Schlagwort: Entwicklung

Die Entwicklung meines Babys mit 3 Monaten

Ich bin immer wieder überrascht davon, wie unterschiedlich Kinder sind und welch verschiedene Wege sie gehen – selbst als Geschwister. Die Natur hat einen Weg vorgegeben, auf dem unsere Kinder entlang gehen. Aber das eine läuft langsamer, das andere schneller. Manche rennen, manche schleichen eher. Wenn wir ihnen aber ihre Zeit geben, wenn wir nicht drängen oder einschränken, geht jedes Kind seinen Weg. Eben in seinem Tempo, aber es geht. Die Natur hat dafür gesorgt, dass Babys und Kinder zu jedem Zeitpunkt genau das können, was sie können sollen, was notwendig ist für den nächsten Schritt. Sie sind keine Mängelwesen, sondern genau so, wie sie sein sollen. Monat für Monat können wir ihre Entwicklung beobachten und begleiten.  Weiterlesen

Mit 2 Jahren

Wenn man von den 2jährigen spricht, dann kommt schnell das Thema „Trotzalter“ auf. Es wird davon berichtet, wie anstrengend Kinder in diesem Alter seien, wie große Konflikte es geben würde und wie schwer sich manchmal der Alltag gestalten ließe. Ich habe schon einmal darüber geschrieben, dass es meiner Meinung nach kein Trotzen gibt, sondern eher den Willen des Kindes, es einfach selbst zu tun. Kinder mit 2 Jahren wollen sich erproben, sie wollen die Welt begreifen mit allen Sinnen, wollen Dinge erfahren, Neues ausprobieren. Sie wollen sich ein Bild machen von dem, was sie umgibt und dazu müssen sie ihre Umgebung verstehen. Weiterlesen

Der Geruch der Kindheit

Als ich vor vielen Jahren eine Freundin wieder traf, die ich lange nicht gesehen hatte, umarmte sie mich und sagte: „Du riechst noch immer wie früher!“ Sie lächelte. Wahrscheinlich verband sie mit diesem Geruch Abende, an denen wir uns in den Armen gelegen hatten und vor Liebeskummer weinten oder gemeinsame Zeiten auf dem Sofa mit Eis und unseren Lieblingsserien. Gerüche sind so wichtig, erinnern uns an so viele Dinge. In dieser Woche kam die Tochter nach einer Reise zurück nach Hause. Ich schloss die Tür auf, wir schleppten den großen Koffer herein und sie schaute sich um. „Ach, es riecht nach Zuhause!“ sagte sie. Weiterlesen

Der 2. Geburtstag – Über Rosa, Legoland und Geschenke

Nun also ist der Sohn 2 Jahre alt. Ist die Geburt wirklich schon 2 Jahre her? Wo ist nur die Zeit geblieben? Er geht im Wechselschritt die Treppe hoch, spricht in vollständigen Sätzen, kennt mindestens 5 Schimpfwörter von seiner großen Schwester, spielt mit den Händen „Hund“. Weiterlesen

Natur für Stadtkinder – Wie Stadtkinder elementare Erfahrungen machen können

Stadtkind

Auf einen Heuballen springen, durch den Wald rennen und Pilze sammeln, Lämmer streicheln oder mit einem kleinen Boot über den Fluss fahren – wir alle wünschen uns ein Stückchen Bullerbü für unsere Kinder. Dies umso mehr, wenn wir lesen, wie gut es für Kinder ist, Natur zu erfahren, dass sie dort elementare Erfahrungen machen können, dass Bauernhofbesuche vor Allergien schützen sollen und so weiter. Das Leben in der Natur – es kann Kindern so viel bieten.

Und dennoch ist es so, dass viele Eltern nun einmal mit ihren Kindern in der Stadt wohnen und bestensfalls in den Ferien die Möglichkeit haben, die Natur uneingeschrenkt zu genießen. Bedeutet dies, dass Stadtkindern all diese wichtigen Erfahrungen verwehrt bleiben? Wohl kaum, wenn wir darauf achten, dass sie auch in der Stadt Erfahrungen sammeln können, sich erproben und losgelöst mit allen Sinnen begreifen dürfen. Doch wie geht das?

