5 Ammenmärchen über den Babyschlaf

Im Laufe der Jahre habe ich viel erfahren über das Schlafverhalten anderer Babys und Kinder und auch meine eigenen drei Kinder sind ganz verschiedene Schläfer: Da gibt es das Kind, das von Anfang an nachts wunderbar schlief, aber kaum am Tage. Dann gab es das Kind, das nachts lange (und zwar Jahre!) schlecht schlief und dafür den Mittagsschlaf liebte. Und es gibt das Kind, das irgendwo so in der Mitte ist und gerade erst den Tag-Nacht-Rhythmus für sich entdeckt hat. 3 Kinder in einer Familie, 3 verschiedene Schlafgeschichten. Babys und Kinder schlafen unterschiedlich und doch gibt es eines, was ganz sicher gilt: Es gibt viel zu viele Ammenmärchen über den Schlaf unserer Kleinsten.

Ammenmärchen 1: Babys können schlafen lernen

Babys kommen als unglaublich kompetente kleine Wesen auf die Welt. Sie haben die Fähigkeit, sich an das Leben außerhalb der Gebärmutter relativ schnell anzupassen und brauchen hierfür unsere Nähe und Fürsorge. Im ersten Lebensjahr erwerben sie eine Vielzahl an Fähigkeiten durch ihren inneren Antrieb und dem Umstand, dass wir Erwachsene sie auf ihrer Entwicklungsreise liebevoll begleiten. Auch das Schlafverhalten verändert sich in diesem Jahr und auch später – aber Schlaf wird nicht gelernt. Die Entwicklung des Schlafes ist ein Reifungsprozess, den wir Erwachsene in einigen Aspekten fördern (insbesondere durch unser eigenes Verhalten), aber letztlich nicht völlig beeinflussen können.

Wenn Erwachsene davon sprechen, dass Babys das Schlafen lernen könnten, meinen sie meistens, dass Schlafprogramme angewendet werden, damit Babys durchschlafen. Schlafprogramme sind jedoch keine Lernprogramme: Babys werden bei diesen Programmen gezielt schreien gelassen und nicht liebevoll in den Schlaf begleitet, wie es eigentlich ihr natürliches Bedürfnis ist. Das hat verschiedene negative Auswirkungen. Auf diese Weise lernt das Kind auch nicht das Schlafen, sondern schläft lediglich aufgrund des Stresses ein. Es hat nicht gelernt, wie es besser, länger oder sicherer schläft, sondern ausschließlich, dass sein Nähe- und Sicherheitsbedürfnis nicht befriedigt wird, weshalb es schließlich resigniert und alle weiteren Anstrengungen nach Nähe zu suchen, einstellt. Das Kind hat aufgegeben und schont seine restliche Energie. Es hat nichts gelernt, sondern im Gegenteil kann seine Lernfähigkeit hierdurch zukünftig vermindert werden. Babys können nicht schlafen LERNEN.

Zudem ist es so, dass Babys auch schon wunderbar schlafen können – nur eben nicht in unserem Rhythmus. Kein Baby muss schlafen lernen, denn es kann schlafen und passt sich nach und nach auch unseren Schlafrhythmen an, wenn wir die geeigneten Rahmenbedingungen zur Verfügung stellen.

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Ammenmärchen 2: Durch Beikost schlafen Babys besser

Das Märchen vom Gute-Nacht-Brei oder generell der schlaffördernden Beikost stammt vielleicht aus der Babynahrungsindustrie. Doch Babys schlafen nicht nur wegen ihres Kalorienbedarfs nicht durch, sondern auch aus anderen Gründen. Sicher ist, dass Babys durchaus Energie brauchen für das rasch wachsende Gehirn und das restliche Körperwachstum. Diese Energie benötigen sie auch nachts, weshalb sie auf Nahrungszufuhr angewiesen sind. Muttermilch eignet sich besonders gut, da sie auf die Bedürfnisse des Babys optimal eingestellt ist und beispielsweise besonders viel Milchzucker enthält, der genau das ist, was das wachsende Gehirn benötigt. Beikost verfügt im Vergleich zur Muttermilch über weniger Energie bei gleicher Menge. Sie ist deswegen kein Ersatz für den Energielieferanten Muttermilch und auch lange Zeit noch nicht gehaltvoller.

