Der Unterschied zwischen Grenzen und Strafen in der Erziehung

Immer wenn es um das Thema geht, Kinder nicht zu bestrafen, tut sich eine andere Frage auf: Aber wie sollen Kinder Grenzen lernen, wenn sie nicht bestraft werden? Dabei handelt es sich eigentlich um zwei verschiedene Themen, die nur durch den Ansatz des Bestrafens miteinander in Verbindung gebracht werden. Natürlich sind Grenzen für Kinder wichtig und ein wesentlicher Bestandteil des Aufwachsens hinein in eine Gesellschaft. Aber Grenzen müssen nicht mit Strafen eingehalten oder durchgesetzt werden, um bewahrt zu bleiben.

Was sind Grenzen und warum sind sie wichtig?

Wir alle haben viele Grenzen in ganz unterschiedlichen Bereichen: Körperliche Grenzen, welche Berührungen wir wie und von wem mögen, was uns weh tut oder angenehm ist. Wir haben moralische Grenzen und unterscheiden uns darin: Was für einen unethisch ist (wie z.B. Fleischkonsum) ist für einen anderen keine Frage der Ethik. Wir haben unterschiedliche Belastungsgrenzen: einige Menschen halten weniger Stress aus, andere mehr. Wenn eine Grenze erreicht ist, beginnt ein unangenehmes Empfinden: Wir wünschen, dass etwas aufhört, weil es uns überfordert. Wo aber diese Grenze sich befindet, können einzelne Personen nur selbst festlegen: Was für eine Person zu laut ist, ist für eine andere vielleicht noch angenehm. In vielen verschiedenen Bereichen haben wir also ganz unterschiedliche Grenzen – als Erwachsene, aber auch im Vergleich zu den Kindern. Warum unsere Grenzen so unterschiedlich sind, kann ganz verschiedene Ursachen haben: Wir haben unterschiedliche Temperamente, die angeboren sind und wir machen im Laufe unseres Lebens unterschiedliche Erfahrungen, die sich auf unsere Bedürfnisse und Grenzen auswirken: Wenn wir Gewalt erfahren, sind wir später vielleicht sehr empfindsam in Bezug auf Berührungen und/oder unser gesamtes Stressverarbeitungssystem ist schneller an der Belastungsgrenze. Und auch unsere Alltagssituationen wirken sich auf unsere Grenzen aus: Sind wir bereits gestresst, sind wir vielleicht empfindsamer gegenüber Lautstärke und unsere Grenze ist schneller erreicht als sonst.

Auch Kinder haben Grenzen, die wir respektieren sollten: körperliche Grenzen (Wenn ein Kind beispielsweise aus Erschöpfung nicht mehr laufen kann. Oder von wem es welche Berührungen zulässt oder nicht), ethische Grenzen (hier haben die Eltern ganz besonders die Verantwortung, beispielsweise wenn es um vermeintlich „lustige“ Fotos geht, die in Social Media geteilt werden) und auch Grenzen der Sinnesempfindungen (Was für ein Kind laut oder zu laut ist, kann sich von dem unterscheiden, wie wir es empfinden). Am Anfang ist es für Kinder oft schwer, ihre Grenzen wirklich wahrzunehmen und selbst darauf zu achten. Sie sind auf unsere Co-Regulation angewiesen. Wir sehen das beispielsweise an Babys, die einen Tag über zu viel stimuliert wurden, von Arm zu Arm gereicht, durch ein Einkaufszentrum getragen mit hellen Lichtern und sich selbst vor diesen Reizen nicht schützen konnten und dann später viel weinen. Kinder sind sehr lange darauf angewiesen, dass wir uns um den Schutz ihrer Grenzen kümmern.

Die Grenzen also zeigen auf, wann unsere Belastungsmöglichkeit erreicht ist und nicht überschritten werden sollte. Es ist wichtig, dass wir Grenzen von anderen wahrnehmen und berücksichtigen, denn nur so funktioniert das Zusammenleben in einer Gemeinschaft – nicht nur in der Kleinfamilie, sondern der gesamten Gesellschaft: Jeder Mensch hat in verschiedenen Bereichen individuelle Grenzen, die nicht überschritten werden sollten, damit sich diese Person weiterhin wohl fühlt.

Wie können wir Grenzen schützen?

Wir sehen also: Wir alle haben Grenzen. Aber unsere Grenzen unterscheiden sich: Was mich anstrengt, ist für eine andere Person vielleicht in Ordnung. Was für mein Kind nicht geht, ist vielleicht für ein anderes passend. Das bedeutet: Wir müssen zunächst verstehen und anerkennen, dass wir alle unterschiedliche Grenzen haben und unser eigenes Empfinden nicht der Maßstab für alle ist.

