Brauchen Kinder Rituale?

Immer wieder gibt es Diskussionen darüber, ob Kinder Rituale brauchen oder nicht: Erleichtern Strukturen und feste Abläufe den Alltag mit Kindern oder ist es besser, die Signale spontan zu beantworten und sich davon leiten zu lassen? Tatsächlich ist die Antwort darauf gar nicht so einfach, denn auch hier – wie bei vielen anderen Fragen um das Leben mit Kindern – gibt es kein Schwarzweiß.

Rituale – Bin ich nicht der Typ für! Oder doch?

Bei Ritualen denken wir oft an feste Abläufe, Bräuche, religiös verortete Handlungen. Vielleicht sträubt sich etwas in uns beim Gedanken an solche feststehenden Rituale. Sie existieren aber auch jenseits davon in fast jedem Alltag. Oft bemerken wir gar nicht, dass wir selbst bestimmte Rituale ausführen: Der Kaffee am Morgen, der Umstand, eine nahe Person zur Begrüßung immer zu umarmen, ein bestimmtes Vorgehen bei den Körperpflegeroutinen: all das sind Rituale. Rituale gibt es in einer so großen Vielfalt und Funktion, dass sie keine feste Definition haben. Sie können uns verbinden, können Struktur geben, einen Menschen in eine Gruppe aufnehmen oder einen neuen Lebensabschnitt markieren. Rituale sind, was wir bewusst oder unbewusst als Ritual festlegen.

Rituale bieten Vorhersehbarkeit

Für Kinder – aber auch Eltern – bieten Rituale einen besonderen Vorteil: Sie geben dem Alltag Struktur. Immer ähnliche Abläufe unterstützen dabei sowohl die Eltern in ihren Handlungen und in ihrer Handlungskompetenz, weil sie wissen, wie sie welche Situationen wann gestalten und was dann meistens passiert, als auch die Kinder. Schon Babys entwickeln aufgrund immer gleich ablaufender Situationen eine bestimmte Erwartungshaltung daran, was als nächstes passiert und stimmen sich darauf ein. Beispielsweise beim Wickeln erlernen sie eine bestimmte Erwartungshaltung, wenn sie merken, dass sie wieder auf die Wickelunterlage gelegt werden. In anderen Situationen merken Eltern auch, dass Babys/Kleinkinder beispielsweise anfangen zu weinen, wenn sie wissen, dass nun etwas zu erwarten ist, das sie eigentlich gerade nicht wollen. In einer Welt, die noch so neu ist und in der sie jeden Tag neues erleben und erfahren, bieten die bekannten, wiederkehrenden Situationen einen Ruhepol und geben eine Sicherheit.

Manche Kinder brauchen es mehr, andere weniger

Kinder sind nicht alle gleich. Einige Kinder bevorzugen einen strukturierteren, regelmäßigen Tagesablauf und haben scheinbar eine „innere Uhr“, so dass sie beispielsweise pünktlich zur gleichen Tageszeit ihr Mittagessen haben wollen, während für andere Kinder weniger die Uhrzeit, sondern eher eine bestimmte Abfolge von Tagespunkten wichtig ist. Einigen Kindern fällt es leichter, sich an neue Situationen zu gewöhnen und sie haben auch weniger Schwierigkeiten mit Übergängen wie der Umstellung von der Betreuung zu Hause auf den Kindergarten, andere brauchen mehr Unterstützung und emotionale Begleitung. Es ist unter anderem eine Frage des Temperaments. Thomas & Chess (1980) haben insgesamt 9 Temperamentsdimensionen ausgemacht, eine davon ist die Dimension des Rhythmus: Wo bewegt sich das Kind zwischen Regelmäßigkeit und Unregelmäßigkeit? Hier gilt es, das Kind individuell zu betrachten und herauszufinden, wie das Kind ist.

Gerade Kinder, die sich in den Temperamentsdimensionen eher in den extremen Bereichen bewegen (sowohl besonders ruhig und zurückhaltend, als auch besonders extrovertiert) können dann von Ritualen profitieren, wenn ihnen damit Möglichkeiten gegeben werden, ihre Temperamentseigenschaften aufzugreifen und ihnen Hilfestellung geben in Situationen, die sonst für sie schwierig sind. Beispielsweise können leicht ablenkbare Kinder Rituale erlernen, sich zu beruhigen und Reize zu minimieren, damit sie dann in einer reizreduzierten Umgebung ihre Fähigkeiten entfalten können.

Ziel ist es also, das eigene Kind zu erkennen und den individuellen Bedarf des Kindes zu erkennen. So können Rituale für einige von besonderem Vorteil sein, während andere weniger darauf angewiesen sind.

Eure

2 Kommentare

  1. Hallo Susanne,
    hast du Tipps wenn das Bedürfnis nach Ritualen bzw. Regelmäßigkeit/Unregelmäßigkeit von Kindern und Eltern nicht zusammenpasst?
    Unser Sohn ist eher so der Typ „innere Uhr“ und zugleich sehr leicht ablenkbar/überreizt – er bräuchte einerseits sehr ähnliche Abläufe bzw Essen und Schlafen immer zur gleichen Zeit. Andererseits eben sehr leicht ablenkbar und schnell „überdreht“ , deshalb braucht es oft gerade beim Schlafen sehr viel Führung und zugleich Geduld dass er dann auch ca zur gleichen Zeit schläft, wenn wir „einfach laufen lassen“ ist der ganze restliche Tag, die Nacht und der nächste Tag im Eimer.
    Mein Partner ist aber eher der untegelmäßige Typ – einerseits unregelmäßige Arbeitszeiten (vor Corona) und andererseits plötzlich aufploppende Bedürfnisse die er nur sehr schwer zugunsten unseres Kindes bzw um einen Ablauf „richtig“ zu Ende zu machen, zurückstellen kann.
    Ich schwanke irgendwo dazwischen hin und her – jetzt während Corona wo es sowieso viel ruhiger und „langweiliger“ ist habe ich mehr Lust auf Unregelmäßigkeit, davor konnte ich besser mit der Regelmäßigkeit meines Sohnes mitgehen.
    Dann ist da noch unser Umfeld, die auch eher vom Unregelmäßigen Typ sind bzw wo die Kinder diese Regelmäßigkeit nicht so sehr brauchen wie unseres.
    Ich finde es wahnsinnig schwer das alles so zu vereinbaren, dass es einerseits unserem Sohn gut geht und andererseits wir Eltern zumindest das benötigte Mindestmaß an stressfreien sozialen Kontakten bzw Unregelmäßigkeit bekommen – jetzt während Corona noch deutlich schwerer als zuvor.
    Hast du da einen Ratschlag?

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