Kategorie: Geborgen Wachsen

Der Mitteilungsdrang von Kindern

Stellen wir uns vor, wir Erwachsene reisen an einen Ort, an dem wir noch nie zuvor waren und dort sehen, riechen, spüren wir Dinge, die wir noch nie zuvor erlebt haben. Zufällig sind wir gemeinsam an diesem Ort mit einem Freund oder einer Freundin und zeigen hierhin und dorthin und machen mit Worten auf die erstaunlichen Dinge aufmerksam, die wir sehen. Stellen wir uns vor, dass unsere Reisebegleitung diesen Ort vielleicht schon kennt und ein wenig genervt ein „Ja…“ oder „Hm…“ oder vielleicht sogar ein „Ja, jetzt ist aber auch mal gut.“ hervor bringt. Und stellen wir uns auch vor, wie unsere Reisebegleitung auch anders reagieren könnte „Das findest du interessant? Lass uns das genauer ansehen.“ oder „Was findest du daran denn besonders schön?“. – Und nun stellen wir uns vor, dass nicht wir an der Stelle stehen, alles neu kennenzulernen, sondern unsere Kinder.

Die Welt ist voller Wunder

Jeden Tag erleben Kinder etwas Neues, etwas Aufregendes. Etwas, bei dem sie etwas lernen, das ihnen die Welt ein Stück weit näher bringt. Vielleicht ist es heute ein Insekt, das sie noch nie zuvor gesehen haben. Oder morgen entdecken sie, wie ein Stück Glas auf der Fensterbank funkelnde Lichtpunkte an die Wand zaubert. Oder sie haben am Vormittag im Kindergarten eine neue Fertigkeit entwickelt und sind weiter gesprungen, höher geschaukelt, schneller gerannt als je zuvor. Über viele Jahre gibt es in ihrer nahen Umgebung unglaublich viele neue Dinge zu entdecken und zu erfahren.

Dieses selbständige Entdecken der Welt ist für unsere Kinder von besonderer Bedeutung. Sie erfahren sich als wirksam: sie können selbst Dinge erreichen, neue Erfahrungen machen, etwas lernen. Sie können die Welt tatsächlich verändern und sehen, wie das mit ihren wachsenden Fähigkeiten geht. Die Freude über dieses Können, diese Möglichkeit, wollen sie mit ihren nahen Bezugspersonen teilen und von ihnen in deren Blicken, Worten und in der Mimik die eigene Freude widergespiegelt bekommen. Wir müssen Kinder nicht beständig loben für ihre Erkenntnisse, aber Kinder wollen darin gesehen werden, dass sie die Welt be-greifen und verändern. Dies gibt ihnen einen Ansporn, weiter zu machen, neugierig zu bleiben – eine besonders wichtige Eigenschaft für ihre Zukunft.

Mitteilungsbedürfnisse begleiten statt stoppen

Je nach Temperament des Kindes geht es mit den Neuentdeckungen in dieser Welt anders um: Einige Kinder beobachten lange, still und ausgiebig und stellen dann gezielte Fragen oder erzählen nur wenig. Andere hingegen erzählen ausführlich in Details, was sie erlebt und wahrgenommen haben. Wie auch immer unser Kind damit umgeht und welche Art von Mitteilungsbedürfnis es hat: es ist gut und wichtig, dass es sich mitteilen kann. Wir sollten diese Mitteilungen nicht stoppen, weil wir diese Information schon haben, weil wir schon wissen, dass Ameisen auch riesige Krümel tragen können, weil es uns gar nicht so relevant erscheint, dass das Kind nun allein hoch schaukeln kann ohne angeschubst zu werden. Ja, wir haben einen Informationsvorteil, einen -vorsprung. Wir wissen viele Dinge besser aus unserem Erfahrungswissen und natürlich gibt es im Vergleich auch andere Kinder, die Dinge besser, schneller etc. können. Und ja: Manchmal ist es tatsächlich für uns Erwachsene auch langweilig, sich lange Geschichten von Kindern anzuhören. Und dennoch ist es wichtig, dass wir eben als Erwachsene handeln und unsere Kinder mit Respekt liebevoll begleiten. Und das bedeutet, dass wir offen sind für die Wunder, von denen sie uns berichten wollen und dass wir uns an dem Funkeln in ihren Augen auch dann erfreuen, wenn wir selbst diese Erfahrung nicht ganz so mitreißend finden – vielleicht nicht wegen des Inhalts des Gesagten, sondern wegen des Kindes, das sich so sehr freut.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

5 Naturabenteuer, die ihr heute noch erleben könnt – egal wo ihr wohnt

Als Familie draußen in der Natur unterwegs zu sein, macht nicht nur Freude und bringt Entspannung,  es unterstützt eure Gesundheit ungemein und gibt Kindern die Gelegenheit Kompetenzen aufzubauen, von denen sie ein Leben lang profitieren. Dazu zählen zum Beispiel Kreativität, Empathie – aber auch Resilienz, die Fähigkeit Stress und Krisen aktiv zu bewältigen.

Die Natur muss dafür nicht einmal besonders unberührt und wild sein: wichtig ist lediglich, dass ihr euch in eine Situation begebt, die nicht durch und durch absehbar und kontrollierbar ist. Auch direkt vor eurer Haustür gibt es jede Menge Möglichkeiten Naturabenteuer zu erleben. Hier kommen fünf, die ihr gleich heute noch erleben könnt:

1. Verlegt das Abendessen ins Grüne

Wenn ihr Natur erleben wollt, aber gerade so gar keine Zeit dafür in Aussicht habt, ist dieses Abenteuer perfekt. Denn Essen müsst ihr sowieso. Verlegt heute mal eine Mahlzeit an die frische Luft. Im einfachsten Fall macht ihr es euch im Garten oder einem nahe gelegenen Park gemütlich. Hauptsache ihr seid im Grünen.

Auch das Essen muss nicht aufwendig sein: ein Picknick mit frischem Brot oder eine warme Suppe vom Vortag in einer Thermoskanne tun es allemal. 

Indem ihr die Routine einer gemeinsamen Mahlzeit nach draußen verlegt, erschafft ihr die Möglichkeit, euch von eingefahrenen Rollen zu lösen und euch neu zu erfinden. Vielleicht habt ihr ja auch Lust draußen auf einem Campingkocher richtig zu kochen. Es gibt viele leckere Rezepte, die in Nullkommanix und mit wenigen Zutaten zubereitet sind. Gewürzt mit einer Prise frischer Luft schmeckt draußen einfach alles viel besser!

2. Macht euch auf die Suche nach einem Kletterbaum

Zieht gemeinsam los und haltet ganz bewusst Ausschau nach einem Baum, der euch zum Klettern einlädt. Vielleicht findet ihr einen mit besonders niedrigen Ästen, auf die ihr leicht aufsteigen könnt? Oder aber, ihr gebt euch ein wenig Räuberleiter-Hilfe, damit der Einstieg auf euren auserwählten Kletterbaum gelingt? 

Das Schöne beim Klettern ist, dass deine Kinder ihre persönlichen Grenzen selbst setzen können, indem sie entscheiden wie weit sie sich gen Himmel entfernen. In der Regel kannst du darauf vertrauen, dass sie nur dann die nächste Hürde nehmen, wenn sie sich in der vorherigen sicher fühlen. Achtet bei eurem Kraxelabenteuer aber darauf, dass ihr nur auf gesunde, stabile Bäume klettert und dass immer ein Erwachsener am Boden bleibt. 

Unser Tipp für die Extra-Portion Naturverbindung: Barfußklettern! Der direkte Kontakt mit dem Baum macht euch gleichzeitig achtsamer und sicherer.

3. Findet essbare Wildpflanzen vor eurer Haustür

Um stolz, glücklich und satt von einer Wildkräuterwanderung zurückzukommen musst du längst kein Profi in Pflanzenbestimmung sein!

Aus Gänseblümchen, Brennnesseln und Löwenzahnblüten lässt sich zum Beispiel ein ganz einfacher Wildkräuterquark zaubern: Vom Gänseblümchen könnt ihr die ganze Blüte benutzen und auch junge Blätter schmecken gut. Bei der Brennnessel schmecken die oberen zarten Blätter am besten. Vom Löwenzahn sind auch die jungen, zarten Blätter und die gelben Blüten am besten geeignet.

Wenn ihr dazu noch Spitzwegerich, Schafgarbe, Sauerampfer, Giersch oder Rot-Klee erkennt, findet ihr unweit von eurem Zuhause garantiert genug, um ein Körbchen voller Wildkräuter nach Hause zu bringen. 