Haben wir dies verstanden, können wir ansehen, welche Signale bei uns darauf hindeuten, dass eine Grenze erreicht ist bzw. bei anderen Menschen. Welche Signale geben unsere Kinder, bevor sie vehement und laut zeigen, dass eine Grenze überschritten ist? Und welche Signale können wir bei uns selbst wahrnehmen, bevor eine Grenze erreicht ist?

Gerade um unsere eigenen Grenzen zu schützen, ist es sinnvoll, nicht erst dann zu reagieren, wenn unsere Grenze schon erreicht oder gar überschritten ist, sondern schon vorher. Denn: Wenn unsere Grenze erreicht oder überschritten ist, sind wir bereits in Not und handeln aus einem Notgefühl heraus. Wir sind aggressiver, lauter (oder auch ganz abweisend und „flüchten“). Wenn wir also an uns selbst erkennen, dass unsere Grenzen bald erreicht sind, können wir besser und entspannter handeln und sind weniger verleitet, schnell und grob zu handeln, wie beispielsweise mit dem Androhen von Strafen. Um zu erkennen, dass eine Interaktion auf dem Weg ist, unsere Grenze zu erreichen, brauchen wir allerdings ein gutes Gespür für uns selbst:

  • vielleicht atmen wir schneller und/oder flacher
  • wir merken, dass wir unbestimmt unruhig werden
  • wir reden schneller
  • unser Blutdruck steigt
  • wir fühlen uns verkrampft

Wenn wir frühzeitig merken, dass unsere Grenzen erreicht werden, können wir handeln: Wir können dem Kind sagen: „Es ist mir zu laut, lass uns mal ruhigere Musik anmachen.“ oder „Es ist mir zu laut, ich gehe in einen anderen Raum. Sag Bescheid, wenn du fertig bist.“ oder wenn wir einen ohnehin stressigen Tag haben, das Kind nach der Kita schlechte Laune hat, können wir erklären: „Heute gehen wir nicht zusammen einkaufen, sondern es gibt abends einfach Reste von gestern.“ (und so einem Streit im Supermarkt vorbeugen). Wir können, wenn das Kleinkind im Essen stochert und wir merken, dass es uns langsam aufregt, frühzeitig reagieren, mit dem Kind über das Essen reden oder fragen, ob es nicht mehr essen mag, bevor es das Essen vom Teller schiebt und wir deswegen verärgert sind. Bevor also das Fass zum Überlaufen gebracht wird, können wir meistens noch recht gut und verständlich andere Wege einleiten.

Wenn sich Grenzen bedroht anfühlen, sind wir in Versuchung, zu strafen

Dann aber, wenn plötzlich eine Grenze überschritten wird, wollen wir auch schnell handeln: Hier ist unsere eigene Unversehrtheit in Gefahr (Das Kind schlägt oder beißt), hier sind unsere Werte in Gefahr (Das Kind sagt Scheiß-Papa und benutzt damit ein in der Familie verbotenes Schimpfwort), hier sind wir akut überreizt (Das Kind schreit wild und laut über Minuten), hier wollen wir vielleicht andere Personen schützen (Das Kind der Freundin) oder sorgen uns um unser Ansehen (Was sollen die Nachbarn denken). Unser Wunsch ist: Schnell dieses Verhalten abstellen und auch nachhaltig, damit wir nicht wieder in diese Situation kommen.

Viele von uns sind mit Strafen in der ein oder anderen Weise aufgewachsen, denn aus der Verhaltsbiologie wurde auch für die Erziehung von Kindern abgeleitet: Durch Belohnung können wir positives Verhalten verstärken, durch Bestrafung negatives Verhalten vermindern. Tatsächlich funktioniert diese Technik auch ganz gut, denn als Erwachsene sind wir den Kindern gegenüber in einer Machtposition: Bestrafen wir ein „falsches“ Handeln, lernt das Kind, dass es schwächer ist, unterliegt, sich unterwerfen muss. „Wenn Du nicht lieb bist, bekommst Du abends keinen Nachtisch!“ Das Kind versucht demnach, unserem Wunsch nach „lieb sein“ zu entsprechen, um der Strafe zu entgehen. Es passt sich an unsere Forderung an. Was es aber tatsächlich bedeutet, lernt es nicht. Es lernt auch nicht, dass „lieb sein“ ja nicht gezwungen werden kann, sondern ein tiefes Gefühl des Wunsches ist, einen anderen Menschen glücklich zu machen. Es verhält sich lediglich angepasst an unsere Vorstellungen: „lieb sein“ bedeutet dann – je nach unserer Forderung – leise sein, nicht schimpfen, nichts schmutzig machen. Es lernt nicht, das Gefühl des „lieb seins“ zu übertragen und auf andere Situationen anzuwenden. Es lernt, dass es scheinbar nicht lieb ist, wenn es diese Anforderungen nicht erfüllt – obwohl die Verhaltensweisen, die wir als Eltern oft reglementieren eigentlich völlig normale kindliche Verhaltensweisen sind, die meist der Neugierde und dem Wunsch nach Selbstständigkeit entspringen. Recht wahrscheinlich zeigt es dann das gewünschte Verhalten in jenen Situationen, in denen die erwachsene Person anwesend ist, die dies einfordert. Und weil es Angst vor der Folge eines falschen Verhaltens hat, ist es zudem nicht darum bemüht, ein eventuell doch abweichendes Verhalten einzugestehen: Es lügt, weil es (verständlicherweise) die Folgen des „lieb seins“ genießen möchte und keine Bestrafung erhalten will.

