Kategorie: Kleinkind

Einschlafroutinen mit Kleinkindern

„Ich will aber nicht!“, „Ich will aber jetzt noch…“, „Ich kann nur schlafen, wenn Du noch eine Geschichte vorliest!“, „Ich bin gar nicht müde!“… Die Kleinkindzeit und das Einschlafen können manchmal eine schwierige Zeit sein: Nicht nur tagsüber drückt sich der Wunsch des Kindes nach Selbständigkeit aus, sondern auch abends. Dann aber manchmal gepaart mit Müdigkeit oder erschöpfter Kooperationsfähigkeit. – Eine ungünstige Mischung, wenn auch noch Eltern müde und erschöpft sind.

Am Ende des Tages…

Am Ende des Tages hat das Kind sehr viel erlebt. Es hat – wie jeden Tag – Neues gelernt, hat mit anderen Menschen interagiert. Vielleicht war es in einem Kindergarten, hat sich dort oder andernorts mit Freund*innen gestritten, vertragen, gespielt. Vielleicht musste es sich an Regeln und Abläufe anpassen, was nicht schlimm ist, aber Kraft kostet. Vielleicht ist es am Ende des Tages erschöpft, aber noch immer so neugierig. Vielleicht möchte es unbedingt noch dieses eine schöne Buch vorgelesen bekommen und im Arm kuscheln, obwohl es doch schon müde ist.

Vielleicht möchte es einfach nicht müde sein, sondern selbst bestimmen über sich und die Müdigkeit nicht anerkennen. Es möchte nicht gerade jetzt noch den Mund aufhalten zum Zähneputzen, denn das erfordert wieder Kraft und Ruhe – und vielleicht tut es auch noch etwas weh, weil gerade neue Zähne kommen und Schmerzen sind dann, wenn wir müde sind, noch viel intensiver. Am Ende eines Tages ist viel passiert und die Kraft eines Kindes, sowie die Möglichkeit, entspannt mit Situationen umzugehen, aufgebraucht. Wir sollten nicht zu viel erwarten von einem Kleinkind am Ende des Tages.

… braucht ein Kind einen langsamen Übergang

Wissen und berücksichtigen wir, dass das Kind am Ende des Tages viel erlebt hat, viel gesehen hat, viel in dem Gehirn dieses Kindes jetzt und in der Nacht verarbeitet wird, verstehen wir, dass nun nicht mehr viele Möglichkeiten bestehen, um uns entgegen zu kommen. Es ist ein wenig so, wie wenn wir nach einem fordernden Tag nach Hause kommen und einfach auf das Sofa sinken. Und dieses Sofa sind wir, die Eltern. Das Kind braucht es nun bequem, entspannt und ruhig. Manchmal ist diese Zeit des Einsinkens schon am Nachmittag zu finden, manchmal beginnt sie erst gegen Abend. Nun heißt es: Erwartungen zurückfahren an das kindliche Verhalten. Konkret kann es bedeuten:

  • Das Kind kann nicht mehr große Entscheidungen treffen in Bezug auf das Essen und fühlt sich überfordert von zu viel Auswahl.
  • Vielleicht hat es aber auch den Wunsch, etwas ganz Bestimmtes zu essen, weil es die Nährstoffe darin benötigt. Vertrauen wir dem Kind, wenn es aus einer gesunden Auswahl einen Wunsch heraus formuliert.
  • Das Kind kann nicht mehr laufen und möchte getragen werden: Eben gerade tobte es noch auf dem Spielplatz, aber nun ist es wirklich müde, weil der Antrieb des Spiels, der Neugierde, des Lernens nicht mehr da ist. Der Nachhauseweg ist zu beschwerlich – gönnen wir dem Kind die Ruhe auf unserem Rücken oder im Buggy.
  • Sich müde anziehen ist anstrengend – auch das kennen vielleicht einige von uns – nun nicht noch ausziehen und ganz neu ankleiden. Manchmal ist es sinnvoll, einfach schon vor dem Abendessen den Schlafanzug anzuziehen, damit es danach nicht zu mühevoll ist.
  • Langsam in den Schlaf gleiten und dabei einem anderen Menschen nah sein und von einer vertrauten Stimme hinüber in den Schlaf geleitet werden – das ist sicherlich schön. Wer gerne vorliest, muss nicht darauf bestehen, dass nach einer Geschichte wirklich Schluss ist. Es tut gut, die beruhigende Stimme einer liebevollen Person zu hören.
  • Den Raum verdunkeln und eine kuschelige Atmosphäre schaffen, die Ruhe ausstrahlt und nicht zum Spielen einlädt. Nun ist Zeit des Ruhens. Niemand muss schlafen, ist aber eingeladen, sich auszuruhen – schon diese Haltung des Nicht-Schlafen-Müssens kann etwas verändern.
  • Vielleicht plagen das Kind auch Ängste, die es noch nicht benannt hat oder schwer in Worte fassen kann. In der magischen Phase gibt es auf einmal Angst vor Krokodilen unter dem Bett oder Monstern im Kleiderschrank. – Natürlich lässt es sich so nicht gut einschlafen. Nehmen wir diese Ängste also ernst.
  • Auch in der Umstellungszeit des Mittagsschlafes wird das entspannte Einschlafen abends manchmal schwierig: Entweder ist das Kind müde, weil es den Mittagsschlaf nicht gemacht hat und kann aus Müdigkeit nicht mehr kooperieren, wird vielleicht auch wütend oder aggressiv aus Müdigkeit. Oder es macht noch Mittagsschlaf, vielleicht auch erst spät oder lang, und ist dann einfach wirklich nicht müde, wäre aber am nächsten Tag unausgeschlafen am Morgen. Hier muss der tatsächliche Schlafbedarf des Kindes am Tag angesehen und überlegt werden, wie er sinnvoll aufgeteilt werden kann.
  • Eine ruhige Routine an den meisten Nachmittagen kann eine Hilfe sein für diese Zeit: ruhige Momente und Nachmittagsgestaltung, beruhigende Geschichten, entspannte Vorbereitungen der Abendabläufe unter Einbindung der Selbständigkeit

Und wenn alles nicht klappt…

An manchen Abenden finden unsere Kinder das Fenster zum Schlaf einfach nicht. Auch das ist eine Fähigkeit, die mit der Zeit wächst. Erkennen wir an, dass es auch Ausnahmesituationen gibt und es an manchen Tagen schwierig ist. Erkennen wir an, dass das Kind einen anstrengenden Tag hatte und nörgelig ist, aber nicht zur Ruhe findet. Probieren wir es am nächsten Tag mit mehr Ruhe am Nachmittag oder schauen wir, was genau das Kind heute so besonders aufgedreht hat. Sprechen wir noch einmal ruhig über den Tag und die Geschehnisse: Was war heute besonders schön und was weniger? Was wollen wir morgen anders machen? Wichtig ist, selbst ruhig zu bleiben und nicht unter Stress zu geraten, weil das Kind nicht einschläft. Das erreichen wir mit ruhiger Atmung, Abwechslung mit Partner/Partnerin und einem eigenen, ruhigen Abendprogramm.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Vom „Ich-will-keine-Windel-mehr“ und Einnässen

Irgendwann ist es geschafft: Das Kind ist windelfrei. Bei einigen dauert es länger, bei anderen geht es schneller. Häufig sind Kinder, die abgehalten werden (oder Teilzeit-windelfrei sind) etwas früher die Windeln los, während Kinder, die Wegwerfwindeln tragen, aufgrund der darin enthaltenen Superabsorber (und dem dadurch geringeren Gefühl für die Ausscheidungen) etwas länger brauchen, um zum Gefühl für das Ausscheidungsbedürfnis zurück zu kommen. Und dennoch kommt es ab und zu zu einer nassen Hosen am Anfang – oder auch länger.