Denkt nur daran, nicht in unmittelbarer Nähe von viel befahrenen Straßen, Hundegassiwegen und auch nicht auf gedüngten Wiesen oder Weiden zu sammeln. 

4. Fahrt mit der Bahn an einen unbekannten Ort und erkundet ihn

Wenn wir auf gewohnten und bekannten Wegen unterwegs sind, nehmen wir unsere Umgebung viel selbstverständlicher wahr, als an unbekannten Orten. Das Neue bringt uns dazu, unsere Umgebung aufmerksam wahrzunehmen, spannende kleine Entdeckungen zu machen und wirklich im Hier und Jetzt zu sein. Letzteres hat gleichzeitig wunderbar heilsame Wirkung auf die Beziehungen innerhalb unserer Familie.

Um dieses Abenteuer zu starten, kauft euch ein Tagesticket und entscheidet euch, ohne auf den Fahrplan zu schauen, für ein Gleis und die Anzahl an Haltestellen, die ihr fahren möchtet. Wenn euch das schwerfällt, kann ein Würfel helfen. Steigt am entsprechenden Gleis in die nächste S- oder Regionalbahn und steigt aus, wenn die Zahl eurer Haltestelle erreicht ist. Was dort wartet, ist eine Überraschung. Aber ganz bestimmt gibt es auch an diesem Zufallsort spannende Naturentdeckungen zu machen. Schaut nach Wegweisern, fragt Passanten oder lauft einfach eurer Nase nach. Auf der Heimfahrt werdet ihr euch garantiert viel Abenteuerliches zu erzählen haben.

5. Schlaft auf dem Balkon oder im Garten

Von allen Naturabenteuern ist es das schönste, eine Nacht unter freiem Himmel zu verbringen. Im Wald ist das natürlich besonders eindrucksvoll. Aber wenn ihr euch herantasten wollt oder wenig Zeit habt, dann ist auch eine Nacht auf dem Balkon oder im Garten ein wunderbares und verbindendes Erlebnis. Auch dort weht euch der Wind um die Nase, die Sonne bestimmt, wann es dunkel wird und mit etwas Glück wecken euch am Morgen sanft die Vögel.

Ihr braucht dafür nicht einmal spezielle Ausrüstung: aus Isomatten oder Matratzen und eurer Bettwäsche richtet ihr euch draußen ein kuscheliges Familienlager ein, in das natürlich auch Lieblingskuscheltiere und -bücher einziehen dürfen. Werft vorher dann noch mal einen Blick auf den Wetterbericht um sicherzugehen, dass es nicht nass oder bitterkalt wird und genießt euer gemeinsames Mikroabenteuer. 

Falls ihr es danach kaum erwarten könnt, das nächste Mal euer Bettchen im Wald einzurichten, findet ihr in diesem Artikel ein bisschen Starthilfe dazu: Mit Kindern draußen schlafen – Schritt für Schritt.

Das größte Geschenk

Jeder Ausflug in die Natur ist ein wertvolles Geschenk, dass du deinen Kindern machst. Als Eltern dürfen wir uns dabei von unseren eigenen hohen Ansprüchen frei machen – Ort, Wetter und Inhalt eures Abenteuers müssen nicht perfekt sein. Lieber ein kleines Abenteuer, dass ihr heute noch gemeinsam erlebt als ein spektakuläres Erlebnis, dass nie umgesetzt wird. 

Wenn Kinder die Natur als selbstverständlichen und fest verankerten Teil ihres alltäglichen Lebens erfahren, werden sie über die Zeit eine enge Verbindung zu ihr aufbauen. Sie ist der Grundstein für Erfahrungen, die deine Kinder ihr Leben lang als Kraftquelle in sich tragen und sie in ihren persönlichen Fähigkeiten wachsen lassen. Außerdem ermöglichst du ihnen dadurch, ein tiefes Verständnis von der Welt, die uns umgibt, aufzubauen. Nur solche Menschen, werden in Zukunft die richtigen Entscheidungen treffen können, um unsere Lebensgrundlagen zu bewahren. Was gibt es wertvolleres, was du für die kommende Generation tun kannst?

Über die Autor*innen
Jana und Patrick Heck sind zweifache Eltern und lieben es nicht nur Familien mit Abenteuerideen zu versorgen – sie kennen auch die Gründe warum es oft so schwer ist mit Kindern überhaupt raus zu kommen. In ihrem Buch „Ausgebüxt“ geben sie Familien deshalb alles an die Hand, um tatsächlich mehr Natur ins Leben zu bringen. Von alltagstauglichen Organisationstipps über Outdoor-Wissen bis hin zu ganz konkreten Abenteuerideen und Freiluft-Rezepten. 

Die psychische Widerstandsfähigkeit von Kindern stärken

Spätestens seit der Corona Krise ist uns Eltern allen klar, dass es Dinge im Leben unserer Kinder gibt, deren Beeinflussung nicht in unseren Händen liegt. Wie gern würden wir das Virus und die damit verbundenen Maßnahmen einfach wegzaubern, damit unsere Kinder wieder unbeschwert und ohne Maske mit all ihren Freunden ohne Gesundheitsgefahr und lieben Menschen spielen könnten. Doch leider liegt das nicht in unserer Macht. Neben Corona gibt es auch weitere Dinge, die wir nicht persönlich in der Hand haben: der Tod eines geliebten Haustiers, der Streit mit dem besten Freund oder auch die ganz gewöhnliche Wutwelle, die unser Kind überrollt – die Herausforderungen des Lebens kommen. Und sie kommen von ganz allein.

Aber was ist dann unsere Rolle? Was gilt es für uns als Eltern zu tun, damit unsere Kinder diese Ereignisse und Herausforderungen gut bewältigen?

Wie können wir unsere Kinder stärken, wenn das Leben eine Talfahrt für sie bereithält?

Seit den 50er Jahren gibt es in der Forschung einen Begriff, der uns eine Antwort auf diese Frage liefern kann: Resilienz beschreibt die Fähigkeit, auch in herausfordernden Situationen eine innere Stärke zu besitzen, die uns durch den Schmerz tragen kann, ohne langanhaltende Schäden davon zu tragen. Diese Fähigkeit wohnt uns allen inne und wie mit so vielen Dingen im Leben, verhält es sich auch mit der Resilienz: Die Grundpfeiler für die Ausbildung dieser Fähigkeit werden in der Kindheit gelegt. 

Viele der Haltungen, die es braucht, um sich für das Leben zu stärken werden über Erziehung vermittelt und wurden in den vergangenen  Generationen durch eine Erziehung mit Drohungen und Strafen verwehrt, unterbunden und regelrecht abtrainiert. Das Verständnis dafür, wie wir Resilienzfaktoren in den Alltag einbinden können, ist manchmal schwierig, wenn wir selbst diese Faktoren so nicht erleben konnten. Die Frage ist also, wie können wir dies nun heute anders machen? Worauf kommt es an? Wichtig ist zu wissen:

Die Merkmale der Resilienz:

  • Resilienz ist eine Fähigkeit – keine Eigenschaft.
  • Resilienz ist trainierbar.
  • Resilienz ist ein dynamischer Prozess. Wir sind also nie immer gegen alles gewappnet, sondern bedienen uns situationsbedingt jener Schutzfaktoren, die uns zur Verfügung stehen.

Info – Resilienzforschung:

In den 50er Jahren machte sich ein Team von Psychologen, Kinderärzten und Sozialarbeitern auf, einen gesamten Geburtenjahrgang auf der hawaianischen Insel Kauai zu beobachten.  Knapp 700 Kinder wurden von Geburt an bis zu ihrem 40. Lebensjahr befragt und erforscht. Etwa ein Drittel der besagten Kinder wuchs unter schwierigen  Verhältnissen auf.

Wie stärke ich die Resilienz meines Kindes?