Was also durch Bestrafung passiert: Das Kind fühlt sich machtlos, es fühlt sich schwach und unterlegen und verinnerlich das Weltbild, dass der Stärkere gewinnt und Kooperation und Gleichwürdigkeit keine Methoden der Wahl sind in Konfliktsituationen. Diese Haltung verinnerlicht das Kind für die Zukunft (wie wahrscheinlich auch viele von uns sie verinnerlicht haben) und andere Interaktionen, auch im Zusammensein mit anderen Kindern. Das Kind lernt keine sinnvollen und nachhaltigen Lösungsstrategien für die Zukunft, um sie in der Zukunft anzuwenden und Problemsituationen beispielsweise anders zu verarbeiten. Oftmals sind Strafen Mittel der Wahl in der Kleinkindzeit, in der sich Kinder noch gar nicht in andere hinein versetzen können, weil sich die Theory of mind erst langsam ausbildet. Das Kind versteht also nicht, warum es eine bestimmte Handlung ausführen oder lassen soll für eine andere Person, sondern lernt nur stures Befolgen. Aus Angst vor der Bestrafung, ist es in Anwesenheit der strafenden Person bemüht, die Forderungen einzuhalten. Es kann in Anwesenheit der bestrafenden Person also nicht „es selbst sein“ und verstellt sich, um sich anzupassen. Das ist auf Dauer anstrengend, besonders wenn es ein normales kindliches Verhalten unterdrücken muss (nicht schmutzig machen/nicht laut singen/nicht wütend sein/nicht mit den Fingern das Essen anfassen/…). Manchmal äußert sich dies dann in scheinbar „grundlosen Wutausbrüchen“, die aber eigentlich der angestauten Überlastung zuzuschreiben sind. Vielleicht versucht es, heimlich dieses Verhalten auszuleben und lügt aus Angst dann die bestrafende Person an („Ich habe das nicht schmutzig gemacht, das war ein fremder Hund.“).

Durch Bestrafen gewinnen wir also tatsächlich langfristig nichts: Das Kind wird kein „besserer Mensch“ durch Strafen. Das Kind ist ein guter Mensch und wir müssen es auf dem Weg begleiten, zu erfahren, wie es Grenzen anderer gut berücksichtigen kann. Das erlernt es aber nicht durch Strafen. Auch nicht solche, die wir als „Konsequenzen“ bezeichnen, weil es Strafen sind, die sich direkt auf das vermeintliche Fehlverhalten beziehen: „Wenn du nicht aufisst, gibt es keinen Nachtisch!“, „Wenn du nicht aufräumst, spielen wir nicht miteinander!“, „Wenn du Schimpfwörter benutzt, musst du allein in deinem Zimmer bleiben, damit niemand das hört!“ Ja, diese Strafen stehen in Zusammenhang mit der Ursache, die vermieden werden möchte, aber dennoch sind es Strafen, die ein von uns als negativ betrachtetes Verhalten abstellen sollen aufgrund eines Machtgefälles und rein dazu dienen, das Verhalten zu vermeiden anstatt dem Kind echte Lösungsstrategien anzubieten.

„Kinder testen keine persönlichen Grenzen böswillig aus, sie fordern uns nicht heraus. Sie gelangen aber durch ihr Handeln an Grenzen, um zu erfahren, wie sie sich in einer Gesellschaft richtig bewegen. Neben all den Dingen, die sie lernen, lernen sie nämlich auch, wie andere Menschen sind.“

S. Mierau (2017): Geborgene Kindheit, S. 104

Wie können Grenzen bewahrt werden, ohne zu bestrafen?

