Kategorie: Kleinkind

Hilfe, ich schaffe es nicht, anders zu handeln!

Wir alle kennen jene anstrengenden Situationen, in denen wir eigentlich einen ganz genauen Plan davon haben, wie wir sein wollen, wie wir handeln wollen gegenüber unserem Kind, aber es einfach nicht klappt. Situationen, in denen wir von unseren Gefühlen überrollt werden, oder Situationen, in denen wir einfach keinen anderen Handlungsweg finden, als etwas zu tun, was wir nicht tun wollen. Diese Situationen sind auf vielfältige Weise anstrengend für uns: Weil sie uns aus der Situation heraus schon unter Stress setzen, aber auch, weil wir fortan mit dem schlechten Gewissen umgehen müssen und der Frage: Habe ich jetzt meinem Kind geschadet? Gab es eine Alternative, die ich übersehen habe? Was kann ich beim nächsten Mal tun, wenn…?

Wenn Gefühle uns überrollen

Wir alle haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht in unserer Kindheit und in unserem weiteren Leben, die sich in uns festgesetzt haben: Sie prägen unseren Blick auf die Welt und auch, wie wir mit schwierigen Situationen umgehen. Gerade dann, wenn wir in einer stressigen Situation sind, übernehmen manchmal die in uns eingebrannten Erfahrungen die Führung und wir verhalten uns auf eine Art und Weise, die wir aus früher Kindheit als sinnvoll und problemlösend erfahren haben – das aber muss nicht unbedingt eine gute, bindungs- und bedürfnisorientierte Lösung sein. Es ist, was wir abgespeichert haben als Problemlösungsstrategie. Manchmal ist das Schreien, der Impuls zu körperlicher Gewalt oder auch Rückzug und/oder Liebesentzug. Je nach eigenen Erfahrungen können wir erschreckt feststellen: „Ich höre mich ja an wie meine Mutter/mein Vater!“ Und auch wenn wir eigentlich nicht so handeln wollen, ist dieser Impuls in uns vorhanden.

Es ist – je nach Erfahrungen – schwer, damit umzugehen. Gerade dann aber, wenn wir psychische oder physische Gewalt als Problemlösungsstrategie verinnerlicht haben, ist es besonders wichtig, andere Methoden zu erlernen, um mit Konfliktsituationen mit Kindern umzugehen, um den Kreis aus Gewalt zu durchbrechen. So können wir in den Köpfen unserer Kinder andere Lösungsstrategien verankern, als wir selber verankert haben.

Der Weg dorthin ist nicht immer einfach. Während es einigen Eltern reicht, Beruhigungsstrategien zu nutzen, um sich selbst kurz herunterzufahren, bis wieder ein überlegtes und ruhiges Handeln möglich ist (tief atmen, ruhig zählen, ein Glas Wasser trinken, sich auf die Körperwahrnehmung konzentrieren,…), haben andere Eltern mehr Schwierigkeiten damit und brauchen ggf. auch therapeutische Hilfe, um mit der Wut/Hilflosigkeit/Angst in Konfliktsituationen gut umgehen zu können. Es ist nicht schlimm, solche Hilfen in Anspruch zu nehmen und zeugt nicht von elterlichem Versagen, sondern ist im Gegenteil ein Zeichen von Verantwortung.

Wenn wir keine andere Lösung sehen

Neben jenen Situationen, in denen wir gut mit unserem Stress umgehen müssen, gibt es im Alltag mit Kindern aber auch solche, in denen wir nicht wegen unserer verinnerlichten Muster Probleme haben, sondern deswegen, weil uns keine guten Lösungswege einfallen: Wir sind bei uns, verstehen das Kind, verstehen die Situation und können ruhig reflektieren, aber uns fällt keine gute Lösung ein bzw. unser Kind reagiert einfach nicht in der von uns gewünschten Weise auf unsere Vorschläge.

Ein klassisches Beispiel dieses Problems: das Kind will nicht weiter gehen. Wir waren gemeinsam einkaufen, auf einmal bewegt sich das Kind keinen Zentimeter weiter, setzt sich hin und erklärt, dass es nicht weiter geht. Der noch immer oft zu hörende Satz „Dann geh ich eben alleine!“ ist keine gute und zielführende Lösungsstrategie. Was aber können wir sonst tun?

Hilfreich ist es, die eigenen Möglichkeiten in den Blick zu nehmen: Wir können in erster Linie unser Verhalten und unser Angebot ändern, aber nicht das Empfinden des Kleinkindes jetzt gerade. Hilfreich ist deswegen oft ein Ressourcencheck:

  • Habe ich gerade Zeit und Kraft, um mein Kind in Ruhe zu begleiten?
  • Wenn ich Zeit und Kraft habe: Kann ich einfach abwarten?
  • Wenn das Warten schwerfällt: Liegt es an umstehenden Personen? Wenn ja: Kann ich sie ausblenden und mir vorstellen, dass mein Kind und ich allein sind?
  • Welche Lösungsstrategien fallen mir ein? Vielleicht habe ich schon von anderen Eltern tolle Ideen für diese Situation erfahren
  • Lässt sich mein Kind auf mein Angebot ein? Kann ich ihm – im Falle des Einkaufs – anbieten, dass wir uns kurz ausruhen oder ich es an die Hand nehme und über die Hand etwas Kraft schicke oder können wir ein Spiel spielen beim Laufen, beispielsweise das „Hüpf bis zur nächsten Laterne, schleich bis zur nächsten Einfahrt“-Spiel

Aber manchmal funktioniert all das nicht: Weil wir in Zeitnot sind und dringend los müssen ohne Verhandlungsspielraum. Weil wir heute schon so viel Stress hatten, dass wir keine Energie mehr haben für eine entspannte Begleitung. Weil dort der ewig nörgelnde Nachbar steht und uns beobachtet und wir heute damit nicht umgehen können. – Es gibt diese Situationen, in denen wir es nicht schaffen, nicht in der Weise gut mit einer Situation umzugehen, wie wir sie eigentlich als gut bewerten würden. Und auch dann können wir wieder abwägen:

  • Wie können wir die Situation jetzt lösen mit den Rahmenbedingungen, die mir zur Verfügung stehen?
  • Wie kann ich das Kind zwar gegen dessen Willen, aber dennoch mit geringem Maß an Übergriffigkeit bewegen?
  • Wenn ich übergriffig bin: Wie kann ich diese Übergriffigkeit (beispielsweise Wegtragen gegen den Willen des Kindes) gut sprachlich begleiten? Denn wir können in jedem Moment mit unseren Kindern sprechen und ihnen erklären: „Es tut mir leid, ich weiß, dass du jetzt gerade nicht weiter gehen möchtest, aber ich muss dringend nach Hause. Beim nächsten Mal planen wir das anders.“
  • Wie kann ich Informationen aus dieser Situation ziehen, die uns zukünftig helfen: Vielleicht können wir beim nächsten Einkauf einplanen, einen Bollerwagen mitzunehmen und der Situation vorbeugen, in dem das Kind gleich darin fahren darf. Oder das Kind kann beim nächsten Einkauf mit einer anderen Person zu Hause bleiben, oder…

Manchmal läuft es anders als geplant

Manchmal schaffen wir es nicht, so zu handeln, wie wir wollen. Oft liegt es daran, dass uns Ressourcen und Unterstützung fehlen, um Kinder entspannt und ohne Zeitdruck zu begleiten. Die gute Nachricht aber ist, dass wir nicht immer perfekt sein müssen. Kinder brauchen keine Supereltern. Es reicht, gut genug zu sein und in der Mehrheit unseres Alltags unserem Kind zu zeigen, dass es respektiert, wertgeschätzt und geliebt wird. Die Psychotherapeuten Kent Hoffmann, Glen Cooper und Bert Powell beschreiben so passend in Bezug auf das von ihnen entwickelte Konzept „Kreis der Sicherheit“:

Eine gesunde psychische Entwicklung wird nicht dadurch gefördert, dass wir Brüche vermeiden, sondern dadurch, dass wir für Wiedergutmachung sorgen. […] Ihre Reflexionsfunktion ermöglicht Ihnen, einen Bruch als solchen zu erkennen – nämlich anhand dessen, wie Ihr Kind sich in der Situation gefühlt hat – und daher auch die Notwendigkeit einer Wiedergutmachung zu sehen, sowie zu verstehen, welche Art Reaktion in einer bestimmten Situation den Bruch tatsächlich wiedergutmachen kann.

