Kategorie: Trotzphase

Welche Grenzen gibt es in unserer Familie?

Um das Thema der Grenzen in Familien gibt es immer wieder Diskussionen: Wieviele und welche Grenzen sind notwendig? Sind sie es überhaupt? Oder brauchen Kinder dringend Grenzen? Müssen Eltern sogar ganz bewusst Grenzen setzen, um dem Kind zu zeigen, dass sie sich unterzuordnen haben und nicht zu sehr verwöhnt werden?

Feststehende Grenzen

Grenzen ergeben sich in vielen Themenbereichen ganz natürlich im Alltag aus bestimmten Gegebenheiten: Das Kind darf nicht auf die Straße rennen oder mit Stricknadeln in die Steckdose pieken oder andere Dinge tun, die andere oder es selbst gefährden. Ebenso erstrecken sich solche natürlichen Grenzen auch auf bestimmte soziale Aspekte des Miteinanders: Wie beispielsweise miteinander oder mit anderen gesprochen werden kann, ohne dass diese sich respektlos behandelt fühlen. Diese Art von wichtigen Grenzen, die das Kind für das eigene Wohlergehen erlernen muss, auch in Hinblick auf seine Position im sozialen Miteinander, stehen fest.

Das Kind rührt durch sein normales, kindgerechtes Verhalten an diesen Grenzen: Es eckt hier und da an und bekommt erklärt, dass es sich hier um eine unverschiebbare Grenze handelt. Dass es nicht beim ersten Mal sofort diese Grenze verinnerlicht, ist normal. Als Elternteil müssen solche Grenzen deswegen immer wieder aufgezeigt und erklärt werden, bis das Kind diese Grenze verinnerlicht hat. Die Verantwortung liegt dabei lange bei den Eltern: Nicht das Kleinkind ist schuld, weil man doch schon x-mal gesagt hat, es soll nicht zu nah an die Straße gehen, sondern die Eltern müssen vorausschauend planen und entsprechend eingreifen. Dies beispielsweise auch, wenn sie wissen, dass das Kind eine Phase hat, in der es besonders viel beißt oder schlägt und deswegen eine nahe Begleitung braucht, um andere Kinder nicht zu verletzen.

Individuelle Grenzen

Neben diesen Grenzen gibt es individuelle Grenzen von Menschen, die das individuelle Zusammenleben festschreiben. Das sind Dinge, die für eine Person „nicht gehen“ und können von Person zu Person unterschiedliche sein. Sie sind eine Form feststehender individueller Grenzen, beispielsweise wenn ein Elternteil es absolut nicht ertragen kann, wenn das Kind beim Einschlafen an der Haut des Erwachsenen gnibbelt. Vielleicht mag das für einige Eltern in Ordnung sein, für dieses Elternteil aber geht es nicht. Auch ganz bestimmte Umgangsformen können darunter fallen. Ebenso wie bei den feststehenden Grenzen oben lernt das Kind hier durch Zusammenleben und Wiederholung, dass dies eine nicht überschreitbare Grenze dieser Person ist. Eltern sind dabei in der Verantwortung, zu überprüfen, wie viele solcher persönlichen Grenzen sie haben und ggf. auch zu sehen, woher sie kommen und ob und wie sie mit dem Alltag vereinbar sind. Bestehen sehr viele individuelle Grenzen, kann das die Interaktion erschweren.

Variable Grenzen

Es gibt Grenzen, die im Familienalltag auch variabel auftreten können: Was heute so gemacht werden musste wegen der Rahmenbedingungen, ist am anderen Tag mit anderen Rahmenbedingungen anders: Heute gab es ein Eis auf dem Weg nach Hause, weil die Stimmung schlecht war und alle Lust auf Eis hatten, deswegen gibt es nicht jeden Tag ein Eis. Variable Grenzen setzen sich aus den Möglichkeiten und Ressourcen der Familienmitglieder zusammen. Nicht nur die Eltern haben dabei das Recht, Grenzen zu verschieben, sondern auch Kinder können sich mit ihren Wünschen und Argumenten einbringen. Es entsteht ein demokratischer Aushandlungsprozess, der das Familienleben gestaltet. Auch in einer Familienkonferenz kann über bestimmte Regelungen in der Familie diskutiert werden. Eltern verlieren dadurch keinen Respekt ihrer Kinder: Im Gegenteil zeigt es Respekt auf beiden Seiten, sich bei verschiedenen Themen näher zu kommen und Möglichkeiten auszuhandeln.

Grenzen setzen, um nicht zu verziehen?

Die Kinder erleben also natürlicherweise Grenzen in ihrem Alltag. Viele stehen fest und ergeben sich aus unserem sozialen Miteinander und der Fürsorge füreinander. Andere können verhandelt werden. Zusätzliche Grenzen im Sinne von „Jetzt zeig ich dir, wer hier das Sagen hat und du darfst das aus Prinzip nicht“ ergeben für Kinder keinen Sinn: Die Zusammenhänge sind oft nicht erkennbar, zumal das Kind nicht weiß, dass der Erwachsene im Verhalten des Kindes ein Machtspiel sieht, da das nicht die Intention des Kindes ist. Willkürlich gesetzte Grenzen behindern die Verbindung, das Sicherheitsgefühl des Kindes und wirken sich langfristig nachteilig auf die Beziehung aus. Die Grenzen, die das Kind aus oben genannten Gründer erfährt, reichen völlig aus, damit es sich in der Welt gut orientieren kann. Dabei wird es verständnisvoll von den Bezugspersonen begleitet, erinnert und motiviert, so dass diese Grenzen als Regeln nach und nach verinnerlicht werden.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Manchmal ist es ganz schön viel – Auch größere Kinder brauchen emotionale Unterstützung jeden Tag

Oft denken Eltern, dass ihre Kleinkinder nun doch schon ganz schön groß sind – schließlich können sie schon laufen, klettern und sprechen. Sie haben in ihrem kurzen Leben schon ziemlich viel erlebt und kennen viele Routinen und Abläufe des Alltags. Und dennoch: Jeden Tag lernen Kinder etwas Neues, sehen etwas bislang Unbekanntes und/oder machen neue soziale Erfahrungen. Und mit diesen neuen Erfahrungen ändert sich nicht nur ihr Wissen allgemein, sondern sie gehen damit auch um, setzen sich selbst in Bezug zu diesen neuen Erfahrungen, ändern vielleicht ihr Bild über sich oder über Beziehungen. Und dieses Lernen und Erfahren hält sogar noch nach der Kleinkindzeit an.

So wunderbar diese Erweiterung von Erfahrungen auch ist, ist sie dennoch auch anstrengend durch all die Prozesse, die dahinter stehen. Es kostet Energie, all dieses Lernen zu bewältigen und nicht nur das: Es braucht auch oft eine Ordnung für das Verständnis, eine Begleitung und Unterstützung. Denn auch wenn es uns Erwachsenen nach Außen so erscheint, als würden die Kinder doch nun „fertig“ sein, sind sie es innerlich noch nicht: Ihre Gehirne arbeiten noch anders, sie fühlen noch anders und können sich auch weniger leicht bei starken Emotionen selbst regulieren.

Das bedeutet: Auch Kleinkinder und Kinder im Vorschul- und selbst Grundschulalter stehen manchmal noch vor innerlich großen Herausforderungen, mit all den vielen Erlebnissen und Informationen des Tages umzugehen. Dies umso mehr, je außergewöhnlicher, beängstigender, neuer und/oder anstrengender diese Erfahrungen sind. Gerade wenn sich etwas einschneidend an ihrem Alltag verändert, sie sich in bestimmten Situationen auf einmal anders verhalten müssen oder sich Rahmenbedingungen ändern, kann das emotional sehr anstrengend sein. Dabei sind diese Änderungen für uns nicht immer leicht zu entdecken – besonders nicht, wenn wir mit unserem „Erwachsenengehirn“ darüber nachdenken und nicht erkennen, dass die Abwesenheit des Kindergartenfreundes gerade anstrengend ist oder die Erkältung eines Elternteils oder vielleicht auch „nur“ das Fehlen eines von drei Lieblingskuscheltieren.

