„Grenzen lernen!“ Wie Eltern ihre Kinder beim Aushalten von Grenzen begleiten können

„Kaputt! Wieder ganz machen!“ ruft mein Kind und hält enttäuscht die Maiswaffel in die Luft. Mitleidig blicke ich es an „Das kann ich nicht reparieren!“ „DOCH! DU ganz machen!“ Der kleine Körper bebt: Wut, Enttäuschung, Trauer steigen darin auf und bahnen sich einen Weg. So oft im Alltag gibt es Situationen, die wir mit unseren Kindern ändern können. Kompromisse, die wir finden können. Und dann gibt es Situationen, die sind einfach unveränderbar und alternativlos. Situationen, in denen wir als Familiensystem auf Grenzen stoßen, die nicht verändert werden können: Dinge gehen verloren oder kaputt und können nicht repariert werden. Situationen, die einfach nicht eintreten dürfen wie das Rennen über eine Straße oder rote Ampel. Situationen, in denen wir als Eltern eine Grenze des Kindes erleben und den Umgang damit aushalten müssen, die Gefühle aushalten müssen. Nicht immer gibt es Kompromisse und Alternativen. Und oft werde ich gefragt: Was soll ich in diesen Situationen tun?

Grenzen im Kinderalltag

Wie oft hören und lesen wir: Kinder brauchen Grenzen! Es klingt, als müssten wir willkürlich Grenzen aufzeigen, Kinder daran erinnern, dass Grenzen existieren. Sie bewusst auf Grenzen stoßen, damit sie lernen, dass es sie überhaupt gibt.

Doch der Alltag von Kindern ist ohnehin voll von ihnen. Dabei gibt es ganz unterschiedliche Grenzen, auf die sie in ihrem Alltag stoßen:

  1. Willkürlich festgelegte Grenzen von Erwachsenen: Das darfst du nicht, weil ich es nicht will/man das nicht tut/ich bestimme und nicht Du.
  2. Soziale Grenzen: Grenzen, die sich durch das Zusammensein/Interaktion mit anderen ergeben. Nicht im Sinne einer Machtdemonstration/einem Erziehungswunsch wie in 1, sondern durch die Interaktion bedingt: Das andere Kind möchte ein anderes Spiel spielen, sein Spielzeug nicht abgeben, ein Erwachsener ist erschöpft und kann nicht mehr einem Wunsch nachkommen (anders als es bewusst nicht zu machen als Machtdemonstration).
  3. Natürliche Grenzen: Natürliche, unverrückbare Grenzen: Zerbrochene Maiswaffeln können nicht wieder zusammengefügt werden, ein geschlossener Laden kann nicht geöffnet werden, ein geschmolzenes Eis nicht wieder fest werden…

wenn wir uns dessen bewusst werden, sehen wir die vielen Grenzen im Kinderalltag – schon allein aus den Kategorien 2 und 3. Sie brauchen nicht zwangsweise auferlegte Grenzen, nur um ihnen zu beweisen, dass es überhaupt Grenzen gibt. Gerade Kinder als kleine Menschen in einer Umgebung, die auf Erwachsene ausgelegt ist, stoßen von sich aus beständig an Grenzen.

Machtdemonstrationen lediglich um ihnen zu zeigen, dass sie begrenzt sind in ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten, sind aus verschiedenen Gründen nicht notwendig bzw. sogar schlecht: Sie zeigen dem Kind, dass es selbst machtlos ist/sich unterordnen muss und nicht selbst wirksam sein kann. Das beeinflusst das Selbstbild und die Entwicklung des Selbst. Sie ermöglichen keine Kommunikation auf Augenhöhe und das wirkliche Wahrnehmen und Beantworten von kindlichen Bedürfnissen. Sie sagen: Du und Deine Bedürfnisse haben sich anderen unterzuordnen. Nicht nur dann, wenn es anders nicht geht, sondern weil das Deine Position ist in diesem System.