Kent Hoffmann, Glen Cooper & Bert Powell „Aufwachsen in Geborgenheit“, S. 182f.

Das Gute daran, dass Kinder uns nicht als „nur gut“ erfahren ist laut ihnen auch, dass Kinder erfahren, dass ein und derselbe Mensch „gut“ und „böse“ (aus Sicht der Wahrnehmung des Kindes in dieser Situation) sein kann und dies für alle Menschen, also auch es selbst gilt. Dies unterstützt die Entwicklung des Selbst, aber auch gelingender Beziehungen zu anderen, wenn nicht erwartet wird, dass alle Menschen immer nur gut oder böse sind. Wir alle machen Brüche in unseren Beziehungen, aber wichtig sind dabei die Arten und vor allem die verlässliche Wiedergutmachung. Natürlich können wir unser Handeln nicht darauf aufbauen, beständig andere Grenzen zu überschreiten, weil wir uns schließlich entschuldigen oder Situationen wiedergutmachen können. Aber in so einigen Situationen unseres Alltags mag uns dieses Wissen helfen und beruhigen.

Wenn wir also keinen anderen Ausweg sehen, als dass Kind wegzutragen in einer bestimmten Situation oder es an der Hand über die viel befahrene Straße gehen muss oder wir ein bestimmtes Spiel verbieten müssen, sollten wir nicht zu hart mit uns ins Gericht gehen. Es gibt Situationen, in denen es aktuell keinen wirklichen Kompromiss gibt. Das können wir anerkennen und später durch Gespräche, Nähe, gemeinsame Zeit aufarbeiten.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

„Jetzt sei aber mal lieb zu dem anderen Kind!“ – Wie Kinder soziales Verhalten lernen

„Jetzt sei mal schön lieb zu dem anderen Kind!“ schallt es über den Spielplatz. Das Kleinkind, das gemeint ist und einem anderen gerade den Eimer wegnehmen möchte, erscheint es wenig verunsichert, streckt den Arm aus, streichelt das andere Kind und nimmt dann den Eimer an sich. Das Konzept von „lieb sein“ wie es seine Bezugsperson gemeint hat, hat es noch nicht genau verstanden und verinnerlicht. Es denkt, es soll ein bestimmtes, erlerntes Verhalten zeigen und weiß nicht, dass dieses „lieb sein“ eher eine Haltung ist, denn eine Handlung. Und diese Haltung hat es als bewusste Haltung nicht verinnerlicht. Der eben noch rufende Elternteil kommt über den Spielplatz gespurtet, reißt den Eimer aus der Hand und stellt ihn dem anderen Kind wieder hin. „Du solltest den Eimer zurückgeben, hab ich gesagt!“ – Das Kind schaut wieder verwundert, denn natürlich wurde das nicht gesagt, auch wenn es gemeint wurde. WAS aber gemeint wurde, hat das Kind nicht verstanden.

Eltern wünschen sich einfühlsame, „liebe“ Kinder

Kinder sind von sich aus kooperativ und sozial. Allerdings sind Kinder auch Kinder und der kindlichen Entwicklung unterworfen, weshalb ihr kooperatives und soziales Verhalten Grenzen hat (was übrigens auch bei uns Erwachsenen so ist, nur dass unsere Grenzen meistens weiter sind) und beispielsweise ausgeschöpft oder erschöpft sein kann bzw. auch den eigenen Bedürfnissen unterliegt und dem Umstand, sich noch nicht gut in andere Personen hineinversetzen zu können und die Gefühle anderer immer richtig einschätzen oder vor-einschätzen zu können.

Als Eltern nehmen wir die Kooperation des Kindes und sein soziales Verhalten im Alltag oft nicht als solches wahr, bis zu dem Zeitpunkt, wo es gerade nicht auftritt und wir uns wünschen, dass das Kind sich aber „gut“ verhalten soll. Oft sind das Situationen, in denen wir gestresst sind durch Zeitdruck oder durch beobachtende Dritte und nicht als Eltern schlecht bewertet werden wollen. Dann fordern wir von unseren Kindern ein „liebes“ Verhalten ein oder versuchen, dem Kind das „lieb sein“ aktiv vorzuführen: Streichel mal das andere Kind, teil doch mal dein Spielzeug, begrüße mal lieb die Tante,… Manchmal fordern wir dabei mehr ein, als das Kind eigentlich gerade in diesem Alter leisten kann, beispielsweise wenn wir Kleinkinder zum Teilen ihrer Lieblingsspielsachen auffordern.

Viele Eltern übersehen bei dem Wunsch nach einem „lieben“ Kind auch, dass das Kind ein Mensch ist. So wie Erwachsene auch. Wir alle haben jeden Tag eine Vielzahl unterschiedlicher Gefühle und niemand ist „nur freundlich“, ganz besonders Kinder nicht, die noch Schwierigkeiten haben, ihre Gefühle zu regulieren. Es ist wichtig, dass Kinder die breite Palette an Gefühlen erfahren dürfen, denn sie gehören zum Leben dazu und jedes Gefühl hat auch einen anderen Gefühlspart: wütend – zufrieden, traurig – munter,… Durch die Wahrnehmung des einen ist bewusster Raum für die Wahrnehmung des anderen vorhanden. Kein Kind muss „lieb sein“, wenn es sich nicht danach fühlt und kein Kind muss beständig freundlich und zuvorkommend sein. Kinder lernen zunehmend, ihre Gefühle in einer Gesellschaft passend auszudrücken. Mit zunehmenden Alter lernen sie, was sie tun können, wenn sie auf einer Familienfeier schlechte Laune haben, ohne sich dabei verstellen zu müssen. Sie lernen Kompetenz im Umgang mit unterschiedlichen Gefühlen und diese Kompetenz bedeutet nicht zwangsweise Anpassung an Erwartungen, sondern einen guten Umgang damit: Niemand sollte fröhlich sein müssen, obwohl er gerade extrem traurig ist.

