Warum Selbstfürsorge gerade für Eltern wichtig ist

Kinder im Wachsen zu begleiten, ist nicht immer einfach: Es gibt viele Handgriffe und Kraftanstrengung durch das Heben und Tragen und Rennen und die vielen anderen Tätigkeiten des Umsorgens und Spielens. Es ist emotional oft herausfordernd, Kinder zu begleiten in ihren Emotionen, sie zu regulieren und dabei noch mit den eigenen Empfindungen umzugehen, die dabei entstehen. Es ist belastend, an all die vielen Dinge zu denken, die wir erledigen müssen wie die nächste U-Untersuchung, neue Gummistiefel und den richtigen Sonnenschutz für den Sommer, während wir gleichzeitig so viele andere Dinge in unserem oft hektischen Alltag erledigen sollen. Viele Eltern fühlen sich überlastet von einem so vollen Alltag. Es fällt schwer, zwischen all den Aufgaben noch Zeit für sich und die eigenen Bedürfnisse zu finden.

Mangelnde Bedürfniserfüllung tut uns nicht gut

Für alle Menschen ist es wichtig, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse erfüllen können, damit es ihnen gut geht. Wenn wir zu wenig schlafen oder zu wenig essen, merken wir oft direkt, dass es uns nicht gut geht. Aber auch wenn andere Bereiche unserer Bedürfnisse vernachlässigt werden, spüren wir das: Wenn wir uns eingeschränkt fühlen in unserer Selbstwirksamkeit oder weniger Sozialkontakte haben, als wir eigentlich benötigen, geht es uns nicht gut: Wir fühlen uns unausgeglichen, unser Wohlbefinden leidet darunter. Es geht uns nicht gut. Dieses Unwohlsein kann sich auch auf unsere Beziehungen auswirken: wir sind angespannter, vielleicht auch gereizter. Ausreichend Schlaf, Nahrung, Bewegung, Sozialkontakte und das Gefühl, etwas bewirken zu können, sind wichtig für Menschen.

Besonders nachteilig ist die fehlende Möglichkeit, die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen, da, wo sich Menschen um andere Menschen kümmern müssen: Gerade junge Kinder sind darauf angewiesen, dass ihre Bezugspersonen ihre Signale wahrnehmen, sie richtig interpretieren und ausreichend zeitnah passend beantworten. Zudem benötigen sie eine angemessene Begleitung in ihren eigenen Gefühlen, damit sie zunehmend lernen können, gut mit ihnen umzugehen. Wenn diese Bezugspersonen allerdings gestresst sind oder zu müde, zu angespannt, fällt diese angemessene Begleitung schwerer.

Schlafmangel macht es schwer, Kinder angemessen zu begleiten

Blicken wir beispielsweise auf den Schlafmangel, wissen wir, dass dieser zahlreiche negative psychische und körperliche Folgen haben kann. In Bezug auf Elternschaft kann sich dieser negativ auswirken auf die Feinfühligkeit gegenüber den Bedürfnissen des Kindes und die Wahrnehmung dieser verzerren: Wer sehr müde ist, deutet das Quengeln des Kindes vielleicht auch als Müdigkeit, obwohl es einen anderen Grund hat. Bei eine Studie aus dem Jahr 2006 wurde festgestellt, dass emotionale Reize unterschiedlich auf das ausgeschlafene oder unausgeschlafene Gehirn wirken: Starke Gefühle wie Zorn, Wut, Kampf-oder-Flucht wurden bei Personen mit Schlafmangel um über 60 Prozent verstärkt, während ausgeschlafene Personen kontrollierter und gemäßigter reagierten.

Auch zu hohe Ansprüche an uns selbst machen Selbstsorge schwerer

Viele Überlastungen von Eltern, die zu wenig Raum für die Selbstsorge lassen, hängen auch mit den umgebenden Strukturen zusammen, die politisch und gesellschaftlich geändert werden müssen – hier haben Eltern zeitnah wenig Möglichkeiten, darauf einzuwirken. Gleichzeitig ist es aber auch wichtig, sich von unnötigen Lasten zu befreien, beispielsweise von zu hohen Ansprüchen an sich und den Haushalt, um Freiräume zu erlangen für die Selbstsorge und ein entlastendes Netz aufzubauen. In den Blick genommen werden sollten daher die eigenen Ansprüche, die Aufgabenverteilung innerhalb der Familie, aber auch Rollenvorstellungen. Diese Fragen können ggf. dabei helfen, das eigene Mindset in Bezug auf Selbstsorge zu hinterfragen:

  • Wenn ich Zeit habe, um auszuruhen und etwas für mich zu tun, habe ich dabei ein schlechtes Gewissen?
  • Habe ich Schuldgefühle gegenüber meinem Kind oder anderen Familienmitgliedern, wenn ich etwas für mich tue? Wenn ja: Woher kommen diese Schulgefühle und haben sie eine reale Ursache, oder ist es ein zu hoher kritischer Anspruch an mich?
  • Wenn sich eine befreundete Person in derselben Situation befinden würde wie du, was würdest du ihr raten zu tun? Unterscheidet sich dieser Rat von dem, was du dir selbst zugestehst?
  • Hattest du in deiner Kindheit/Jugend oder jetzt Vorbilder für Selbstfürsorge und Entspannung?
  • Welche Bedeutung hat das Thema Selbstfürsorge in der Erziehung deines Kindes? Siehst du einen Unterschied darin, was du für dein Kind wünschst und ihm empfiehlst und dem, was du selbst lebst und als Vorbild anbietest?
  • Gibt es einen Unterschied in dem Umfang und der Art, wie der andere Elternteil Selbstfürsorge lebt? Wenn ja: Warum gibt es diesen Unterschied? Welche Gefühle hat die andere Person in Bezug auf die eigene Bedürfniserfüllung?

Aufgaben streichen und gerecht verteilen

Selbstfürsorge ist nicht mit Egoismus gleich zu setzen, auch wenn wir selbst oder andere das gelegentlich tun und gerade das überhöhte Mutterbild schnell zu Verurteilungen führt. Doch Selbstfürsorge ermöglicht, seelisch und körperlich gesund zu bleiben bzw. hilft ggf. dabei, es wieder zu werden. Manchmal ist es gar nicht so einfach, die eigenen Bedürfnisse überhaupt (wieder) in den Blick zu nehmen. Hilfreich kann es sein, sich erst einmal Zeit zum Nachdenken zu nehmen: Wie fühle ich mich und was fehlt mir gerade? Und dann zu überlegen, durch welche Strategien für diese Dinge Platz geschaffen werden kann. Eine Not-to-do-List kann hier beispielsweise helfen: Schreibe die Dinge auf, die du eigentlich ungern erledigst und die vielleicht gar nicht wirklich wichtig sind und dir Zeit und Energie rauben. Versuche, diese Dinge nachhaltig aus dem Alltag zu streichen. Manchmal ist es auch möglich, mehr Freiräume zu erlangen, indem die Familienaufgaben gerechter verteilt werden. Eine wöchentliche Familienkonferenz kann hier helfen, bei der alle Aufgaben aufgeführt und gerecht verteilt werden.

Selbstfürsorge ist für Eltern kein Nice-to-Have, sondern eine grundlegende Voraussetzung, um selbst körperlich und psychisch gesund zu bleiben und darüber hinaus für andere sorgen zu können.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und tragen seit über 10 Jahren maßgeblich zur Verbreitung bedürfnisorientierter Erziehung bei. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

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