Gerade bei größeren Kindern haben wir oft Angst, dass wir sie durch Nähe, Aufmerksamkeit und Zuwendung zu sehr verwöhnen könnten. Und tatsächlich sind die Räume für Eigentätigkeit und Selbständigkeit mit zunehmendem Alter wichtig, aber ebenso sind auch größere Kinder weiterhin auf den wichtigen Teil des Bindungssystems angewiesen, der Schutz und Unterstützung verspricht. Sie brauchen die Gewissheit, dass sie mit den herausfordernden Momenten des Lebens zu ihren Eltern kommen können, damit diese ihnen helfen, diese Erfahrungen richtig zu sortieren, einzuordnen und Strategien zum Umgang damit zu lernen. Es ist wichtig, dass wir ihnen als dieser Schutz und diese Hilfe zur Verfügung stehen – unabhängig von ihrem Alter.

Wenn unsere Kinder mit einem scheinbar „schwierigem“ Verhalten zu uns kommen, können wir dies als Einladung betrachten, genauer hinzusehen und zu erkunden, was gerade schwierig in ihrem Alltag ist, das dieses Verhalten hervorrufen könnte. Und dann erst auf die Lösungssuche gehen – so löst sich ein scheinbar schwieriges oder trotzigen Verhalten viel besser und nachhaltiger auf, als wenn Eltern sich nur wünschen, dass es abgestellt wird.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Erwartungsanpassung

„Meine Güte, warum kannst du denn nicht einmal ruhig am Tisch sitzen bleiben!“, „Du darfst nicht so dicht an die Straße rennen, wie oft soll ich das noch sagen?!“, „Du isst jetzt bitte auf, was auf deinem Teller liegt!“ Wie oft haben Eltern diese oder ähnliche Erwartungen an ihre Kleinkinder und werden darin enttäuscht? Oft nicht nur einmal, sondern immer wieder. Und immer wieder taucht der Streit auf, warum das Kind denn nun nicht macht, was man doch schon x Mal besprochen hat, was man vom Kind erwartet. – Anstatt zu überlegen: Wenn das hier immer schief läuft, dann ist vielleicht nicht das Kind „das Problem“, sondern meine Erwartung?

Wir erwarten oft zu viel

Was können Kinder in welchem Alter überhaupt umsetzen? Diese Frage ist für viele Eltern gar nicht so einfach zu beantworten. Auch, da Referenzwerte fehlen: Im Alltag sind wir wenig mit Kindern unterschiedlicher Altersgruppen zusammen und an unser eigenes Können und Tun in der frühen Kindheit können wir uns oft nur gering oder verzerrt erinnern. Wir gehen daher oft von Erwartungen aus, von denen wir annehmen, dass sie für ein Kind einfach zu erfüllen wären: Schließlich kann das Kind doch auf unsere Worte hören, wenn es sie versteht? Wenn es weiß, was „Stopp“ heißt, dann kann es doch an der Straße auch stoppen? Und es ist doch auch nicht zu viel verlangt, einfach am Tisch mal eine halbe Stunde ruhig zu bleiben und zu entspannen? das klingt doch alles ganz logisch und nachvollziehbar und irgendwie auch einfach.

Aber das ist es nicht. Kleinkinder denken anders als wir. In vielen Situationen übernimmt das emotionale Gehirn die Führung. Und auch ihr Einfühlungsvermögen ist noch anders als bei uns. Zudem haben sie vielleicht noch nicht passende Arten gelernt, um mit ihrem Temperament gesellschaftskonform umzugehen (bspw. wie man Wut in einer sozialen Gruppe ausdrücken kann ohne andere körperlich zu verletzen). Und unsere Erwartungshaltung schränkt in vielen Punkten ihre Neugier ein, die aber ein Motor der Entwicklung ist. Vielleicht erwarten wir auch gerade dann etwas, wenn das Kind sich schon sehr viel am Tag angepasst hat und gegen Nachmittag/Abend nicht mehr bereit oder fähig ist, noch weitere Anpassungen zu leisten. Kurz: Wir können uns oft nicht in das kindliche Denken und Fühlen hineinversetzen und setzen eher erwachsene Verhaltens- und Denkweisen voraus.

Der große Krach

Der große Streit entsteht oft dann, wenn das Kind den elterlichen Erwartungen (natürlicherweise) nicht entspricht und es entweder harsch abgehalten wird vom Tun oder nach dem aus Elternsicht falschen Verhalten noch angeschimpft/bestraft wird. So ergeben sich Konfliktfelder, die immer wieder auftreten und sich oft über die Zeit zuspitzen durch ein „Ich hab doch schon tausendmal gesagt, dass du…“

Statt Erwartungen: Nachdenken & Verantwortung übernehmen

Ein Kleinkind ist keine erwachsene Person. Es kann und muss noch nicht verantwortungsbewusst handeln. Es kann noch nicht alles überblicken, abwägen und immer richtige Entscheidungen treffen. Es kann vielleicht nicht über einen längeren Zeitraum ruhig am Tisch sitzen, kann nicht die Verantwortung dafür übernehmen, im Straßenverkehr richtig zu handeln und Risiken richtig einzuschätzen und es kann oft nicht die Mengen abschätzen, die es essen kann. Ein Kleinkind ist ein Kleinkind.

Wenn wir merken, dass wir immer wieder in Streitsituationen kommen, lohnt sich ein Blick auf diese Situation und eine der ersten Fragen kann immer sein: Sind meine Erwartungen an das kindliche Verhalten vielleicht zu hoch? Und zwar nicht nur in Bezug auf das Alter, sondern in Bezug auf dieses individuelle Kind mit seinem persönlichen Temperament und Entwicklungsprofil. Wenn wir feststellen, dass dies so ist, müssen wir die Verantwortung übernehmen. Das bedeutet, dass wir nicht erwarten, dass das Kind still sitzt, nicht auf die Straße rennt und sich die passende Menge auftut, sondern dass wir Rahmenbedingungen schaffen, die dem Kind angepasst sind.

Solche Rahmenbedingungen sind beispielsweise, dass wir das Kind im Straßenverkehr schützen und die Verantwortung nicht abgeben. Dass wir Mahlzeiten so gestalten, dass wir in Ruhe essen können bis wir satt sind, aber das Kind vielleicht früher aufstehen kann oder am Tisch etwas anderes machen kann. Oder dass wir vielleicht kleine Schöpfkellen nutzen und die Mahlzeit so gestalten, dass immer kleine Portionen genommen werden und nachgenommen wird, wenn mehr gebraucht wird.

Vor allem müssen wir verstehen lernen, dass es nichts bringt, ein Kind auszuschimpfen oder zu bestrafen, weil es unsere zu hohen Erwartungen nicht erfüllt. Denn das qüält das Kind, uns selbst und unsere Beziehung.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Autorität haben oder sein? – Die Rolle der Eltern

Kinder brauchen Bezugspersonen, die größer, stärker, weise und gütig sind. Sie brauchen Schutz und Liebe. Auf dieser Basis gewinnen sie Vertrauen und Sicherheit, können eine sichere Beziehung zu ihren Bezugspersonen aufbauen. Wie genau sich Eltern dabei verhalten sollen, ist allerdings für viele Eltern unklar: Gebe ich einen Rahmen vor? Wie begleite ich? Wieviel gebe ich vor und wo lasse ich mich auf das Kind ein? Soll ich eine Autorität sein für mein Kind und wenn ja, wie bin ich das? Es ist nicht so einfach, den eigenen Platz und Weg zu finden. Auch, da der Begriff „Autorität“ in uns oft negative Empfindungen freisetzt, denn wir denken dabei an Macht und Herrschaft – an unangenehme Beziehungen und Druck. Aber das ist lediglich EINE Art, wie Autorität zum Ausdruck kommen kann.

