„Nein, meins!“ – Ich will genau dieses Spielzeug JETZT!

Zwei Kinder sitzen im Sandkasten, eines von ihnen spielt mit einem kleinen Trichter und lässt den Sand hindurch rieseln in eine kleine Wasserschüssel, wo der Sand sich sogleich mit Wasser voll saugt und zu Matsch wird. Wie hypnotisiert sieht das andere Kind einen Moment zu, steht dann auf, geht hinüber, und reißt den Trichter aus der Hand. Es entsteht ein Streit um den Trichter – beide wollen ihn haben. Aber steht wirklich der Besitz hinter diesem Streit? Eine ähnliche Situation, die sich oft in Kinderzimmern von Geschwistern abspielt: Das kleine Kind sieht dem größeren Geschwisterkind beim Spielen zu, rennt zu ihm, reißt das Spielzeug aus der Hand, rennt weg, spielt kurz damit und wirft es dann achtlos in die Ecke. Was passiert hier?

Das belebte Objekt

Wenn sich Kinder um einen Gegenstand streiten, denken wir oft, dass es um den Besitz geht. Wir denken, das andere Kind möchte dieses andere Ding haben, möchte es besitzen und wir regen dazu an, Sachen zu teilen, weil wir denken, es würde darum gehen, sich einen Gegenstand auszuleihen. Wenn der Gegenstand dann den Besitzer oder die Besitzerin gewechselt hat, ist das Interesse an dem Gegenstand auch oft schon verloren. „Aha, es ging nur darum, den eigenen Willen durchzusetzen!“ sind Eltern dann oft verleitet zu denken. Oft aber geht es, gerade bei Babys und kleinen Kindern, nicht um den Besitz und auch nicht darum, den eigenen Willen durchzusetzen, sondern um die Erfahrung, die dahinter steht. Dieses Wissen, das Verstehen des Kindes, kann verändern, wie wir mit einer solchen Situation umgehen und das Kind betrachten. Und selbst dann, wenn es manchmal um das Besitzen geht, lohnt sich ein Blick auf die wirklichen Gründe dahinter, warum Besitz ein wichtiges Thema für Kinder ist.

Entwicklungsressourcen

Das Kind, das den Trichter haben möchte, sieht das andere Kind, sieht wie es Freude hat bei dem Spiel und dass es damit eine spannende Erfahrung macht. Es sieht, dass das Kind etwas lernt, experimentiert. Genau das möchte es auch: lernen und experimentieren, sich weiter entwickeln, einen Entwicklungsvorteil erwerben. Wie so oft geht es auch hier um Ressourcen, dieses Mal um Entwicklungsressourcen. Es ist also keine böse Absicht des Kindes, es ist kein Machtspiel, sondern ein innerer Entwicklungsdrang, der hinter dem Verhalten steht.

Genau das erkennen wir auch dann, wenn das Kind das Spiel auf einmal beendet und das Spielzeug achtlos zur Seite wirft. Oft passiert das dann, wenn es dieses Spiel, das es gesehen hat, nicht nachahmen kann, wenn es nicht die gleiche Erfahrung damit machen kann wie das andere Kind. Vielleicht, weil es dafür noch zu klein ist, wie oft bei Geschwistern zu beobachten ist: Eben sollte es dieses Spielzeug noch unbedingt sein, nun ist es schon nicht mehr interessant, wo es doch endlich in der Hand gehalten wird.

Warum nur „teilen“ oft nicht hilft

Das andere oder größere Kind nur zum Teilen aufzufordern, bringt deswegen meist keinen Erfolg in einer solchen Streitsituation: Denn nur durch den Besitz des Gegenstandes wird der eigentliche Wunsch hinter dem „Habenwollen“ nicht erfüllt. Im schlechtesten Fall sind durch die Aufforderung des Teilens zwei Kinder frustriert: Das Kind, das teilen soll (und seinen Besitz abgeben muss, der für das ältere Kind sehr wichtig ist, siehe unten) und das Kind, das mit dem Gegenstand eigentlich nichts anfangen kann.