Auch in der Resilienzforschung stellte man sich diese Frage, wie die psychische Widerstandsfähigkeit eines Menschen gestärkt werden kann. Es haben sich gewisse Faktoren ergeben, die Fähigkeiten und Eigenschaften betreffen, die unsere innere Stärke nachweislich begünstigen können. Im  Handbuch „Resilienz“ werden auf Basis von Forschungsarbeiten folgende Kategorien für die persönlichen (Schutz-)Faktoren aufgeführt, die sowohl uns als auch unsere Kinder für schwierige Lebensmomente und -phasen stärken können.Definiert wird der Begriff »Schutzfaktor« wie folgt:

»Schutzfaktoren werden als Merkmale beschrieben, die das Auftreten einer psychischen Störung oder einer unangepassten Entwicklung verhindern oder abmildern sowie die Wahrscheinlichkeit einer positiven Entwicklung erhöhen.«

Demnach sind die Schutzfaktoren also so etwas wie die Vitamine und Mineralstoffe, die unser Immunsystem (der Psyche) unterstützen. Aus den Studien gehen bestimmte Schutzfaktoren hervor, die, unabhängig von dem Kulturkreis und der Verschiedenheit der Stichproben, deckungsgleich waren. Diese Schutzfaktoren werden von verschiedenen Autor*innen unterschiedlich kategorisiert. An den personalen Ressourcen, die sich als wirksam erwiesen haben wie positive Temperamentseigenschaften und Status als erstgeborenes Kind können wir nichts ändern. Bei den weiteren Resilienzfaktoren wie Selbstwirksamkeit, Selbstwahrnehmung und Selbststeuerung nimmt aber unsere Art der Begleitung des Kindes einen wichtigen Einfluss und auch soziale Ressourcen wie ein unterstützendes Netzwerk und altersangemessene Verpflichtungen des Kindes im Haushalt liegen in unserem Ermessensspielraum. Laut Studienlage ist es von Vorteil, auch  außerhalb der Familie wertschätzende, fürsorgliche Bezugspersonen zu haben.

Personale Ressourcen
Kindbezogene Faktoren:
• positive Temperamentseigenschaften
• intellektuelle Fähigkeiten
• erstgeborenes Kind
• weibliches Geschlecht

Resilienzfaktoren:
• Selbstwahrnehmung
• Selbstwirksamkeit
• Selbststeuerung
• Soziale Kompetenz
• Umgang mit Stress
• Problemlösefähigkeiten

Soziale Ressourcen
Innerhalb der Familie:
• mindestens eine stabile Bezugsperson, die Vertrauen und Autonomie fördert
• autoritativer/demokratischer Erziehungsstil
• Zusammenhalt, Stabilität und konstruktive Kommunikation in der Familie
• enge Geschwisterbindungen
• altersangemessene Verpflichtungen des Kindes im Haushalt
• hohes Bildungsniveau der Eltern
• harmonische Paarbeziehung der Eltern
• unterstützendes familiäres Netzwerk (Verwandtschaft, Freunde, Nachbarn)
• hoher sozioökonomischer Status

In den Bildungsinstitutionen:
• klare, transparente und konsistente Regeln und Strukturen
• wertschätzendes Klima (Wärme, Respekt und Akzeptanz gegenüber dem Kind)
• hoher, angemessener Leistungsstandard
• positive Verstärkung der Leistungen und Anstrengungsbereitschaft des Kindes
• positive Peerkontakte / positive Freundschaftsbeziehungen
• Förderung von Basiskompetenzen (Resilienzfaktoren)
• Zusammenarbeit mit dem Elternhaus und anderen sozialen Institutionen

Im weiteren sozialen Umfeld:
• kompetente und fürsorgliche Erwachsene außerhalb der Familie, die Vertrauen fördern, Sicherheit vermitteln und als positive Rollenmodelle dienen (zum Beispiel Erzieherinnen, Lehrerinnen, Nachbarn)
• Ressourcen auf kommunaler Ebene (Angebote der Familienbildung, Beratungsstellen, Frühförderstellen, Gemeindearbeit und so weiter)
• gute Arbeits- und Beschäftigungsmöglichkeiten
• Vorhandensein prosozialer Rollenmodelle, Normen und Werte in der Gesellschaft«


Wichtig ist, dass nicht , all diese Schutzfaktoren ständig im Leben präsent sein müssen, um Resilienz aufbauen zu können. Ebenso sind sie kein Garant für eine Unversehrtheit. In der Resilienzförderung geht es viel eher darum, Schutzfaktoren zu integrieren und diese zu vertiefen und zu festigen. Je mehr dir und/oder deinem Kind zur Verfügung stehen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Herausforderung durch und mit einem dieser Schutzfaktoren bewältigt werden kann. Doch reicht auch ein einziger Faktor, wie beispielsweise die eine, verlässliche und liebevolle Beziehung zu einem Lehrer aus, um ein Kind mehr  zu stärken.

Aus der Gesamtheit jener Schutzfaktoren, die sich aus der Resilienzforschung ergeben, lassen sich insgesamt  8 Resilienzschlüssel für dein Kind und dich ableiten, auf die du im Alltag besonders achten kannst. Diese 8 Faktoren sind:


1. Akzeptanz
2. Optimismus
3. Selbstwirksamkeit
4. Verantwortung übernehmen
5. Beziehungen gestalten
6. Lösungsorientierung
7. Zukunft planen
8. Kohärenzgefühl

Vielleicht gelingt es dir mit diesem Wissen, gerade jetzt noch ein wenig mehr auf die Resilienzschlüssel im Alltag zu achten. Viel Freude damit!


Zur Autorin:
Leandra Vogt ist staatlich anerkannte Kindheitspädagogin (B.A.) und zertifizierte Resilienztrainerin. In ihrer Arbeit als Elternbegleiterin, Dozentin, und Gründerin der Beratungsplattform für Resilienz in der Mutterschaft „Starke Mütter“ übersetzt sie die beeindruckenden Erkenntnisse der Resilienzforschung und macht sie sowohl verstehbar als auch integrierbar für Familien. Als Dozentin bildet sie REiFAM® – Resilienzcoach aus und trägt auf diese Weise die Resilienzförderung in Familien und familienbegleitende Institutionen. Mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern lebt sie in der Nähe von Zürich/Schweiz. Mehr über Leandras Arbeit ist zu lesen auf leandravogt.com oder in ihrem im Sommer erscheinenden Buch „Uns haut so schnell nichts um“


Weiterführende Literatur:

Fröhlich-Gildhoff, Klaus; Rönnau-Böse, Maike (2014): Resilienz. München: Ernst Reinhardt Verlag
Wustmann, Corina (2004): Resilienz. Widerstandsfähigkeit von Kindern in Tageseinrichtungen fördern. Weinheim Basel: Beltz Verlag.
Reivic, Karen; Shatte, Andrew (2003): The Resilience Factor. 7 Keys to Finding Your Inner Strength and Overcoming Life’s Hurdles. New York City: Bantam Books USA.
Gruhl, Monika (2018): Resilienz. Die Strategie der Stehaufmenschen. Freiburg im Breisgau: Herder Verlag.

Verständnis als Brücke in Konfliktsituationen

Die meisten Eltern von kleinen Kindern kennen wohl jene Situationen, in denen das Kind sich voll Freude in eine Tätigkeit stürzt, bei der den Eltern unwohl wird: Das Kind greift freudig in den Matsch und schmiert die Hand dann an der frisch angezogenen Hose lang ab. In einem unbeobachteten Moment geht die Freude des Malens des Kindes über das Blatt Papier hinaus auf Tisch und/oder Körper. Voller Freude springt das Kind beherzt in die Pfütze und ist danach nass. – Als Eltern betrachten wir diese Situationen als Erwachsene, blicken auf die Wirkung, das Problem, die Arbeit, die mit uns damit verbunden ist. Das Kind hingegen sieht nicht auf dieses erwachsene Punkte, sondern fühlt die Situation.

Die Unterschiede im Denken und daraus folgend im Handeln machen es uns manchmal in der Eltern-Kind-Beziehung ganz schön schwer: Während wir Erwachsene über ein großes Erfahrungswissen verfügen, das wir über unsere bisherige Lebenszeit angesammelt haben, ist das Erfahrungswissen der Kinder noch recht gering. Dazu kommt, dass auch die Denkprozesse an sich unterschiedlich sind und Kinder mehr von ihren Emotionen im Hier und Jetzt gesteuert werden, während wir vorausschauend Denken, abwägen, planen. In vielen Situationen würden Kinder und Erwachsene daher ganz unterschiedliche Entscheidungen treffen und unterschiedlich handeln. Und auch wenn wir Erwachsene uns manchmal fragen, warum das Kind nicht doch so wie wir denken könnte, ist das kindliche Denken überhaupt kein Nachteil: Es lernt, macht Erfahrungen und gerade da es nicht auf Erfahrungswissen zurückgreifen kann, ist das emotionale Handeln in schwierigen Situationen oft hilfreich und kann sogar vor Gefahren schützen. Dass die Kinder also noch nicht so denken wie wir, ist sogar sinnvoll.

Im Alltag ist es dennoch manchmal schwer, wenn wir entweder erahnen, was als nächstes passieren wird oder mit den Konsequenzen dieses emotionalen, impulsiven Handelns konfrontiert sind. Der große Unterschied ist aber, dass wir als Erwachsene durchaus besser als das Kind die andere Perspektive übernehmen können. Und diese Fähigkeit ist in all solchen Situationen besonders hilfreich: Anstatt sich zu ärgern oder zu schimpfen können wir einen kurzen Moment innehalten und nachdenken: Warum hat das Kind das gerade jetzt getan? Wie fühlt es sich gerade jetzt dabei? Was sehe ich an meinem Kind, wie es sich fühlen könnte? Lächelt es, hat es gerade Freude, leuchten die Augen?

