Die Entwicklung von Sexualität von Kindern ist für viele Eltern ein schambehaftetes Thema, mit dem sie nicht so recht umzugehen wissen: Wann findet was statt und was ist „normal“? Oft ist der eigene schambehaftete Umgang mit dem Thema, der es mit Kindern zu einer Herausforderung werden lässt. Dabei ist die Sexualität ein menschliches Bedürfnis, das zur Entwicklung dazugehört. Wie in vielen anderen Bereichen unterscheidet sich auch die Entwicklung von Kind zu Kind und es gibt trotz ähnlicher Entwicklungsphasen nicht eine bestimmte Art, auf die alle Kinder mit Sexualität umgehen würden, weshalb es sinnvoller ist, von Sexualitäten zu sprechen, um der Verschiedenartigkeit Rechnung zu tragen und Offenheit zu ermöglichen.
Kindliche Sexualität ist anders
Viele Eltern und andere Erwachsene sind in Bezug auf die Entwicklung kindlicher Sexualitäten schambehaftet, da sie den kindlichen Umgang damit nicht kennen, da er in der eigenen Kindheit tabuisiert wurde („Da fässt man sich nicht an!“, „Davon kann man krank werden!“) und/oder weil sie einen Vergleich mit Erwachsenensexualität ziehen, die allerdings unangebracht ist. Die sexuelle Entwicklung von Kindern ist nicht auf zukünftige Handlungen ausgerichtet, sondern es geht vielmehr um ein spielerisches Erleben des Körpers, das vom Kind auch nicht als Sexualität wahrgenommen werden. Eine Interpretation aus Erwachsenensicht ist daher unpassend.
Von Anfang an
Schon das Baby erforscht mit Neugierde den eigenen Körper und manchmal zufällig auch die Genitalien und macht dabei sinnliche Erfahrungen. Schon bei Babys kann es zu einer Erektion oder dem Austritt von Vaginalflüssigkeit kommen. In der Kleinkindzeit werden sich Kinder dann ihres Körpers bewusster und nehmen körperliche Unterschiede wahr, womit sie auch ein Interesse am Körper anderer bekommen. Sie stimulieren sich in unterschiedlicher Weise selbst und entwickeln nach und nach ein Gefühl für ihre eigene Privatsphäre und die Schamgefühle anderer Menschen, auch über das Erlernen (sozialer) Regeln im Umgang mit dem Körper. Im Spiel mit anderen Kindern erforschen sie auch deren Körper und entwickeln nach und nach ein ausgeprägteres Schamgefühl.
Umgang mit Körpererkundung
Dass Kinder also ihren eigenen Körper erkunden und auch Interesse am spielerischen Erkunden mit anderen Kindern haben, ist normal. Es ist wichtig, ihnen hierfür die Möglichkeit in einem geschützten Raum zu geben. Auch die Selbststimulation ist ein Bereich der kindlichen Entwicklung, den Kinder durchlaufen. Wird dabei das Schamgefühl anderer verletzt, rät Ina-Maria Philipps, Dozentin für Sexualpädagogik, dazu, dem Kind Orte zur Verfügung zu stellen (pdf), an denen es sich erkunden kann, ohne die Schamgefühle anderer zu verletzen. Auch dies ist ein wichtiger Punkt des Lernens von sozialen Regeln. Auch eine freundliche, nicht beschämende Aufforderung, sich danach vor anderen Spielen die Hände zu säubern, erklärt sie für legitim.
Die gegenseitige Erkundung des Körpers unter Kindern ist normal und ein wichtiger Teil der Entwicklung, allerdings immer unter dem Aspekt der Selbstbestimmung.
S. Mierau (2021): Frei und unverbogen
In Bezug auf Körpererkundungsspiele zwischen Kindern ist es wichtig, zu thematisieren, dass sich alle daran beteiligten Kinder damit wohlfühlen müssen und kein Kind zu Handlungen oder Berührungen aufgefordert werden darf, mit denen es sich unwohl fühlt. Kinder, die hier im Spiel Übergriffe erleben, müssen geschützt werden und vermittelt bekommen, dass niemand über ihren Körper bestimmen darf. Und auf der anderen Seite benötigt auch das übergriffige Kind Aufklärung über die Bedeutung der Selbstbestimmung und Wahrnehmung von Signalen. Kommunikation über Körper und Körperlichkeit, auch unter Einsatz von beispielsweise passenden Medien wie altersentsprechenden Kinderbüchern über den menschlichen Körper und Aufklärung, ist für Kinder daher wichtig.
Zur Autorin: Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.
Wohl die meisten Eltern kennen den Konflikt mit Kindern, wenn ein schöner Besuchstag woanders sich dem Ende zuneigt oder vom Spielplatz nach Hause aufgebrochen werden muss. Gelegentlich – und bei einigen Kindern sogar regelmäßig – kann es dann zu Konflikten kommen: „Ich will aber noch nicht nach Hause!“ Gar nicht so einfach. Und je mehr Zeit verstreicht oder wenn die Zeit ohnehin schon viel zu weit voran geschritten ist, steigt der Stresspegel, die Tonlage kann dann schärfer werden, das Verhalten ruppiger. Um dem vorzubeugen, können wir allerdings einige Punkte beachten.
Das Bedürfnis des Kindes verstehen
Ob nun zu Besuch woanders oder auf dem Spielplatz – das Kind ist vertieft in ein Spiel und hat Freude daran. Wird es nun aus dem Spiel herausgerissen oder muss es vorzeitig beenden, führt das zu Ärger und Frustration. Schließlich sind Spielsituationen auch Lernsituationen und machen Spaß: Nun soll es diesen Zustand verlassen, obwohl es mit der Erkundung und dem eigentlichen Ziel vielleicht noch nicht am Ende angekommen ist. Vielleicht war es im Spiel sogar in einem Zustand des Flow: Diesen Begriff prägte insbesondere der Glücksforscher Mihály Csíkszentmihályi für das Gefühl der völligen Vertiefung und dem Aufgehen in eine Tätigkeit. Eine Art Weltvergessenheit, in der das Kind ganz in das Tun versinkt und Freude aus dem Tun heraus gewinnt, wobei sich das Zeitgefühl verändern kann. Wird es nun aus diesem Zustand herausgeholt, kann das zu Frustration führen. Je nach Temperament reagieren Kinder hier unterschiedlich stark mit Wut und Ärger. Dass Kinder also nicht nach den Wünschen der Eltern oder anderen begleitenden Personen von dem Spielzustand sofort in das Gehen übergehen, ist verständlich. Und auch, dass sie auf das abrupte Ende missgestimmt reagieren. Allerdings können die Bezugspersonen dafür sorgen, dass der Übergang weniger schnell, abrupt oder uninteressant ist.
