Kategorie: Trotzphase

Mach das so wie immer! – Wenn Kinder Beständigkeit fordern

„Nein, so ist das falsch! Mach das so wie immer!“, „Ich will den Apfel nicht so essen, sondern nur in vier Teile geschnitten wie immer!“, „Nein, kein neues Buch vorlesen, sondern das wie immer!“ – Manchmal gibt es Phasen, in denen unsere Kinder immer und immer wieder das Gleiche einfordern: die gleichen Abläufe, die gleichen Geschichten, die gleichen Mahlzeiten,… Und vielleicht denken wir uns: Stimmt mit dem Kind etwas nicht? Ist das nicht langweilig? Aber es ist alles in Ordnung, auch wenn wir am zehnten Abend in Folge das gleiche Buch vorlesen.

Eine neue Welt, in der sich alles wandelt

Manchmal denken wir, dass unsere Kinder doch schon so groß sind und wissen, wie die Welt funktioniert. Dabei verlieren wir manchmal aus den Augen, dass das Kind nicht schon 3, 4 oder 5 Jahre ist, sondern dass es erst so lange auf dieser Welt ist. Einige Jahre, in denen es schon einige Erfahrungen gemacht hat, aber viel von dem, was es täglich sieht und erlebt ist neu. Jeden Tag erlebt es neue Dinge und lernt die Welt mit allen Sinnen kennen. Jeden einzelnen Tag macht es Lernerfahrungen im Außen und zugleich wandelt es sich im Inneren: das Gehirn vernetzt sich weiter, der Körper entwickelt sich und wächst und lässt damit neue Erfahrungen zu: Was vor einem halben Jahr noch nicht erreichbar war, kann nun problemlos angefasst werden, weil es endlich in Reichweite ist. Das Kind lebt in einer Welt voller Neuerungen.

Es ist spannend, diese Neuerungen zu erfahren, aber es ist auch aufregend und anstrengend. Und es tut gut, neben dieser Aufregung und Anstrengung ein Gegengewicht zu haben. Gerade in den Zeiten, in denen vielleicht gerade besonders viel Wandel stattfindet, in dem sich das Kind gerade besonders entwickelt, geben gleichbleibende Abläufe eine Gewissheit und Sicherheit. Sie sind ein Fels in der Brandung. Etwas, woran sich Kinder festhalten können in einer Zeit des Wandels.

Manche Kinder brauchen mehr Gleichförmigkeit

Manche Kinder brauchen mehr Beständigkeit, andere weniger. Manche Kinder hören lieber jeden Abend ein anderes Hörspiel, während andere wieder und wieder das gleiche Hörspiel hören wollen. Nicht davon ist falsch! Denn auch hier zeigt sich wieder, wie unterschiedlich Kinder sind und mit welch unterschiedlichen Eigenschaften und Vorlieben sie zu uns kommen. Tatsächlich scheint das Bedürfnis nach dem Regelmäßigen, Gleichen mit der Dopamin-Ausschüttung im Körper zusammenzuhängen und ist damit viel weniger beeinflussbar als wir manchmal denken.

Aber warum auch immer unser Kind gerade jetzt darauf besteht, das Gleiche wie sonst auch haben zu wollen: Es ist – wie so viele Dinge – ein Zeichen, ein Ausdruck eines Empfindens. Es ist kein Machtspiel, kein Druckmittel. Es ist ein Zeichen eines kleinen Kindes, das noch ganz neu in dieser Welt ist und gerade jetzt etwas genau so haben will, wie es sonst auch ist. Zum Festhalten. Und genau das sind auch wir Eltern, wenn das Kind sich darauf verlassen kann, dass wir die Nöte und Bedürfnisse des Kindes sehen – auch wenn wir sie nicht immer nachspüren oder verstehen können. Aber wir sind beständig darin, auf das Kind einzugehen und ihm helfen zu wollen.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

„Nein! Nicht anfassen!“ – Warum das oft nicht funktioniert und wie es besser geht

Noch eben rufen wir „Nein!“ und „Nicht anfassen!“ und zack – da wurde dann doch angefasst und irgendwas ist heruntergefallen, umgefallen oder steckt irgendwo, wo es nicht stecken soll. Denn ganz so einfach ist es noch nicht mit der Impulskontrolle bei einem Baby oder Kleinkind. Warum nur kann das Kind nicht hören? Oder besser gesagt: Warum hört es nicht auf die Ermahnung? Denn schließlich ist das „Nein“ doch ein Wort, dass das Kind vielleicht schon selber nutzt?

Hören kann es aber in den meisten Fällen ganz gut. Es kann nur eben nicht so richtig umsetzen, was wir da einfordern. Denn während wie Erwachsenen ziemlich klar verstehen, was das „nicht anfassen“ bedeutet, läuft im Kopf eines kleinen Kindes eine andere Geschichte: Sozialwissenschaftlerin Anette Prehn erklärt in ihrem Buch „Hirnzellen lieben blinde Kuh“, dass Kleinkinder das Wort „nicht“ in unseren Aufforderungen einfach noch nicht verstehen – sie filtern es heraus und bei ihnen kommt nur an „anfassen!“ – Oje.

Jedes Mal, wenn wir also abstrakte Formulierungen wie „nicht“, „lass das sein“ oder „hör auf damit“ benutzen, wird die Aufmerksamkeit des Kindes auf die konkreten und aussagekräftigen Wörter in unserem Satz gelenkt. […] Ein Kind hört also nicht die abstrakten Elemente des Satzes. Darum wird der Satz „Du darfst nicht schlagen!“ so verstanden: „Du darfst … schlagen!“

Anette Prehn „Hirnzellen lieben blinde Kuh“, S. 29f.

Und auch ein einfaches „Nein“ nutzt sich ziemlich schnell im Alltag mit einem Kleinkind ab, wenn die Welt scheinbar nur noch aus Neins besteht und sie für das Kind auch nicht in einem sinnvollen Zusammenhang stehen. Achten wir in unserem Alltag einmal darauf, wie oft wir das Wort „Nein“ mit unseren Kindern und für unsere Kinder benutzen. Verwenden wir es häufig, sollten wir uns vorstellen, wie sich die Welt für unser Kind darstellt durch diese vielen Neins: Was darf es alles nicht? Wie sieht so ein Alltag aus in einer Umgebung, in der das Kind kaum anecken kann? Und wo wird ihm auch dadurch die Chance genommen, Erfahrungen zu machen und sich mit der Welt auseinander zu setzen? Eine Ja-Umgebung hat viele Vorteile – für unsere Kinder und sogar für uns Eltern.

Was also können wir stattdessen tun? Wenn wir sehen, dass das Kind etwas Interessantes wahrnimmt und berühren möchte, was es nicht darf, sollten wir einschreiten – aber auf respektvolle Weise: Wir sagen Nein, nehmen es hoch und entfernen uns, wenn es etwas Gefährliches ist. Dabei können wir kurz erklären, warum. Wenn es nicht so gefährlich ist, können wir mit dem Kind zusammen die Sache näher ansehen und erklären, warum es beispielsweise nicht berührt werden darf: „Das ist zerbrechlich!“, „Schau, dieses Glas ist ganz dünn.“, „Das geht schnell kaputt.“. Wir sind in Verbindung, in Beziehung. Und so erklären wir Kindern die Welt.

Und wenn wir das Kind nicht sofort von dem Gegenstand entfernen müssen, können wir eine Sprache ohne zu komplizierte, abstrakte Inhalte nutzen: „Komm zu mir.“, „Bleib bitte kurz stehen.“, „Warte auf mich. Wir machen das zusammen.“ Mit einigen Überlegungen finden wir ganz sicher Sätze, die wir im Alltag statt des „Nein!“ und „Nicht!“ nutzen können.