Wir sehen: Grenzen sind wichtig und müssen geschützt werden. Aber Strafen sind nicht das Mittel der Wahl dafür, wir brauchen andere Handlungsmöglichkeiten. Um diese zu finden, müssen wir unseren Blick auf das Kind ändern: Wenn es eine Grenze überschreitet, dann hat das einen Anlass. Kindliches Verhalten ergibt eigentlich immer einen Sinn, auch wenn er uns zunächst nicht klar ersichtlich ist. Hinter dem Verhalten eines Kindes steht ein Anlass: Im Kleinkindalter hat das oft mit Neugierde, Selbständigkeit und Ressourcen zu tun. Das Kind will sich die Welt aneignen, will Erfahrungen darin machen, sich erproben. Manchmal ist es dabei zu ungestüm: es hat Unfälle, macht Dinge kaputt, kann mit anderen Menschen noch nicht so umgehen, wie wir Erwachsenen (im positiven Fall) miteinander gut umgehen. Kinder machen Dinge nicht, um „Machtspiele“ zu provozieren, sie sind ja auch uns Erwachsene als Versorger*innen angewiesen und wollen dies nicht von sich aus umkehren. Wenn Kinder scheinbar „provozieren“ lohnt sich auch ein Blick hinter dieses Verhalten: Warum wollen sie Aufmerksamkeit, wo fühlen sie sich nicht gesehen, wo ist es gerade anstrengend für sie, dass sie mehr Zuwendung brauchen, die wir anscheinend aktuell nicht geben?

Wenn wir also in einer Konfliktsituation sind, in der wir geneigt sind, eine Strafe verhängen zu wollen, macht folgendes Vorgehen Sinn:

  • Erst einmal ruhig bleiben: etwas trinken, tief durchatmen, kurz aus dem Raum gehen,…
  • Du darfst wütend sein. Nur brauchst du eine Methode, um gut mit der Wut umzugehen udn sie nicht am Kind auszulassen.
  • Nachdenken: Warum genau hat mein Kind wie gehandelt? Was steht hinter dem Verhalten meines Kindes?
  • Wenn wir den Grund des Kindes erfahren haben (weil es das gesagt hat oder wir es durch nachdenken erkunden konnten): Überlegen (ggf. gemeinsam): Wie kann diesem Bedürfnis nachgegangen werden, ohne dann Grenzen überschritten werden? Wie hätte die Situation auch laufen können? Wie wäre es besser gegangen? Größere Kinder können in diese Analyse einbezogen werden.
  • Vielleicht ist etwas kaputt gegangen, etwas wurde verschüttet,… Gemeinsam kann nun das Problem behoben werden: Wir räumen zusammen auf, machen zusammen sauber. So lernt das Kind auch gleich, wie es richtig gemacht wird (und es ergibt sich nicht sofort der nächste Problemfall: „Das ist ja gar nicht sauber, mach das nochmal!“)
  • Später kann noch einmal besprochen werden, wie zukünftig in solchen Situationen gehandelt werden kann. Vielleicht kann auch gemeinsam ein Plakat gebastelt werden, wenn es beispielsweise immer wieder abends Probleme gibt in der Abendroutine: Statt zu drohen „Wenn du dich nicht endlich fertig machst, dann gibt es keine Geschichte!“ können wir ein Papier mit den abendlichen Routinen skizzieren, damit das Kind eine Orientierung hat. „Schau, jetzt ist Punkt 3 dran: Wir gehen Zähne putzen.“

Aber wenn es gefährlich ist, dann muss ich doch verbieten?

Wenn etwas gefährlich ist, müssen wir unsere Kinder vor Gefahr schützen: Kinder dürfen nicht auf die Straße rennen, nicht auf dem Fensterbrett spielen, nicht als Nichtschwimmer*in ins Wasser springen. Natürlich müssen wir in allen gefährlichen Situationen eingreifen und unsere Kinder schützen und dies auch gegen ihren Willen, weil sie die Situation nicht überblicken können. Aber dieser Schutz ist keine Bestrafung. Eine Bestrafung wäre es, wenn wir das Kind davor schützen, auf die Straße zu rennen und danach sagen: „Weil du das gemacht hast, bekommst du heute kein Eis.“

Unsere Aufgabe ist es – und natürlich ist das nicht immer einfach – unseren Kindern Handlungsfähigkeit beizubringen und zu ermöglichen. Verständnis für Gefahrensituationen ermöglichen, Lösungsstrategien aufzeigen, so dass sie zukünftig nicht wegen eines Verbotes etwas nicht tun, sondern weil sie wirklich verstanden haben, warum ein solches Handeln in dieser Situation falsch wäre. Statt also das Eis zu verbieten, können wir danach in die Bibliothek gehen und Bücher über Verkehrserziehung ausleihen und lesen, können zukünftig an der Straße besser aufpassen und gemeinsam in Kommunikation sein: besprechen, was als nächstes passiert, warum hier was gemacht werden muss.

