Warum Kinder keine Supermütter brauchen

Ich bin keine Supermutter. Früher, ganz am Anfang der Elternschaft, da dachte ich einmal, dass ich das sein müsste. Da dachte ich, dass ich keine Fehler machen möchte. Dass ich alles ganz anders als meine Eltern machen möchte und vollkommen richtig. Dass mein Kind in einer Idylle aufwachsen soll ohne Probleme, weil ich seine Signale wahrnehme und prompt und immer richtig reagiere.

Dann kam das echte Leben. Ich merkte, dass das so einfach nicht ging, ohne mich zu verlieren. Die Müdigkeit, das Leben zwischen Job, Elternschaft, Partnerschaft. Es kamen Tage, an denen das, was meine Kinder wollen und das, was ich will, meilenweit auseinander liegen. Es kamen Tage, an denen ich einfach mal schlechte Laune habe und an denen ich keine selbst ausgedachten Ronja-und-Birk-Geschichten erzählen möchte (und schon gar nicht die dritte selbst ausgedachte Geschichte, weil einfach keine Ideen mehr in meinem Kopf sind). Tage, an denen ich nicht mit Fettflecken bekleckert herumlaufen und trotzdem seelig lächeln will. Damit kam zuerst dann auch das schlechte Gewissen: Na toll, was bist DU denn für eine Mutter? Wolltest Du das nicht alles ganz anders machen? Und dann, nach einer Weile, kam die Erkenntnis: Ja, wollte ich mal anders machen. Muss ich aber nicht. Denn ich muss keine Supermutter sein, denn Kinder brauchen keine Supermütter.

Der ständige Druck, nichts falsch zu machen in den ersten Jahren

Wir alle wollen immer das Beste für unsere Kinder. Sie sollen glücklich sein, geliebt, dazu noch gute Zukunftschancen haben und viele Freunde. Ständig und überall lesen wir, dass der Grundstein für all dies in den ersten Lebensjahren gelegt wird. Deswegen haben wir so große Angst davor, in dieser Zeit etwas falsch zu machen. Ein Fehler könnte sich auf das ganze Leben auswirken. Wir sind unter Druck wie wohl kaum eine andere Elterngeneration zuvor. All die Erkenntnisse aus der modernen Forschung scheinen aufzuzeigen, welch große Verantwortung wir besonders in den ersten drei Jahren unseres Nachwuchses haben. Studien sollen nachgewiesen haben, dass klassische Musik schon in der Schwangerschaft einen guten Einfluss auf die Intelligenzentwicklung haben soll. Und die Geburt muss natürlich auch perfekt sein, denn sie prägt das Kind in physischer und psychischer Hinsicht. Ist das Kind dann erst einmal da, sollen auch keine Zeitfenster der Entwicklung übergangen werden und manche Eltern geraten zwischen Frühenglisch und Babysport in regelrechte Terminschwierigkeiten. Und ganz nebenbei wird erwartet, dass Eltern immerzu liebevoll und zugewandt auf ihren Spross eingehen. Was von uns erwartet wird – oder was wir meinen, was erwartet wird -, ist mehr, als zu leisten möglich ist. Das schlechte Gewissen ist vorprogrammiert. Und das, obwohl das gar nicht sein muss.

„Zu gute Mütter“ sind schlechter als „hinreichend gute Mütter“

Der 1886 geborene britische Kinderpsychoanalytiker Donald W. Winnicott entdeckte bereits, dass „zu gute Mütter“ (too good mothers) keinesfalls das sind, was Kinder benötigen. Während das Baby am Anfang des Lebens mit seiner Mutter noch ganz verschmolzen und symbiotisch ist und Mütter bestenfalls prompt auf seine Bedürfnisse reagieren, brauchen Babys für ihre Entwicklung jedoch zunehmend auch ein gewisses Maß an Unzufriedenheit für ihre Entwicklung. Winnicott entdeckte, dass Mütter zunehmend weniger und weniger perfekt auf ihr Kind eingehen – und dies parallel zu den wachsenden Fähigkeiten des Kindes, damit umgehen zu können. Das bedeutet: Anfangs reagieren Mütter bestenfalls prompt und richtig auf das Baby. Mit der Zeit reagieren sie aber weniger schnell und lassen das Baby auch mal ein wenig quengeln, wenn es nicht an das Spielzeug heran kommt. Und dies hat eine ganz wichtige Bedeutung für die Entwicklung des Kindes: Es lernt nämlich dadurch, dass Bedürfnisse nicht sofort erfüllt werden müssen, sondern auch etwas aufgeschoben werden können. Hierdurch kann es auch lernen, sich selbst zu regulieren, weil es eigene Beruhigungsstrategien findet. Das Baby erfährt, wie man mit negativen Gefühlen umgehen kann. Auch kann es hierdurch zur weiteren Entwicklung angeregt werden: Wer sofort alles gereicht bekommt, wenn er etwas quengelt ist nicht darauf angewiesen, sich selbst zu bewegen. Ein gewisses Maß an Unzufriedenheit ist also durchaus als Motor der Entwicklung zu betrachten. Umgekehrt wird einem Baby, dem jeder Wunsch schon von vornherein „von den Augen abgelesen wird“, um die Fähigkeit gebracht, sich selbst zu verstehen. Es lernt keine Selbstwirksamkeit, weil es nicht erfahren kann, dass es sich auch selbst helfen kann und darf. Winnicott findet daher, dass die „good enough mother“ der „too good mother“ gegenüber vorzuziehen ist. Wir müssen also nicht Supermütter sein, sondern einfach nur hinreichend gut!