Wie Kinder wirklich lernen, sich sozial zu verhalten

All diese freundlichen, lieben Verhaltensweisen lernen Kinder aber viel weniger durch direkte Anleitung oder Aufforderungen, als durch Vorbildverhalten von uns Erwachsenen: wie wir mit anderen umgehen und auch mit dem Kind selbst. Die Art, wie andere Menschen dem Kind begegnen, mit ihm interagieren und es behandeln, prägt das Bild über soziales Verhalten. Wenn wir wollen, dass unsere Kinder freundlich zu anderen sind, nicht übergriffig und langfristig sozial agieren, müssen wir uns fragen, wie wir diese Werte im Alltag transportieren. Wir können uns Fragen stellen wie:

  • Wie begegne ich dem Kind respektvoll?
  • Wie fasse ich es an?
  • Wie reagiere ich auf Fragen, Wünsche, Bedürfnisse?
  • Wie spreche ich mit dem Kind und lasse ich es ausreden oder fahre ich ihm über den Mund? In welchem Tonfall und welcher Lautstärke rede ich mit meinem Kind?
  • Reiße ich meinem Kind die Dinge aus der Hand, wenn ich etwas haben möchte, oder bin ich geduldig?
  • Erkläre ich Dinge ruhig, oder handle ich einfach anstatt zu reden?

Wenn wir uns die Frage stellen, wie unsere Kinder sind und sein sollen, sollten wir zunächst darauf schauen, wie wir sind.
Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

Frustration: Mein Kind will, kann aber noch nicht

Wir alle kennen es: Situationen, in denen wir merken, dass das Kind etwas tun möchte, aber noch nicht kann. Das Baby, das sich vom Rücken auf den Bauch drehen möchte, den Kopf auf die Brust zieht, das Bein anknickt und sich mit einem Ächtzen versucht, umzudrehen. Das Kind, das die ersten Schritte machen möchte, aber sich scheinbar nicht traut, loszugehen. Das größere Kind, das ein Wort schreiben möchte, aber die Buchstaben sich einfach nicht formen wollen lassen. – Je nach Temperament des Kindes sind die Kinder unterschiedlich im Ausdruck ihrer Frustration und schimpfen oder schreien. Viele Eltern sind dann verunsichert: Soll das Kind weiter probieren oder soll ich eingreifen?

Es geht nicht nur um das Ziel, auch um den Weg

Der Lernprozeß, die Lücke zu schließen zwischen dem, was ein Kind ohne Hilfe bewerkstelligen kann und dem, wobei es noch Hilfe braucht, wird als Scaffolding bezeichnet. Wir kennen dies aus vielen Bereichen des Alltags mit Kindern und in der Begleitung über die Jahre hinweg wird es uns immer wieder begegnen. Manchmal sind Eltern versucht, die Anstrengungen des Kindes einfach zu beenden und selber tätig zu werden: Das Baby, das sich umzudrehen versucht, wird einfach auf den Bauch gelegt, das Kind, das nicht alleine laufen kann, wird an beiden Händen geführt und dem Kind, das die Buchstaben noch nicht so formen kann, wie sie eigentlich aussehen sollen, wird der Stift aus der Hand genommen, um als Erwachsener selber schnell zu schreiben. Dies erscheint uns Erwachsenen oft als einfache Lösung, denn scheinbar haben wir das Problem des Kindes gelöst. Manchmal werden die Kinder aber gerade dann erst besonders ungehalten und Eltern fragen sich: Aber es hat doch jetzt genau das, was es haben wollte? Nicht selten führt eine solche Situation dann zum Streit. Übersehen wurde dabei nämlich, dass es nicht nur um das Ziel geht, sondern auch um den Weg.

Hilfe, es selbst zu tun

Kinder wollen lernen und ihre Fertigkeiten ausbauen – jeden Tag in vielen Situationen. Manchmal kennen sie noch nicht den richtigen Weg, um zum erwünschten Ziel zu kommen, aber sie wollen auch den Weg kennenlernen, um nachhaltig zu lernen und dieses Ziel immer wieder erreichen zu können oder sogar darauf aufbauend noch weitere Fertigkeiten lernen. Gleichzeitig sind sie frustriert, wenn es nicht funktioniert. Die Aufgabe der Eltern ist es nun, einzuschätzen, ob das Kind mit eigenen Mitteln doch noch das Ziel erreichen kann oder ob es eine Hilfe braucht. Diese Hilfe meint aber nicht, dem Kind die Aufgabe abzunehmen, sondern vielmehr im Sinne von Maria Montessoris „Hilf mir, es selbst zu tun!“ das Kind darin zu unterstützen, das Problem allein zu bewältigen.

Was also können wir tun? Zunächst müssen wir beobachten: Ist dies eine eventuell schaffbare Situation für das Kind? Was braucht es für Unterstützung, um es selbst zu schaffen? Kann ich das sich drehende Kind unterstützen, in dem ich ihm zeige, wie es sich noch mehr runden kann, um in die Drehung zu kommen? Kann ich dem laufenden Kind anbieten, dass es meine Hand auf der für das Kind passenden Höhe halten kann? Kann ich das schreibende Kind mit Schwungübungen unterstützen, damit die Buchstaben runder werden?

Selbstwirksamkeit fühlen

Wenn das Kind die Aufgabe mit etwas Hilfe selbst bewältigen kann, fühlt es sich selbst wirksam: Es macht die Erfahrung, aus eigenem Antrieb heraus etwas zu verändern, zu schaffen. Es freut sich. Diese Freude können wir teilen durch ein Lächeln, Worte der Beschreibung „Du lachst! Freust du dich, dass du es geschafft hast?“ und Anteilnahme an der Freude des Kindes. Wir müssen nicht zwangsweise mit Worten loben, sondern wirklich sehen und Anteil nehmen an dem Fortschritt und der Entwicklung, die das Kind gerade jetzt gezeigt hat.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

Wie wir Zeit oder zumindest Streit einsparen, wenn wir uns in unsere Kinder hineinversetzen

„Jetzt stell dich doch nicht so an!“, „Komm, mach mal schnell!“, „Ist doch jetzt wirklich nicht so schlimm…“ – In unserem Alltag haben wir immer wieder Situationen, die wir als Erwachsene ganz anders einschätzen als unsere Kinder es offenbar tun. Situationen, in denen unsere Kinder aus unserer Sicht „falsch“ oder „überreagieren“. Situationen, von denen wir denken: Das ist doch eigentlich kein Problem. Wir müssen doch nur mal kurz… Aber aus diesem „kurz“ wird dann ein „lang“, weil wir damit umgehen müssen, dass das Kind die Situation nicht annimmt, sich nicht einfügt, vielleicht in einen Gegenwillen geht. Dabei hätte es doch so schnell gehen können, denken wir.

Kinder sind nicht wie Erwachsene. Sie denken nicht wie Erwachsene. Gerade bei Kleinkindern dominiert die Gefühlswelt noch im Handeln und in den Reaktionen und die Kinder können sich nicht in unsere erwachsenen Gedanken, Absichten und Handlungsabfolgen hineinversetzen. Während wir denken „Wir gehen mal ganz schnell kurzfristig los, um noch eben Äpfel zu kaufen, weil der Laden gleich zu macht.“ denkt das Kind nicht daran, dass es morgen keinen Apfel zum Frühstück haben wird, sondern fühlt sich vielleicht übergangen in der Selbständigkeit, wenn es nun schnell Schuhe und Jacke angezogen bekommt. Oder es wollte doch eigentlich gerade noch weiter spielen. Die Wut kommt auf, das Kind macht nicht mit und die Situation wird zu einem Problem.