Alternativen zu „Jetzt sofort!“
Wenn wir wissen, dass es für das Kind schwierig ist, sofort das Verhalten umzustellen, können wir uns daran anpassen: Eine gute Möglichkeit ist es, das Losgehen rechtzeitig anzukündigen, vielleicht auch in mehreren Zeitintervallen, je nach Alter des Kindes auch mit konkreten Zeitangaben oder alternativ mit einem „Wir müssen bald losgehen, ihr müsst langsam zum Ende kommen.“ Manchmal kann es auch sinnvoll sein, dann aufzubrechen, wenn das Kind ein Spiel gerade abgeschlossen hat, bevor es das nächste beginnt – auch wenn das zeitlich etwas zu früh ist. So vertieft es sich nicht in ein anderes Spiel, das dann unterbrochen werden muss. Auch das Verabschieden vom Spielplatz oder der anderen Wohnung kann eine gute Unterstützung sein: „Komm, wir sagen jetzt noch allen/den Spielgeräten tschüss und dann gehen wir.“ Der Nachhauseweg kann auch interessant sein und muss nicht langweilig erlebt werden: Vielleicht gibt es ein Spiel, das auf dem Weg gespielt werden kann (immer bis zu einem bestimmten Ziel rennen) oder ein aktuelles Lieblingslied, das gemeinsam gesungen werden kann. Vielleicht gibt es auch interessante Dinge, die gezählt werden können („Was glaubst du, wieviele Hunde wir auf dem Weg wohl sehen?“).
Wichtig ist vor allem: Generell genügend Zeit einzuplanen und rechtzeitig mit dem Abschied zu beginnen, denn Stress lässt uns weniger feinfühlig sein und wir neigen eher zu negativem Erziehungsverhalten unter Stress. Dieses setzt dann oft einen Kreislauf in Gang, da das Kind auf das negative Verhalten mit Gegenwehr reagiert und sich so ein Streit hochschaukeln kann.
Kinder, die immer wieder Schwierigkeiten damit haben loszugehen, können auch schon vor dem Ausflug vorbereitet werden, indem in Aussicht gestellt wird, was dann später nach dem Heimkehren zu Hause gemacht wird: „Jetzt gehen wir auf den Spielplatz und wenn wir dann nachmittags zurückkommen, lesen wir dein Lieblingsbuch zusammen.“ So hat das Kind schon ein positives Ziel vor Augen nach dem (Spielplatz-)besuch und der Abschied kann leichter fallen, wenn gewiss ist, dass Abschied nicht bedeutet, nicht mehr zu spielen.
Eure
Zur Autorin: Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.
Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de
Zur Autorin: Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.
Stellen wir uns vor, wir Erwachsene reisen an einen Ort, an dem wir noch nie zuvor waren und dort sehen, riechen, spüren wir Dinge, die wir noch nie zuvor erlebt haben. Zufällig sind wir gemeinsam an diesem Ort mit einem Freund oder einer Freundin und zeigen hierhin und dorthin und machen mit Worten auf die erstaunlichen Dinge aufmerksam, die wir sehen. Stellen wir uns vor, dass unsere Reisebegleitung diesen Ort vielleicht schon kennt und ein wenig genervt ein „Ja…“ oder „Hm…“ oder vielleicht sogar ein „Ja, jetzt ist aber auch mal gut.“ hervor bringt. Und stellen wir uns auch vor, wie unsere Reisebegleitung auch anders reagieren könnte „Das findest du interessant? Lass uns das genauer ansehen.“ oder „Was findest du daran denn besonders schön?“. – Und nun stellen wir uns vor, dass nicht wir an der Stelle stehen, alles neu kennenzulernen, sondern unsere Kinder.
Die Welt ist voller Wunder
Jeden Tag erleben Kinder etwas Neues, etwas Aufregendes. Etwas, bei dem sie etwas lernen, das ihnen die Welt ein Stück weit näher bringt. Vielleicht ist es heute ein Insekt, das sie noch nie zuvor gesehen haben. Oder morgen entdecken sie, wie ein Stück Glas auf der Fensterbank funkelnde Lichtpunkte an die Wand zaubert. Oder sie haben am Vormittag im Kindergarten eine neue Fertigkeit entwickelt und sind weiter gesprungen, höher geschaukelt, schneller gerannt als je zuvor. Über viele Jahre gibt es in ihrer nahen Umgebung unglaublich viele neue Dinge zu entdecken und zu erfahren.
Dieses selbständige Entdecken der Welt ist für unsere Kinder von besonderer Bedeutung. Sie erfahren sich als wirksam: sie können selbst Dinge erreichen, neue Erfahrungen machen, etwas lernen. Sie können die Welt tatsächlich verändern und sehen, wie das mit ihren wachsenden Fähigkeiten geht. Die Freude über dieses Können, diese Möglichkeit, wollen sie mit ihren nahen Bezugspersonen teilen und von ihnen in deren Blicken, Worten und in der Mimik die eigene Freude widergespiegelt bekommen. Wir müssen Kinder nicht beständig loben für ihre Erkenntnisse, aber Kinder wollen darin gesehen werden, dass sie die Welt be-greifen und verändern. Dies gibt ihnen einen Ansporn, weiter zu machen, neugierig zu bleiben – eine besonders wichtige Eigenschaft für ihre Zukunft.
Mitteilungsbedürfnisse begleiten statt stoppen
Je nach Temperament des Kindes geht es mit den Neuentdeckungen in dieser Welt anders um: Einige Kinder beobachten lange, still und ausgiebig und stellen dann gezielte Fragen oder erzählen nur wenig. Andere hingegen erzählen ausführlich in Details, was sie erlebt und wahrgenommen haben. Wie auch immer unser Kind damit umgeht und welche Art von Mitteilungsbedürfnis es hat: es ist gut und wichtig, dass es sich mitteilen kann. Wir sollten diese Mitteilungen nicht stoppen, weil wir diese Information schon haben, weil wir schon wissen, dass Ameisen auch riesige Krümel tragen können, weil es uns gar nicht so relevant erscheint, dass das Kind nun allein hoch schaukeln kann ohne angeschubst zu werden. Ja, wir haben einen Informationsvorteil, einen -vorsprung. Wir wissen viele Dinge besser aus unserem Erfahrungswissen und natürlich gibt es im Vergleich auch andere Kinder, die Dinge besser, schneller etc. können. Und ja: Manchmal ist es tatsächlich für uns Erwachsene auch langweilig, sich lange Geschichten von Kindern anzuhören. Und dennoch ist es wichtig, dass wir eben als Erwachsene handeln und unsere Kinder mit Respekt liebevoll begleiten. Und das bedeutet, dass wir offen sind für die Wunder, von denen sie uns berichten wollen und dass wir uns an dem Funkeln in ihren Augen auch dann erfreuen, wenn wir selbst diese Erfahrung nicht ganz so mitreißend finden – vielleicht nicht wegen des Inhalts des Gesagten, sondern wegen des Kindes, das sich so sehr freut.
Eure
Zur Autorin: Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.
Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de
Zur Autorin: Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.
Die meisten Eltern von kleinen Kindern kennen wohl jene Situationen, in denen das Kind sich voll Freude in eine Tätigkeit stürzt, bei der den Eltern unwohl wird: Das Kind greift freudig in den Matsch und schmiert die Hand dann an der frisch angezogenen Hose lang ab. In einem unbeobachteten Moment geht die Freude des Malens des Kindes über das Blatt Papier hinaus auf Tisch und/oder Körper. Voller Freude springt das Kind beherzt in die Pfütze und ist danach nass. – Als Eltern betrachten wir diese Situationen als Erwachsene, blicken auf die Wirkung, das Problem, die Arbeit, die mit uns damit verbunden ist. Das Kind hingegen sieht nicht auf dieses erwachsene Punkte, sondern fühlt die Situation.