Doch wie oben schon angedeutet, wachen Babys eben nicht nur wegen des Kalorienbedarfs auf, sondern weil sie sich beim Schlafen sicher und versorgt fühlen wollen. Durch das Wachwerden haben sie die Möglichkeit, zu überprüfen, ob die Rahmenbedingungen des Schlafs noch richtig und passend sind, d.h. ob eine Bindungsperson in der Nähe ist. Kein Brei kann dieses wichtige Gefühl der Sicherheit ersetzen.

Auch Studien haben ergeben, dass Babys nicht besser oder länger schlafen, weil sie Beikost erhalten. Im Gegenteil kann das Überfüttern des Babys zu einem schlechteren Schlaf führen, wenn der kleine Körper anstrengende Verdauungsarbeit leisten muss.

Ammenmärchen 3: Babys dürfen nicht an der Brust einschlafen

Auf der einen Seite heißt es, Babys sollen satt einschlafen, auf der anderen wird behauptet, sie dürften aber bloß nicht an der Brust einschlafen. Doch das so genannte „Einschlafstillen“ ist eigentlich genau das, was Kinder sehr beruhigt und wunderbar in den Schlaf begleitet. Sie wissen sich nun ganz nah bei ihrer Bindungsperson, sind auf angenehme Art gesättigt, werden vom anderen Körper gewärmt und geschützt. Es gibt kaum eine schönere Vorstellung, um sanft in den Schlaf zu kommen. Einschlafstillen ist nicht verboten und führt nach aktueller Datenlage im ersten Lebensjahr nicht, wie oft behauptet, zu Karies. Das Stillen im Bett kann deswegen so lange gemeinsam genossen werden, wie es zum Einschlafen führt. Irgendwann schlafen Kinder nicht mehr an der Brust ein und andere Rituale können viel anstrengender sein oder werden als das Einschlafen an der Brust. Und auch beim nächtlichen Aufwachen gibt es anstrengender Methoden als das Baby einfach wieder an die Brust zu legen. Sie werden davon nicht verwöhnt oder „verzogen“.

Ammenmärchen 4: Babys brauchen Stille zum Schlafen

Da liegt dieses kleine, zarte Wesen im Arm und man denkt, man möchte es nur mit Blütenblättern streicheln. Babys sehen so zart aus und wir denken leicht, wir müssten es von allem abschirmen. Tatsächlich sind auch zu viele Reize anfangs unangebracht und können das Baby leicht überfordern. Doch auch zu viel Stille kann irritieren: Babys mögen Geräusche um sich. Aus dem Leben im Uterus sind sie Geräusche um sich gewohnt und auch danach sind Geräusche wichtig, denn sie signalisieren dem Baby, dass andere Menschen um es herum sind, die sich um das Baby kümmern können. Manches Mal wirkt absolute Stille auf ein Baby viel unangenehmer als die natürlichen Geräusche einer belebten Wohnung. Babys brauchen keine Stille, sondern einfach normale Alltagsgeräusche um sich.

Ammenmärchen 5: Babys nachts nicht die Windel wechseln!

Manches Mal wird Eltern geraten, dass sie das Durchschlafen des Babys fördern können, wenn sie es nachts nicht wecken und nicht die Windeln wechseln. Richtig ist, dass Babys nachts nicht mit viel Aufregung geweckt werden sollten bzw. wenn sie aufwachen mit möglichst sanften Mitteln wieder in den Schlaf begleitet werden sollten. Beispielsweise sollte immer lieber versucht werden, das Baby im Bett wieder einschlafen zu lassen (beispielsweise durch das oben aufgeführte Einschlafstillen), bevor Mittel ergriffen werden wie Umhertragen, Wippen auf dem Ball oder gar Umherfahren im Auto. Durch sanfte Hilfsmittel wie stillen, Worte oder Lieder, Hand auflegen erfährt das Baby, dass es im Bett sicher ist und bei seinen Bezugspersonen wohl geschützt. Dennoch müssen die Bedürfnisse des Babys berücksichtigt werden und kein Mensch liegt gerne über Stunden in seinen Ausscheidungen. Zwar verfügen heutige Windeln oft über Superabsorber, die sehr viel Flüssigkeit aufnehmen können, doch kann eine mangelnde Hygiene im Windelbereich zu einer schmerzhaften Windeldermatitis führen. Wer Stoffwindeln nutzt, sollte ebenfalls bei Bedarf nachts die Windel wechseln, damit das Baby nicht in einer nassen Windeln mehrere Stunden verbringen muss. Alle notwenigen Sachen für den Windelwechsel können gut schon beim Zubettgehen bereitgelegt werden, so dass das nächtliche Windelwechseln schnell und einfach geht.