Und natürlich müssen wir auch da eingreifen, wo andere Personen durch das Kind in Gefahr geraten: Wenn das Kind andere haut oder beißt, müssen wir eingreifen, um die anderen Kinder zu schützen. Aber auch hier sollte im Anschluss keine Bestrafung des Kindes erfolgen, sondern es sollte genau hingesehen werden: Warum beißt/kratzt/schlägt/spuckt mein Kind? Was können wir an Situationen ändern, damit das Kind das nicht macht, welche Alternativen gibt es?

Neue Wege fallen oft schwer

Ja, viele von uns haben Strafen erlernt als Handlungsmethode, aber das bedeutet nicht, dass es die richtige und sinnvolle Möglichkeit ist, mit Kindern umzugehen und um eigene oder andere Grenzen zu sichern. Wir haben unseren Kindern gegenüber die Verantwortung, auch ihre Grenzen zu bewahren. Strafen verstoßen dagegen und deswegen ist es unsere Aufgabe, andere Wege zu finden. Dass das nicht immer einfach ist, ist klar. Uns fehlen Vorbilder hierfür, wir haben diese Art des Umgangs oft selbst nicht erlernt. Deswegen machen wir eben auch Fehler. Aber wir sind keine schlechten Eltern, weil wir überfordert sind. Wenn wir Fehler machen, können wir um Entschuldigung bitten. Und wir können versuchen, es beim nächsten Mal anders zu machen und so nach und nach von den Strafen wegzukommen und das Denken zu verändern.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

25 Kommentare

  1. Liebe Susanne,
    wie so oft trifft dein Text mein aktuelles Thema.
    Ein Beispiel: Was mache ich denn mit meinem Dreijährigen, der wie ein Wilder auf das E-Schlagzeug seines größeren Bruders eindrischt und immer und immer wieder nicht hören will, dass es davon (wirklich!) kaputt gehen kann? Er wird tierisch wütend, wenn ich ihm dann -hilflos – sage, dass ich ihm die Sticks sonst wegnehmen muss. Die Alternative auf etwas anderes doll rauf zu hauen, lehnt er wütend ab.

    Danke für deine großartige Arbeit! :o)

    • Was ist denn sein Wunsch? Er will auch Schlagzeug spielen? Oder haut er so doll mit dem Ziel, wirklich etwas kaputt machen zu wollen? Und warum möchte er das Musikinstrument des Bruders gerne kaputt machen?
      Aber klar: Schlagzeug muss beschützt werden, Eigentum des Bruders muss beschützt werden.

    • Lieben Dank für deine Antwort.
      Natürlich möchte er auch nur spielen wie sein Bruder. Nur leider versteht er es glaube ich noch nicht, welche Folgen sein Spiel haben kann. Das ist auch an anderen Stellen gerade Thema bei uns.
      Daher die Frage, ob es in dem Fall – Schutz des Eigentums des Bruders – okay ist, ihn das Wegnehmen der Sticks anzukündigen oder was es evtl noch an Möglichkeiten gäbe..
      LG!

      • Noch als Anregung: Wir haben auch extra Spielbereiche für die Kinder, beispielsweise als Hochebenen, wo dann die Geschwister nicht rauf können, um einige Spielsachen außer Reichweite zu haben.

  2. Sandra Polainko

    Danke für diesen Artikel! Kam gerade zur rechten Zeit! Unsere Tochter (3) pinkelt gerade immer wieder absichtlich aufs Sofa und in den Kasten. Manchmal ist es offensichtlich ein Protest, manchmal findet sie es lustig. Mein Mann und ich kommen langsam an unsere Grenzen. Ich hab keine Ahnung, wie ich damit umgehen soll. Ich merke, wie ich beginne Strafen anzudrohen. Und dann tut es mir wieder leid. Wenn man gerade nicht selbst betroffen ist, klingt alles immer so einleuchtend und leicht, ich bin im Moment echt ratlos…Liebe Grüße aus Wien, Sandra

    • Hier erst einmal auf Ursachenforschung gehen: In welchen Situationen passiert das? Macht sie es, um Aufmerksamkeit zu bekommen? Schafft sie es nicht auf Toilette? Ist ihr auf Toilette langweilig? Habt Ihr es schon ausprobiert, ein Töpfchen ins Zimmer zu stellen? Oder die Toilettenecke kindgerechter „einzurichten“?