Unsere Kinder entdecken jetzt gerade die Welt. Mit all dem, was dazu gehört. Das ist nicht einfach: Nicht einfach für sie, aber auch nicht immer einfach für uns. Mit einigen kleinen Kniffen können wir es jedoch für uns alle ein wenig einfacher und entspannter machen. Zum Beispiel mit weniger „Nein“s und „Nicht“s.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Hilfe, ich schaffe es nicht, anders zu handeln!

Wir alle kennen jene anstrengenden Situationen, in denen wir eigentlich einen ganz genauen Plan davon haben, wie wir sein wollen, wie wir handeln wollen gegenüber unserem Kind, aber es einfach nicht klappt. Situationen, in denen wir von unseren Gefühlen überrollt werden, oder Situationen, in denen wir einfach keinen anderen Handlungsweg finden, als etwas zu tun, was wir nicht tun wollen. Diese Situationen sind auf vielfältige Weise anstrengend für uns: Weil sie uns aus der Situation heraus schon unter Stress setzen, aber auch, weil wir fortan mit dem schlechten Gewissen umgehen müssen und der Frage: Habe ich jetzt meinem Kind geschadet? Gab es eine Alternative, die ich übersehen habe? Was kann ich beim nächsten Mal tun, wenn…?

Wenn Gefühle uns überrollen

Wir alle haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht in unserer Kindheit und in unserem weiteren Leben, die sich in uns festgesetzt haben: Sie prägen unseren Blick auf die Welt und auch, wie wir mit schwierigen Situationen umgehen. Gerade dann, wenn wir in einer stressigen Situation sind, übernehmen manchmal die in uns eingebrannten Erfahrungen die Führung und wir verhalten uns auf eine Art und Weise, die wir aus früher Kindheit als sinnvoll und problemlösend erfahren haben – das aber muss nicht unbedingt eine gute, bindungs- und bedürfnisorientierte Lösung sein. Es ist, was wir abgespeichert haben als Problemlösungsstrategie. Manchmal ist das Schreien, der Impuls zu körperlicher Gewalt oder auch Rückzug und/oder Liebesentzug. Je nach eigenen Erfahrungen können wir erschreckt feststellen: „Ich höre mich ja an wie meine Mutter/mein Vater!“ Und auch wenn wir eigentlich nicht so handeln wollen, ist dieser Impuls in uns vorhanden.

Es ist – je nach Erfahrungen – schwer, damit umzugehen. Gerade dann aber, wenn wir psychische oder physische Gewalt als Problemlösungsstrategie verinnerlicht haben, ist es besonders wichtig, andere Methoden zu erlernen, um mit Konfliktsituationen mit Kindern umzugehen, um den Kreis aus Gewalt zu durchbrechen. So können wir in den Köpfen unserer Kinder andere Lösungsstrategien verankern, als wir selber verankert haben.

Der Weg dorthin ist nicht immer einfach. Während es einigen Eltern reicht, Beruhigungsstrategien zu nutzen, um sich selbst kurz herunterzufahren, bis wieder ein überlegtes und ruhiges Handeln möglich ist (tief atmen, ruhig zählen, ein Glas Wasser trinken, sich auf die Körperwahrnehmung konzentrieren,…), haben andere Eltern mehr Schwierigkeiten damit und brauchen ggf. auch therapeutische Hilfe, um mit der Wut/Hilflosigkeit/Angst in Konfliktsituationen gut umgehen zu können. Es ist nicht schlimm, solche Hilfen in Anspruch zu nehmen und zeugt nicht von elterlichem Versagen, sondern ist im Gegenteil ein Zeichen von Verantwortung.

Wenn wir keine andere Lösung sehen

Neben jenen Situationen, in denen wir gut mit unserem Stress umgehen müssen, gibt es im Alltag mit Kindern aber auch solche, in denen wir nicht wegen unserer verinnerlichten Muster Probleme haben, sondern deswegen, weil uns keine guten Lösungswege einfallen: Wir sind bei uns, verstehen das Kind, verstehen die Situation und können ruhig reflektieren, aber uns fällt keine gute Lösung ein bzw. unser Kind reagiert einfach nicht in der von uns gewünschten Weise auf unsere Vorschläge.

Ein klassisches Beispiel dieses Problems: das Kind will nicht weiter gehen. Wir waren gemeinsam einkaufen, auf einmal bewegt sich das Kind keinen Zentimeter weiter, setzt sich hin und erklärt, dass es nicht weiter geht. Der noch immer oft zu hörende Satz „Dann geh ich eben alleine!“ ist keine gute und zielführende Lösungsstrategie. Was aber können wir sonst tun?

Hilfreich ist es, die eigenen Möglichkeiten in den Blick zu nehmen: Wir können in erster Linie unser Verhalten und unser Angebot ändern, aber nicht das Empfinden des Kleinkindes jetzt gerade. Hilfreich ist deswegen oft ein Ressourcencheck:

  • Habe ich gerade Zeit und Kraft, um mein Kind in Ruhe zu begleiten?
  • Wenn ich Zeit und Kraft habe: Kann ich einfach abwarten?
  • Wenn das Warten schwerfällt: Liegt es an umstehenden Personen? Wenn ja: Kann ich sie ausblenden und mir vorstellen, dass mein Kind und ich allein sind?
  • Welche Lösungsstrategien fallen mir ein? Vielleicht habe ich schon von anderen Eltern tolle Ideen für diese Situation erfahren
  • Lässt sich mein Kind auf mein Angebot ein? Kann ich ihm – im Falle des Einkaufs – anbieten, dass wir uns kurz ausruhen oder ich es an die Hand nehme und über die Hand etwas Kraft schicke oder können wir ein Spiel spielen beim Laufen, beispielsweise das „Hüpf bis zur nächsten Laterne, schleich bis zur nächsten Einfahrt“-Spiel

Aber manchmal funktioniert all das nicht: Weil wir in Zeitnot sind und dringend los müssen ohne Verhandlungsspielraum. Weil wir heute schon so viel Stress hatten, dass wir keine Energie mehr haben für eine entspannte Begleitung. Weil dort der ewig nörgelnde Nachbar steht und uns beobachtet und wir heute damit nicht umgehen können. – Es gibt diese Situationen, in denen wir es nicht schaffen, nicht in der Weise gut mit einer Situation umzugehen, wie wir sie eigentlich als gut bewerten würden. Und auch dann können wir wieder abwägen:

  • Wie können wir die Situation jetzt lösen mit den Rahmenbedingungen, die mir zur Verfügung stehen?
  • Wie kann ich das Kind zwar gegen dessen Willen, aber dennoch mit geringem Maß an Übergriffigkeit bewegen?
  • Wenn ich übergriffig bin: Wie kann ich diese Übergriffigkeit (beispielsweise Wegtragen gegen den Willen des Kindes) gut sprachlich begleiten? Denn wir können in jedem Moment mit unseren Kindern sprechen und ihnen erklären: „Es tut mir leid, ich weiß, dass du jetzt gerade nicht weiter gehen möchtest, aber ich muss dringend nach Hause. Beim nächsten Mal planen wir das anders.“
  • Wie kann ich Informationen aus dieser Situation ziehen, die uns zukünftig helfen: Vielleicht können wir beim nächsten Einkauf einplanen, einen Bollerwagen mitzunehmen und der Situation vorbeugen, in dem das Kind gleich darin fahren darf. Oder das Kind kann beim nächsten Einkauf mit einer anderen Person zu Hause bleiben, oder…

