Schlagwort: Schreien

Das weinende Baby und die „Nimm-mich-hoch-Beinchen“

Während der Recherchen für mein neues Buch über viel weinende Babys, stieß ich kürzlich auf eine aktuelle Studie über Beruhigungsstrategien von Müttern: In einer vergleichenden Studie, an der 684 Frauen aus elf verschiedenen Ländern teilnahmen, wurde festgestellt, dass es ein kulturübergreifende gleiches Handeln bei Müttern gibt, wenn ihr Baby zu weinen beginnt: Sie nehmen es hoch, tragen es und sprechen mit ihm.  Weiterlesen

Ausweglos – Wenn Eltern schimpfen und Kinder nicht weg können

Als Erwachsene habe ich einen großen Vorteil in schwierigen Situationen: Ich kann gehen. Wenn mich ein Ereignis emotional zu sehr belastet, wenn ein Mensch meine Grenzen übertritt, dann gehe ich. Wenn ich merke, dass ein Mensch mir über längere Zeit nicht gut tut und keine Besserung in Sicht ist, verlasse ich ihn. Nicht ohne Worte und Versuche, aber wenn sie nicht fruchten, gehe ich. Ich sorge für mich, indem ich für mich schlechte Situationen umgehe, schlechte Menschen aus meinem Leben fern halte. Wenn ich einen Text im Internet lese, der mir nicht gefällt, dann schließe ich das Fenster.

Ich habe Glück, denn ich bin erwachsen und ich kann all dies tun. Ich kann bestimmen, wann meine Grenzen überschritten sind und ich mich vor anderen schütze. Selbst bei den mir sehr nahe stehenden Personen kann ich gehen, wenn ich mich unwohl fühle.

Unsere Kinder können das nicht. Sie können nicht die Tür hinter sich schließen und sagen: „Jetzt reicht es aber, ich gehe oder ziehe aus.“ Sie können sich vor uns nur schwer zurück ziehen, wenn wir sie emotional verletzten, wenn wir schimpfen, wenn wir strafen. Sie sind auf uns angewiesen: auf unseren Schutz, unsere Fürsorge. Der einzige Ort, an den sie sich wirklich zurück ziehen können, ist in sich selbst. Sie haben nicht die Möglichkeit zu sagen: „Du bist mir zu laut, ich will das nicht, ich gehe.“ Sie sind da und dem ausgeliefert, bei uns zu bleiben. Selbst dann, wenn sie es gerade gar nicht wollen. Sie können sich nur schwer durch Rückzug selbst beschützen und für sich sorgen. Sie haben Angst und können sich nicht abwenden. Welche Kritik es auch sein mag, sie beziehen sie auf sich und ihr Selbst.

In vielen Situationen verstehen sie wahrscheinlich nicht einmal, warum wir reagieren, wie wir reagieren. Denn oft sind es ja nicht einzelne Taten der Kinder, die uns aus der Haut fahren lassen, sondern es ist ein kleiner Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, weil wir selbst es vorher nicht geleert haben. Manchmal sind es auch Erfahrungen und Gefühle, die schon lange in uns wohnen, die wir aus der eigenen Kindheit mit uns tragen und die nun erst durch das Verhalten der Kinder hervorgespült werden und ihre Antwort in einem Verhalten finden, wie wir es selbst erlebt haben.