Auf Basis dieses Einfühlens und Verständnisses können wir dann milde und auf Augenhöhe mit den Kindern kommunizieren: „Ich sehe, dass dir das gerade richtig Freude gemacht hat. Jetzt aber müssen wir erstmal….“ Das Einfühlen ermöglicht uns eine liebevollere Kommunikation und führt oft zugleich dazu, dass das Kind auch nicht sofort in eine Gegenposition gehen muss, sich zu verteidigen oder abzustreiten, sondern kann dann ebenfalls auf unsere Aussage eingehen. Damit können wir durch Verständnis eine Brücke in so einigen konfliktreichen Alltagssituationen herstellen, die dem Kind und auch uns Erwachsenen etwas Stress durch Konflikte erspart.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Zu Hause lernen mit Schulkindern

Schulen auf, Schulen zu. Distanzunterricht, Wechselunterricht… Im vergangenen Jahr haben viele Schulkinder viele verschiedene Formen des Unterrichtens erlebt und ein Ende ist noch nicht absehbar. Auch weiterhin wird an vielen Orten viel zu Hause gelernt. Während es anfangs für einige Kinder noch eine spannende Neuerung war, ist mittlerweile Gewöhnung eingetreten. Einige Kinder werden besser und abwechslungsreicher von der Schule mit Lernmaterialien versorgt, andere weniger. Einige sind weiterhin motiviert, andere haben Schwierigkeiten in Bezug auf die Motivation, den vorgelegten Stoff zu Hause zu bearbeiten. Um Kinder auch weiterhin zu motivieren und das Lernen zu Hause nicht zu einem ewigen Streitthema werden zu lassen, gibt es einige Punkte, die beachtet werden können.

Lernen

Generell unterstützend für das Lernen ist es, wenn das Kind sich sicher und wohl fühlt in der aktuellen Umgebung. Die Atmosphäre ist also von Bedeutung: Schaffen wir es, eine stressfreie, wohlwollende Atmosphäre für das Kind zu schaffen, in der es Lust hat, sich auszuprobieren? Als Eltern wissen wir, worin unser Kind gut ist, was ihm besonders Freude macht und können dieses Wissen aktiv einbinden in die Gestaltung der Lernsituation. Angst und Stress behindern hingegen das Lernen – weshalb wir versuchen sollten, nicht mit Druck („Wenn du das nicht lernst, erreichst du nicht die nächste Klasse!“) oder Bestrafung („Du sitzt hier so lange, bis das fertig ist, auch wenn du dann nicht mehr spielen kannst!“) zu arbeiten.

Für ein Lernen ohne Druck müssen wir den Funken finden, der das Feuer aufglimmen lässt. Schon bei kleinen Kindern kann der Ansatz des Psychologen Kuno Beller hilfreich sein: Verknüpfen wir einen Bereich, den das Kind nicht besonders mag oder in dem es eine geringe Leistung bringt, mit einem Bereich, den das Kind besonders gerne mag und/oder in dem es erfolgreich ist. Auf neurologischer Ebene passiert dann eine Ausschüttung von Dopamin, die auch mit erfolgversprechender Vorerfahrung verknüpft ist, in Zusammenhang mit einer Herausforderung: Das Kind bekommt Lust auf das Lernen.

S. Mierau (2021): Frei und unverbogen, S.230

Kreative Lernangebote

Das Lernen zu Hause ist anders als im Kontext der Klasse und auch die Lernmedien sind andere, als die Kinder es aus der Schule gewohnt sind. Wir können daher nicht die Erwartung ansetzen, dass Kinder „einfach“ Arbeitsblätter oder Aufgaben abarbeiten und/oder sich problemlos an den Stundenplan der Schulzeiten halten würden. Je jünger die Kinder sind, desto kreativer muss mit den Lerninhalten umgegangen werden und desto mehr Motivationsarbeit ist oft von den Bezugspersonen zu leisten.

Hilfreich für das Lernen zu Hause können sein:

  • Aufgaben kreativ aufbereiten: Ein Text soll abgeschrieben werden und das Kind hat keine Lust? Mach daraus ein Laufdiktat und zerschneide den Text in kleine Einheiten, versehe ihn mit Zahlen und hänge diese Textteile in der Wohnung auf. Vielleicht hilft es auch, mal nicht in das Heft zu schreiben, sondern mit hellem Stift auf schwarzes Papier. Statt eines Textes kann vielleicht auch ein Poster gestaltet werden… Auch neue Stifte können wieder Schwung in die Aufgaben bringen.
  • Ein Aufgabenzettelberg sieht erst einmal nach riesig viel Arbeit aus und kann die Laune gleich sinken lassen. Zerteilt die Aufgaben von Anfang an in kleine Häppchen oder gehe auch hier mit etwas Kreativität heran: Klebe die Aufgaben wie bei dem Spiel „Himmel und Hölle“ auf den Boden oder als Wegstrecke für den heutigen Tag.
  • Plane regelmäßige Pausen ein: Kinder brauchen ein Gleichgewicht von Anspannung und Entspannung. Pausen sind deswegen wichtig. Hier kann ausgeruht werden, es kann etwas gegessen werden, gemeinsam kann ein Buch angesehen werden oder jede*r macht etwas für sich allein.
  • Rausgehen ist nicht nur für Pausen toll, sondern auch für das Lernen: Im Sandkasten können mit einem Stock Buchstaben gezeichnet oder im Wald mit Naturmaterialien gelegt werden. Es können Steine gesammelt werden, die später für Matheaufgaben benutzt werden können und Stöcker, die vermessen werden.
  • In Montessori-Shops gibt es oft kreative Lernmaterialien für unterschiedliche Lernfächer. Manches davon kann auch selbst nachgebaut werden.
  • Fehler sind okay: Wir alle machen Fehler und unsere Kinder auch. Denn genau so funktioniert ja das Lernen – man kann nicht alles gleich von Anfang an. Deswegen brauchen wir Toleranz für die Fehler der Kinder. Und auch wir Eltern haben nicht immer die richtigen Antworten auf alles – auch das ist normal und wir können uns gemeinsam auf die Suche begeben. So lernt das Kind auch, nach Informationen zu suchen.
  • Hier gibt es kindzentrierte Mathematikdidaktik von Mathemathiklehrer Dr. Hendrik Simon
  • Hier bietet Lerncoach Caronline Tipps für Homeschooling an

Zum Zeitfaktor der Eltern

Je nach Temperament und Alter des Kindes braucht Homeschooling/Homelearning eine intensivere oder weniger intensive Begleitung. Gerade wenn es darum geht, Kinder zum Lernen zu motivieren, ist dies manchmal zeit- und emotionsintensiv. Der Anspruch, die Lernbegleitung könnte „einfach so nebenher“ laufen, ist daher in der Realität oft nicht umsetzbar. Leider gibt es weiterhin keine gute Unterstützung und Entlastung von Eltern in dieser Zeit, die dem hohen Anspruch an die Begleitung lernender Kinder Rechnung trägt. Wichtig ist in dieser Zeit vor allem, dass wir es schaffen, dass unsere Eltern-Kind-Beziehung nicht leidet unter dem Schuldruck, dem die Familie ausgesetzt wird. Eine gute Kommunikation mit den Lehrenden ist daher wichtig, um Probleme frühzeitig aufzuzeigen und auch dafür einzustehen, dass das Lernen in dieser Zeit nicht auf Kosten der Eltern-Kind-Beziehung gehen darf.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Mein Baby bedürfnisorientiert kennenlernen

Nun ist es da, das Baby, und liegt so warm und weich an uns geschmiegt. Vielleicht haben wir im Geburtsvorbereitungskurs schon erfahren, was Babys brauchen und wie man mit ihnen umgeht. Wahrscheinlich haben wir gehört, dass Babys physiologische Frühgeburten sind, in den ersten Wochen nachreifen und in dieser Zeit besonders auf Rahmenbedingungen angewiesen sind, die denen im Uterus ähneln: Hüllen, die das Baby halten, Wärmen, Nähe geben. Und natürlich gibt es viele Dinge, die universell auf die meisten Babys zutreffen. Aber: Es gibt auch viele Unterschiedlichkeiten, die wir am Anfang und im Laufe der Zeit kennenlernen und auf die es gilt, Antworten zu finden. Denn bindungs- und bedürfnisorientiertes Familienleben ist keine Methode mit Punkten, die einfach abgearbeitet werden können. Es kommt darauf an, das Kind wirklich kennenzulernen und die passenden Antworten für dieses Kind zu finden.