Die Unterschiede im Denken und daraus folgend im Handeln machen es uns manchmal in der Eltern-Kind-Beziehung ganz schön schwer: Während wir Erwachsene über ein großes Erfahrungswissen verfügen, das wir über unsere bisherige Lebenszeit angesammelt haben, ist das Erfahrungswissen der Kinder noch recht gering. Dazu kommt, dass auch die Denkprozesse an sich unterschiedlich sind und Kinder mehr von ihren Emotionen im Hier und Jetzt gesteuert werden, während wir vorausschauend Denken, abwägen, planen. In vielen Situationen würden Kinder und Erwachsene daher ganz unterschiedliche Entscheidungen treffen und unterschiedlich handeln. Und auch wenn wir Erwachsene uns manchmal fragen, warum das Kind nicht doch so wie wir denken könnte, ist das kindliche Denken überhaupt kein Nachteil: Es lernt, macht Erfahrungen und gerade da es nicht auf Erfahrungswissen zurückgreifen kann, ist das emotionale Handeln in schwierigen Situationen oft hilfreich und kann sogar vor Gefahren schützen. Dass die Kinder also noch nicht so denken wie wir, ist sogar sinnvoll.
Im Alltag ist es dennoch manchmal schwer, wenn wir entweder erahnen, was als nächstes passieren wird oder mit den Konsequenzen dieses emotionalen, impulsiven Handelns konfrontiert sind. Der große Unterschied ist aber, dass wir als Erwachsene durchaus besser als das Kind die andere Perspektive übernehmen können. Und diese Fähigkeit ist in all solchen Situationen besonders hilfreich: Anstatt sich zu ärgern oder zu schimpfen können wir einen kurzen Moment innehalten und nachdenken: Warum hat das Kind das gerade jetzt getan? Wie fühlt es sich gerade jetzt dabei? Was sehe ich an meinem Kind, wie es sich fühlen könnte? Lächelt es, hat es gerade Freude, leuchten die Augen?
Auf Basis dieses Einfühlens und Verständnisses können wir dann milde und auf Augenhöhe mit den Kindern kommunizieren: „Ich sehe, dass dir das gerade richtig Freude gemacht hat. Jetzt aber müssen wir erstmal….“ Das Einfühlen ermöglicht uns eine liebevollere Kommunikation und führt oft zugleich dazu, dass das Kind auch nicht sofort in eine Gegenposition gehen muss, sich zu verteidigen oder abzustreiten, sondern kann dann ebenfalls auf unsere Aussage eingehen. Damit können wir durch Verständnis eine Brücke in so einigen konfliktreichen Alltagssituationen herstellen, die dem Kind und auch uns Erwachsenen etwas Stress durch Konflikte erspart.
Eure
Zur Autorin: Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.
Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de
Zur Autorin: Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.
Schulen auf, Schulen zu. Distanzunterricht, Wechselunterricht… Im vergangenen Jahr haben viele Schulkinder viele verschiedene Formen des Unterrichtens erlebt und ein Ende ist noch nicht absehbar. Auch weiterhin wird an vielen Orten viel zu Hause gelernt. Während es anfangs für einige Kinder noch eine spannende Neuerung war, ist mittlerweile Gewöhnung eingetreten. Einige Kinder werden besser und abwechslungsreicher von der Schule mit Lernmaterialien versorgt, andere weniger. Einige sind weiterhin motiviert, andere haben Schwierigkeiten in Bezug auf die Motivation, den vorgelegten Stoff zu Hause zu bearbeiten. Um Kinder auch weiterhin zu motivieren und das Lernen zu Hause nicht zu einem ewigen Streitthema werden zu lassen, gibt es einige Punkte, die beachtet werden können.
Lernen
Generell unterstützend für das Lernen ist es, wenn das Kind sich sicher und wohl fühlt in der aktuellen Umgebung. Die Atmosphäre ist also von Bedeutung: Schaffen wir es, eine stressfreie, wohlwollende Atmosphäre für das Kind zu schaffen, in der es Lust hat, sich auszuprobieren? Als Eltern wissen wir, worin unser Kind gut ist, was ihm besonders Freude macht und können dieses Wissen aktiv einbinden in die Gestaltung der Lernsituation. Angst und Stress behindern hingegen das Lernen – weshalb wir versuchen sollten, nicht mit Druck („Wenn du das nicht lernst, erreichst du nicht die nächste Klasse!“) oder Bestrafung („Du sitzt hier so lange, bis das fertig ist, auch wenn du dann nicht mehr spielen kannst!“) zu arbeiten.
Für ein Lernen ohne Druck müssen wir den Funken finden, der das Feuer aufglimmen lässt. Schon bei kleinen Kindern kann der Ansatz des Psychologen Kuno Beller hilfreich sein: Verknüpfen wir einen Bereich, den das Kind nicht besonders mag oder in dem es eine geringe Leistung bringt, mit einem Bereich, den das Kind besonders gerne mag und/oder in dem es erfolgreich ist. Auf neurologischer Ebene passiert dann eine Ausschüttung von Dopamin, die auch mit erfolgversprechender Vorerfahrung verknüpft ist, in Zusammenhang mit einer Herausforderung: Das Kind bekommt Lust auf das Lernen.
Das Lernen zu Hause ist anders als im Kontext der Klasse und auch die Lernmedien sind andere, als die Kinder es aus der Schule gewohnt sind. Wir können daher nicht die Erwartung ansetzen, dass Kinder „einfach“ Arbeitsblätter oder Aufgaben abarbeiten und/oder sich problemlos an den Stundenplan der Schulzeiten halten würden. Je jünger die Kinder sind, desto kreativer muss mit den Lerninhalten umgegangen werden und desto mehr Motivationsarbeit ist oft von den Bezugspersonen zu leisten.
Hilfreich für das Lernen zu Hause können sein:
Aufgaben kreativ aufbereiten: Ein Text soll abgeschrieben werden und das Kind hat keine Lust? Mach daraus ein Laufdiktat und zerschneide den Text in kleine Einheiten, versehe ihn mit Zahlen und hänge diese Textteile in der Wohnung auf. Vielleicht hilft es auch, mal nicht in das Heft zu schreiben, sondern mit hellem Stift auf schwarzes Papier. Statt eines Textes kann vielleicht auch ein Poster gestaltet werden… Auch neue Stifte können wieder Schwung in die Aufgaben bringen.
Ein Aufgabenzettelberg sieht erst einmal nach riesig viel Arbeit aus und kann die Laune gleich sinken lassen. Zerteilt die Aufgaben von Anfang an in kleine Häppchen oder gehe auch hier mit etwas Kreativität heran: Klebe die Aufgaben wie bei dem Spiel „Himmel und Hölle“ auf den Boden oder als Wegstrecke für den heutigen Tag.
Plane regelmäßige Pausen ein: Kinder brauchen ein Gleichgewicht von Anspannung und Entspannung. Pausen sind deswegen wichtig. Hier kann ausgeruht werden, es kann etwas gegessen werden, gemeinsam kann ein Buch angesehen werden oder jede*r macht etwas für sich allein.
Rausgehen ist nicht nur für Pausen toll, sondern auch für das Lernen: Im Sandkasten können mit einem Stock Buchstaben gezeichnet oder im Wald mit Naturmaterialien gelegt werden. Es können Steine gesammelt werden, die später für Matheaufgaben benutzt werden können und Stöcker, die vermessen werden.
In Montessori-Shops gibt es oft kreative Lernmaterialien für unterschiedliche Lernfächer. Manches davon kann auch selbst nachgebaut werden.