Wenn sie noch sehr klein sind, wissen sie nicht einmal, wie sie sich schützen könnten. Sie sind auf uns angewiesen, sie brauchen uns – noch sehr lange. Dies sollten wir immer bedenken, wenn wir merken, dass unsere Gefühle uns überrennen. Es ist gut, wenn wir uns selber bremsen können oder uns bewusst vornehmen, mit unseren Kindern nicht zu schimpfen. Es ist wichtig, Strategien zu lernen, mit der eigenen Wut umzugehen. Und vor allem ist es wichtig, Stress im Alltag zu minimieren, damit unser Stresslevel nicht so hoch ist, dass Kinder der berühmte kleine Tropfen sind. Wir sind die Erwachsenen, wir können aus der Situation hinaus gehen. Unsere Kinder nicht. Sie müssen zuhören, sie müssen anhören und haben nur sich selbst als Rückzugsort. Sie beziehen all das auf sich, verinnerlichen es. Sie lernen, sich als Last oder falsch zu sehen, wenn sie immer Anlass des Ausbruchs des Ärgers sind – auch wenn sie eigentlich nicht der Grund sind für den Umfang des Gefühls, das sich in uns einen Weg bahnt. Es ist unsere Aufgabe, unser Verhalten in eine Bahn zu lenken, die unsere Kinder nicht überfordert. An manchen Tagen mag es vielleicht nicht klappen, aber es ist immer wieder wichtig, sich dies vor Augen zu führen, damit wir langfristig an uns, unserem Verständnis und unserer Beziehung arbeiten können.

Eure

Wohin mit meinem schreienden Baby?

Kürzlich schrieb ich einen Artikel darüber, dass wir Eltern niemandem etwas beweisen müssen und dies mit einer Situation eingeleitet, die ich in einem meiner Kurse erlebt hatte: Ein Baby, das schrie und nicht zu beruhigen war. Daraufhin kam ganz selbstverständlich von vielen Leser_innen die Frage: Aber wenn es nunmal ein Baby ist, das viel schreit, dann kann man es (und besonders auch die Eltern) doch nicht ausschließen! Weiterlesen

Lass mich nicht stehen, Mama!

Kürzlich habe ich über „Ich weiß auch nicht was ich will – und ich will nicht, was Du willst!“ geschrieben, über das so genannte Trotzen der Kinder. Auslöser war eine Situation, bei der der Sohn entschied, dass er weder laufen noch getragen werden wollte. Darauf gab es einige Kommentare bei Facebook, im Blog und auch in persönlichen Gesprächen mit anderen Eltern. Immer wieder kommt dabei die Frage: „Warum lässt Du ihn nicht einfach stehen und gehst weiter?“ Und warum ich das nicht mache, möchte ich Euch heute erklären.

Versetzen wir uns einmal in die Situation, stehen gelassen zu werden…

Kürzlich habe ich meine Tochter vom Kindergarten abgeholt. Wir liefen nach Hause und an einer Straßenecke stritt sich ein junges Paar sehr laut und gestenreich. So etwas kommt in Berlin-Friedrichshain durchaus mal vor. Wir standen an der Ampel und sahen, wie sie anschrien. Letztlich hob die Frau die Hand noch einmal, machte eine wegwerfende Bewegung, drehte sich um und rannte weg. Der Mann blieb einen Moment wie angewurzelt stehen. Es war nicht klar, worum es in dem Streit ging, denn wir konnten die Sprache nicht verstehen. Die Tochter blickte mich an und sagte: „Das ist aber nicht nett, einfach weg zu gehen.“ Stimmt, gab ich ihr Recht. Es ist nicht nett, einfach weg zu gehen, wenn man eine Situation nicht geklärt hat.

Als Erwachsene möchte ich nicht, wenn sich Menschen, mit denen ich gerade spreche oder auch streite einfach umdrehen und weggehen. Ich möchte eine Sache diskutieren und auch wenn wir nicht mit derselben Meinung auseinander gehen, kann man sich auf höfliche Art trennen. Es ist nicht nett, einfach weg zu gehen. Doch bei Kindern geht es um noch viel mehr als darum „nicht nett zu sein“. Es geht darum, dass wir Vorbilder sind. Darum, wie wir unsere Kinder ernst nehmen und auch, wie wir sie überhaupt wahrnehmen. Es geht um Bedürfnisse und um Ängste.

