Kategorie: Geborgen Wachsen

Warum es uns manchmal so schwer fällt, Gefühle von Babys zu begleiten

Mit einem Kind brechen wir nicht nur gewissermaßen in ein neues Leben auf, sondern werden auch zurückgeführt an den Anfang unseres eigenen Lebens. Besonders dann, wenn es um die Emotionen geht: Da liegt dieses kleine, weinende Baby in unseren Armen und wir wissen nicht, wie wir dieses Weinen begleiten sollen. Schließlich versteht es nicht unsere Worte, versteht nicht unsere Erklärungen und weiß nicht, dass das, was es jetzt gerade fühlt, wahrscheinlich bald vorüber geht. Es weint scheinbar untröstlich und anhaltend. Vielleicht fühlen wir uns hilflos oder sogar überfordert. Denn tief in uns verbirgt sich das Gefühl, dass das Weinen des Kindes beendet werden muss.

Weinen ist ein wichtiges Signal

Aber ganz so einfach ist es nicht: Natürlich ist das Weinen eines Babys ein wichtiges Signal an die Bezugspersonen, dass etwas nicht in Ordnung ist: ob nun Hunger, Schmerz, Nähebedürfnis – wird auf die leiseren Signale nicht reagiert oder ist das Kind in seinem Gefühlsausdruck ohnehin schnell von 0 auf 100, wird das Unwohlsein mit Weinen und Schreien ausgedrückt und führt dazu, dass sich die Bezugspersonen dem Baby zuwenden. Wir spüren Stress durch dieses Weinen und sind bemüht, die Not des Kindes zu beenden. Ein von der Natur sinnvoll eingerichtetet System, um auf die Bedürfnisse von Babys einzugehen. Eigentlich haben über verschiedene Kulturen hinweg Eltern den Impuls, ein weinendes Baby hoch zu nehmen, es zu tragen und mit ihm zu sprechen. Das belegt eine Studie aus dem Jahr 2017, in der die Reaktionen von 648 Frauen aus elf verschiedenen Ländern auf das Weinen von Babys untersucht wurde. Und trotzdem fällt es uns oft gar nicht so leicht, das Weinen anzunehmen, zu begleiten oder über einen längeren Zeitraum auszuhalten. 

Von der interpersonellen zur intrapersonalen Emotionsregulation

Für die Emotionsregulation eines Babys sind die Bezugspersonen von besonderer Bedeutung: Sie müssen die Signale des Babys wahrnehmen, richtig interpretieren und dann passend beantworten. Auf jeder dieser einzelnen Ebenen kann es zu Kommunikationsproblemen kommen: wir nehmen nicht richtig wahr interpretieren falsch oder geben die falsche Antwort. Dass solche Fehlinterpretationen vorkommen, ist völlig normal und sogar sinnvoll: Durch die kleinen Unachtsamkeiten der Bezugspersonen haben Babys nämlich auch die Chance, sich in der Selbstregulation ein wenig zu üben. Interpretieren wir also ab und zu falsch oder reagieren zu spät, hat das Kind vielleicht schon eine eigene Antwort gefunden und sich beruhigt. Das passiert manchmal, aber nicht immer und nicht in jeder Problemsituation. Eigentlich erfolgt für das Baby recht lange eine Regulation von Emotionen von außen, die man auch als “interpersonelle Emotionsregulation” bezeichnet. Durch diese Art der Regulation durch eine andere Person lernt das Baby nach und nach, die eigenen Emotionen zu verstehen und passend darauf zu antworten, die Gefühle also selbst zu regulieren über “intrapersonale Emotionsregulation”. In der ersten Zeit sind diese Gefühle, die begleitet werden wollen, insbesondere Hunger, Müdigkeit, Schmerzen und Angst.* 

Werden die Gefühle des Kindes hingegen immer wieder absichtlich oder unabsichtlich nicht berücksichtigt oder nicht richtig interpretiert, kann sich das langfristig auf die emotionale Entwicklung auswirken und es fällt zunehmend schwer, die eigenen Gefühle zu verstehen und auch die von anderen Menschen. In einer Generation von Eltern, die als Babys oft noch “schreien gelassen” wurden, um keine kleinen Tyrannen heranzuziehen oder das Kind zur Anpassung zu erziehen an die Erwachsenenbedürfnisse, und in der Kinder nicht wütend sein durften, sondern Wut mit Bestrafung oder gar körperlicher Gewalt bestraft wurde, fällt es nun vielen Eltern schwer, mit den emotionalen Signalen ihrer eigenen Kinder gut umzugehen: Wir wissen eigentlich, dass das Weinen begleitet werden sollte, aber es fällt uns schwer, dieses Weinen anzunehmen, auszuhalten und auch passend darauf zu reagieren. Vielleicht ruft es in uns sogar jene Ungeduld hervor, die wir selbst gespürt haben als Kind und wir sind verleitet, die Gefühle nicht deswegen beenden zu wollen, um das Kind zu trösten, sondern weil wir sie selber nicht aushalten und/oder uns aus der gespürten Hilflosigkeit befreien wollen.

Trösten, um zu trösten statt trösten, damit Ruhe herrscht

Der Unterschied zwischen dem “Ich tröste mein Kind, damit es endlich still ist” und “Ich tröste mein Kind, um es zu trösten” ist dabei groß: Die Intention, ein Gefühl lediglich abstellen zu wollen, hält den Kreislauf der mangelnden Zuwendung und Anerkennung unserer Gefühle am Laufen: Diese Abspaltung bestimmter Gefühle oder gar Blindheit gegenüber Gefühlen kann sich in den späteren Jahren auf das psychische und soziale Wohlergehen auswirken. Die Intention, ein Leid nicht unseretwegen, sondern des Kindes wegen beenden zu wollen, unterbricht hingegen diesen Kreislauf und erlaubt einen gesunden, ehrlichen Umgang mit der breiten Palette an Gefühlen und auch in späteren Jahren einen gesunden Umgang mit Emotionen sich selbst und anderen gegenüber. 

Es ist wichtig, zu erkennen, ob ein Weinen des Babys durch eine bestimmte Ursache hervorgerufen wurde, die wir beenden können, beispielsweise wenn das Baby hungrig ist. Daneben gibt es aber auch viele Situationen, in denen wir den Grund des Weinens vielleicht nicht finden oder nicht beheben können, beispielsweise wenn die Kinder überreizt sind und ihre Anspannung durch das Weinen herauslassen. In diesem Fall können und sollten wir nicht versuchen, das Weinen vehement abstellen zu wollen, sondern sollten das Weinen begleiten. Begleiten meint, dass wir vielleicht keine Antwort finden, aber das Baby im Arm halten und das Gefühl, das es gerade ausdrückt so lange zulassen, bis es sich in unseren Armen beruhigt hat. So lernt es, dass alle Emotionen sein dürfen und nicht unterdrückt werden müssen, was auch in späteren Jahren eher einen guten Umgang mit Stress ermöglicht.** Ebenso wenig hilfreich wie ein Unterdrücken von Emotionen ist es, das Baby mit dem das Weinen auslösendem Problem allein zu lassen in einem anderen Raum: Wir können Babys durch Zuwendung und Beruhigung nicht verwöhnen, genausowenig wie wir ihnen durch mangelnde Zuwendung nicht einen gesunden Umgang mit Gefühlen vermitteln können.