Fehler sind okay: Wir alle machen Fehler und unsere Kinder auch. Denn genau so funktioniert ja das Lernen – man kann nicht alles gleich von Anfang an. Deswegen brauchen wir Toleranz für die Fehler der Kinder. Und auch wir Eltern haben nicht immer die richtigen Antworten auf alles – auch das ist normal und wir können uns gemeinsam auf die Suche begeben. So lernt das Kind auch, nach Informationen zu suchen.
Je nach Temperament und Alter des Kindes braucht Homeschooling/Homelearning eine intensivere oder weniger intensive Begleitung. Gerade wenn es darum geht, Kinder zum Lernen zu motivieren, ist dies manchmal zeit- und emotionsintensiv. Der Anspruch, die Lernbegleitung könnte „einfach so nebenher“ laufen, ist daher in der Realität oft nicht umsetzbar. Leider gibt es weiterhin keine gute Unterstützung und Entlastung von Eltern in dieser Zeit, die dem hohen Anspruch an die Begleitung lernender Kinder Rechnung trägt. Wichtig ist in dieser Zeit vor allem, dass wir es schaffen, dass unsere Eltern-Kind-Beziehung nicht leidet unter dem Schuldruck, dem die Familie ausgesetzt wird. Eine gute Kommunikation mit den Lehrenden ist daher wichtig, um Probleme frühzeitig aufzuzeigen und auch dafür einzustehen, dass das Lernen in dieser Zeit nicht auf Kosten der Eltern-Kind-Beziehung gehen darf.
Eure
Zur Autorin: Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.
Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de
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Nun ist es da, das Baby, und liegt so warm und weich an uns geschmiegt. Vielleicht haben wir im Geburtsvorbereitungskurs schon erfahren, was Babys brauchen und wie man mit ihnen umgeht. Wahrscheinlich haben wir gehört, dass Babys physiologische Frühgeburten sind, in den ersten Wochen nachreifen und in dieser Zeit besonders auf Rahmenbedingungen angewiesen sind, die denen im Uterus ähneln: Hüllen, die das Baby halten, Wärmen, Nähe geben. Und natürlich gibt es viele Dinge, die universell auf die meisten Babys zutreffen. Aber: Es gibt auch viele Unterschiedlichkeiten, die wir am Anfang und im Laufe der Zeit kennenlernen und auf die es gilt, Antworten zu finden. Denn bindungs- und bedürfnisorientiertes Familienleben ist keine Methode mit Punkten, die einfach abgearbeitet werden können. Es kommt darauf an, das Kind wirklich kennenzulernen und die passenden Antworten für dieses Kind zu finden.
Nimm dir Zeit
Ein Kind wirklich kennenzulernen, ist gar nicht so einfach. Weil wir oft versuchen, das zu sehen, was wir kennen und wissen. Wir haben ein Schema im Kopf von „dem Kind“ oder „dem Baby“ und versuchen, das Kind einzuordnen oder nehmen die Abweichung von diesem Bild als Problem war, anstatt zunächst vorurteilsfrei das Kind zu beobachten. Wenn wir gar nicht annehmen würden, dass Babys ab x Monaten durchschlafen würden, was würde das mit uns machen? Wenn wir nicht annehmen würden, dass Babys mit 6 Monaten mit der Beikost beginnen sollten, sondern darauf achten, wann das Baby selber bereit ist, vielleicht danach greift, würde uns das Stress ersparen? Wenn wir nicht glauben würden, dass wir ein Baby verwöhnen könnten, würden wir dann viel entspannter nach den Bedürfnissen des Kindes gehen?
Die Geschichten und Berichte, die wir gelesen und gehört haben, prägen uns. Unsere eigenen Erfahrungen prägen uns. Und manchmal verengen sie den Blick oder verschleiern ihn sogar ganz und es fällt uns schwer, das Kind vor uns wirklich zu sehen. So, wie es eben ist.
Was helfen kann, sind – gerade am Anfang – Ruhe und Zeit: Sich die Zeit zu nehmen, das Baby zu beobachten und die vielen kleinen Regungen wahrzunehmen, die Signale kennenzulernen. Hierzu können wir die Vorannahmen loslassen und uns ganz auf das Hier und Jetzt mit dem Baby einlassen. So gelangen wir nach und nach dahin, das Kind wirklich zu sehen, wie es ist.
Vergleiche stören manchmal mehr, als dass sie helfen
Babys sind unterschiedlich – von Anfang an. Sie unterscheiden sich in Merkmalen wie der Erregbarkeit, der Tröstbarkeit und ihrem Ausdruck: Manche Babys sind empfindsamer in Bezug auf Reize als andere. Dementsprechend ist es für sie vielleicht schnell zu viel, wenn sie von Arm zu Arm wandern oder draußen viele visuelle Eindrücke sammeln, während andere Babys damit gut zurecht kommen. Hier hilft kein Abhärten und kein „das Baby muss sich nur daran gewöhnen, die anderen machen das ja auch“, sondern einfühlsame Begleitung: Ein Baby, das schnell überreizt ist, braucht Bezugspersonen, die das erkennen und dann bei der Beruhigung helfen. So lernt es über die Jahre nach und nach, gut selbständig mit Reizen umzugehen. Manche Babys sind auch recht leicht zu trösten, während andere lange und ausgiebig weinen – auch hier hilft es nicht, das Baby an weniger lang weinende Babys anpassen zu wollen durch weniger Zuwendung.
Es ist wichtig, dass wir unser Kind so kennenlernen, wie es ist. Von Anfang an, damit wir es dann auf seinem individuellen Weg begleiten können. Wir können es da stärken, wo es vielleicht Hilfe braucht bei der Regulation, beim Umgang mit Gefühlen oder bei Eigenschaften wie Schüchternheit. Damit es selbstbewusst mit der eigenen Persönlichkeit umgeht und sich selbst von Anfang an als richtig und wertvoll wahrnehmen kann. Und dieser Weg beginnt bereits in den ersten Wochen.
Eure
Zur Autorin: Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.
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Zur Autorin: Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.
„Nun geh schon, trau dich doch endlich mal!“, „Irgendwann musst du sowieso mal woanders schlafen, das musst du jetzt lernen!“, „Du kannst ja nicht ewig bei uns schlafen, sondern musst auch in ein eigenes Zimmer!“ – Solche und ähnliche Anforderungen von Erwachsenen gegenüber Kindern sind nicht selten. Hinter ihnen steht der eigentlich gut gemeinte Wunsch, das Kind in der Selbständigkeit zu stärken und damit auf das Leben gut vorzubereiten. Das Problem nur ist, dass wir Selbständigkeit und innere Stärke nicht durch Druck und Überredung herstellen können.
Kinder sind verschieden
Kinder kommen mit unterschiedlichen Temperamenten zu uns und haben in verschiedenen Temperamentsdimensionen unterschiedliche Ausprägungen, beispielsweise unterscheiden sie sich in ihrer Anpassungsfähigkeit darin, wie tolerant sie mit Veränderungen umgehen und wie leicht sie sich an Neuerungen gewöhnen. Auch ihr Bedürfnis nach Rhythmus und ihre Sensitivität unterscheiden sich und nehmen Einfluss darauf, wie sie mit neuen Situationen umgehen können. Die unterschiedlichen Temperamentsdimensionen nehmen Einfluss auf ihr Verhalten im Alltag, aber auch beispielsweise auf die Eingewöhnung in den Kindergarten und auch später die Gewöhnung an den neuen Schulalltag. Die Erfahrungen mit der Umwelt nehmen dabei, besonders in den ersten Jahren, einen wichtigen Einfluss auf die Ausprägung und auf dem Umgang des Kindes mit den Impulsen. Durch ihr Verhalten können Bezugspersonen Kinder im Umgang mit ihren verschiedenen Temperamentsdimensionen unterstützen und bestimmte, beispielsweise für die soziale Interaktion oder Selbständigkeit wichtige Verhaltensweisen ausgleichen oder eben auch Ängste und Ruckzugstendenzen noch verstärken.