Von null auf trocken – kann das gehen?

Manche Kinder lassen nach und nach die Windel hinter sich, andere erklären auf einmal: „Ich will keine Windel mehr tragen!“ und sind in diesem Wunsch ganz engagiert. Oft sind es die Eltern, denen das Vertrauen in die Fähigkeiten des Kindes fehlt: Sie denken, das Kind sei zu jung oder könne doch nicht für sich selbst entscheiden. Oft vergessen wird dabei, wie stark innere Motivation wirken kann und dass Kinder einen eigenen inneren Entwicklungsplan haben. Sagt das Kind, dass es nun ohne Windeln sein möchte, sollten wir ihm das ermöglichen. Besonders im Sommer ist das recht einfach möglich, wenn nicht viele Kleidungsschichten ausgezogen werden müssen. Aber auch in jeder anderen Jahreszeit ist es möglich, dem Bedürfnis des Kindes nachzukommen. In kühleren Jahreszeiten geht das besonders gut zu Hause.

Worauf können Eltern achten, wenn das Kind die Windel ablehnt

Am Anfang ist es manchmal noch etwas schwer, die Bedürfnisse einzuschätzen und es muss manchmal schnell gehen mit der Toilette. Daher ist es gut, wenn das Kind Kleidung trägt, die sich schnell und einfach ausziehen lässt. bequeme, weite Kleidung und Röcke oder Hosen, die das Kind selber und einfach wegschieben kann. Für die Übergangszeit ist es gut, wenn auch extra Kleidung unterwegs bereit gehalten wird. Denn noch überhört das Kind manchmal die Signale des Körpers, wenn gerade etwas besonders spannend ist, zum Beispiel wenn es im Spiel vertieft ist.

Kein „Geh doch nochmal aufs Klo!“

Wir können unsere Kinder in der ersten windelfreien Zeit fragen, ob sie das Gefühl haben, auf Toilette gehen zu müssen. Ein einfaches Nachfragen ohne Drängen oder Bewertung. Schließlich geht es genau darum, dass das Kind lernt, den eigenen Körper einzuschätzen und zu spüren, wann der richtige Zeitpunkt kommt. Vorsorgliches Auf-die-Toilette-schicken ist allerdings nicht sinnvoll: So lernt langfristig die Blase, schon bei geringer Füllung ein Harndrangsignal zu geben. Ein „Geh mal, du musst bestimmt.“ ist ebenso ungünstig wie ein „Geh mal jetzt bevor wir raus gehen.“ – Natürlich ist es unpraktisch, wenn das Kind wenige Meter nach der geschlossenen Tür dringend muss, aber es ist eine kurze Phase, in der wir dies aushalten müssen auf dem Weg zu einem guten Körpergefühl.

Tipps für die Anfangszeit ohne Windeln

  • dem Kind vertrauen
  • einfache Kleidung, die leicht auszuziehen ist und Wäsche gut verträgt
  • Trainerhosen: dickere Unterhosen, die ein paar Tropfen auffangen, aber wie eine Unterhose sind
  • kein Drängen zum Toilettengang
  • keine Beschämungen, wenn doch etwas daneben geht
  • Wechselkleidung für unterwegs, feuchter Waschlappen in Box zum Säubern
  • Erzieher*innen einbeziehen
  • Unterlage fürs Bett
  • auf Reisen: Schutzlaken erfragen/mitnehmen

Wenn es doch daneben geht

Und wenn es dann doch daneben geht? Dann geht es daneben und das Kind wird neu angezogen. Auf dem Weg zum Erlernen einer neuen Fähigkeit gibt es oft auch Missgeschicke – das kennen wir doch alle. Niemand von uns ist wohl mit dem Skateboard nie hingefallen, hat Nähen gelernt ohne sich zu pieksen oder Schreiben ohne eigenwillige Wortschöpfungen.

Wie bei allen anderen Dingen, die Kinder lernen, ist es auch hier wichtig, dass das Kind nicht beschämt oder bestraft wird. Weder durch Worte, noch durch Taten. Ein „Ich hab doch gesagt, dass Du das nicht kannst!“ oder „So eine Sauerei!“ wird einem Kind nicht helfen, es in Zukunft anders zu machen oder Vertrauen in den eigenen Körper aufzubauen. Ein „Komm ich helfe dir, etwas anderes anzuziehen.“ ist eine gute und nicht wertende Alternative.

Wenn nachts weiterhin eine Windel benötigt wird

Nachts ist es ein wenig komplizierter mit dem Gefühl: Das nächtliche Aufwachen wenn die Blase voll ist, wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Die Blase muss dem Gehirn melden, dass sie geleert werden muss und das Kind muss aufwachen. Manche Kinder schlafen so fest, dass sie einfach nicht aufwachen oder das Hormon, das an diesem Prozess beteiligt ist, wird noch nicht ausreichend gebildet. Es scheint, dass es auch eine vererbte Komponente um das nächtliche Einnässen gibt. So kommt es, dass tagsüber vielleicht alles wunderbar klappt, aber nachts eben doch noch eine Windel getragen werden muss. Auch dies wird sich mit der Zeit ändern. Um den fünften Geburtstag sollte eine ärztliche Abklärung erfolgen, wenn das Kind weiterhin regelmäßig nachts ins Bett nässt. Gelegentlich kann dies allerdings auch noch bei Schulkindern stattfinden. Nässt ein Kind nachts wieder ein, obwohl es eigentlich trocken war, lohnt sich ein Blick auf das Kind: Gibt es gerade besondere Veränderungen, Ängste, Stressfaktoren? Bei nächtlichem Einkoten sollte auch genauer hingesehen werden auf mögliche Ursachen. Wichtig ist: Dem Kind sollte generell kein Druck gemacht werden.

Nächtliches Einnässen ist anstrengend für eine Familie, denn nachts aufstehen und Wäsche wechseln zehrt an uns und macht Stress. Auch wollen sich die aufgewachten Kinder oft nicht einfach umziehen lassen. Wichtig ist deswegen, gute Rahmenbedingungen zu schaffen: Matratzenschutz ins Bett legen, Wechselkleidung griffbereit und sich im nächtlichen Umsorgen abwechseln, damit jedes Elternteil abwechselnd Schlaf bekommt.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

„Spiel bitte etwas anderes!“ – Wenn Eltern das Spiel des Kindes nicht mögen

Wenn wir Kinder beim Spiel beobachten, geht es dabei manchmal ganz schön zur Sache: Da sterben die Figuren, es gibt Krieg, Eltern sterben, Spielfiguren verlaufen sich, werden entführt oder Kuscheltiere werden operiert. Und gelegentlich werden auch noch Schimpfwörter benutzt. Manchmal sind wir verleitet, nicht nur zu denken, sondern zu sagen: „Jetzt spiel doch etwas Schönes!“ – Aber das sollten wir nicht tun.

