Abschied von der Windel ohne Töpfchentraining

Nun hat sich mein drittes Kind von der Windel verabschiedet und es war eigentlich genauso unspektakulär und natürlich vorangehend wie bei den anderen beiden Kindern zuvor. Häufig aber ist noch immer von komplizierten Abläufen, von Training und Schritt-für-Schritt-Anleitungen zu lesen, obwohl der Verzicht auf die Windel kein Lernprogramm ist, sondern ein Kommunikations- und Einfühlungsprozess.

Grundvoraussetzung: Ich verstehe das Windelbedürfnis des Kindes

Wenn es darum geht, dass wir ein Kind auf dem Weg begleiten wollen, eine Windel nicht mehr zu tragen, ist eines ganz besonders wichtig: Einfühlungsvermögen. Wir sollten verstehen, warum das Kind überhaupt eine Windel trägt, warum es vielleicht auch daran festhält und wie wir den Übergang dann gut begleiten können. Dass unsere Kinder überhaupt Windeln tragen und daran gewöhnt sind, ihre Ausscheidungen in eine Windel zu machen, ist die Entscheidung von uns Eltern gewesen, die wir für unsere Kinder getroffen haben.

Erschwerend bei der Windelabgewöhnung kommt jedoch hinzu, dass wir den Kindern die Benutzung der Windel quasi antrainieren. Etwa 90 Prozent aller Babys dieser Erde kommen nämlich ganz ohne oder teilweise ohne Windeln aus. […] In unserer Kultur hat es sich jedoch so entwickelt, dass wir die Kinder mit Windeln groß werden lassen.

S. Mierau „Geborgene Kindheit“ S. 67

Windeln sind aus dem Familienleben hierzulande kaum wegzudenken: Windeltorten werden zur Geburt verschenkt, zahlreiche Produkte stehen für die Pflege und das Wickeln zur Verfügung: von Wickelunterlagen über Feuchttücher bis hin zu Wegwerf- oder Stoffwindeln. Insbesondere Wegwerfwindeln wurden mit dem Ziel weiterentwickelt, keine Feuchtigkeit an Babys Po kommen zu lassen. In China, einem Land, das lange keine Windeln und dafür Kinder, die mit einem Jahr „sauber“ waren, vorzeigen konnte, wurde die Wegwerfwindel mit dem Werbeversprechen populär, einen besseren Schlaf für Kinder zu bringen und damit ihre kognitive Entwicklung zu fördern. Superabsorber in Windeln geben kein Feedback darüber, dass die Windel nass ist und Kinder fühlen sich trotz großer Ausscheidungsmengen darin noch augenscheinlich wohl.

Tatsächlich bringt die Nutzung solcher Windeln Eltern den Vorteil, nachts weniger wickeln oder das Baby abhalten zu müssen und auch tagsüber weniger wickeln zu müssen. Diesen Vorteil steht oft der Nachteil gegenüber, dass Kinder dann durch die Nutzung der Windeln langsamer zur Toilettennutzung kommen als auf anderen Wegen. Es ist eine Entscheidung, die wir Eltern treffen für unsere Kinder: Längere Schlafphasen und weniger Wickel- oder Abhalteaufwand wird eingetauscht gegen die meist längere Windelnutzungszeit. Die Stoffwindel ist dabei ein Zwischenstand zwischen beidem: Sie gibt dem Baby zwar das Feedback, dass die Windel nass wird, aber als Eltern vermitteln wir dennoch – sofern nicht sofort gewechselt wird -, dass das am Körper tragen der Ausscheidungen normal sei. Vorteilhaft ist, wenn Windeln genutzt werden, das Kind immer wieder auch abzuhalten: Teilzeit-Windelfrei sozusagen und verschmutzte Windeln wirklich zeitnah zu wechseln.

