Schlagwort: Schreien lassen

Lass mich nicht stehen, Mama!

Kürzlich habe ich über „Ich weiß auch nicht was ich will – und ich will nicht, was Du willst!“ geschrieben, über das so genannte Trotzen der Kinder. Auslöser war eine Situation, bei der der Sohn entschied, dass er weder laufen noch getragen werden wollte. Darauf gab es einige Kommentare bei Facebook, im Blog und auch in persönlichen Gesprächen mit anderen Eltern. Immer wieder kommt dabei die Frage: „Warum lässt Du ihn nicht einfach stehen und gehst weiter?“ Und warum ich das nicht mache, möchte ich Euch heute erklären.

Versetzen wir uns einmal in die Situation, stehen gelassen zu werden…

Kürzlich habe ich meine Tochter vom Kindergarten abgeholt. Wir liefen nach Hause und an einer Straßenecke stritt sich ein junges Paar sehr laut und gestenreich. So etwas kommt in Berlin-Friedrichshain durchaus mal vor. Wir standen an der Ampel und sahen, wie sie anschrien. Letztlich hob die Frau die Hand noch einmal, machte eine wegwerfende Bewegung, drehte sich um und rannte weg. Der Mann blieb einen Moment wie angewurzelt stehen. Es war nicht klar, worum es in dem Streit ging, denn wir konnten die Sprache nicht verstehen. Die Tochter blickte mich an und sagte: „Das ist aber nicht nett, einfach weg zu gehen.“ Stimmt, gab ich ihr Recht. Es ist nicht nett, einfach weg zu gehen, wenn man eine Situation nicht geklärt hat.

Als Erwachsene möchte ich nicht, wenn sich Menschen, mit denen ich gerade spreche oder auch streite einfach umdrehen und weggehen. Ich möchte eine Sache diskutieren und auch wenn wir nicht mit derselben Meinung auseinander gehen, kann man sich auf höfliche Art trennen. Es ist nicht nett, einfach weg zu gehen. Doch bei Kindern geht es um noch viel mehr als darum „nicht nett zu sein“. Es geht darum, dass wir Vorbilder sind. Darum, wie wir unsere Kinder ernst nehmen und auch, wie wir sie überhaupt wahrnehmen. Es geht um Bedürfnisse und um Ängste.

Alleinsein setzt Kinder unter Stress und löst Ängste aus

Dieser Erwachsene, der an der Straßenecke stehen gelassen wurde, hatte wahrscheinlich keine Angst, dass er sich verirren könnte oder Angst vor den vielen lauten Geräuschen der Straße oder den Blicken der fremden Menschen. Vielleicht – oder sehr wahrscheinlich – hatte er Angst um die Beziehung zu dem Menschen, der gerade von ihm fort gegangen ist. Kinder aber haben all diese Ängste – besonders noch in dem Alter, in dem manche Leute zum Weggehen anraten: der so genannten Trotzphase um den 2. Geburtstag. Die Straße ist laut und gefährlich – das jedenfalls erfahren sie täglich von uns, wenn wir sie ermahnen, dass sie nicht zu nah an die Fahrbahn gehen sollen, weil dort die Autos fahren. Nun werden sie an diesem gefährlichen Ort allein gelassen? Von uns?

Das Kind, das allein gelassen wird, hat Angst. Ja, Kinder haben Objektpermanenz ab einem bestimmten Alter. Aber gerade der Umstand, dass Mama oder Papa eine sichere Basis sind, zu der man immer zurück kommen kann, die immer da sind, wird in dem Verhalten, ein Kind stehen zu lassen und weiter zu gehen, umgangen. Ausgedrückt wird: „Ich gehe jetzt. Du kommst hinterher oder musst sehen, was passiert!“ Kinder haben in diesen Situationen Ängste: Es ist evolutionär nicht vorgesehen, dass kleine Kinder irgendwo allein stehen gelassen werden. Passierte dies, drohte der Tod durch Verhungern oder ein gefährliches Tier.

Zu den Grundbedürfnissen von Menschen gehört das Bedürfnis nach Sicherheit: sich sicher fühlen, sichere Rahmenbedingungen haben. Während wir Erwachsene zu großen Teilen für dieses Sicherheitsgefühl selber sorgen können, sind Kinder auf uns angewiesen, damit sie sich sicher fühlen. Für die Beziehung zwischen Eltern und Kind ist es wichtig, dass sich das Kind darauf verlassen kann, dass diese Sicherheit bedingungslos eingehalten wird: Bindung ist auf Seiten des Kindes ein Sicherheitssystem. Dieses System wird gestört, wenn wir das Gefühl Sicherheit vorzuenthalten, als Erziehungsmaßnahme anwenden.