Alleinsein setzt Kinder unter Stress und löst Ängste aus

Dieser Erwachsene, der an der Straßenecke stehen gelassen wurde, hatte wahrscheinlich keine Angst, dass er sich verirren könnte oder Angst vor den vielen lauten Geräuschen der Straße oder den Blicken der fremden Menschen. Vielleicht – oder sehr wahrscheinlich – hatte er Angst um die Beziehung zu dem Menschen, der gerade von ihm fort gegangen ist. Kinder aber haben all diese Ängste – besonders noch in dem Alter, in dem manche Leute zum Weggehen anraten: der so genannten Trotzphase um den 2. Geburtstag. Die Straße ist laut und gefährlich – das jedenfalls erfahren sie täglich von uns, wenn wir sie ermahnen, dass sie nicht zu nah an die Fahrbahn gehen sollen, weil dort die Autos fahren. Nun werden sie an diesem gefährlichen Ort allein gelassen? Von uns?

Das Kind, das allein gelassen wird, hat Angst. Ja, Kinder haben Objektpermanenz ab einem bestimmten Alter. Aber gerade der Umstand, dass Mama oder Papa eine sichere Basis sind, zu der man immer zurück kommen kann, die immer da sind, wird in dem Verhalten, ein Kind stehen zu lassen und weiter zu gehen, umgangen. Ausgedrückt wird: „Ich gehe jetzt. Du kommst hinterher oder musst sehen, was passiert!“ Kinder haben in diesen Situationen Ängste: Es ist evolutionär nicht vorgesehen, dass kleine Kinder irgendwo allein stehen gelassen werden. Passierte dies, drohte der Tod durch Verhungern oder ein gefährliches Tier.

Zu den Grundbedürfnissen von Menschen gehört das Bedürfnis nach Sicherheit: sich sicher fühlen, sichere Rahmenbedingungen haben. Während wir Erwachsene zu großen Teilen für dieses Sicherheitsgefühl selber sorgen können, sind Kinder auf uns angewiesen, damit sie sich sicher fühlen. Für die Beziehung zwischen Eltern und Kind ist es wichtig, dass sich das Kind darauf verlassen kann, dass diese Sicherheit bedingungslos eingehalten wird: Bindung ist auf Seiten des Kindes ein Sicherheitssystem. Dieses System wird gestört, wenn wir das Gefühl Sicherheit vorzuenthalten, als Erziehungsmaßnahme anwenden.

Aufgewühltes Kind allein lassen bedeutet ihm noch mehr Probleme aufzubürden

Gerade in einer Situation, in der das Kind sowieso Schwierigkeiten hat mit sich und der Umgebung, einem Moment, in dem die Synapsen im Gehirn vielleicht in alle Richtungen Informationen aussenden und das Kind einfach nicht weiß, was es eigentlich will, ein Moment, in dem es in einem Konflikt ist, wird ihm zu dem bestehenden Konflikt ein weiterer aufgedrängt: Du hast ein Problem und nun gebe ich Dir ein zweites hinzu, indem ich Dich einfach stehen lasse. Dass Kinder in diesen Situationen dann erst recht zu weinen und zu schreien anfangen und sich vielleicht auf den Boden werfen ist klar: Das Kind ist mit viel zu vielen Problemen überfrachtet und weiß keinen Ausweg. Und es schreit, um nicht allein gelassen zu werden, um beschützt zu bleiben.

Wenn das Kind dann doch kommt – was hat es dann gelernt?

Natürlich kommt das Kind dann irgendwann hinterher. Es kommt, weil es kommen muss, weil es auf Erwachsene angewiesen ist um zu überleben. Es kommt, weil es die Bezugsperson braucht. Es wird hinterher laufen, weil es nicht anders kann. Doch was hat der Erwachsene, der sich seinem Kind gegenüber so verhält, eigentlich gewonnen? Er hat seinem Kind demonstriert, dass er bestimmt, dass das Kind kommen muss und wenn es nicht hört, sich selbst in der „Wildnis“ überlassen wird. Er zeigt: Höre auf mich oder Du bist verloren. Blinder Gehorsam statt Zuhören und Verstehen. Und was soll das Kind davon für sein eigenes Verhalten lernen?