Merken Eltern, dass sie mit der Begleitung des Weinens Probleme haben, in immer größeren Stress geraten oder sogar verleitet sind, das Baby mit Gewalt zum Schweigen zu bringen, brauchen sie Hilfe. Oft liegt eine eigene traumatische Erfahrung hinter diesem Impuls. Niemand muss sich dafür schämen, mit dem Weinen oder anderen herausfordernden Situationen mit einem Baby nicht zurecht zu kommen. Die früheren Umgangsweisen mit Babys und Kleinkindern haben dazu geführt, dass Probleme beim Begleiten von Emotionen keine Einzelfälle sind, sondern durchaus viele Eltern betreffen. Wichtig ist, dass wir heute durch Unterstützung lernen, diese Belastung nicht mehr weiter zu geben und unseren Kindern von Anfang an einen gesunden Umgang mit Emotionen ermöglichen und durch eine passende Unterstützung auch wieder einen Zugang zu unseren eigenen Emotionen erhalten.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

* vgl. Welding, Carlotta (2021): Fühlen lernen. Warum wir so oft unsere Emotionen nicht verstehen und wie wir das ändern können. – Stuttgart: Klett-Cotta, S. 71f.

**Solter, Aletha J. (2015): Warum Babys weinen. Die Gefühle von Kleinkindern. – 3. Aufl. München: Kösel, S. 87.

Erschöpfte Eltern – Wie wir unsere Kinder dennoch begleiten sollten und können

Kinder brauchen Eltern, die größer, weiser, stärker und gütig sind, wie das Konzept „Kreis der Sicherheit“ die Aufgabe der Eltern im Rahmen der Bindungstheorie definiert. Aber was, wenn es Eltern durch die Rahmenbedingungen immer schwerer fällt, genau das zu sein? Wenn Erschöpfung und Verunsicherung um sich greifen, wenn die familiäre oder finanzielle Situation schwierig ist? Wenn Eltern nicht mehr wissen, wie sie Schulstoff aufholen oder vermitteln sollen, wenn die Schule gleichzeitig Druck macht, dass das passieren soll weil zu wenig gelernt werden wurde/der eigentliche Lehrplan nicht eingehalten wurde? Wenn Eltern nicht mehr strukturgebend erscheinen können, weil sie nicht wissen, wonach sie sich ausrichten sollen? Zerrissen zwischen der Sorge, die Kinder jetzt zu erschöpfen oder schlecht auf die Zukunft vorzubereiten. Wie können wir unsere „Elternfunktion“ wahrnehmen in Anbetracht der Probleme, die sich aktuell für viele Eltern stellen?

Was Kinder brauchen

Sicherheit ist die Grundlage des Bindungssystems: Kinder brauchen das Gefühl, sicher von ihren Bezugspersonen umsorgt zu werden und in ihren Bedürfnissen gesehen zu werden. Das bedeutet nicht, dass wir als Eltern immer alle Wünsche erfüllen müssten oder die Bedürfnisse der Kinder immer Vorrang hätten vor den eigenen. Es bedeutet aber, dass Kinder das grundlegende Gefühl benötigen, sicher umsorgt zu sein auf körperlicher und psychischer Ebene.

Für uns Eltern bedeutet dies, dass wir den Kindern einen sicheren, schützenden Rahmen vorgeben, an dem sie sich orientieren können. Wir begleiten sie in das Leben und geben ihnen einerseits all die Rahmenbedingungen der Umwelt, aber zugleich auch die Rahmenbedingungen des sozialen Miteinanders mit. Wir erklären ihnen die Welt, vermitteln Werte, zeigen Grenzen von Menschen, Dingen und sozialen Systemen auf. Dies brauchen unsere Kinder, um sich zu orientieren. Wir sind die verlässlichen Bezugspersonen an ihrer Seite, an denen sie sich orientierten können, an denen sie sich anlehnen können auf dem Weg, die Welt kennenzulernen und zu verstehen. Wir sind da, um sie zu stützen und zu begleiten, bis sie selbst laufen können – im übertragenen Sinne. Dabei haben wir ein Verständnis für ihre Bedürfnisse und auch ihre jeweiligen Fähigkeiten und berücksichtigen, dass sie Fehler machen, lernen, sich ausprobieren. Das ist es, was die Haltung der Erwachsenen als „größer, weiser, stärker und gütig“ umschreibt.

Was Eltern brauchen, um Kindern geben zu können, was sie brauchen

Auch wenn wir eigentlich wissen, was Kinder brauchen, ist es dennoch gar nicht so einfach, ihnen das, was sie brauchen, auch zu geben. Denn hier spielen viele Faktoren zusammen, die es manchmal schwer machen, die Position der schützenden, unterstützenden und verständnisvollen Person einzunehmen. Zum einen sind dies psychische Faktoren, die es uns manchmal schwer machen, liebevoll und verständnisvoll und gleichsam auch sich selbst gegenüber bedürfnisorientiert zu sein sein: Manchmal sind wir so sehr von unseren eigenen Kindheitserfahrungen geprägt, dass sie uns – besonders in Konfliktsituationen – einholen und wir Dinge sagen oder tun, die wir eigentlich vermeiden wollten. Daran dass uns eigene negative Erfahrungen manchmal einholen, können wir arbeiten: Mit einer Mischung aus Informationen über kindliche Entwicklung und Methoden zur Entspannung in Konfliktsituationen, lässt sich ein anderer Weg gehen. Manchmal braucht es auch eine therapeutische Unterstützung, um von bestimmten Denkmustern und Verhaltensprozessen weg zu kommen.

Wichtig ist auch, dass die eigenen Erfahrungen auch dazu führen können, dass wir versuchen, negativen Erfahrungen ganz aus dem Weg zu gehen und in Auseinandersetzungen immer zurückweichen, Konflikte mit dem Kind nicht aushalten. Hierdurch können wir allerdings auch nicht jene Stärke und Sicherheit geben, die Kinder brauchen. Auch hier kann eine therapeutische Begleitung sinnvoll sein, um das Muster der Konfliktvermeidung oder Überkompensation zu durchbrechen.

Neben diesen psychischen Faktoren gibt es aber auch Einflussfaktoren aus unserem Alltag, die sich auf unser Verhalten auswirken. Stress vermindert unsere Feinfühligkeit, wodurch es uns schwerer fällt, die Signale und Bedürfnisse der Kinder wahrzunehmen. Gleichzeitig begünstigt die erhöhte Anspannung auch, dass wir die oben erwähnte Regulation unserer erlernten Muster schwerer beherrschen. Stress, der sich auf uns auswirken kann, ergibt sich dabei direkt aus stressigen Rahmenbedingungen wie Druck bei der Arbeit, Zeitdruck, Partnerschaftskonflikten, aber auch Sorgen um finanzielle Absicherung. Auch eine ungerechte Aufgabenverteilung zwischen den erwachsenen Familienmitgliedern führt zu Stress. Auch wenn wir es durch beispielsweise Zeitdruck nicht schaffen, unsere Bedürfnisse nach Schlaf, Ernährung, sozialem Austausch nachzukommen, führt das zu Stress und Erschöpfung, die sich wiederum auf das soziale Miteinander auswirken.

Damit Eltern die so wichtige Position und sichere, schützende, unterstützende Beziehung zu ihren Kindern anbieten können, brauchen Eltern Informationen über kindliche Entwicklung und kindliches Verhalten, Anregungen zur Veränderung von Verhaltensmustern (wenn negative Verhaltensmuster erlernt wurden, ggf. therapeutische Unterstützung) und wenig Stress.

Wie Eltern für sich sorgen können

Gerade jetzt ist es nicht einfach, Stress aus dem Alltag auszuschließen. Die Pandemie fordert von Eltern besonders viel, führt zu Stress und entzieht damit Rahmenbedingungen, um gut mit Kindern umgehen zu können. Angst und Sorge wirken sich auf das psychische Wohlergehen aus, ebenso wie finanzielle Sorgen, Kontaktbeschränkungen und Mangel in der Erfüllung sozialer Bedürfnisse. Viele Erwachsene fühlen sich in ihrer Selbstwirksamkeit eingeschränkt.

