Wenn Kinder weinen…

Weinende Kinder berühren uns. Ganz tief in uns sind wir berührt und haben den Wunsch, dieses Weinen beenden zu wollen. Denn: ein Weinen ist immer ein Signal. Es sagt uns etwas über das Kind. Es fühlt sich nicht wohl, es hat sich verletzt, vielleicht sogar gibt es einen gefährlicher Grund. Doch wie wir damit umgehen, kann ganz unterschiedlich sein. Ein „Hör auf zu weinen“ mag das Weinen beenden, aber es ist ein anderes Ende als nach einem „Warum weinst Du?“ zu fragen.

Kinder haben ein Recht auf Tränen – sie dürfen weinen, ihre Gefühle zeigen. Und sie haben ein Recht darauf, getröstet zu werden. Lange Zeit drücken sich Kinder mit Tränen aus. Wenn sie sich verletzten, aber auch dann, wenn ihnen einfach die Worte fehlen oder sie von ihren Gefühlen überwältigt sind, so dass keine Wörter heraus kommen können. Das Spielzeug wurde weggenommen, der Lieblingsteddy nicht gefunden, das Kind wurde angeschimpft oder es hat sich den Finger eingeklemmt. Das Weinen kann so viele Ursachen haben und das Kind darf sich mit seinen Tränen mitteilen. Das Babyweinen kann die Geschichte eines anstrengenden Tages erzählen. Seine Tränen sagen: Kümmer Dich um mich – und es ist gut, dass es sich auf diese Weise mitteilen kann.

In uns Erwachsenen entwickelt sich, wenn wir ein weinendes Kind sehen, das Bedürfnis, das Weinen zu beenden, die Not des Kindes zu beenden. Allzu oft ist auf Spielplätzen ein „Hör auf zu weinen!“ zu hören oder auch ein „Oh, schau mal da!“ oder „Komm, hier hast Du einen Keks!“ Doch mit dem alleinigen Abstellen des Weinens ist das Problem des Kindes nicht behoben. Vielleicht kommt es zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort wieder. Auch das reine Ablenken hilft dem Kind nicht, mit seinen Gefühlen zurecht zu kommen, sich zu verstehen und sich verstanden zu fühlen. Auch ein „Ist doch nicht so schlimm!“ ist es nicht, was ein Kind nun hören sollte. Wäre es nicht schlimm, würde es nicht weinen.

Wenn ein Kind weint, sollten wir uns die Mühe machen, den Grund des Weinens zu ergründen. Wir sollten nicht in erster Linie wünschen, dass das Kind einfach nur aufhört – auch dann nicht, wenn das unser erster Impuls ist, weil es vielleicht für uns selbst anstrengend ist oder wir es selber nicht anders erfahren haben. Wir müssen Kindern nicht beibringen, nicht zu weinen. Sie müssen nicht tapfer sein, nicht stark. Sie haben Gefühle und dürfen sie zeigen. Wenn ein Kind weint, müssen wir uns und/oder dem Kind die Frage der Ursache stellen. Wir bieten dem Kind den Raum, über seine Gefühle zu sprechen. Zu verstehen, warum es weint und wir geben damit auch die Möglichkeit, in der Zukunft vielleicht ähnliche Situationen zu vermeiden. Und dann, wenn wir uns diese Mühe des Zuhörens gemacht haben. Wenn wir die Tränen unseres Kindes angenommen haben und wirklich da waren, dann können wir es auch wieder anderen Dingen zuführen. Wir können ein Pflaster auf das aufgeschürfte Knie kleben, wir können die Aufmerksamkeit auf etwas anderes lenken oder dem Kind ein anderes Trostpflaster anbieten. Aber wirklich erst dann, wenn das Kind sich uns mitgeteilt hat und wir zugehört haben.

Jedes Kind darf weinen und wir müssen das Weinen nicht hektisch abstellen. Es ist wunderbar, wenn wir im Laufe der Zeit lernen, bestimmte Stellen zu umschiffen, so dass unser Kind nicht weinen muss: Darauf achten, dass andere Kinder ihm nicht die Lieblingsschaufel wegnehmen, bestimmte Situationen vermeiden, die es ängstigen. Doch dies erfahren wir nur, wenn wir vorher auch wirklich hinhören oder hinsehen. Tränen erzählen uns eine Geschichte und wir als Eltern müssen ihr zuhören und dann bedacht damit umgehen.

Eure

Susanne_clear Kopie

  • Ein weinendes Kind braucht Begleitung – also unsere Anwesenheit und Nähe. Auf diese Weise lernt es nach und nach immer besser sich selbst zu regulieren. Das kann es allerdings nicht lernen, wenn wir es ablenken oder ihm seine Gefühle nicht zugestehen.

  • Mini & Stil

    Ein sehr schöner Text und so wahr. Herzlichen Dank dafür!

  • Anne S.

    Wie all deine Texte, ist auch dieser hier wieder so schön und gefühlvoll geschrieben.
    “ Tränen erzählen uns eine Geschichte“
    Genau so habe ich mir das von Anfang an bei meinem nun sieben Monate alten Sohn gesagt.
    Da gab es eine anstrengende Geburt, die auch erst einmal von seiner Sicht erzählt werden musste. Immer wieder neue Situationen und unzählige Eindrücke, die verarbeitet werden müssen, indem man einfach darüber redet.
    Diese Einstellung hilft mir enorm dabei, mit viel Liebe, Verständnis und Geduld dem Weinen entgegen zu treten.