Der wesentliche Unterschied zwischen Kindern in der Stadt und auf dem Land ist, dass Stadtkinder viel mehr unter beobachtenden Augen stehen als ihre Altersgenossen auf dem Land. Auf Spielplätzen finden sich Gruppen von Eltern, gut meinende Nachbarn sind allseits zugegen: Stadtkinder sind nur selten unbeobachtet. Und dieser Umstand wirkt sich auch auf das Spielverhalten aus: Denn Eltern greifen oft in das Spielverhalten der Kinder ein. Unbeobachtet klettern Kinder auf den Baum, erproben sich, wie weit sie kommen, wie gut sie sich hochziehen können. Auf Spielplätzen sind mittlerweile nur noch selten wirkliche Kletterbäume zu finden. Wenn Kinder phantasievollen Ersatz für den fehlenden Kletterbaum finden und die Rutsche mit nackten Füßen hochlaufen wollen, wird ihnen unter dem strengen Blick so mancher Eltern dieses Vorhaben untersagt. Und dies trifft auch auf die „falsche“ Nutzung der Schaukel zu, da bei unsachgemäßem Gebrauch eigene und Verletzungen fremder Kinder in Betracht zu ziehen sind. Spielplatzgeräte geben eine Nutzung meist vor – in den Augen der Erwachsenen und die Missachtung dieses gewünschten Umgangs wird oft von den Eltern ermahnend geahndet.

Doch nicht nur das: Eltern greifen nicht nur im Umgang mit dem Spielmaterial viel ein, sondern auch in den Umgang der Kinder untereinander. An der Schaukel wartend mit ihrem Kind wird so manches Mal das lange schaukelnde Kind ermahnt, es möge doch auch die anderen mal ran lassen oder das eigene schaukelnde Kind wird gebeten, nach einer gewissen Zeit Platz zu machen für den nächsten Schaukler. Kinder stehen Schlange an Spielplatzgeräten, anstatt sich anderweitig zu beschäftigen, weil ihnen die Regeln der Erwachsenen für den Spielplatz beigebracht werden. Doch was passiert ohne eingreifende Eltern? Ist es nicht möglich, dass Kinder unter sich um Spielmaterial verhandeln? Müssen wir ständig in die Sozialkompetenz des Kindes einschreiten?

Doch auch neben Spielplätzen ist es Stadtkindern möglich, sich selbst zu erproben, wenn wir ihnen den Raum dafür bieten: Auf kleinen Mauern kann balanciert werden, ausrangierte Matratzen auf dem Bürgersteig laden zum Hüpfen ein, im Slalom lässt es sich um Poller rennen oder Bänke dürfen erklommen werden. Wenn wir genau hinsehen, sehen wir so viele tolle Möglichkeiten in der Stadt. Oder – noch besser – lassen die Kinder sie einfach entdecken. Wir müssen nicht immer sofort eingreifen und etwas verbieten. Denn ist es wirklich schlimm, wenn ein Kind über eine Bank balanciert? Oder wenn es an irgendeiner Metallstange hochklettern will?

Nur weil wir selbst den Blick dafür verloren haben und es uns vielleicht vor anderen Erwachsenen peinlich ist, müssen wir unsere Kinder nicht um die Möglichkeit bringen, sich selbst auszuprobieren. Es ist nicht schlimm, wenn ihre kleinen Schuhe vielleicht ein wenig Straßendreck an eine Sitzbank bringen oder sie immer und immer wieder die Rollstuhlrampe hinunter rennen. Sie machen dies aus einem inneren Antrieb, weil sie sich und ihre Fähigkeiten ausprobieren wollen. Dazu brauchen sie kein Bullerbü, wenn wir sie einfach lassen und begleiten auf ihrem holprigen Weg.

