Kategorie: Vorschule

Angstfresserchen – Wie Sie Kindern bei Angstanfällen helfen können

Kinder haben Ängste und Kinderängste sind normal. Wichtig ist, wie Eltern (und andere Bezugspersonen) damit umgehen. Diplom-Pädagoge und Therapeut Dr. Udo Baer beschreibt einen kreativen Umgang mit Kinderängsten:

Es gibt ein sehr schönes Kinderbuch von Michael Ende: „Das Traumfresserchen“.
Hier sorgt sich ein König um seine Tochter. Denn die Tochter wird von bösen
Träumen geplagt. Der König ruft alle Weisen und Heiler seines Landes zusammen,
die seiner Tochter helfen sollen. Sie bemühen sich, aber ihre Bemühungen sind
vergeblich. Niemand kann der Königstochter die furchtbaren Albträume nehmen, die
sie jede Nacht erzittern und aufwachen lassen. Da beginnt der König eine Weltreise.
Er reist in andere Länder und sucht überall jemanden, der seine Tochter von den
Träumen befreien könnte. Doch die Reise bleibt erfolglos.

Überall fragt er vergeblich, bis er schließlich ans Ende der Welt gerät. Dort setzt er
sich auf einen Stein und weint bitterlich, weil er versagt hat, weil er seiner Tochter
nicht helfen kann. Da nähert sich ihm ein fremdes Wesen, wie er es noch nie
gesehen hat. Das Wesen fragt ihn, warum er so betrübt sei und weine. Der König
erzählt die Geschichte von seiner Tochter und seiner vergeblichen Suche. Da sagt
das Wesen: „Oh, das trifft sich ja gut. Ich bin nämlich ein Traumfresserchen. Ich
ernähre mich von Träumen. Und je schlimmer diese Träume sind, desto besser
schmecken sie mir.“ Der König fragte das Traumfresserchen, ob es ihn begleiten
wollte, um seiner Tochter zu helfen. Das Traumfresserchen sagte „Ja“, und die
Tochter wurde schließlich von den bösen Träumen befreit.

Diese Geschichte, die Michael Ende viel schöner erzählt, als ich sie hier
zusammenfasse, war mein Anstoß dafür, mit und für Kinder ein Angstfresserchen zu
malen. Viele Kinder haben Ängste. Und es ist gut, wenn wir Eltern uns um diese
Ängste kümmern. Wir können beruhigen. Wir können helfen, indem wir nachfragen,
wovor das Kind denn konkret Angst hat. Wir können zum Beispiel ein Licht anlassen,
wenn dunkle Schatten drohen. Doch manchmal bleiben Ängste so diffus, und oft
treten sie, wie bei der Königstochter, auch nachts auf.

Hilfe bei Ängsten: Das Angstfresserchen malen

Eine Hilfe kann darin bestehen, dass die Kinder ein Angstfresserchen malen.
Erklären Sie Ihrem Kind, dass es Wesen gibt, die sich von Ängsten ernähren, also
Angstfresserchen. „Jedes Kind weiß nur selbst, wie sein Angstfresserchen aussieht.
Jedes Kind kann es beschreiben oder vielleicht auch malen.“ Bitten Sie Ihr Kind, ihr Angstfresserchen zu malen. Wenn es dazu noch zu klein ist, dann malen Sie das
Angstfresserchen für Ihr Kind – nach dessen genauen Angaben.

Dennis hatte über seinem Bett ein Bild mit seinem Angstfresserchen hängen. Doch
eines Tages kam er zu seiner Mutter und brachte ein großes Blatt Papier und eine
Packung Farbstifte mit. Er sagte: „Mama, das Angstfresserchen über meinem Bett
hilft gegen die kleinen Ängste. Ich brauche aber noch eines gegen die große Angst.
Mal mir das.“ Die Mutter malte nach genauen Angaben große Krokodilzähne, ein
breites Maul, furchterregende Augen und Stacheln auf dem Kopf … . Gemeinsam
hängten sie dieses Bild im Kinderzimmer auf. Nun gab es auch einen Angstfresser
gegen die große Angst.
Er half.