Im Alltag mit Kleinkindern gibt es meistens kein „Ich mach mal schnell und das Kind macht mit“. Es hilft uns, wenn wir diesen Gedanken als Option einfach streichen. Wir gewinnen in den meisten dieser Fälle keine Zeit, können nicht das Gewünschte durchführen, dafür kommen wir oft in Stress und Streit. Das ändert sich wieder, wenn unsere Kinder sich mehr in uns hinein versetzen können und einen besseren Überblick über Abläufe und Pläne haben.

Alternativ aber können wir doch zu unserem Ziel kommen, wenn wir nämlich nicht planen, dass das Kind unsere Pläne kurzfristig und selbstverständlich mitmacht, sondern wenn wir aus der Kinderperspektive von Anfang an denken. Das bedeutet, dass wir vorher abwägen:

  • Ist das eine Tätigkeit, die überhaupt in der aktuellen Verfassung meines Kindes jetzt problemlos umgesetzt werden kann?
  • Wie wird sich mein Kind dabei fühlen?
  • Welche Herausforderungen gibt es hierbei (anziehen, fehlende Selbstbestimmung, Reize wie Wärme oder Kälte, Spiel unterbrechen,…) und wie kann ich diese Probleme umwandeln, so dass sie nicht zu einem Streit führen?
  • Gibt es kleine Punkte, an denen ich durch geringe Änderungen das Interesse meines Kindes gewinnen kann („Du schiebst dann den Einkaufswagen.“ „Du kannst aussuchen, was wir zum Frühstück kaufen.“ „Komm, wir probieren heute einfach aus, barfuß zu gehen.“…)?

Oft lässt sich durch das Mitdenken und Vordenken ein Streit umschiffen. Wenn wir Glück haben, können wir mit diesem Vorgehen Zeit einsparen. Zumindest aber können wir damit oft eine kräftezehrende und anstrengende Auseinandersetzung vermeiden. Und ja: Manchmal ist es nicht möglich, manchmal müssen wir wirklich kurzfristig eine Entscheidung treffen und die Kinder müssen mitmachen. Aber ganz oft geht es eben auch anders. Und dadurch konfliktärmer – und das ist für einen stressigen Alltag doch auch ganz schön.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

Erziehung ist doch ganz einfach!?!

Patsch, patsch, patsch – eine kleine Hand wischt am Morgen durch das Gesicht. Es ist noch dunkel, während die Stimme piepst „Ich mag spielen.“ Der Tag beginnt zu früh nach einer zu kurzen Nacht, denn abends musste noch gearbeitet und das Nötigste aufgeräumt werden. Nur das Nötigste, denn #gutgenug reicht. Und muss es auch, denn für mehr fehlt gerade die Zeit. „Hunger!“ tönt es kurz darauf, also wirklich aufstehen und nicht eben noch ein wenig im Bett spielen lassen. Frühstück machen. Gesund soll es sein, wo früher einfach auf den Tisch kam, was gerade noch da war. Anscheinend gesund, aber nicht lecker: Ein Teil des müde geschmierten Brotes landet auf dem Boden. Kind lacht und schiebt den Teller weg. Oder ist es einfach nur satt? Was heißt eigentlich dieses Runterwerfen von Essen? Vielleicht sollte ich es mal nachlesen oder jemanden fragen? Satt, eklig, Spaß, Machtkampf? Nicht ärgern, ist ja nur ein Kind. Aber als ich Kind war – lieber nicht drüber nachdenken. „Spielen!“ Schnell etwas wegräumen, dann Zähne putzen. Oje, will wieder nicht. Aber Karies! Soll ich das Kind festhalten? Nein, das fühlt sich nicht gut an, das zu denken. Aber Karies! Die Angst, dass das Kind krank werden würde. Manchmal ist sie so groß, dass darüber lange gegrübelt wird. Oder diskutiert. Ein weiterer Grund, um abends schlecht zu schlafen. Das Kind windet sich, mit einem lustigen Lied und Handpuppe geht es aber doch. Einfach allein auf die Toilette gehen wäre auch schön. Aber meistens sitzt da ein Kind daneben, mehr oder weniger interessiert. Und beim Duschen. Das Kind spielt mit dem kuscheligen Drachen-Waschlappen.

„Selber anziehen!“ Dann eben doch wieder nicht zusammenpassende Sachen – ist ja auch egal. Nur Oma würde es furchtbar finden. Geduld. So viel Geduld wie in kaum einem Job gebraucht wird. Oje, warum ist das Kind jetzt wütend? So früh am Morgen und trotzdem schon so viel Energie verbraucht für Gespräche, für Beruhigung – und eben Geduld. Es wäre toll, jetzt einfach mal auszuruhen, kurz durchatmen. Vielleicht mache ich mir doch einen Tee. In der Zwischenzeit räumt das Kind die unterste Küchenschublade aus. Sind extra nur Dosen, damit das kein Problem ist. Irgendwie muss ja auch mal gekocht werden und das Kind will in der Nähe sein. Kurz durchatmen bevor das Spiel doch langweilig wird. Kurz auf das Handy sehen. Gerade mal 10 Uhr. Fühlt sich an wie nachmittags.

„Spielen!“ Machen wir. „Nein nicht so, so ist doof. Du musst…“ Immer soll ich spielen, wie es das Kind mag. Versuche, Kompromisse auszuhandeln. Nebenher die Einkaufsliste im Kopf durchgehen, lieber doch auf Papier bringen. Das Kind findet das weniger schön und greift über den Tisch nach dem Stift. Leider fällt der Tee um. Zum Glück nicht mehr heiß. Trotzdem. „Verdammt nochmal!“ Oh nein. Geflucht. Und laut gewesen. Ich will das doch nicht. Es ist manchmal so schwer.

Zusammen einkaufen und darauf achten, dass wirklich nur im Wagen landet, was soll. Nicht die Nörgel-Dinge. Erklären, erklären, erklären. „Ja, würde ich kaufen, aber leider zu teuer.“/“Wir haben schon das andere im Wagen.“/“Okay, dieses, aber mehr auch nicht.“ Maske drauf lassen. Meine auch. Wieviele Worte habe ich heute schon gesprochen? Das Kind weint. Was ist passiert? In den Arm nehmen, trösten. Aber warum eigentlich? Kind sagt nichts und weint. Weiter trösten, auch wenn unklar ist, warum. Schließlich beruhigt doch weiter gehen. „Kannst du etwas schneller laufen, der Einkauf ist so schwer!“ Okay, dann eben eine Pause, um der Ameisenstraße zuzusehen. Immerhin: Heute keine Termine, also kein Zeitdruck. An anderen Tagen schon. Zu Hause stehen die Dosen noch in der Küche auf dem Boden, kann gleich weiter bespielt werden, während der Einkauf weggeräumt wird. Mittagessen kochen zusammen: Das Kind darf mitrühren, mitmachen. Geduld haben, Geduld. Es übt sich in der Motorik, nichts funktioniert von Anfang an. Zum Ende des Essens landen wieder Nudeln auf dem Boden.

Danach: Mittagsschlaf. Buch vorlesen – wieder das gleiche Buch wie seit einer Woche. An der selben Stelle wird gelacht, die selben Fragen gestellt. Und schließlich schläft das Kind ein. Kurz der Stille zuhören. So gerne einfach mitschlafen wollen. Aber eigentlich muss unter dem Esstisch gewischt werden. Und Mails beantworten. Fenster putzen? Nur kurz unter dem Esstisch wischen und sich dann doch neben das Kind legen. Eingeschlafen. Oje, so spät! Das wird ein langer Abend.