Hilfreich ist deswegen, wenn wir das andere Kind begleiten im Experimentieren damit oder von Anfang an Alternativen anbieten können bspw. bei Spielsachen, die doppelt vorhanden sind. Eltern, die sowieso mitspielen und im Sandkasten eine eigene Schaufel haben, können ihre Schaufel als Alternative anbieten. Andere Kinder zum Teilen aufzufordern, ist oft schwierig, denn es ist wichtig, auch sie nicht aus ihrem Spiel und ihrer aktuellen Entwicklung heraus zu reißen. Sie brauchen einen geschützten Raum, in dem sie sich in Ruhe beschäftigen dürfen und gerade unter Geschwistern ist es auch wichtig, eigenen Besitz zu haben, der nicht geteilt werden muss.

Besitz

Besitz ist in der Vorschulzeit etwas, das die eigene Position in der Gruppe stärkt oder auszeichnet. Geht es im Wegnehmstreit nicht um das Ausprobieren, kann auch der reine Besitz eine Rolle spielen. Auch hier geht es aber wieder um eine Entwicklungsressource und nicht um eine böse Absicht: Zu sehen, wohin ich gehöre, wie ich mich in der Gruppe bewege und welche Stellung ich habe. Manchmal nehmen Kinder anderen Kindern Dinge weg, um diese soziale Position zu hinterfragen und auszumachen. Auch dies ist normal und wichtig.

Kreativer Umgang mit Konfliktsituationen

Wie immer in Streitsituationen ist es gut, Kinder auch eigene Möglichkeiten und Lösungen finden zu lassen. Manchmal ist dies nicht möglich, und wir müssen eingreifen, um zu unterstützen. Langfristig ist es hilfreich, den Kindern zu vermitteln, dass nach gewünschten Dingen gefragt werden kann. Auch hier ist das Vorbildverhalten der Eltern wieder wichtig: Nehmen wir Dinge einfach aus der Hand oder fragen oder bitten wir zuvor?

Teilen ist ein wichtiger Meilenstein der Entwicklung, aber das freiwillige Teilen erwerben Kinder erst im Laufe der Zeit – es ist, wie viele andere Dinge, eine Frage der Entwicklung.

Deswegen ist es so wichtig, Kinder gut zu begleiten, sie anzuregen, aber nicht zu bestimmen. Wir können ein „gleich“ anbieten, ein „ausleihen“ oder auch einfach vermitteln: Es ist vollkommen in Ordnung, dass Du dieses Ding nicht teilen möchtest, wenn es so wichtig ist. Wir können erklären, dass beispielsweise nicht teilbare Dinge nicht auf den Spielplatz mitgenommen werden, um Konflikten vorzubeugen. Und wir können selber Vorbild sein im Teilen und dem Umgang mit eigenen Dingen, gerade wenn ein Kind etwas von uns Erwachsenen „einfach“ wegnimmt.

Betrachten wir solche Streitsituationen also wohlwollend einmal durch die Augen der Kinder. Dann wird uns klar, dass hinter solchen Streitsituationen keine böse Absicht steckt, kein Fehlverhalten und keine „schlechte Erziehung“, sondern dass sie vollkommen normal und wichtig sind für die kindliche Entwicklung. Und mit diesem Wissen wird es schon leichter.

Eure

 

7 Kommentare

  1. Unsere Dreijährige hat ganz viel Sandelzeug. Das hat sie nicht davon abgehalten, ein anderthalbjähriges Kind anzubrüllen, das versucht hat, ein nicht benutztes Förmchen zu nehmen. „Nein, du hast hier nichts verloren. Verschwinde. SOFORT!“ Mein Mann, der fremde Papa und das Mädchen waren erstmal sehr perplex. Ich weiß gar nicht genau, wie sie die Situation dann gelöst haben. Da ging es jedenfalls eindeutig um Besitz und „Revier“.
    Gestern hat sie mir dann auf dem Weg zum Spielplatz erzählt: “ Wenn ein Kind mein Sandelzeug will, muss es fragen. Dann könnten wir ja sogar zusammen spielen.“‚Vor einem Jahr konnte sie in so einer Situation hin und wieder noch schlagen. Eindeutig ein Entwicklungsschritt.