Vertrauen ins Kind

Vertrauen

Vertrauen. Vertrauen ist das, was uns modernen Eltern wohl am meisten verloren gegangen ist. Vertrauen darin, dass wir eine gute Schwangerschaft haben, dass es unserem Kind im Bauch gut geht. Wir hören nicht auf unser Bauchgefühl, sondern müssen es sehen, müssen es von Ärzten bestätigt bekommen. Je genauer, desto besser: Mit Bild und Herzschlag und Nackenfalte. Wir vertrauen auch nicht mehr darauf, dass wir Kinder gebären können, sondern lieber darauf, dass uns irgendjemand durch die Geburt bringt. Doch es ist nicht die Hebamme oder Ärztin, die das Kind gebären muss, sondern die Mutter. Ist das Kind dann da, dann vertrauen wir nicht mehr darin, dass wir das Gefühl haben, dass es satt ist und sich gut entwickelt. Wir messen nach, wir haben Angst und füttern zu, weil das Gewicht nicht ganz auf der Kurve liegt. Wir versuchen, dem Baby Brei zu geben, weil wir nicht darauf vertrauen, dass die Muttermilch genügend sättigt – schließlich lässt sich nur schwer sehen und messen, wie viel das Kind wirklich trinkt. Wir vertrauen auch nicht darauf, dass es sich schon nach seinem eigenen Tempo entwickelt, sondern gehen mit ihm zu Babykursen, damit es Impulse bekommt, sich auf den Bauch zu drehen oder zu krabbeln. Wir lassen unserem Kind nicht mehr den Raum, sich selbst zu entwickeln, weil wir ängstlich sind, weil wir von allen Seiten vermeintlich wichtige Ratschlägen erhalten. Wer ein Kind bekommt, scheint das Vertrauen schon ganz früh abzugeben.

Dabei ist das Vertrauen in uns und unser Kind so wichtig. Wenn wir einmal in die Falle des fehlenden Vertrauens hineingetappt sind, fällt es schwer, dort wieder hinaus zu kommen. Nicht, weil wir zu faul sind, sondern weil es mit einem ganz wichtigen Gefühl zu tun hat, dass alle Eltern kennen: Angst. Wir sorgen uns um unsere Kinder und ihr Wohlergehen. Doch haben wir erst einmal einen ängstlichen Blick entwickelt, ist es schwer, ihn wieder los zu werden. Vielleicht fällt das fehlende Vertrauen am Anfang noch nicht auf in der Schwangerschaft und zur Geburt. Doch irgendwann müssen sich Eltern ihm stellen, denn das Kind fordert mehr und mehr ein, dass wir ihm vertrauen. Irgendwann merken Eltern, dass das Gras nicht schneller wächst, auch wenn man daran zieht und Kinder sich in ihrer Entwicklung nur schwer beeinflussen lassen. Denn wenn wir versuchen, einzugreifen, stören wir in Wirklichkeit den feinen Plan der Entwicklung, den jedes Kind hat.

Wir müssen vertrauen, dass sich unsere Kinder selber entwickeln, dass wir ihnen eine anregende und schöne Umgebung bieten können, aber sie nicht anders dazu bringen sollten, schneller zu krabbeln oder zu laufen als sie es von sich aus wollen. Manche Kinder sind schneller, manche sind langsamer. Wir müssen unseren Kindern auch vertrauen darin, dass sie negative Erfahrungen machen können, damit sie lernen, es besser zu machen: Wir können nicht jeden Sturz abfangen und jedes Mal die schützende Hand hinhalten. Kinder müssen lernen, wie man richtig fällt, wie man sich abrollt und so vor schlimmeren Verletzungen schützt. Sie dürfen frei mit anderen Kindern interagieren und wir müssen ihnen vertrauen, dass sie sanft ein anderes Kind anfassen und ihnen nicht von Anfang an unterstellen, sie würden einem anderen weh tun und dürften ihn deswegen nicht berühren.

