Schlagwort: Erziehung

Über Erziehungspartnerschaften mit Lebenspartner_innen und Erzieher_innen

Manchmal fragen mich andere Eltern, wie wir das denn mit den Kindern so machen und ob mein Mann denn diese ganzen Sachen wie Familienbett und Tragen und so auch mitmachen würde. In diesen Momenten stelle ich mir einen kurzen Moment vor, wie es denn gehen sollte, wenn es nicht so wäre und muss tatsächlich zugeben, dass ich es mir nicht vorstellen kann. Wie sollte man als Familie leben, wenn man ganz unterschiedliche Auffassungen hat? Schaut man genauer hin, geht es sogar nicht nur um den Lebenspartner oder die -partnerin, sondern um alle Menschen, die wesentlich mit den Kindern zusammen sind. Auch andere Familienmitglieder, die mit den Kindern viel Zeit verbringen und Erzieherinnen sollten grundlegende Haltungen akzeptieren. Erziehungspartnerschaft bedeutet, sich zu verständigen und auf einer Seite zu stehen. Weiterlesen

Ein Leben ohne „wenn… dann“s?

Eltern kennen in der Regel zwei Formen des „wenn…dann“s: Die erste sind die Regeln für die Kinder wie „Wenn Du heute nicht mehr aufräumst, dann darfst Du morgen auch nicht Besuch bekommen.““, die zweite Form sind die selber auferlegten Regeln in der Art des „Nur wenn mein Kind krank ist, dann darf es in meinem Bett schlafen“  – „Wenn…dann“s sollen Struktur geben, sollen uns oder unseren Kindern den Weg vorgeben, den Alltag erleichtern, sie auf das Leben vorbereiten. Aber tun sie das wirklich? Weiterlesen

„Mama, ganz ehrlich… Die Weihnachtsgeschenke kommen von Euch, oder?“

Heute war es soweit. Dieser Tag, an den alle Eltern denken, den alle Eltern ein wenig fürchten. Die Tochter saß am Küchentisch und malte vor sich hin, griff sich eine andere Farbe und sagte beiläufig: „Mama, an Weihnachten kommen nicht die Englein, sondern die Eltern legen die Geschenke hin!“ Weiterlesen

Ich geh mit Dir wohin Du willst – Über Beständigkeit

In der Diskussion darum, dass Kinder nicht allein auf der Straße stehen gelassen werden sollten, vielleicht noch mit den Worten „Wenn Du nicht mit kommst, gehe ich eben alleine“ oder – wie auch oft anzutreffen – sich Eltern beim Vorgehen noch verstecken um den Druck des Nachkommens noch zu erhöhen, ging es immer wieder um die Frage, wie Eltern dennoch den Weg vorgeben können. Ja, Eltern müssen den Kindern den Weg vorgeben. Sie müssen präsent sein und Stärke zeigen. Sie geben an, wo es lang geht, was richtig ist und was nicht und sie strukturieren auch den Tag. Doch das alles geht ohne Machtspiele, ohne Gewalt. Aus der natürlichen Elternschaft heraus auf einem bindungsoientiertem Weg.

Kinder brauchen starke Eltern. Eltern, die sich sicher sind in dem, was sie tun. Alles im Leben der Kinder ist noch neu und sie müssen erst nach und nach lernen, wie die Welt funktioniert, wie sie sich in ihr bewegen können. Deswegen ist es so wichtig, dass sie sichere Orientierungspunkte haben. Und die Bindungspersonen, mit denen sie die meiste Zeit verbringen, sind ihr Leitfaden im Leben. Sie geben den Tagen einen Rhythmus und eine Struktur. Für einige ist es wichtig, dass diese Struktur sehr ausgeprägt und gradlinig ist, für andere sind es eher grobe Merkmale: Einige essen immer zur gleichen Uhrzeit, andere handhaben dies eher spontan nach Gefühl. Doch für welchen Lebensentwurf man sich auch entscheidet, gibt es immer eine Art Richtschnur, nach der man sich verhält und sie dem Kind mitgibt. Wichtig ist nicht, ob wir jeden Tag zur selben Uhrzeit essen oder nicht, sondern dass wir das, was wir tun, selbstsicher und gleichbleibend tun. Kinder brauchen es, Dinge voraus sehen zu können. Sie lieben es, wenn Abläufe gleich bleiben.