  3. Hallo Susanne,

    Mein zweijähriger Sohn haut oft andere Kinder oder zieht in den Haaren! Ich habe das Gefühl, dass er es macht um meine Aufmerksamkeit zu bekommen, da er es oft ohne Grund macht. Ich habe schon vieles probiert (lieb erklärt, dass er das nicht machen kann, aus der Situation rausgenommen ohne jeglichen Kommentar, geschimpft, bestraft) aber nichts scheint wirklich zu helfen! Er weiß sehr genau, dass er nicht hauen darf und ich habe auch schon in einem Buch mit ihn darüber gelesen und erzählt… hast du einen Rat, wie ich mit der Situation am besten umgehen kann?
    Danke

  4. Alles sehr richtig allerdings fehlt mir eine Strategie für mein Problem.
    Unsere Kids 6 und 3 gehen normalerweise gleichzeitig schlafen (klappte bisher immer gut) aber aktuell wiegelt die große den kleinen so auf in ihrer überdrehtheit das er -obwohl sehr müde (gerade KiGa start) dann auch nicht mehr schlafen will.
    Ich hab es erklärt und mehrfach hingewiesen das im Schlafzimmer jetzt geschlafen wird… aber sie reagiert überhaupt nicht. Erst wenn ich sie rausschicke damit der Lütte endlich einschlafen kann, dann regt sie sich total auf weil sie es natürlich als Bestrafung empfindet und lieber bei uns sein will … ich bin etwas ratlos (Einschulung findet jetzt Samstag statt -also auch sehr aufregend)

    • Vielleicht plant Ihr unterschiedliche Zubettgehzeiten ein? Du bringst den Kleinen ins Bett, in der Zwischenzeit darf die Große noch etwas allein machen. Wenn sie das nicht einfach so möchte, kannst du den „Trick“ eines besonderen Körbchens ausprobieren: Wenn es bei uns Zeiten gab, wo ein Kind etwas allein machen musste, gab es dafür immer ein Körbchen mit kleinen Besonderheiten zum Spielen, nur für diese Situationen. Darion waren besondere Glitzerstifte zum Malen, Aufkleberheftchen, kleine Spiele zum Alleinspielen… Damit konnte dann die Zeit überbrückt werden.

  5. Mareike Weisweiler

    Danke…
    Nachdem ich die Tage die Beiträge über die Strafen und die entbrannten Diskussionen verfolgt habe, ist das noch die nötige, ausführliche Ergänzung!

  6. Vielen Dank für den gelungenen Artikel. Gerne möchte ich noch einen ergänzenden Gedanken dazu teilen.

    Strafen beenden Situationen und bieten keine Möglichkeiten um Lösungen zu finden. Es gibt ja auch immer den Moment, wo gegen bekannte Regeln verstoßen wird und ich mich frage, wie die Regel aufrecht erhalten werden kann, gültig bleibt und der Verstoß dagegen nicht egal ist.
    Verzeihen ist hier eine gute Herangehensweise. Denn darin liegt die Möglichkeit einer gemeinsamen Lösung und eines Neuanfangs. Es bietet sich im Verzeihen die Möglichkeit neue Wege zu finden und gemeinsam eine Lösung zu entwickeln.

    Wenn immer wieder darauf hingewiesen wurde, dass jetzt das Spiel beendet werden muss, damit man beim Zubettgehen eine Geschichte lesen kann, aber das nicht geschehen ist, dann fehlt manchmal tatsächlich die Zeit zum Lesen einer Geschichte. Diese Konsequenz kann man aber viel besser gemeinsam bearbeiten und Lösungen dazu finden, wenn man „verzeiht“, als strafend oder konsequent darauf zu beharren, dass nun geschlafen werden muss. Es eröffnen sich dann ganz viele neue Möglichkeiten, von einer kurzen Erzählung, einer kurzen Lesung oder sogar dem Angebot des Kleinkindes heute gleich zu schlafen und morgen mehr zu lesen.

    So können gemeinsam neue Perspektiven eröffnet werden.

  7. Liebe Susanne,
    danke für diesen Beitrag! Ich hatte schon immer ein komisches Gefühl wenn es um Strafen ging. Jetzt habe ich einen ganz neuen Blick.
    Nur ein Sache stimmt mich nachdenklich…
    Mein Mann empfindet viele Sachen als zu laut. Also konkret, die Musik ist zu laut, ich rede zu laut, die Kinder sind zu laut… usw.
    Es ist seine persönliche Grenze, die wir respektieren müssen. Allerdings fällt es mir immer schwerer, mich zurück zu nehmen. Ich rede nicht bewusst laut und merke es manchmal gar nicht. Er spricht mich darauf an und dann erst wird es mir bewusst. Meist ist er enttäuscht, dass wir so wenig Rücksicht nehmen, da er es immer wieder sagen muss.
    Er reagiert oft „eingeschnappt“. Also er nimmt sich dann raus, aber über mehrere Tage. Er ist gekränkt, da ich/wir seine Grenzen nicht respektieren.
    Ich weiß nicht, wie ich da einen guten Weg einschlagen kann. Ich finde es einfach nicht „schlimm“ wenn ich mich z.B. mit meinen Sohn unterhalte und die Musik läuft. Wir brüllen uns natürlich nicht an, aber er kann das z.B. nicht, kann sich dann nicht konzentrieren..
    Wie mache ich auch den Kindern klar, dass sie etwas mehr Rücksicht auf Papa nehmen?
    Vielen Dank nochmal für deine Arbeit hier!
    Liebe Grüße