Viele dieser Einflussfaktoren können wir aktuell nicht beseitigen. Wir brauchen vor allem auch politische Lösungen, die Familien mehr in den Blick nehmen. Aber wir können zumindest an einigen Stellen einige Stressoren ausschließen oder vermindern. Auch wenn die Selbstwirksamkeit an einigen Stellen eingeschränkt ist, haben wir immer noch einen Handlungsspielraum, in dem wir uns als aktiv und wirksam erfahren können. Gerade jetzt ist es besonders wichtig, dass wir uns in Selbstfürsorge üben: Essen wir ausreichend und regelmäßig? Trinken wir genug? Schlafen wir genug und lassen uns nicht durch die Pandemie zu Revenge Bedtime Prokrastination hinreißen? Bewegen wir uns gut und ausreichend, auch wenn unsere eigentlichen Wege viel kürzer sind als sonst durch das Homeoffice? Atmen wir nicht nur oberflächlich und flach durch Stress, sondern auch mal tief durch? Wie sieht es mit Liebe und Sexualität aktuell aus, sind wir erfüllt? Sorgen wir auch trotz Kontaktbeschränkungen für sozialen Kontakt, damit wir uns zugehörig fühlen zu anderen und werden optimalerweise von diesen Menschen wertgeschätzt? Auf diese Bedürfnisse zu achten hört sich so banal an, aber mit einem besseren Blick für die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse können wir durchaus etwas an unserem Wohlbefinden und Stresslevel verändern.

Gewaltfreie und friedvolle Elternschaft ist möglich, ohne dass wir uns und unsere Grenzen selbst vergessen oder übertreten. Im Gegenteil: Das sichere, selbstbestimmte Einhalten der eigenen und sozialen Grenzen ist sogar zwingend notwendig, um gewaltfrei mit Kindern leben und ihnen anhand dieser Grenzen den Entwicklungsrahmen zu bieten, in dem sie sich frei entfalten können“

S. Mierau „Frei und unverbogen“, S. 189

Natürlich sollte Selbstfürsorge dabei nicht zu neuem Stress führen. Es geht vielmehr darum, einen guten Blick für sich zu entwickeln und sich Pausen zu gönnen. – Denn gerade als Elternteil ist es wichtig, auf sich zu achten und gut für sich zu sorgen. Damit gewinnen wir eine innere Klarheit und können diese als Struktur nach Außen vertreten.

Größer, weiser, stärker und gütig – Die Pandemie-Edition

Wenn wir es schaffen, unsere eigenen Bedürfnisse als wichtig zu betrachten und ihnen im Alltag Aufmerksamkeit zu schenken, haben wir auch mehr emotionale Ressourcen, um mit dem Verhalten unserer Kinder gut umgehen zu können. Und auch hier ist es wichtig, dass wir gerade jetzt sehr wohlwollend auf sie blicken und Verständnis dafür haben, dass natürlich auch sie unter den Rahmenbedingungen leiden. Auch sie sind in der Selbstwirksamkeit eingeschränkt, haben weniger Erfahrungsraum, weniger Möglichkeiten, sich auszuprobieren in Auseinandersetzung mit der Umwelt, aber auch mit anderen Menschen.

Kinder im Kindergartenalter, die gerade jetzt in der „Autonomiephase“ sind, haben es oftmals besonders schwer, mit den aktuellen Gegebenheiten umzugehen und zeigen ihre Unzufriedenheit und die vielen Anforderungen an ihre Kooperationsfähigkeiten (Masken tragen, nicht zu nah an Menschen gehen, nicht alles anfassen,…) durch mehr Wut, Unzufriedenheit und manchmal auch mehr Wunsch nach Zuwendung und Aufmerksamkeit. Auch die geringen Kontakte zu Freund*innen sind anstrengend für sie.

Es ist wichtig, dass wir versuchen, auch ihre Bedürfnisse in den Blick zu nehmen und dabei besonders auch sehen, dass ihr Entwicklungsumfeld stark beschnitten ist, was eben zu Unzufriedenheit und Wut führen kann. Unser Blick sollte darauf gerichtet sein, wo wir es ihnen im Alltag ermöglichen können, sich als selbständig zu erleben, als aktiv. Auch wenn sie vielleicht gerade von anderen sozialen Gruppen entfernt sind, können wir ihnen das Gefühl geben, dass sie in der Familie gesehen und respektiert werden, dass sie darin einen wichtigen Platz einnehmen.

Vor allem aber ist es wichtig, dass wir ihnen zeigen, dass wir als Bindungspersonen zur Seite stehen: Dass wir nicht noch mehr Druck und Stress ausüben (gerade auch in Bezug auf Schule), sondern sie unterstützen und notfalls Druck und Stress von ihnen abhalten. Dies ist Teil unserer Elternaufgabe: Wenn wir merken, dass unsere Kinder dem Lerndruck nicht folgen können, sollten wir nicht noch mehr Druck ausüben (wodurch auch diese wichtige Beziehung und aktuell für viele Kinder wichtigste Beziehung gestört werden kann), sondern aktiv ins Gespräch mit der Schule gehen.

Eine sichere Bindungserfahrung, gerade jetzt unter diesem Stress, ist kurz- und langfristig wichtiger, als viele andere Schulvorgaben. Als Eltern sollten wir uns den Druck des Lernerfolgs nicht nach Hause holen. Wenn unser Kind Schwierigkeiten mit dem Lernen zu Hause hat, sollten wir uns nicht in die Position begeben, mit Druck das Lernen einzufordern. Wir können reden, nach kreativen Lösungen suchen, aber müssen und sollten nicht Druck ausüben in einer ohnehin schwierigen Zeit. Es ist Aufgabe der Schulen und Politik, die versäumten Inhalte aufzubereiten, nachzubereiten, Konzepte zu entwickeln. Unsere Aufgabe als Eltern ist es, gerade jetzt der Fels in der Brandung zu sein, der sichere Hafen, die liebevolle Unterstützung.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Raus aus der Konfliktspirale mit Kleinkindern

Kinder haben oft ihre eigenen Vorstellungen davon, wie Situationen gestaltet werden sollen und welchen Anteil sie darin wie einnehmen. Viele Alltagssituationen sind für sie vor allem Lernsituationen: Sie lernen im Alltag etwas über die Welt, sich in ihr zu bewegen, ihre Regeln und das Zusammenleben. Deswegen wollen sie aktiv am Alltag teilhaben und reagieren mit Verärgerung bis Wut, wenn wir ihnen die Selbständigkeit nicht zugestehen wollen oder gerade nicht können.

Im ersten Lebensjahr erwirbt das Kind die grundlegenden Fähigkeiten, die es für das Leben benötigt. Es beginnt die Umgebungssprache zu verstehen und die ersten Worte darin mitzuteilen und lernt, sich fortzubewegen. In dieser Zeit lassen wir unserem Kind meist noch viel Spielraum, um diese Kompetenzen zu erwerben. Erst wenn es krabbelt und nach Dingen fasst, die es nicht erreichen soll, greifen wir mit einem „Nein!“ ein. Hier treffen verschiedene Vorstellungen aufeinander. Oft reagieren schon Babys mit Verärgerung darauf, wenn ihnen Dinge untersagt werden, doch lassen sie sich noch leichter ablenken und trösten als ein Kleinkind.

