Natürlich darfst du wütend/traurig/ängstlich sein…

Viele Erwachsene geben als Lebensziel etwas an wie „Erfolg haben“, „es sich gut gehen lassen können“ oder schlicht „glücklich sein“. Und auch wenn das durchaus Ziele sind, die man haben kann, besteht unser Alltag eben nicht nur daraus. Manchmal liegt aber der Fokus so sehr auf den freudigen und glücklichen Zielen und Möglichkeiten, dass Wut, Trauer oder Angst nur noch als störend betrachtet werden. Als Gefühle, die unbedingt vermieden werden müssen, die keinen Platz haben dürfen auf dem Weg zum Glück. Nicht nur bei uns Erwachsenen, sondern auch bei den Kindern. „Jetzt sei mal wieder fröhlich!“, „Komm, lächel mal wieder!“, „Trübsal blasen bringt doch nichts!“ – all diese Sätze werden gar nicht so selten zu Kindern gesagt.

Bedeutet eine glückliche Kindheit, immer nur Glück zu fühlen?

Unser Leben allerdings besteht aus vielen verschiedenen Gefühlen und jedes Gefühl darin darf sein und hat Platz. Denn wenn wir uns wünschen, dass unsere Kinder glücklich sein sollen, meinen wir damit eigentlich, dass es ihnen gut gehen soll. Gut geht es ihnen aber nicht, wenn sie zum Glücklichsein gezwungen werden durch beständige Aufforderung dazu oder durch Unterdrückung und Vernachlässigung der anderen Gefühle. Glücklich können Kinder dann sein, wenn sie von ihren Eltern so angenommen werden, wie sie sind und wie sie fühlen. Wenn sie sicher sein können, dass all ihre Gefühle wahrgenommen und begleitet werden ohne Wertung. Wenn sie ihre Gefühle ausleben können und von ihren Eltern darin begleitet werden, nach und nach den Ausdruck von Gefühlen gut selbst moderieren zu können bzw. zu wissen, wann sie bei welchen Gefühlen auch weiterhin die Hilfe und Unterstützung von anderen in Anspruch nehmen sollen und können.

Einige Situationen lassen sich leichter begleiten, andere schwerer

Es ist nicht immer einfach, sich den Gefühlen von Wut, Trauer, Ärger, Verzweiflung, Angst von Kindern zu stellen. Während es uns vielleicht noch leicht fällt, wenn das Kind erklärt, dass es Angst vor einem Monster unter dem Bett hat, diese Angst aufzufangen und mit Einfühlungsvermögen und Sicherheit zu begleiten, fällt es uns aber oft schwerer, wenn das Kind sagt, dass es uns nicht mehr lieb hat oder sogar hasst oder den anderen Elternteil viel lieber mag als uns.

Oft spielen hier eigene Verletzungen, innere Bilder und schwierige Kindheitserfahrungen hinein, die es uns schwer machen, diesem Gefühl des Kindes wirklich nachzugehen und es nicht lieber einfach zur Seite schieben zu wollen mit einem „Das ist aber nicht nett!“ oder dem Versuch, die eigene Verletzung in den Vordergrund zu schieben mit einem „Wenn du das sagst, dann machst du mich aber ganz traurig!“. Es fällt manchmal schwer, sich dem Gefühl zu stellen, dass man selbst ein unbehagliches Gefühl beim Kind durch eigenes Verhalten hervorgerufen hat. Oder ein Gefühl zu begleiten, das man selbst als Kind nicht haben durfte.

Alle Gefühle dürfen sein

Ein Gefühl der glücklichen Kindheit geben wir ihnen also nicht durch viele Dinge und auch nicht durch die Vermeidung oder Unterdrückung von Wut, Ärger, Trauer, Angst etc. mit, sondern durch das Zulassen und Begleiten all dieser Gefühle. Dann nämlich fühlen sich Kinder gesehen, anerkannt und sicher. Sie spüren, dass sie sichere Bindungspersonen an ihrer Seite haben, die in all den verschiedenen Lagen des Lebens zu ihnen stehen und sie stützen. Die ihnen helfen, mit den verschiedenen Gefühlen umzugehen und Hilfe anbieten, damit zurecht zu kommen. Das ist es, was uns ein sicheres, geliebtes Gefühl gibt und damit auch unterstützt, glücklich zu sein.

Eure

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

3 Kommentare

  1. Ein schöner Artikel!

    Ich persönlich fand es immer dann schwierig die Gefühle meiner Kinder zu begleiten, wenn sie mich getriggert haben. Dadurch habe ich mich dann in die Thematik hineinziehen lassen und konnte nicht in meiner Erwachsenen-Position bleiben.
    Sobald das passiert ist, half nur mehr „raus aus der Situation“. Denn solange ich „mitleide“ statt mitfühlend zu sein, kann ich nicht gut begleiten.

    Liebe Grüße
    Ilse

  2. Liebe Susanne, danke für die wertvollen Erklärungen und Tipps hierzu und in deinen Büchern!
    Unser Sohn (fast 5) ist sehr „mamafixiert“ und lehnt es immer wieder ab, dass sein Papa (zu dem er ansonsten ein sehr gutes Verhältnis hat) neben ihm sitzt, ihm vorliest, ihn ins Bett bringt etc. Meinen Mann trifft das immer sehr und er fühlt sich abgelehnt und ist gekränkt. Er versteht, dass unser Sohn das nicht sagt, weil er ihn nicht liebt, emotional ist er aber dennoch getroffen und lässt unseren Sohn das auch spüren. Hast du einen Rat, wie er besser mit dieser „Ablehnung“ umgehen kann?

    • Liebe Eva, Kinder bilden in unserer Kultur, in der sie besonders von wenigen/einer Person im Schwerpunkt betreut werden, eine Bindungshierarchie aus aufgrund des Umstandes, dass eine Person mehr Bedürfnisse erfüllt und/oder bedürfnisorientierter Eintritt, was dann bei Anwesenheit mehrerer Personen dazu führen kann, dass eben die Person, die besonders weit oben in dieser Hierarchie steht, eingefordert wird, auch wenn andere Personen anwesend und verfügbar sind. Wichtig ist, dass die abgelehnte Person das nicht auf die Beziehung allgemein bezieht, sondern sich immer weiter einbringt und bedürfnisdorientiert zur Verfügung steht.

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