Manchmal läuft es anders als geplant

Manchmal schaffen wir es nicht, so zu handeln, wie wir wollen. Oft liegt es daran, dass uns Ressourcen und Unterstützung fehlen, um Kinder entspannt und ohne Zeitdruck zu begleiten. Die gute Nachricht aber ist, dass wir nicht immer perfekt sein müssen. Kinder brauchen keine Supereltern. Es reicht, gut genug zu sein und in der Mehrheit unseres Alltags unserem Kind zu zeigen, dass es respektiert, wertgeschätzt und geliebt wird. Die Psychotherapeuten Kent Hoffmann, Glen Cooper und Bert Powell beschreiben so passend in Bezug auf das von ihnen entwickelte Konzept „Kreis der Sicherheit“:

Eine gesunde psychische Entwicklung wird nicht dadurch gefördert, dass wir Brüche vermeiden, sondern dadurch, dass wir für Wiedergutmachung sorgen. […] Ihre Reflexionsfunktion ermöglicht Ihnen, einen Bruch als solchen zu erkennen – nämlich anhand dessen, wie Ihr Kind sich in der Situation gefühlt hat – und daher auch die Notwendigkeit einer Wiedergutmachung zu sehen, sowie zu verstehen, welche Art Reaktion in einer bestimmten Situation den Bruch tatsächlich wiedergutmachen kann.

Kent Hoffmann, Glen Cooper & Bert Powell „Aufwachsen in Geborgenheit“, S. 182f.

Das Gute daran, dass Kinder uns nicht als „nur gut“ erfahren ist laut ihnen auch, dass Kinder erfahren, dass ein und derselbe Mensch „gut“ und „böse“ (aus Sicht der Wahrnehmung des Kindes in dieser Situation) sein kann und dies für alle Menschen, also auch es selbst gilt. Dies unterstützt die Entwicklung des Selbst, aber auch gelingender Beziehungen zu anderen, wenn nicht erwartet wird, dass alle Menschen immer nur gut oder böse sind. Wir alle machen Brüche in unseren Beziehungen, aber wichtig sind dabei die Arten und vor allem die verlässliche Wiedergutmachung. Natürlich können wir unser Handeln nicht darauf aufbauen, beständig andere Grenzen zu überschreiten, weil wir uns schließlich entschuldigen oder Situationen wiedergutmachen können. Aber in so einigen Situationen unseres Alltags mag uns dieses Wissen helfen und beruhigen.

Wenn wir also keinen anderen Ausweg sehen, als dass Kind wegzutragen in einer bestimmten Situation oder es an der Hand über die viel befahrene Straße gehen muss oder wir ein bestimmtes Spiel verbieten müssen, sollten wir nicht zu hart mit uns ins Gericht gehen. Es gibt Situationen, in denen es aktuell keinen wirklichen Kompromiss gibt. Das können wir anerkennen und später durch Gespräche, Nähe, gemeinsame Zeit aufarbeiten.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

„Jetzt beruhig dich und denk mal drüber nach!“ – Warum Auszeiten Kindern nicht helfen

Da ist es, das wütende Kleinkind: es schreit und schimpft und stampft. Und letztlich wirft es noch ein Spielzeug durch den Raum in seiner Wut. Die Ursachen für dieses Verhalten können so vielfältig sein: die Jacke geht nicht zu, es soll losgehen, aber will noch spielen, es hat den falschen Becher angeboten bekommen. Manchmal wissen wir nicht einmal, warum genau das Kind so wütet. Während wir Erwachsenen in solchen Wutsituationen vielleicht manches Mal kurz innehalten können und überlegen, ob unsere Reaktion gerade angemessen ist und uns selbst beruhigen können, ist dies für das Kleinkind nicht möglich: es kann jetzt gerade weder logisch nachdenken, noch kann sich allein beruhigen. Und vielleicht können auch wir Erwachsenen gerade nicht helfen, fühlen uns hilflos und genervt. In genau dieser Situation ist es verlockend, das Problem einfach wegzuschieben – im wahrsten Sinne der Wortes: „Ab in dein Zimmer!“, „Denk auf dem stillen Stuhl mal über Dein Verhalten nach!“, „Komm erst wieder raus, wenn du dich beruhigt hast!“ – Aber das hilft weder Kindern, noch Eltern

Verantwortung für unsere Gefühle übernehmen

Zuerst einmal ist es wichtig, dass wir in dieser Situation die Verantwortung für unsere eigenen Gefühle übernehmen. Das ist ein kleines Kind vor uns, das wütend ist und schreit. Vielleicht wirft es sich auch auf den Boden oder trampelt. Aber es ist weiterhin ein kleines Kind, unser kleines Kind! Warum haben wir Erwachsene so ein Problem damit, wenn dieses Kleinkind sich gerade so verhält? Warum können wir nicht über das Verhalten hinwegsehen und daran denken, dass dieses kleine Kind gerade nicht anders kann, dass dieses Verhalten auch für das Kind anstrengend ist? Warum werden wir wütend/verletzt/traurig/gestresst vom normalen Verhalten des Kindes?

Anders als unser Kind, sind wir erwachsen und können mit stressigen Situationen eigentlich schon anders umgehen. Eigentlich – denn manchmal werden durch das Verhalten des Kindes in uns Erinnerungen getriggert, die es nicht so leicht machen, entspannt mit dem Kind und der Situation umzugehen. Wir machen es uns aber (langfristig) leichter, wenn wir zu einem entspannten Umgang mit solchen Situationen kommen. Wir müssen deswegen Verantwortung übernehmen für unsere eigenen Gefühle: Sich kurz auf die eigene Wahrnehmung fokussieren, eine Strategie nutzen, um uns selbst zu beruhigen und langfristig ergründen, warum uns diese Situationen so schwer fallen. Es geht also darum, erst einmal uns selbst zu beruhigen, damit wir im nächsten Schritt das Kind begleiten können.

Verantwortung für Kindergefühle übernehmen

Viele Situationen, die wir nicht als problematisch einschätzen, sind für Kinder noch schwer zu händeln. Sie sind frustriert, weil etwas nicht funktioniert, weil sie etwas anders machen wollten oder wir etwas anders machen sollten und manchmal erfahren wir auch gar nicht, was genau das Problem war. Wir sehen nur, dass unser Kind ein Problem hat. Wenn das Kind eine Auszeit nehmen soll, in der es selbst das Problem lösen soll bzw. das Verhalten abstellen soll, nehmen wir uns als Eltern auch die Chance, das eigene Kind und die Gefühlswelt zu verstehen, eventuelle generelle Probleme des Kindes zu sehen und im Alltag vermeiden zu können. Wenn das Kind beispielsweise immer wieder am Esstisch wütend wird und wir es immer wieder deswegen in sein Zimmer schicken, werden wir recht wahrscheinlich nicht herausfinden, was genau das Problem ist und die Situation so lange immer wieder mit dem Kind durchspielen, bis es selbst frustriert und unverstanden aufhört. Gelernt hat es aber nicht, mit dem Problem umzusgehen, sondern nur, dass sein Problem nicht gesehen und behoben wird.

Wichtig ist es hier, das Problem und das Verhalten des Kindes nicht auf die Beziehung zu übertragen: „Weil du dieses oder jenes gemacht hast, hab ich dich nicht mehr lieb.“ oder „Wenn du dich so verhältst, mag ich nicht mit dir zusammen sein!“. Das Kind mag ein für uns problematisches Verhalten gezeigt haben, deswegen aber ist das Kind nicht schlecht. Und vor allem sind wir als Erwachsene in der wichtigen Position, uns erwachsen verhalten zu müssen und reflektiert mit dem Kind umzugehen.