S. Mierau „Ich! Will! Aber! Nicht!“ S. 17

Die Nein-doch- oder Doch-nein-Spirale

In den Situationen, in denen sich ein Konflikt zwischen Elternteil und Kind ergibt, stehen wir uns also gegenüber: Elternteil, der etwas einfordert oder verbietet und Kind, das das Gegenteil will von dem, was die erwachsene Person gerade wünscht. Nicht selten begeben wir uns in eine Diskussionsspirale, die sich emotional immer weiter auflädt: „Ich möchte (nicht), dass du dieses oder jenes tust!“ während das Kind mit einem „Doch!“ oder „Nein!“ kontert, woraufhin wir wieder unseren Wunsch vorbringen. Sowohl Kind als auch erwachsene Person werden in jedem weiteren Durchgang dieses Gespräches verärgerter. Nicht selten gerät das Kleinkind in eine Wutsituation, aus der es aufgrund der aktuellen Gehirnreife noch nicht von allein heraus kommt, vielleicht versucht es mit Aufstampfen, Schlagen oder Beißen seine Gefühle auszudrücken. Je stärker das Kind in die Wutsituation gerät, desto weniger erreichbar ist es für unsere Worte und vielleicht gesellt sich zum ursprünglichen Problem nun noch die Wutsituation und das Verhalten des Kindes dazu, das die Verärgerung bei der erwachsenen Person noch weiter steigen lässt.

Frühzeitig aus der Spirale aussteigen

Diskurse mit Kindern sind kein Machtkampf. Sie wollen nicht aufbegehren gegen unsere Wünsche, weil sie eine Machtstellung beanspruchen wollen, sondern sie versuchen, ihren (durchaus sinnvollen) Wunsch nach Lernen und Selbständigkeit durchzusetzen. Dementsprechend geht es in solchen Diskussionen nicht darum, wer das letzte Wort behält. Es geht darum, hinter das Verhalten und dem Wunsch des Kindes das Bedürfnis zu sehen und auf dieses zu reagieren. Wenn wir also statt eines „Nein!“ oder „Doch!“, statt eines sturen Beharrens auf unseren Vorschlag, genau auf das ursprüngliche Bedürfnis des Kindes eingehen, können wir aus dem negativen Kreis aussteigen.

Ein Eingehen auf das Bedürfnis meint dabei nicht, dass wir diesem immer nachgeben müssen: Natürlich gibt es Situationen, in denen wir unsere erwachsene Vorgehensweise umsetzen müssen, wenn wir beispielsweise einen wichtigen Termin haben oder das Kind in einer sonst gefährlichen Situation wäre. Aber anstatt dem Kind mit dem Gefühl von „Du musst machen, was ich will, weil ich es besser weiß“ entgegen zu treten, können wir dem Kind sagen, dass wir das eigentliche Bedürfnis gesehen haben: „Nein, das geht nicht. Hier an der Straße kannst du nicht balancieren, aber wir suchen jetzt zusammen einen anderen Ort dafür.“ „Doch, wir müssen jetzt gehen. Du möchtest lieber noch etwas bleiben, das verstehe ich. Morgen planen wir es anders.“

Auch wenn unsere Kinder dennoch unzufrieden sind, hilft es ihnen, wenn sie sich gesehen und verstanden fühlen. Wenn sie wissen, dass ihre Bedürfnisse erkannt wurden und zu einem anderen Zeitpunkt (dann auch wirklich) berücksichtigt werden. Wir können damit nicht das Problem an sich aus der Welt schaffen, dass das Kind gerade etwas anderes tun wollte. Und wir müssen als Eltern nicht selten die starken Gefühle unserer Kinder begleitend aushalten. Oftmals können wir aber durch diese Art des Gespräches einem größeren Streit vorbeugen und ihnen trotz der Differenz das gute Gefühl mitgeben, dass wir sie wahrnehmen in ihren Bedürfnissen.

Eure

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Muss mein Kind das Gläschen leeren? – Beikostmengen und Bedürfnisorientierung

Viele Eltern sorgen sich – gerade am Anfang in der Beikostzeit – um die Menge der aufgenommenen Nahrung: Was, wenn das Baby immer etwas im Glas zurücklässt? Was, wenn das Baby auf einmal viel mehr essen will? Soll ich das Baby überreden, mehr zu essen? Soll ich mehr verweigern?

Prinzipiell fällt es vielen Eltern leichter, mit den Mengen der Beikost umzugehen, wenn das Kind am Familientisch mitisst und nicht mit vorportionierter Beikost versorgt wird. Natürlich machen sich auch Eltern, die Baby-Led-Weaning (babygesteuerte Beikosteinführung/Milchentwöhnung) als Beikostmethode ausgewählt haben, gelegentlich Sorgen darum, ob das Kind tatsächlich genügend Beikost und Nährstoffe über die neue Ernährungsform aufnimmt. Die Frage danach, ob es zu viel isst, ist aber relativ selten.

Die Gläschenvariante hingegen verunsichert Eltern in zweierlei Richtungen: zu wenig oder zu viel? Und sie verleitet Eltern eher in Anbetracht der eigentlich vorgesehenen Menge dazu, das Kind zu überreden mit Spielen und Tricks, damit es schließlich doch noch das ganze Glas leert. Doch wie bei der Flaschenernährung und beim Stillen geht es bei der Beikost darum, die Signale des Babys wahrzunehmen, richtig zu interpretieren und dann darauf zu reagieren.

Langsame Gewöhnung an die neue Ernährung

Gerade zu Beginn der Beikostzeit haben Babys eher ein spielerisches Interesse an der neuen Ernährungsform und wollen diesen neue Angebot mit allen Sinnen erst einmal ausprobieren und im wahrsten Sinne be-greifen. Im Laufe der Zeit machen die Kinder dann die Erfahrung, dass dieses neue Angebot nicht nur ein sinnlicher Reiz ist, sondern auch sättigt.

Wichtig ist es, die Rahmenbedingungen für die Nahrungsaufnahme gut zu gestalten: Das beikostreife Baby kann aufrecht auf dem Schoß oder einem bequemen, passenden Kinderhochstuhl sitzen, die Beikost ist angenehm temperiert (nicht zu heiß) und das Kind wird aktiv einbezogen. Diese Beteiligung kann damit erfolgen, dass das Baby auch einen Löffel halten kann und vielleicht mit einem anderen durch den fütternden Elternteil gefüttert wird. Es ist schön für das Kind, wenn es sehen kann, was sich auf dem Löffel befindet. Wichtig ist auch, genügend Ruhe und Zeit mitzubringen: Es sollte darauf gewartet werden, dass das Kind von sich aus den Mund weit genug öffnet und kann dann den Brei im Mund bewegen, schmecken, erfühlen, bis es schließlich herunterschluckt. Erst wenn das Baby bereit ist, sollte der nächste gefüllte Löffel angeboten werden. Zeigt das Baby aber Ablehnung, wendet sich weg oder schiebt den Brei aus dem Mund heraus, ist Zeit für eine Pause.

Nicht die Signale übergehen

Es ist wichtig, die Signale des Kindes zu achten und nicht zu übergehen. Manchmal dauert es lange, bis eine Mahlzeit beendet ist. Manchmal ist das Baby auch einfach noch nicht bereit für größere Beikostmengen. Aber Eltern sollten sich nicht durch Ungeduld dazu verleiten lassen, über die Signale des Kindes hinwegzugehen mit Tricks („Hier kommt das Flugzeug!“), emotionalen Beeinflussung („Noch ein Löffelchen, dann ist Mama/Papa aber glücklich!“) oder Ablenkung (Handy anschalten mit Videos, damit das Kind währenddessen schnell gefüttert werden kann). Solche Maßnahmen verhindern die Ausbildung eines guten Gespürs für Sättigung.