Autorität haben

Wir können Autorität HABEN durch die Verwendung von Druck und Macht, die wir dazu nutzen, dass sich das Kind nach uns richtet. Wir sind größer, wir sind auf vielen ebenen mächtiger: haben finanzielle Macht, körperliche Macht, mehr Erfahrungen – all dies können wir einsetzen, damit das Kind sich nach uns richten muss. Und diese Macht kommt in vielen verschiedenen Gestalten zu uns: durch Strafen, Beschämung, Drohungen. Manchmal ist sie auch wenig erkenntlich, wenn wir scheinbar Kompromisse anbieten, aber auch der Kompromiss nur eine von unserer Regel abweichende und von uns selbst vorgeschlagene Alternative ist, bei der sich das Kind nur entscheiden kann zwischen zwei Wegen, die es eigentlich beide nicht will und nicht vorgeschlagen hat.

Diese Art der Macht und Autorität können wir eine ganze Weile über unsere Kinder ausüben – bis sich das Machtgefällt langsam ändert und die Kinder weniger abhängig in der Bedürfniserfüllung von uns sind. Natürlich führt diese Art des Umgangs immer wieder auch zu größeren Problemen, denn das Kind bäumt sich nicht selten gegen die vielen Fremdbestimmungen auf. Dennoch aber funktioniert es eine ganze Weile so. Bis zu dem Punkt, an dem Kinder Dinge heimlich machen können, wenn die Konsequenzen sie nicht mehr schrecken oder sie ihnen aus dem Weg gehen können.

Autorität sein

Oder wir SIND eine Autorität für unsere Kinder. Nicht durch Macht(missbrauch), sondern durch Vorbild, Einfühlungsvermögen, Charisma. Das geht nicht? Doch, denn Kinder sind von Anfang an kooperativ. Studien haben gezeigt: Kinder, die respektvoll aufwachsen mit einem sensiblen, toleranten Umgang zwischen Eltern und Kindern, kommen viel eher elterlichen Anweisungen nach.

Es ist ein Umdenken für jene Eltern, die selbst in Machtstrukturen und mit Eltern aufgewachsen sind, die Macht mittels bestimmter Erziehungsmethoden ausgeübt haben. Es scheint zunächst befremdlich: Können wir wirklich auf Druck und Unterwerfung verzichten und folgen uns unsere Kinder dennoch? Sind sie gar keine unzuverlässigen, wilden, eigennützigen Wesen, sondern sind sie wirklich von sich aus schon sozial und wollen dazugehören? Das Bindungssystem gibt uns eigentlich bereits Aufschluss über diese Fragen: Ja, Kinder wollen dazu gehören, wollen in ihrer Gruppe aktive Mitglieder sein, wollen respektiert werden und sind gleichsam auf ihre Bezugspersonen so ausgerichtet, dass sie sich den Schutz und die Sicherheit dieser Personen durch Kooperation sichern.

Natürlich hat die Kooperationsfähigkeit eines kleinen Kindes Grenzen. Es kann sich jeden Tag nur in einer bestimmten Menge den Rahmenbedingungen anpassen und eigene Bedürfnisse wie Neugier und Entdeckungsdrang zurückstellen, die es häufig sind, die Eltern dazu verleiten, Druck und Strafen anzusetzen. Dies müssen wir berücksichtigen in unseren Handlungen und der Alltagsgestaltung. Und ja: Manchmal schaffen wir es vielleicht wirklich nicht auf Augenhöhe durch den Tag, denn es gibt Situationen, die es einfach nicht hergeben. Aber im Großen und Ganzen sollte es unser Ziel sein, nicht Autorität zu haben, sondern Autorität zu sein – aus unserer liebevollen, verständisvollen Haltung heraus.

Lassen wir das Denken hinter uns, dass Eltern Bestimmer*innen sind und mit Druck, Strafe und Unterwerfung arbeiten müssten und entwickeln wir ein Bild von uns als Eltern, die mit Güte, Liebe und Verständnis unsere Kinder begleiten, ihnen Schutz geben, ihnen als Vorbild im Handeln und Denken dienen und auf diese Weise eine natürliche, liebevolle Autorität bilden, an der sie sich orientieren können.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Mehr dazu lesen in:
Kohn, Alfie (2015): Liebe und Eigenständigkeit. Die Kunst bedingungsloser Elternschaft, jenseits von Belohnung und Bestrafung. – 4. Aufl. Freiburg: Arbor
Omer, Haim/von Schlippe, Arist (2010): Stärke statt Macht. Neue Autorität in Familie, Schule und Gemeinde. 3. Aufl. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht
Omer, Haim/von Schlippe, Arist (2016): Autorität durch Beziehung. Die Praxis des gewaltlosen Widerstands in der Erziehung. Göttingen: Vandenhoeck & Rupprecht
Powell, Bert/ Cooper, Glen/ Hoffmann, Kent/Marvin, Bob (2015): Der Kreis der Sicherheit. Die klinische Nutzung der Bindungstheorie. – Lichtenau: G.P. Probst Verlag

„Nein, nicht hauen!“ – Impulskontrolle bei Kleinkindern

Der Alltag mit Kleinkindern ist oft voll von großen Gefühlen: sie können vor Freude hüpfen und singen, die können lange weinen, wenn sie traurig sind – und wenn sie wütend sind, dann stampfen sie auf, wollen etwas werfen oder auch mal ein anderes Kind (oder Erwachsenen) hauen. Diese Gefühle zu begleiten – besonders beim Hauen, Beißen oder Spucken, ist nicht einfach: Wir wollen nicht angegriffen werden, wir wollen andere Kinder schützen und wünschen uns auch, dass das Kind sich sozial in der Gesellschaft bewegt. Aber wer einem Kleinkind in einer Wutsituation sagt: „Nein, nicht hauen!“ weiß oft auch, dass das Kind nicht zwangsweise hört bzw. – und da liegt die wichtige Information für uns Eltern – das Gefühl noch nicht richtig kontrollieren kann.

Die große Zeit der Aggressionen

Aggression ist ein Teil unserer Gefühlswelt. Allerdings unterscheiden wir Erwachsene uns im Ausleben der Aggression (meist) von unseren Kindern, da wir aggressive Impulse (meist) besser kontrollieren können. Allerdings gibt es sowohl bei den Kindern in Hinblick auf Aggression als auch bei uns Erwachsenen ein große Bandbreite unterschiedlichen Verhaltens. Das Hemmen eines aggressiven Impulses hängt nämlich sowohl von unserer genetischen Ausstattung für die Hormone/Neurotransmitter ab, als auch (teilweise in Verbindung damit) von den Erfahrungen in der eigenen Kindheit und der Hirnreifung allgemein: Belastende Erfahrungen und Stress in der frühen Kindheit können nämlich einen Einfluss nehmen auf die Ausschüttung von Stoffen, die aggressive Impulse hemmen und damit wir mit der Wut sozialverträglich umgehen, muss ein bestimmter Hirnbereich (der medilae präfrontale Cortex) die Aktivität der für Emotionen zuständigen Amygdala hemmen.*

Bei unseren Kindern ist dies alles noch ein wenig anders als bei den (meisten) Erwachsenen. In einer Studie wurde herausgefunden, dass die körperliche Gewalt von Kindern in der Regel ab einem Alter von 1,5 Jahren zunimmt, ihren Höhepunkt im Alter von 3,5 Jahren hat und dann wieder in den meisten Fällen abnimmt. Genetische Faktoren, soziale Erfahrungen und die Interaktion zwischen beidem haben einen wichtigen Einfluss darauf, ob das aggressive Verhalten wieder zurückgeht, oder sich chronisch ausbildet.

Wie also nun mit Aggression umgehen?