Kennt Ihr noch mehr Ammenmärchen über den Babyschlaf?
Eure
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11 Kommentare

  1. Ich finde es einfach immer wieder schön zu lesen wie du für die Bedürfnisse von Babys Werbung machst. Gerade zum Thema Durchschlafen. Das kann man einfach nicht oft genug sagen.
    Als Mutter eines schlafgestörten inzwischen Kleinkindes werde ich bei Punkt 4 und 5 allerdings etwas verbittert. Denn sie stimmen einfach nicht pauschal. Denn Umgebungsgeräusche (Öffnen der Tür, oder Autos von draußen) haben mein Kind sehr wohl geweckt. Stille ist natürlich schwer künstlich herzustellen aber ohne weißes Rauschen zum Übertönen unregelmäßiger Alltagsgeräusche geht bei uns heute immer noch nichts. Und das nächtliche Wickeln haben wir schnell sein lassen weil trotz Ruhe, Dunkelheit und allem war unser Sohn danach hellwach und für mindestens eine Stunde nicht mehr zum Schlafen zu bewegen (schon als Neugeborenes) – mit verheerenden Folgen für die Erholung am Tag. Also Ammenmärchen sind das nicht.

    Ich wünsche es aber allen Eltern, dass es so “leicht“ ist wie du beschreibst.

  2. Ich finde, du hast das wunderbar auf den Punkt gebracht! Schlaf ist ein Grundbedürfnis, das unsere Kinder nicht erlernen müssen, das sich aber eben auch nicht auf Befehl einstellt.

  3. Heidrun Schwartz

    wunderschön – und zu punkt 5 jetzt noch „windelfrei“ dazu und es ist noch leichter. <3

    • Kann klappen, muss aber nicht. Wir machen seit zwei Monaten „windelfrei “ und brauchen trotzdem nachts die Windel. Weil es leider oft so ist, dass der Zwerg nach dem stillen unruhig ist, dann halte ich ihn ab und es kommt nichts, er schläft auf meinem Arm ein (-: so weit so gut, wenn ich aber das nächste mal wach werde und nachschaue, dann ist die Windel nass )-: ich halte ihn trotzdem ab und diesmal kommt noch was, also hat er irgendwann zwischendurch gepiselt. Ich mache windelfrei weiter, aber die Nächte sind unruhiger geworden und ich Wechsel die Windel häufiger als vorher. Stillen geht noch im Halbschlaf und, abhalten nicht. So dass ich ihn nur abhalte, wenn er nach dem stillen noch unruhig ist. Dann wird die Windel halt nass

  4. Mh, ich finde auch nicht dass Punkt 4 und 5 Ammenmärchen sind. Jedes Kind ist anders! Mein Baby ist super sensibel und findet tagsüber- sicher auch wegen der Alltagsgeräusche – sehr schwer in den Schlaf. Nachts schläft sie bombastisch und ich glaube sie tut das weil sie da ihre Ruhe hat!
    Und beiden Kindern hat es gut getan, nachts nicht gewickelt zu werden. Sie waren danach viel zu wach und machten nach kürzester Zeit einfach kaum mehr in die Windel nachts (vor allem kein großes Geschäft). Und was das in den Schlaf stillen angeht: meine machen das nicht. Beide schliefen nach kürzester Zeit nicht mehr ein an der Brust, nur nachts klappte das. Sie trinken, docken ab, sind kurz milchtrunken und dann wach…. Dabei fände ich es oft so praktisch!

  5. Ich bin sehr froh das Punkt 3 kein Ammenmärchen ist. Denn als ich aufhörte mein Baby nicht mehr an der Brust einschlafen zu lassen, hat er allmählich angefangen nachts durch zu schlafen (mit etwa 6 Monaten). Vorher ist mein Sohn ab und zu stündlich aufgewacht und wollte an die Brust…! Dadurch das er selber gelernt hat einzuschlafen, ist er natürlich nun auch nachts selbstständig in der Lage wieder einzuschlafen. Ganz wichtig: Selbstständigkeit gibt dem Baby auch Sicherheit!! Wir haben Ihn nach einem liebevollen, immer gleichbleibenden Ritual wach ins Bett gelegt, noch ein Liedchen gesungen, Gutenachtkuss und dann aus dem Zimmer gegangen. Natürlich klappte das nicht auf Anhieb so gut, aber nach 2 Wochen ist er jeweils selig nach 5 min. selber eingeschlafen. Wichtig zu wissen, dass jedes Baby anders ist. Manche Babies haben nie Probleme Abends und Nachts wieder einzuschlafen. Aber für die, dies nicht können oder noch nicht, rate ich wirklich ab, das Baby mit Stillen zum einschlafen zu bringen.. Zumindest wenn es schon 3-4 Monate alt ist.