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Wir müssen uns nicht an starren Zeitplänen festhalten, aber vielleicht an Reihenfolgen, an Ritualen. Und darin steckt eine Sache, die für die Kinder ganz besonders wichtig ist: Dass wir von dem, was wir tun, überzeugt sind. Wir geben ihnen vor, wie der Tag ist, wie wir uns bewegen und was wir tun. Wir sind ganz natürliche Vorbilder in dem, was wir täglich erleben. Dies gilt auch dafür, wie wir uns draußen bewegen und was wir dort von unseren Kindern erwarten. Kinder folgen uns. Sie folgen uns, weil sie uns folgen müssen, weil sie ohne uns in der fremden Umgebung verloren wären. Wir alle wissen, wie schnell Kinder in bekannten Umgebungen auftauen, sich von ihren Bezugspersonen fort bewegen und wieder zurück kommen und wie wenig sie dies in ganz fremden Umgebungen tun und vielleicht erst abwarten und ihre Bezugsperson beobachten, wie sie sich verhält.

Dieses Nachfolgen gilt auch auf der Straße: Wir Erwachsenen geben den Weg vor. Wir zeigen, dass wir bei Rot stehen bleiben an der Ampel, dass wir nicht zu nah an die Fahrbahn oder den Radweg gehen und wir erwarten genau dies von unseren Kindern. Wir ermahnen sie gelegentlich, aber sie lernen besonders durch unser Vorbild. Je klarer und berechenbarer wir sind in unserem Verhalten, desto besser verstehen Kinder, was wir erwarten. Einmal über Rot gehen und beim nächsten Mal erwarten, dass das Kind stehen bleibt, ist daher eher ungünstig. Beständigkeit ist das Zauberwort.

Kinder erlernen auf diese Weise, wie sie sich verhalten sollen. Doch wenn andere Dinge in den Vordergrund treten, dann ist das nicht mehr so einfach, dies zu verstehen. Vielleicht ist es zu laut, das Kind erschreckt sich vor einer Sirene oder es tritt eine dieser Situationen auf, in der das Kind eben nicht weiß, was es tun will und sich gegen das, was wir wollen, hartnäckig aufbäumt. Nein, dann folgen Kinder nicht einfach hinterher und das tun sie auch nicht, wenn wir einfach weiter gehen – wie tausende von Eltern schon viele Male erlebt haben. Kinder kommen nicht einfach hinterher. Sie bleiben stehen, weinen oder streiken.

Und wenn wir dann von unserem Weg abweichen und nicht weiter gehen, sondern auf das Kind zugehen, ist das keine Inkonsequenz. Es ist ein Zeichen, dass wir verstehen, dass wir zuhören und dass wir da sind. So, wie wir immer da sind. Denn wir zeigen auch darin Beständigkeit, wenn wir einfach immer da sind, wenn unser Kind uns braucht. Und dies ist die wohl wichtigste Beständigkeit im Leben.

Eure
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Lass mich nicht stehen, Mama!

Kürzlich habe ich über „Ich weiß auch nicht was ich will – und ich will nicht, was Du willst!“ geschrieben, über das so genannte Trotzen der Kinder. Auslöser war eine Situation, bei der der Sohn entschied, dass er weder laufen noch getragen werden wollte. Darauf gab es einige Kommentare bei Facebook, im Blog und auch in persönlichen Gesprächen mit anderen Eltern. Immer wieder kommt dabei die Frage: „Warum lässt Du ihn nicht einfach stehen und gehst weiter?“ Und warum ich das nicht mache, möchte ich Euch heute erklären.