Solche Bilder haben für die Kinder eine hohe symbolische Bedeutung. Vor allem
dann, wenn sie diese selber gestalten oder die Bilder nach ihren Angaben gestaltet
werden, also nicht von der Stange angefertigt werden. Wir nennen diese Methode
„Aktives Symbolisieren“. Die Kinder schaffen selbst Symbole, und das ist viel
hilfreicher, als wenn Symbole gekauft oder vorgefertigte verschenkt werden. Solche
Symbole müssen nicht in Bildern bestehen. Es gibt viele andere Möglichkeiten.
Kinder können aus Knete oder Ton ein Objekt gestalten. Sie können sich einen Stein
oder ein Stück Holz aussuchen und es bemalen oder als Stofffigur gestaltet werden.
Ganz gleich in welcher Form Sie Ihrem Kind Aktives Symbolisieren anbieten, Sie
stärken damit die inneren Kräfte des Kindes und mobilisieren seine Ressourcen.
Dass Sie das Kind trösten, halten, stützen, begleiten, bleibt natürlich notwendig. Das
kann kein Angstfresser ersetzen. Doch Ihr stärkender Halt kann von den
Angstfressern unterstützt werden.

Dr. Udo Baer ist Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL und u.a. Vorsitzender der Stiftung Würde. Auf Geborgen Wachsen schreibt er über die (Gefühls-)Welt der Kinder, ihre Gedanken und die sich ergebenden Herausforderungen. Mehr über Kinderängste und ihre professionelle Begleitung findet sich in seinem Buch „Wenn Oskar Angst hat. Kinder verstehen und im Kita-Alltag professionell begleiten“

„Ich kann nicht gut schlafen!“ – Kinder und Albträume

„Mama, ich kann nicht gut schlafen!“ sagt mein Kind am Abend zu mir. Es würde in der letzten Zeit nicht gut träumen. Es schreckt im Schlaf hoch, weint, setzt sich auf. Albträume sind es, die die Nacht stören und bis in den Tag erinnert werden – manchmal stärker, manchmal schwächer. Viele Dinge liegen als Eltern in unseren Händen und es ist möglich, sie abzuwenden. Natürlich wollen wir nicht, dass es unseren Kindern schlecht geht, dass sie sich schlecht fühlen. Aber wie können wir ihnen helfen bei den nächtlichen Geschichten, die sie erleben? Weiterlesen

Jedes Kind darf wütend sein

Da stehst du vor mir und wütest. Du schreist mich an, mich und die Welt. Denn ich und die Welt, wir sind gerade blöd für dich. Wir verstehen dich nicht, wir lassen dich nicht das tun, was du gerade wolltest. Dabei willst du doch entdecken und lernen und erfinden. Nur manchmal, da geht das eben nicht. Da stehen die Dinge, die Menschen dir im Weg. Und manchmal kommst du nicht an ihnen und ihren Meinungen und Wünschen vorbei. Manchmal findet sich kein Kompromiss, manchmal müssen Eltern den Weg anzeigen und können ihn nicht ändern.

Also wütest du und schreist. Und es ist in Ordnung, das zu tun. Es ist in Ordnung, Gefühle zu haben und auch Wut, Angst und Ärger zu spüren, zu benennen, auszuleben. Es ist in Ordnung, die Wut aus dem Bauch heraus zu lassen und sie nicht in sich verbergen zu müssen. Wut ist kein Gefühl, das man lassen muss. Es ist kein Gefühl, das verboten ist. Keines, das versteckt werden muss oder nur heimlich allein betrachtet werden kann. Wut ist nichts, wofür man sich schämen muss. Menschen sind glücklich und traurig und lustig und aufgeregt und nervös und eben auch wütend. All das gehört zum Leben dazu, all das macht das Leben aus. Auch die Wut ist ein Teil der Gefühlswelt und auch sie hat ihren Platz im Alltag.

Noch ist es schwer, durch die Wut hindurch zu kommen, denn du findest noch nicht den Weg aus ihr heraus. Noch brauchst du mich, um auf dem Weg begleitet zu werden. Manchmal mit Worten, manchmal durch Berührung und manchmal einfach nur mit Verständnis. Der Weg, mit der Wut umgehen zu können, ist lang. Aber den Umgang lernst du nur dann, wenn du sie auch fühlen darfst. Du lernst, wie du dich beruhigen kannst – nach und nach. Durch uns Erwachsene, durch unsere Worte und unser Dasein.