So wie wir Vertrauen haben müssen in die eigenen Fähigkeiten unseres Kindes müssen wir ihm auch Raum geben, um sich selbst zu erfahren. Kinder müssen nicht rund um die Uhr unter den Augen der Eltern sein. Sie dürfen auch einmal aus dem Blickfeld rennen, wenn wir wissen, dass keine akuten Gefahren drohen. Sie dürfen auch in einem anderen Raum spielen oder im Garten versteckt unter den Hecken. Kleine Kinder brauchen Wurzeln und Nähe, aber ebenso sehr auch Platz für die eigene Entfaltung. Sie brauchen die Möglichkeit, auch „Dummheiten“ anzustellen: Himbeersaft pressen durch den guten Rock, die Wand heimlich bemalen, Erde essen, nackt in der Pfütze springen. Wenn wir nicht vertrauen und ihnen diese Dinge vorenthalten, werden sie nie lernen, wie sie sich anfühlen. Sie lernen nicht, dass sie Dinge lassen sein sollen, weil sie vielleicht nicht gut sind, sondern lernen nur, dass sie sie nicht machen sollen, weil wir es ihnen sagen. Wir müssen Vertrauen haben, dass unsere Kinder lernfähig sind, dass sie selbst lernen, nach ihrem Tempo und nach ihrem Bedürfnis. Und davon lernen wir selbst noch sehr viel.

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Es geht vorbei – Kinder werden größer. Von Wurzeln und Flügeln

An Tagen wie heute liege ich abends im Bett neben meinen Kindern und blicke meine Tochter an. Ist sie wirklich schon 5 Jahre alt? Wo ist die Zeit nur geblieben? Ich sehe ein großes Mädchen, das gerne und sehr laut lacht. Ihr Lachen ist oft ansteckend. Ich sehe ein selbstbewusstes Mädchen, dass mir gerne auf meine Wünsche nach einem anderen Verhalten entgegnet „Ich bestimme über mich!“ und ich sehe ein Mädchen, dass laut und wild mit anderen Kindern spielt. Manchmal sogar zu laut und zu wild für meinen Geschmack. Weiterlesen

Unaufhaltsam

 

Der Sohn ist nun 19 Monate alt. Er erkennt sich und andere auf Fotos, benennt seine Körperteile und die anderer Menschen. Er spricht in 3-Wort-Sätzen und spielt wunderbar phantastische Spiele. Im Spielkreis hat er in dieser Woche Stühle zusammen geschoben und sagte „Schiff baut! Springt runter!“ und hat sich von den Stühlen fallen lassen. Nachdem seine Schwester am letzten Wochenende drei Treppenstufen hinunter gesprungen ist, wollte er es ihr gleich tun und landete dabei auf der Nase. Überhaut ist alles, was die große Schwester tut, ganz wunderbar und nachahmenswert. Daher beherrscht er auch die Worte „Kacke“, „Scheiße“ und „Eierloch“, die er sehr gerne in für mich unpassenden Situationen hervor bringt. Beispielsweise in einer langen Schlange bei der Post, wenn er schreit „Warten! Kacke!“ Ich distanziere mich dann gerne ausdrücklich von den Worten und versuche mit einem Lächeln über mein errötetes Gesicht hinweg zu täuschen. Aber natürlich lernt er nicht nur Unsinn von der großen Schwester, sondern hat durch die ein besonderes Interesse an Zahlen und Buchstaben und versucht, Treppenstufen zu zählen und schreit mir gerne ins Ohr, wenn er auf der Straße etwas Geschriebenes entdeckt („Schrieben, Mama, schrieben!“).

Ebenso wie die Wörter mit jedem Tag mehr werden und auch das Spiel phantasievoller und variabler, wächst der Sohn unaufhaltsam. Im ersten Lebensjahr war er ziemlich klein und dünn, etwas unterdurchschnittlich in Größe und Gewicht. Nun aber hat er auf einmal quasi über Nacht einen Sprung gemacht. Die 74/80 passte ganz plötzlich nicht mehr. Neue Bodys, neue Hosen und neue Schuhe mussten her. Seinen absoluten Lieblingsbody haben wir bei me&i gefunden: grün mit Zebras. Der Sohn liebt die Zebras, die er Pferde nennt, denn schließlich liebt ja die große Schwester Pferde und er darf sie jedes Wochenende zum Reiten begleiten.