Nimm dir Zeit

Ein Kind wirklich kennenzulernen, ist gar nicht so einfach. Weil wir oft versuchen, das zu sehen, was wir kennen und wissen. Wir haben ein Schema im Kopf von „dem Kind“ oder „dem Baby“ und versuchen, das Kind einzuordnen oder nehmen die Abweichung von diesem Bild als Problem war, anstatt zunächst vorurteilsfrei das Kind zu beobachten. Wenn wir gar nicht annehmen würden, dass Babys ab x Monaten durchschlafen würden, was würde das mit uns machen? Wenn wir nicht annehmen würden, dass Babys mit 6 Monaten mit der Beikost beginnen sollten, sondern darauf achten, wann das Baby selber bereit ist, vielleicht danach greift, würde uns das Stress ersparen? Wenn wir nicht glauben würden, dass wir ein Baby verwöhnen könnten, würden wir dann viel entspannter nach den Bedürfnissen des Kindes gehen?

Die Geschichten und Berichte, die wir gelesen und gehört haben, prägen uns. Unsere eigenen Erfahrungen prägen uns. Und manchmal verengen sie den Blick oder verschleiern ihn sogar ganz und es fällt uns schwer, das Kind vor uns wirklich zu sehen. So, wie es eben ist.

Was helfen kann, sind – gerade am Anfang – Ruhe und Zeit: Sich die Zeit zu nehmen, das Baby zu beobachten und die vielen kleinen Regungen wahrzunehmen, die Signale kennenzulernen. Hierzu können wir die Vorannahmen loslassen und uns ganz auf das Hier und Jetzt mit dem Baby einlassen. So gelangen wir nach und nach dahin, das Kind wirklich zu sehen, wie es ist.

Vergleiche stören manchmal mehr, als dass sie helfen

Babys sind unterschiedlich – von Anfang an. Sie unterscheiden sich in Merkmalen wie der Erregbarkeit, der Tröstbarkeit und ihrem Ausdruck: Manche Babys sind empfindsamer in Bezug auf Reize als andere. Dementsprechend ist es für sie vielleicht schnell zu viel, wenn sie von Arm zu Arm wandern oder draußen viele visuelle Eindrücke sammeln, während andere Babys damit gut zurecht kommen. Hier hilft kein Abhärten und kein „das Baby muss sich nur daran gewöhnen, die anderen machen das ja auch“, sondern einfühlsame Begleitung: Ein Baby, das schnell überreizt ist, braucht Bezugspersonen, die das erkennen und dann bei der Beruhigung helfen. So lernt es über die Jahre nach und nach, gut selbständig mit Reizen umzugehen. Manche Babys sind auch recht leicht zu trösten, während andere lange und ausgiebig weinen – auch hier hilft es nicht, das Baby an weniger lang weinende Babys anpassen zu wollen durch weniger Zuwendung.

Es ist wichtig, dass wir unser Kind so kennenlernen, wie es ist. Von Anfang an, damit wir es dann auf seinem individuellen Weg begleiten können. Wir können es da stärken, wo es vielleicht Hilfe braucht bei der Regulation, beim Umgang mit Gefühlen oder bei Eigenschaften wie Schüchternheit. Damit es selbstbewusst mit der eigenen Persönlichkeit umgeht und sich selbst von Anfang an als richtig und wertvoll wahrnehmen kann. Und dieser Weg beginnt bereits in den ersten Wochen.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Ablösung nach dem Tempo des Kindes

„Nun geh schon, trau dich doch endlich mal!“, „Irgendwann musst du sowieso mal woanders schlafen, das musst du jetzt lernen!“, „Du kannst ja nicht ewig bei uns schlafen, sondern musst auch in ein eigenes Zimmer!“ – Solche und ähnliche Anforderungen von Erwachsenen gegenüber Kindern sind nicht selten. Hinter ihnen steht der eigentlich gut gemeinte Wunsch, das Kind in der Selbständigkeit zu stärken und damit auf das Leben gut vorzubereiten. Das Problem nur ist, dass wir Selbständigkeit und innere Stärke nicht durch Druck und Überredung herstellen können.

Kinder sind verschieden

Kinder kommen mit unterschiedlichen Temperamenten zu uns und haben in verschiedenen Temperamentsdimensionen unterschiedliche Ausprägungen, beispielsweise unterscheiden sie sich in ihrer Anpassungsfähigkeit darin, wie tolerant sie mit Veränderungen umgehen und wie leicht sie sich an Neuerungen gewöhnen. Auch ihr Bedürfnis nach Rhythmus und ihre Sensitivität unterscheiden sich und nehmen Einfluss darauf, wie sie mit neuen Situationen umgehen können. Die unterschiedlichen Temperamentsdimensionen nehmen Einfluss auf ihr Verhalten im Alltag, aber auch beispielsweise auf die Eingewöhnung in den Kindergarten und auch später die Gewöhnung an den neuen Schulalltag. Die Erfahrungen mit der Umwelt nehmen dabei, besonders in den ersten Jahren, einen wichtigen Einfluss auf die Ausprägung und auf dem Umgang des Kindes mit den Impulsen. Durch ihr Verhalten können Bezugspersonen Kinder im Umgang mit ihren verschiedenen Temperamentsdimensionen unterstützen und bestimmte, beispielsweise für die soziale Interaktion oder Selbständigkeit wichtige Verhaltensweisen ausgleichen oder eben auch Ängste und Ruckzugstendenzen noch verstärken.

Unterstützen statt drängen

Gerade in Bezug auf die Selbständigkeit ist es wichtig, dass Kinder das Gefühl haben, aus einer sicheren Basis heraus zu handeln. Aus dieser Sicherheit heraus können sie wirksam werden und positive eigene Erfahrungen schöpfen, die dann wiederum ihr Bild von sich selbst stärken. Überwinden sie sich jedoch zunächst nur zuliebe einer Bezugsperson und merken dann, dass sie der Anforderung doch nicht gewachsen sind, machen sie eine negative Erfahrung, die sich auf die Bereitschaft, nochmals eine solche Herausforderung einzugehen, negativ auswirken kann. In der Folge können sowohl Kind als auch Bezugspersonen frustriert sein, dass das Vorhaben nicht geklappt hat und eventuell auch zukünftig erschwert ist. Zudem kann es sein, dass das Kind die Aufforderung zur Selbständigkeit eher als Abweisung oder Zurückweisung empfindet, denn als Abenteuer und Lernchance. In diesem Fall kann sich eine Aufforderung auch auf die Eltern-Kind-Beziehung negativ auswirken.

Auch Kinder, die eher zurückhaltend sind und weniger aufgeschlossen gegenüber Veränderungen und Herausforderungen, können dennoch von ihren Bezugspersonen dazu angeregt werden, sich auf Neues einzulassen. Wichtig dabei ist jedoch, um den möglichen genannten negativen Folgen vorzubeugen, dass sie nicht gedrängt, überredet oder gar gezwungen werden, sondern begleitet und ermutigt werden. Hier gilt es, individuell herauszufinden, womit sich ein Kind noch geborgen und sicher fühlt und diesen Punkt als Basis für das Handeln zu nehmen statt der eigenen Erwartungen. Macht das Kind von diesem sicheren Punkt aus positive Erfahrungen, wird es sich nach und nach aus der Sicherheit und Unterstützung heraus mehr zutrauen.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Was ist hier EIGENTLICH los? Absichten hinter dem Verhalten von Kindern erkennen

Viele Eltern fragen sich an der ein oder anderen Stelle im Alltag mit ihren Kindern: „Warum nur macht das Kind dieses oder jenes?“ Oder auch: „Was soll das? Es weiß doch genau, dass…“ oder eben doch auch mal „Will es mich vielleicht doch nur ärgern?“ Nicht immer, aber oft ist das Verhalten des Kindes eher als Symptom eines Bedürfnisses zu betrachten, denn als eigenständige Aussage: Es versucht, mit dem Verhalten auf etwas anderes hinzuweisen. Gerade auch dann, wenn es sich sprachlich noch nicht besonders differenziert ausdrücken kann oder auch, wenn sich problematische Verhaltenskreisläufe eingespielt haben.