In den nächsten Jahren wirst du uns immer weniger brauchen und schließlich wirst du deinen eigenen Weg finden durch diese starken Gefühle – oder selber wissen, wann du eine andere Person zur Hilfe hinzuziehen musst. Denn auch das kannst du lernen: Wir müssen Gefühle nicht allein mit uns ausmachen, auch nicht als Erwachsene. Es gibt Situationen, in denen wir sie allein regulieren und es gibt Situationen, da tut es so gut, sich anzulehnen, den Ärger auszusprechen und eine verständnisvolle Person gegenüber zu haben.

Es ist in Ordnung, wütend zu sein. Auch als Elternteil. Auch wir sind wütend, enttäuscht, zermürbt, überreizt. Auch wir haben Gefühle, die wir nicht verschließen müssen und sollten. Im Unterschied zu unseren Kindern sind wir aber erwachsen und sollten einen Weg gefunden haben, gut und gesellschaftlich verträglich damit umzugehen. Und wenn es uns schwer fällt, ist es umso wichtiger, unserem Kind einen anderen Weg aufzuzeigen und mit ihm gemeinsam zu lernen.

Eure

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Mama, ich will noch nicht schlafen!

Manchmal haben die Tage zu wenige Stunden und die Stunden zu wenige Minuten. Manchmal ist es so schlimm, dass der Körper doch Ruhe braucht, während die Welt so spannend ist und entdeckt werden möchte. Manchmal sehnt sich alles nach mehr, lauter, schneller, aber eigentlich kann all das Bunte nicht mehr verarbeitet werden. Manchmal, da soll der Tag einfach nicht enden. Weiterlesen

Vom Großwerden

Da stehst Du vor mir, mein großes Kind, und tanzt zur Musik aus dem Radio. Du hüpfst und lachst und drehst Dich im Kreis. Und Du tanzt, wie Du es bei uns Erwachsenen siehst. Noch ein wenig unbeholfen, noch ein wenig nur abschauend. Aber auf dem Weg. Auf dem Weg hinweg vom Tanz der kleinen Kinder. Auf dem Weg zum Größerwerden.

Ich schaue Dir zu, wie Du Dich bewegst und lächle Dich an. Ein wenig stolz, ein wenig traurig, ein wenig verwundert. Wann eigentlich bist Du so groß geworden? Jeden Tag ein klein wenig. Und so, wie Du in so vielen Sachen Dein Vorbild an anderen genommen hast, ist es auch hier beim Tanzen. Ich erkenne Deine Bewegungen wieder, ich sehe uns in Dir. So, wie ich uns sehe, wenn Du scherzt, wenn Du malst, wenn Du streitest, wenn Du Fragen über die Welt stellst. Du bist groß geworden an unserer Seite, mit uns, durch uns. Von all dem aus Deiner Umgebung hast Du Dir ein wenig abgezweigt und es gemischt zu einer bunten Mischung, angereichert mit ganz viel eigenem Temperament, garniert mit Deiner Sicht auf das Leben.

Größerwerden ist genau das: wachsen und sich ausbilden aus dem, was mitgebracht wird und dem, was man erlebt und sieht. In den vielen kleinen Details können wir dies jeden Tag an unseren Kindern ablesen: Wie sie aus einem Glas trinken, wie sie sich die Schuhe binden, welche Gesten sie beim Sprechen machen oder wie sie tanzen. Darin sehen wir auch uns. Manches Mal überrascht über die Erkenntnis, wie genau die kleinen Augen uns über Jahre beobachten und dass ihnen nichts verborgen bleibt von uns. Manchmal amüsiert es uns, wenn wir uns selbst in ihnen sehen. Manchmal sind wir auch erschrocken über das, was wir erkennen und nicht sehen wollen. Wir sind Vorbilder, jeden Tag. In den großen und in den kleinen Dingen. Und so werden die kleinen Stück für Stück und Tag für Tag größer und mal hier und mal da ein wenig ähnlicher.