Wir sehen also: Kinder können von Anfang an sehr unterschiedlich darin sein, ihre Aggressionen auszuleben, es gibt bei den meisten Kindern eine Art Hochzeit des aggressiven Verhaltens und Kinder lernen im Laufe der Zeit (auch in Zusammenhang mit der Hirnreifung) mit Aggression umzugehen. Wichtig dabei ist, dass sie durch ihre Umgebung lernen, wie sie mit ihren Gefühlen umgehen können und sollten.

Für Eltern bedeutet dies zunächst: Dass Kinder aggressives Verhalten zeigen, ist normal. Es ist zunächst kein Zeichen für ein Versagen als Eltern, wenn das Kleinkind andere Kinder oder auch Erwachsene hauen will. Wichtig ist aber, wie wir selbst mit dem Kind umgehen, ob wir ihm durch Strafen, Druck und andere Gewalt Stress zufügen, was seinen Umgang mit Aggression langfristig beeinflussen kann, und wie wir ganz konkret in jenen Situationen mit dem Kind umgehen, in denen es haut/beißt/spuckt/kratzt.

Den Umgang mit der breiten Palette an Gefühlen müssen Kleinkinder erst üben. Von uns können sie lernen, die Gefühle nicht zu unterdrücken, sondern wahrzunehmen und gut auszudrücken.

Mierau, Susanne (2020): Geborgene Kindheit

Wenn wir wissen, dass das Kind es durch die Hinreifung bedingt noch schwer hat, in schwierigen Situationen überlegt zu handeln, ändert dies schon einmal den Blick auf das Kind: Es ist nicht „von sich aus böse“, es kann nur gerade noch nicht anders handeln. Und das Lernen dieses anderen Handelns begleiten wir nun als Eltern:

  • Es gibt Situationen, in denen können wir von uns aus einschätzen, dass das Kind gleich wütend wird: Wir sehen, wie sich ein Konflikt zuspitzt und können dann schon in Erwartung dessen diesen Konflikt nah begleiten. Das bedeutet beispielsweise, dass wir das andere Kind vor dem Übergriff schützen können. Wir können auch versuchen, eine Alternative anzubieten: „Ich sehe, dass du super wütend bist, das ist okay. Aber lass es nicht am anderen Kind aus, sondern… (stampfe, schreie, boxe ins Kissen…).“ – Je jünger die Kinder sind, desto schwerer fällt es aber, eine Alternative umzusetzen. Dennoch: andere Wege aufzuzeigen ist sinnvoll.
  • Wut und Aggression sind Gefühle und gehören zu unserem Leben dazu. Es ist nicht gut, wenn Kinder diese Gefühle ausklammern müssen und nicht haben dürfen. Daher ist es wichtig, nicht einzufordern, dass das Kind nicht wütend sein darf. Es darf wütend sein! Es muss nur noch einen Weg finden, mit der Wut gut umzugehen. Auch in ruhigen Momenten können wir gemeinsam über Aggression und Wut sprechen, auch mit Hilfe von Kinderbüchern.
  • Aggression eines Kleinkindes hat oft mit dem „Nein“ zu tun. Dieses „Nein“ ist wichtig für die Entwicklung: Nein, ich will nicht, dass du mir etwas wegnimmst. Nein, ich will nicht mit dir spielen. Nein, ich will nicht, dass du mich anfasst. Nein, ich will nicht teilen.- Das Nein ist ein großer Meilenschritt der Entwicklung, mi dem das Kind umgehen lernt und das es für ein selbstbestimmtes Handeln braucht.
  • Strafen als Reaktion sind ebenfalls nicht sinnvoll. Durch Strafen lernt es, dass dieses Gefühl nicht sein darf. Darüber hinaus versucht es aber vielleicht auch (da es diese Gefühle ja gibt), das wütende Verhalten im Geheimen zu zeigen und lügt, wenn es darauf angesprochen wird aus Angst vor der Bestrafung. Auch eine Auszeit ist keine passende Reaktion auf die Aggression eines Kleinkindes.
  • Immer wieder auftauchende aggressive Konflikte und eine andauernde Aggression des Kindes kann auch ein Hinweis sein, dass es dem Kind gerade nicht gut geht. Dann lohnt es sich, genauer hinzusehen: Was hat sich verändert? Welche Probleme hat das Kind? Gerade hier sind Strafen und Druck ebenfalls unangemessen. Das Kind hat ein Problem, das wir einfühlsam identifizieren müssen.
  • Auch unser eigener Umgang mit der Wut ist wichtig: Was erlebt das Kind bei uns? Wie gehen wir mit Wut um?

Wir sehen also: Aggression ist normal und Teil der Entwicklung. Wir Eltern müssen aber an vielen Stellen noch (oder wieder) lernen, mit den Aggressionen unserer Kinder sinnvoll umzugehen, damit sie dann lernen, mit ihnen umgehen zu können.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Zum Weiterlesen:
Juul, Jesper (2017): Aggression. Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist. – Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch.
Mierau, Susanne (2020): Geborgene Kindheit. Kinder vertrauensvoll und entspannt begleiten. – München: Kösel.
*Strüber, Nicole (2019): Risiko Kindheit. Die Entwicklung des Gehirns verstehen und Resilienz fördern.

Sind „unartige Kinder“ wirklich unartig?

So oft beschreiben Erwachsene das Verhalten eines Kleinkindes als unartig: Es ist unartig, wenn es frisch angezogen und sauber in eine Pfütze springt. Es ist unartig, wenn es den Inhalt der Tasse am Esstisch auf den Teller kippt und dieser dann überläuft. Es ist unartig, wenn es im Restaurant mit den Fingern essen will oder schreit. Aber hier verhält es sich ganz ähnlich wie mit der Benutzung des Wortes „Trotz“: Kinder sind nicht per se unartig, weil sie etwas tun, was wir nicht wollen oder unangemessen finden.

Ist das wirklich eine Unart?

Was wir oft als „unartig“ bezeichnen, ist ein Verhalten des Kindes, das gerade jetzt nicht zu unseren Plänen und Wünschen passt. Eigentlich wollten wir heute pünktlich sein, ein sauberes Kind beim Kindergarten abliefern, entspannt unsere Mahlzeit am Tisch einnehmen… Manchmal denken wir auch aufgrund der tief in uns verankerten Glaubenssätze, ein Kind solle sich nicht ständig schmutzig machen, denn es muss schließlich lernen, auch sauber zu bleiben. Und ebenso muss es doch irgendwann lernen, sauber und ordentlich am Tisch zu essen.

Aber ist es wirklich eine Unart, wenn es sich so verhält, wie es sich verhält? Der Duden beschreibt eine Unart als „schlechte Angewohnheit, die sich besonders im Umgang mit anderen unangenehm bemerkbar macht“. Natürlich können sich schlechte Angewohnheiten bei Kindern einschleifen, oft durch entsprechende Vorbilder oder weil wir ein entsprechendes Verhalten nicht passend begleiten und Alternativen aufzeigen. Aber in den meisten Fällen ist das, was wir als „unartig“ bezeichnen, gar keine Unart, sondern ein ganz normales kindliches Verhalten, das die Neugier und Entdeckerlust des Kindes zeigt.

Nicht unartig, sondern wissbegierig

Schauen wir also genauer hin: Das Kleinkind, das in die Pfütze springt, übt sich in Motorik und bestaunt die hohen Spritzer, die vom Hüpfen entstehen. Das Kind, das den Becherinhalt in einen Teller gießt, experimentiert mit Volumen: Passt dieser Inhalt auch in eine andere Form? Schon der Schweizer Entwicklungspsychologe Jean Piaget hat dies im letzten Jahrhundert bei Kindern beobachtet. Und das kleine Kind, das eben noch nicht immer mit Messer und Gabel isst, muss die Nahrungsmitteln noch mit den Händen befühlen und hat Freude an der Feinmotorik. – Betrachten wir das kindliche Handeln aus dieser Sicht, ist das, was wir so schnell als Unart bezeichnen, eigentlich eine ganz wichtiger Teil der Entwicklung: Das Kind muss sich und die Welt kennenlernen, sich darin bewegen, Dinge ausprobieren und anfassen. Und durch dieses Handeln stößt es dann auch auf natürliche Grenzen – aber es ist wichtig, dass es viele Erfahrungen zunächst machen kann und nicht durch die Ermahnungen der Erwachsenen vom Entdecken abgehalten wird.