Zebra_Body02

Und auch wenn er schon über das erste Jahr hinaus gewachsen ist, kann man noch immer von Entwicklungsschüben sprechen. Ich würde sogar bei meiner großen Tochter mit 5 Jahren noch von Entwicklungsschüben sprechen. Wie als kleines Baby sind es Zeiten, in denen er besonders anhänglich ist, besonders viel stillen möchte, viel auf den Arm will. Manchmal lässt er dann auch Dinge, die er schon konnte, wieder weg. Und auf einmal ist sie da, die neue Fähigkeit, das Hüpfen, das Pfeifen. Bei der Tochter ist es nicht mehr so sehr die Anhänglichkeit, wenn der Entwicklungsschub kommt, sondern eher das Gegenteil davon: Das Reiben an Regeln und Normen, die Auseinandersetzung. Oft auch die Zerrissenheit zwischen Autonomie und Anhänglichkeit. Mit 5 Jahren wackelt die Welt, vieles steht auf dem Prüfstand und fügt sich neu zusammen. So ist es für beide Kinder gerade eine aufregende, sich und sie verändernde Zeit.

Trotzen? Gibt es nicht.

Trotzen

Der Sohn ist nun 18 Monate alt, er redet viel und oft, klettert und rennt. Zeit, für die Außenwelt mal nachzufragen: Neben der allgegenwärtigen Frage „Schläft er denn nun schon durch?“ kommt immer häufiger eine andere Frage in den Mittelpunkt, nämlich die, ob er denn nun schon im Trotzalter sei. Trotzalter. Das ist ein Begriff, den ich nicht gerne höre. Schon wenn ich Ankündigungen für Workshops und Kurse sehe, in denen es um wütende Kinder, um das Trotzen oder um den Zorn von Kleinkindern geht, werde ich ärgerlich. Denn diese Beschreibung von Kindern ist grundlegend falsch.

Jeder Mensch hat eine eigene Meinung

Stellen wir uns zu Beginn folgende Situation vor: Ein Paar ist zusammen im Supermarkt. Er schiebt den Wagen, sie legt einen Schokoriegel hinein.
Er: „Leg den bitte wieder zurück.“
Sie: „Was?“
Er: „Leg den bitte wieder zurück!“
Sie: „Äh, nein. Warum?“
Er: „Jetzt leg ihn bitte wieder zurück. Du weißt: Süßigkeiten sind nicht so gesund für Deine Zähne.“
Sie: „Was? Ja. Aber nein, ich nehme den mit. Ich putz mir ja die Zähne auch.“
Er: „Und auch sonst sind sie nicht so gesund für Deinen Körper. Bitte leg den Riegel jetzt zurück ins Regal.“
Sie: „Du spinnst wohl. Ich lege ihn nicht zurück ins Regal.“
Er: „Leg ihn zurück, sonst lege ich ihn zurück.“
Sie: „Nein, ich nehme diesen Riegel mit.“
Er legt den Riegel ins Regal, sie zieht ihn zu sich heran, während er ihn noch hält. Der Einkaufswagen schlingert scheppernd in das Regal.