Das Verhalten des Kindes ansehen

In jenen Situationen, in denen wir dazu geneigt sind, uns über das Verhalten des Kindes zu ärgern, sollten wir zunächst das Verhalten einmal genau in den Blick nehmen: Was tut das Kind hier? Ein besonderer Blick ist dabei nicht nur auf die konkrete Handlung zu richten, sondern auch auf die Rahmenbedingungen: Ist das Kind müde? Ist es erschöpft nach einem Kita- oder Schultag? Geschieht dieses Verhalten (immer) im Zusammenhang mit anderen Kindern? Passiert es immer zu einer bestimmten Tageszeit, beispielsweise nach dem Abendessen, nach dem Aufwachen?

Solche Rahmenbedingungen können uns bereits einen guten Hinweis darauf geben, was genau das Kind leitet und damit den Blick davon weglenken, dass das Kind uns „nur ärgern“ möchte, einen Machtkampf ausübt oder das scheinbar negative Verhalten nur für sich steht.

Von Bedürfnissen geleitet

Das Verhalten der Kinder wird – wie bei uns Erwachsenen – von ihren Bedürfnissen geleitet. Während Erwachsene diesen aber oft noch besser nachspüren und sie erkennen können (obwohl selbst viele Erwachsene Schwierigkeiten damit haben, die eigenen Bedürfnisse richtig wahrzunehmen, Signale zu interpretieren oder den Bedürfnissen auch wirklich nachzugehen), können Kinder ihr Verhalten noch nicht so konkret zurückführen auf bestimmte Bedürfnisse. Sie sagen nicht: „Ich bin so müde und erschöpft, deswegen habe ich keine Energie für lange Diskussionen und hab einfach mit Dir über das Käsebrötchen gestritten.“ oder „Es war ein anstrengender Tag und ich brauche jetzt einfach jemanden, der mich in den Arm nimmt, mir zuhört und mir Liebe zeigt.“.

Es liegt an ihren Bezugspersonen, ihre Signale wahrzunehmen, richtig zu interpretieren und darauf dann angemessen zu reagieren. Auch wenn die Bedürfnisse bei verschiedenen Menschen insgesamt gleich sind, können sie sich in der Art, wie sie erfüllt werden sollen, unterscheiden und auch in ihrer Gewichtung. Ein Kind kann Nähe einfordern durch ganz bewusstes kuscheln, ein anderen beim Vorlesen eines Buches und das nächste durch gemeinsames Toben. Insgesamt können wir aber annehmen, dass die Bedürfnisse nach Nahrung, Schlaf/Ruhe/Entspannung, Sicherheit, Autonomie, Wertschätzung etc. bei allen Personen vorhanden sind und ihr Handeln leiten.

Gemeinsam die Ursache erkunden

Gerade wenn Kinder starke Bedürfnisse ausdrücken und wütend/traurig/enttäuscht sind, lohnt es sich, nicht nur auf den konkreten Auslöser dieses Gefühlsausdrucks zu blicken, sondern darauf, wofür dieses starke Gefühl jetzt gerade steht, denn nicht nur uns Erwachsenen fällt es manchmal schwer, zu erkennen, was das Kind gerade leitet, sondern auch dem Kind. Mit einem gemeinsamen Erkunden können wir dem Kind helfen, ein besseres Gespür für sich, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu bekommen.

Gemeinsam auf die Spur begeben können wir uns beispielsweise damit, dass wir (sobald das Kind wieder gut sprachlich zu erreichen ist nach einem Wutanfall), zunächst die Situation noch einmal wertfrei beschreiben. Wenn das Kind beispielweise ausdrückt, dass es sich von anderen Personen geärgert oder gestört gefühlt hat, können wir dem nachgehen und fragen „Du fandest doof, was ich gemacht habe?“. Bejaht das Kind dies, können wir gemeinsam auf die Suche nach einer passenden Gefühlsbeschreibung gehen: verärgert? enttäuscht? wütend? Im nächsten Schritt kann dann betrachtet werden, wofür dieses Gefühl steht: Du wolltest das selber/anders machen (Selbständigkeit)? Du wolltest, dass ich das für dich mache (Sicherheit)? Du wolltest, dass ich dabei zusehe (Wertschätzung)?… Auf diese Weise können wir das eigentliche Bedürfnis hinter dem Verhalten sehen und die Situation klären.

Dabei bekommen wir nicht nur einen Blick dafür, was das Kind jetzt gerade geleitet hat, sondern wenn wir konsequent in schwierigen Situationen unseren Blick für die Gefühle und Bedürfnisse des Kindes öffnen, erhalten wir einen Blick dafür, welches Bedürfnis vielleicht gerade besonders vom Kind als Mangel erlebt wird und können unseren Alltag darauf ausrichten, dieses ganz bewusst mehr einzubinden und damit Konfliktsituationen vorbeugen.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Warum es uns manchmal so schwer fällt, Gefühle von Babys zu begleiten

Mit einem Kind brechen wir nicht nur gewissermaßen in ein neues Leben auf, sondern werden auch zurückgeführt an den Anfang unseres eigenen Lebens. Besonders dann, wenn es um die Emotionen geht: Da liegt dieses kleine, weinende Baby in unseren Armen und wir wissen nicht, wie wir dieses Weinen begleiten sollen. Schließlich versteht es nicht unsere Worte, versteht nicht unsere Erklärungen und weiß nicht, dass das, was es jetzt gerade fühlt, wahrscheinlich bald vorüber geht. Es weint scheinbar untröstlich und anhaltend. Vielleicht fühlen wir uns hilflos oder sogar überfordert. Denn tief in uns verbirgt sich das Gefühl, dass das Weinen des Kindes beendet werden muss.

Weinen ist ein wichtiges Signal

Aber ganz so einfach ist es nicht: Natürlich ist das Weinen eines Babys ein wichtiges Signal an die Bezugspersonen, dass etwas nicht in Ordnung ist: ob nun Hunger, Schmerz, Nähebedürfnis – wird auf die leiseren Signale nicht reagiert oder ist das Kind in seinem Gefühlsausdruck ohnehin schnell von 0 auf 100, wird das Unwohlsein mit Weinen und Schreien ausgedrückt und führt dazu, dass sich die Bezugspersonen dem Baby zuwenden. Wir spüren Stress durch dieses Weinen und sind bemüht, die Not des Kindes zu beenden. Ein von der Natur sinnvoll eingerichtetet System, um auf die Bedürfnisse von Babys einzugehen. Eigentlich haben über verschiedene Kulturen hinweg Eltern den Impuls, ein weinendes Baby hoch zu nehmen, es zu tragen und mit ihm zu sprechen. Das belegt eine Studie aus dem Jahr 2017, in der die Reaktionen von 648 Frauen aus elf verschiedenen Ländern auf das Weinen von Babys untersucht wurde. Und trotzdem fällt es uns oft gar nicht so leicht, das Weinen anzunehmen, zu begleiten oder über einen längeren Zeitraum auszuhalten. 

Von der interpersonellen zur intrapersonalen Emotionsregulation

Für die Emotionsregulation eines Babys sind die Bezugspersonen von besonderer Bedeutung: Sie müssen die Signale des Babys wahrnehmen, richtig interpretieren und dann passend beantworten. Auf jeder dieser einzelnen Ebenen kann es zu Kommunikationsproblemen kommen: wir nehmen nicht richtig wahr interpretieren falsch oder geben die falsche Antwort. Dass solche Fehlinterpretationen vorkommen, ist völlig normal und sogar sinnvoll: Durch die kleinen Unachtsamkeiten der Bezugspersonen haben Babys nämlich auch die Chance, sich in der Selbstregulation ein wenig zu üben. Interpretieren wir also ab und zu falsch oder reagieren zu spät, hat das Kind vielleicht schon eine eigene Antwort gefunden und sich beruhigt. Das passiert manchmal, aber nicht immer und nicht in jeder Problemsituation. Eigentlich erfolgt für das Baby recht lange eine Regulation von Emotionen von außen, die man auch als “interpersonelle Emotionsregulation” bezeichnet. Durch diese Art der Regulation durch eine andere Person lernt das Baby nach und nach, die eigenen Emotionen zu verstehen und passend darauf zu antworten, die Gefühle also selbst zu regulieren über “intrapersonale Emotionsregulation”. In der ersten Zeit sind diese Gefühle, die begleitet werden wollen, insbesondere Hunger, Müdigkeit, Schmerzen und Angst.* 

Werden die Gefühle des Kindes hingegen immer wieder absichtlich oder unabsichtlich nicht berücksichtigt oder nicht richtig interpretiert, kann sich das langfristig auf die emotionale Entwicklung auswirken und es fällt zunehmend schwer, die eigenen Gefühle zu verstehen und auch die von anderen Menschen. In einer Generation von Eltern, die als Babys oft noch “schreien gelassen” wurden, um keine kleinen Tyrannen heranzuziehen oder das Kind zur Anpassung zu erziehen an die Erwachsenenbedürfnisse, und in der Kinder nicht wütend sein durften, sondern Wut mit Bestrafung oder gar körperlicher Gewalt bestraft wurde, fällt es nun vielen Eltern schwer, mit den emotionalen Signalen ihrer eigenen Kinder gut umzugehen: Wir wissen eigentlich, dass das Weinen begleitet werden sollte, aber es fällt uns schwer, dieses Weinen anzunehmen, auszuhalten und auch passend darauf zu reagieren. Vielleicht ruft es in uns sogar jene Ungeduld hervor, die wir selbst gespürt haben als Kind und wir sind verleitet, die Gefühle nicht deswegen beenden zu wollen, um das Kind zu trösten, sondern weil wir sie selber nicht aushalten und/oder uns aus der gespürten Hilflosigkeit befreien wollen.