Versetzen wir uns einmal in die Situation, stehen gelassen zu werden…

Kürzlich habe ich meine Tochter vom Kindergarten abgeholt. Wir liefen nach Hause und an einer Straßenecke stritt sich ein junges Paar sehr laut und gestenreich. So etwas kommt in Berlin-Friedrichshain durchaus mal vor. Wir standen an der Ampel und sahen, wie sie anschrien. Letztlich hob die Frau die Hand noch einmal, machte eine wegwerfende Bewegung, drehte sich um und rannte weg. Der Mann blieb einen Moment wie angewurzelt stehen. Es war nicht klar, worum es in dem Streit ging, denn wir konnten die Sprache nicht verstehen. Die Tochter blickte mich an und sagte: „Das ist aber nicht nett, einfach weg zu gehen.“ Stimmt, gab ich ihr Recht. Es ist nicht nett, einfach weg zu gehen, wenn man eine Situation nicht geklärt hat.

Als Erwachsene möchte ich nicht, wenn sich Menschen, mit denen ich gerade spreche oder auch streite einfach umdrehen und weggehen. Ich möchte eine Sache diskutieren und auch wenn wir nicht mit derselben Meinung auseinander gehen, kann man sich auf höfliche Art trennen. Es ist nicht nett, einfach weg zu gehen. Doch bei Kindern geht es um noch viel mehr als darum „nicht nett zu sein“. Es geht darum, dass wir Vorbilder sind. Darum, wie wir unsere Kinder ernst nehmen und auch, wie wir sie überhaupt wahrnehmen. Es geht um Bedürfnisse und um Ängste.

Alleinsein setzt Kinder unter Stress und löst Ängste aus

Dieser Erwachsene, der an der Straßenecke stehen gelassen wurde, hatte wahrscheinlich keine Angst, dass er sich verirren könnte oder Angst vor den vielen lauten Geräuschen der Straße oder den Blicken der fremden Menschen. Vielleicht – oder sehr wahrscheinlich – hatte er Angst um die Beziehung zu dem Menschen, der gerade von ihm fort gegangen ist. Kinder aber haben all diese Ängste – besonders noch in dem Alter, in dem manche Leute zum Weggehen anraten: der so genannten Trotzphase um den 2. Geburtstag. Die Straße ist laut und gefährlich – das jedenfalls erfahren sie täglich von uns, wenn wir sie ermahnen, dass sie nicht zu nah an die Fahrbahn gehen sollen, weil dort die Autos fahren. Nun werden sie an diesem gefährlichen Ort allein gelassen? Von uns?

Das Kind, das allein gelassen wird, hat Angst. Ja, Kinder haben Objektpermanenz ab einem bestimmten Alter. Aber gerade der Umstand, dass Mama oder Papa eine sichere Basis sind, zu der man immer zurück kommen kann, die immer da sind, wird in dem Verhalten, ein Kind stehen zu lassen und weiter zu gehen, umgangen. Ausgedrückt wird: „Ich gehe jetzt. Du kommst hinterher oder musst sehen, was passiert!“ Kinder haben in diesen Situationen Ängste, Urängste. Denn evolutionär ist nicht vorgesehen, dass kleine Kinder irgendwo allein stehen gelassen werden. Passierte dies, drohte der Tod durch Verhungern oder ein gefährliches Tier. Wer ein Kind allein lässt, setzt es Urängsten aus.

Aufgewühltes Kind allein lassen bedeutet ihm noch mehr Probleme aufzubürden

Gerade in einer Situation, in der das Kind sowieso Schwierigkeiten hat mit sich und der Umgebung, einem Moment, in dem die Synapsen im Gehirn vielleicht in alle Richtungen Informationen aussenden und das Kind einfach nicht weiß, was es eigentlich will, ein Moment, in dem es in einem Konflikt ist, wird ihm zu dem bestehenden Konflikt ein weiterer aufgedrängt: Du hast ein Problem und nun gebe ich Dir ein zweites hinzu, indem ich Dich einfach stehen lasse. Dass Kinder in diesen Situationen dann erst recht zu weinen und zu schreien anfangen und sich vielleicht auf den Boden werfen ist klar: Das Kind ist mit viel zu vielen Problemen überfrachtet und weiß keinen Ausweg. Und es schreit, um nicht allein gelassen zu werden, um beschützt zu bleiben.

Wenn das Kind dann doch kommt – was hat es dann gelernt?