Unterstützen statt drängen
Gerade in Bezug auf die Selbständigkeit ist es wichtig, dass Kinder das Gefühl haben, aus einer sicheren Basis heraus zu handeln. Aus dieser Sicherheit heraus können sie wirksam werden und positive eigene Erfahrungen schöpfen, die dann wiederum ihr Bild von sich selbst stärken. Überwinden sie sich jedoch zunächst nur zuliebe einer Bezugsperson und merken dann, dass sie der Anforderung doch nicht gewachsen sind, machen sie eine negative Erfahrung, die sich auf die Bereitschaft, nochmals eine solche Herausforderung einzugehen, negativ auswirken kann. In der Folge können sowohl Kind als auch Bezugspersonen frustriert sein, dass das Vorhaben nicht geklappt hat und eventuell auch zukünftig erschwert ist. Zudem kann es sein, dass das Kind die Aufforderung zur Selbständigkeit eher als Abweisung oder Zurückweisung empfindet, denn als Abenteuer und Lernchance. In diesem Fall kann sich eine Aufforderung auch auf die Eltern-Kind-Beziehung negativ auswirken.
Auch Kinder, die eher zurückhaltend sind und weniger aufgeschlossen gegenüber Veränderungen und Herausforderungen, können dennoch von ihren Bezugspersonen dazu angeregt werden, sich auf Neues einzulassen. Wichtig dabei ist jedoch, um den möglichen genannten negativen Folgen vorzubeugen, dass sie nicht gedrängt, überredet oder gar gezwungen werden, sondern begleitet und ermutigt werden. Hier gilt es, individuell herauszufinden, womit sich ein Kind noch geborgen und sicher fühlt und diesen Punkt als Basis für das Handeln zu nehmen statt der eigenen Erwartungen. Macht das Kind von diesem sicheren Punkt aus positive Erfahrungen, wird es sich nach und nach aus der Sicherheit und Unterstützung heraus mehr zutrauen.
Eure
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Zur Autorin: Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.
Viele Eltern fragen sich an der ein oder anderen Stelle im Alltag mit ihren Kindern: „Warum nur macht das Kind dieses oder jenes?“ Oder auch: „Was soll das? Es weiß doch genau, dass…“ oder eben doch auch mal „Will es mich vielleicht doch nur ärgern?“ Nicht immer, aber oft ist das Verhalten des Kindes eher als Symptom eines Bedürfnisses zu betrachten, denn als eigenständige Aussage: Es versucht, mit dem Verhalten auf etwas anderes hinzuweisen. Gerade auch dann, wenn es sich sprachlich noch nicht besonders differenziert ausdrücken kann oder auch, wenn sich problematische Verhaltenskreisläufe eingespielt haben.
Das Verhalten des Kindes ansehen
In jenen Situationen, in denen wir dazu geneigt sind, uns über das Verhalten des Kindes zu ärgern, sollten wir zunächst das Verhalten einmal genau in den Blick nehmen: Was tut das Kind hier? Ein besonderer Blick ist dabei nicht nur auf die konkrete Handlung zu richten, sondern auch auf die Rahmenbedingungen: Ist das Kind müde? Ist es erschöpft nach einem Kita- oder Schultag? Geschieht dieses Verhalten (immer) im Zusammenhang mit anderen Kindern? Passiert es immer zu einer bestimmten Tageszeit, beispielsweise nach dem Abendessen, nach dem Aufwachen?
Solche Rahmenbedingungen können uns bereits einen guten Hinweis darauf geben, was genau das Kind leitet und damit den Blick davon weglenken, dass das Kind uns „nur ärgern“ möchte, einen Machtkampf ausübt oder das scheinbar negative Verhalten nur für sich steht.
Von Bedürfnissen geleitet
Das Verhalten der Kinder wird – wie bei uns Erwachsenen – von ihren Bedürfnissen geleitet. Während Erwachsene diesen aber oft noch besser nachspüren und sie erkennen können (obwohl selbst viele Erwachsene Schwierigkeiten damit haben, die eigenen Bedürfnisse richtig wahrzunehmen, Signale zu interpretieren oder den Bedürfnissen auch wirklich nachzugehen), können Kinder ihr Verhalten noch nicht so konkret zurückführen auf bestimmte Bedürfnisse. Sie sagen nicht: „Ich bin so müde und erschöpft, deswegen habe ich keine Energie für lange Diskussionen und hab einfach mit Dir über das Käsebrötchen gestritten.“ oder „Es war ein anstrengender Tag und ich brauche jetzt einfach jemanden, der mich in den Arm nimmt, mir zuhört und mir Liebe zeigt.“.
Es liegt an ihren Bezugspersonen, ihre Signale wahrzunehmen, richtig zu interpretieren und darauf dann angemessen zu reagieren. Auch wenn die Bedürfnisse bei verschiedenen Menschen insgesamt gleich sind, können sie sich in der Art, wie sie erfüllt werden sollen, unterscheiden und auch in ihrer Gewichtung. Ein Kind kann Nähe einfordern durch ganz bewusstes kuscheln, ein anderen beim Vorlesen eines Buches und das nächste durch gemeinsames Toben. Insgesamt können wir aber annehmen, dass die Bedürfnisse nach Nahrung, Schlaf/Ruhe/Entspannung, Sicherheit, Autonomie, Wertschätzung etc. bei allen Personen vorhanden sind und ihr Handeln leiten.
Gemeinsam die Ursache erkunden
Gerade wenn Kinder starke Bedürfnisse ausdrücken und wütend/traurig/enttäuscht sind, lohnt es sich, nicht nur auf den konkreten Auslöser dieses Gefühlsausdrucks zu blicken, sondern darauf, wofür dieses starke Gefühl jetzt gerade steht, denn nicht nur uns Erwachsenen fällt es manchmal schwer, zu erkennen, was das Kind gerade leitet, sondern auch dem Kind. Mit einem gemeinsamen Erkunden können wir dem Kind helfen, ein besseres Gespür für sich, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu bekommen.
Gemeinsam auf die Spur begeben können wir uns beispielsweise damit, dass wir (sobald das Kind wieder gut sprachlich zu erreichen ist nach einem Wutanfall), zunächst die Situation noch einmal wertfrei beschreiben. Wenn das Kind beispielweise ausdrückt, dass es sich von anderen Personen geärgert oder gestört gefühlt hat, können wir dem nachgehen und fragen „Du fandest doof, was ich gemacht habe?“. Bejaht das Kind dies, können wir gemeinsam auf die Suche nach einer passenden Gefühlsbeschreibung gehen: verärgert? enttäuscht? wütend? Im nächsten Schritt kann dann betrachtet werden, wofür dieses Gefühl steht: Du wolltest das selber/anders machen (Selbständigkeit)? Du wolltest, dass ich das für dich mache (Sicherheit)? Du wolltest, dass ich dabei zusehe (Wertschätzung)?… Auf diese Weise können wir das eigentliche Bedürfnis hinter dem Verhalten sehen und die Situation klären.