Was das Kind sonst noch lernt, wenn wir auch mal schlechte Laune haben

Doch nicht nur Beruhigungsstrategien und Selbstwirksamkeit lernt das Kind, wenn es im passenden Alter nicht sofort bespielt oder abgelenkt wird, sondern noch etwas ganz anderes Wichtiges: Wenn Mütter einfach normal und sie selbst sind und auch mal schlechte Laune haben oder angespannt sind, weil der Nachwuchs beim Essen das Glas zum dritten Mal über den Tisch gekippt hat, kann das Kind die verschiedenen Facetten von Beziehungen kennenlernen. Jede Beziehung besteht nicht nur aus einem einzigen Gefühl, keine Beziehung ist immer nur freudig und positiv. Kinder müssen auch erfahren dürfen, dass es in Beziehungen verschiedene Gefühle gibt, dass man andere auch mal negativ empfinden kann und sich dann wieder annähert. Wieder vertragen, zusammenfinden, Kompromisse eingehen – all das wird schon in der Babyzeit gelernt. Das ist es, was im Erwachsenenleben so wichtig ist und ein Miteinander erst ermöglicht. Niemand möchte einen Partner haben, auf den man immer selber nur eingehen muss und der nie einen Schritt in die Richtung des anderen geht, weil er es nie gelernt hat.

Ideale Eltern?

Was bekommen wir vermittelt, wie ideale Eltern sein sollten? Schon in der Schwangerschaft soll sich die perfekte Mutter allzeit gesund ernähren und das Baby mit Mozartmusik in Kontakt bringen. Eine Geburt läuft ganz natürlich und komplikationsfrei ab und das Stillen setzt ohne Probleme ein und dauert an, bis das Kind sich ganz selbstverständlich selbst abgestillt hat. Das Baby wird täglich besungen, bespielt, massiert und kann – wenn es mit der Fortbewegung begonnen hat – die sichere Wohnung ohne Gefahren erkunden. Die Eltern sind niemals genervt von ihrem Nachwuchs und haben stets ein mildes Lächeln auf dem Mund, selbst wenn das Kind einen schlimmen Wutanfall in der Öffentlichkeit hat. Sie gehen mit ihm zu jedem Kursangebot, das sich positiv auf die Entwicklung auswirken könnte, um alle Zeitfenster optimal zu nutzen: Von Frühenglisch über Klavierunterricht bis hin zu Ballettstunden. Die neusten Elternzeitschriften werden gekauft, gelesen und Vater und Mutter diskutieren über deren Inhalt. So ist das Bild, das wir allzu oft vermittelt bekommen. Die Realität ist oft eine andere. Vielleicht gibt es einige wenige Eltern, die so sind. Doch ob das wirklich das Beste ist? Kinder brauchen auch Unstimmigkeiten, sie dürfen an Problemen und Herausforderungen wachsen lernen, erfahren, wie man mit Konflikten umgeht und sich wieder verträgt. Und wir Eltern dürfen ihnen auch vorleben, dass sich unser ganzen Leben nicht nur um die Kinder dreht, sondern wir auch eigene Interessen und Wünsche haben.

Wir alle wünschen uns das Beste für unsere Kinder und wir geben das Beste für sie, das wir können. Wir gehen aber auch arbeiten, brauchen auch eigene Freunde. Manchmal reicht das Geld nicht, um teure „Frühförderkurse“ zu bezahlen oder die Zeit ist einfach nicht da. Wenn wir wieder einmal ein schlechtes Gewissen haben, können wir – anstatt uns zu grämen und Vorwürfe zu machen – einfach daran denken, dass wir nicht perfekt sein müssen. Ja, das wir es gar nicht sein SOLLEN. Eine „Supermutter“ braucht kein Kind für eine gesunde Entwicklung. Wir sind gut, ausreichend gut, und wir denken darüber nach, dass wir manchmal auch anders könnten und tun das auch, wenn es möglich ist. Und das ist alles, was zählt.

Weiterführende Literatur

  • Winnicott, Donald w. (1999): Kind, Familie und Umwelt. – München: Reinhardt.
  • Ustorf, Anne-Ev (2012): Allererste Liebe: Wie Babys Glück und Gesundheit lernen. – Stuttgart: Klett-Cotta.

 

 

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