Natürliche Grenzen

Auf natürliche Grenzen stoßen unsere Kinder hingegen jeden Tag. Für uns sind diese besonders schwer auszuhalten, weil sie nicht veränderbar sind und es außerhalb unserer Möglichkeiten liegt, sie zu ändern. Treffen wir auf soziale Grenzen, können wir Alternativen und Kompromisse aushandeln. Wir können sagen: Ich bin erschöpft, lass uns lieber xy tun. Wir können sehen, ob wir den Rahmen erweitern können, ob unserer Abläufe und Rituale Hindernisse bilden. Das Kind möchte seine Schippe nicht hergeben, aber wir können diesen Eimer benutzen. Auch bei natürlichen Grenzen gibt es manchmal Alternativen: Der Eisladen hat zu, lass uns heute Eis selber machen. Aber manchmal gibt es bei den verschiedenen Arten von Grenzen keine Handlungsalternative – und muss es auch nicht. Es ist in Ordnung, nicht immer eine andere Lösung zu finden. Es ist in Ordnung, wenn das Kleinkind eine natürliche Grenze findet – und wir es dabei dann begleiten in seiner Trauer.

Kompromisse, Alternativen oder Aushalten?

Die zerbrochene Maiswaffel, der Umstand, nicht über die rote Ampel gehen zu dürfen, der geschlossene Supermarkt am Wochenende. Oder auch: Das Spielzeug, welches das andere Kind absolut nicht hergeben möchte oder die Kindergruppe, die das Kind heute nicht mitspielen lassen will. Grenzen, die da sind und nicht geändert werden können. Für Eltern ist es oft schwer, hier eine Handlungsmöglichkeit zu finden, wenn keine Alternativen angeboten werden können  und die Wut, Trauer, Enttäuschung des Kindes begleitet werden will. Gerade auch in sozialen Situationen erscheint das manchmal schwierig: Große Geschwister, die das kleine Kind nicht mitspielen lassen wollen: Eltern wünschen sich aber, dass das Weinen des Kleinkindes beendet wird und versuchen oft, die größeren Kinder zu überreden, das kleine Kind zu integrieren und übergehen so manchmal die Bedürfnisse der Größeren. Wichtig ist auch als Elternteil, die eigenen persönlichen Grenzen nicht beständig zu übertreten, um die Wut des Kindes zu beschwichtigen aus Angst vor dem Konflikt und dem Umgang mit negativen Gefühlen. Manchmal lassen sich zufriedenstellende Kompromisse für alle finden, manchmal aber auch nicht: Das Kleinkind stößt auf eine Grenze.

Der Umgang mit Frustration aufgrund nicht änderbarer Grenzen

Das Begleiten von diesen Gefühlen ist wichtig und ebenfalls ein notwendiger Teil des Umgangs mit Grenzen: Das Kind lernt, mit Frustration umzugehen. Es lernt Strategien, um diese Gefühle auszudrücken und zu verarbeiten, um wieder in einen anderen Gefühlszustand kommen zu können. Dies lernt es zunächst dadurch, dass das Gefühl angenommen, verstanden und begleitet wird.

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Oftmals sind Eltern jedoch verzweifelt, weil sie das Kind nicht ablenken können oder keine Alternative anbieten können. Es ist schwer, die Wut auszuhalten, wenn wir darum bemüht sind, es unseren Kindern liebevoll-geborgen-gemütlich zu machen. Aber auch das Aushalten von negativen Gefühlen ist wichtig und für ihre Entwicklung unabdingbar: Die natürlichen Grenzen sind wichtige Elemente des Alltags, an denen sie Frustrationstoleranz erlernen können. Sie verstehen, was Grenzen sind und dass es nicht möglich ist, alle Grenzen zu umgehen. Grenzen schulen auch das soziale Miteinander, das Einfühlungsvermögen, das Verständnis – allerdings erst in dem Rahmen, in dem es den Kindern in ihrer aktuellen Entwicklung möglich ist. Ein Kleinkind unter drei, welches sich noch nicht in die Gedanken eines anderen Menschen hinein versetzen kann, wird auch durch Grenzen nicht von heute auf morgen lernen, den anderen vollständig zu verstehen. Aber es lernt, nach und nach mit diesen Situationen umzugehen und passend zu reagieren durch das, was wir ihm als Lösungen anbieten. Dass es zunächst wütet, traurig ist, weint, ist ganz normal: Es hat noch keine anderen Möglichkeiten erlernt, Gefühle anders zu verarbeiten und sein aktueller Entwicklungsstand lässt kein anderes Verhaltensmuster zu als genau dieses, das Unbehagen laut deutlich zu machen und auf die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse hinzuweisen.