Wenn wir also auf einmal ein Kleinkind haben und denken, dieses müsste nun doch endlich einmal von selbst die Windel ablegen und bereit für Töpfchen oder Toilette sein, sollten wir bedenken, dass es unsere Entscheidung als Eltern war, das Kind nicht abzuhalten oder an das Feedback, dass durch Ausscheidung die Windel nass wird, zu gewöhnen, sondern einen anderen Weg zu gehen. Es ist in Ordnung, diesen anderen Weg zu gehen (es ist in Ordnung, mehr Schlaf einzutauschen gegen längere Windelzeiten, gerade in unserer Zeit und Gesellschaft, in der wir Eltern tagsüber so wenig ruhen), aber wir sollten dabei nicht in Unruhe geraten oder das Kind unter Druck setzen, das die Folgen des elterlichen Handelns trägt.

Wichtig ist also zunächst, zu verstehen: Eigentlich zeigen schon Babys durch Signale wie Weinen und Unruhe, dass sie ausscheiden müssen. In vielen Kulturen werden Babys aufgrund dieser Signale abgehalten, d.h. bei Ausscheidungssignalen so gehalten, dass sie sich in eine Schüssel oder Toilette erleichtern können. Tagsüber und auch nachts. Durch die Nutzung von Windeln und das Übergehen dieser Ausscheidungssignale gewöhnen wir das Kind an den Gedanken, es sei in Ordnung, in die Windel zu machen. Wenn wir plötzlich einfordern, das Kind solle dies nicht mehr tun, versteht es uns noch nicht und es ist wichtig, geduldig und langsam das Kind an eine neue Möglichkeit heran zu führen.

Grundvoraussetzung: Ins Gespräch kommen

Windelfrei oder „abhalten“ wird im englischsprachigen Raum auch als „Elimination Communication“ bezeichnet und genau darum geht es in erster Linie: um Kommunikation. Das Baby zeigt durch Signale, dass es ausscheiden muss und wir Eltern reagieren darauf. Nun, wenn das Kleinkind an die Windelnutzung gewöhnt ist, führen wir das Augenmerk zurück auf diese Kommunikation. Wir können fragen: „Musst Du auf Toilette?“ oder „Hast Du gerade in die Windel gemacht?“ Bevor wir das Kind an ein Töpfchen oder die Toilette gewöhnen können, sollten wir es zu den Signalen des eigenen Körpers zurück führen. Wir richten unser Augenmerk und das des Kindes wieder auf die Ausscheidungsfunktionen des Körpers und die Signale, die der Körper dabei und vorher gibt. Es geht um Körperwahrnehmung und Körperbewusstsein. Mit einem Kleinkind können wir über die Körperwahrnehmung sprechen: Drückt es im Bauch, wenn Du auf Toilette musst? Spürst du etwas? Auch Kinderbücher, die sich mit Körperwahrnehmung beschäftigen, können das unterstützen.

Töpfchentraining?

Das klassische Töpfchentraining spricht hingegen eher gegen die Körperwahrnehmung als Ziel: Beim Töpfchentraining werden Kinder nach bestimmten Zeitfenstern auf das Töpfchen gesetzt oder sollen darauf sitzen bleiben, bis sie ausgeschieden haben. Häufig führt ein Töpfchenzwang aber zu Frustration und Unwillen. Moderne „Töpfchen“ bieten hierfür auch Belohnungssysteme an wie Musik (über Belohnungssysteme kann hier beim Gewünschtesten Wunschkind mehr erfahren werden). Aber auch Belohnungen, Loben, Hervorheben von anderen Kindern, die schon auf die Toilette gehen, oder andere Manipulationen sind nicht von Vorteil für das Kind. Wichtig ist tatsächlich die Ausbildung eines guten Körpergefühls bzw. die Rückkehr dazu, Signale des Körpers wahrzunehmen und entsprechend darauf zu reagieren. Auch für die Beckenbodengesundheit ist es wichtig, dass wir (Erwachsene wir Kinder) bei Harndrang auf die Toilette gehen und nicht nach Situationen: Drängen wir Kinder (und uns) vor dem Rausgehen dazu, auf Toilette zu gehen, erlernt es ein falsches Blasen-Drang-Gefühl und entwickelt kein gutes Bewusstsein dafür, wann es wirklich muss. Deswegen gilt: Nur dann auf Toilette, wenn man wirklich muss!