Gelernt werden kann in Stresssituationen sowieso kaum etwas: Stress behindert das Lernen. Durch Bestrafung werden wir langfristig nichts am Verhalten des Kindes ändern: Es wird nicht beim nächsten Spielplatzbesuch freiwillig sofort mitkommen oder nach dem Supermarktbesuch nicht getragen werden wollen.

Die Alternative

Ja, es gibt Tage, die sind anstrengend. Und wir haben Termine oder das Wetter ist schlecht oder der Einkauf schwer. Oder wir müssen vom Spielplatz aufbrechen, weil es eben schon spät ist. Wir Eltern wünschen uns, dass die Kinder mitkommen und auf uns hören. Und natürlich ist es auch wichtig, dass sie das tun. Besonders in gefährlichen Situationen müssen Kinder wissen, dass sie auf die Stimme der Erwachsenen hören müssen. Ein „Halt!“ an der Straße ist ein „Halt!“ und kein „Ach, ich tapse mal weiter.“

Doch in den meisten Situationen geht es nicht darum. Es geht um Kinder, die vielleicht müde sind vom Tag oder vom Kindergarten. Kinder, die vielleicht eine Ameisenstraße entdeckt haben und sie beobachten möchten. Kinder, die gerade selber nicht wissen, was sie wollen oder ihre Grenzen erproben. Es geht ganz einfach um KINDER, keine kleinen Erwachsenen. Wenn unser Kind also nicht hinterher kommt, können wir uns zu ihm beugen und fragen, warum. Vielleicht hat es einen guten Grund und wir nehmen uns einen Moment Zeit dafür. Und wenn es keinen Grund hat, der uns klar ist, dann sehen wir, was wir tun können. Und ja, wir können unsere Kinder auch gegen ihren Willen (respektvoll) auf den Arm nehmen und nach Hause tragen, weil es gerade notwendig ist. Noch besser ist es, wenn wir uns einfach daneben setzen und sie durch das, was sie durchmachen, begleiten. Aber wir müssen sie nicht stehen lassen allein auf der Straße. Wir sollten sie nicht stehen lassen allein auf der Straße. Es sind unsere kleinen Kinder und sie haben es verdient, mit dem Respekt behandelt zu werden, den wir uns alle wünschen.

Und darum, Ihr Lieben, lasse ich meine Kinder nicht allein stehen.
Wie geht Ihr mit diesen Situationen um? Ich bin gespannt auf Eure Meinungen,
Eure

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Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

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Ruhe bewahren – Tipps gegen das elterliche Schreien

 

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Wir haben rosa Hasen an unserer Wohnzimmerwand. Wie es dazu kam? Der Sohn spielte am Vormittag mit Stempeln. Ganz unbemerkt trug er einen der Stempel von seinem kleinen Maltisch weg ins Wohnzimmer. Stieg damit auf das Sofa und stempelte freudig das Holzregal und die weiße Wand hinter dem Sofa an. Ich kam dazu, blickte ihn an, blickte die Wand an. Und ich begann, zu zählen: 5, 4, 3, 2, 1. In manchen Situationen hilft es mir, einfach zu zählen, zu warten und dann erst zu sprechen. Denn: Ich weiß ja, dass er es nicht böse gemeint hat und dass er mich nicht ärgern wollte. Aber Stempelfarbe an der Wand? Ob der Schmutzradierer das weg bekommt? Zum Sohn sagte ich nach meiner Pause: „Du hast die Wand angestempelt. Machen wir sowas?“ Er blickt mich an und schüttelte den Kopf. Dann hüpfte er wie ein kleiner Gummiball vom Sofa herunter, rannte auf seinen kleinen Beinen ins Spielzimmer. Es rumpelte, ich sah in der Türöffnung einen Ball vorbei rollen. Dann wieder Getrampel, er kam zurück gerannt, kletterte wieder aufs Sofa. In der Hand ein rotes Tuch mit Teddybären. Er blickt mich an, nahm das Tuch und hielt es über die angestempelte Wand: „Mama, Stempel versteckt, so!“ Und ich musste lachen. Über die Idee, die angestempelte Wand mit einem roten Teddytuch zu verstecken und über die Leichtigkeit dieses Kindes. Ja, eigentlich ist es doch so einfach. Was sind schon ein paar angestempelte Hasen an der Wand? Ein Tuch rüber oder ein Bild und niemand sieht sie. Oder man malt einfach einen Bilderrahmen drum herum.