Schon Babys haben eigentlich ein gutes Gespür

Eine Studie zeigt, dass schon Babys eigentlich ein gutes Gefühl für ihre Sättigung haben und zwar durchaus unterschiedliche Mengen Beikost zu sich nehmen pro Mahlzeit, aber insgesamt über den Tagesrhythmus ungefähr täglich die gleiche Menge an Energie zu sich nehmen, solange sie nicht durch die Fütterungsumstände und elterliche Beeinflussung davon abgebracht werden.Es ist wichtig, eine gesunde, ausgewogene Nahrungspalette anzubieten, aus der das Kind dann über die Signale, die es zeigt, auswählen kann, was und wieviel es isst. Im Laufe der Zeit gibt es immer wieder auch Speisen, die abgelehnt werden und von den Eltern dann immer wieder angeboten werden können. Wichtig ist tatsächlich, dass nicht bei jeder Mahlzeit das ganze Glas verfüttert werden muss, sondern individuell betrachtet werden sollte, wieviel das Kind gerade jetzt essen will.

Sollte sich das Kind nicht gut entwickeln, abnehmen oder weniger aktiv sein, sollte in der kinderärztlichen Praxis abgeklärt werden, was genau die Ursache dafür ist und ob es eine Unterversorgung mit Nährstoffen gibt.

Eure

Quengeln lassen oder gleich reagieren, wenn das Baby nachts unruhig wird?

Babys und Kleinkinder schlafen meist nachts nicht so durch, wie wir Erwachsene es tun. Zwar erwachen auch wir Erwachsene jede Nacht mehrere Male, aber in der Regel schlafen wir schnell wieder ein und erinnern uns morgens nicht einmal an das regelmäßige Aufwachen. Babys und Kleinkinder schlafen jedoch dann, wenn sie zwischen der Tiefschlaf- und REM-Schlaf-Phase erwachen, meist nicht so leicht wieder ein: weil sie Hunger haben und auch nachts Nahrung brauchen für Wachstum und Lernen, und weil sie beim Aufwachen überprüfen, ob sie weiterhin sicher und geschützt sind: Ist es zu warm oder zu kalt, sind sie allein und damit ungeschützt – da sie noch nicht für sich selbst sorgen können, sind sie auf Schutz und Versorgung durch ihre Bezugspersonen angewiesen und überprüfen dies beim Aufwachen.

Keine Pauschallösungen

Die Fähigkeiten zur Selbstregulation sind schon bei Babys unterschiedlich ausgeprägt, ebenso wie ihre Tröstbarkeit, Erregbarkeit und ihr Ausdruck. Während es einige Babys gibt, die schon recht früh bei einigen Aufwachsituationen wieder selbständig in den Schlaf finden, gibt es andere, die längere Zeit auf Regulation durch die Bezugsperson(en) angewiesen sind. Eine Pauschalantwort darauf, ob alle Babys daher schnell wieder beruhigt werden müssen oder nicht, gibt es nicht.

Wenn das Baby unruhig wird…

Wenn Eltern allerdings merken, dass das Kind unruhiger wird, vielleicht sogar lauter zu quengeln beginnt, sollte nicht weiter abgewartet werden. Auch wenn auch Eltern heute noch gesagt bekommen, dass es sehr wichtig sei, dass schon Babys lernen, sich selbst zu beruhigen und dies gerade nachts wichtig wäre, damit Eltern Schlaf finden und die Kinder – angeblich zugunsten ihrer Entwicklung – ebenfalls „durchschlafen“, ist das inhaltlich so nicht richtig: Das normale nächtliche Aufwachen des Kindes behindert nicht die Entwicklung. Und das Trösten hilft Kindern, die sich noch nicht selbst beruhigen können, nach und nach durch das Gefühl der Sicherheit oder durch die von uns angebotene Brücke zum Schlaf, Selbstregulation auszubauen.

Wenn wir also merken, dass das Kind unruhiger und quengeliger wird, ist es durchaus sinnvoll, möglichst schnell beruhigend einzuwirken. Dabei können wir so sanft wie möglich beruhigen bzw. dem jeweiligen Bedürfnis nachkommen und das Kind stillen/füttern oder durch Berührung und/oder einige Worte signalisieren, dass wir da sind und weiterhin schützen und behüten. Ein frühes Beruhigen ermöglicht dem Kind, schnell wieder in den Schlaf zu finden. Werden die Signale zunächst ignoriert, muss das Baby auf stärkere Signale zurückgreifen, um die eigene Problemsituation mitzuteilen: es weint oder schreit. Von diesem Punkt aus braucht das Baby länger, um wieder in den Schlaf zu finden und auch die Eltern haben dann, unter anderem durch die längere Beruhigungszeit, mehr Schwierigkeiten, selbst wieder in den Schlaf zu finden. Es ist also in Ordnung und sogar sinnvoll, das Baby möglichst früh zu beruhigen und nicht lange abzuwarten.

Eure

Fürsorge(-arbeit) – Über die Arbeit, die Eltern heute leisten für ein gutes Aufwachsen von Kindern

Das Bindungssystem ist in erster Linie ein Schutzsystem des Kindes. Es sorgt dafür, dass Kinder umsorgt und geschützt werden, mit all dem versorgt werden, was sie zum Wachsen benötigen: das beinhaltet sowohl die äußeren Faktoren wie Nahrung und Sicherheit in Verhütung von Gefahren, als auch die inneren Faktoren, die wir dem Kind angedeihen lassen, damit es sich gut entwickeln kann und im besten Fall mit einem guten Bild von sich selbst aufwächst, das es in den vielen weiteren Jahren stützt in der Auseinandersetzung mit der Umwelt.

Im Laufe der Menschheitsgeschichte hat sich daher das Bindungssystem ausgebildet: Ein Verhaltenssystem, das dafür sorgt, dass Kinder sich in den ersten Jahren an mindestens eine schutzgebende Person binden und mit ihrem Verhalten dafür sorgen, dass sich diese Person um sie kümmert. […] Das Bindungssystem ist so wichtig für das Kind, dass es allen anderen (Entwicklungs-)aufgaben vorgelagert wird.

S. Mierau (2021): Frei und unverbogen, S. 30.

Fürsorge meint, dass ich für das Kind so sorge, wie es das braucht

Unsere Aufgabe als Eltern ist daher vor allem die Fürsorge: das Sorgen für das Kind. Und dieser Begriff der Fürsorge zeigt uns bereits einen sehr wichtigen Aspekt der wichtig ist für die Haltung, die wir als Eltern gegenüber unserem Kind einnehmen sollten: Die Ausrichtung auf das Kind und dessen Wesen und Bedürfnis. Wir sorgen dafür, dass dieses Kind individuell gesehen und begleitet wird.

Fürsorge meint nicht, dass wir das Kind hineinpressen in unsere Vorstellungen, dass es sich unseren Vorstellungen anpassen muss davon, wie es ist, was es mag und welche Eigenschaften es mit sich bringt. Sondern dass wir es genau so annehmen, wie es ist und dafür sorgen, dass es sich auf seinem ganz individuellem Weg optimal entfalten kann. Wir tragen Sorge dafür, dass es dem Kind jetzt und zukünftig gut geht. – Natürlich ist es dabei auch wichtig, auf sich selbst zu achten und die eigenen Bedürfnisse nicht aus dem Blick zu verlieren.

Fürsorge ist auch Arbeit

Dieses Erkennen und Begleiten eines Kindes ist nicht immer einfach. Weil das Kind vielleicht mit einem Temperament zu uns kommt, das für uns schwierig ist und sich von unserem unterscheidet oder in besonderer Weise herausfordernd ist. Es ist nicht immer einfach, weil es Aufmerksamkeit verlangt dafür, dass wir die Signale des Kindes wahrnehmen, richtig interpretieren und – je nach Alter prompt – beantworten. Und diese Signale ändern sich im Laufe der Zeit und manchmal fällt es schwer, die neuen Signale beispielsweise nach einem Entwicklungssprung wahrzunehmen und zu interpretieren. Und manchmal bedeutet diese Fürsorge auch, dass wir den ganzen Tag einem Kind hinterrennen müssen, dass die Autonomie entdeckt und am Ende nicht nur von der emotionalen Begleitung erschöpft sind, sondern auch von den tausenden Handgriffen, die sie erfordern.