Diese oder ähnliche Situationen haben wir alle schon oft gesehen oder selbst erlebt. Nicht unbedingt mit unseren Partnern, aber mit unseren Kindern. Wir gehen einkaufen und haben ganz verschiedene Vorstellungen davon, was in den Einkaufswagen kommen soll. Das kann entweder ein Schokoriegel sein, der gewünscht wird oder die blinkenden Turnschuhe. Doch während wir in Gesprächen mit einem Erwachsenen ihm zumeist ein gleichberechtigtes Stimmrecht zuerkennen, machen wir das mit Kindern nicht. Oft hören wir nicht einmal genau ihre Gründe an, warum nun unbedingt ein Schokoriegel/eine Fruchtschnitte/ein Plastikhase oder die lila Socken mit grünen Punkten gekauft werden müssen. Und darin liegt auch schon das Problem: Wir erkennen nicht an, dass Kinder eine eigene Meinung haben und sie vertreten. Natürlich wissen wir als Eltern viele Dinge besser. Wir haben mehr Lebenserfahrung. Wir wissen, dass zu viel Schokolade ungesund ist oder dass Plastikspielzeug fragwürdiger Herkunft gesundheitsschädlich sein kann. Kinder müssen diese Dinge erst lernen. Viele Dinge müssen sie tatsächlich durch eigene Erfahrung lernen und wir können ihnen mit gut gemeinten Ratschlägen dieses Wissen nicht vermitteln – so sehr wir uns das auch manchmal wünschen. Doch das wirklich Wichtige daran ist: Um was auch immer es geht, wir sollten den Wunsch der Kinder ernst nehmen.

„Trotz“ ist kein passender Begriff

Laut Duden bedeutet Trotz „hartnäckiger [eigensinniger] Widerstand gegen eine Autorität aus dem Gefühl heraus, im Recht zu sein“. Doch ist es das wirklich, was sich in den Reaktionen der Kinder zeigt? Das Kind zeigt in seiner Äußerung seine Vorstellung, seinen Willen oder Wunsch. Es tut das nicht in erster Linie als Widerstand gegen eine Autorität (sofern man die Beziehung zwischen Kind und Eltern überhaupt mit diesem Machtgefälle bezeichnen möchte). Es lehnt sich nicht in erster Linie gegen einen anderen Menschen auf, sondern zeigt seine eigenen Vorstellungen, die sich eben von denen eines anderen Menschen unterscheiden. Der Widerstand ist erst die Konsequenz dessen, dass das Kind selbst auf einen Widerstand stößt. Oftmals sind die Kinder davon selbst überrascht. Gerade kleine Kinder, deren Empathie noch nicht so weit ausgebildet ist, dass sie sich problemlos in andere hinein versetzen können, sind selbst davon überrascht, dass die Person gegenüber ganz andere Vorstellungen hat als sie selber. „Was, Mama möchte nicht, dass ich diesen tollen grünen Flummi mitnehme? Ich verstehe die Welt nicht mehr!“ könnten sie sagen, wäre ihnen das möglich. Nein, Kinder wollen sich nicht gegen Erwachsene auflehnen aus Respektlosigkeit oder einfach nur der Sache wegen. Sie lehnen sich auf, weil sie eigene Ideen von ihrem Leben haben. Sie wollen nicht mehr die Jacke von Mama oder Papa zu gemacht bekommen, sondern wollen es selbst probieren.

Warum Kinder sich so verhalten, wie sie sich verhalten

So wie wir Erwachsenen Gründe für unser Tun haben, haben es auch Kinder. Oftmals können oder wollen wir uns nur nicht mehr ausreichend in sie hinein versetzen oder denken zu sehr aus unserer erwachsenen Sicht heraus, als dass wir Kinder noch verstehen könnten. Denn: Auch wenn uns das Verhalten unseres Kindes in einer solchen Konfliktsituation nicht gefällt, hat es einen Sinn. Herbert Renz-Polster schreibt in seinem Buch „Kinder verstehen“ über den so genannten Abstillkonflikt der Kinder, d.h. über die Zeitspanne, in der Kinder natürlicherweise abgestillt wurden und in deren Phase kindliche Zornanfälle besonders auftreten (S.183):

Die Abstillzeit war auch beim Menschen eine „Trennungszeit“, der Abstillkonflikt damit ein Loslösekonflikt. Evolutionsbiologisch betrachtet ist es deshalb plausibel, dass Zornanfälle ein Gegenmittel sind, das Kinder entwickelt haben, um in dem täglichen Abstiegskampf dann doch noch das eine oder andere Tor zu erzielen und dafür zu sorgen, dass sie bei der jetzt anstehenden Umverteilung angemessen berücksichtigt werden.

