschämen, zu beschimpfen oder zum Anziehen zu zwingen. Manchmal brauchen wir einen kleinen Moment des Nachdenkens, damit sie uns einfallen. Aber diesen kleinen Moment sollten wir uns gönnen. – Für uns und unsere Kinder.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de