Aufmerksamkeit auf sich ziehen

Ja, neben der Neugier und dem Erforschen gibt es auch Kinder oder Situationen, in denen das Kind ganz bewusst etwas tut, das uns aufhorchen lässt, dass eine Antwort von uns einfordert. Aber auch hier ist das Kind nicht innerlich böse, sondern es fordert aus Gründen Aufmerksamkeit ein. Wenn ein Kind uns mit einem Verhalten herausfordert, das uns verärgert, macht der an das Kind gerichtete Wunsch, es solle jetzt damit aufhören, keinen Sinn. Denn vielleicht können wir das Verhalten des Kindes beenden, aber durch ein bloßes Einfordern eines Aufhörens oder gar der Androhung einer Strafe werden wir die Ursache dafür nicht beheben, dass das Kind sich so verhält, wie es sich verhält. Gerade dann, wenn wir keine Neugier und keinen Forscherdrang hinter dem Verhalten des Kindes vermuten, lohnt es sich, genauer hinzusehen und zu erkunden, woher dieses Verhalten rührt.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Mach das so wie immer! – Wenn Kinder Beständigkeit fordern

„Nein, so ist das falsch! Mach das so wie immer!“, „Ich will den Apfel nicht so essen, sondern nur in vier Teile geschnitten wie immer!“, „Nein, kein neues Buch vorlesen, sondern das wie immer!“ – Manchmal gibt es Phasen, in denen unsere Kinder immer und immer wieder das Gleiche einfordern: die gleichen Abläufe, die gleichen Geschichten, die gleichen Mahlzeiten,… Und vielleicht denken wir uns: Stimmt mit dem Kind etwas nicht? Ist das nicht langweilig? Aber es ist alles in Ordnung, auch wenn wir am zehnten Abend in Folge das gleiche Buch vorlesen.

Eine neue Welt, in der sich alles wandelt

Manchmal denken wir, dass unsere Kinder doch schon so groß sind und wissen, wie die Welt funktioniert. Dabei verlieren wir manchmal aus den Augen, dass das Kind nicht schon 3, 4 oder 5 Jahre ist, sondern dass es erst so lange auf dieser Welt ist. Einige Jahre, in denen es schon einige Erfahrungen gemacht hat, aber viel von dem, was es täglich sieht und erlebt ist neu. Jeden Tag erlebt es neue Dinge und lernt die Welt mit allen Sinnen kennen. Jeden einzelnen Tag macht es Lernerfahrungen im Außen und zugleich wandelt es sich im Inneren: das Gehirn vernetzt sich weiter, der Körper entwickelt sich und wächst und lässt damit neue Erfahrungen zu: Was vor einem halben Jahr noch nicht erreichbar war, kann nun problemlos angefasst werden, weil es endlich in Reichweite ist. Das Kind lebt in einer Welt voller Neuerungen.

Es ist spannend, diese Neuerungen zu erfahren, aber es ist auch aufregend und anstrengend. Und es tut gut, neben dieser Aufregung und Anstrengung ein Gegengewicht zu haben. Gerade in den Zeiten, in denen vielleicht gerade besonders viel Wandel stattfindet, in dem sich das Kind gerade besonders entwickelt, geben gleichbleibende Abläufe eine Gewissheit und Sicherheit. Sie sind ein Fels in der Brandung. Etwas, woran sich Kinder festhalten können in einer Zeit des Wandels.

Manche Kinder brauchen mehr Gleichförmigkeit

Manche Kinder brauchen mehr Beständigkeit, andere weniger. Manche Kinder hören lieber jeden Abend ein anderes Hörspiel, während andere wieder und wieder das gleiche Hörspiel hören wollen. Nicht davon ist falsch! Denn auch hier zeigt sich wieder, wie unterschiedlich Kinder sind und mit welch unterschiedlichen Eigenschaften und Vorlieben sie zu uns kommen. Tatsächlich scheint das Bedürfnis nach dem Regelmäßigen, Gleichen mit der Dopamin-Ausschüttung im Körper zusammenzuhängen und ist damit viel weniger beeinflussbar als wir manchmal denken.

Aber warum auch immer unser Kind gerade jetzt darauf besteht, das Gleiche wie sonst auch haben zu wollen: Es ist – wie so viele Dinge – ein Zeichen, ein Ausdruck eines Empfindens. Es ist kein Machtspiel, kein Druckmittel. Es ist ein Zeichen eines kleinen Kindes, das noch ganz neu in dieser Welt ist und gerade jetzt etwas genau so haben will, wie es sonst auch ist. Zum Festhalten. Und genau das sind auch wir Eltern, wenn das Kind sich darauf verlassen kann, dass wir die Nöte und Bedürfnisse des Kindes sehen – auch wenn wir sie nicht immer nachspüren oder verstehen können. Aber wir sind beständig darin, auf das Kind einzugehen und ihm helfen zu wollen.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

„Nein! Nicht anfassen!“ – Warum das oft nicht funktioniert und wie es besser geht

Noch eben rufen wir „Nein!“ und „Nicht anfassen!“ und zack – da wurde dann doch angefasst und irgendwas ist heruntergefallen, umgefallen oder steckt irgendwo, wo es nicht stecken soll. Denn ganz so einfach ist es noch nicht mit der Impulskontrolle bei einem Baby oder Kleinkind. Warum nur kann das Kind nicht hören? Oder besser gesagt: Warum hört es nicht auf die Ermahnung? Denn schließlich ist das „Nein“ doch ein Wort, dass das Kind vielleicht schon selber nutzt?

Hören kann es aber in den meisten Fällen ganz gut. Es kann nur eben nicht so richtig umsetzen, was wir da einfordern. Denn während wie Erwachsenen ziemlich klar verstehen, was das „nicht anfassen“ bedeutet, läuft im Kopf eines kleinen Kindes eine andere Geschichte: Sozialwissenschaftlerin Anette Prehn erklärt in ihrem Buch „Hirnzellen lieben blinde Kuh“, dass Kleinkinder das Wort „nicht“ in unseren Aufforderungen einfach noch nicht verstehen – sie filtern es heraus und bei ihnen kommt nur an „anfassen!“ – Oje.

Jedes Mal, wenn wir also abstrakte Formulierungen wie „nicht“, „lass das sein“ oder „hör auf damit“ benutzen, wird die Aufmerksamkeit des Kindes auf die konkreten und aussagekräftigen Wörter in unserem Satz gelenkt. […] Ein Kind hört also nicht die abstrakten Elemente des Satzes. Darum wird der Satz „Du darfst nicht schlagen!“ so verstanden: „Du darfst … schlagen!“

Anette Prehn „Hirnzellen lieben blinde Kuh“, S. 29f.

Und auch ein einfaches „Nein“ nutzt sich ziemlich schnell im Alltag mit einem Kleinkind ab, wenn die Welt scheinbar nur noch aus Neins besteht und sie für das Kind auch nicht in einem sinnvollen Zusammenhang stehen. Achten wir in unserem Alltag einmal darauf, wie oft wir das Wort „Nein“ mit unseren Kindern und für unsere Kinder benutzen. Verwenden wir es häufig, sollten wir uns vorstellen, wie sich die Welt für unser Kind darstellt durch diese vielen Neins: Was darf es alles nicht? Wie sieht so ein Alltag aus in einer Umgebung, in der das Kind kaum anecken kann? Und wo wird ihm auch dadurch die Chance genommen, Erfahrungen zu machen und sich mit der Welt auseinander zu setzen? Eine Ja-Umgebung hat viele Vorteile – für unsere Kinder und sogar für uns Eltern.