Dabei bekommen wir nicht nur einen Blick dafür, was das Kind jetzt gerade geleitet hat, sondern wenn wir konsequent in schwierigen Situationen unseren Blick für die Gefühle und Bedürfnisse des Kindes öffnen, erhalten wir einen Blick dafür, welches Bedürfnis vielleicht gerade besonders vom Kind als Mangel erlebt wird und können unseren Alltag darauf ausrichten, dieses ganz bewusst mehr einzubinden und damit Konfliktsituationen vorbeugen.
Eure
Zur Autorin: Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.
Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de
Zur Autorin: Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.
Mit einem Kind brechen wir nicht nur gewissermaßen in ein neues Leben auf, sondern werden auch zurückgeführt an den Anfang unseres eigenen Lebens. Besonders dann, wenn es um die Emotionen geht: Da liegt dieses kleine, weinende Baby in unseren Armen und wir wissen nicht, wie wir dieses Weinen begleiten sollen. Schließlich versteht es nicht unsere Worte, versteht nicht unsere Erklärungen und weiß nicht, dass das, was es jetzt gerade fühlt, wahrscheinlich bald vorüber geht. Es weint scheinbar untröstlich und anhaltend. Vielleicht fühlen wir uns hilflos oder sogar überfordert. Denn tief in uns verbirgt sich das Gefühl, dass das Weinen des Kindes beendet werden muss.
Weinen ist ein wichtiges Signal
Aber ganz so einfach ist es nicht: Natürlich ist das Weinen eines Babys ein wichtiges Signal an die Bezugspersonen, dass etwas nicht in Ordnung ist: ob nun Hunger, Schmerz, Nähebedürfnis – wird auf die leiseren Signale nicht reagiert oder ist das Kind in seinem Gefühlsausdruck ohnehin schnell von 0 auf 100, wird das Unwohlsein mit Weinen und Schreien ausgedrückt und führt dazu, dass sich die Bezugspersonen dem Baby zuwenden. Wir spüren Stress durch dieses Weinen und sind bemüht, die Not des Kindes zu beenden. Ein von der Natur sinnvoll eingerichtetet System, um auf die Bedürfnisse von Babys einzugehen. Eigentlich haben über verschiedene Kulturen hinweg Eltern den Impuls, ein weinendes Baby hoch zu nehmen, es zu tragen und mit ihm zu sprechen. Das belegt eine Studie aus dem Jahr 2017, in der die Reaktionen von 648 Frauen aus elf verschiedenen Ländern auf das Weinen von Babys untersucht wurde. Und trotzdem fällt es uns oft gar nicht so leicht, das Weinen anzunehmen, zu begleiten oder über einen längeren Zeitraum auszuhalten.
Von der interpersonellen zur intrapersonalen Emotionsregulation
Für die Emotionsregulation eines Babys sind die Bezugspersonen von besonderer Bedeutung: Sie müssen die Signale des Babys wahrnehmen, richtig interpretieren und dann passend beantworten. Auf jeder dieser einzelnen Ebenen kann es zu Kommunikationsproblemen kommen: wir nehmen nicht richtig wahr interpretieren falsch oder geben die falsche Antwort. Dass solche Fehlinterpretationen vorkommen, ist völlig normal und sogar sinnvoll: Durch die kleinen Unachtsamkeiten der Bezugspersonen haben Babys nämlich auch die Chance, sich in der Selbstregulation ein wenig zu üben. Interpretieren wir also ab und zu falsch oder reagieren zu spät, hat das Kind vielleicht schon eine eigene Antwort gefunden und sich beruhigt. Das passiert manchmal, aber nicht immer und nicht in jeder Problemsituation. Eigentlich erfolgt für das Baby recht lange eine Regulation von Emotionen von außen, die man auch als “interpersonelle Emotionsregulation” bezeichnet. Durch diese Art der Regulation durch eine andere Person lernt das Baby nach und nach, die eigenen Emotionen zu verstehen und passend darauf zu antworten, die Gefühle also selbst zu regulieren über “intrapersonale Emotionsregulation”. In der ersten Zeit sind diese Gefühle, die begleitet werden wollen, insbesondere Hunger, Müdigkeit, Schmerzen und Angst.*
Werden die Gefühle des Kindes hingegen immer wieder absichtlich oder unabsichtlich nicht berücksichtigt oder nicht richtig interpretiert, kann sich das langfristig auf die emotionale Entwicklung auswirken und es fällt zunehmend schwer, die eigenen Gefühle zu verstehen und auch die von anderen Menschen. In einer Generation von Eltern, die als Babys oft noch “schreien gelassen” wurden, um keine kleinen Tyrannen heranzuziehen oder das Kind zur Anpassung zu erziehen an die Erwachsenenbedürfnisse, und in der Kinder nicht wütend sein durften, sondern Wut mit Bestrafung oder gar körperlicher Gewalt bestraft wurde, fällt es nun vielen Eltern schwer, mit den emotionalen Signalen ihrer eigenen Kinder gut umzugehen: Wir wissen eigentlich, dass das Weinen begleitet werden sollte, aber es fällt uns schwer, dieses Weinen anzunehmen, auszuhalten und auch passend darauf zu reagieren. Vielleicht ruft es in uns sogar jene Ungeduld hervor, die wir selbst gespürt haben als Kind und wir sind verleitet, die Gefühle nicht deswegen beenden zu wollen, um das Kind zu trösten, sondern weil wir sie selber nicht aushalten und/oder uns aus der gespürten Hilflosigkeit befreien wollen.
Trösten, um zu trösten statt trösten, damit Ruhe herrscht
Der Unterschied zwischen dem “Ich tröste mein Kind, damit es endlich still ist” und “Ich tröste mein Kind, um es zu trösten” ist dabei groß: Die Intention, ein Gefühl lediglich abstellen zu wollen, hält den Kreislauf der mangelnden Zuwendung und Anerkennung unserer Gefühle am Laufen: Diese Abspaltung bestimmter Gefühle oder gar Blindheit gegenüber Gefühlen kann sich in den späteren Jahren auf das psychische und soziale Wohlergehen auswirken. Die Intention, ein Leid nicht unseretwegen, sondern des Kindes wegen beenden zu wollen, unterbricht hingegen diesen Kreislauf und erlaubt einen gesunden, ehrlichen Umgang mit der breiten Palette an Gefühlen und auch in späteren Jahren einen gesunden Umgang mit Emotionen sich selbst und anderen gegenüber.
Es ist wichtig, zu erkennen, ob ein Weinen des Babys durch eine bestimmte Ursache hervorgerufen wurde, die wir beenden können, beispielsweise wenn das Baby hungrig ist. Daneben gibt es aber auch viele Situationen, in denen wir den Grund des Weinens vielleicht nicht finden oder nicht beheben können, beispielsweise wenn die Kinder überreizt sind und ihre Anspannung durch das Weinen herauslassen. In diesem Fall können und sollten wir nicht versuchen, das Weinen vehement abstellen zu wollen, sondern sollten das Weinen begleiten. Begleiten meint, dass wir vielleicht keine Antwort finden, aber das Baby im Arm halten und das Gefühl, das es gerade ausdrückt so lange zulassen, bis es sich in unseren Armen beruhigt hat. So lernt es, dass alle Emotionen sein dürfen und nicht unterdrückt werden müssen, was auch in späteren Jahren eher einen guten Umgang mit Stress ermöglicht.** Ebenso wenig hilfreich wie ein Unterdrücken von Emotionen ist es, das Baby mit dem das Weinen auslösendem Problem allein zu lassen in einem anderen Raum: Wir können Babys durch Zuwendung und Beruhigung nicht verwöhnen, genausowenig wie wir ihnen durch mangelnde Zuwendung nicht einen gesunden Umgang mit Gefühlen vermitteln können.