Eure

Für Dich die beste Mama

Ich streichle Deine wilden Haare aus Deinem Gesicht und gebe dir noch einen leichten Kuss auf die Stirn. Deine Augen sind schon geschlossen, Du schläfst nach einem anstrengenden Tag. Anstrengend für mich, anstrengend für Dich. Wenn ich darüber nachdenke, sind die für mich anstrengenden Tage doppelt anstrengend für Dich: Für mich sind sie anstrengend, wenn Du unruhig/laut/schlecht gelaunt bist, weil Du irgendwas verarbeitest. Für Dich sind sie anstrengend, weil Du sowieso schon in Anspruch genommen bist von der Herausforderung, die Dir schlechte Laune macht und dann dazu, weil ich deswegen angestrengt bin. Heute war so ein Tag. Ein anstrengender. Weiterlesen

So 4jährig – Warum Eltern mit dem richtigen Ohr zuhören sollten

An manchen Tagen habe ich das Gefühl, meine Kinder entspringen einem Lehrbuch. Nicht einem darüber, wie wunderbar und leicht und wohlerzogen Kinder sein können. Sondern einem Lehrbuch über all die Dinge, die Eltern nun einmal auf ihren Elternweg mit Kindern begegnen. Bei dem Baby sind es die typischen Babyentwicklungsphasen, bei dem Schulkind natürlich all die Schulerlebnisse, von denen von allein los gehen über Pausenhofreibereien bis Schummeln nichts ausgelassen wird. Und bei meinem Mittelkind sind es die ganz typischen Erlebnisse mit einem vierjährigen Kind zwischen mangelnder Impulskontrolle, eigenem Willen, Stürmen im Kopf und emotionalen Entladungen. Weiterlesen

Mittelkind

Noch nicht groß und nicht mehr klein. Schon laufen können, aber irgendwann auf den Arm genommen werden müssen, weil die Beine doch nicht alles tragen. Noch nicht so hoch gewachsen, um alles überblicken zu können. Nicht mehr so klein, um immer hoch genommen zu werden. Das Hemd zuknöpfen wollen, aber noch nicht können. Überhaupt: So viel wollen und es oft nicht alleine schaffen. Immer irgendwo dazwischen sein. Kein Baby mehr, aber auch noch kein Schulkind. Weiterlesen

Ein Tag mit einem Dreijährigen

Während mein Kind schläft, sitze ich hier und denke über den Tag nach: Darüber, wie kompliziert das Leben manchmal ist mit einem dreijährigen Kind. Kompliziert für mich als Mutter, für den Vater, für die große Schwester, den kleinen Bruder und natürlich vor allem auch für dieses Kind, das ja nicht aus seiner Haut kann. Das das Leben ungerecht, andere Menschen bevormundend, sich selbst zu klein oder zu groß findet und überhaupt.   Weiterlesen

Attachment Parenting und alles wird gut?

Ich wünschte manchmal, es gebe das Patentrezept. Das Rezept mit dem alles gut wird. In den vielen Jahren, in denen ich schon mit Eltern arbeite, habe ich nämlich so viele ganz wunderbare Eltern kennengelernt. So viele Eltern, die Probleme hatten mit der Elternschaft, mit ihren Kindern oder Babys und die von außen betrachtet aber einfach tolle Eltern sind. Wie gerne hätte ich ihnen für die Probleme, mit denen sie zu mir gekommen sind, eine ganz einfache Lösung angeboten: Du musst Dein Baby nur zu Dir ins Bett holen und alles wird gut. Oder: Du musst es nur jeden Tag soundso viele Stunden an Deinem Körper tragen und es wird das zufriedenste Baby der Welt. Wir alle wünschen uns das Beste für unsere Kinder und wir tun unser möglichstes, damit es ihnen gut geht. Wir Eltern sind gute Eltern, auch wenn wir es manchmal nicht fühlen. Vielleicht auch gerade dann, wenn wir es nicht fühlen, aber es uns so sehr wünschen zu fühlen: Denn wir geben so viel dafür, dass es unseren Kindern gut geht und denken darüber nach.

