Gefühle aushalten

In einer Welt, in der wir beständig vieles ausschalten können, sind wir es oft nicht gewöhnt, Dinge wirklich auszuhalten: Da sein, eine Sache oder ein Ereignis durchstehen. Mit Knopfdruck können wir störende Dinge ausschalten, setzen Kopfhörer mit Musik draußen auf, um den Straßenlärm unterwegs nicht zu hören. Selbst in Beziehungen ist es oft so, dass wir nicht gern den unbequemen Weg gehen, sondern Menschen aus unserem Leben ausschließen, wenn es anstrengend wird. – Und dann werden wir Eltern und ein kleiner Mensch liegt in unseren Armen, der sich nicht ausschließen lässt. Den wir nicht ausschließen sollten. Und wir Eltern kommen an unsere Grenzen, wenn wir merken: Da müssen wir durch, wir müssen Situationen aushalten und nicht abschalten.

Der Impuls, ein für einen selbst unerwünschtes Verhalten auszuschalten, ist schnell da: Das weinende Kind, das an den Nerven zehrt, dass uns vielleicht in Verbindung bringt mit unseren eigenen Kindheitserfahrungen, das in uns eine Stimme anklingen lässt, die uns sagt: Dieses Weinen muss beendet werden. Und natürlich ist das in vielen Situationen auch richtig und der richtige Impuls: Ein kleines Baby, das weint, braucht Zuwendung und Trost und zeigt mit seinem Weinen oftmals, dass ein Bedürfnis nicht erfüllt ist. Es ist über Kulturen hinweg bei Menschen der gleiche Impuls da, das Weinen des Babys zu beenden und es zu beruhigen.

Doch neben dem Weinen des Kindes aufgrund eines unerfüllten Bedürfnisses gibt es auch spannungslösendes Weinen, Weinen des Loslassens, Stressabbau. Nicht nur bei Babys, sondern auch bei Kleinkindern oder noch größeren Kindern. Jedes Kind hat nach seinem persönlichen Temperament und durch seine eigene Geschichte unterschiedliche Arten, sich auszudrücken. Mit der Zeit können wir ihnen Alternativen zeigen, um Stress unabhängig vom Weinen abzubauen, aber für viele Kinder ist es am Anfang des Lebens eine Strategie und auch in späteren Jahren wichtig, Gefühle loszulassen, zu artikulieren, auszuleben. Weinen kann – egal in welchem Alter – entspannend sein, wenn Hormone mit den Tränen ausgeschwemmt werden und wir uns trösten lassen können.

Nicht abstellen, sondern begleiten

„Jetzt hör doch auf zu weinen.“ „Du brauchst nicht weinen!“ „Das ist doch kein Grund zu weinen!“ oder auch „Das ist kein Grund, um sauer zu sein!“ – Die Liste dieser Sätze, in denen wir Kindern ihre Gefühle absprechen wollen, um ihre für uns unerwünschten Verhaltensweisen zu unterbinden, ist lang. Es sind Worte, die so schnell über die Lippen kommen, wenn wir gestresst sind, genervt, wenn es uns schwer fällt, es auszuhalten.

Aber genau dieses Aushalten ist wichtig. Denn wir sollten die Gefühle eines Kindes nicht unterbinden wollen, nur weil sie uns gerade stören. Es ist ungünstig, zu vermitteln, dass nur positive Gefühle „erlaubt“ sind und negative Gefühle „verboten“. Als Eltern ist es unsere Aufgabe, für die Bedürfnisse unserer Kinder einzustehen und sie nach Möglichkeit zu erfüllen. Dazu gehört es auch, dass Unmut, Wut, Trauer, Sehnsucht, Ärger und andere negative Empfindungen ausgedrückt werden können. Als Eltern sind wir Begleiter unserer Kinder: Wir nehmen ihre Gefühle wahr, wir helfen ihnen dabei, sie zu verstehen und nach und nach selbst zu regulieren.

Beschreiben, verstehen, beruhigen, übersetzen

Einem weinenden Kind müssen wir nicht sagen: „Hör auf zu weinen!“ dadurch wird es nicht weniger traurig sein. Es wird nur lernen, seine Trauer nicht mehr zu zeigen. Einem wütenden Kind müssen wir nicht sagen: „Hör auf wütend zu sein und zu schreien!“, denn es wird seine Wut durch unsere Worte nicht verlieren.

Stattdessen können wir die Gefühle des Kindes beschreiben: „Du bist wütend!“ „Du bist traurig!“ „Du hast Angst!“ und wir können es beruhigen: „Ich bin bei Dir!“ statt zu sagen „Das ist albern, das brauchst Du nicht!“. Wir können annehmen: „Wein ruhig, ich bin bei Dir und tröste Dich!“ und können Alternativen aufzeigen „Du bist wütend, lass Deine Wut heraus mit einen Stampfen statt Dinge zu werfen.“ Wir können auch sagen „Wow, das ist anstrengend für mich!“, aber nicht „Du bist anstrengend und musst aufhören!“.

Kinder sind Menschen. Auch sie spüren die große Bandbreite der Gefühle, die das Leben hergibt. Jetzt, am Anfang ihres Lebens, lernen sie durch unsere Hilfe, mit all diesen Emotionen umzugehen. Unsere wichtige Aufgabe als Eltern ist es, nicht nur an den Schönwettertagen bei ihnen zu sein, sondern auch die schlechten Momente anzunehmen und zu begleiten und dabei nicht nur nach unseren Wünschen zu gehen, sondern Gefühle genau so zu begleiten, wie das Kind es gerade braucht. Manchmal bedeutet das auch, ein Gefühl einfach auszuhalten und anzunehmen und eine Wut oder Trauer zu begleiten, bis sie abebbt. Es bedeutet, einen anderen Menschen im Arm zu halten und zu vermitteln: „Ich bin für Dich da, was auch immer Du fühlst. Ich bin Dein sicherer Hafen. In meinen Armen stehen wir alles zusammen durch.“

Eure

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