  2. Tamara Götz

    Aber wie handele ich denn jetzt wenn eine solche Situation unter Geschwistern vorkommt ?
    Wir haben oft das Problem. Wenn einer etwas hat, möchte der andere es auch.

    Manchmal gehe ich dazwischen und nimm es dann ganz weg bevor es so viel Ärger gibt.

  3. Henrike Niemeyer

    Liebe Susanne,

    Ich habe oft mit meinem 2 5 Jahre alten Sohn die Situation, das eine Freundin mit ihrer 2 jährigen Tochter ( eigentlich auch seine „Freundin“) zu Besuch kommt. Und es gibt immer Ärger, obwohl er immer nach ihr fragt. Ich kann nicht einschätzen, was es genau bei ihm ist. Besitz? Erfahrung?
    Es ist egal, was das Mädchen nimmt, sie darf es nicht „meins!!“ jedes Spielzeug, egal ob damit gespielt wird oder nicht, ein Apfel, den wir alle 4 essen und teilen, wenn das Mädchen auf meinen Arm möchte „meine Mama!“ sie darf hier wirklich NICHTS anfassen. Das geht mindestens die erst halbe Stunde so, dann spielt jeder meist für sich, weil mein Sohn klar gemacht,das Erd so möchte. Aber er fragt immer wieder, wann wir das Mädchen wieder treffen. Das verstehe ich nicht.
    Es ist so schade, da dann viel geschrien und geweint wird bei den Kindern.
    Ist das auch Besitz? Dafür ist er ja vielleicht noch etwas zu klein? Mag er sie einfach nicht?
    Es hilft dann auch nicht, ihm Alternativen zu bieten, zu erklären, das es auch seins bleibt und wir es nur ausleihen, das das Mädchen nur kurz damit spielt, auch ihm zu erlauben, DIESES und ein paar andere Sachen nicht teilen zu müssen, aber dafür das jenes. Nichts hilft.
    Hast du einen Rat?
    Danke

  4. Henrike Niemeyer

    Liebe Susanne,
    Vielleicht kannst Du mir einen Rat geben.
    Wenn Mein 2,5 jähriger Sohn Besuch bekommt von seiner Freundin (2 Jahre)
    dann darf sie bei uns zu Hause nichts anfassen, alles ist „meins, nicht anfassen“. Weder Spielzeug (auch solches, das er gerade gar nicht benutzt), noch mich (meine Mama!) oder den Apfel, den er eigentlich gerade nicht will. Oder oder oder
    Laut deines Textes ist er für diese typischen Besitz Geschichten ja noch zu klein. Es hilft leider auch kein anbieten von Alternativen, oder ein „sie spielt da nur ganz kurz mit, es bleibt deins“ oder ein „ich verstehe dich, das du das nicht teilen möchtest. Musst du auch nicht. Darf sie denn vielleicht mit dem anderen Spielzeug spielen?“
    Wenn er nicht selbstständig nach ihr fragen würde, wann Sie uns das nächste Mal besucht, würde ich denken er mag sie vielleicht einfach nicht Punkt sofern man das in dem Alter schon spüren oder empfinden kann Punkt aber wenn er Fotos sieht, sagt er immer: da ist meine Freundin, die mag ich.
    Was kann ich tun? Das ganze geht mindestens eine halbe Stunde, und danach spielt jeder allein vor sich hin und seine Freundin darf ihn dabei auch nicht stören.
    Hast du einen Tipp für mich?
    LG

    • Vielleicht könnt ihr vor dem Besuch darüber sprechen und festlegen, was vom Besuchskind bespielt werden kann und was lieber zur Seite gelegt werden soll?

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