Ein wenig draußen spielen auf dem Spielplatz mit langem Spaziergang. Das macht vielleicht auch müde? Lachen über ein Bild an der Wand, verkleckertes Eis auf dem Shirt und glückliches Kindergesicht. Auf dem Spielplatz auf Abstand achten und trotzdem dem Kind ein gutes Gefühl geben. Hochgezogene Augenbrauen, weil ich zu lange auf das Smartphone starre und google „Kind wirft immer essen runter“. „Komm wir gehen nach Hause!“ „Ich kann nicht mehr laufen!“ Okay, es ist ja noch klein. Aber doch ganz schön schwer, so ohne Trage. Abendessen: „Wenn du satt bist, sag einfach Stopp.“ Hat heute noch nicht geklappt, vielleicht morgen. Zähne putzen mit Zahnputzlied. Vielleicht leihe ich ein neues Zahnputzbuch in der Bibliothek aus. Nachher mal online sehen, ob ich es reservieren kann.

Das Kind ist nicht müde. Im Bett spielen und kuscheln und lesen. Ein wenig in einer Zeitschrift blättern, während das Kind spielt. Und schließlich kuschelt es sich ein. Es ist spät. Das Kind ist warm und weich und duftet nach meinem Kind. Wie sehr ich es liebe. Und wie anstrengend manche Tage sind. Noch schnell das Buch reservieren, ein paar Mails checken und neue T-Shirts fürs Kind bestellen, damit man nicht in den Laden muss. Jetzt. Wer weiß wie lange. Den Kalender durchgehen, Sachen für morgen bereit legen. Kurz mit der Freundin chatten. Tee trinken. Und einschlafen, neben dem kleinen Kind. Und morgen? Da probieren wir es mal weiter mit dem „Nicht auf den Boden werfen.“. Und lachen und trösten und lieben und weinen und hüpfen und tragen. Und sind Familie.

Eltern sein kann wunderschön sein. Und manchmal auch so schwer. Eltern sein besteht aus vielen Handgriffen jeden Tag. Es besteht aus Körperlichkeit und Nähe: einen anderen Menschen ganz nah an sich heranlassen – innerlich und äußerlich. Und ihn – selbst wenn er schon scheinbar groß ist – auf den Arm nehmen, einzukuscheln und körperlich zu zeigen: Ich bin da. Es besteht darin, die Signale eines kleinen Menschen zu lesen, zu interpretieren, zu verstehen und richtig umzusetzen. Manchmal schleichen sich Fehler ein. Das ist normal, macht es aber nicht einfach. Und die eigenen Bedürfnisse damit auch zu vereinbaren, ist manchmal eine Herausforderung. Nicht in Schieflage zu geraten auf der einen oder anderen Seite. Denn wenn die Eltern erschöpft sind, können auch Bedürfnisse des Kindes nicht erfüllt werden. Und dann mit den Stimmen der eigenen Kindheit umgehen, die es manchmal ganz anders anraten: „Nein, du verwöhnst das Kind!“ flüstern sie zu. „Das Kind wird ein Tyrann!“ oder „Dir hat ja auch nicht geschadet…“ Es ist Arbeit, mit diesen Stimmen umzugehen. Es ganz bewusst anders zu machen. Manchmal braucht es eine fachliche Begleitung und Zeit. Und auch das Begleiten der kindlichen Gefühle ist nicht immer einfach: ein wütendes Kind begleiten, ein trauriges Kind lange trösten. Ein müdes Kind, das nicht einschlafen kann, begleiten.

Kinder sind wunderbar, mit all ihren Facetten. Aber es ist dennoch nicht einfach, all das zu begleiten. Es braucht Kraft, Mut, Vertrauen, Verständnis, Unterstützung, Selbstfürsorge, Selbstvertrauen, Reflexionsfähigkeit, Zeit, Nähe, Kommunikationsfähigkeiten – und noch viel mehr. Je nach Familie, je nach Kind. Es ist jeden Tag eine ganz besondere Tätigkeit, Kinder zu begleiten.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

Toben und wild sein

Kinder sind Kinder. Sie hüpfen, rennen, balancieren und kugeln sich auf dem Boden. Je nach Temperament setzen sie das stärker oder schwächer um, sind dabei forscher oder schüchterner. Dass sie all das tun, ist aber Teil ihrer Entwicklung: Nachdem sie das Laufen erlernt haben, lernen sie auch die Feinheiten der Fortbewegung, die schnellen und ruhigen Arten und lernen, mit ihrem Körper auf ganz unterschiedliche Art umzugehen. Im Alltag suchen sie sich dafür ihre Räume und Möglichkeiten: Klettern auf kleine Mauern, um darauf zu balancieren, rollen sich einen Hügel seitwärts hinab im weichen Gras. Was aber, wenn diese Möglichkeiten wegfallen, weil die Kinder mehr zu Hause sind?

Das Bedürfnis nach Bewegung

Dass Kinder ein Bedürfnis nach Bewegung haben, ist normal. Auch wir Erwachsene haben es, auch wenn sich unser Bedürfnis nach Bewegung über die Jahrzehnte verändert hat, wie vielleicht durch die Erfahrungen des Stillsitzens und der langen Schreibtischarbeit, durch die wir diesem Bedürfnis weniger nachkommen (zum Teil mit gesundheitlichen Folgen). Wir können durch Bewegung Stress abbauen, die motorische Entwicklung unterstützen, ebenso wie die Gesundheit. Unsere Kinder kommen diesem Bedürfnis in ihrem Alltag nach, im Spiel, während wir Erwachsene dafür eigene Räume und Anlässe haben wie gezielte Sportangebote. Der Sport- und Bewegungswissenschaftler Dr. Dieter Breithecker erklärt, dass Kinder „zum Aufbau ihrer organischen Funktionen eine tägliche Belastungseinheit von mindestens (!) zwei Stunden“ benötigen.

Raum für Bewegung

Im Alltag haben die Kinder normalerweise eine Vielfalt an Möglichkeiten, um dieser körperlichen Belastung nachzugehen: Sie rennen mit Freund*innen, sie balancieren und klettern auf dem Weg zur Kita/Schule oder auf dem Spielplatz, sie hüpfen vor Freude oder rutschen ein Treppengeländer hinunter. Sie raufen und balgen mit Geschwistern und Freund*innen – nicht eines kriegerischen Kampfes wegen, sondern weil sie durch das Toben ihre Fertigkeiten ausbauen und wichtige Erfahrungen machen. Gerade das Toben unter Kindern ist für sie auch von besonderer Bedeutung: Hier erfahren sie, mal stark oder schwächer zu sein in Auseinandersetzung mit anderen Kindern, spüren Kraft und Ausdauer, Fairness, Regeln, Grenzen zu benennen und bei anderen zu bewahren, sich bei Grenzverletzungen zu streiten und wieder zu vertragen. Sie lernen, mit Impulsen umzugehen und Kanäle für Aggressivität zu finden. Es ist normal, dass Kinder miteinander toben und kämpfen und das auch einen Raum in ihrer Kindheit hat. Diese normalen Impulse der Kinder zu unterdrücken mit einem „Kämpfen/Toben ist doof!“, „Wir kämpfen/toben nicht.“ oder gar einer geschlechtsstereotypen Zuordnung wie „Mädchen kämpfen/toben nicht!“ kann Kinder in ihrer Entwicklung beeinträchtigen. Auch das Toben mit Erwachsenen kann für Kinder manchmal eine Bereicherung sein, wenn sie sich daran erproben und gelegentlich auch Oberhand gewinnen, die sonst vorherrschende Machtverteilung umkehren können.