Kinder spielen von Anfang an

Im Spiel lernen unsere Kinder sich selbst und die Welt kennen. Das Spiel beginnt dabei schon sehr früh im Babyalter, wenn das Kind nach und nach mit der Umgebung interagiert, Gesichtsausdrücke nachahmt, später Laute, und anfängt, Hände, Füße und den Körper zu erkunden. Es steht im Zusammenhang mit den Fähigkeiten des Kindes und entwickelt sich anhand dieser Fähigkeiten weiter: Je mehr die Feinmotorik ausgebildet wird, desto mehr untersucht das Kind spielerisch Gegenstände. Je mehr es interagieren kann, desto stärker tritt das Spiel mit anderen hervor. Im Spiel übt das Kind, verfeinert Fähigkeiten und entwickelt sie weiter. Während es am Anfang erkundet, ahmt es später nach und schließlich entwickelt es eigene Handlungsstränge und Spielideen – und diese stellen uns manchmal mehr und manchmal weniger vor Herausforderungen.

Das Spiel als „Sprachmedium“

Um die Bedeutung des Spiels für das Kind zu verstehen, müssen wir uns von dem Gedanken verabschieden, dass „Kinder eben nur spielen“. Das Spielen ist ein komplexer Vorgang des Lernens und Erfahrens und auch der Aufarbeitung von emotionalen Erlebnissen. Was wir am Abend auf dem Sofa mit einem anderen Erwachsenen besprechen, lebt das Kind im Spiel aus: Spielsachen sind ein Medium wie die Sprache und das Kind drückt darüber aus, was es bewegt. Manchmal sind das die ganz alltäglichen Dinge des Alltags, wenn Puppen bekocht und bespielt werden oder Freundschaft nachgespielt wird. Manchmal werden aber auch Konflikte darüber bearbeitet und nachgespielt oder Themen, die das Kind gerade generell bewegen. Wünsche, Bedürfnisse, Gefühle, können oft im frühen Kindesalter noch nicht gut versprachlicht werden und finden dann im Spiel spontan ihren Ausdruck. Das Kind beschäftigt sich mit dem, was gerade ein Thema für das Kind ist.

Themen der Kinder zulassen

Wenn wir also merken, dass ein Kind sich mit einem Thema beschäftigt, das wir als kein „gutes Spielthema“ betrachten, können wir uns zunächst fragen, warum uns dieses Thema überhaupt so große Probleme bereitet: Warum können wir Aggression im Spiel nicht zulassen, warum wünschen wir, dass das Kind ausschließlich „harmonisch“ spielen soll? Warum ist es für uns schwer, wenn das Kind leichtfertig das Thema Tod im Spiel bearbeitet? Welche eigenen Themen kommen da vielleicht gerade hoch, ausgelöst durch das Spiel des Kindes?

Anstatt die Spielthemen des Kindes zu lenken und zu beeinflussen, können wir zuhören: Was ist es, was das Kind gerade beschäftigt, worüber es sich Gedanken macht? Wir können Themen aufgreifen außerhalb des Spiels und gemeinsam Bücher ansehen rund um den Tod oder um Freundschaft, wenn das große Themen sind oder einen passenden Film ansehen. Wenn wir zusammen mit unserem Kind spielen, sollten wir das Thema des Kindes annehmen, statt zu versuchen es in eine von uns gewünschte Richtung zu lenken und schauen, welche kreativen Lösungen das Kind selbst entwickelt und das unterstützen. Vor allem sollten wir die Themen nicht zu sehr dramatisieren und uns Fragen, ob wir etwas falsch gemacht haben, weil das Kind Auseinandersetzungen spielerisch bearbeitet . Wir sollten weniger deuten und mehr annehmen und begleiten.

Schimpfworte

Je nach Alter des Kindes tauchen auch Schimpfworte im Spiel (und auch im Alltag) auf. Natürlich werden sie beeinflusst von dem, was das Kind in der Umgebung hört. Dass es aber Schimpfworte prinzipiell nutzt, ist normal.

Mit einem Schimpfwort, so lernt das Kind, kann ein negativer Superlativ ausgedrückt werden: Das andere Kind ist nicht nur doof, sondern ein Scheißmann; die Situation ist nicht nur blöd, sondern superkacke. Das Kind sucht ein Wort, mit dem es all die Unzufridenheit, all das negative Empfinden im Inneren beschreiben kann, was es fühlt.

S. Mierau „Geborgene Kindheit“

Benutzt ein Kind Schimpfworte, ist das kein Zeichen für elterliches Versagen. Wir können über die Worte sprechen und welche festlegen, die in unserer Familie Raum haben und solche, die nicht gesagt werden sollen – und warum. Im Spiel können die Schimpfworte auch ihren Platz finden. Gerade dann können Kinder auch die Macht dieser Worte ausprobieren und ihre Wirkung. Ein Schimpfwort kann manchmal die Machtverhältnisse zwischen Eltern und Kind umkehren: Durch die Benutzung eines solchen Wortes fühlt sich das Kind stark und selbständig. Diesen Wunsch können wir hinter dem Verhalten sehen und mitspielen oder andere Spiele und Situationen finden, in denen das Kind obsiegen kann.

Das Spiel ist ein wunderbarer Entwicklungsraum, in dem sich unsere Kinder entfalten und die Themen bearbeiten, die gerade und prinzipiell wichtig sind. Begleiten wir diese Entwicklung, lassen wir sie zu, anstatt Themen und Gefühle auszuklammern.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

„Mama/Papa, schaut mal!“ – Kinder und Aufmerksamkeit

Wahrscheinlich kennen wir alle die Situation, dass wir abends auf dem Sofa sitzen neben einer Freund*in oder Partner*in und etwas von unserem Tag erzählen. Auf einmal stellen wir fest, dass unser Gegenüber an unpassender Stelle nickt. „Hey, hörst Du mir eigentlich zu?“ Wir wünschen uns, dass wir in solchem Momenten beide die Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Thema richten, über das wir uns austauschen. Wir wollen Aufmerksamkeit, um ein Thema zu besprechen, ein Problem zu erörtern, Hilfe zu bekommen. Das kennen wir nicht nur aus dem Alltag mit Erwachsenen. Gerade Kinder brauchen unsere Aufmerksamkeit für die Bewältigung des Lebens.

Warum Aufmerksamkeit für Kinder wichtig ist

Wir Menschen benötigen das Gefühl, zugehörig zu sein zu einer Gruppe. Wenn wir uns ausgeschlossen fühlen, schmerzt das. – Nicht nur umgangssprachlich, sondern tatsächlich werden im Gehirn bei Abweisung ähnliche Reaktionen hervorgerufen wie bei körperlicher Verletzung. Es tut weh, ausgeschlossen oder abgewiesen zu werden.

Zudem brauchen Kinder die Versicherung, dass wir als Erwachsene uns um sie kümmern, denn als Kinder sind sie lange auf unser Umsorgen angewiesen, damit ihre Bedürfnisse erfüllt werden können. Viele Bedürfnisse können sie noch lange Zeit nicht selbst erfüllen: Als Babys brauchen sie unsere Nähe beim Einschlafen, sie müssen von uns mit Nahrung versorgt werden, sie brauchen uns als Partner*in in der sozialen Interaktion. Weil wir so wichtig sind für ihr Wachsen und ihre Entwicklung, sind sie darauf bedacht, diese Zuwendung zu bekommen.