Neues Erziehungsdenken gestalten ist auch Arbeit an sich selbst

Fürsorgearbeit ist es auch da, wo wir merken, dass wir uns von eigenen Erfahrungen trennen wollen und andere Wege gehen möchten als die, die wir selbst als Kind erfahren haben. Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung und dies umfasst sowohl das Recht darauf, vor körperlicher als auch psychischer Gewalt geschützt zu werden. Das Umsetzen dieses Rechts fällt aber noch immer vielen Eltern schwer. Je nach eigenem Rucksack, den wir tragen, ist es schwierig, sich von den verinnerlichten Mustern zu trennen: sie zunächst als falsch erkennen, sie im Alltag zu bemerken und schließlich zu lernen, ganz bewusst anders zu handeln. Das erfordert sehr viel Kraft und Arbeit an uns selbst. Und dennoch ist es besonders lohnenswert, wenn wir alte Muster aufbrechen, um Verletzungen nicht mehr weiterzugeben oder entstehen zu lassen, sondern Kindern die Chance geben, psychisch gesund aufzuwachsen, um im späteren Leben nicht durch diese Erfahrungen belastet zu werden.

Kraft, Kinder im Alltag zu schützen

Und auch auf einer weiteren Ebene bedeutet diese Art der Fürsorge Arbeit: Weil wir nicht nur an unseren eigenen Mustern arbeiten und uns damit auseinander setzen müssen, sondern unsere Kinder auch da schützen, wo sie anderen Ansichten ausgesetzt sind. Weil wir Familienmitgliedern erklären müssen, dass Kinder nicht ein Küsschen zur Begrüßung geben, wenn sie das nicht wollen. Weil wir im Supermarkt die hochgezogenen Augenbrauen entweder ignorieren oder erklären, warum wir nicht „den Po versohlen“ wenn das Kind wütend ist. Weil wir uns vielleicht in der Kita dafür einsetzen müssen, dass wir eine andere Art der Eingewöhnung brauchen, weil das Kind es in dem gesteckten Zeitfenster noch nicht schafft, sich an eine neue Bezugsperson zu wenden, oder weil wir alte Erziehungsmethoden dort in Frage stellen. All das kostet ebenfalls Energie. Es ist anstrengend, nicht nur in sich selbst, sondern in der Gesellschaft eine Offenheit und Akzeptanz für einen neuen Weg der Begleitung von Kindern zu etablieren.

Gesellschaft verändern

Die Arbeit, die wir täglich leisten – an uns selbst, für unsere Kinder und gegenüber der Gesellschaft – ist umfassend. Viel zu oft wird übersehen, welch enorme Anstrengungen Eltern und andere Personen in der Begleitung von Kindern jeden Tag leisten, gerade auch wenn sie neue, respektvolle und gewaltfreie Wege mit Kindern gehen. Wie sie die Gesellschaft durch die Fürsorgearbeit, die sie so ungesehen vollbringen, verändern. Und über die Fürsorgearbeit jene Werte, die über bindungs- und bedürfnisorientiertes Leben transportiert werden (Werte wie Achtsamkeit, Empathie, Gleichheit, Gerechtigkeit, Toleranz, Hilfsbereitschaft, Nachhaltigkeit und Weitsicht) in der Gesellschaft verankern.

Fürsorgearbeit bzw. Carearbeit sind auch Arbeit. Auch wenn wir unsere Kinder lieben und gerne begleiten. Diese Arbeit verdient Respekt und Wertschätzung an jedem einzelnen Tag gegenüber den Personen, die sie leisten.

Eure

Der #equalcareday macht auch in diesem Jahr wieder aufmerksam auf die mangelnde Wertschätzung und unfaire Verteilung von Carearbeit. Mehr dazu findet ihr hier.

Wer sich damit auseinandersetzen möchte, wie wir Erziehung heute neu denken und bindungs- und bedürfnisorientiertes Familienleben gestalten können, findet hier eine ausführliche Leseprobe von „Frei und unverbogen“.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Natürlich darfst du wütend/traurig/ängstlich sein…

Viele Erwachsene geben als Lebensziel etwas an wie „Erfolg haben“, „es sich gut gehen lassen können“ oder schlicht „glücklich sein“. Und auch wenn das durchaus Ziele sind, die man haben kann, besteht unser Alltag eben nicht nur daraus. Manchmal liegt aber der Fokus so sehr auf den freudigen und glücklichen Zielen und Möglichkeiten, dass Wut, Trauer oder Angst nur noch als störend betrachtet werden. Als Gefühle, die unbedingt vermieden werden müssen, die keinen Platz haben dürfen auf dem Weg zum Glück. Nicht nur bei uns Erwachsenen, sondern auch bei den Kindern. „Jetzt sei mal wieder fröhlich!“, „Komm, lächel mal wieder!“, „Trübsal blasen bringt doch nichts!“ – all diese Sätze werden gar nicht so selten zu Kindern gesagt.

Bedeutet eine glückliche Kindheit, immer nur Glück zu fühlen?

Unser Leben allerdings besteht aus vielen verschiedenen Gefühlen und jedes Gefühl darin darf sein und hat Platz. Denn wenn wir uns wünschen, dass unsere Kinder glücklich sein sollen, meinen wir damit eigentlich, dass es ihnen gut gehen soll. Gut geht es ihnen aber nicht, wenn sie zum Glücklichsein gezwungen werden durch beständige Aufforderung dazu oder durch Unterdrückung und Vernachlässigung der anderen Gefühle. Glücklich können Kinder dann sein, wenn sie von ihren Eltern so angenommen werden, wie sie sind und wie sie fühlen. Wenn sie sicher sein können, dass all ihre Gefühle wahrgenommen und begleitet werden ohne Wertung. Wenn sie ihre Gefühle ausleben können und von ihren Eltern darin begleitet werden, nach und nach den Ausdruck von Gefühlen gut selbst moderieren zu können bzw. zu wissen, wann sie bei welchen Gefühlen auch weiterhin die Hilfe und Unterstützung von anderen in Anspruch nehmen sollen und können.

Einige Situationen lassen sich leichter begleiten, andere schwerer

Es ist nicht immer einfach, sich den Gefühlen von Wut, Trauer, Ärger, Verzweiflung, Angst von Kindern zu stellen. Während es uns vielleicht noch leicht fällt, wenn das Kind erklärt, dass es Angst vor einem Monster unter dem Bett hat, diese Angst aufzufangen und mit Einfühlungsvermögen und Sicherheit zu begleiten, fällt es uns aber oft schwerer, wenn das Kind sagt, dass es uns nicht mehr lieb hat oder sogar hasst oder den anderen Elternteil viel lieber mag als uns.

Oft spielen hier eigene Verletzungen, innere Bilder und schwierige Kindheitserfahrungen hinein, die es uns schwer machen, diesem Gefühl des Kindes wirklich nachzugehen und es nicht lieber einfach zur Seite schieben zu wollen mit einem „Das ist aber nicht nett!“ oder dem Versuch, die eigene Verletzung in den Vordergrund zu schieben mit einem „Wenn du das sagst, dann machst du mich aber ganz traurig!“. Es fällt manchmal schwer, sich dem Gefühl zu stellen, dass man selbst ein unbehagliches Gefühl beim Kind durch eigenes Verhalten hervorgerufen hat. Oder ein Gefühl zu begleiten, das man selbst als Kind nicht haben durfte.