Kinder brauchen diesen Raum für das wilde Spielen. In unserem Alltag geben wir dem manchmal wenig Raum – im wahrsten Sinne des Wortes, wenn Kinder sich in den Wohnungen nicht kindgerecht bewegen dürfen, wenn das Trampeln und Hüpfen verboten ist oder es keine Orte gibt, an denen balanciert und gesprungen werden darf. Gerade jetzt, wo die Bewegungsfreiheit und die Bewegungsmöglichkeiten eingeschränkt sind und auch das Toben mit anderen Kindern nur bedingt möglich ist, können Kinder darunter leiden, in ihrem Bewegungsbedürfnis eingeschränkt zu sein. Angeleitete Sportangebote unter elterlicher Aufsicht können nur bedingt das freie Bewegen und Ausprobieren ersetzen. Deswegen ist es wichtig, auch dafür Räume zu schaffen, beispielsweise durch:

  • die Möglichkeiten, sich zu Hause nach Bedarf bewegen zu können, beispielsweise auf dem Bett zu hüpfen oder einen Kletterparcours aufbauen zu können mit Stühlen
  • keine oder nur geringe Einschränkungen in Bezug auf die normalen Bewegungsbedürfnisse wie das Hüpfen und Rennen (ggf. mit den Nachbarn klären, Aushang im Haus und Ruhezeiten)
  • das Angebot des wilden Tobens mit Eltern, wenn andere Kinder hierfür nicht verfügbar sind,
  • Besuche im Wald oder der Natur, wenn Spielplätze geschlossen sind, damit Kinder sich ungezwungen bewegen können,
  • gemeinsame Bewegungsspiele, spontaner Tanz

Auch wenn es unserer erwachsenen Erwartungen und Vorstellungen manchmal nicht entspricht und ein wild tobendes Kind auch eine akustische Herausforderung ist, sind Toben und Bewegung für Kinder von besonderer Bedeutung und wir müssen dieses Bedürfnis in unserem Alltag berücksichtigen.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

Mit den starken Gefühlen meines Kindes umgehen

Die Gefühlswelt von Kindern ist groß und schillert in vielen Facetten. Anders als bei uns Erwachsenen, können sie die vielen unterschiedlichen und starken Gefühle aber noch nicht gut regulieren und sind auf uns und unsere Co-Regulation angewiesen: Anders als Säuglinge schaffen es Kleinkinder schon mehr, ihre Bedürfnisse etwas aufzuschieben, mehr zu kooperieren und fangen an, auch die Perspektive der Eltern einzunehmen, aber viele Gefühle werden noch sehr intensiv ausgelebt und können nicht gut eingeordnet und verarbeitet werden. Das liegt vor allem an der Gehirnentwicklung: Das Fühlen und überlegte Denken des Kindes ist noch nicht wie bei erwachsenen Menschen miteinander verbunden, weshalb sie noch impulsiv reagieren. Erst durch die Einordnung und Begleitung durch Erwachsene lernen Kinder nach und nach mit Gefühlen umzugehen und bilden ein Muster für den Umgang mit den einzelnen Gefühlen aus.

Gefühle wollen begleitet werden

Allein ist es dem Kind noch nicht möglich, die starken Gefühle, die es wahrnimmt, einzuordnen. Es braucht dafür andere erwachsene Bezugspersonen, die

So lernt es zunehmen, mit den Gefühlen umzugehen, sie wahrzunehmen, einzuordnen und einen passenden Ausdruck dafür zu finden. Hilfreich kann es auch sein, abseits von aktuellen Gefühlssituationen, passende Bücher über die Bandbreite von Gefühlen gemeinsam anzusehen. Lehnen wir hingegen bestimmte Gefühle bei dem Kind ab, unterdrückt es diese zunehmend und bildet keinen guten Zugang zu ihnen aus, lehnt sie bei sich selbst und anderen ab, was sich auf die Selbstwahrnehmung und Interaktion mit anderen auswirkt. Zeigen wir keine Umgangsmöglichkeiten mit Gefühlen auf und helfen dem Kind nicht, einen guten Umgang mit starken Gefühlen zu finden, hat das Kind Schwierigkeiten, selber gute Strategien auszubilden und kann somit schuldlos immer wieder an gesellschaftliche Konventionen anstoßen.

Gefühle übersetzen

Während es auf der Seite des Kindes wichtig ist, dass wir Eltern dem Kind die Gefühle erklären, sie begleiten und benennen, ist es auf der anderen Seite auch für uns Eltern wichtig, uns selbst das Verhalten des Kindes zu erklären und den Ausdruck der Gefühle zu übersetzen: Was zeigt mein Kind mit seinem Verhalten? Was braucht es gerade, wenn es wütend, traurig oder freudig ist?

Es ist ebenso wichtig, die Freude eines Kindes zu begleiten und sich mitzufreuen, wie Wut oder Angst zu begleiten. Allerdings erscheint es uns manchmal einfacher, die Freude zu teilen, als die Angst eines Kindes anzunehmen, zu verstehen, dass es jetzt ein Gefühl von Sicherheit braucht, auch wenn wir als Erwachsene die Situation nicht als ängstigend einschätzen. Auch hier gilt: Zunächst nehmen wir das Gefühl des Kindes respektvoll an, zeigen mit unserem Verhalten Beruhigungsstrategien auf und zeigen dadurch gleichzeitig, dass dies keine Situation ist, in der das Kind sich ängstigen muss. So erlernt es nach und nach Kompetenz im Umgang. Ist es doch eine Situation, in der Angst angebracht ist, lernt das Kind durch unser Vorbild einen respektvollen Umgang mit der Situation.

Gerade in Situationen, die Kinder noch nicht gut überblicken können, die neu sind, in denen Veränderungen eingetreten sind (vielleicht sogar plötzlich), können Kinder starke Gefühle zeigen. Das ist in einer solchen Situation, die vielleicht auch für die Eltern noch neu und übersichtlich ist, besonders anstrengend. Dennoch ist es aber wichtig, diese starken Gefühle des Kindes als Ausdruck dieser Verunsicherung oder Umgewöhnung zu sehen und sie weder abzulehnen/zu unterdrücken, noch ins Leere laufen zu lassen. Gefühle wollen begleitet werden, damit Kinder zunehmend gut selbständig damit umgehen können.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

„Aber ich will JETZT mit Dir spielen!“

Da steht das Kind auf einmal neben dem Schreibtisch. „Kommst Du spielen?“ „Nein, ich muss noch eben hier diesen Text zu Ende…“ „Aber ich will JETZT mit Dir spielen!“ Solche und ähnliche Situation finden sich viel – jeden Tag im Alltag von Familien und gerade jetzt in Zeiten des Homeoffice. „Aber ich muss jetzt noch das zu Ende machen. Kannst Du nicht kurz warten?“ – Und während wir noch auf eine Antwort warten, tippt das Kind schon verärgert auf die Tastatur und löscht vielleicht die letzten geschriebenen Worte. – Unser erwachsenes Denken übersieht manchmal die kindlichen Möglichkeiten und ein Streit zwischen Kind und Elternteil beginnt, denn mit dem Aufschieben von Bedürfnissen ist es oft gar nicht so einfach.