Viele Wege zur Beachtung

Haben Kinder einen Mangel in Bezug auf unsere Aufmerksamkeit, versuchen sie sie zu erlangen: Oft versuchen sie es zunächst durch einfache Kontaktaufnahmen in Form von Ansprachen: „Papa, schau mal!“. Manchmal nutzen sie nicht die Sprache, sondern ziehen unsere Aufmerksamkeit körperlich auf uns, indem sie scheinbar an „unserem Körper kleben“. Sie drängen sich immer wieder an uns, klettern auf den Schoß, zupfen am Bein oder lecken vielleicht den Arm an: „Hallo, ich bin hier!“ auf einer anderen Sprache. Manche Kinder fordern auch Aufmerksamkeit, indem sie Fähigkeiten zurückschrauben und auf einmal nicht mehr die Schuhe binden „können“. Wie genau ein Kind Aufmerksamkeit auf sich lenken möchte, kann ganz unterschiedlich sein – eine Frage des Typs, aber auch der Situation und des Anlasses, Aufmerksamkeit (wieder) zu bekommen.

Manchmal ist es gar nicht so leicht, zu verstehen, dass unser Kind gerade „nur“ Aufmerksamkeit haben möchte. Wir nehmen das Verhalten als störend wahr, wenn wir es nicht entziffern können: „Hör auf, immer meinen Arm abzulecken!“ sagen wir vielleicht und merken nicht, dass das Kind eigentlich Aufmerksamkeit und Zuwendung sucht. In gewisser Weise bekommt es das nun auch: allerdings auf negative Weise, die weder das Kind langfristig und gesund erfüllt, noch uns. Denn durch vermeintlich negative Verhaltensweisen Aufmerksamkeit zu erlangen, bringt zwar Zuwendung, aber nicht die ersehnte und erfüllt nicht das eigentliche Bedürfnis: das Kind wird zwar gesehen und wahrgenommen, aber das Bedürfnis nach Nähe und Zuwendung wird nicht erfüllt. Deswegen wird das Kind wieder versuchen, Aufmerksamkeit zu erlangen, um das eigentliche Bedürfnis zu befriedigen.

Bedürfnisse erkennen und Aufmerksamkeit schenken

In Situationen, in denen wir immer wieder denken: „Mein Kind ist gerade extrem anstrengend“ oder „Warum tut das Kind nur diese nervige Sache immer?“ sollten wir einen Schritt zurück treten und hinter das Verhalten des Kindes schauen. Das Anlecken, das ständige „Schau mal hier!“, das Babyverhalten sind nur Symptome einer anderen Ursache. Vielleicht braucht das Kind gerade jetzt mehr Nähe, mehr Körperkontakt. Das Kind, das abends wild alles herumschmeißt, braucht vielleicht unsere Aufmerksamkeit, weil es müde ist und allein nicht in den Schlaf findet und von uns co-reguliert werden möchte. Kinder wollen uns nicht verärgern. Ihr Verhalten ist meistens Ausdruck eines Anliegens. Sie sprechen nur manchmal eine andere Sprache, die wir manchmal nicht richtig verstehen.

Immer aufmerksam sein?

Natürlich sind wir nicht immer aufmerksam. Weder Freund*innen, Partner*innen noch Kindern gegenüber. Und wir müssen es auch nicht sein. Gerade bei Kindern reicht es oft aus, auch einfach verfügbar zu sein: in der Nähe, ansprechbar, vielleicht mit einer eigenen Sache beschäftigt, aber erreichbar für die Bedürfnisse. Manchmal gibt es aber Phasen, in denen sich Kinder unserer Zuwendung noch mehr versichern müssen, in der sie Aufmerksamkeit ganz besonders brauchen und wir mehr Aufmerksamkeit schenken müssen, weil sie mehr Unterstützung benötigen, um die Abenteuer der Welt verarbeiten zu können und ihren Weg darin zu finden. Und dann, wenn sie wieder sicher sind, brauchen sie wieder weniger. Aber sie wissen durch jede Phase, in der wir verstanden haben, dass sie uns brauchen und darauf eingegangen sind, dass wir im Notfall da sind. Und nach und nach bilden sich immer mehr Fähigkeiten aus, durch die sie selbst Kompetenzen im Umgang mit der Welt erwerben und immer weniger Aufmerksamkeit benötigen.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Schlafbedürfnisse – aus Elternsicht

Da liegt also das kleine Baby, so lieb und kuschlig in den Armen und schläft. Endlich. Die kleinen Augen sind geschlossen, der Atem geht ruhig. Und mit diesem langsamen Atem werden auch wir müde. Endlich. Aber das Baby will nicht abgelegt werden, wacht wieder auf bei jeder Bewegung. Und so tragen wir weiter trotz der Müdigkeit. Elternschlaf ist nicht einfach zu finden. Nicht am Anfang und auch nicht später, wenn das Baby Zähne bekommt oder Kleinkind nachts aufwacht, wenn es vom Nachtschreck geweckt wird und schreit. Auch in Krankheitsnächten, bei Veränderungen wird der Schlaf gestört und schließlich sitzen wir nachts wach und warten auf unsere großen Kinder, wenn sie die ersten Male nachts ausgehen. Als Eltern ist es nicht so einfach mit dem Schlaf.

Nicht schlafen – gehört doch dazu, oder?

Wir lesen es überall, hören es überall: „Schlaf wird überbewertet“ heißt es so oft aus Elternmündern. Aber stimmt das wirklich? Wir erklären Eltern so bereitwillig, dass Schlafentzug eben zum Kinderhaben dazu gehört und wir uns daran gewöhnen müssten. Aber vielleicht machen wir einen Denkfehler? Vielleicht haben wir uns daran gewöhnt, dass wir zu wenig Schlaf bekommen, dass wir müde sind, weil es anders nicht in unseren überfüllten Alltag passt. Aber vielleicht ist der Schlafentzug doch gar nicht so normal und richtig, wie wir annehmen.

Auswirkungen von Schlafmangel

Wir wissen es alle: Wenn wir nicht schlafen, sind wir müde. Aber das ist eben nicht alles, was der Schlafmangel mit uns macht. Und gerade in Hinblick auf das Zusammenleben mit Kindern ist es wichtig, dass wir den Schlafmangel einmal genauer ansehen: Schlafmangel wirkt sich nämlich auch auf unsere Beziehungen und unseren Umgang miteinander aus. Schlafen wir zu wenig, wirkt sich das in unserem Gehirn auf den Bereich aus, der uns die Absichten und Handlungen anderer Menschen verstehen lässt. Wir können uns weniger gut in unser Gegenüber hinein versetzen. Gerade das aber ist im Familienalltag mit Baby oder Kleinkind besonders wichtig: Um feinfühlig reagieren zu können, müssen wir Signale interpretieren und dann darauf reagieren. Das stärkt die Beziehung zwischen Eltern und Kind. Schlafmangel führt im Gegenteil eher dazu, dass wir uns zurück ziehen.

