Empfindlich oder empfindsam? Über einen kleinen Unterschied

„Ach Gott, die ist aber empfindlich!“ sagte kürzlich eine Mutter auf dem Spielplatz über mein Kind. Der Sohn dieser Mutter hatte mein Kind beleidigt und ihm angedroht, die Lieblingspuppe in den Müll zu stopfen. Er hatte sie nicht berührt, nur mit Worten verletzt, so dass sie weinte. – Empfindlich, das klang in der Situation wie ein Schimpfwort. Und tatsächlich ist mir – wenn es um Kinder geht – aufgefallen, dass dieses Wort eines ist, das meist nicht nett gemeint ist. Empfindlich, das Schimpfwort: Der Ersatz für Weichei oder Heulsuse.

Alles nur Wortverdreherei?

Im Duden finden sich für das Wort „empfindlich“ verschiedene Bedeutungen, u.a.

  1. auf bestimmte Reize leicht, schnell reagierend
    1. [seelisch] leicht verletzbar; feinfühlig, sensibel, zartbesaitet
    2. gereizt, gekränkt; leicht beleidigt, reizbar
  2. aufgrund einer körperlichen Schwäche anfällig

Ja, empfindlich scheint ein Wort zu sein, dass schnell auch ins Negative gebraucht wird, wenn leicht beleidigte oder reizbare Menschen damit bezeichnet werden. Aber ist es wirklich richtig, dann ein Kind so zu bezeichnen? Als diese Mutter mein Kind so betitelte, schaute ich sie an und sagte: „Mein Kind ist empfindsam, nicht empfindlich. Und das ist auch richtig so.“ Empfindsamvon feinem, zartem Empfinden; zartfühlend, einfühlsam, gefühlvoll, sentimental. Ja, genau so ist mein Kind. Es fühlt mit anderen mit, es fühlt nach und kann sich eine Vorstellung davon machen, wie es anderen gehen muss. Als wir kürzlich durch den Park gingen und einen Schnuller fanden sagte es: „Mama, dieses Kind wird sehr traurig sein, weil es den Schnuller verloren hat.“ Sie nahm ihn auf und legte ihn auf eine kleine Mauer, damit er besser gesehen werden konnte, wenn das Kind vielleicht noch einmal vorbei kam. Mitfühlend, einfühlend.

Wie wir Empfindsamkeit unterwandern

Tatsächlich ist Empfindsamkeit ein Gut, das in unserer Gesellschaft heute nicht mehr an vielen Stellen gefördert wird. Schon den kleinsten Kindern trainieren wir Empfindsamkeit ab, wenn wir ihnen beibringen, nicht mehr auf ihre eigenen Bedürfnisse zu achten: Wir erklären ihnen, wann sie auf Toilette müssten und bestimmen darüber, was sie wann essen sollen, denn sie müssten jetzt Hunger haben nach Zeitplan. Und die größeren Kinder schleifen wir an Obdachlosen vorbei, die wir nicht beachten. Empfindsamkeit hat wenig Raum. Schließlich wollen wir sie nicht, die weinenden Kinder und Weinen und Schreien wird als Machtkampf verstanden zwischen Kind und Eltern und nicht als natürliche Suche nach Nähe.

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Auf der anderen Seite erwarten wir Eltern jedoch, dass sich Kinder einfühlen können – nämlich in uns. Dass sie doch bitte Verständnis haben sollen für die Bedürfnisse der Erwachsenen nach Ruhe und Entspannung. Doch woher sollen sie es lernen, wenn wir ihnen darin keine guten Vorbilder sind?

Einfühlung entsteht durch Einfühlen

Einfühlungsvermögen entwickelt sich in erster Linie dadurch, geachtet zu werden. Wir alle kommen als soziale Lebewesen auf die Welt, sind auf Bindung angewiesen, auf Versorgung durch Gemeinschaft. Nicht nur Babys brauchen Beziehungen, sondern Menschen in jedem Alter an jedem Ort der Welt. Empathie entwickelt sich in Auseinandersetzung mit der Umwelt, aus dem Zusammensein. In gewisser Weise ist sie auch schon von Anfang an da, denn schon Babys haben die Fähigkeit, sich an die Bedürfnisse der Bindungspersonen anzupassen. Sie entwickelt sich auch daraus, dass Kinder miteinander umgehen dürfen und nicht in jeder Situation ununterbrochen reglementiert werden: Ein Baby streckt die Hand nach dem anderen aus, möchte es berühren. Das Gegenüber verzieht den Mund, als das neugierige Kind den Finger in das Ohr steckt. Berührungen lernen: was ist zart, was ist unangenehm. Wir lernen, indem wir jemanden haben, der uns authentisch seine Wahrnehmungen widerspiegelt. Beim nächsten Mal wird es vielleicht schon sanfter sein. Empathie entwickelt sich über die ersten Jahre hinweg bis wir wirklich in der Lage sind, uns in andere hinein zu versetzen. Wir fühlen mit, weil wir die Chance hatten, es zu lernen und das natürlich Mitgegebene auszubauen.

Manche Kinder sind noch empfindsamer

Wir alle kommen mit einem unterschiedlichen Temperament zur Welt, nehmen die Welt unterschiedlich wahr und reagieren unterscheidlich auf Reize. Durch die Art, wie unser Umfeld mit diesem Temperament umgeht und welchen Einflüssen es unterliegt, entwickeln sich dann in den ersten Jahren Persönlichkeitseigenschaften, die durch das Leben relativ beständig bleiben. Es gibt Kinder, die Reize intensiver wahrnehmen, schneller überreizt sind und auch anders mit diesen Reizen umgehen. Sind Kinder empfindsamer, brauchen sie ganz besonders die Fürsorge und Regulation durch die Bezugspersonen, die ihnen in den ersten Jahren zeigen, wie sie gut mit ihren Empfindungen umgehen können.

Für eine bessere Zukunft

Die Gefühle anderer werden in unserer Gesellschaft viel zu oft missachtet. Wie oft sagen uns Menschen etwas und wir verstehen sie nicht richtig oder nehmen sie aus eigenen Interessen einfach nicht ernst, gehen über ihre Bedürfnisse und Wünsche hinweg? Situationen eskalieren, weil wir uns nicht die Mühe gemacht haben, uns wirklich einzufühlen. Was wäre schlimm an einer Gesellschaft, in der wir uns wieder mehr in andere hinein versetzen würden? Wenn wir an Freude und Leid anderer einfach teilhaben könnten. Wenn wir einer weinenden Frau in der Bahn ein Taschentuch anbieten und nicht peinlich berührt aus dem Fenster starren?

Ich erziehe meine Kinder nicht zur Empfindsamkeit. Ich lasse sie sich entwickeln und trainiere ihnen einfach nur nicht ihr Einfühlungsvermögen ab. Ich lasse sie traurig sein, wenn sie es sind und glücklich, wenn sie lachen. Ich lasse sie andere umarmen oder auch ablehnen. ich achte ihre Gefühle und Bedürfnisse.

Und ICH reagiere empfindlich auf Menschen, die nicht empfindsam genug sind, dies zu tolerieren.

Eure
Susanne_clear Kopie

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