Aber manchmal ist es auch nicht ganz so einfach. Da ist man dann doch sauer. Oder traurig oder wütend. Das Kind anschreien bringt nicht wirklich etwas. Denn: Das Kleinkind denkt noch ganz anders als wir. Es versteht wirklich nicht, was wir meinen. Und vom Schreien bekommt es vielleicht Angst vor uns, versteht aber nicht wirklich, warum wir so aufgeregt sind. Deswegen können wir uns dieses Anschreien sparen – es bringt niemandem etwas. Was also tun, wenn wir wirklich sauer sind?

1. Zählen

Mein Lieblingsmittel vor dem Lospoltern ist das Zählen: Ganz kurz Inne halten und rückwärts zählen von 5 bis 1. Wenn man merkt, dass man sehr aufgebracht ist, auch von 10 bis 1. Bei mir hilf das ganz wunderbar, um mich erst einmal zu besinnen und zu denken: Okay, also so schlimm ist es nicht.

2. Rausgehen

Wenn es doch etwas Schlimmer ist und ich weiß, dass Zählen nicht ausreicht. Drehe ich mich einfach kurz um und gehe raus aus der Situation. Oft schaffe ich es noch, zu sagen „Ich brauche kurz einen Moment, ich bin gleich wieder bei Dir“. Oder in Situationen, in denen ich weiß, dass die Kinder das unter sich regeln müssen. An manchen Tagen streiten sie sich immer wieder um dieselben Spielsachen: Einer hat etwas in der Hand, der andere möchte das haben. Dann hat der etwas in der Hand und das wird vom anderen Kind begehrt. Wenn ich an solchen Tagen ständig eingreifen würde bei „Mama, der Bruder/die Schwester hat mir das weggenommen“, würde ich den ganzen Tag neben den Kindern sitzen und wäre total erschöpft. Deswegen erkläre ich ihnen, dass wir viele Spielsachen haben und sie sich die Dinge aufteilen müssen. Wie, das müssen sie verhandeln. Und dann gehe ich raus. Manchmal gehe ich in die Küche, mache mir einen Kaffee und genieße die ganz kurze Auszeit und Ruhe für mich. Das gibt mir Energie.

3. Perspektive ändern

Und wenn wir einen kurzen Moment für uns hatten, eine kleine Pause, dann können wir darin nachdenken: Ist es wirklich so schlimm? Ist es schlimm, dass das Kind mit dem Glitzerstift das Badezimmerregal verschönern wollte? Ist es schlimm, dass es sich selbst die Haare geschnitten hat? Oft werden wir dann denken: Na ja, es ist jetzt nicht schön oder ich hätte es mir nicht so gewünscht oder es macht jetzt gerade Arbeit, die ich nicht gebrauchen kann, aber richtig schlimm ist es eigentlich nicht. Wir dürfen auch ruhig mal etwas anders machen. Warum essen wir nicht einfach mal ausnahmsweise alle die Spaghetti mit den Händen? Manchmal stellen wir genau dann fest, wie schön es ist, Kind zu sein und wie viel Spaß solche „verrückten“ Dinge mal im Alltag tun können.