Wir können dadurch auch eine gereiztere Grundstimmung haben, weil das Gefühlszentrum im Gehirn durch den Schlafmangel überreagiert. Wir sind gestresst, genervt, schimpfen eher, sind verärgert. Und gerade das ist etwas, was das Zusammenleben mit Kindern sehr schwierig macht. Wir reden immer davon, dass wir weniger schimpfen und entspannter reagieren wollen im Alltag mit unseren Kindern. Dafür ist es wichtig, dass wir unsere Grundbedürfnisse wie das Schlafbedürfnis erfüllen. Schlafmangel ist ein Nährboden für negative Interaktionen und Überforderung im Familienalltag, genauso wie Stress.

Manchmal kann der Schlafmangel auch wirklich gefährlich werden: Denn durch den Schlafmangel sind wir unkonzentrierter und unsere Reaktionsfähigkeit sinkt. – Auch dies sind Faktoren, die im Leben mit Baby und Kleinkind wichtig sind. Wenn wir vollkommen übermüdet sind und einschlafen, können wir zudem in einen so tiefen Schlaf sinken, dass wir nicht merken, dass wir uns im Schlaf auf das Baby rollen, denn starker Schlafentzug wirkt wie Alkohol. – Das Familienbett ist also bei sehr starkem Schlafentzug keine gute Idee. Besser ist das Baby dann im Babybalkon aufgehoben oder im Bett neben dem Elternbett.

Was tun gegen Schlafmangel?

Insbesondere Mütter leiden unter dem Schlafmangel – und zwar über viele Jahre hinweg. Das liegt nicht nur daran, dass sie das Baby nachts stillen oder füttern, sondern insgesamt an einer ungleichen Verteilungen von Aufgaben und zu wenig Selbstfürsorge. Für ein wenig Abhilfe vom Schlafmangel sorgt der so genannte „Ammenschlaf„: Schlafen Mutter und Baby beieinander, gleichen sich die Schlafzyklen an. Erwacht das Baby, werden wir deswegen nicht direkt aus dem Tiefschlaf gerissen, sondern aus der REM-Schlafphase. Können das Baby direkt im Bett versorgt werden (mit Nähe, Zuwendung oder Nahrung), müssen Eltern nicht aufstehen, wonach das Einschlafen oft noch schwerer fällt und die Schlafdauer kürzer wird. Es kann also durchaus helfen, dass Eltern und Kinder beieinander schlafen (wichtig dabei: auf eine sichere Schlafumgebung achten, um dem Plötzlichen Kindstod vorzubeugen).

Wichtig ist, dass (sofern vorhanden) beide Elternteile ausreichend Schlaf bekommen. Nicht nur der eventuell erwerbstätige Elternteil muss für den Alltag und die Arbeit ausgeruht sein, sondern auch der Elternteil, der den Tag mit dem Kind verbringt. Es ist daher wichtig, gemeinsam langfristig einen Plan zu entwickeln, wie der Schlaf für Eltern sichergestellt werden kann. Einige teilen die Nächte auf, andere achten auf Möglichkeiten des Schlafes am Tag, so dass ein Elternteil schlafen kann. Besonders schwierig ist es natürlich da, wo ein Elternteil zum Abwechseln fehlt. Hier braucht es Unterstützungsangebote, die tagsüber ein wenig Nachholschlaf ermöglichen.

Viele Eltern tappen allerdings auch in die Aufräumen-Falle: Wenn das Baby schläft oder gerade mit jemand anderem spazieren geht, wird lieber schnell hier aufgeräumt, noch eben die Wäsche erledigt oder das Bad geputzt. Das Ausruhen wird dabei ganz vergessen. Für einen entspannten Alltag sind die Ruhepausen – gerade in Hinblick auf die Beziehung – aber besonders wichtig, wie wir gesehen haben.

Was Eltern also wirklich brauchen: Schlaf. Und Möglichkeit, wie sie diesen Schlaf finden, denn dass Babys und Kinder nachts nicht durchschlafen, ist normal. Daran können – und sollten wir (durch so genannte „Schlaflernprogramme“) nichts ändern. Woran wir aber etwas ändern können und sollten sind die Anforderungen an Elternschaft (perfekt aufgeräumte Wohnungen neben dem Kinderumsorgen und andere Verpflichtungen, die vom Schlaf abhalten) und die Unterstützung für Eltern, dass sie gleichberechtigt Schlaf finden können.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Wenn am Abend noch von der Welt berichtet wird…

Da liegst du und kannst die kleinen Augen noch gar nicht schließen. Immer weiter erzählt dein kleiner Mund von den Abenteuern des Tages. Manchmal fällt es mir schwer, deinen Geschichten zu folgen – weil ich schon zu müde bin oder weil es einfach noch schwer ist, deinen vielen Gedanken hinterher zu kommen. So viel erlebst du am Tag: Du berichtest von Freundschaft und Streit, von Essen und Tischliedern, von Spiel und dem, was du gesehen hast. Da war das Eichhörnchen und der kleine Käfer und der Hund von nebenan.

Jeder Tag bringt so viele Abenteuer mit sich und so viele Neuigkeiten. Die Welt, sie ist ja riesig und es gibt so viele Dinge zu schmecken, zu riechen, zu fühlen und zu bewegen. Am Abend dann ist all dies noch da in deinen Gedanken. Es fließt umher in deinem Kopf, vernetzt sich mit anderen Dingen. In deinem Kopf bilden sich Brücken aus und nicht selten beschreibst du sie. „Ist das Eichhörnchen auch ein Hund?“ So viele Fragen, die sich ergeben aus all den Erfahrungen.

So liege ich neben dir und erkläre die Welt. Woher der Wind kommt oder ob die Regenwürmer auch atmen. Manchmal stockt meine Erzählung, denn auf so viele Fragen habe ich gar keine Antwort. Auch das gehört zum Lernen dazu: Zu wissen, wo das Wissen endet. Und wo man nachsehen kann.

In unseren abendlichen Gesprächen bekomme ich einen kleinen Einblick in deine Welt, darf ein wenig durch deine Augen die Welt sehen. Ich denke oft, dass sie für dich viel bunter und wilder erscheint als für mich. Viel intensiver, viel besonderer. Viel mehr Leben. Wie eine Gute-Nacht-Geschichte für mich sind deine kleinen Erzählungen und manchmal spüre ich, wie mir so viel schneller die Augen zufallen als dir. Und dennoch möchte ich nichts von diesen Geschichten vermissen, folge ihnen weiter und weiter und freue mich daran, noch einmal die Welt durch deine Worte kennen zu lernen.

Und so ist es manchmal nicht schlimm, dass der Abend sich hinzieht und zu einer langen Geschichte wird. Es ist die Geschichte, wie du das Leben siehst und mir erklärst.

Hört Ihr auch gern die wundersamen Geschichten Eurer Kinder an?
Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

„NEIN!“ – Was das Nein uns sagt und warum es wichtig ist

„Nein!“, „Nein!“, „Nein!“ – Nein ist dein liebstes Wort gerade jetzt. Es ist kein einfaches Wort für dich und mich und uns: Es sagt etwas über mein Kind, sein empfinden und seine Beziehung zu mir. Es macht etwas mit mir, wenn das Nein meines Gegenüber auf mein persönliches Ja stößt. Es ist nicht immer gut zu händeln, das Nein eines Kindes gegenüber den eigenen Wünschen, weil das kindliche Nein oft so viel intensiver ist – und manchmal auch sein muss, um nicht übergangen zu werden.