Natürlich ist es eine Frage des Alters, wie Kinder mit dieser Situation umgehen – und eine Frage der Entwicklung. Denn was wir eine einfache kleine Aufforderungen des arbeitenden Elternteils aussieht, erfordert vom Kind eine sehr komplexe Auseinandersetzung mit dem Gegenüber und lässt sich mit einem „einfach warten“ nicht abtun. Um „einfach warten“ zu können, muss das Kind folgende Leistungen erbringen: Es muss sich in sein Gegenüber hineinversetzen und verstehen, dass es gerade eine nicht aufschiebbare Arbeit verrichtet. Diese Art des Hineinversetzens findet sich bei Kindern etwa im Alter von 4 Jahren. Dazu braucht es ein Verständnis für die Erwerbsarbeit und das Konzept Erwerbsarbeit (bzw. im Falle einer anderen Tätigkeit im Haushalt oder ähnlichem darin). Es braucht ein Verständnis von Zeit, um den Zeitraum, den das Elternteil für die Erledigung der Arbeit angibt, zu verstehen. Bestenfalls lässt sich das erreichen durch den Einsatz von einem Wecker und einer Eieruhr: „Wenn die Uhr klingelt, bin ich fertig.“ Das Kind muss fähig sein, das Bedürfnis aufzuschieben und die Frustration über das Aufschieben kontrollieren können (Impulskontrolle).

Was für uns Erwachsene also wie eine kleine Bitte aussieht, ist für Kinder eine sehr komplexe Aufgabe mit Entwicklungsschritten, die erst zum Ende der Kleinkindzeit/im Vorschulalter entwickelt werden. Es ist nicht verwunderlich, dass es daher Unstimmigkeiten zwischen Eltern und Kinder gibt, wenn Kleinkinder genau jetzt etwas spielen wollen, aber Eltern jetzt noch etwas zu Ende machen müssen. Was helfen kann: Den Zeitraum des JETZT genau umreißen (siehe oben), das Kind in die Tätigkeit am Schreibtisch einbinden (ihm eine Aufgabe dort geben wie Stifte sortieren, stempeln,…) oder dem Kind für die Zeit der Überbrückung eine andere Aufgabe geben: „Wenn Du gleich mit mir spielen möchtest, hol doch bitte schon eimal die Bausteinkiste herüber.“ Wichtig ist vor allem, sich immer wieder in die noch begrenzten Möglichkeiten der Perspektivübernahme einzufühlen, damit wir das Kind nicht durch Überforderung frustrieren und so die weitere Entwicklung des gegenseitigen Verständnisses negativ beeinflussen.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

3 Ideen, um emotional aufzutanken im Alltag

Gerade dann, wenn unser Alltag angefüllt ist mit vielen Dingen und vielleicht etwas weniger Zeit und Energie für die Kinder vorhanden ist, ist es gut, ganz bewusste Pausen für und mit Kindern einzubauen. Nicht erst, wenn sie durch ihr Verhalten oder Bitten darauf hinweisen, dass sie jetzt unbedingt Nähe und Zuwendung brauchen, sondern bereits früher, um zu signalisieren: „Ich bin da. Ich sehe Dich und Dein Bedürfnis nach Zuwendung. Du kannst Dir sicher sein, dass ich mich auch in stressigen Zeiten um Dich kümmere.“ Jede Familie findet – je nach Temperament und Bedürfnissen – ihren eigenen Weg für passende Rituale. Hier gibt es einige Anregungen für mögliche „Auftank-Momente“:

Vorlesen

Klassiker der gemeinsam verbrachten Zeit ist das Vorlesen einer Geschichte, die das Kind ausgewählt hat. Manchmal ist es gar nicht so einfach, bei einem Buch, das vielleicht schon viele Male vorgelesen wurde, gedanklich nicht abzuschweifen, sondern wirklich im Hier und Jetzt beim Kind zu bleiben. Kinder aber lieben Wiederholungen und die Vorhersagbarkeit von Geschichten, weshalb sie Lieblingsbücher immer und immer wieder vorgelesen haben wollen und das gerade auch in emotional schwierigen Zeiten für sie eine gute Ressource sein kann. Es ist also völlig in Ordnung und sogar gut, wenn die gleiche Geschichte immer und immer wieder gewünscht wird. Wenn das Kind doch kleine Planänderungen zulässt, können die Bilderbuchbetrachtungen auch mal variiert werden, beispielsweise indem die Tiere, die im Buch abgebildet sind, in der Spielzeugkiste gesucht werden oder Fragen das Geschehen im Buch erweitern.

Bindungsspiele

Gemeinsames Spielen kann jetzt eine gute Ressource für Kinder sein. Für Kinder ist es gut, wenn sie das Spiel wirklich selbst bestimmen können. Gerade jetzt sind sie in ihrer Selbstbestimmung an so vielem Stellen eingeschränkt, dass es gut ist, ihnen an den Stellen, an denen es möglich ist, das Gefühl zu geben, selbst wirksam zu sein: Was in einem gemeinsamen Auftank-Moment gespielt wird, bestimmt also das Kind. Die Entwicklungspsychologin Aletha J. Solter empfiehlt in ihrem Buch „Spielen schafft Nähe – Nähe löst Konflikte“ das Huckepackspielen für Eltern und Kinder, wobei die Kinder die Richtung angeben, in die sich die Eltern bewegen sollen. Bei solchen „Kontingenzspielen“ bei Traumata und Naturkatastrophen befolgen die Eltern die Regeln des Kindes, so dass das Kind nach und nach das Gefühl der Kontrolle über seine eigene kleine Welt zurückerlangt. Auch das Nachspielen mit Puppen oder Spielfiguren kann für Kinder hilfreich sein.

Massage/Streichelspiele

Liebevoller, respektvoller Körperkontakt ist eine Wohltat für Körper und Seele. Gerade dann, wenn Körperkontakt insgesamt weniger erfolgen kann, wie gerade jetzt, sind alle Momente für positiven Körperkontakt willkommen und das Kuscheln, Streicheln und Massieren kann Kinder beruhigen und entspannen, u.a. durch das dadurch ausgeschüttete Oxytozin. Oxytozin, das Kuschel- oder Bindungshormon, führt zu Entspannung, einem Gefühl der sozialen Verbundenheit, mildert Ängste, senkt den Blutdruck, verringert den Kortisolspiegel, verbessert die Wundheilung, regt (Nerven-)Wachstum an – genau das, was wir jetzt gerade brauchen.

Babys profitieren von einer regelmäßigen Massage am Morgen oder Abend, aber auch größere Kinder können die Streicheleinheiten genießen. Kindergartenkinder finden es oft toll, wenn eine Massage in eine kleine Geschichte verpackt wird, beispielsweise wenn auf dem Rücken ein neues Beet angelegt wird und erst einmal die Erde aufgelockert werden muss, dann werden die Samenkörner darauf mit zappelnden Fingern verteilt, dann wird alles mit beiden Händen zugedeckt und durch die Wärme gehen dann die einzelnen Blüten auf. Ein schöner Duft im Massageöl kann zusätzlich entspannen oder auch die Stimmung heben.

Und was sind Eure Strategien zum Auftanken?
Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

Weiterführende Literatur:
Solter, Aletha J. (2015): Spielen schafft Nähe – Nähe löst Konflikte. Spielideen für eine gute Bindung. – München: Kösel.
Mierau, Susanne (2017): Geborgene Kindheit. Kinder vertrauensvoll und entspannt begleiten. – München: Kösel.