Was also können wir stattdessen tun? Wenn wir sehen, dass das Kind etwas Interessantes wahrnimmt und berühren möchte, was es nicht darf, sollten wir einschreiten – aber auf respektvolle Weise: Wir sagen Nein, nehmen es hoch und entfernen uns, wenn es etwas Gefährliches ist. Dabei können wir kurz erklären, warum. Wenn es nicht so gefährlich ist, können wir mit dem Kind zusammen die Sache näher ansehen und erklären, warum es beispielsweise nicht berührt werden darf: „Das ist zerbrechlich!“, „Schau, dieses Glas ist ganz dünn.“, „Das geht schnell kaputt.“. Wir sind in Verbindung, in Beziehung. Und so erklären wir Kindern die Welt.

Und wenn wir das Kind nicht sofort von dem Gegenstand entfernen müssen, können wir eine Sprache ohne zu komplizierte, abstrakte Inhalte nutzen: „Komm zu mir.“, „Bleib bitte kurz stehen.“, „Warte auf mich. Wir machen das zusammen.“ Mit einigen Überlegungen finden wir ganz sicher Sätze, die wir im Alltag statt des „Nein!“ und „Nicht!“ nutzen können.

Unsere Kinder entdecken jetzt gerade die Welt. Mit all dem, was dazu gehört. Das ist nicht einfach: Nicht einfach für sie, aber auch nicht immer einfach für uns. Mit einigen kleinen Kniffen können wir es jedoch für uns alle ein wenig einfacher und entspannter machen. Zum Beispiel mit weniger „Nein“s und „Nicht“s.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Hilfe, ich schaffe es nicht, anders zu handeln!

Wir alle kennen jene anstrengenden Situationen, in denen wir eigentlich einen ganz genauen Plan davon haben, wie wir sein wollen, wie wir handeln wollen gegenüber unserem Kind, aber es einfach nicht klappt. Situationen, in denen wir von unseren Gefühlen überrollt werden, oder Situationen, in denen wir einfach keinen anderen Handlungsweg finden, als etwas zu tun, was wir nicht tun wollen. Diese Situationen sind auf vielfältige Weise anstrengend für uns: Weil sie uns aus der Situation heraus schon unter Stress setzen, aber auch, weil wir fortan mit dem schlechten Gewissen umgehen müssen und der Frage: Habe ich jetzt meinem Kind geschadet? Gab es eine Alternative, die ich übersehen habe? Was kann ich beim nächsten Mal tun, wenn…?

Wenn Gefühle uns überrollen

Wir alle haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht in unserer Kindheit und in unserem weiteren Leben, die sich in uns festgesetzt haben: Sie prägen unseren Blick auf die Welt und auch, wie wir mit schwierigen Situationen umgehen. Gerade dann, wenn wir in einer stressigen Situation sind, übernehmen manchmal die in uns eingebrannten Erfahrungen die Führung und wir verhalten uns auf eine Art und Weise, die wir aus früher Kindheit als sinnvoll und problemlösend erfahren haben – das aber muss nicht unbedingt eine gute, bindungs- und bedürfnisorientierte Lösung sein. Es ist, was wir abgespeichert haben als Problemlösungsstrategie. Manchmal ist das Schreien, der Impuls zu körperlicher Gewalt oder auch Rückzug und/oder Liebesentzug. Je nach eigenen Erfahrungen können wir erschreckt feststellen: „Ich höre mich ja an wie meine Mutter/mein Vater!“ Und auch wenn wir eigentlich nicht so handeln wollen, ist dieser Impuls in uns vorhanden.

Es ist – je nach Erfahrungen – schwer, damit umzugehen. Gerade dann aber, wenn wir psychische oder physische Gewalt als Problemlösungsstrategie verinnerlicht haben, ist es besonders wichtig, andere Methoden zu erlernen, um mit Konfliktsituationen mit Kindern umzugehen, um den Kreis aus Gewalt zu durchbrechen. So können wir in den Köpfen unserer Kinder andere Lösungsstrategien verankern, als wir selber verankert haben.

Der Weg dorthin ist nicht immer einfach. Während es einigen Eltern reicht, Beruhigungsstrategien zu nutzen, um sich selbst kurz herunterzufahren, bis wieder ein überlegtes und ruhiges Handeln möglich ist (tief atmen, ruhig zählen, ein Glas Wasser trinken, sich auf die Körperwahrnehmung konzentrieren,…), haben andere Eltern mehr Schwierigkeiten damit und brauchen ggf. auch therapeutische Hilfe, um mit der Wut/Hilflosigkeit/Angst in Konfliktsituationen gut umgehen zu können. Es ist nicht schlimm, solche Hilfen in Anspruch zu nehmen und zeugt nicht von elterlichem Versagen, sondern ist im Gegenteil ein Zeichen von Verantwortung.

Wenn wir keine andere Lösung sehen

Neben jenen Situationen, in denen wir gut mit unserem Stress umgehen müssen, gibt es im Alltag mit Kindern aber auch solche, in denen wir nicht wegen unserer verinnerlichten Muster Probleme haben, sondern deswegen, weil uns keine guten Lösungswege einfallen: Wir sind bei uns, verstehen das Kind, verstehen die Situation und können ruhig reflektieren, aber uns fällt keine gute Lösung ein bzw. unser Kind reagiert einfach nicht in der von uns gewünschten Weise auf unsere Vorschläge.

Ein klassisches Beispiel dieses Problems: das Kind will nicht weiter gehen. Wir waren gemeinsam einkaufen, auf einmal bewegt sich das Kind keinen Zentimeter weiter, setzt sich hin und erklärt, dass es nicht weiter geht. Der noch immer oft zu hörende Satz „Dann geh ich eben alleine!“ ist keine gute und zielführende Lösungsstrategie. Was aber können wir sonst tun?

Hilfreich ist es, die eigenen Möglichkeiten in den Blick zu nehmen: Wir können in erster Linie unser Verhalten und unser Angebot ändern, aber nicht das Empfinden des Kleinkindes jetzt gerade. Hilfreich ist deswegen oft ein Ressourcencheck:

  • Habe ich gerade Zeit und Kraft, um mein Kind in Ruhe zu begleiten?
  • Wenn ich Zeit und Kraft habe: Kann ich einfach abwarten?
  • Wenn das Warten schwerfällt: Liegt es an umstehenden Personen? Wenn ja: Kann ich sie ausblenden und mir vorstellen, dass mein Kind und ich allein sind?
  • Welche Lösungsstrategien fallen mir ein? Vielleicht habe ich schon von anderen Eltern tolle Ideen für diese Situation erfahren
  • Lässt sich mein Kind auf mein Angebot ein? Kann ich ihm – im Falle des Einkaufs – anbieten, dass wir uns kurz ausruhen oder ich es an die Hand nehme und über die Hand etwas Kraft schicke oder können wir ein Spiel spielen beim Laufen, beispielsweise das „Hüpf bis zur nächsten Laterne, schleich bis zur nächsten Einfahrt“-Spiel

Aber manchmal funktioniert all das nicht: Weil wir in Zeitnot sind und dringend los müssen ohne Verhandlungsspielraum. Weil wir heute schon so viel Stress hatten, dass wir keine Energie mehr haben für eine entspannte Begleitung. Weil dort der ewig nörgelnde Nachbar steht und uns beobachtet und wir heute damit nicht umgehen können. – Es gibt diese Situationen, in denen wir es nicht schaffen, nicht in der Weise gut mit einer Situation umzugehen, wie wir sie eigentlich als gut bewerten würden. Und auch dann können wir wieder abwägen:

  • Wie können wir die Situation jetzt lösen mit den Rahmenbedingungen, die mir zur Verfügung stehen?
  • Wie kann ich das Kind zwar gegen dessen Willen, aber dennoch mit geringem Maß an Übergriffigkeit bewegen?
  • Wenn ich übergriffig bin: Wie kann ich diese Übergriffigkeit (beispielsweise Wegtragen gegen den Willen des Kindes) gut sprachlich begleiten? Denn wir können in jedem Moment mit unseren Kindern sprechen und ihnen erklären: „Es tut mir leid, ich weiß, dass du jetzt gerade nicht weiter gehen möchtest, aber ich muss dringend nach Hause. Beim nächsten Mal planen wir das anders.“
  • Wie kann ich Informationen aus dieser Situation ziehen, die uns zukünftig helfen: Vielleicht können wir beim nächsten Einkauf einplanen, einen Bollerwagen mitzunehmen und der Situation vorbeugen, in dem das Kind gleich darin fahren darf. Oder das Kind kann beim nächsten Einkauf mit einer anderen Person zu Hause bleiben, oder…

Manchmal läuft es anders als geplant

Manchmal schaffen wir es nicht, so zu handeln, wie wir wollen. Oft liegt es daran, dass uns Ressourcen und Unterstützung fehlen, um Kinder entspannt und ohne Zeitdruck zu begleiten. Die gute Nachricht aber ist, dass wir nicht immer perfekt sein müssen. Kinder brauchen keine Supereltern. Es reicht, gut genug zu sein und in der Mehrheit unseres Alltags unserem Kind zu zeigen, dass es respektiert, wertgeschätzt und geliebt wird. Die Psychotherapeuten Kent Hoffmann, Glen Cooper und Bert Powell beschreiben so passend in Bezug auf das von ihnen entwickelte Konzept „Kreis der Sicherheit“:

Eine gesunde psychische Entwicklung wird nicht dadurch gefördert, dass wir Brüche vermeiden, sondern dadurch, dass wir für Wiedergutmachung sorgen. […] Ihre Reflexionsfunktion ermöglicht Ihnen, einen Bruch als solchen zu erkennen – nämlich anhand dessen, wie Ihr Kind sich in der Situation gefühlt hat – und daher auch die Notwendigkeit einer Wiedergutmachung zu sehen, sowie zu verstehen, welche Art Reaktion in einer bestimmten Situation den Bruch tatsächlich wiedergutmachen kann.

Kent Hoffmann, Glen Cooper & Bert Powell „Aufwachsen in Geborgenheit“, S. 182f.

Das Gute daran, dass Kinder uns nicht als „nur gut“ erfahren ist laut ihnen auch, dass Kinder erfahren, dass ein und derselbe Mensch „gut“ und „böse“ (aus Sicht der Wahrnehmung des Kindes in dieser Situation) sein kann und dies für alle Menschen, also auch es selbst gilt. Dies unterstützt die Entwicklung des Selbst, aber auch gelingender Beziehungen zu anderen, wenn nicht erwartet wird, dass alle Menschen immer nur gut oder böse sind. Wir alle machen Brüche in unseren Beziehungen, aber wichtig sind dabei die Arten und vor allem die verlässliche Wiedergutmachung. Natürlich können wir unser Handeln nicht darauf aufbauen, beständig andere Grenzen zu überschreiten, weil wir uns schließlich entschuldigen oder Situationen wiedergutmachen können. Aber in so einigen Situationen unseres Alltags mag uns dieses Wissen helfen und beruhigen.

Wenn wir also keinen anderen Ausweg sehen, als dass Kind wegzutragen in einer bestimmten Situation oder es an der Hand über die viel befahrene Straße gehen muss oder wir ein bestimmtes Spiel verbieten müssen, sollten wir nicht zu hart mit uns ins Gericht gehen. Es gibt Situationen, in denen es aktuell keinen wirklichen Kompromiss gibt. Das können wir anerkennen und später durch Gespräche, Nähe, gemeinsame Zeit aufarbeiten.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

„Jetzt beruhig dich und denk mal drüber nach!“ – Warum Auszeiten Kindern nicht helfen

Da ist es, das wütende Kleinkind: es schreit und schimpft und stampft. Und letztlich wirft es noch ein Spielzeug durch den Raum in seiner Wut. Die Ursachen für dieses Verhalten können so vielfältig sein: die Jacke geht nicht zu, es soll losgehen, aber will noch spielen, es hat den falschen Becher angeboten bekommen. Manchmal wissen wir nicht einmal, warum genau das Kind so wütet. Während wir Erwachsenen in solchen Wutsituationen vielleicht manches Mal kurz innehalten können und überlegen, ob unsere Reaktion gerade angemessen ist und uns selbst beruhigen können, ist dies für das Kleinkind nicht möglich: es kann jetzt gerade weder logisch nachdenken, noch kann sich allein beruhigen. Und vielleicht können auch wir Erwachsenen gerade nicht helfen, fühlen uns hilflos und genervt. In genau dieser Situation ist es verlockend, das Problem einfach wegzuschieben – im wahrsten Sinne der Wortes: „Ab in dein Zimmer!“, „Denk auf dem stillen Stuhl mal über Dein Verhalten nach!“, „Komm erst wieder raus, wenn du dich beruhigt hast!“ – Aber das hilft weder Kindern, noch Eltern

Verantwortung für unsere Gefühle übernehmen

Zuerst einmal ist es wichtig, dass wir in dieser Situation die Verantwortung für unsere eigenen Gefühle übernehmen. Das ist ein kleines Kind vor uns, das wütend ist und schreit. Vielleicht wirft es sich auch auf den Boden oder trampelt. Aber es ist weiterhin ein kleines Kind, unser kleines Kind! Warum haben wir Erwachsene so ein Problem damit, wenn dieses Kleinkind sich gerade so verhält? Warum können wir nicht über das Verhalten hinwegsehen und daran denken, dass dieses kleine Kind gerade nicht anders kann, dass dieses Verhalten auch für das Kind anstrengend ist? Warum werden wir wütend/verletzt/traurig/gestresst vom normalen Verhalten des Kindes?

Anders als unser Kind, sind wir erwachsen und können mit stressigen Situationen eigentlich schon anders umgehen. Eigentlich – denn manchmal werden durch das Verhalten des Kindes in uns Erinnerungen getriggert, die es nicht so leicht machen, entspannt mit dem Kind und der Situation umzugehen. Wir machen es uns aber (langfristig) leichter, wenn wir zu einem entspannten Umgang mit solchen Situationen kommen. Wir müssen deswegen Verantwortung übernehmen für unsere eigenen Gefühle: Sich kurz auf die eigene Wahrnehmung fokussieren, eine Strategie nutzen, um uns selbst zu beruhigen und langfristig ergründen, warum uns diese Situationen so schwer fallen. Es geht also darum, erst einmal uns selbst zu beruhigen, damit wir im nächsten Schritt das Kind begleiten können.

Verantwortung für Kindergefühle übernehmen

Viele Situationen, die wir nicht als problematisch einschätzen, sind für Kinder noch schwer zu händeln. Sie sind frustriert, weil etwas nicht funktioniert, weil sie etwas anders machen wollten oder wir etwas anders machen sollten und manchmal erfahren wir auch gar nicht, was genau das Problem war. Wir sehen nur, dass unser Kind ein Problem hat. Wenn das Kind eine Auszeit nehmen soll, in der es selbst das Problem lösen soll bzw. das Verhalten abstellen soll, nehmen wir uns als Eltern auch die Chance, das eigene Kind und die Gefühlswelt zu verstehen, eventuelle generelle Probleme des Kindes zu sehen und im Alltag vermeiden zu können. Wenn das Kind beispielsweise immer wieder am Esstisch wütend wird und wir es immer wieder deswegen in sein Zimmer schicken, werden wir recht wahrscheinlich nicht herausfinden, was genau das Problem ist und die Situation so lange immer wieder mit dem Kind durchspielen, bis es selbst frustriert und unverstanden aufhört. Gelernt hat es aber nicht, mit dem Problem umzusgehen, sondern nur, dass sein Problem nicht gesehen und behoben wird.