Trösten, um zu trösten statt trösten, damit Ruhe herrscht

Der Unterschied zwischen dem “Ich tröste mein Kind, damit es endlich still ist” und “Ich tröste mein Kind, um es zu trösten” ist dabei groß: Die Intention, ein Gefühl lediglich abstellen zu wollen, hält den Kreislauf der mangelnden Zuwendung und Anerkennung unserer Gefühle am Laufen: Diese Abspaltung bestimmter Gefühle oder gar Blindheit gegenüber Gefühlen kann sich in den späteren Jahren auf das psychische und soziale Wohlergehen auswirken. Die Intention, ein Leid nicht unseretwegen, sondern des Kindes wegen beenden zu wollen, unterbricht hingegen diesen Kreislauf und erlaubt einen gesunden, ehrlichen Umgang mit der breiten Palette an Gefühlen und auch in späteren Jahren einen gesunden Umgang mit Emotionen sich selbst und anderen gegenüber. 

Es ist wichtig, zu erkennen, ob ein Weinen des Babys durch eine bestimmte Ursache hervorgerufen wurde, die wir beenden können, beispielsweise wenn das Baby hungrig ist. Daneben gibt es aber auch viele Situationen, in denen wir den Grund des Weinens vielleicht nicht finden oder nicht beheben können, beispielsweise wenn die Kinder überreizt sind und ihre Anspannung durch das Weinen herauslassen. In diesem Fall können und sollten wir nicht versuchen, das Weinen vehement abstellen zu wollen, sondern sollten das Weinen begleiten. Begleiten meint, dass wir vielleicht keine Antwort finden, aber das Baby im Arm halten und das Gefühl, das es gerade ausdrückt so lange zulassen, bis es sich in unseren Armen beruhigt hat. So lernt es, dass alle Emotionen sein dürfen und nicht unterdrückt werden müssen, was auch in späteren Jahren eher einen guten Umgang mit Stress ermöglicht.** Ebenso wenig hilfreich wie ein Unterdrücken von Emotionen ist es, das Baby mit dem das Weinen auslösendem Problem allein zu lassen in einem anderen Raum: Wir können Babys durch Zuwendung und Beruhigung nicht verwöhnen, genausowenig wie wir ihnen durch mangelnde Zuwendung nicht einen gesunden Umgang mit Gefühlen vermitteln können.

Merken Eltern, dass sie mit der Begleitung des Weinens Probleme haben, in immer größeren Stress geraten oder sogar verleitet sind, das Baby mit Gewalt zum Schweigen zu bringen, brauchen sie Hilfe. Oft liegt eine eigene traumatische Erfahrung hinter diesem Impuls. Niemand muss sich dafür schämen, mit dem Weinen oder anderen herausfordernden Situationen mit einem Baby nicht zurecht zu kommen. Die früheren Umgangsweisen mit Babys und Kleinkindern haben dazu geführt, dass Probleme beim Begleiten von Emotionen keine Einzelfälle sind, sondern durchaus viele Eltern betreffen. Wichtig ist, dass wir heute durch Unterstützung lernen, diese Belastung nicht mehr weiter zu geben und unseren Kindern von Anfang an einen gesunden Umgang mit Emotionen ermöglichen und durch eine passende Unterstützung auch wieder einen Zugang zu unseren eigenen Emotionen erhalten.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

* vgl. Welding, Carlotta (2021): Fühlen lernen. Warum wir so oft unsere Emotionen nicht verstehen und wie wir das ändern können. – Stuttgart: Klett-Cotta, S. 71f.

**Solter, Aletha J. (2015): Warum Babys weinen. Die Gefühle von Kleinkindern. – 3. Aufl. München: Kösel, S. 87.

Erschöpfte Eltern – Wie wir unsere Kinder dennoch begleiten sollten und können

Kinder brauchen Eltern, die größer, weiser, stärker und gütig sind, wie das Konzept „Kreis der Sicherheit“ die Aufgabe der Eltern im Rahmen der Bindungstheorie definiert. Aber was, wenn es Eltern durch die Rahmenbedingungen immer schwerer fällt, genau das zu sein? Wenn Erschöpfung und Verunsicherung um sich greifen, wenn die familiäre oder finanzielle Situation schwierig ist? Wenn Eltern nicht mehr wissen, wie sie Schulstoff aufholen oder vermitteln sollen, wenn die Schule gleichzeitig Druck macht, dass das passieren soll weil zu wenig gelernt werden wurde/der eigentliche Lehrplan nicht eingehalten wurde? Wenn Eltern nicht mehr strukturgebend erscheinen können, weil sie nicht wissen, wonach sie sich ausrichten sollen? Zerrissen zwischen der Sorge, die Kinder jetzt zu erschöpfen oder schlecht auf die Zukunft vorzubereiten. Wie können wir unsere „Elternfunktion“ wahrnehmen in Anbetracht der Probleme, die sich aktuell für viele Eltern stellen?

Was Kinder brauchen

Sicherheit ist die Grundlage des Bindungssystems: Kinder brauchen das Gefühl, sicher von ihren Bezugspersonen umsorgt zu werden und in ihren Bedürfnissen gesehen zu werden. Das bedeutet nicht, dass wir als Eltern immer alle Wünsche erfüllen müssten oder die Bedürfnisse der Kinder immer Vorrang hätten vor den eigenen. Es bedeutet aber, dass Kinder das grundlegende Gefühl benötigen, sicher umsorgt zu sein auf körperlicher und psychischer Ebene.

Für uns Eltern bedeutet dies, dass wir den Kindern einen sicheren, schützenden Rahmen vorgeben, an dem sie sich orientieren können. Wir begleiten sie in das Leben und geben ihnen einerseits all die Rahmenbedingungen der Umwelt, aber zugleich auch die Rahmenbedingungen des sozialen Miteinanders mit. Wir erklären ihnen die Welt, vermitteln Werte, zeigen Grenzen von Menschen, Dingen und sozialen Systemen auf. Dies brauchen unsere Kinder, um sich zu orientieren. Wir sind die verlässlichen Bezugspersonen an ihrer Seite, an denen sie sich orientierten können, an denen sie sich anlehnen können auf dem Weg, die Welt kennenzulernen und zu verstehen. Wir sind da, um sie zu stützen und zu begleiten, bis sie selbst laufen können – im übertragenen Sinne. Dabei haben wir ein Verständnis für ihre Bedürfnisse und auch ihre jeweiligen Fähigkeiten und berücksichtigen, dass sie Fehler machen, lernen, sich ausprobieren. Das ist es, was die Haltung der Erwachsenen als „größer, weiser, stärker und gütig“ umschreibt.

Was Eltern brauchen, um Kindern geben zu können, was sie brauchen

Auch wenn wir eigentlich wissen, was Kinder brauchen, ist es dennoch gar nicht so einfach, ihnen das, was sie brauchen, auch zu geben. Denn hier spielen viele Faktoren zusammen, die es manchmal schwer machen, die Position der schützenden, unterstützenden und verständnisvollen Person einzunehmen. Zum einen sind dies psychische Faktoren, die es uns manchmal schwer machen, liebevoll und verständnisvoll und gleichsam auch sich selbst gegenüber bedürfnisorientiert zu sein sein: Manchmal sind wir so sehr von unseren eigenen Kindheitserfahrungen geprägt, dass sie uns – besonders in Konfliktsituationen – einholen und wir Dinge sagen oder tun, die wir eigentlich vermeiden wollten. Daran dass uns eigene negative Erfahrungen manchmal einholen, können wir arbeiten: Mit einer Mischung aus Informationen über kindliche Entwicklung und Methoden zur Entspannung in Konfliktsituationen, lässt sich ein anderer Weg gehen. Manchmal braucht es auch eine therapeutische Unterstützung, um von bestimmten Denkmustern und Verhaltensprozessen weg zu kommen.