Merken Eltern, dass sie mit der Begleitung des Weinens Probleme haben, in immer größeren Stress geraten oder sogar verleitet sind, das Baby mit Gewalt zum Schweigen zu bringen, brauchen sie Hilfe. Oft liegt eine eigene traumatische Erfahrung hinter diesem Impuls. Niemand muss sich dafür schämen, mit dem Weinen oder anderen herausfordernden Situationen mit einem Baby nicht zurecht zu kommen. Die früheren Umgangsweisen mit Babys und Kleinkindern haben dazu geführt, dass Probleme beim Begleiten von Emotionen keine Einzelfälle sind, sondern durchaus viele Eltern betreffen. Wichtig ist, dass wir heute durch Unterstützung lernen, diese Belastung nicht mehr weiter zu geben und unseren Kindern von Anfang an einen gesunden Umgang mit Emotionen ermöglichen und durch eine passende Unterstützung auch wieder einen Zugang zu unseren eigenen Emotionen erhalten.
Eure
Zur Autorin: Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.
Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de
Zur Autorin: Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.
* vgl. Welding, Carlotta (2021): Fühlen lernen. Warum wir so oft unsere Emotionen nicht verstehen und wie wir das ändern können. – Stuttgart: Klett-Cotta, S. 71f.
**Solter, Aletha J. (2015): Warum Babys weinen. Die Gefühle von Kleinkindern. – 3. Aufl. München: Kösel, S. 87.
Kinder brauchen Eltern, die größer, weiser, stärker und gütig sind, wie das Konzept „Kreis der Sicherheit“ die Aufgabe der Eltern im Rahmen der Bindungstheorie definiert. Aber was, wenn es Eltern durch die Rahmenbedingungen immer schwerer fällt, genau das zu sein? Wenn Erschöpfung und Verunsicherung um sich greifen, wenn die familiäre oder finanzielle Situation schwierig ist? Wenn Eltern nicht mehr wissen, wie sie Schulstoff aufholen oder vermitteln sollen, wenn die Schule gleichzeitig Druck macht, dass das passieren soll weil zu wenig gelernt werden wurde/der eigentliche Lehrplan nicht eingehalten wurde? Wenn Eltern nicht mehr strukturgebend erscheinen können, weil sie nicht wissen, wonach sie sich ausrichten sollen? Zerrissen zwischen der Sorge, die Kinder jetzt zu erschöpfen oder schlecht auf die Zukunft vorzubereiten. Wie können wir unsere „Elternfunktion“ wahrnehmen in Anbetracht der Probleme, die sich aktuell für viele Eltern stellen?
Was Kinder brauchen
Sicherheit ist die Grundlage des Bindungssystems: Kinder brauchen das Gefühl, sicher von ihren Bezugspersonen umsorgt zu werden und in ihren Bedürfnissen gesehen zu werden. Das bedeutet nicht, dass wir als Eltern immer alle Wünsche erfüllen müssten oder die Bedürfnisse der Kinder immer Vorrang hätten vor den eigenen. Es bedeutet aber, dass Kinder das grundlegende Gefühl benötigen, sicher umsorgt zu sein auf körperlicher und psychischer Ebene.
Für uns Eltern bedeutet dies, dass wir den Kindern einen sicheren, schützenden Rahmen vorgeben, an dem sie sich orientieren können. Wir begleiten sie in das Leben und geben ihnen einerseits all die Rahmenbedingungen der Umwelt, aber zugleich auch die Rahmenbedingungen des sozialen Miteinanders mit. Wir erklären ihnen die Welt, vermitteln Werte, zeigen Grenzen von Menschen, Dingen und sozialen Systemen auf. Dies brauchen unsere Kinder, um sich zu orientieren. Wir sind die verlässlichen Bezugspersonen an ihrer Seite, an denen sie sich orientierten können, an denen sie sich anlehnen können auf dem Weg, die Welt kennenzulernen und zu verstehen. Wir sind da, um sie zu stützen und zu begleiten, bis sie selbst laufen können – im übertragenen Sinne. Dabei haben wir ein Verständnis für ihre Bedürfnisse und auch ihre jeweiligen Fähigkeiten und berücksichtigen, dass sie Fehler machen, lernen, sich ausprobieren. Das ist es, was die Haltung der Erwachsenen als „größer, weiser, stärker und gütig“ umschreibt.
Was Eltern brauchen, um Kindern geben zu können, was sie brauchen
Auch wenn wir eigentlich wissen, was Kinder brauchen, ist es dennoch gar nicht so einfach, ihnen das, was sie brauchen, auch zu geben. Denn hier spielen viele Faktoren zusammen, die es manchmal schwer machen, die Position der schützenden, unterstützenden und verständnisvollen Person einzunehmen. Zum einen sind dies psychische Faktoren, die es uns manchmal schwer machen, liebevoll und verständnisvoll und gleichsam auch sich selbst gegenüber bedürfnisorientiert zu sein sein: Manchmal sind wir so sehr von unseren eigenen Kindheitserfahrungen geprägt, dass sie uns – besonders in Konfliktsituationen – einholen und wir Dinge sagen oder tun, die wir eigentlich vermeiden wollten. Daran dass uns eigene negative Erfahrungen manchmal einholen, können wir arbeiten: Mit einer Mischung aus Informationen über kindliche Entwicklung und Methoden zur Entspannung in Konfliktsituationen, lässt sich ein anderer Weg gehen. Manchmal braucht es auch eine therapeutische Unterstützung, um von bestimmten Denkmustern und Verhaltensprozessen weg zu kommen.
Wichtig ist auch, dass die eigenen Erfahrungen auch dazu führen können, dass wir versuchen, negativen Erfahrungen ganz aus dem Weg zu gehen und in Auseinandersetzungen immer zurückweichen, Konflikte mit dem Kind nicht aushalten. Hierdurch können wir allerdings auch nicht jene Stärke und Sicherheit geben, die Kinder brauchen. Auch hier kann eine therapeutische Begleitung sinnvoll sein, um das Muster der Konfliktvermeidung oder Überkompensation zu durchbrechen.
Neben diesen psychischen Faktoren gibt es aber auch Einflussfaktoren aus unserem Alltag, die sich auf unser Verhalten auswirken. Stress vermindert unsere Feinfühligkeit, wodurch es uns schwerer fällt, die Signale und Bedürfnisse der Kinder wahrzunehmen. Gleichzeitig begünstigt die erhöhte Anspannung auch, dass wir die oben erwähnte Regulation unserer erlernten Muster schwerer beherrschen. Stress, der sich auf uns auswirken kann, ergibt sich dabei direkt aus stressigen Rahmenbedingungen wie Druck bei der Arbeit, Zeitdruck, Partnerschaftskonflikten, aber auch Sorgen um finanzielle Absicherung. Auch eine ungerechte Aufgabenverteilung zwischen den erwachsenen Familienmitgliedern führt zu Stress. Auch wenn wir es durch beispielsweise Zeitdruck nicht schaffen, unsere Bedürfnisse nach Schlaf, Ernährung, sozialem Austausch nachzukommen, führt das zu Stress und Erschöpfung, die sich wiederum auf das soziale Miteinander auswirken.