In der Kleinkindzeit ist das Kind noch nicht bzw. nur bedingt fähig, sich selbst zu beruhigen. Es benötigt an vielen Stellen noch Co-Regulation, d.h. eine erwachsene Person gegenüber, die die Gefühle des Kindes aufnimmt, verarbeitet und quasi „vorverdaut“ zurückgibt, so dass das Kind damit besser umgehen kann. Durch die regelmäßige Begleitung von Gefühlen lernen Kinder zunehmend besser, damit umzugehen. In vielen Wutsituationen sind Kinder in der konkreten Situation nicht schnell beruhigbar, viele Kinder vermeiden auch Körperkontakt. Das ist in Ordnung und als Eltern ist es unsere Aufgabe, den Moment abzuwarten und auszuhalten, bis das Kind langsam wieder ansprech- und beruhigbar ist.

Verantwortung übernehmen für die kindlichen Handlungen

Manchmal bleibt es nicht nur bei einem Stampfen oder Schreien. Manchmal fliegen auch Dinge durch die Gegend oder das Kind haut oder beißt. Auch hier ist es auf uns Erwachsene angewiesen. Wir sollten nicht sagen „Tja, selber Schuld, wenn du jetzt dein Lego vor Wut zertrampelt hast!“ oder „Wenn du jetzt etwas kaputt machst, dann ziehe ich dir das vom Taschengeld ab/bekommst du weniger Weihnachtsgeschenke.“ Das Kleinkind kann die Folgen der Handlungen noch nicht absehen und es ist wichtig, dass als weitsichtige Person nach Möglichkeit vorab eingreifen. Das bedeutet beispielsweise, Dinge oder Personen aus der „Gefahrenzone“ zu nehmen und vor einem unüberlegten Übergriff zu schützen. Danach können wir dann die Gefühle des Kindes weiter begleiten bzw. weiter abwarten, bis das Kind wieder für Worte/Berührung etc. zugänglich ist. Manchmal ist unser Handeln auch „einfach nur“ abwarten: Warten, bis das Kind aus dem Wutsturm heraus kommt und dabei dafür sorgen, dass es nichts kaputt macht und sich oder andere nicht verletzt. Auch das Warten in der Nähe ist ein Begleiten.

Was passiert, wenn das Kind sich allein beruhigen soll

Was passiert nun aber, wenn das Kind in ein anderes Zimmer geschickt wird, damit es sich allein beruhigen soll oder an einem bestimmten Ort sitzen soll, damit es dort „nachdenkt“? Diese Methode ist vielen Eltern noch aus früheren Fernsehformaten bekannt und wurde als „Auszeit“ propagiert. Der dahinter stehende Gedanke ist, dass sich das Kind an die Familienregeln erinnert, das falsche Verhalten einsieht, sich beruhigt und quasi „geläutert“ in den Alltag zurückkehrt. Allerdings „funktionieren“ Kinder nicht so.

Was das Kind in solchen Situationen tatsächlich lernt, ist etwas Anderes: Es erlebt sich selbst als falsch, da die Bezugsperson es mit seinem Verhalten ablehnt und das Kind somit die Erfahrung macht, dass es, wenn es wütend/trotzig/ungehalten ist, nicht geliebt wird und diese Gefühle daher vermeiden soll. Das kann sich langfristig negativ auf die Entwicklung auswirken. Kinder (und Erwachsene) müssen über die breite Palette an Empfindungen verfügen und mit allen Gefühlen umgehen können. Hier lernt das Kind jedoch durch die Abwehr dieses Gefühls, dass beispielsweise Wut nicht erlaubt ist. Es lernt hingegen nicht, wie es mit Wut besser umgehen kann (außer sie zu vermeiden), beispielsweise wie es sie anders umsetzen kann, dass es in Ordnung ist, sich Hilfe zu holen oder mit anderen darüber zu sprechen. Auch die Hintergründe hinter der Wut werden durch Auszeiten nicht besprochen und Kinder erlernen keine Konfliktlösungsmöglichkeiten, die sie auf spätere Situationen übertragen können.

Das Kind erlebt sich als bestraft, machtlos ausgeliefert gegenüber der Maßnahme und fügt sich in ein Bild, dass es selbst unterlegen und nicht wirksam ist. Während es die Auszeit hat, wird es als Kleinkind nicht über die „falsche Handlung“ nachdenken, denn dafür fehlt die Reifung des Gehirn, aber auch Erfahrungen für andere Handlungsstrategien, die in der scheinbar falschen Situation hätten angewendet werden können. Da es aber diese nicht kreativ vorgelebt bekommt, wird es sie auch zukünftig nicht erlernen und nicht reflektieren können, sondern das Verhalten auf Befolgen der Anweisungen ausrichten, ohne langfristiges kreatives Lösungsmangement.

Oft wird die Situation sogar noch verschärft, wenn das Kind in ein anderes Zimmer gehen oder sich auf einem stillen Stuhl ausruhen soll, da das Kind ja ohnehin in einer aktuell schwierigen Situation ist und dazu noch Trennungsangst/Frustration über den Bindungsentzug/die Ablehnung stattfindet.

Aber das Kind will alleine sein!

Wenn Kinder größer werden, oft ab etwa 4 Jahren, hören Eltern in Wut- und Streitsituationen auch öfters Sätze wie „Lass mich in Ruhe!“ oder „Ich will alleine sein!“ Es ist etwas anderes, wenn das Kind sich selbst aus der Situation nimmt und mit der Selbstberuhigung allein experimentiert. Hier kann es sich dann selbst als wirksam erfahren, wenn es gelingt – oder eben zurückkommen zum Elternteil, der es dann unterstützt und emotional da abholt, wo es allein nicht weiter kommt.

Gemeinsam die Situation wechseln

Statt einer Auszeit allein für das Kind ist es manchmal sinnvoll, gemeinsam mit dem Kind zusammen die Situation zu verlassen, um das Problem zunächst zur Seite zu legen und sich allein auf die Begleitung der Gefühle zu konzentrieren. Zu einem späteren Zeitpunkt, wenn sich das Kind wieder beruhigt hat, besteht dann die Möglichkeit, sich gemeinsam dem Problem zuzuwenden und alternative Handlungen durchzusprechen oder zu thematisieren, was überhaupt das Problem des Kindes war.

Auch für größere Kinder ist eine Auszeit kein passendes Mittel

Auch für größere Kinder sind Auszeiten und „Stubenarrest“ keine sinnvollen Methoden, um eine Verhaltensänderung herbeizuführen. Natürlich können größere Kinder gebeten werden und es kann ihnen erklärt werden: „Magst du mal kurz ein wenig entspannen gehen und dann reden wir weiter?“ oder in Bezug auf Streit mit kleineren Geschwistern: „Ich glaube, es wäre gut, wenn ihr mal kurz auseinander geht, damit sich die Situation entspannt.“ Kinder jenseits des Kleinkind- und Vorschulalters können mit Konfliktsituationen schon anders umgehen und viel mehr reflektieren als die kleineren Kinder.

