Kategorie: Trotzphase

Warum kann mein Kind nicht (zu)hören!?

An manchen Tagen geht mir dieser Satz durch den Kopf: „Warum kannst du nicht hören!?“ Dann, wenn das Kind einfach nicht das tut, wozu man es doch gerade aufgefordert hatte. Dann, wenn es das Gegenteil macht von dem, was man gerade gesagt hatte. Dann, wenn man doch gerade eben erklärt hat, was passieren würde, wenn…

Aber „Kannst du nicht hören?“ meint eigentlich weder das, was wir selbst damit eigentlich umschreiben wollen noch das, was gerade beim Kind dazu führt, dass es etwas ganz anders macht als geplant. Mit „Kannst du nicht hören?“ meinen wir eigentlich: „Kannst du nicht funktionieren wie ich will?“ oder noch genauer „Kannst du nicht gehorchen?“ Hinter diesem Satz steht die alte Annahme, Kinder müssten den Vorschriften der Eltern bedingungslos folgen und Eltern könnten einen Weg vorgeben.

Kinder funktionieren nicht

Aber Kinder funktionieren nicht. Kinder gehorchen nicht, auch wenn wir uns das manchmal wünschen. Und egal wie sehr wir auch versuchen, unseren Einfluss durchzusetzen, bleiben sie immer wieder darin bestrebt, es anders zu machen. Eltern, die Strafen verhängen oder schimpfen, stellen immer wieder fest, dass sich ihre Kinder dennoch auflehnen. Denn: Kinder folgen ihren Entwicklungsplänen. Und diese Pläne bedeuten vor allem: Sie wollen das Leben und die Welt kennenlernen. Das tun sie nicht, wenn sie unseren Anweisungen blindlings folgen. Sie be-greifen die Welt durch eigenes Handeln, durch eigene Fehler, durch eigenes Lernen. Lernen meint, sich aktiv mit einem Sachverhalt auseinander zu setzen. Unsere Aufgabe als Eltern ist es nicht, ihnen einen Buch mit Handlungsanweisungen für das Leben zu überreichen, sondern ihnen eine Umgebung zu ermöglichen, in der sie Lernerfahrungen machen können. Und diese Lernerfahrungen meinen auch: Sie tun es anders, sie probieren sich aus.

Der richtige Weg: Akzeptanz

Anstatt sich immer wieder darüber aufzuregen, dass das Kind nun einmal nicht das tut, was doch in dieser Situation richtig/sinnvoll/angeraten war, sollten wir vielmehr annehmen, dass das Kind genau das eben nicht tut. Weil es erst lernen muss, dass unsere Idee richtig war. Oder – und auch das ist möglich – dass es einfach eine ganz andere Problemlösungsstrategie entwickelt. Eine, die uns vielleicht selber nicht eingefallen wäre.

Anstatt drauf zu achten, was das Kind gerade NICHT tut (auf uns hören), sollten wir unseren Blick auf das richten, WAS das Kind gerade tut: Eine Idee zur Lösung eines Problems entwickeln, eine Handlungsstrategie verfolgen, eine besondere Interaktion eingehen. Wir können unseren Blick auf die Ressourcen lenken und auf das, was das Kind gerade jetzt durch gerade dieses Vorgehen lernt.

Die Stellen beachten, wo das Kind „hört“

Es ist nicht einfach anzunehmen, dass unsere Kinder eigenen Wege gehen und eigene Wege gehen müssen. Sie lieben uns deswegen nicht weniger. Und von uns Eltern ist es kein Zeichen fehlender Liebe oder fehlenden Engagements, sie ihren Weg gehen zu lassen. Es ist vielmehr eine bewusste Anstrengung, ihnen diese Freiheit zu geben, gegen die sich so viel in uns auflehnt, weil wir noch immer denken, Kinder müssten doch unbedingt folgsam sein.

Aber auch hier können wir unseren Blick ändern und nicht nur auf das sehen, was sie gerade eben anders tun und an welchen Stellen sie nicht hören, sondern unser Augenmerk auf das lenken, wo sie uns entgegen kommen, wo sie unsere Ideen aufgreifen oder auch ganz bewusst etwas für uns tun. Denn neben dem Umstand, dass unsere Kinder Selbständigkeit lernen und Kompetenzen erwerben, lernen sie auch das Leben in einer sozialen Gruppe und sind bemüht, auch darin richtig zu handeln – und dies ganz besonders mit ihren primären Bezugspersonen. Manchmal überwiegt dabei die Neugierde und der Wunsch nach neuen Erfahrungen, aber ganz oft können wir mit einem wohlwollenden Blick auch wahrnehmen, an wie vielen Stellen sie uns entgegen kommen, wie oft sie hören oder zumindest versuchen, in unserem Sinne zu handeln.

Anstatt uns also auf das Hören zu konzentrieren, sollten wir vielleicht lieber unseren Fokus auf das eigene Zusehen lenken und beobachten, warum und wie unsere Kinder handeln.
Eure


Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.