4. Erklären/Entschuldigen

An manchen Tagen, da ist man einfach erschöpft. Vielleicht war es eine schlechte Nacht oder der Arbeitsstress oder oder. Jedenfalls hat man generell wenig Ressourcen gerade für sich und ist deswegen empfindlicher. An solchen Tagen reagiert man auch empfindlicher darauf, wenn die Kinder „etwas angestellt“ haben. Und wenn man dann doch erschöpft schreit, dass das Kind nun bitte nicht quer durch die Wohnung schreien soll, dass es was zu trinken haben möchte, sondern einfach selber in die Küche gehen kann, dann fühlt man sich danach oft ziemlich schlecht. Denn was war denn jetzt so schlimm daran? Man hat überreagiert, weil es einem selbst nicht gut ging. Und dieses Verhalten müssen wir nicht vor uns rechtfertigen, sondern wir müssen unserem Kind erklären: Es tut mir leid. Es tut mir leid, ich bin gerade total erschöpft und habe einen schlechten Tag, weil ich schlecht geschlafen habe. Ich wollte Dich nicht anschreien. (Natürlich gibt man dem Kind in dieser Situation nicht die Schuld dafür, dass man schlecht geschlafen hat – auch wenn es so ist.)

5. Ressourcen

Und mit dem vorigen Punkt verbunden sind die Ressourcen, auf die wir zurück greifen müssen, um gar nicht erst in die Überforderung zu kommen. Was tut uns im Alltag mit Kindern gut? Was können wir für uns Eltern tun? Wo kann man sich eine schöne Auszeit nehmen? Und auch reflektieren: Okay, heute geht es mir nicht gut. Da ist es wohl keine gute Idee, noch auf den lauten Indoor-Spielplatz zu gehen. Da bleibe ich lieber zu Hause mit den Kindern, backe ein paar Waffeln, mache einen leckeren Tee und dann kuscheln wir. Oxytocin, das Liebeshormon, ist immer dabei beim Kuscheln und beruhigt uns. Oder wir lesen ein Buch. Oder schauen einen Film. Wir Erwachsenen wissen, wann wir schlechte Tage haben und wir können eigentlich genau planen, wie wir damit umgehen und was uns gut tut. Wer das verlernt hat, weil er seine Bedürfnisse zu oft hinten angestellt hat, kann sich jetzt hinsetzen und eine Liste machen, was er im Alltag sich Gutes tun kann: Ein Tee? Ein Kaffee? Eine Schüssel mit Wasser füllen und die Füße hinein stellen – und das Kind bekommt zugleich eine kleine Planschschüssel? So können wir auch unseren Kindern beibringen auf sich zu achten und zu lernen, wann sie eine Auszeit brauchen.

6. Hilfen

Wenn wir zu lange zu wenig für uns getan haben, wenn wir merken, dass wir die Kinder zu oft anschreien, dann brauchen wir vielleicht Hilfe, um wieder entspannt im Alltag mit unseren Kindern zu sein. Das können Freunde sein, die uns Dinge abnehmen, das kann Familie sein, die uns unterstützt. Das können auch professionelle Erziehungsberatungsstellen sein oder auch eine Mutter-Kind-Kur. Wichtig ist, dass wir und nicht durchbeißen, dass wir nicht denken, dass wir etwas schaffen müssen, was für uns nicht schaffbar ist. Jetzt gerade geht es vielleicht nicht mehr anders und man muss Hilfen annehmen. Das bedeutet nicht, dass man eine schlechte Mutter oder ein schlechter Vater ist. Es bedeutet genau das Gegenteil, weil man dafür sorgt, dass es wieder besser geht.

Es gibt viele Wege, um vom Schreien weg zu kommen. Der wichtigste ist: Hör auf Dein Herz! Höre darauf, wenn es Dir schlecht geht und tu Dir was Gutes. Höre auf Dein Herz, dass Dir sagt, dass Du Dein Kind nicht anschreien möchtest. Höre auf Dein Herz, wenn es Dir sagt, dass es Hilfe braucht.

Was tut Ihr Euch Gutes, um im Alltag gelassener zu sein? Vielleicht können wir hier eine Sammlung für alle erschöpften Eltern zusammenstellen:

 

 

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