    • Liebe Kristina,
      wir haben hier zu Hause ganz pragmatische Lösungen dafür: Die Kinder haben Geräuschschutzkopfhörer und mein Mann Noisecanceling-Kopfhörer. Vielleicht wäre das was für Euch?

  8. Ich finde, was du schreibst, grundsätzlich richtig, komme aber mit diesem Ansatz oft an die Grenzen meiner Kinder und was da möglich ist. Beide Kinder sind sehr impulsiv und cholerisch, die Gefühle fahren einfach hoch, von 0 auf 100 in 3 Sekunden, und wenn man mehrmals am Tag getreten und gehauen wird, oder andere Kinder Sachen an den Kopf geworfen bekommen, weil der Reißverschluss nicht zu geht, die Legosteine nicht zusammenpassen, die Wasserflasche tropft, dann hilft es bei uns eigentlich nur, wenn ich auch mal richtig sauer werde oder Sachen wegnehme oder vorzeitig mit dem Kind nachhause gehe. Bei meiner Großen hat sich das schon ziemlich rausgewachsen, beim Kleinen wird es auch besser, je reflektierter/älter er wird. Aber kleine Kinder sind ja eher instinktiv und eben nicht rational und rational konnte ich sie bis zu einem bestimmten Alter auch beide überhaupt nicht erreichen. Mein Sohn hat grundsätzlich gemacht, was er sich in den Kopf gesetzt hat, kein Nein akzeptiert, keine Erklärung verstanden. Unzählige Male habe ich mein schreiendes Kind in meinen Armen fixiert, damit er sich und anderen nicht weh tut, weil er auf nichts gehört hat und bei jedem Nein explodiert ist. Je älter er wird, umso leichter wird es, aber es gibt eben ein Alter, in dem man mit Erklären nicht weit kommt. mit Bestrafen allerdings auch nicht, da hast du recht.

    • Hallo,

      das kennen wir von unserem Kind auch.
      Wir haben für Erfahrungen damit gemacht zu akzeptieren, das sein Wille, so unsinnig er in den Moment auch erscheint, sehr sehr stark in ihm sein muss. Also finden wir immer einen Kompromiss, meistens reicht nur ein ganz kleiner Schritt in die Wunschrichtung des Kindes damit sein Drang nach Selbstwirksamkeit entsinnen wird. Ganz konkret, Kind weil anderen Kindern Dinge an den Kopf schmeißen. Aber verbieten führt zu Eskalation.. dann eben mit Kissen oder Plüschtieren schmeißen oder die Bausteine aufs Bett oder in anderern weichen Untergrund. Mit 2,5Jahren konnten wir auch schon über Gefühle reden. Habe dann gefragt ob es sauer ist oder sich ärgert oder müde ist. Fast immer kommt so schnell die Grenze des Kindes zu Tage. Und allein das hat schon sehr zur Beruhigung beigetragen.

      Viel Glück

  9. Liebe Susanne, vielen Dank für Deine Arbeit! Deine Texte bestärken mich meinen Weg zu gehen und vorallem mich nicht von außen von ihm abbringen zu lassen. 😉

  10. Ich finde den Text wunderbar und gleichzeitig weiß ich, wie schwierig das oft im Alltag ist. Strafen in der Erziehung wegzulassen ergibt Sinn wie du es beschreibst. Tatsächlich sehe ich aber in meiner Beobachtung sehr viele Familien, die damit total überfordert sind, das Strafen zwar bleiben lassen aber gleichzeitig auch keine adäquate andere Methode finden um mit dem Verhalten der Kinder, das ja oft problematisch ist, umzugehen. Da kommt dann so etwas wie eine „Kopf in den Sand“ Methode raus. Und das ist auch wenig vorteilhaft für alle Beteiligten. Es ist ein sehr mühsamer, weil sehr ungewohnter Weg, so zu begleiten und es stellt auch mich immer wieder vor Herausforderungen, um nicht zu sagen: vor meinen Grenzen ;-).