Strenger Beziehungsabbruch oder -verweigerung durch die Eltern hilft aber auch größeren Kindern nicht, mit Konfliktsituationen sinnvoll und kreativ umzugehen. Hier gilt eine Auszeit dann lediglich als Strafe. Zielführender ist es auch dort, mit dem Kind, das schon die Gefühle besser regulieren kann als ein Kleinkind, in das Gespräch zu kommen und Ursachen und alternative Handlungsmethoden gemeinsam zu benennen, oder, wenn das Kind das wünscht, nach einer Zeit der Selbstberuhigung ins Gespräch zu kommen.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Frustration: Mein Kind will, kann aber noch nicht

Wir alle kennen es: Situationen, in denen wir merken, dass das Kind etwas tun möchte, aber noch nicht kann. Das Baby, das sich vom Rücken auf den Bauch drehen möchte, den Kopf auf die Brust zieht, das Bein anknickt und sich mit einem Ächtzen versucht, umzudrehen. Das Kind, das die ersten Schritte machen möchte, aber sich scheinbar nicht traut, loszugehen. Das größere Kind, das ein Wort schreiben möchte, aber die Buchstaben sich einfach nicht formen wollen lassen. – Je nach Temperament des Kindes sind die Kinder unterschiedlich im Ausdruck ihrer Frustration und schimpfen oder schreien. Viele Eltern sind dann verunsichert: Soll das Kind weiter probieren oder soll ich eingreifen?

Es geht nicht nur um das Ziel, auch um den Weg

Der Lernprozeß, die Lücke zu schließen zwischen dem, was ein Kind ohne Hilfe bewerkstelligen kann und dem, wobei es noch Hilfe braucht, wird als Scaffolding bezeichnet. Wir kennen dies aus vielen Bereichen des Alltags mit Kindern und in der Begleitung über die Jahre hinweg wird es uns immer wieder begegnen. Manchmal sind Eltern versucht, die Anstrengungen des Kindes einfach zu beenden und selber tätig zu werden: Das Baby, das sich umzudrehen versucht, wird einfach auf den Bauch gelegt, das Kind, das nicht alleine laufen kann, wird an beiden Händen geführt und dem Kind, das die Buchstaben noch nicht so formen kann, wie sie eigentlich aussehen sollen, wird der Stift aus der Hand genommen, um als Erwachsener selber schnell zu schreiben. Dies erscheint uns Erwachsenen oft als einfache Lösung, denn scheinbar haben wir das Problem des Kindes gelöst. Manchmal werden die Kinder aber gerade dann erst besonders ungehalten und Eltern fragen sich: Aber es hat doch jetzt genau das, was es haben wollte? Nicht selten führt eine solche Situation dann zum Streit. Übersehen wurde dabei nämlich, dass es nicht nur um das Ziel geht, sondern auch um den Weg.

Hilfe, es selbst zu tun

Kinder wollen lernen und ihre Fertigkeiten ausbauen – jeden Tag in vielen Situationen. Manchmal kennen sie noch nicht den richtigen Weg, um zum erwünschten Ziel zu kommen, aber sie wollen auch den Weg kennenlernen, um nachhaltig zu lernen und dieses Ziel immer wieder erreichen zu können oder sogar darauf aufbauend noch weitere Fertigkeiten lernen. Gleichzeitig sind sie frustriert, wenn es nicht funktioniert. Die Aufgabe der Eltern ist es nun, einzuschätzen, ob das Kind mit eigenen Mitteln doch noch das Ziel erreichen kann oder ob es eine Hilfe braucht. Diese Hilfe meint aber nicht, dem Kind die Aufgabe abzunehmen, sondern vielmehr im Sinne von Maria Montessoris „Hilf mir, es selbst zu tun!“ das Kind darin zu unterstützen, das Problem allein zu bewältigen.

Was also können wir tun? Zunächst müssen wir beobachten: Ist dies eine eventuell schaffbare Situation für das Kind? Was braucht es für Unterstützung, um es selbst zu schaffen? Kann ich das sich drehende Kind unterstützen, in dem ich ihm zeige, wie es sich noch mehr runden kann, um in die Drehung zu kommen? Kann ich dem laufenden Kind anbieten, dass es meine Hand auf der für das Kind passenden Höhe halten kann? Kann ich das schreibende Kind mit Schwungübungen unterstützen, damit die Buchstaben runder werden?

Selbstwirksamkeit fühlen

Wenn das Kind die Aufgabe mit etwas Hilfe selbst bewältigen kann, fühlt es sich selbst wirksam: Es macht die Erfahrung, aus eigenem Antrieb heraus etwas zu verändern, zu schaffen. Es freut sich. Diese Freude können wir teilen durch ein Lächeln, Worte der Beschreibung „Du lachst! Freust du dich, dass du es geschafft hast?“ und Anteilnahme an der Freude des Kindes. Wir müssen nicht zwangsweise mit Worten loben, sondern wirklich sehen und Anteil nehmen an dem Fortschritt und der Entwicklung, die das Kind gerade jetzt gezeigt hat.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Wie wir Zeit oder zumindest Streit einsparen, wenn wir uns in unsere Kinder hineinversetzen

„Jetzt stell dich doch nicht so an!“, „Komm, mach mal schnell!“, „Ist doch jetzt wirklich nicht so schlimm…“ – In unserem Alltag haben wir immer wieder Situationen, die wir als Erwachsene ganz anders einschätzen als unsere Kinder es offenbar tun. Situationen, in denen unsere Kinder aus unserer Sicht „falsch“ oder „überreagieren“. Situationen, von denen wir denken: Das ist doch eigentlich kein Problem. Wir müssen doch nur mal kurz… Aber aus diesem „kurz“ wird dann ein „lang“, weil wir damit umgehen müssen, dass das Kind die Situation nicht annimmt, sich nicht einfügt, vielleicht in einen Gegenwillen geht. Dabei hätte es doch so schnell gehen können, denken wir.

Kinder sind nicht wie Erwachsene. Sie denken nicht wie Erwachsene. Gerade bei Kleinkindern dominiert die Gefühlswelt noch im Handeln und in den Reaktionen und die Kinder können sich nicht in unsere erwachsenen Gedanken, Absichten und Handlungsabfolgen hineinversetzen. Während wir denken „Wir gehen mal ganz schnell kurzfristig los, um noch eben Äpfel zu kaufen, weil der Laden gleich zu macht.“ denkt das Kind nicht daran, dass es morgen keinen Apfel zum Frühstück haben wird, sondern fühlt sich vielleicht übergangen in der Selbständigkeit, wenn es nun schnell Schuhe und Jacke angezogen bekommt. Oder es wollte doch eigentlich gerade noch weiter spielen. Die Wut kommt auf, das Kind macht nicht mit und die Situation wird zu einem Problem.

Im Alltag mit Kleinkindern gibt es meistens kein „Ich mach mal schnell und das Kind macht mit“. Es hilft uns, wenn wir diesen Gedanken als Option einfach streichen. Wir gewinnen in den meisten dieser Fälle keine Zeit, können nicht das Gewünschte durchführen, dafür kommen wir oft in Stress und Streit. Das ändert sich wieder, wenn unsere Kinder sich mehr in uns hinein versetzen können und einen besseren Überblick über Abläufe und Pläne haben.

Alternativ aber können wir doch zu unserem Ziel kommen, wenn wir nämlich nicht planen, dass das Kind unsere Pläne kurzfristig und selbstverständlich mitmacht, sondern wenn wir aus der Kinderperspektive von Anfang an denken. Das bedeutet, dass wir vorher abwägen:

  • Ist das eine Tätigkeit, die überhaupt in der aktuellen Verfassung meines Kindes jetzt problemlos umgesetzt werden kann?
  • Wie wird sich mein Kind dabei fühlen?
  • Welche Herausforderungen gibt es hierbei (anziehen, fehlende Selbstbestimmung, Reize wie Wärme oder Kälte, Spiel unterbrechen,…) und wie kann ich diese Probleme umwandeln, so dass sie nicht zu einem Streit führen?
  • Gibt es kleine Punkte, an denen ich durch geringe Änderungen das Interesse meines Kindes gewinnen kann („Du schiebst dann den Einkaufswagen.“ „Du kannst aussuchen, was wir zum Frühstück kaufen.“ „Komm, wir probieren heute einfach aus, barfuß zu gehen.“…)?