Mein Kind macht nicht, was ich will

Manchmal ist es mit der Eigenständigkeit der Kinder ziemlich schwer: Auf der einen Seite sind sie manchmal nicht da selbständig, wo wir es gerade wünschen und auf der anderen Seite machen sie Dinge, die wir gerade nicht wollen. Manchmal stellt sich uns deswegen die Frage: Mache ich eigentlich alles falsch? „Funktioniert“ unsere Erziehung nicht, weil das Kind gar nicht das tut, was es gerade tun soll?

Kinder haben einen eigenen Entwicklungsplan

Das Handeln von Kindern wird insbesondere durch ihren eigenen Entwicklungsplan geleitet: Neugierde ist der Motor ihrer Entwicklung und sie bewegen sich beständig voran in der Entwicklung – nach ihrer Agenda. Zwar gibt es bestimmte Zeitfenster, in der Kinder neue Fertigkeiten lernen, aber ob gerade die Feinmotorik, die Grobmotorik, die Sprache oder das Sozialverhalten im Vordergrund steht, kann bei verschiedenen Kindern gleichen Alters durchaus unterschiedlich sein. Auch das Temperament bestimmt dabei stark, wie sich das Verhalten des Kindes zeigt: Ist das Kind besonders extrovertiert, neugierig und geht freudig auf andere Personen und Erfahrungen zu? Hat es vielleicht auch wenig Gefahrenbewusstsein und zieht sich seltener zurück? Oder ist es genau anders und vorsichtig, wenig aufgeschlossen, fürchtet sich eher vor neuen Dingen und reagiert auf Gefahr schnell mit Rückzug?

Es kann deswegen durchaus sein, dass es in unseren Augen so erscheint, dass das Kind nicht das macht, was wir uns wünschen, weil es gerade in einem eigenen Entwicklungsthema steckt. Das Kind „trödelt“ auf jedem Weg, weil es wahlweise klettert, balanciert, rückwärts läuft oder schleicht. Wir nehmen wahr: „Das Kind hört nicht auf mich, wenn ich sage, es soll sich beeilen!“ In Wirklichkeit hat das Handeln des Kindes aber nichts mit unserer Ansage zu tun, sondern mit dem Entwicklungswunsch des Kindes. Würde es das eigene Verhalten reflektieren und benennen können, würde es sagen: „Ich baue gerade meine Motorik aus und übe balancieren und unterschiedliche Arten des Laufens!“

Kinder denken und fühlen anders

Und auch in Bezug auf die Gefühlswahrnehmung und -verarbeitung sieht es bei Kindern noch ganz anders aus als bei uns Erwachsenen. Kinder haben bis ins Schulalter hinein Schwierigkeiten mit der Impulskontrolle. Gerade Kleinkinder sind noch besonders auf Co-Regulation angewiesen: Sie können noch nicht allein ihre Gefühle einordnen, verarbeiten und mit ihnen umgehen. Sie brauchen Erwachsene, die sie darin begleiten und den Gefühlen Worte geben, erklären, dass sie in Ordnung sind, die breite Palette an Gefühlen zum Leben dazu gehört, spiegeln, was sie wahrnehmen und ihnen schließlich gute Möglichkeiten vorstellen, wie sie diese Gefühle ausleben können: „Wenn du traurig bist, dann kann es sein, dass du weinen musst und es kann dir gut tun, von anderen in den Arm genommen zu werden.“ oder „Wenn jemand dich ärgert, wirst du wütend und deine Wut kannst du in Worte fassen, statt zu hauen oder du kannst ganz stark aufstampfen.“

Ihre Gefühle drücken Kinder lange anders aus als wir Erwachsene. Sie sind auf dem Weg, zu lernen, mit ihnen umzugehen. Auf uns mag es manchmal so wirken, als würden sie einfach nicht auf uns hören, wenn wir sagen oder denken: „Du musst doch deswegen nicht so ausflippen!“ Aber sie können wahrscheinlich noch nicht anders, als gerade jetzt genau so zu handeln. Es hat nichts damit zu tun, dass wir inkompetent wären als Eltern, wenn das Kind die eigenen Gefühle nicht so darstellt oder sich gefühlsmäßig so verhält, wie wir es wollen.

Hinter das Verhalten sehen

Es kann viele Gründe geben, warum Kinder sich nicht so verhalten, wie wir es uns wünschen. Das bedeutet nicht zwangsweise, dass etwas an unserem Erziehungsstil nicht richtig wäre oder wir als Eltern versagen, weil das Kind nicht auf das Wort folgt.

Wenn Kinder sich anders verhalten, als wir es wünschen und wir uns und unser Familienleben deswegen in Frage stellen, können wir unser Denken in drei Richtungen bewegen:

  • Was steckt hinter dem Verhalten des Kindes? Ist es gerade ein besonderer Entwicklungsschritt, ein Entwicklungsimpuls? Oder ist es „einfach“ der Umstand, dass unsere Erwartungen zu hoch gehängt sind und wir vom Kind Dinge erwarten, die es noch gar nicht so leisten kann?
  • Fordert das Kind mit seinem Verhalten nicht einen Entwicklungsraum, aber einen Beziehungsraum ein? Braucht es gerade mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung, weil es vielleicht innere oder äußere Rahmenbedingungen gibt, die es verunsichern, weshalb es mehr Nähe, Schutz und Zuwendung braucht und fordert dies durch sein Verhalten ein?
  • Welche Glaubenssätze leiten uns gerade, zu denken, dass wir als Eltern versagen, wenn das Kind nicht folgt? Warum haben wir das Gefühl, schlecht zu sein, wenn gerade keine Harmonie herrscht zwischen unseren Erwartungen und denen des Kindes? Haben wir unrealistische Glaubenssätze in uns verankert, die uns den Alltag erschweren wie „Kinder müssen gehorchen“ oder „Kinder müssen das machen, was Erwachsene sagen“ oder auch „Kinder dürfen uns nicht auf der Nase herumtanzen und Nicht-Befolgen von Anordnungen ist Herumtanzen“.

Unrealistische Erwartungen an das kindliche Verhalten zu korrigieren ist einfacher, als eigene Glaubenssätze zu verändern. Wir können uns anlesen, was Kinder wann können und lernen und warum ihr Verhalten manchmal Ausdruck ihrer eigenen Agenda ist. Zu verstehen, dass das Verhalten des Kindes aber nicht zwangsweise uns Eltern in Frage stellt, ist viel schwerer, weil es oft tief in uns verwurzelt ist, dass Kinder folgen müssen und das Nicht-Folgen als Scheitern der eigenen Fähigkeiten wahrgenommen wird. Dabei steht beides nicht zwangsweise in einem Zusammenhang.

Dein Kind macht gerade nicht das, was du willst. Schau also hin, warum es das tut, was es tut: Was ist sein Antrieb, was könnte sein Ziel im Verhalten sein? Entwickelt es Fertigkeit, fordert es gerade Aufmerksamkeit und Beziehung ein? Welche der beiden Fragen die Ursache für das Verhalten auch sein mag, ist die Antwort auf das Problem des „falschen“ Verhaltens: Beziehung. Wir müssen versuchen, die Handlungen zu verstehen und erkennen, dass das, was gerade passiert, kein Machtakt des Kindes ist, sondern ein Entwicklungs- oder Beziehungsthema. Es ist normal, dass Kinder manchmal anders handeln als wir es erwarten oder wünschen.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de