Dass sich Kinder dafür einsetzen, dass ihre Wünsche erfüllt werden und dies zum Teil auch vehement laut machen, ist kein Zeichen einer schlechten Erziehung, kein Zeichen eines tyrannischen Kindes. Es ist schlichtweg normal in der Kleinkindzeit. Wir Eltern müssen uns dafür nicht schämen und nicht aus Scham versuchen, Abzulenken oder Grenzen anderer zu übertreten. Auch wenn es oft schwer ist und eine anstrengende Zeit, ist es dann unsere Aufgabe, das Kind in seinem Gefühl anzunehmen und zu begleiten. Wir können sagen, dass wir es verstehen, können Gefühle verbalisieren und einfach da sein. – So wenig und doch so schwer und anstrengend.

Eure

8 Kommentare

  1. Christiane

    Liebe Susanne, danke für diesen Artikel. Er hat mir wieder bewusst gemacht was unsere Kinder da eigentlich tagtäglich leisten. Sie üben sich ständig in Kooperation und müssen dann doch oft erkennen dass es gerade eine „Grenze“ gibt! Das begleiten der dabei entstehenden Gefühle ist so so wichtig.
    Doch manchmal fällt mir das zugegeben sehr schwer, da unser Sohn seine Frustration mehr und mehr durch Aggression abbaut – er ist gerade 19 Monate alt.Er verteilt Kopfnüsse, haut, kratzt, beißt und zwickt wenn er etwas nicht bekommt (z.B. Spielzeug eines anderen) oder wenn man ihm etwas verbietet (die Katze am Schwanz ziehen). Völlig egal welche Erklärung oder welcher Kompromiss angeboten wird (streicheln, mit der Katze ein Spiel spielen/ ein anderes Spielzeug, raus aus der Situation etc)
    Diese Wut / Enttäuschung richtet sich dann gegen alles und jeden der/das greifbar ist! Alternativen wie Stampfen/Schreien/ins Kissen boxen … kommen auch nicht an (dazu ist er ja eig auch noch zu klein um es zuverlässig anzuwenden)!
    Manchmal weiß ich nicht mehr weiter und werde dann ungewollt laut. Vor allem wenn er dann anderen oder mir richtig weh tut. Oft finden wir uns dann in einem Teufelskreis wieder habe ich das Gefühl. Hast du hierzu ein paar Tips die Abhilfe schaffen können?

    Liebe Grüße

    • Liebe Susanne, liebe Christiane!
      Ich finde mich derzeit mit meiner 20 Monate alten Tochter zu 100 % in deinem Kommentar wieder. Hauen, Beißen – egal welche Erklärung – Alternativen (stampfen, ins Kissen hauen etc.) werden nicht angenommen. Mir ergeht es ähnlich, werde laut und schimpfe. Im nächsten Moment tut es mir leid, aber da habe ich bereits „falsch“ vorgelebt. Habt ihr bitte Tipps, wie man sich in solch aggressiven Situationen richtig verhält? Ich habe außerdem noch ein 2 Wochen altes (pflegeleichtes) Baby und bin mit dem Verhalten des Kleinkindes einfach überfordert. Bitte Hilfe!
      Liebe Grüße!

