Mein Kind ist ganz anders als andere! – Kinder individuell begleiten

Viele Eltern starten mit einem Bild von „dem Kind“ in die Elternschaft: alle Babys sind süß und schlafen viel, alle Kleinkinder sind „trotzig“, alle Schulkinder machen nicht gern Hausaufgaben… So sind vielleicht die Vorstellungen davon, wie Kinder sich grob entwickeln. Schon im ersten Babyjahr merken aber viele Eltern dann: Irgendwie ist es so doch nicht, mein Kind beginnt früher/später zu krabbeln als andere oder früher/später zu sprechen und während einige Kinder richtige Abenteurer:innen sind, sind andere von Anfang an eher abwartend und beobachtend. Diese Feststellung und Abweichung von der eigentlichen Erwartungshaltung kann verunsichern: „Ist es eigentlich normal, dass…?“

Von Anfang an verschieden

Tatsächlich sind Kinder von Anfang an sehr unterschiedlich und kommen mit unterschiedlichen Temperamenten zu uns, die sich im Laufe der ersten Jahre zu Persönlichkeitseigenschaften ausbauen – auch in Abhängigkeit davon, wie die Umwelt (und ganz besonders die nahen Bezugspersonen) mit dem Kind und seiner jeweiligen Art umgehen. Kinder unterscheiden sich in ihrer Erregbarkeit, Tröstbarkeit, in ihrer Ablenkbarkeit und in ihrem Gefühlsausdruck. Sie unterscheiden sich in dem Ausmaß ihrer Aktivität und anderem Verhalten. All das wird zum Teil schon vor der Geburt wesentlich in unseren Kindern geprägt. Kommen sie auf die Welt, sind sie Menschen mit persönlichen Eigenschaften: beispielsweise manche ruhiger, manche aggressiver.

Probleme durch Pauschalisierungen bei Eltern und Kindern

Wenn wir ein pauschales „Bild vom Kind“ auf das eigene Kind projizieren, führt das nicht selten zu Problemen auf verschiedenen Ebenen: Als Eltern nehmen wir die Abweichung von der scheinbaren Norm kritisch wahr und fragen uns oft, was wir als Eltern falsch gemacht hätten: „Warum nur ist das Kind nicht…?“, „Warum nur macht es…?“, „Aber ich habe doch immer…“ Viele Eltern beziehen die kindliche Abweichung von der Norm zunächst auf ihr eigenes Verhalten, suchen bei sich selbst nach Fehlern. Gerade bei besonders zurückhaltenden oder besonders aggressiven Kindern wird oft „das Problem“ im elterlichen Verhalten gesucht und schnell steht die These im Raum, die Bindungsbeziehung wäre schlecht.

Bei der Fokussierung auf das vermeintliche elterliche Fehlverhalten geraten nicht selten die Kinder mit ihren Eigenschaften aus dem Blick: Der Gedanke kreist darum, was mit den Kindern falsch gemacht wird, anstatt darauf zu blicken, wie das Kind ist und was es braucht, so wie es ist. Natürlich kann es Unstimmigkeiten in der Begleitung des Kindes mit seinem jeweiligen Temperament geben, die sich dann weiter nachteilig auf das Kind und die Interaktion auswirken: Beispielsweise brauchen gerade aggressive Kinder eine liebevolle und zugewandte Begleitung, um zu lernen, mit ihrem Temperament gut umzugehen. Da in unserer Gesellschaft aber weiterhin der Gedanke vorherrscht, dass dieses Verhalten immer durch ein falsches Elternverhalten hervorgebracht wird und mit Strenge behandelt werden muss, kann sich hier ein negativer Kreislauf entwickeln.

Die eigenen Prägungen und gesellschaftlichen Erwartungen an „das Verhalten von Kindern“ trüben den Blick auf die Vielfalt kindlichen Verhaltens und dem Bedarf an individueller Begleitung. Menschen sind nicht alle gleich, auch nicht am Anfang. Natürlich kann ein ungünstiges Erziehungsverhalten, gerade Erziehung mit Druck und Zwang und Gewalt, sich negativ auf das kindliche Verhalten auswirken und bestimmte Verhaltensweisen befördern. Aber es können ebenso bestimmte Aspekte im Kind angelegt sein. Oft ist es das Verbiegen des Kindes in die ein oder andere Richtung, die es uns schwer machen: Weil Kinder sich nicht verbiegen wollen und dieser Gegenwille zu Stress und Streit führt, sie auch gar nicht verbogen werden sollen, damit sie ein gutes Bild von sich ausbauen können mit psychischer Widerstandskraft – und wir für unsere Gesellschaft Menschen in ihrer Vielfalt brauchen.

Erst das Kind wirklich wahrnehmen

Wenn wir uns fragen, was mit unserem Kind „los ist“, sollte der Blick nicht sofort auf uns gerichtet sein, sondern zunächst einmal auf das Kind: Wir können uns fragen: Wer ist dieses Kind eigentlich? Was sind die Eigenschaften dieses Kindes? Wie war es früher, wie ist es jetzt – und gibt es Veränderungen oder war es schon immer eher so wie heute? Und dann, wenn wir dieses Kind in seinem eigenen Wesen erfasst haben, können wir auf uns, auf die Familie und den Umgang mit diesem Kind blicken.

Eure

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Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

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3 Kommentare

  1. Ich danke dir so sehr für Beiträge wie diese ❤ Tatsächlich habe ich auch erst als Mutter verstanden, dass Menschen von Anfang an ganz individuell sind.

  2. Hallo!
    Ein sehr schöner Artikel mit so viel Wahrheit!
    Wir haben drei Kinder und unserer mittlerer (4 1/2) ist auch so ein ganz „besonderer“: sprachlich Top fit, ist aber erst sehr spät (2 Woche vorm 2. Geburtstag) gelaufen, motorisch entsprechend immer noch „etwas zurück“, malen ist nicht seins, draußen spielen auch nicht unbedingt… dafür kann er stundenlang allein in die Welt von Brio und Siku abtauchen, singt und tanzt super im Rhythmus.
    Wir lieben ihn einfach über alles.
    Nur: er ist im September geboren und ist somit ein muss -Kind, sprich: Einschulung mit 5. Und das sind diese schrecklichen Grenzen, die die Kindern hier gesetzt werden..
    Wir haben aber einen guten Kinderarzt, stehe auf der Warteliste zur Ergotherapie und werden mit Hilfe des Kinderarztes beantragen, ihn später einzuschulen.
    Viele Grüße
    Christiane

  3. Es ist schon verrückt, wie oft man sich als Eltern fragt, „ist das normal?“.
    Ich habe als Vater die Erfahrung gemacht, niemals zu vergleichen. Es ist so schön mit ansehen zu dürfen, wie das eigene Kind sich entwickelt, lernt, entdeckt. Da spielt es absolut keine Rolle, wann welcher vermeintliche Meilenstein erreicht wird. Jedes Kind braucht und verdient sein eigenes Tempo.

    LG, Richard von der papammunity.de

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