Wichtig ist auch, dass die eigenen Erfahrungen auch dazu führen können, dass wir versuchen, negativen Erfahrungen ganz aus dem Weg zu gehen und in Auseinandersetzungen immer zurückweichen, Konflikte mit dem Kind nicht aushalten. Hierdurch können wir allerdings auch nicht jene Stärke und Sicherheit geben, die Kinder brauchen. Auch hier kann eine therapeutische Begleitung sinnvoll sein, um das Muster der Konfliktvermeidung oder Überkompensation zu durchbrechen.

Neben diesen psychischen Faktoren gibt es aber auch Einflussfaktoren aus unserem Alltag, die sich auf unser Verhalten auswirken. Stress vermindert unsere Feinfühligkeit, wodurch es uns schwerer fällt, die Signale und Bedürfnisse der Kinder wahrzunehmen. Gleichzeitig begünstigt die erhöhte Anspannung auch, dass wir die oben erwähnte Regulation unserer erlernten Muster schwerer beherrschen. Stress, der sich auf uns auswirken kann, ergibt sich dabei direkt aus stressigen Rahmenbedingungen wie Druck bei der Arbeit, Zeitdruck, Partnerschaftskonflikten, aber auch Sorgen um finanzielle Absicherung. Auch eine ungerechte Aufgabenverteilung zwischen den erwachsenen Familienmitgliedern führt zu Stress. Auch wenn wir es durch beispielsweise Zeitdruck nicht schaffen, unsere Bedürfnisse nach Schlaf, Ernährung, sozialem Austausch nachzukommen, führt das zu Stress und Erschöpfung, die sich wiederum auf das soziale Miteinander auswirken.

Damit Eltern die so wichtige Position und sichere, schützende, unterstützende Beziehung zu ihren Kindern anbieten können, brauchen Eltern Informationen über kindliche Entwicklung und kindliches Verhalten, Anregungen zur Veränderung von Verhaltensmustern (wenn negative Verhaltensmuster erlernt wurden, ggf. therapeutische Unterstützung) und wenig Stress.

Wie Eltern für sich sorgen können

Gerade jetzt ist es nicht einfach, Stress aus dem Alltag auszuschließen. Die Pandemie fordert von Eltern besonders viel, führt zu Stress und entzieht damit Rahmenbedingungen, um gut mit Kindern umgehen zu können. Angst und Sorge wirken sich auf das psychische Wohlergehen aus, ebenso wie finanzielle Sorgen, Kontaktbeschränkungen und Mangel in der Erfüllung sozialer Bedürfnisse. Viele Erwachsene fühlen sich in ihrer Selbstwirksamkeit eingeschränkt.

Viele dieser Einflussfaktoren können wir aktuell nicht beseitigen. Wir brauchen vor allem auch politische Lösungen, die Familien mehr in den Blick nehmen. Aber wir können zumindest an einigen Stellen einige Stressoren ausschließen oder vermindern. Auch wenn die Selbstwirksamkeit an einigen Stellen eingeschränkt ist, haben wir immer noch einen Handlungsspielraum, in dem wir uns als aktiv und wirksam erfahren können. Gerade jetzt ist es besonders wichtig, dass wir uns in Selbstfürsorge üben: Essen wir ausreichend und regelmäßig? Trinken wir genug? Schlafen wir genug und lassen uns nicht durch die Pandemie zu Revenge Bedtime Prokrastination hinreißen? Bewegen wir uns gut und ausreichend, auch wenn unsere eigentlichen Wege viel kürzer sind als sonst durch das Homeoffice? Atmen wir nicht nur oberflächlich und flach durch Stress, sondern auch mal tief durch? Wie sieht es mit Liebe und Sexualität aktuell aus, sind wir erfüllt? Sorgen wir auch trotz Kontaktbeschränkungen für sozialen Kontakt, damit wir uns zugehörig fühlen zu anderen und werden optimalerweise von diesen Menschen wertgeschätzt? Auf diese Bedürfnisse zu achten hört sich so banal an, aber mit einem besseren Blick für die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse können wir durchaus etwas an unserem Wohlbefinden und Stresslevel verändern.

Gewaltfreie und friedvolle Elternschaft ist möglich, ohne dass wir uns und unsere Grenzen selbst vergessen oder übertreten. Im Gegenteil: Das sichere, selbstbestimmte Einhalten der eigenen und sozialen Grenzen ist sogar zwingend notwendig, um gewaltfrei mit Kindern leben und ihnen anhand dieser Grenzen den Entwicklungsrahmen zu bieten, in dem sie sich frei entfalten können“

S. Mierau „Frei und unverbogen“, S. 189

Natürlich sollte Selbstfürsorge dabei nicht zu neuem Stress führen. Es geht vielmehr darum, einen guten Blick für sich zu entwickeln und sich Pausen zu gönnen. – Denn gerade als Elternteil ist es wichtig, auf sich zu achten und gut für sich zu sorgen. Damit gewinnen wir eine innere Klarheit und können diese als Struktur nach Außen vertreten.

Größer, weiser, stärker und gütig – Die Pandemie-Edition

Wenn wir es schaffen, unsere eigenen Bedürfnisse als wichtig zu betrachten und ihnen im Alltag Aufmerksamkeit zu schenken, haben wir auch mehr emotionale Ressourcen, um mit dem Verhalten unserer Kinder gut umgehen zu können. Und auch hier ist es wichtig, dass wir gerade jetzt sehr wohlwollend auf sie blicken und Verständnis dafür haben, dass natürlich auch sie unter den Rahmenbedingungen leiden. Auch sie sind in der Selbstwirksamkeit eingeschränkt, haben weniger Erfahrungsraum, weniger Möglichkeiten, sich auszuprobieren in Auseinandersetzung mit der Umwelt, aber auch mit anderen Menschen.

Kinder im Kindergartenalter, die gerade jetzt in der „Autonomiephase“ sind, haben es oftmals besonders schwer, mit den aktuellen Gegebenheiten umzugehen und zeigen ihre Unzufriedenheit und die vielen Anforderungen an ihre Kooperationsfähigkeiten (Masken tragen, nicht zu nah an Menschen gehen, nicht alles anfassen,…) durch mehr Wut, Unzufriedenheit und manchmal auch mehr Wunsch nach Zuwendung und Aufmerksamkeit. Auch die geringen Kontakte zu Freund*innen sind anstrengend für sie.

Es ist wichtig, dass wir versuchen, auch ihre Bedürfnisse in den Blick zu nehmen und dabei besonders auch sehen, dass ihr Entwicklungsumfeld stark beschnitten ist, was eben zu Unzufriedenheit und Wut führen kann. Unser Blick sollte darauf gerichtet sein, wo wir es ihnen im Alltag ermöglichen können, sich als selbständig zu erleben, als aktiv. Auch wenn sie vielleicht gerade von anderen sozialen Gruppen entfernt sind, können wir ihnen das Gefühl geben, dass sie in der Familie gesehen und respektiert werden, dass sie darin einen wichtigen Platz einnehmen.

Vor allem aber ist es wichtig, dass wir ihnen zeigen, dass wir als Bindungspersonen zur Seite stehen: Dass wir nicht noch mehr Druck und Stress ausüben (gerade auch in Bezug auf Schule), sondern sie unterstützen und notfalls Druck und Stress von ihnen abhalten. Dies ist Teil unserer Elternaufgabe: Wenn wir merken, dass unsere Kinder dem Lerndruck nicht folgen können, sollten wir nicht noch mehr Druck ausüben (wodurch auch diese wichtige Beziehung und aktuell für viele Kinder wichtigste Beziehung gestört werden kann), sondern aktiv ins Gespräch mit der Schule gehen.

Eine sichere Bindungserfahrung, gerade jetzt unter diesem Stress, ist kurz- und langfristig wichtiger, als viele andere Schulvorgaben. Als Eltern sollten wir uns den Druck des Lernerfolgs nicht nach Hause holen. Wenn unser Kind Schwierigkeiten mit dem Lernen zu Hause hat, sollten wir uns nicht in die Position begeben, mit Druck das Lernen einzufordern. Wir können reden, nach kreativen Lösungen suchen, aber müssen und sollten nicht Druck ausüben in einer ohnehin schwierigen Zeit. Es ist Aufgabe der Schulen und Politik, die versäumten Inhalte aufzubereiten, nachzubereiten, Konzepte zu entwickeln. Unsere Aufgabe als Eltern ist es, gerade jetzt der Fels in der Brandung zu sein, der sichere Hafen, die liebevolle Unterstützung.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.