Das Nein als Zeichen der Eigenständigkeit

Nein! Du grenzt dich ab, denn du hast gelernt, dass du ein eigener Mensch bist mit eigenen Gefühlen, Bedürfnissen und Wünschen. Ein wenig probierst du manchmal dieses Gefühl auch aus, experimentierst damit, wie es sich anfühlt, so selbständig zu sein. Über sich zu bestimmen. Manchmal merkst du: „Ach, das passt jetzt doch nicht so richtig“ und änderst deine Meinung. Oder weißt nicht so recht, wie und was genau du gerade fühlst. Denn das Überlegen, das Reflektieren fällt dir gerade noch schwer. Manchmal weißt du nach dem „Nein“ nicht so richtig weiter, wohin der Weg gehen soll. Erst einmal das „Nein“ – und dann mal sehen.

Ohne Nein kein Ja

Sich abgrenzen zu können und eine Position gegen etwas einzunehmen macht den Weg auch frei für ein Ja. Dafür, bestimmte Dinge aus vollem Herzen annehmen zu können und ganz darin aufzugehen. Sich aus ganzem Herzen über etwas freuen, Glück zu erleben. Sich einer Sache anschließen, weil man dies genau jetzt genau richtig findet. Das Nein beinhaltet auch das Spiel mit dem Gegensatz und ist wichtig dafür. Es ist gut, das Nein aussprechen zu können, fühlen zu können.

Das Nein als wichtige Erfahrung des Sozialen

Ein Nein ist nicht schlimm. Es sagt nichts über elterliches Versagen. Es sagt nicht, dass wir Eltern unsere Sache falsch machen würden. Im Gegenteil: Unser Kind hat die Möglichkeit, sich tanzklar zu positionieren. Es darf sagen, was es fühlt und was es will. Es darf sich auflehnen und spürt vielleicht eine Grenze im Gegenüber. Genau dafür ist das Nein ganz wunderbar: Kinder spüren aus sich heraus die Grenzen des sozialen Miteinander und lernen, damit umzugehen.

Das Nein in der Beziehung zwischen Eltern und Kind

Das Nein sagt auch etwas über uns: dich und mich. Nein, ich sehe die Welt anders als du. Ich habe andere Bedürfnisse und ich bin auch hier und will damit gesehen werden. Manchmal ist unser Alltag so sehr auf uns erwachsene Menschen ausgerichtet, dass wir zu wenig Rücksicht nehmen auf die kindlichen Bedürfnisse und das, was das Kind gerade jetzt leisten kann. Das Nein des Kindes kann auch sagen: „Meine Kraft ist nun zu Ende.“ oder „Ich habe schon so viel gegeben und bin Dir so weit entgegen gekommen, dass ich nun nicht mehr kann.“

Ein Nein ist oft nicht nur die Ablehnung einer Sache, sondern bezieht sich auch auf die Beziehung: „Nein, diesen Vorschlag von dir mag ich nicht.“ Nein, dein Zeitplan passt mir nicht.“ Das Nein eines Kindes bezieht sich oft auf das, was zwischen uns passiert und das Aufeinandertreffen von unterschiedlichen Gedanken und Erwartungen. Es spiegelt uns zurück: Hier bist du als Elternteil zu weit abgekommen vom Weg: Du verlangst zu viel, zu wenig, gerade jetzt das Falsche.

Der Umgang mit dem Nein

Trotz allem Verständnis ist der Umgang mit dem Nein nicht immer einfach. Denn nicht immer können wir dem Wunsch entgegen kommen. Und nicht immer lässt es sich verhandeln oder ein anderer Weg finden. Manchmal können wir nur annehmen, dass vor uns eben ein eigenständiger Mensch steht, der die eigenen Bedürfnisse entdeckt und ausdrücken will. Wir können sagen: „Ich verstehe, dass Du das nicht willst.“ oder „Ich verstehe, dass du etwas anderes möchtest.“ oder „Ich verstehe, dass Du zu erschöpft bist dafür.“ Manchmal tut dieses Verständnis der Situation gut und es können zusammen Alternativen gefunden werden: „Du kannst nicht mehr laufen, komm ich trage dich.“ oder „Du möchtest dein Lieblingsbuch heute nicht vorgelesen bekommen, komm such dir ein anderes aus.“

Manchmal aber gibt es auch Situationen, in denen keine Lösung gefunden werden kann und wir als Eltern nicht Rücksicht nehmen können, weil die Zeit zu knapp ist, weil es keine Alternative gibt. Unsere Bemühungen um Erklärungen laufen ins Leere, denn das Kind kann nicht vom eigenen Plan abweichen. Dann können wir nur erklären: „Ich verstehe, aber heute können wir das nicht tun.“ Wir können Alternativen anbieten mit „Jetzt können wir nicht am Spielplatz halten, aber auf dem Rückweg.“ Vielleicht kann das Kind dieses Angebot in der Situation nicht annehmen, weil es zu sehr im Gefühl der Wut gefangen ist. Aber wir können diesen Vorschlag beherzigen und dann wieder anbringen, wenn wir in der Situation sind, in der wir das Versprechen einlösen können: „Vorhin mussten wir weiter gehen, aber jetzt können wir noch zum Spielplatz gehen. Magst du?“

Aus diesem Umgang mit dem Nein lernt das Kind Alternativen. Es erfährt, dass Dinge manchmal aufgeschoben werden müssen und auch aufgeschoben werden können. Es lernt, dass es eine eigene Stimme hat, die gehört wird und die wichtig ist – auch wenn ihr nicht immer nachgegeben werden kann, wird sie immer gehört. Es lernt, dass es sich mit einem Nein vertrauensvoll an die Bezugspersonen richten kann und nicht alleine damit umgehen muss. Das Nein ist ein ganz wichtiger Teil der Entwicklung unseres Kindes. Kein bequemer, das stimmt. Aber manche Dinge sind gerade wegen ihrer Unbequemlichkeit wichtig.

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

„Trotzkindzeiten“: Entstresse deinen Alltag und den von anderen

Wir wissen so viel über die kindliche Entwicklung, verstehen unsere Kinder heute so gut und wissen, dass sie kooperieren wollen, dass sie soziale Wesen sind. Wir verstehen, wie und warum sie sich wie entwickeln. Und dennoch fällt es uns an vielen Stellen so schwer, dieses Wissen umzusetzen. Manchmal deswegen, weil unsere verinnerlichten Muster und Handlungsabläufe so stark sind und in schwierigen Situationen reflexhaft abgespielt werden. Dann scheinen wir all das Wissen zu vergessen und es treten Handlungen und Sätze in den Vordergrund, die wir eigentlich gar nicht wollten, die zu unseren sorgsamen Überlegungen über das Leben mit Kindern nicht passen. 

Das Kind ist „nur“ der Tropfen, der das Fass überlaufen lässt

Diese Situationen entstehen oft da, wo wir gestresst und überfordert sind. Daran, dass sich unsere Kinder so verhalten, wie sie sich verhalten in der Kleinkindzeit, können wir nicht viel ändern: Sie können noch nicht analytisch denken wie wir, reagieren oft noch ganz impulsiv und aus dem aktuellen Erleben heraus, sind geleitet von ihrer Neugier, ihrem Drang, die Welt zu erkunden. Das allein ist manchmal – je nach Temperament und Passung des Temperaments in der Familie – schon eine Herausforderung. Wenn aber der Alltag um das Kind herum für uns anstrengend ist, ist das Verhalten des Kindes manchmal nur ein kleiner Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Aber das Kind selbst ist nicht das Fass.