Oft lässt sich durch das Mitdenken und Vordenken ein Streit umschiffen. Wenn wir Glück haben, können wir mit diesem Vorgehen Zeit einsparen. Zumindest aber können wir damit oft eine kräftezehrende und anstrengende Auseinandersetzung vermeiden. Und ja: Manchmal ist es nicht möglich, manchmal müssen wir wirklich kurzfristig eine Entscheidung treffen und die Kinder müssen mitmachen. Aber ganz oft geht es eben auch anders. Und dadurch konfliktärmer – und das ist für einen stressigen Alltag doch auch ganz schön.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Wer ist hier verantwortlich?

Streit und Auseinandersetzungen gehören zu unserem Leben dazu. Im Zusammenleben mit anderen geraten Meinungen aneinander, wir nehmen unterschiedliche Positionen ein. Das kommt bei erwachsenen Menschen ebenso vor wie bei Erwachsenen und Kind: zwei Meinungen und ein Kind, das noch nicht die Position und Gedankenwelt des Gegenüber einnehmen kann. Manchmal fällt es auch uns Erwachsenen schwer, nun die durchdachte, überlegte Position einzunehmen und auch wir werden wütend in einer Konfliktsituation. Wir streiten, schimpfen und erklären dem Kind dann „Das habe ich getan, weil du mich so wütend gemacht hast!“ Aber stimmt das wirklich?

Das Kind ist Schuld!?

„Weil du immer die Tasse beim Essen umwirfst, bekommst du das Getränk erst nach dem Essen!“, „Weil du immer so trödelst, kommen wir immer zu spät!“, „Weil du dein Brot nicht aufisst, verschwenden wir so viele Lebensmittel!“, „Weil du so frech bist, bin ich immer so fertig.“, „Weil du…“ Die Liste an Beschuldigungen, woran Kinder in den Augen Erwachsener schuldig sein könnten, ist lang. Und es mag sich zunächst auch erst einmal logisch anfühlen: Ursache: eigenwilliges Kind, Wirkung: Problem. Und daraus folgend Streit.

Doch diese Sichtweise entlässt uns Erwachsene aus der Pflicht. Als Erwachsene tragen wir die Verantwortung. Wir gehen den Weg voran, wir zeigen, wie der Alltag funktioniert und was Kinder wie lernen können. Wir sind Vorbild und Impulsgeber*innen. Kindern die Schuld zu geben daran, wenn immer wieder Situationen anders laufen als geplant, oder ihnen gar die Schuld an unseren Emotionen zu geben, vertauscht die Rollen.

Verantwortung übernehmen

Wenn Situationen in unserem Alltag schief laufen, ist es unsere Aufgabe als erwachsene Person zu hinterfragen: Wie kann ICH diese Situation anders gestalten, damit mein Kind damit anders umgeht? Wie kann ich die Rahmenbedingungen am Tisch ändern, damit es das Wasser nicht umwirft (stehen die Dinge an einem falschen Platz? Braucht es ein kleineres Glas? Möchte das Kind mit umgeworfenen/heruntergeworfenen Dingen zeigen, dass das Essen beendet ist?…) – und zwar ohne die Bestrafung, das Wasser wegzustellen? Wie kann ich als erwachsene Person morgens die Rahmenbedingungen ändern, damit wir pünktlich los kommen? Es ist zu viel von einem Kleinkind und selbst Grundschulkind verlangt, dass es selbst an Pünktlichkeit denkt und ein konkretes Zeitgefühl hat. Wie kann ich die Mahlzeiten entweder so anbieten, dass das Kind sie verzehrt (kleinere Portionen, mehr Orientierung an den Nährstoffen und Suche nach Alternativen Lebensmitteln, die diese enthalten)?

Ganz besonders wichtig ist, dass wir die Verantwortung übernehmen für unsere Gefühle: Unsere Kinder können in uns Gefühle auslösen, aber sie sind nicht Schuld daran. Sie sind Kinder. Als Erwachsene müssen wir verantwortungsvoll mit unseren Gefühlen umgehen. Das bedeutet: Natürlich dürfen wir enttäuscht, wütend, erschöpft etc. sein. Aber: Wir sollten dies nicht dem Kind anlasten, dass sich eben wie ein Kind verhält, sondern die Rahmenbedingungen betrachten, die uns dazu führen, dass wir das Kind vielleicht als zusätzlich belastend empfinden. Und ganz besonders sollten wir unseren Gefühle hinterher spüren und ihre Umsetzung betrachten: Wenn ich wütend bin, wie gehe ich mit meiner Wut um? Es liegt in unserer Verantwortung, gerade starke Gefühle kindgerecht ausdrücken und unsere Kinder nicht zu verängstigen, zu beschämen oder unter Druck zu setzen, weil wir selbst so fühlen, weil wir selbst keinen Weg finden, mit unseren Gefühlen umzugehen und sie ungefiltert an das Kind übergeben.

Als Eltern tragen wir Verantwortung. Und wir gehen als Beispiel für einen verantwortlichen Umgang mit den eigenen Gefühlen voran. Als Vorbild für eine – noch ferne – Zukunft.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Sollen wir Konflikte mit Kindern vermeiden?

Gerade in Zeiten, die für uns anstrengend und schwierig sind, versuchen wir, unnötige Steine aus dem Weg zu nehmen. Das ist ein sehr sinnvolles Vorgehen. Es entlastet uns und gibt und Kraft für die anderen Aufgaben. Manchmal sind wir versucht, so auch bei den Kindern zu handeln: Bevor es wieder Streit gibt, mache ich es lieber anders. Das kann eine gute Idee sein, muss es aber nicht:

Meine Überzeugungen leiten mich

Manchmal machen es uns bestimmte Annahmen schwer, die wir im Laufe unseres Lebens erworben haben. Überzeugungen, die vielleicht aus der eigenen Kindheit stammen und von denen wir, wenn wir ehrlich darüber nachdenken, nicht wissen, warum sie falsch sein sollten. Solche Überzeugungen können uns den Alltag wirklich manchmal schwerer machen, als er sein müsste und wir können sie entspannt einmal zur Seite legen. Beispiele dafür können sein: „Kuchen darf nicht zum Frühstück gegessen werden!“, „Eine warme Mahlzeit am Tag muss sein!“, „Wer sich nicht bewegt, darf heute nicht fernsehen!“, „Wenn wir den Ablauf einmal anders machen, dann klappt das nie wieder mit…“ … Natürlich hat jede Familie eigene Werte und Leitsterne. Aber an manchen Stellen ist es auch völlig in Ordnung, sie zu hinterfragen und von ihnen abzuweichen, wenn wir feststellen, dass sie uns mehr einengen, als dass sie uns helfen. Und gerade in schwierigen Zeiten wie jetzt gerade, ist es gut, einfache Lösungen zur Entspannung zu finden.