Nicht nur Eltern nehmen Einfluss auf Kinder

Aber es ist ein Märchen, dass es das eine Rezept gibt mit dem alles gut wird. Es ist ein Märchen, an das wir Eltern manchmal gerne glauben wollen, weil es uns im Alltag so sehr helfen würde. Weil wir denken: Es muss doch irgendwas geben, durch das es besser wird. Und auf der anderen Seite setzen wir uns selbst damit unter Druck: Ich habe etwas falsch gemacht, ich habe nur noch nicht die eine, wirkliche Wahrheit gefunden, durch die alles gut wird, durch die ich die perfekte Mutter oder der perfekte Vater werde und mein Kind durchschläft, gut isst und/oder sozial angepasst ist. Die Wahrheit ist: Es gibt kein immer gelingendes Rezept. Es gibt gute Zutaten, mit denen wir unseren Kindern einen guten Weg ebnen können. Es gibt Verhaltensweisen, die es unterstützen, dass unsere Kinder eine sichere Bindung aufbauen und auf dieser Basis viele Dinge im Leben leichter fallen. Aber es gibt kein Patentrezept für ruhige Nächte, für gelingendes Stillen oder die super beste Geburt. Denn: Wir sind nicht die einzigen, die auf die Entwicklung unseres Kindes Einfluss nehmen. Wir leben in einer Gesellschaft, die Einfluss nimmt, in Häusern, die durch Raumklima, Schimmelpilze oder Nachbarn Einfluss haben, in Städten mit viel Verkehr, Feinstaub, Lärm oder weniger davon, in großen Familien mit viel Unterstützung oder kleinen mit gar keiner. Wir haben eine Vergangenheit, die uns in unserem Verhalten und unserer Toleranz bei aller Anstrengung immer wieder beeinflusst und Erinnerungen hervor holt. Und das wichtigste: Wir haben Kinder, die eigene Persönlichkeiten sind mit einem eigenen Temperament.

Wenn wir annehmen, dass die volle Verantwortung für das Glück oder Unglück unserer Kinder allein auf unseren Schultern lastet, sind wir beeinflusst von der veralteten Vorstellung, unsere Kinder wären nur Gefäße, die wir füllen. Ton, den wir unter unseren Händen formen. Aber wir wissen heute, dass das nicht stimmt. Wir Eltern sind BegleiterInnen auf dem Weg unserer Kinder, die von sich aus ihr Temperament, ihr Wesen mitbringen. Wir können an ihrer Seite gehen, sie begleiten und stützen, aber wir können sie nicht genau so formen, wie wir es wollen.

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Attachment Parenting und „High Need“ Kinder

Und genau das ist auch der Grund, warum auch Attachment Parenting kein Rezept ist, durch das ein sorgenfreies Leben als Eltern garantiert ist. Wir können mit bestimmten Verhaltensweisen unsere Kinder stärken und ihnen liebevoll begegnen auf ihrem Weg und sie auf diese Weise stark und selbstsicher für das Leben machen. Aber wir können – und sollten – nicht versuchen, ihr Temperament zu ändern. Mit manchen Kindern ist die Kommunikation von Anfang an schwieriger, mit anderen leichter. Es kann auf Seiten der Eltern und der Kinder dafür Gründe geben, die es zu erforschen gilt. Wenn Kinder mit besonderen Bedürfnissen in unser Leben treten, reicht es eben nicht aus zu sagen: Na Du musste dieses Kind nur genug tragen/stillen/im Familienbett schlafen lassen damit alles gut wird. Auf diese Weise funktioniert Attachment Parenting nicht.

Es gibt Kinder mit besonderen Bedürfnissen oder sagen wir: mit noch besondereren Bedürfnissen als andere oder stärkeren Bedürfnissen. Woher diese stärken Bedürfnisse kommen, ist unterschiedlich. Es ist eine Frage des Temperaments, kann auch organisch bedingt sein oder sozial. Doch warum genau das Kind so ist, spielt im ersten Schritt keine Rolle. Es geht nur darum zu sehen, dass ein Kind so ist und deswegen andere Anforderungen an die Eltern stellt als ein Kind, das vielleicht ein sanfteres Temperament hat. Deswegen ist es nicht nur anmaßend, sondern vor allem auch falsch, diesen Eltern zu sagen, welche Dinge sie nun tun könnten, um ihr Kind zu ändern. In vielen Fällen lässt sich ein „high needs“ Kind nicht einfach so ändern – auch wenn die Eltern täglich ihr bestes geben, damit es weniger fordernd, weniger laut, weniger anders ist als andere.