Damit Eltern die so wichtige Position und sichere, schützende, unterstützende Beziehung zu ihren Kindern anbieten können, brauchen Eltern Informationen über kindliche Entwicklung und kindliches Verhalten, Anregungen zur Veränderung von Verhaltensmustern (wenn negative Verhaltensmuster erlernt wurden, ggf. therapeutische Unterstützung) und wenig Stress.
Wie Eltern für sich sorgen können
Gerade jetzt ist es nicht einfach, Stress aus dem Alltag auszuschließen. Die Pandemie fordert von Eltern besonders viel, führt zu Stress und entzieht damit Rahmenbedingungen, um gut mit Kindern umgehen zu können. Angst und Sorge wirken sich auf das psychische Wohlergehen aus, ebenso wie finanzielle Sorgen, Kontaktbeschränkungen und Mangel in der Erfüllung sozialer Bedürfnisse. Viele Erwachsene fühlen sich in ihrer Selbstwirksamkeit eingeschränkt.
Viele dieser Einflussfaktoren können wir aktuell nicht beseitigen. Wir brauchen vor allem auch politische Lösungen, die Familien mehr in den Blick nehmen. Aber wir können zumindest an einigen Stellen einige Stressoren ausschließen oder vermindern. Auch wenn die Selbstwirksamkeit an einigen Stellen eingeschränkt ist, haben wir immer noch einen Handlungsspielraum, in dem wir uns als aktiv und wirksam erfahren können. Gerade jetzt ist es besonders wichtig, dass wir uns in Selbstfürsorge üben: Essen wir ausreichend und regelmäßig? Trinken wir genug? Schlafen wir genug und lassen uns nicht durch die Pandemie zu Revenge Bedtime Prokrastination hinreißen? Bewegen wir uns gut und ausreichend, auch wenn unsere eigentlichen Wege viel kürzer sind als sonst durch das Homeoffice? Atmen wir nicht nur oberflächlich und flach durch Stress, sondern auch mal tief durch? Wie sieht es mit Liebe und Sexualität aktuell aus, sind wir erfüllt? Sorgen wir auch trotz Kontaktbeschränkungen für sozialen Kontakt, damit wir uns zugehörig fühlen zu anderen und werden optimalerweise von diesen Menschen wertgeschätzt? Auf diese Bedürfnisse zu achten hört sich so banal an, aber mit einem besseren Blick für die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse können wir durchaus etwas an unserem Wohlbefinden und Stresslevel verändern.
Gewaltfreie und friedvolle Elternschaft ist möglich, ohne dass wir uns und unsere Grenzen selbst vergessen oder übertreten. Im Gegenteil: Das sichere, selbstbestimmte Einhalten der eigenen und sozialen Grenzen ist sogar zwingend notwendig, um gewaltfrei mit Kindern leben und ihnen anhand dieser Grenzen den Entwicklungsrahmen zu bieten, in dem sie sich frei entfalten können“
S. Mierau „Frei und unverbogen“, S. 189
Natürlich sollte Selbstfürsorge dabei nicht zu neuem Stress führen. Es geht vielmehr darum, einen guten Blick für sich zu entwickeln und sich Pausen zu gönnen. – Denn gerade als Elternteil ist es wichtig, auf sich zu achten und gut für sich zu sorgen. Damit gewinnen wir eine innere Klarheit und können diese als Struktur nach Außen vertreten.
Größer, weiser, stärker und gütig – Die Pandemie-Edition
Wenn wir es schaffen, unsere eigenen Bedürfnisse als wichtig zu betrachten und ihnen im Alltag Aufmerksamkeit zu schenken, haben wir auch mehr emotionale Ressourcen, um mit dem Verhalten unserer Kinder gut umgehen zu können. Und auch hier ist es wichtig, dass wir gerade jetzt sehr wohlwollend auf sie blicken und Verständnis dafür haben, dass natürlich auch sie unter den Rahmenbedingungen leiden. Auch sie sind in der Selbstwirksamkeit eingeschränkt, haben weniger Erfahrungsraum, weniger Möglichkeiten, sich auszuprobieren in Auseinandersetzung mit der Umwelt, aber auch mit anderen Menschen.
Kinder im Kindergartenalter, die gerade jetzt in der „Autonomiephase“ sind, haben es oftmals besonders schwer, mit den aktuellen Gegebenheiten umzugehen und zeigen ihre Unzufriedenheit und die vielen Anforderungen an ihre Kooperationsfähigkeiten (Masken tragen, nicht zu nah an Menschen gehen, nicht alles anfassen,…) durch mehr Wut, Unzufriedenheit und manchmal auch mehr Wunsch nach Zuwendung und Aufmerksamkeit. Auch die geringen Kontakte zu Freund*innen sind anstrengend für sie.
Es ist wichtig, dass wir versuchen, auch ihre Bedürfnisse in den Blick zu nehmen und dabei besonders auch sehen, dass ihr Entwicklungsumfeld stark beschnitten ist, was eben zu Unzufriedenheit und Wut führen kann. Unser Blick sollte darauf gerichtet sein, wo wir es ihnen im Alltag ermöglichen können, sich als selbständig zu erleben, als aktiv. Auch wenn sie vielleicht gerade von anderen sozialen Gruppen entfernt sind, können wir ihnen das Gefühl geben, dass sie in der Familie gesehen und respektiert werden, dass sie darin einen wichtigen Platz einnehmen.
Vor allem aber ist es wichtig, dass wir ihnen zeigen, dass wir als Bindungspersonen zur Seite stehen: Dass wir nicht noch mehr Druck und Stress ausüben (gerade auch in Bezug auf Schule), sondern sie unterstützen und notfalls Druck und Stress von ihnen abhalten. Dies ist Teil unserer Elternaufgabe: Wenn wir merken, dass unsere Kinder dem Lerndruck nicht folgen können, sollten wir nicht noch mehr Druck ausüben (wodurch auch diese wichtige Beziehung und aktuell für viele Kinder wichtigste Beziehung gestört werden kann), sondern aktiv ins Gespräch mit der Schule gehen.
Eine sichere Bindungserfahrung, gerade jetzt unter diesem Stress, ist kurz- und langfristig wichtiger, als viele andere Schulvorgaben. Als Eltern sollten wir uns den Druck des Lernerfolgs nicht nach Hause holen. Wenn unser Kind Schwierigkeiten mit dem Lernen zu Hause hat, sollten wir uns nicht in die Position begeben, mit Druck das Lernen einzufordern. Wir können reden, nach kreativen Lösungen suchen, aber müssen und sollten nicht Druck ausüben in einer ohnehin schwierigen Zeit. Es ist Aufgabe der Schulen und Politik, die versäumten Inhalte aufzubereiten, nachzubereiten, Konzepte zu entwickeln. Unsere Aufgabe als Eltern ist es, gerade jetzt der Fels in der Brandung zu sein, der sichere Hafen, die liebevolle Unterstützung.
Eure
Zur Autorin: Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.
Foto: Ronja Jung für geborgen-wachsen.de
Zur Autorin: Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.
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