Kinder zeigen also in diesen Situationen zweierlei ganz wichtige Dinge: Sie befinden sich in einer Phase, in der sie von der Natur vorgesehen weiter von den Eltern Abstand nehmen und eigene Wege gehen. Vielleicht bekommen sie sogar gerade ein kleines Geschwisterkind und daher stellt sich diese Herausforderung besonders. Dafür benötigen sie bestimmte Fähigkeiten: Sie müssen ihre Jacken selber schließen können, ihre Schnürsenkel selber binden lernen, erfahren, wie man mit einer Schere oder einem Schnitzmesser richtig umgeht. Sie müssen lernen, eigene Entscheidungen zu treffen. Und das fordern sie tagtäglich ein. Sie rufen uns gerade zu: „Lass es mich selbst probieren! Ich muss das lernen!“ Gleichzeitig aber sind sie eben doch auch kleine Kinder und auf Zuwendung angewiesen. So zeigen sie auch: „Hey, ich bin hier und ich bin zwar schon in vielen Dingen selbständig, aber verlier mich nicht aus den Augen und wende Dich mir weiterhin viel zu!“ Das, was so oft als „Trotz“ bezeichnet wird, ist eine ganz wichtige und bedeutende Aufgabe für unsere Kinder. Ein Meilenstein der Entwicklung – auch wenn es manchmal für uns anstrengend und kräfteraubend ist.

Was also soll man mit Kindern in dieser Entwicklungsphase tun?

Im Alltag bedeutet dies vor allem eins: Ruhe bewahren. Wenn das Kind seine Eigenständigkeit zeigen möchte oder auch gerade das Gegenteil davon, treten wir einen Schritt zurück und schimpfen nicht gleich oder sind verärgert, sondern sehen hin und sagen zu uns: „Aha, ich nehme das jetzt einfach so hin. Was will mein Kind eigentlich?“ Und allzu oft sehen wir es schon: Das Kind will etwas selber machen oder selber entscheiden. Es möchte ein besonderes Geschenk bekommen, das die Geschwister nicht haben oder die größte Portion Mittagessen (auch wenn es das nicht aufessen wird). Ruhe ist die wichtigste Eigenschaft in dieser Zeit. Hinreich ist es deswegen auch, wenn man von Anfang an für wichtige Dinge mehr Zeit einplant: Anziehen kann lange dauern, wenn ein Kleinkind sich selbst anziehen möchte oder selber die Kleider zusammen stellt. Kompromissbereitschaft ist ebenso wichtig. Ja, dann zieht das Kind eben heute mal verschiedene Socken an oder hat das T-Shirt verkehrt herum an. Sind wir ehrlich zu uns selbst: Wen kümmert das schon? Und wenn es doch Konsequenzen hat, dann ist es wichtig, dass Eltern ihren Kindern auch Dinge zutrauen mit dem Wissen, dass das Kind daraus etwas lernen wird. Das Kind wird lernen, dass es nicht zu viel rohen Teig essen darf, wenn ihm davon übel wird oder dass es vielleicht doch keine schlaue Idee ist, das Lieblingsshirt ohne Jacke an einem kalten Tag zu tragen. Wir müssen unseren Kindern zugestehen, Fehler zu machen und daraus zu lernen. Nur so können sich Kinder weiter entwickeln. Natürlich hat das einen Rahmen, aber gewisse eigene Entscheidungen, die wir nicht unbedingt gutheißen, sollten wir auch unseren Kleinkindern schon ermöglichen. Und wenn es schief läuft, dann sind wir da. Wir nehmen sie in den Arm, wir lieben sie. So, wie sie uns auch weiter lieben, wenn wir ihnen Dinge verbieten oder vorschreiben. Oder – wie meine Tochter es mit drei Jahren nach einem solchen Anfall des Eigensinns auf die Äußerung, dass dieses Verhalten nun aber ziemlich unangenehm war, sagte: „Mir war das auch unangenehm, Papa. Mir auch.“ Und damit meinte sie nicht den Umstand, dass sie sich auf den Boden warf und mit den Beinen strampelte, sondern dass das überhaupt notwendig war.

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