Meine erwachsene Grundannahme ist falsch

Manchmal geraten wir mit unseren Kindern in einen Konflikt, weil wir eine falsche Grundannahme haben: Wir denken beispielsweise, das Kind könne etwas noch nicht. Das Kind aber fordert dieses Handeln ein, denn es verfolgt den eigenen Entwicklungsfortschritt und möchte lernen. Als Eltern könnten wir nun diesem scheinbaren Problem aus dem Weg gehen, indem wir die Situation vermeiden, damit der Konflikt nicht auftritt. Wir wären den Konflikt los, gleichzeitig würde das Kind aber nicht seiner Entwicklungsaufgabe nachkommen und das Problem würde sich eventuell nur verschieben.

In diesem Fall würde es nicht hilfreich sein, dem Konflikt aus dem Weg zu gehen, sondern wir müssten verstehen, warum das Kind beispielsweise darauf beharrt, sich allein anzuziehen, den Teller abzuräumen etc. – weil es dadurch die eigenen Kompetenzen ausbaut.

Die Situation ist nur ein Auslöser

Ähnlich verhält es sich auch in einer anderen Situation: Das Kind zeigt beispielsweise immer wieder abends ein bestimmtes Verhalten und ist wütend oder schimpft oder schreit. Die Eltern versuchen mit immer anderen Tricks diesem Verhalten zuvor zu kommen, ändern hier und da etwas am Ablauf, versuchen es dem Kind auf jede Art recht zu machen, aber es klappt einfach nicht. Das Verhalten des Kindes liegt nämlich nicht an einer bestimmten Situation, sondern das Kind sucht einen Kanal, um noch einmal Gefühle loszuwerden. Hier ist es hilfreicher, als dem Konflikt aus dem Weg zu gehen, andere Strategien auszuprobieren oder zu suchen, wie das Kind noch Ärger, Frustration oder Energie loswerden kann.

Wir wünschen uns, dass unsere Kinder fröhlich sind und lachen. Wir kommen schnell in Versuchung, unser Kind abzulenken oder den Grund für seine Traurigkeit zu mildern: „Ach, sei nicht traurig, ich kauf dir ein neues Kuscheltier.“ Manchmal ist dies eine gute Lösung. doch oft brauchen Kinder einen Menschen an ihrer Seite, der die Situation begleitet und ihnen ihre Gefühle spiegelt, damit sie damit umgehen lernen.

S. Mierau (2017): Ich! Will! Aber! Nicht!

Dem Konflikt nicht aus dem Weg gehen

Manchen Konflikten können wir tatsächlich nicht aus dem Weg gehen. An vielen Stellen können wir – wie oben gesehen – unsere Annahmen hinterfragen über unsere Werte oder Annahmen über das Kind, wir können die Ursache hinterfragen, aber manchmal gibt es eben doch nur den Konflikt zwischen Eltern und Kindern. Und auch das ist nicht schlimm. Auch Konflikte gehören zum Alltag dazu und über sie lernt das Kind viel über zwischenmenschliche Beziehungen, Diskursfähigkeit und andere Bedürfnisse. Wir müssen auch als liebevolle, bedürfnisorientierte Eltern nicht allen Konflikten aus dem Weg gehen – gerade weil wir die Bedürfnisse des Kindes im Blick haben und diese Auseinandersetzungen zur Entwicklung dazu gehören. Im Konflikt lernen Kinder etwas über sich, andere, den Umgang mit Gefühlen. Sie lernen, Wut und Enttäuschung auszudrücken und wie diese beruhigt werden können.

Wichtig ist also, sich die Ursache und die eigenen Gedanken erst einmal in Ruhe anzusehen und dann zu entscheiden, in welche Richtung wir gehen.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Mit den starken Gefühlen meines Kindes umgehen

Die Gefühlswelt von Kindern ist groß und schillert in vielen Facetten. Anders als bei uns Erwachsenen, können sie die vielen unterschiedlichen und starken Gefühle aber noch nicht gut regulieren und sind auf uns und unsere Co-Regulation angewiesen: Anders als Säuglinge schaffen es Kleinkinder schon mehr, ihre Bedürfnisse etwas aufzuschieben, mehr zu kooperieren und fangen an, auch die Perspektive der Eltern einzunehmen, aber viele Gefühle werden noch sehr intensiv ausgelebt und können nicht gut eingeordnet und verarbeitet werden. Das liegt vor allem an der Gehirnentwicklung: Das Fühlen und überlegte Denken des Kindes ist noch nicht wie bei erwachsenen Menschen miteinander verbunden, weshalb sie noch impulsiv reagieren. Erst durch die Einordnung und Begleitung durch Erwachsene lernen Kinder nach und nach mit Gefühlen umzugehen und bilden ein Muster für den Umgang mit den einzelnen Gefühlen aus.

Gefühle wollen begleitet werden

Allein ist es dem Kind noch nicht möglich, die starken Gefühle, die es wahrnimmt, einzuordnen. Es braucht dafür andere erwachsene Bezugspersonen, die

So lernt es zunehmen, mit den Gefühlen umzugehen, sie wahrzunehmen, einzuordnen und einen passenden Ausdruck dafür zu finden. Hilfreich kann es auch sein, abseits von aktuellen Gefühlssituationen, passende Bücher über die Bandbreite von Gefühlen gemeinsam anzusehen. Lehnen wir hingegen bestimmte Gefühle bei dem Kind ab, unterdrückt es diese zunehmend und bildet keinen guten Zugang zu ihnen aus, lehnt sie bei sich selbst und anderen ab, was sich auf die Selbstwahrnehmung und Interaktion mit anderen auswirkt. Zeigen wir keine Umgangsmöglichkeiten mit Gefühlen auf und helfen dem Kind nicht, einen guten Umgang mit starken Gefühlen zu finden, hat das Kind Schwierigkeiten, selber gute Strategien auszubilden und kann somit schuldlos immer wieder an gesellschaftliche Konventionen anstoßen.

Gefühle übersetzen

Während es auf der Seite des Kindes wichtig ist, dass wir Eltern dem Kind die Gefühle erklären, sie begleiten und benennen, ist es auf der anderen Seite auch für uns Eltern wichtig, uns selbst das Verhalten des Kindes zu erklären und den Ausdruck der Gefühle zu übersetzen: Was zeigt mein Kind mit seinem Verhalten? Was braucht es gerade, wenn es wütend, traurig oder freudig ist?

Es ist ebenso wichtig, die Freude eines Kindes zu begleiten und sich mitzufreuen, wie Wut oder Angst zu begleiten. Allerdings erscheint es uns manchmal einfacher, die Freude zu teilen, als die Angst eines Kindes anzunehmen, zu verstehen, dass es jetzt ein Gefühl von Sicherheit braucht, auch wenn wir als Erwachsene die Situation nicht als ängstigend einschätzen. Auch hier gilt: Zunächst nehmen wir das Gefühl des Kindes respektvoll an, zeigen mit unserem Verhalten Beruhigungsstrategien auf und zeigen dadurch gleichzeitig, dass dies keine Situation ist, in der das Kind sich ängstigen muss. So erlernt es nach und nach Kompetenz im Umgang. Ist es doch eine Situation, in der Angst angebracht ist, lernt das Kind durch unser Vorbild einen respektvollen Umgang mit der Situation.