Grundvoraussetzung: Das Kind möchte ohne Windel sein

Von großem Vorteil ist es, wenn das Kind den Impuls, ohne Windel sein zu wollen, selbst vorbringt. Manchmal ist es für Eltern schwer, auf diesen Impuls zu vertrauen oder die Signale richtig zu deuten. Einige Kinder wehren sich sehr und wollen sich schlicht nicht mehr wickeln lassen. Andere Kinder drücken ihren Wunsch sprachlich aus oder ziehen die Windel einfach beständig selber wieder aus.

Wenn das Kind Anzeichen dafür zeigt, die Windel nicht mehr tragen zu wollen, sollten wir diese Signale ernst nehmen und darauf reagieren. Wir können mit dem Kind sprechen und Möglichkeiten anbieten. In einigen Fällen passiert es tatsächlich, dass das Kind die Entscheidung trifft und innerhalb weniger Tage auf einmal komplett windelfrei sein kann. Manchmal braucht es noch eine Weile, bis das Kind die Körpersignale richtig deuten kann. Trotzdem ist es gut, genau dann die Windelfreiheit anzubieten, wenn das Kind sie einfordert. Hilfreich für den Übergang können dann so genannte Trainerhosen sein, die kleine Mengen Urin auffangen.

Hat das Kind den Wunsch, keine Windeln mehr zu benutzen, lassen wir sie also bewusst einmal weg. Zu Hause kann das Kind einfach nackt sein und den Gang auf das Töpfchen ausprobieren. Oder es nutzt Splitpants drinnen oder draußen und kann sich damit einfach hinhocken. Im Haus sollten wir dann die Umgebung passend vorbereiten, falls der Gang zur Toilette doch einmal zu lang wird – Teppiche und andere Auslegware können eine Weile zur Seite geräumt werden. Ein Töpfchen kann für den Anfang auch im Spielzimmer stehen, damit der Weg nicht zu lang wird. Praktisch ist es, wenn die windelfreie Probierphase in wärmeren Monaten stattfindet und sich das Kind auch draußen nackt oder mit geeigneter Kleidung ausprobieren kann.

S. Mierau „Geborgene Kindheit“ S. 69

Sind Kinder sehr an die Windel gewöhnt, kann ihnen der Abschied manchmal auch sehr schwer fallen oder sie können ohne Windel tatsächlich nicht ausscheiden. Hier braucht es kreative Lösungsideen: Hilfreich kann es sein, wenn sich das Kind anfangs mit Windel auf das Töpfchen setzen kann oder in eine Windel ausscheidet. Wichtig ist auch hier: Das Kind und seine Bedürfnisse und Empfindungen annehmen und nicht negativ bewerten. Es ist ein Umstellungsprozess.

Nachts ohne Windeln?

Manche Kinder sind nach der Umstellung tagsüber auch nachts schnell windelfrei, andere brauchen noch ein wenig. Das nächtliche Aufwachen wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Wichtig ist hier wirklich die Reifung, d.h. die Funktion des Schließmuskels und gleichzeitig der Umstand, dass das Kind durch die Rückmeldung der Blase an das Gehirn aufwacht. Manche Kinder schlafen so fest, dass sie trotz des Harndrangs nicht aufwachen oder dass für das für die Hemmung der nächtlichen Harnproduktion zuständige Hormon ADH wird noch nicht ausreichend gebildet oder die Blase ist noch klein. Wichtig ist auch hier: kein Stress, keine Erwartungshaltung und kein negatives Feedback. Ist das Kind im Vorschulalter, kann auch eine Abklärung beim Arzt helfen, um andere Ursachen auszuschließen. Aber letztlich müssen wir Eltern unsere Kinder begleiten und verstehen.

Der Weg weg von der Windel ist ein großer und wichtiger Meilenstein, den wir nicht erzwingen können oder sollten, sondern auf dem wir unser Kind – wie auch sonst – an die Hand nehmen und es begleiten. Es selbst gibt die Richtung und das Tempo vor und wir müssen entweder Schritt halten oder unseren Schritt verlangsamen – je nach Kind und Temperament und Bedürfnissen. Vor allem aber sollten wir bei welcher Gangart auch immer Verständnis und Einfühlungsvermögen mitbringen.

Eure

 

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