Natürlich kommt das Kind dann irgendwann hinterher. Es kommt, weil es kommen muss, weil es auf Erwachsene angewiesen ist um zu überleben. Es kommt, weil es die Bezugsperson braucht. Es wird hinterher laufen, weil es nicht anders kann. Doch was hat der Erwachsene, der sich seinem Kind gegenüber so verhält, eigentlich gewonnen? Er hat seinem Kind demonstriert, dass er bestimmt, dass das Kind kommen muss und wenn es nicht hört, sich selbst in der „Wildnis“ überlassen wird. Er zeigt: Höre auf mich oder Du bist verloren. Blinder Gehorsam statt Zuhören und Verstehen. Und was soll das Kind davon für sein eigenes Verhalten lernen?

Die Alternative

Ja, es gibt Tage, die sind anstrengend. Und wir haben Termine oder das Wetter ist schlecht oder der Einkauf schwer. Wir Eltern wünschen uns, dass die Kinder mit kommen und auf uns hören. Und natürlich ist es auch wichtig, dass sie das tun. Besonders in gefährlichen Situationen müssen Kinder wissen, dass sie auf die Stimme der Erwachsenen hören müssen. Ein „Halt!“ an der Straße ist ein „Halt!“ und kein „Ach, ich tapse mal weiter.“ Doch in den meisten Situationen geht es nicht darum. Es geht um Kinder, die vielleicht müde sind vom Tag oder vom Kindergarten. Kinder, die vielleicht eine Ameisenstraße entdeckt haben und sie beobachten möchten. Kinder, die gerade selber nicht wissen, was sie wollen oder ihre Grenzen erproben. Es geht ganz einfach um KINDER, keine kleinen Erwachsenen. Wenn unser Kind also nicht hinterher kommt, können wir uns zu ihm beugen und fragen, warum. Vielleicht hat es einen guten Grund und wir nehmen uns einen Moment Zeit dafür. Und wenn es keinen Grund hat, der uns klar ist, dann sehen wir, was wir tun können. Und ja, wir können unsere Kinder auch gegen ihren Willen (respektvoll) auf den Arm nehmen und nach Hause tragen, weil es gerade notwendig ist. Noch besser ist es, wenn wir uns einfach daneben setzen und sie durch das, was sie durchmachen, begleiten. Aber wir müssen sie nicht stehen lassen allein auf der Straße. Wir sollten sie nicht stehen lassen allein auf der Straße. Es sind unsere kleinen Kinder und sie haben es verdient, mit dem Respekt behandelt zu werden, den wir uns alle wünschen.

Und darum, Ihr Lieben, lasse ich meine Kinder nicht allein stehen.
Wie geht Ihr mit diesen Situationen um? Ich bin gespannt auf Eure Meinungen,
Eure
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Kinder zum Frieden erziehen

Frieden

Wir alle wollen für unsere Kinder und Enkelkinder das Beste. Wir wünschen ihnen eine gute Zukunft, Glück, Arbeit, die sie gern verrichten und wir wünschen ihnen ein friedliches Leben. Gerade diejenigen von uns, die selbst den Krieg erlebt haben oder auch die, deren Eltern im Krieg waren und von ihnen wissen, was es bedeutet. Krieg ist grausam und keinem Kind – oder Erwachsenen – wünscht man, dies erleben zu müssen.

Kinder zum Frieden erziehen, das beginnt nicht erst im Schulalter, auch nicht im Kindergartenalter. Wir erziehen Kinder zum Frieden von Anfang an. Wir tun dies, indem wir ihnen Werte mit auf ihren Weg geben, die sie begleiten, ihnen Kraft geben und ihnen die Möglichkeit geben, selbst zu entscheiden und überlegte Urteile zu treffen. Jede Generation hat ihre Kinder für das erzogen, was gerade notwendig war: Es wurde auf Gehorsam und Unterwerfung gesetzt, um willige Soldaten zu erziehen. Doch heute wünschen wir keine Jugend „zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl“. Wir wünschen uns Kinder und Jugendliche, die Fragen stellen, die reflektieren, die die Zukunft zum Guten wenden wollen.