    • Liebe Mami,
      dieses Blog und ich als Person stehe absolut gegen jedes Schlaflernprogramm und das Ferbern. Wenn ich mir einen Bericht durchlese, in dem von „klappt nicht auf Anhieb aber nach x Wochen“, dann zieht sich bei mir ziemlich viel zusammen. Es ist vollkommen normal und richtig, sein Baby an der Brust einschlafen zu lassen. Babys brauchen aufgrund ihrer Entwicklung und des Gehirnwachstums auch nachts Nahrung, weshalb sie aufwachen. Zudem geht es in diesem frühen Alter absolut nicht um Selbständigkeit, die sich auf irgendwas anderes auswirken könnte. Es reguliert sich meist von allein und die Abstände des Aufwachsens werden länger. Ich würde das, was Du beschreibst, hier niemandem anraten.

  6. Liebe lilysu,
    sorry für das Missverständnis, ich halte ebenfalls nichts von Schlaflernprogamm und Febern! Im Gegenteil, das ist schlecht für die Seele des Babys. Nachdem ich mein Baby (6 Monate) nicht mehr mit Stillen zum Schlafen bringen wollte, habe ich das Stillen einfach eine halbe Stunde vorverlegt. Wir haben es nach unserem „Abendritual“ wach ins Bett gelegt. Die ersten Wochen sind wir bei ihm geblieben bis es eingeschlafen ist, d.h. gestreichelt, gesungen usw. Wir haben es nicht schreien gelassen und sich selbst überlassen. Eines Tages probierten wir es aus und sind aus dem Zimmer gegangen bevor das Baby eingeschlafen ist. Und siehe da: nach ca. 5 min. ist es seelenruhig alleine eingeschlafen (ohne Schreien), was bis heute super klappt. Von da an brauchte er uns in der Nacht immer weniger, erst 2-3mal, dann 1mal und dann fast gar nicht mehr. Seit mein Sohn selber einschläft ist er von seiner Umgebung weniger abhängig und kann somit Nachts meistens selber wieder einschlafen, wenn er aufwacht. Ich war so froh nicht mehr 4-5 mal in der Nacht zu stillen und nach etwa 8 Monaten mal halbwegs zu schlafen. Ich glaube nach 6-7 Monaten braucht ein Baby ja normalerweise nachts nicht mehr zu essen, wenn seine Tagesration gedeckt ist.

    • Danke für deinen Beitrag, ich finde das Einschlafstillen kann man auch ideologisch überhöhen. Unser Sohn (6 Monate) wird ebenfalls wach ins Bett gelegt, plappert noch vergnügt vor sich hin und schläft dann alleine ein. Ich habe eher das Gefühl, dass ich ihn vom Schlafen ablenke, wenn ich dabei bleibe. Wenn er doch noch kurz Unterstützung braucht weil er überdreht ist, kommt einer vorbei und wartet am Bettchen, bis er eingeschlafen ist. In der Nacht wacht er noch etwa 2x auf, trinkt kurz und schläft dann auch sofort im Bett wieder ein. Ich war nie übermüdet. Von Müttern, deren Kinder eine Schlafassoziation mit Stillen haben, höre ich häufig dass sie auf dem Zahnfleisch gehen.
      Selbstverständlich haben wir mit unserem Sohn nie die Ferber-Methode durchgeführt, das war gar nicht notwendig.

      • Wie schön, und wie wunderbar, dass das so bei Euch klappt. Das ist wirklich ganz großartig, wenn Kinder von Anfang an so gut in den Schlaf finden. Manchen Kindern gelingt es nicht so leicht, sie brauchen noch eine Weile Unterstützung, um einen guten Weg in den Schlaf zu finden – auch hier sind die Bedürfnisse eben ganz unterschiedlich.

  7. Doro Paragua

    Danke für den schönen Artikel und die vielen Anregungen – ich habe ihn auf meinem Blog verlinkt, hoffe das war in Ordnung 🙂 Liebe Grüße!

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