Alle Gefühle dürfen sein

Ein Gefühl der glücklichen Kindheit geben wir ihnen also nicht durch viele Dinge und auch nicht durch die Vermeidung oder Unterdrückung von Wut, Ärger, Trauer, Angst etc. mit, sondern durch das Zulassen und Begleiten all dieser Gefühle. Dann nämlich fühlen sich Kinder gesehen, anerkannt und sicher. Sie spüren, dass sie sichere Bindungspersonen an ihrer Seite haben, die in all den verschiedenen Lagen des Lebens zu ihnen stehen und sie stützen. Die ihnen helfen, mit den verschiedenen Gefühlen umzugehen und Hilfe anbieten, damit zurecht zu kommen. Das ist es, was uns ein sicheres, geliebtes Gefühl gibt und damit auch unterstützt, glücklich zu sein.

Eure

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Lass das Kind spielen, wenn es spielt – Warum wir nicht ständig bespaßen müssen

Elternsein besteht aus vielen verschiedenen Gefühlen jeden Tag – und in einem ständigen Wechsel. Eines dieser Gefühle, das sich schnell in die Gefühlsmenge des Alltags mischt, ist das schlechte Gewissen: Tue ich genug? Habe ich ausreichend „Quality Time“ mit meinem Kind? Zeige ich genügend Interesse und Aufmerksamkeit? Spiele ich ausreichend mit meinem Kind? Oft denken Eltern, dass es ihre Aufgabe wäre, sich beständig zuzuwenden, wenn sie gerade Zeit haben – oder auch dann, wenn sie eigentlich anderes tun müssten. Schließlich soll kein Zeitfenster übersehen und das Kind optimal gefördert werden? Aber ganz so einfach ist es mit der „Quality Time“ nicht…

Es ist schön, Kindern Aufmerksamkeit zu geben…

Ja, natürlich brauchen Kinder Aufmerksamkeit und Anerkennung. Sie wollen gesehen werden in ihrer Entwicklung und mitteilen, was sie an Neuem in dieser Welt entdeckt oder gelernt haben. Sie wollen ihren Aufmerksamkeitsfokus mit uns teilen und auch sozial lernen. Sie brauchen ansprechbare Eltern bzw. Bezugspersonen.

… aber sie brauchen die Freiheit…

All das ist durchaus richtig und wichtig. Aber neben dem Gemeinsamen, wollen sie die Welt erkunden und entfernen sich jeden Tag auf immer größer werdenden Runden von uns, um selbst und eigenständig zu lernen, um zu explorieren. Manchmal brauchen sie hierfür unseren Blick, ein paar beflügelnde Worte, um aufbrechen zu können. Dann brechen sie zu einem Abenteuer auf und kommen wieder zurück, wenn sie unsere Nähe brauchen, erschöpft sind, sich verletzt haben. Um von dort aus, wenn sie wieder bereit sind, zu einem neuen Abenteuer, einer neuen Erkundung, einem neuen Lernen aufzubrechen. Es ist ein Kreislauf, auf dem sie sich jeden Tag viele Male bewegen.

… was uns auch von ständiger Bespaßung befreit.

Für Eltern bedeutet dieses Wissen: Wir müssen Kinder nicht beständig bespaßen. Wie müssen nicht ständig ein Spiel vorschlagen, etwas anbieten, sie in ein vermeintlich pädagogisch wertvolles Spiel einbinden oder ihnen beständig etwas beibringen. Eltern müssen nicht rund um die Uhr mit perfekten, sinnvollen Angebote für ihre Kinder aufwarten können.

Im Gegenteil: ein beständiges Bespielen und Anbieten von immer neuen Angeboten und Ideen kann laut Forscherehepaar Dr. Karin und Dr. Klaus Grossmann (2012) die Ausdauer des Kindes negativ beeinflussen, die Frustrationstoleranz senken und zu Schwierigkeiten der Selbstregulation und geringerem Selbstvertrauen führen.

Wir sehen also: Eltern müssen nicht beständig anbieten, anleiten und bespielen. Sie müssen aber dann wieder zur Verfügung stehen, wenn sie wieder nach dem Spiel und Erkunden gebraucht werden. Also quasi auf Stand-by stehen, statt auf Alleinunternhaltungsshow. – Und diese Stand-by-Zeit sollte einfach genossen werden können, statt ein schlechtes Gewissen zu haben.

Eure

Wie Eltern entspannt bleiben bei mäkligen Kindern

Bei den meisten Kindern gibt es im Laufe der Entwicklung Phasen, in denen sie weniger gut essen: Manchmal haben sie eine Phase, in der sie bestimmte Lebensmittel bevorzugen, manchmal dürfen sich die Speisen auf dem Teller nicht berühren, manchmal essen sie generell weniger und lehnen bestimmte Nahrungsmittel ab oder sind nur an dem interessiert, was auf dem Teller der Eltern liegt. Der Übergang von der flüssigen Nahrung zum Essen am Familientisch ist tatsächlich ein Übergang, der oft nicht geradlinig stattfindet, sondern eher in Wellen und es gibt bessere und schlechter Zeiten. Gerade auch wenn Zähne durchbrechen oder das Kind krank wird/ist/war kann sich das auch auf das Essverhalten auswirken.

Wichtig: medizinische Ursachen abklären

Wenn sich das Essverhalten über einen längeren Zeitraum verändert, das Kind weniger Appetit zeigt, vielleicht abnimmt und/oder müder und erschöpfter ist oder die Entwicklung stillsteht, ist es wichtig, medizinische Ursachen ausschließen zu lassen. Auch dann, wenn das Kind konsequent bestimmte Nahrungsmittel vermeidet, ist eine Abklärung von Unverträglichkeiten sinnvoll, sowie ein Blick auf neurologische Ursachen, die die Wahrnehmung von bestimmten Lebensmitteln beeinflussen können.

Oft sehen wir jedoch, dass Kinder zeitweise bestimmte Speisen bevorzugen, andere ablehnen und sich dennoch über einen längeren Zeitraum hinweg ausgeglichen ernähren. Dass sie im Kleinkindalter fremde Speisen zunächst ablehnen, ist eine sinnvolle Schutzfunktion und lässt sich durch entspanntes Anbieten oft lösen. Wichtig ist – neben einer gesunden Auswahl – vor allem die Atmosphäre unser Mahlzeiten. Das bedeutet, dass Eltern bestimmte Verhaltensweisen vermeiden sollten.

Was Eltern bei Mahlzeiten vermeiden sollten

Wenn die Mahlzeiten eingeschränkt sind, aber medizinische Ursachen ausgeschlossen werden konnten, ist es besonders wichtig, dass Eltern nicht versuchen, mit Druck mehr Essen in das Kind zu bekommen, als es möchte. Die elterliche Angst ist auch hier ein schlechter Berater und kann die Probleme eher verstärken und ausweiten, als das Problem zu beheben.

Konkret bedeutet das, dass Nahrungsmittel ein Angebot sind, ein Erlebnis, aber kein Zwang. Gewalt hat auch am Esstisch nichts zu suchen: weder durch Lätzchenfixierung, noch durch das Füttern, während ein Arm hinter den Rücken der erwachsenen Person geschoben wird oder anderen körperlichen Maßnahmen.

Aber auch neben der körperlichen Gewalt ist es wichtig, andere Bereiche von psychischer Gewalt in den Blick zu nehmen, denn auch sie können sich negativ auf das Essverhalten und auch die Beziehung auswirken. Psychische Gewalt finden wir dort, wo beispielsweise mit den Schuldgefühlen des Kindes gearbeitet wird: „Ich habe mir aber so viel Mühe gegeben beim Kochen und du willst es gar nicht essen!“ oder auch den Klassiker der Elternsprüche am Esstisch „Woanders verhungern Kinder und du möchtest dieses gute Essen nicht!“, der das Kind beschämen soll ob der eigenen Privilegien nun aufzuessen. Auch Drohungen wie „Der Weihnachtsmann notiert sich auch, ob die Kinder immer brav aufessen!“ sind keine gewaltfreien Methoden.