      • Liebe Angelika,
        das ist natürlich eine besonders anstrengende Situation, wenn ein Kind in der „Trotzphase“ so jung Geschwisterkind wird und einmal die ganz normalen Wutanfälle da sind und dann aber auch noch auf einmal die große Herausforderung dazu kommt, wenn ein Geschwisterkind da ist und auf einmal Ressourcen verbraucht, die vorher allein zur Verfügung standen. Ja nach Temperament kann das auch noch weniger oder mehr anstrengend sein.
        Und natürlich bist Du ja auch noch im Wochenbett und deswegen auch nicht ganz in gewohnter Verfassung. Was ich Dir anraten würde: Aus allem das Tempo raus nehmen, den Alltag ganz einfach gestalten mit wenigen Terminen und ganz viel Ruhe. Haushalt nach Möglichkeit anderen aufladen, alles ganz einfach machen und einfach auf das Zusammensein konzentrieren und viel Zeit miteinander verbringen, auch im Körperkontakt zum Beispiel zusammen Buchlesen eingekuschelt im Bett, zusammen auf dem Boden liegen und miteinander spielen…

  2. Hallo Christiane,

    meine Tochter ist 2 J. und 9 M. und es kommt noch immer oft vor, dass sie frustriert ist und gegenüber anderen Kindern aggressiv wird (anschreien, schubsen, Spielzeug wegnehmen), wenn sie nicht das bekommt, was sie möchte. Da ist dein Kind ja noch sehr klein. Ich würde nicht schimpfen, sondern einfach ihn aus der Situation rausnehmen. Er weiß noch gar nicht, was er da tut, hat sich nicht unter Kontrolle, kann nicht über sein Handeln nachdenken.

  3. Danke. Der Artikel kommt genau zur rechten Zeit. Wir haben diese Wut/Traueranfälle zurzeit täglich (Kind ist zwei Jahre und sieben Monate alt). Er weint, weil die Sonne nicht scheint. Er weint, weil der Stromkasten an der Ecke der Straße kaputt ist. Er weint, weil ein Blatt von der Blume abgefallen ist und ich es nicht wieder dranmachen kann. Verlust und Vergänglichkeit ist ein großes Thema. Er will jetzt schon größer sein und längere Beine haben. Die kleinen Enten sollen jetzt schon fliegen können und nicht erst, wenn sie erwachsen sind. Aber auch bestimmen wollen ist Thema. Er will mich ziehen. An der Hand durch die Wohnung. Oder meinen Mann und mich beide an den Händen halten und dann rennen wir. Wieder und wieder. Wenn wir nicht mehr wollen, „nein“ oder „aber ich mag das nicht“ sagen, weint er 30 bis 40 Minuten lang untröstlich, ist völlig aufgelöst und tränenüberströmt. Er lässt sich auch nicht trösten. Wenn wir spiegeln wollen, sagt er wütend „Nein, du sollst das nicht sagen!“. Wir dürfen nur daneben sitzen und nichtstun. Es ist für meinen Mann und mich so anstrengend grad. Bleibt das jetzt so bis dreieinhalb/vier Jahre?? Oder gibt es auch mal ne Pause? Bitte bitte!

  4. Stefanie Horgos

    Liebe Susanne, ich lese Deine Artikel sehr gerne und finde darin überwiegend meine eigenen Ansichten wieder. Ein Thema fällt mir dabei immer wieder auf und es liegt mir am Herzen. Du schreibst von „negativen Gefühlen“. Ich glaube, dass es für die vollständige Selbstannahme wichtig ist, Gefühle nicht zu bewerten und einzuteilen in positiv oder negativ. Angst, Wut und Trauer sind nicht negativ, sie gehören genauso zum emotionalen Spektrum wie Freude, das glücklich Sein oder andere oft als angenehm empfundene Emotionen. Herzlichst, Stefanie

    • Da hast Du vollkommen Recht. Ich meine eher „von anderen als negativ empfunden“. Vielleicht muss ich da noch einen besseren Ausdruck für finden.

    • Genau dazu wollte ich auch einen Kommentar schreiben. Ich lese sehr gerne Susannes Artikel und kann dabei vieles für mich heraus nehmen – danke dafür liebe Susanne. Nur an der Bezeichnung „negative Gefühle“ bin ich schon gelegentlich hängen geblieben. Ich verwende in meiner Arbeit als Psychologin die Begrifflichkeiten angenehme und unangenehme Gefühle (von angenehm hat Stefanie ja auch geschrieben). Vielleicht auch nicht optimal, weil auch da ja eine gewisse Wertung dabei ist, aber für mich fühlt es sich stimmiger an…

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