Das Fass ist unser Alltag, der angefüllt ist mit all den Aufgaben und Erwartungen: mit Arbeit, Haushalt, Terminen, eventuell Partnerschaft, Freundschaften und Freizeitstress, vollgestopften Straßen in der Rush Hour und all dem Mental Load, der in unseren Köpfen beständigen im Hintergrund lauert. Und unsere Kinder und ihr Verhalten sind ein kleiner Teil davon, aber nicht alles, das uns in eine Überforderungssituation bringt.

Stress lässt uns weniger gut Signale wahrnehmen: ein Teufelskreis

Wenn dieses Fass nun überläuft, tritt der zuvor schon bestehende, aber noch nicht in ganzer Tragweite erscheinende Stress zutage: Wir sind lauter, neigen eher zu Übergriffigkeit, sind weniger feinfühlig und können durch den Stress auch die Signale des Kindes weniger gut deuten, was weiterhin in eine Spirale der unglücklichen Interaktion mit dem Kind führt.

Wenn es also darum geht, wie wir den Alltag mit unseren Kindern besser gestalten können, um unseren Leitsternen des Zusammenlebens folgen zu können, müssen wir nicht nur auf das kindliche Verhalten schauen, sondern auch auf all die kleinen Teile, die uns zusätzlich belasten. Oft sind sie es, an denen wir die entscheidenden Wendepunkte zu mehr Entspannung für den Familienalltag finden – und nicht das Kind, das sich entsprechend dem Entwicklungsstand normal und richtig verhält. Natürlich gibt es die vielen Tipps und Hinweise, mit denen wir unsere Kinder gut durch die Wut und schwierige Situationen begleiten können. Aber neben dem Verständnis für das kindliche Verhalten, neben dem passenden Umgang damit, kommt es vor allem darauf an, die großen Stressauslöser in unserem Leben zu minimieren, damit wir eine Grundentspannung in unseren Alltag bringen, die uns die Gelassenheit gibt, Kinder gut zu begleiten.

Wo sind deine Stressmomente im Alltag?

Wo die einzelnen Stresspunkte im Familienalltag liegen, ist von Familie zu Familie unterschiedlich. Hilfreich ist es, sich die immer wieder auftretenden Konfliktsituationen aufzuschreiben und zu überprüfen, was die immer wiederkehrenden Probleme sind – im Zusammensein mit dem Kind, aber auch die Punkte, die uns allgemein im Alltag stressen. Eine solche Liste ist ein erster Anhaltspunkt für die Situationen, die wir ändern können. Wir können schauen: Welche Situationen lassen sich vermeiden? Welche Situationen kann ich anders gestalten, damit sie weniger stressig sind? Wo kann ich Aufgaben, Wege oder Tätigkeiten abgeben, die mich stressen?

Gesellschaftliche Erwartungen als Stressverursacher

Ein Punkt, der auf vielen Listen der stressauslösenden Situationen zu finden ist, sind die negative Reaktionen in der Gesellschaft auf normales kindliches Verhalten: Wenn das Kind zu Hause laut ist und Eltern Angst haben vor den Reaktionen der Nachbarn und deswegen verzweifelt mit dem Kind schimpfen, damit es für die Nachbarn leiser ist. Oder wenn das Kind in der Öffentlichkeit wütend stampft oder sich auf den Boden wirft und die andere mit Blicken oder Worten über die schlechten Angewohnheiten des Kindes richten oder gar die Erziehungskompetenz der Eltern öffentlich in Frage stellen, was diese dazu führt, verschämt bedrückt das Kind zu beschämen oder übergriffig versuchen, das Verhalten zu beenden. Es gibt viele Situationen, in denen die Gesellschaft uns durch Normen, Regeln, Erwartungen Stress macht, der eigentlich nicht sein müsste. Denn eigentlich ist es normal, dass Kleinkinder auf Wiesen rennen wollen, auch wenn Verbotsschilder daran stehen. Oder sie nicht lange in einer Warteschlange gelangweilt ausharren können. Oder sie sich im Bus laut beschweren über dieses oder jenes. All das ist kein Zeichen einer „schlechten Erziehung“ und kein Fehlverhalten. All das ist eigentlich normal.

Sei der Wandel, den du dir wünschst!

Wir können in diesen Situationen selbst meist nichts ändern. Manchmal fehlt uns die Schlagfertigkeit oder die Kraft, um auf andere zu reagieren. Und manchmal sind wir auch einfach zu sehr mit unserem Kind beschäftigt. Aber wir können in den Situationen, in denen wir gerade nicht betroffen sind, etwas ändern. In den Situationen, in denen wir „die anderen“ sind: Wir können den Nachbarn mit dem lauten Kind sagen: „Mach dir keinen Stress, das ist schon okay.“ Wir können dem Vater im Supermarkt mit dem wütenden Kind sagen: „Hey, das kenne ich“ oder aufmunternd zulächeln. Wir können selbst ein Klima schaffen, dass den Stress für andere reduziert und Vorbild sein für das, was wir uns auch wünschen. Damit wir beim nächsten Mal auch ein Lächeln statt einer hochgezogenen Augenbraue sehen.

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Bindung findet im Alltag statt

Es wäre so schön, wenn es das eine Patentrezept geben würde: Tue dies und dein Kind entwickelt eine sichere Bindung zu dir, die es ein ganzes Leben lang schützt und trägt. Gerne werden wahlweise das Stillen, Tragen oder Cosleeping als solche Wundermittel betrachtet. Tatsächlich stecken aber in der Annahme zwei Fehler: Es gibt nicht das eine Wundermittel und Bindungsmuster können sich über das Leben hinweg verändern.

Es ist nicht alles in Stein gemeißelt

Das Bindungsmuster ist nicht in Stein gemeißelt. Diese Erkenntnis bringt für Eltern oft zwei gegenteilige Empfindungen mit: Einerseits entlastet es gerade jene, die vielleicht einen schwierigen Start in das Familienleben hatten, denen es schwer gefallen ist, eine Beziehung aufzubauen und sich nah zu kommen – nach einer Geburt, die ganz anders lief als geplant und nach der Eltern und Kind vielleicht erst einmal getrennt sein mussten oder auch, wenn der Start schwierig war, weil das Baby besonders viel weinte. Für diese Eltern bringt die Erkenntnis, dass sich Bindungsmuster im Laufe des Lebens wandeln können, einen wahren Schatz mit: Es ist nie zu spät! Wir können zu einem späteren Zeitpunkt beginnen, eine tiefe und bedürfnisorientierte Beziehung aufzubauen und das Kind so in der Entwicklung unterstützen.