  11. Peer Hollmann

    Sehr geehrte Frau Mierau,

    vielen Dank für Ihren Beitrag. Ich finde das sehr hilfreich und gut.

    Bitte verstehen Sie die folgenden Zeilen als sehr, sehr konstruktive Kritik in jedoch sehr klaren Worten, denn ich möchte gern mehr von Ihnen lesen.
    Bis man zu dem Kern und dem inhaltlichen Mehrwert Ihres Beitrags kommt, muss man sich durch sehr viel (auch teilweise redudanten und aufgelähten) Text mit starken Durchhaltevermögen kämpfen.
    Es wäre wirklich hilfreich, wenn Sie sich etwas prägnanter fassen könnten und auch die ein oder andere inhaltliche Wiederholung aussparen können, denn damit verliert man leicht die Lust bzw. den konzentrierten Blick auf Ihren wirkliche tollen Text. Und das wäre wirklich schade, wenn man zu früh abspringt, denn das letzte Drittel hilft wirklich toll weiter.

  12. Hallo habe eure Artikel gelesen . Ich finde sie super . Bei uns ist es so das unser ,9 jahre immer schreit , bei einem Nein, wenn andere Personen mit im Raum sind ist er laut redet dazwischen macht ein auf mega cool , alter , dicker het shot, geil sowas alles wird dann gesagt . Kinder wollen (nicht alle ) aber teils nicht spielen weil zu laut und stürmisch ist . Wenn wir als Eltern mit ihm reden und versuchen es zu erklären sagt er : verstehe ich nicht oder hällt sich die Ohren zu. Ansonsten ist er ein Junge der gerne spielt und hat ein großes liebes Herz . 😉

  13. Hallo Susanne,
    mein Herz atmet auf bei deinen Worten!
    Dennoch sitzt die Vorstellung kindliches Verhalten muss „Konsequenzen“ haben tiefer in mir drin als mir lieb ist.
    Bis jetzt gelang es mir ganz gut mein Verhalten immer wieder zu reflektieren und andere Lösungen zu finden.
    Woran ich komplett scheitere, ist das Thema Zähneputzen. Bis jetzt gelang es mir durch verschiedene Zahnbürsten, Putzen gegen die Uhr, Putzen mit Tierstimmen etc. meinen Sohn immer wieder zu motivieren, aber aktuell verweigert er das Zähneputzen komplett. Ich finde nicht heraus warum und weiß keinen Rat mehr. Mein Sohn ist 3 1/2.
    Vielleicht hast du noch eine Idee?

      • Ja, bitte!!! Das ist auch bei uns gerade ein RIESEN-Problem… 🙁 Dabei nehmen wir uns soviel Zeit und oft endet es in einer ,Vergewaltigung‘ . Der Nachbarjunge hat verfaulte Forderzähne. Das will ich für unsere Tochter definitiv nicht. Wir sind komplett ratlos, obwohl wir soviel lesen und immer wieder neue Strategien ausprobieren. Nicht Zähneputzen kommt aber nicht in Frage. Das schadet dem physischen Kindeswohl. Eine Zwickmühle…. ;( LG Sonja

  14. Charlotte

    Hallo Susanne,
    dein Artikel tut gerade so gut. Ich komme mir derzeit oft sehr hilflos vor, weiß nicht, wie ich reagieren soll. Meine zweijährige Tochter versucht seit ein paar Wochen, mich zu beißen/mir ins Gesicht zu langen, ohne erkenntlichen Grund. Mir ist schon aufgefallen, dass es häufig ist, wenn sie müde/gelangweilt ist. Ich muss dazu sagen, dass ich mit Nummer 2 schwanger bin und manchmal nachmittags, gerade wenn sie keinen Mittagsschlaf gemacht hat, einfach zu müde und erschöpft bin um noch großartig mit ihr zu spielen. Bald kommt sie in die Kita und da mache ich mir schon Gedanken, wie es dort sein wird. Bisher zielt sie ausschließlich auf mich ab. Die zweite Sache ist, dass sie eigentlich keine Dinge mehr in den Mund nimmt, außer Steinen derzeit. Sie macht richtig ein Spiel daraus, wenn sie ein paar (kleine) Steine findet, diese in der Hand zu verstecken, wegzurennen und sie heimlich in den Mund zu stecken. Wenn ich es bemerke, fordere ich sie auf, die Steine auszuspucken. Wenn alles Zureden nicht hilft, halte ich ihr kurz die Nase zu, damit sie den Mund aufmacht und ich die Steine herausnehmen kann. Ich fühle mich furchtbar dabei, habe aber gleichzeitig das Gefühl, dass es für sie leider schon eine Art Spiel ist 🙁
    Vielleicht weißt du Rat?
    LG Charlotte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.