Deswegen gehen wir von Anfang an mit Kindern  anders um. Es gibt das berühmte Buch „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ von Johanna Haarer, Ärztin und Autorin von Erziehungsratgebern, die der Ideologie des Nationalsozialismus entsprachen, geboren 1900. 1934 wurde der nationalsozialistische Ratgeber von ihr veröffentlicht. Das Buch wurde dann, leicht verändert, aber immer gegen die „Verzärtlichung“ gerichtet, bis März 1996 aufgelegt und viele der dort vertretenen Vorstellungen zur Kindererziehung sind noch lange nach ihrer Zeit in den Köpfen der Eltern verankert: Wenn wir vom Verwöhnen sprechen, vom Lob der Disziplin, von Gehorsam und Abhärtung, dann sind das alles Begriffe, die noch immer die nationalsozialistische Erziehung durchblicken lassen und die der Zeit davor, die ihr den Weg ebnete. Hier wird beschrieben, welch ein “Schlachtfeld” die Geburt sei, dass “Machtkämpfe” um das Stillen und Sauberwerden stattfinden, dass mit Härte gegen das Schreien vorgegangen werden müsse:

»Dann, liebe Mutter, werde hart! Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen. Das Kind begreift unglaublich rasch (…). Nach kurzer Zeit fordert es diese Beschäftigung mit ihm als ein Recht, gibt keine Ruhe mehr, bis es wieder getragen, gewiegt oder gefahren wird – und der kleine, aber unerbittliche Haustyrann ist fertig.«

Doch genau das ist es, was wir NICHT mit Kindern tun sollten, wenn wir sie heute für eine friedliche Zukunft erziehen wollen. Aus der Forschung ist bekannt, welche Wirkungen langes Schreien lassen auf die Gehirnentwicklung und die Hormonausschüttung hat. Kinder, die dies erfahren müssen, haben eine geringere Frustrationstoleranz, sind angespannter und weniger konfliktfähig. Auch wissen wir heute, welche wichtige Bedeutung der Körperkontakt für Kinder hat und dass die durch positiven Körperkontakt ausgeschütteten Liebeshormone sich ebenfalls förderlich auf die Entwicklung auswirken.

Was bedeutet dies nun in Hinblick auf Erziehung zum Frieden? Es bedeutet, dass wir unsere Kinder ganz einfach lieben müssen, ihnen nahe sein müssen und mit ihnen respektvoll umgehen sollen, damit auch sie ihrerseits Menschen werden, die die Werte vertreten, die wir uns alle für die Zukunft wünschen: Liebe, respektvollen Umgang, Gerechtigkeitssinn, friedvolles Miteinander. Es sind manchmal die kleinen und einfachen Dinge, die die große und durchschlagende Wirkung erzielen.

Es gibt ihn nicht, den EINEN richtigen Weg

persönliche_Wege

Kürzlich hatte ich eine Beratung bei einer Mutter, die Fragen zu „Elimination Communication“ (EC) hatte: Sie wollte gerne ohne Windeln  bzw. mit wenigen Windeln durch die Babyzeit kommen, hatte aber große Probleme damit, die Signale bei ihrem Baby zu erkennen. Es stellte sich heraus, dass sie besonders deswegen EC machen wollte, weil sie ihr Baby schon nicht stillen konnte. Nach einer schwierigen Geburt hatte es mit dem Stillen einfach nicht funktioniert. Sie dachte, dass sie dadurch ihrem Baby viel weniger Nähe geben könnte als andere Mütter und wollte deswegen wenigstens „alles andere richtig machen“: Familienbett, Tragen, EC. Aber wie es sich zeigte, funktionierte das nicht so richtig und sie war völlig verunsichert, verzweifelt und hatte Schuldgefühle. Tatsächlich dachte sie, dass sie ihrem Baby keinen guten Start ins Leben geben würde.