Gerade in Situationen, die Kinder noch nicht gut überblicken können, die neu sind, in denen Veränderungen eingetreten sind (vielleicht sogar plötzlich), können Kinder starke Gefühle zeigen. Das ist in einer solchen Situation, die vielleicht auch für die Eltern noch neu und übersichtlich ist, besonders anstrengend. Dennoch ist es aber wichtig, diese starken Gefühle des Kindes als Ausdruck dieser Verunsicherung oder Umgewöhnung zu sehen und sie weder abzulehnen/zu unterdrücken, noch ins Leere laufen zu lassen. Gefühle wollen begleitet werden, damit Kinder zunehmend gut selbständig damit umgehen können.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Mein Kind macht nicht, was ich will

Manchmal ist es mit der Eigenständigkeit der Kinder ziemlich schwer: Auf der einen Seite sind sie manchmal nicht da selbständig, wo wir es gerade wünschen und auf der anderen Seite machen sie Dinge, die wir gerade nicht wollen. Manchmal stellt sich uns deswegen die Frage: Mache ich eigentlich alles falsch? „Funktioniert“ unsere Erziehung nicht, weil das Kind gar nicht das tut, was es gerade tun soll?

Kinder haben einen eigenen Entwicklungsplan

Das Handeln von Kindern wird insbesondere durch ihren eigenen Entwicklungsplan geleitet: Neugierde ist der Motor ihrer Entwicklung und sie bewegen sich beständig voran in der Entwicklung – nach ihrer Agenda. Zwar gibt es bestimmte Zeitfenster, in der Kinder neue Fertigkeiten lernen, aber ob gerade die Feinmotorik, die Grobmotorik, die Sprache oder das Sozialverhalten im Vordergrund steht, kann bei verschiedenen Kindern gleichen Alters durchaus unterschiedlich sein. Auch das Temperament bestimmt dabei stark, wie sich das Verhalten des Kindes zeigt: Ist das Kind besonders extrovertiert, neugierig und geht freudig auf andere Personen und Erfahrungen zu? Hat es vielleicht auch wenig Gefahrenbewusstsein und zieht sich seltener zurück? Oder ist es genau anders und vorsichtig, wenig aufgeschlossen, fürchtet sich eher vor neuen Dingen und reagiert auf Gefahr schnell mit Rückzug?

Es kann deswegen durchaus sein, dass es in unseren Augen so erscheint, dass das Kind nicht das macht, was wir uns wünschen, weil es gerade in einem eigenen Entwicklungsthema steckt. Das Kind „trödelt“ auf jedem Weg, weil es wahlweise klettert, balanciert, rückwärts läuft oder schleicht. Wir nehmen wahr: „Das Kind hört nicht auf mich, wenn ich sage, es soll sich beeilen!“ In Wirklichkeit hat das Handeln des Kindes aber nichts mit unserer Ansage zu tun, sondern mit dem Entwicklungswunsch des Kindes. Würde es das eigene Verhalten reflektieren und benennen können, würde es sagen: „Ich baue gerade meine Motorik aus und übe balancieren und unterschiedliche Arten des Laufens!“

Kinder denken und fühlen anders

Und auch in Bezug auf die Gefühlswahrnehmung und -verarbeitung sieht es bei Kindern noch ganz anders aus als bei uns Erwachsenen. Kinder haben bis ins Schulalter hinein Schwierigkeiten mit der Impulskontrolle. Gerade Kleinkinder sind noch besonders auf Co-Regulation angewiesen: Sie können noch nicht allein ihre Gefühle einordnen, verarbeiten und mit ihnen umgehen. Sie brauchen Erwachsene, die sie darin begleiten und den Gefühlen Worte geben, erklären, dass sie in Ordnung sind, die breite Palette an Gefühlen zum Leben dazu gehört, spiegeln, was sie wahrnehmen und ihnen schließlich gute Möglichkeiten vorstellen, wie sie diese Gefühle ausleben können: „Wenn du traurig bist, dann kann es sein, dass du weinen musst und es kann dir gut tun, von anderen in den Arm genommen zu werden.“ oder „Wenn jemand dich ärgert, wirst du wütend und deine Wut kannst du in Worte fassen, statt zu hauen oder du kannst ganz stark aufstampfen.“

Ihre Gefühle drücken Kinder lange anders aus als wir Erwachsene. Sie sind auf dem Weg, zu lernen, mit ihnen umzugehen. Auf uns mag es manchmal so wirken, als würden sie einfach nicht auf uns hören, wenn wir sagen oder denken: „Du musst doch deswegen nicht so ausflippen!“ Aber sie können wahrscheinlich noch nicht anders, als gerade jetzt genau so zu handeln. Es hat nichts damit zu tun, dass wir inkompetent wären als Eltern, wenn das Kind die eigenen Gefühle nicht so darstellt oder sich gefühlsmäßig so verhält, wie wir es wollen.

Hinter das Verhalten sehen

Es kann viele Gründe geben, warum Kinder sich nicht so verhalten, wie wir es uns wünschen. Das bedeutet nicht zwangsweise, dass etwas an unserem Erziehungsstil nicht richtig wäre oder wir als Eltern versagen, weil das Kind nicht auf das Wort folgt.

Wenn Kinder sich anders verhalten, als wir es wünschen und wir uns und unser Familienleben deswegen in Frage stellen, können wir unser Denken in drei Richtungen bewegen:

  • Was steckt hinter dem Verhalten des Kindes? Ist es gerade ein besonderer Entwicklungsschritt, ein Entwicklungsimpuls? Oder ist es „einfach“ der Umstand, dass unsere Erwartungen zu hoch gehängt sind und wir vom Kind Dinge erwarten, die es noch gar nicht so leisten kann?
  • Fordert das Kind mit seinem Verhalten nicht einen Entwicklungsraum, aber einen Beziehungsraum ein? Braucht es gerade mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung, weil es vielleicht innere oder äußere Rahmenbedingungen gibt, die es verunsichern, weshalb es mehr Nähe, Schutz und Zuwendung braucht und fordert dies durch sein Verhalten ein?
  • Welche Glaubenssätze leiten uns gerade, zu denken, dass wir als Eltern versagen, wenn das Kind nicht folgt? Warum haben wir das Gefühl, schlecht zu sein, wenn gerade keine Harmonie herrscht zwischen unseren Erwartungen und denen des Kindes? Haben wir unrealistische Glaubenssätze in uns verankert, die uns den Alltag erschweren wie „Kinder müssen gehorchen“ oder „Kinder müssen das machen, was Erwachsene sagen“ oder auch „Kinder dürfen uns nicht auf der Nase herumtanzen und Nicht-Befolgen von Anordnungen ist Herumtanzen“.

Unrealistische Erwartungen an das kindliche Verhalten zu korrigieren ist einfacher, als eigene Glaubenssätze zu verändern. Wir können uns anlesen, was Kinder wann können und lernen und warum ihr Verhalten manchmal Ausdruck ihrer eigenen Agenda ist. Zu verstehen, dass das Verhalten des Kindes aber nicht zwangsweise uns Eltern in Frage stellt, ist viel schwerer, weil es oft tief in uns verwurzelt ist, dass Kinder folgen müssen und das Nicht-Folgen als Scheitern der eigenen Fähigkeiten wahrgenommen wird. Dabei steht beides nicht zwangsweise in einem Zusammenhang.

Dein Kind macht gerade nicht das, was du willst. Schau also hin, warum es das tut, was es tut: Was ist sein Antrieb, was könnte sein Ziel im Verhalten sein? Entwickelt es Fertigkeit, fordert es gerade Aufmerksamkeit und Beziehung ein? Welche der beiden Fragen die Ursache für das Verhalten auch sein mag, ist die Antwort auf das Problem des „falschen“ Verhaltens: Beziehung. Wir müssen versuchen, die Handlungen zu verstehen und erkennen, dass das, was gerade passiert, kein Machtakt des Kindes ist, sondern ein Entwicklungs- oder Beziehungsthema. Es ist normal, dass Kinder manchmal anders handeln als wir es erwarten oder wünschen.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.