Es entlastet auch die Eltern, die im Laufe des Familienlebens feststellen, dass es Situationen gibt, in denen es ihnen besonders scher fällt, feinfühlig oder bedürfnisorientiert zu handeln, wenn Stimmen aus der eigenen Kindheit hoch kommen und Eltern ganz anders handeln, als sie es eigentlich wollen. Denn wir können unser Verhalten unserem Kind gegenüber ändern, wenn wir an unseren eigenen inneren Arbeitsmodellen arbeiten (manchmal brauchen wir dafür therapeutische Unterstützung) und können auch unser Kind unterstützen, die inneren Arbeitsmodelle von Bindung zu ändern. Es ist deswegen nie zu spät, eine Beratung und Therapie wahrzunehmen, um den Umgang zu verändern und für Kinder ist es nie zu spät, von einer Änderung des elterlichen Verhaltens zu profitieren. Auch wenn Eltern erst im Verlauf der Kindheit ihren Erziehungsstil ändern hin zu einem respektvollen, bedürfnisorientierten Umgang, kann das für das Kind eine große Unterstützung für das aktuelle und zukünftige Erleben sein.

Auf der anderen Seite bedeutet die Erkenntnis, dass Bindung nicht in Stein gemeißelt ist aber auch: Es reicht nicht, nur am Anfang liebe- und verständnisvoll zu sein, sondern Bindung ist ein Prozess, der sich über das Leben erstreckt und wir haben unsere ganze Elternschaft damit zu tun.

„Bindung kann wachsen und braucht manchmal auch einfach Zeit. Und: Es ist nie zu spät, um Geborgenheit zu geben – wie auch immer der Anfang war.“

S. Mierau „Geborgen wachsen. Wie Kinder glücklich groß werden“

Bindung geschieht im Alltag

Bindung findet also im Alltag statt. In den vielen kleinen Momenten und über die Situationen hinweg verteilt. Sie zeigt sich in dem Mahlzeiten, im Wickeln, im Zubettbringen, im Gespräch und im Spiel. Viel mehr als durch eine bestimmte Handlung oder durch bestimmte Dinge, die wir verwenden oder nicht verwenden, macht sie sich in diesem Alltag bemerkbar in unserer inneren Haltung, unserer Zuwendung und Feinfühligkeit: Nehmen wir Bedürfnisse wahr? Interpretieren wir sie richtig? Reagieren wir (je nach Alter des Kindes) prompt und passend? Ist es dem Kind auch möglich, in den vielen Alltagssituationen auch Gefühle wie Trauer und Wut ausdrücken zu dürfen und wird es dabei begleitet? Vermitteln wir dadurch und in den anderen Handlungen Sicherheit und Zuverlässigkeit für das Kind? Weiß es, dass wir da sind und jedes Gefühl als okay annehmen und begleiten? Sind wir auch nach als schwierig erlebten Situationen wieder zugewandt, verzeihen dem Kind und uns und entschuldigen uns beim Kind, wenn etwas mal nicht gut läuft?

Bringen wir diese Haltung in den vielen Situationen im Alltag mit, haben wir eine gute Chance, eine stabile Basis aufzubauen. Sie kann sich noch immer ändern durch andere Einflüsse, aber wir geben unserem Kind die Chance, auf Basis der positiven Erfahrungen mit uns sicher und aufgeschlossen in weitere Beziehungen und Lernerfahrungen einzutauchen und damit umzugehen. Durch ein sicheres emotionales Zuhause hat es die Chance, abenteuerlustig zu Welt zu erkunden und bei Bedarf zurück zukommen, um Hilfe zu bitten und das sichere Gefühl zu haben, in den Bedürfnissen angenommen zu werden. Wie genau es diesen Alltag gestaltet und auslebt, ist auch eine Frage des Temperaments. Zunächst hat es prinzipiell die Möglichkeit, nach dem eigenen Tempo und Bedürfnis vorzugehen.

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

Bitte sprich mit mir!

Zwei große runde Augen sehen dich an. „Erklär mir die Welt!“ scheinen sie zu sagen, aber manchmal übersehen wir das. Alles ist neu hier, all die Eindrücke, die Geräusche, die vielen verschiedenen Lebewesen und auch all die Regeln, die uns jeden Tag umgeben. Ein Kind, das neu in diese Welt kommt, ist erst einmal fremd und braucht unsere Hilfe, um sich zurechtzufinden. Nicht nur in den ersten Wochen oder Monaten, sondern über viele Jahre. Je mehr es eintaucht in diese Welt und je weiter es sich damit auseinandersetzen kann und auch muss durch den wachsenden Aktionsradius, desto mehr ist auch darauf angewiesen, nicht nur selbst zu erfahren und zu spüren, sondern auch Erklärungen zu bekommen.

Die Welt ist voller Fragen

„Da?“ sagt das Kleinkind mit ausgestreckter Hand. Es meint nicht zwangsweise, dass es dieses „Da“ haben möchte, sondern bittet nicht selten um ein Wort, eine Erklärung. Nach und nach kommen die weiteren großen Fragen: Wo? Wer? Was? und schließlich Warum? Das große Warum, das uns so viele Jahre begleitet. Unsere Kinder stellen uns Fragen über diese Welt vom Anfang des Sprachgebrauchs bis ins hohe Alter. Die Fragen werden komplexer, sind irgendwann nicht nur Fragen, sondern stellen in Frage: uns, die Gesellschaft, Systeme und Entscheidungen. Wir sind in einem Austausch mit ihnen und unsere Antworten helfen, die Welt zu sortieren, einen Platz darin zu finden oder sich auch bewusst gegen einen Platz zu entscheiden.

Fragen sind aufschlussreich für Eltern

Wir sind im Austausch und dieser Austausch ist wichtig. Für unser Kind, aber auch für uns Eltern, weil wir durch die Fragen auch einen Blick auf die Weltsicht des Kindes erhalten: Womit beschäftigt es sich? Was sind gerade die Themen des Kindes? Wie nimmt es die Welt wahr und wovor hat es vielleicht auch Angst? Eine Frage kann einfach eine Frage sein, eine Selbstoffenbahrung, kann etwas über die Beziehung aussagen und ganz sicher ist die Frage eines Kindes ein Appell an uns, um entweder um ein Gespräch oder eine Erklärung zu bitten.

Übersehen wir die Fragen nicht

Unser Alltag ist so voll und manchmal so schnell. Für die vielen Fragen eines Kindes scheint so selten Platz zu sein. Wir überhören, wir übergehen bewusst, weil es gerade einfach nicht passt, weil gerade jetzt keine Zeit dafür ist. Später ist die Frage vielleicht vergessen und der Moment verronnen, in dem wir gemeinsam über ein vielleicht für das Kind wichtiges Thema hätten sprechen können.

Es gibt auch unausgesprochene Fragen

In der Hektik des Alltags verlieren wir manchmal die Worte: ziehen wortlos das Kind an aus Hast, setzen es wortlos hinein in den Kindersitz und schnallen es an, handeln ohne begleitende Worte und ohne die Erklärung, die gerade jetzt so nützlich wäre. Denn Fragen werden manchmal auch nicht gestellt und ergeben sich dennoch: In einer Welt, die noch so ganz neu ist für ein Kind, sind die Handlungen, die an einem Kind durchgeführt werden auch mit der inneren Frage des Kindes verbunden nach dem Zweck. Deswegen: Nehmen wir uns doch die Zeit, die ausgesprochenen und die unausgesprochenen Fragen zu beantworten. Gehen wir auf Augenhöhe und reden und erklären wir unser Handeln und besprechen wir die vielen Fragen, die unsere Kinder haben. Vielleicht klappt es nicht immer in diesem hektischen Alltag, aber sicherlich in der Mehrheit der Fälle, wenn wir uns die Bedeutung dieses Wissensdurstes immer wieder vor Augen führen.

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.