Das weinende Baby und die „Nimm-mich-hoch-Beinchen“

Während der Recherchen für mein neues Buch über viel weinende Babys, stieß ich kürzlich auf eine aktuelle Studie über Beruhigungsstrategien von Müttern: In einer vergleichenden Studie, an der 684 Frauen aus elf verschiedenen Ländern teilnahmen, wurde festgestellt, dass es ein kulturübergreifende gleiches Handeln bei Müttern gibt, wenn ihr Baby zu weinen beginnt: Sie nehmen es hoch, tragen es und sprechen mit ihm. 

Wenn ein Baby weint, berührt uns das. Wir hören hin, nehmen wahr und haben das Bedürfnis, zu reagieren. Immer wieder hören wir leider noch immer: „Nein, Du verwöhnst Dein Baby, wenn Du es bei jedem Weinen hoch nimmst!“ „Nein, das Baby muss lernen, sich selbst zu beruhigen!“ Aber es stimmt nicht, was diese Stimmen uns sagen. Babys können sich nicht selbst beruhigen, sondern brauchen uns Erwachsene, ihre Bindungspersonen, um sich beruhigen zu können. Dadurch, dass wir ihnen Trost spenden und sie beruhigen lernen sie, sich selber auch eines Tages selbst beruhigen zu können. Wenn wir uns ihnen zuwenden, unterstützen wir sie in diesem Prozess, der noch viele Monate dauern wird. Studienergebnisse wie das oben aufgeführte zeigen uns zudem: Das Hochnehmen des Babys ist eine ganz normale Reaktion von uns, die Mütter überall auf der Welt zeigen. Wenn ein Baby weint, dann nehmen wir es an unseren Körper, um es zu beruhigen. Das ist das richtige Verhalten hier wie überall sonst auf der Welt.

Und neben unserem inneren Impuls, das Baby hoch nehmen zu wollen und der Tatsache, dass alle Mütter (leider wurde das Verhalten der Väter hier nicht untersucht, aber ich gehe davon aus, dass sie es ebenso tun) dies kulturübergreifend tun, zeigt uns unser Baby auch allzu oft, dass das Hochnehmen das ist, was es sich jetzt wünscht: Schon im Spiel zeigen kleine Babys und oft auch noch größere, dass sie mit ihren Beinen eine Anhock-Spreiz-Haltung einnehmen. Die kleinen Beine sind angezogen und zur Seite abgespreizt, die Füße zueinander gestellt oder gar aneinander. So liegen Kinder auf dem Untergrund und sehen sich um, spielen mit einem Spielzeug in der Hand. Legen wir uns auf den Rücken und nehmen eben diese Position ein, merken wir, wie anstrengend sie für uns ist, während das Baby sie leicht über längere Zeit einnimmt. Auch wenn wir unsere Hände an die Seite eines Baby legen, um es aufzunehmen, zieht es die Beine in eben dieser Haltung an in Erwartung, hoch genommen zu werden und sich an den Körper der erwachsenen Person zu schmiegen. Mit in dieser Weise angezogenen Beinen kann das Baby im Tuch oder ohne Hilfsmittel auf der Hüfte getragen werden. Die angezogenen Beine sind ein Ausdruck eines tief verwurzelten Impulses des Babys, dass es getragen werden möchte. Und genau dies zeigen viele Babys auch dann, wenn sie weinen: Sie ziehen die kleinen Beine an und geben uns mit ihrem weinen ein akustisches Signal und mit ihrer Körperhaltung ein visuelles Signal: Nimm mich bitte hoch, ich brauche Dich! Zudem ist das gegenseitige berühren der Füße eine der typischen Selbstregulationsstrategien des Babys: Ist es aufgeregt, ist es überfordert, zieht es die Beine an und die Füße berühren sich. Manchmal gelingt es dem Baby (je nach Alter), sich durch diese und andere Regulationsstrategien zu beruhigen. Schafft es das nicht, können wir es unterstützen durch das Aufnehmen.

Wenn Ihr wieder einmal hört, Ihr dürftet Euer weinendes Baby nicht zu oft hoch nehmen, ihr dürft es nicht verwöhnen durch das Aufnehmen oder Ihr würdet es verziehen mit diesem Handeln, dann denkt einfach an diese Fakten: Überall auf der Welt nehmen Mütter (und sicher auch Väter) ihre Babys hoch, wenn sie weinen, denn das Baby ist die normale Reaktion darauf und auch das Baby zeigt uns oftmals, dass es genau dies wünscht und kann sich durch körperliche Nähe besser beruhigen und wieder entspannen.

Eure

 

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