Deine Grenzen als Elternteil sind okay

Das Wort „Grenzen“ hat für viele Eltern einen negativen Beigeschmack. Gerade auch, weil es in der Vergangenheit oft mit negativen Erziehungsmethoden verbunden war: „Grenzen“ wurden in erster Linie auf das Kind bezogen, als Grenze um das Kind herum zu Erziehungsmaßnahmen, und nicht als Schutzraum betrachtet für Erwachsene und Kinder. „Grenze“ hieß: „Bis hierhin und nicht weiter, weil du das nicht darfst!“ statt „Dies ist dein persönlicher Sicherheits- und Wohlfühlbereich.“ Auch in Bezug auf das Wort „Grenzen“ ist es wichtig, welchen Blickwinkel wir darauf einnehmen, in welchen Bedeutungskontext wir es einsetzen.

Grenzen sind für Kinder und Erwachsene wichtig

Sowohl für Kinder, als auch für Eltern, sind Grenzen wichtig. Grenzen sollten und müssen für Kinder nicht willkürlich gesetzt werden, sie ergeben sich aus dem natürlichen Zusammenleben: Kinder stoßen an Grenzen in Bezug auf ihre Fähigkeiten, Dinge, soziale Systeme und eben auch andere Menschen. Interessant an den Grenzen anderer Menschen ist, dass sie sich von Mensch zu Mensch unterscheiden können – auch das lernen Kinder daher in der Auseinandersetzung mit anderen. Ein Glas, das auf den Steinboden fällt, geht nahezu immer kaputt. Das ist die dingliche Grenze. Bei Menschen sind Grenzen unterschiedlich: sie können sich mit der Zeit ändern, sind abhängig von Wohlbefinden und Stress, hängen mit der eigenen Vergangenheit, aber auch genetischen Bedingungen zusammen und werden unterschiedlich signalisiert. Was für eine Person in Ordnung sein kann (beispielsweise lautes Geschrei beim Spielen), kann für eine andere Person auf Dauer als Grenzüberschreitung wahrgenommen werden. Es ist nicht falsch, dass wir unterschiedliche Grenzen haben. Es gibt keine Basislinie im Sinne von „Das musst du aber ertragen als Elternteil.“ – Familien sind unterschiedlich und oft haben die in einer Familie zusammenkommenden Personen unterschiedliche Ausprägungen von Reizverarbeitung und Anpassungsfähigkeit. So machen Kinder in unterschiedlichen Familien unterschiedliche Erfahrungen, die sie mit prägen. Während in einer Familie Lautstärke vielleicht ein Thema ist, ist es in einer anderen körperliches Balgen oder andere Themen, bei denen es engere oder weitere Grenzen gibt.

Alternativen bei viel Rücksichtnahme

Oft haben Eltern einen negativen Blick auf die familiären Grenzen, die in ihrer Familie gelten. Sie sorgen sich vielleicht, dass das Kind bestimmte Erfahrungen nicht machen kann. Natürlich ist es wichtig, dass Eltern im Blick behalten, dass die Kinder nicht zu sehr eingeschränkt werden in ihrem Erkundungsverhalten und sie genügend Raum haben für Selbstwirksamkeit und Exploration, aber bewusst gesetzte Grenzen sind deswegen nicht gleich ein Entwicklungshemmnis. Vielleicht gibt es Orte, an denen die Kinder laut schreien können, wenn das zu Hause nicht so sehr gewünscht ist (beispielsweise bei Ausflügen in die Natur), vielleicht gibt es andere Bezugspersonen, mit denen sie wild toben können, wenn die Eltern eher körperlich sanft reagieren. Vielleicht gibt es die Möglichkeit, an den Wochenenden Einzelaktivitäten mit Geschwisterkindern zu unternehmen, wenn unter der Woche viel Rücksicht genommen werden musste auf ein anderes Kind.

Gemeinsam Regeln festlegen

Regeln sind sinnvoll für soziale Gruppen, denn sie organisieren das Zusammenleben und setzen sich für die Bedürfnisse aller Personen ein. Mit unseren Kindern können wir über die Regeln und Grenzen in der Familie auch sprechen. Wenn wir erklären, warum uns eine bestimmte Regel/Grenze wichtig ist, können wir auch unsere Kinder fragen, was ihnen besonders wichtig ist und daraus ggf. weitere Familienregeln ableiten. Sie können auch gemeinsam festgehalten werden auf einen Papier oder Poster. Vielleicht ändern sie sich wieder im Laufe der Zeit, vielleicht begleiten uns einige über lange Zeit.

Wichtig ist, dass wir uns von einem negativen Blick auf Familienregeln lösen und ihren Wert und ihre Ressourcen erkennen für unser individuelles Zusammenleben. Es ist okay, dass du als erwachsene Person Grenzen hast – genauso wie wir unseren Kindern ihre Grenzen zugestehen und als wichtig erachten, dass sie lernen, für ihre Grenzen einzustehen.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de

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