Wichtig ist es hier, das Problem und das Verhalten des Kindes nicht auf die Beziehung zu übertragen: „Weil du dieses oder jenes gemacht hast, hab ich dich nicht mehr lieb.“ oder „Wenn du dich so verhältst, mag ich nicht mit dir zusammen sein!“. Das Kind mag ein für uns problematisches Verhalten gezeigt haben, deswegen aber ist das Kind nicht schlecht. Und vor allem sind wir als Erwachsene in der wichtigen Position, uns erwachsen verhalten zu müssen und reflektiert mit dem Kind umzugehen.

In der Kleinkindzeit ist das Kind noch nicht bzw. nur bedingt fähig, sich selbst zu beruhigen. Es benötigt an vielen Stellen noch Co-Regulation, d.h. eine erwachsene Person gegenüber, die die Gefühle des Kindes aufnimmt, verarbeitet und quasi „vorverdaut“ zurückgibt, so dass das Kind damit besser umgehen kann. Durch die regelmäßige Begleitung von Gefühlen lernen Kinder zunehmend besser, damit umzugehen. In vielen Wutsituationen sind Kinder in der konkreten Situation nicht schnell beruhigbar, viele Kinder vermeiden auch Körperkontakt. Das ist in Ordnung und als Eltern ist es unsere Aufgabe, den Moment abzuwarten und auszuhalten, bis das Kind langsam wieder ansprech- und beruhigbar ist.

Verantwortung übernehmen für die kindlichen Handlungen

Manchmal bleibt es nicht nur bei einem Stampfen oder Schreien. Manchmal fliegen auch Dinge durch die Gegend oder das Kind haut oder beißt. Auch hier ist es auf uns Erwachsene angewiesen. Wir sollten nicht sagen „Tja, selber Schuld, wenn du jetzt dein Lego vor Wut zertrampelt hast!“ oder „Wenn du jetzt etwas kaputt machst, dann ziehe ich dir das vom Taschengeld ab/bekommst du weniger Weihnachtsgeschenke.“ Das Kleinkind kann die Folgen der Handlungen noch nicht absehen und es ist wichtig, dass als weitsichtige Person nach Möglichkeit vorab eingreifen. Das bedeutet beispielsweise, Dinge oder Personen aus der „Gefahrenzone“ zu nehmen und vor einem unüberlegten Übergriff zu schützen. Danach können wir dann die Gefühle des Kindes weiter begleiten bzw. weiter abwarten, bis das Kind wieder für Worte/Berührung etc. zugänglich ist. Manchmal ist unser Handeln auch „einfach nur“ abwarten: Warten, bis das Kind aus dem Wutsturm heraus kommt und dabei dafür sorgen, dass es nichts kaputt macht und sich oder andere nicht verletzt. Auch das Warten in der Nähe ist ein Begleiten.

Was passiert, wenn das Kind sich allein beruhigen soll

Was passiert nun aber, wenn das Kind in ein anderes Zimmer geschickt wird, damit es sich allein beruhigen soll oder an einem bestimmten Ort sitzen soll, damit es dort „nachdenkt“? Diese Methode ist vielen Eltern noch aus früheren Fernsehformaten bekannt und wurde als „Auszeit“ propagiert. Der dahinter stehende Gedanke ist, dass sich das Kind an die Familienregeln erinnert, das falsche Verhalten einsieht, sich beruhigt und quasi „geläutert“ in den Alltag zurückkehrt. Allerdings „funktionieren“ Kinder nicht so.

Was das Kind in solchen Situationen tatsächlich lernt, ist etwas Anderes: Es erlebt sich selbst als falsch, da die Bezugsperson es mit seinem Verhalten ablehnt und das Kind somit die Erfahrung macht, dass es, wenn es wütend/trotzig/ungehalten ist, nicht geliebt wird und diese Gefühle daher vermeiden soll. Das kann sich langfristig negativ auf die Entwicklung auswirken. Kinder (und Erwachsene) müssen über die breite Palette an Empfindungen verfügen und mit allen Gefühlen umgehen können. Hier lernt das Kind jedoch durch die Abwehr dieses Gefühls, dass beispielsweise Wut nicht erlaubt ist. Es lernt hingegen nicht, wie es mit Wut besser umgehen kann (außer sie zu vermeiden), beispielsweise wie es sie anders umsetzen kann, dass es in Ordnung ist, sich Hilfe zu holen oder mit anderen darüber zu sprechen. Auch die Hintergründe hinter der Wut werden durch Auszeiten nicht besprochen und Kinder erlernen keine Konfliktlösungsmöglichkeiten, die sie auf spätere Situationen übertragen können.

Das Kind erlebt sich als bestraft, machtlos ausgeliefert gegenüber der Maßnahme und fügt sich in ein Bild, dass es selbst unterlegen und nicht wirksam ist. Während es die Auszeit hat, wird es als Kleinkind nicht über die „falsche Handlung“ nachdenken, denn dafür fehlt die Reifung des Gehirn, aber auch Erfahrungen für andere Handlungsstrategien, die in der scheinbar falschen Situation hätten angewendet werden können. Da es aber diese nicht kreativ vorgelebt bekommt, wird es sie auch zukünftig nicht erlernen und nicht reflektieren können, sondern das Verhalten auf Befolgen der Anweisungen ausrichten, ohne langfristiges kreatives Lösungsmangement.

Oft wird die Situation sogar noch verschärft, wenn das Kind in ein anderes Zimmer gehen oder sich auf einem stillen Stuhl ausruhen soll, da das Kind ja ohnehin in einer aktuell schwierigen Situation ist und dazu noch Trennungsangst/Frustration über den Bindungsentzug/die Ablehnung stattfindet.

Aber das Kind will alleine sein!

Wenn Kinder größer werden, oft ab etwa 4 Jahren, hören Eltern in Wut- und Streitsituationen auch öfters Sätze wie „Lass mich in Ruhe!“ oder „Ich will alleine sein!“ Es ist etwas anderes, wenn das Kind sich selbst aus der Situation nimmt und mit der Selbstberuhigung allein experimentiert. Hier kann es sich dann selbst als wirksam erfahren, wenn es gelingt – oder eben zurückkommen zum Elternteil, der es dann unterstützt und emotional da abholt, wo es allein nicht weiter kommt.

Gemeinsam die Situation wechseln

Statt einer Auszeit allein für das Kind ist es manchmal sinnvoll, gemeinsam mit dem Kind zusammen die Situation zu verlassen, um das Problem zunächst zur Seite zu legen und sich allein auf die Begleitung der Gefühle zu konzentrieren. Zu einem späteren Zeitpunkt, wenn sich das Kind wieder beruhigt hat, besteht dann die Möglichkeit, sich gemeinsam dem Problem zuzuwenden und alternative Handlungen durchzusprechen oder zu thematisieren, was überhaupt das Problem des Kindes war.

Auch für größere Kinder ist eine Auszeit kein passendes Mittel

Auch für größere Kinder sind Auszeiten und „Stubenarrest“ keine sinnvollen Methoden, um eine Verhaltensänderung herbeizuführen. Natürlich können größere Kinder gebeten werden und es kann ihnen erklärt werden: „Magst du mal kurz ein wenig entspannen gehen und dann reden wir weiter?“ oder in Bezug auf Streit mit kleineren Geschwistern: „Ich glaube, es wäre gut, wenn ihr mal kurz auseinander geht, damit sich die Situation entspannt.“ Kinder jenseits des Kleinkind- und Vorschulalters können mit Konfliktsituationen schon anders umgehen und viel mehr reflektieren als die kleineren Kinder.

Strenger Beziehungsabbruch oder -verweigerung durch die Eltern hilft aber auch größeren Kindern nicht, mit Konfliktsituationen sinnvoll und kreativ umzugehen. Hier gilt eine Auszeit dann lediglich als Strafe. Zielführender ist es auch dort, mit dem Kind, das schon die Gefühle besser regulieren kann als ein Kleinkind, in das Gespräch zu kommen und Ursachen und alternative Handlungsmethoden gemeinsam zu benennen, oder, wenn das Kind das wünscht, nach einer Zeit der Selbstberuhigung ins Gespräch zu kommen.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.