Während viele Eltern bei solchen Aussagen und Methoden schon einen Gegenwillen spüren und sie deswegen vermeiden, gibt es aber auch noch weniger offensichtliche Druckmittel, die häufiger zu finden sind: „Wenn du jetzt brav aufisst, dann machen wir…“ was nach einer logischen Konsequenz klingt, ist dabei nur eine andere Form der Bestechung und des Drucks. Das Kind wird zur Nahrungsmittelaufnahme überredet, vielleicht über das eigene Körpergefühl nach Hunger hinaus. Auch die scheinbare Belohnung mit einem Nachtisch, wenn zuerst das andere Essen aufgegessen wurde, kann Kinder dazu verleiten, das eigene Sättigungsempfinden zu vernachlässigen und rückt in den Mittelpunkt, dass süße Speisen als Belohnung gelten. Auch das Lob von „Ich freue mich immer so, wenn du aufgegessen hast!“ bedeutet auf der anderen Seite, dass man sich eben nicht freut, wenn der Teller nicht leer ist und kann so zu einem Erwartungsdruck führen.

Wie es anders geht

Statt Druck, Scham und Drohungen ist es zunächst wichtig, sich die eigenen Ängste zu verdeutlichen und realistisch die Fakten zu betrachten: Liegt wirklich eine Störung des Essverhaltens vor, die medizinisch geklärt werden sollte, oder ist es nur die elterliche Sorge, das Kind könnte sich nicht gut entwickeln, obwohl es dafür aktuell keine Anhaltspunkte gibt?

In letzterem Fall ist es – auch wenn es gerade eine mäklige Phase ist – wichtig, entspannt zu bleiben und das Essen des Kindes angemessen zu begleiten. Das bedeutet, dass auf die Wünsche des Kindes, bestimmte Nahrungsmittel nicht zu essen, eingegangen werden kann, wobei Eltern dennoch nicht x andere Mahlzeiten zubereiten müssen. Sinnvoll ist es oft, die einzelnen Bestandteile von Mahlzeiten selbst auswählen zu lassen. Beispielsweise kann das Kind entscheiden, was es vom Mittagessen auf den Teller legen möchte: nur Kartoffeln? Oder auch Erbsen? Oder auch Soße? Vielleicht bevorzugt das Kind gerade besonders Kohlehydrate oder Proteine? Und wenn alles voneinander getrennt liegen soll, damit die einzelnen Bestandteile gut erkennbar sind, ist das auch in Ordnung. Manchmal sind es auch bestimmte Eigenschaften eines Lebensmittels, die Kinder gerade weniger mögen und es lohnt sich, mit der Konsistenz oder Zubereitungsart zu experimentieren: ganze Tomaten werden verschmäht, aber passierte Tomaten gegessen. Gekochte Paprika wird abgelehnt, aber frische Paprikastreifen, die in Hummus getunkt werden können, sind beliebt. Auch können bestimmte Lebensmittel eingeführt werden, indem ihr Bestandteil in der Speise ganz langsam erhöht wird: Anfangs wird Zucchini unter die Soße püriert, dann ist sie stückig enthalten und später wird sie als eigener Bestandteil angeboten.

Auch das Essen ist eine Lernerfahrung des Kindes und entwickelt sich über die Jahre hinweg. Es brauche eine verständnisvolle, respektvolle Begleitung, damit Kinder ein gutes Gefühl für sich, ihren Körper und ihr Empfinden von Sättigung und Hunger ausbilden können.

Eure

Es ist okay, dass Du Fehler machst, mein Kind!

Immer wieder können wir lesen und hören, wie wichtig es ist, dass Kinder eine psychische Widerstandsfähigkeit ausbilden können, um mit schwierigen Ereignissen im Leben gut umgehen zu können. Dabei gelangt vor allem immer wieder in den Blick, dass wir die respektieren, liebevoll mit ihnen umgehen und sie selbstwirksam sein können. Ein anderer wichtiger Bereich, der allerdings weniger oft benannt wird, ist der Umgang mit Fehlern und die Bedeutung der Erfahrung, dass Fehler in Ordnung sind.

Eltern haben keine perfekte Voreinstellung

Fehler gehören zum Leben dazu. Versuch und Irrtum – so bewegen wir uns oft durch den Alltag und nicht selten baut auch Erziehung ein wenig darauf auf, dass wir bestimmte Handlungsstrategien ausprobieren und sehen, ob sie zu uns und unserer Familie passen – oder eben nicht. Oft kennen wir nicht von Anfang an die richtige Antwort und sind auch erst Lernende auf dem Weg des Elternseins. Und dies ist wichtig: Wir müssen uns als Eltern flexibel anpassen können an das Kind, das zu uns kommt und lernen, mit dem Kind umzugehen, wie es ist. Deswegen ist es kein Makel, dass wir nicht von Anfang an ein ganz bestimmtes Eltern-Verhaltensschema abspulen, sondern eher grob wissen, was wir machen und uns nach und nach auf das individuelle Kind, das wir begleiten, einstellen.

So sehr es uns manchmal das Gefühl drückt, dass wir nicht sofort eine richtige Antwort wissen oder Fehler machen, so normal ist es auch und hilfreich, damit wir den wirklich passenden Weg finden. Oft haben wir erlernt, dass wir keine Fehler machen sollten, dass Fehler sogar bestraft werden und versuchen daher, in möglichst vielen Bereichen ein solches Handeln zu vermeiden und schämen uns, wenn wir doch vermeintliche Fehler begehen. Ohne zu sehen, dass uns diese Fehler bereichern in dem Wissen, wie wir es anders besser machen können und beim nächsten Mal schneller einen leichteren Weg einschlagen.

Kinder profitieren von Fehler-Offenheit

Eine Toleranz und Akzeptanz gegenüber eigenen Fehlern hilft aber nicht nur uns Eltern und entspannt, sondern kann auch den Kindern helfen: Sie sehen, dass auch wir manchmal straucheln, Probleme haben, etwas falsch machen und daraus dann Schlüsse ziehen und neue Handlungsstrategien entwickeln. Es nimmt Druck von den kindlichen Schultern, wenn wir offen mit unseren Fehlern umgehen und Kinder nicht denken müssen, alles perfekt machen zu müssen. Wenn sie sehen dürfen, dass alle Menschen auch Fehler machen, erleben sie sich selbst bei Fehlern nicht so inkompetent, dass sich dies negativ auf ihr Selbstbild auswirkt.

Als Eltern Fehler offen und unterstützend begleiten

Fehler gehören zum Leben dazu – gerade auch bei Kindern. Wir können bei den Dingen, die unsere Kinder vor Herausforderungen stellen, unseren eigenen Ansprüchen gegenüber sowie den Fähigkeiten des Kindes gegenüber von Anfang an Fehlertoleranz entgegen bringen: „Das zu lernen braucht oft Zeit, die nehmen wir uns.“ – So zeigen wir Verständnis und gleichzeitig Unterstützung. Auch ist es wichtig, die Selbstwirksamkeit des Kindes immer wieder zu betonen: „Das ist kompliziert, hast Du eine Idee, was getan werden kann, um das Problem zu lösen?“ Wir müssen nicht beständig eingreifen und Lösungen vorweg nehmen, sondern vielmehr den Raum bieten, über Lösungen zu sprechen und eigene Ideen zu entwickeln. So lernen Kinder, kreativ mit Herausforderungen und Fehlern umzugehen und sich nach und nach selbständig auf Problemlösungssuche zu begeben. Weil sie Wissen, dass ein Fehler keine Sackgasse ist, sondern man einen anderen Weg suchen kann.

Eure

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de