Natürlich stimmt das nicht. Denn es gibt ihn nicht, den einen richtigen Weg. Nur allzu oft bekommen wir den Eindruck vermittelt, dass man Kinder eben nur selbstbestimmt gebären, stillen, tragen und mit ihnen im Familienbett schlafen müsse und dann würde alles gut werden. Und wer diese Dinge nicht macht, der hat schon versagt, der gibt seinem Kind keinen guten Start ins Leben. Ein harter Druck, der auf den Eltern lastet. Denn wer kann schon etwas dafür, wenn die Geburt anders verläuft, als man sich das gewünscht hat oder wenn es an Beratungsmöglichkeiten zum Stillen oder Tragen mangelt? Und selbst, wenn es nicht an Unterstützung mangelt, sondern sich die Familie aus ganz persönlichen Gründen dafür entscheidet, bestimmte Dinge zu tun oder sein zu lassen, die man allgemein schon als Babystandard ansieht, bedeutet das noch nicht, dass man einen schlechten Weg gewählt hat. Da schiebt eine Frau ihr Kind im Buggy mit Gesicht nach vorn? Uiui, ganz schlechte Zukunftsprognose für das Kind, so scheint es mittlerweile oft aus vieler Munde zu klingen.

Seit mehr als 10 Jahren arbeite ich nun mit Eltern. Ich habe Mütter begleitet, die Kinder getragen haben, die Kinderwagen genutzt haben, die mit ihren Kindern in einem Bett schlafen oder auch nicht, die Brei geben oder BLW praktizieren, die Stoffwindeln nutzen oder abhalten oder Wegwerfwindeln haben. Und ich habe selber zwei Kinder bekommen und begleite sie auf ihren ganz unterschiedlichen Wegen. Aus diesen Erfahrungen heraus kann ich sagen: Es gibt ihn nicht, den EINEN Weg.

Der EINE Weg sieht nämlich bei jeder Familie und jedem Kind anders aus. Die einen Eltern können die Signale ihres Kindes problemlos lesen und halten ihr Baby ab, stillen zur passenden Zeit und finden den richtigen Zeitpunkt, um das Baby in den Schlaf zu begleiten. Ein anderes Kind hat durch sein Temperament Schwierigkeiten, in den Schlaf zu finden und braucht von seinen Bezugspersonen Hilfe dabei, muss beruhigt werden, braucht vielleicht mehr Ruhe als ein Kind, das jederzeit an jedem Ort einschlafen kann. Wieder ein anderes Kind ist besonders empfindsam über die Haut und kann durch Kleinigkeiten wie Etiketten in Kleidung nicht zur Ruhe kommen oder wird unruhig, wenn es in der Trage zu stark schwitzt. Und auch auf Seiten der Eltern gibt es immer wieder so viele verschiedene Eigenschaften, Temperamente, persönliche Erfahrungen und Geschichten, dass es niemals den nur einen richtigen Weg geben kann, der für alle gültig ist.

Bindungsorientierte Erziehung, das bedeutet, dass wir den Weg suchen, der für uns und unser Kind richtig ist. Wir schauen auf die Bedürfnisse unseres eigenen Kindes und auch auf unsere persönlichen Bedürfnisse und gehen diesen nach. Wir wollen das Beste für uns und für unser Kind. Das muss nicht das sein, was bei den Nachbarn das Beste ist und selbst bei Geschwisterkindern muss es nicht das sein, was beim ersten Kind gut und richtig war. Natürlich gibt es Grundsätze, die immer und bei allen Kindern gleich sind: Dass sie nicht geschlagen werden dürfen, dass ihnen keine psychische Gewalt angetan werden darf – dazu zählt auch, dass sie in ihren Grundbedürfnissen wahr genommen werden und beispielsweise nicht schreien gelassen werden. Doch darüber hinaus sind die Wege so vielfältig, so einzigartig. Lassen wir uns nicht von den Wegen der anderen verunsichern und schauen wir auch nicht streng und strikt auf pauschale Schlagworte wie antiautoritär Erziehung oder Attachement Parenting. Einzelne Wege lassen sich nur schwer in Konzepte hinein passen. Einzelne Wege sind einzelne Wege. Und sie passen nunmal zu jedem Kind und zu jedem Elternteil ganz nach Bedarf. Bindungsorientierte Erziehung ist wie ein Maßanzug, gefertigt aus dem feinsten Stoff, den unsere persönliche Haut tragen mag nach dem Schnittmuster der individuellen Persönlichkeit unseres Kindes.