Bindungsorientiert zu leben mit einem Kind ist immer von Vorteil. Egal was für ein Temperament das Kind hat, wie es ist, welche Besonderheiten es in das Leben mit einbringt. es hilft langfristig, aber es ist keine kurzfristige Möglichkeit, um ein Kind zu ändern. Gerade „High need“ Kindern kann es für ihren späteren Weg eine große Hilfe sein, wenn wir sie bindungsorientiert wachsen lassen, damit sie ihr Leben selbstbewusst und gut leben können. Aber es ändert nichts daran, dass sie nun einmal stärkere Bedürfnisse haben als andere.

Ich habe ein „high need“ Kind. Es war ein „high need“ Baby und es hat sich in den Jahren nichts daran geändert, dass es immer mehr Zuwendung brauchte auf vielen Bereichen als das Geschwisterkind. Es war auch für mich ein harter Weg zu erkennen, dass ich – egal wie sehr ich stillte, trug, im Bett schlafen ließ, auf Signale achtetet – nichts daran ändern konnte, dass dieses Kind eben so ist, wie es ist. Ich habe gelernt, es anzunehmen. Es war eine nicht einfache Zeit, denn sie rüttelte auch ein wenig an meinen Vorstellungen mit dem Gedanken: Aber es muss doch irgendwas geben, dass… Es gab nichts außer der Zeit und dem Verstehen und Annehmen.

Ist ein Kind annehmen Aufopferung?

Einen Menschen wirklich in seinem Wesen zu erkennen ist wohl das größte Geschenk, das wir ihm machen können. Denn es bedeutet: Von unseren Ansichten und unseren Vorbehalten abzurücken und sich einzulassen. Manchmal ist es nicht einfach,von vorgefertigten Bildern im Kopf Abstand zu nehmen und neu und offen auf einen Menschen zu zu gehen. Doch wenn wir diesen Weg gehen, dann ergibt sich ein tieferes Miteinander, ein gleichwertiges: Ich sehe Dich wirklich und ich nehme Dich so an.

Wenn wir bindungsorientiert Leben mit unseren Kindern, müssen wir nicht alles machen vom Stillen über Tragen bis Windelfrei. Wir suchen uns die Sachen aus,die zu uns und unserem Leben passen und gehen unseren persönlichen Weg. Es gibt nicht das eine Rezept für ein gelungenes Familienleben, aber es gibt gute Zutaten. Und nein: Wir Eltern müssen uns nicht aufopfern, sondern wir gestalten das Leben genau so, wie es zu uns passt.

Wenn wir ein Kind haben, das besondere Bedürfnisse hat, müssen wir uns ebenfalls nicht aufopfern. Es ist sogar besonders wichtig, dass wir gerade dies nicht tun, sondern mit unseren Kräften haushalten, Grenzen erkennen und sorgsam mit uns selbst umgehen. Wir geben, was wir geben können – wie es alle Eltern der Welt tun möchten. Und wir sind keine schlechten Eltern, weil wir an Grenzen kommen oder nicht den nicht-existenten Zauberknopf finden.

Es gibt ihn nicht, den Zauberknopf. Das ist die schlichte Wahrheit. Es gibt gute Dinge, die wir für unsere Kinder tun können in dem Rahmen, der uns persönlich möglich ist. Elternschaft bedeutet gerade auch, nicht über die eigenen Grenzen zu gehen, damit wir für unsere Kinder da sein können. Wir müssen nicht 150% geben, wenn wir dann ausgebrannt sind und nur noch 50% Energie haben für lange Zeit. Es reicht aus, einfach weniger zu geben, wir müssen nicht perfekt sein, sondern nur gut genug.

Eure
Susanne_clear Kopie

Anstoß für diesen Beitrag gab der Aufruf von Frau Chamailion

 

 

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