Aufgewühltes Kind allein lassen bedeutet ihm noch mehr Probleme aufzubürden

Gerade in einer Situation, in der das Kind sowieso Schwierigkeiten hat mit sich und der Umgebung, einem Moment, in dem die Synapsen im Gehirn vielleicht in alle Richtungen Informationen aussenden und das Kind einfach nicht weiß, was es eigentlich will, ein Moment, in dem es in einem Konflikt ist, wird ihm zu dem bestehenden Konflikt ein weiterer aufgedrängt: Du hast ein Problem und nun gebe ich Dir ein zweites hinzu, indem ich Dich einfach stehen lasse. Dass Kinder in diesen Situationen dann erst recht zu weinen und zu schreien anfangen und sich vielleicht auf den Boden werfen ist klar: Das Kind ist mit viel zu vielen Problemen überfrachtet und weiß keinen Ausweg. Und es schreit, um nicht allein gelassen zu werden, um beschützt zu bleiben.

Wenn das Kind dann doch kommt – was hat es dann gelernt?

Natürlich kommt das Kind dann irgendwann hinterher. Es kommt, weil es kommen muss, weil es auf Erwachsene angewiesen ist um zu überleben. Es kommt, weil es die Bezugsperson braucht. Es wird hinterher laufen, weil es nicht anders kann. Doch was hat der Erwachsene, der sich seinem Kind gegenüber so verhält, eigentlich gewonnen? Er hat seinem Kind demonstriert, dass er bestimmt, dass das Kind kommen muss und wenn es nicht hört, sich selbst in der „Wildnis“ überlassen wird. Er zeigt: Höre auf mich oder Du bist verloren. Blinder Gehorsam statt Zuhören und Verstehen. Und was soll das Kind davon für sein eigenes Verhalten lernen?

Gelernt werden kann in Stresssituationen sowieso kaum etwas: Stress behindert das Lernen. Durch Bestrafung werden wir langfristig nichts am Verhalten des Kindes ändern: Es wird nicht beim nächsten Spielplatzbesuch freiwillig sofort mitkommen oder nach dem Supermarktbesuch nicht getragen werden wollen.

Die Alternative

Ja, es gibt Tage, die sind anstrengend. Und wir haben Termine oder das Wetter ist schlecht oder der Einkauf schwer. Oder wir müssen vom Spielplatz aufbrechen, weil es eben schon spät ist. Wir Eltern wünschen uns, dass die Kinder mitkommen und auf uns hören. Und natürlich ist es auch wichtig, dass sie das tun. Besonders in gefährlichen Situationen müssen Kinder wissen, dass sie auf die Stimme der Erwachsenen hören müssen. Ein „Halt!“ an der Straße ist ein „Halt!“ und kein „Ach, ich tapse mal weiter.“

Doch in den meisten Situationen geht es nicht darum. Es geht um Kinder, die vielleicht müde sind vom Tag oder vom Kindergarten. Kinder, die vielleicht eine Ameisenstraße entdeckt haben und sie beobachten möchten. Kinder, die gerade selber nicht wissen, was sie wollen oder ihre Grenzen erproben. Es geht ganz einfach um KINDER, keine kleinen Erwachsenen. Wenn unser Kind also nicht hinterher kommt, können wir uns zu ihm beugen und fragen, warum. Vielleicht hat es einen guten Grund und wir nehmen uns einen Moment Zeit dafür. Und wenn es keinen Grund hat, der uns klar ist, dann sehen wir, was wir tun können. Und ja, wir können unsere Kinder auch gegen ihren Willen (respektvoll) auf den Arm nehmen und nach Hause tragen, weil es gerade notwendig ist. Noch besser ist es, wenn wir uns einfach daneben setzen und sie durch das, was sie durchmachen, begleiten. Aber wir müssen sie nicht stehen lassen allein auf der Straße. Wir sollten sie nicht stehen lassen allein auf der Straße. Es sind unsere kleinen Kinder und sie haben es verdient, mit dem Respekt behandelt zu werden, den wir uns alle wünschen.

Und darum, Ihr Lieben, lasse ich meine Kinder nicht allein stehen.
Wie geht Ihr mit diesen Situationen um? Ich bin gespannt auf Eure Meinungen,
Eure

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Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

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