Monat: November 2013

Rituale für die Weihnachtszeit mit Kindern

Adventsgärtlein

Nun fängt der Dezember an. Die magische Zeit vor dem Weihnachtsfest. Magische Zeit? fragen sich vielleicht der ein oder andere, der gerade vor Stress nicht weiß, wohin. Ja, denn es ist eine magische Zeit. Besonders für die Kinder – wenn man sie lässt.

Weihnachten kann so viele verschiedene Dinge bedeuten. Für die einen sind es viele verschiedene Adventskalender, deren Türchen jeden Tag geöffnet werden und der Stress, noch schnell Geschenke kaufen zu gehen, die dann in Papier eingewickelt und am Weihnachtsabend aufgerissen werden. Aus meiner eigenen Kindheit und Jugend kenne ich diese „Geschenkeübergabe“, wo dann alle wild alles aufreißen und es gar nicht mehr so um das Individuelle, um den Gedanken geht. Deswegen mache ich es mit meinen Kindern anders. Und dieses „anders“ beginnt mit dem Zauber, den die Weihnachtszeit bereit hält.

Ob nun religiös oder nicht, die Weihnachtsgeschichte ist eine Geschichte, die für Kinder interessant ist. Es ist in erster Linie zunächst ein Märchen. Ein Märchen, in dem ein Baby geboren wird und in dem Engel vom Himmel herab steigen. Eine wundersame Geschichte für Kinder, über die man reden kann, die immer und immer wieder vorgelesen werden kann in der Weihnachtszeit. Und um dieser Geschichte einen passenden Rahmen zu geben, gibt es viele kleine Rituale, die auf das Fest der Weihnacht hinweisen. Für uns ist diese Adventszeit deswegen mit verschiedenen Ritualen bestückt, die jeder für sich auf das große Fest vorbereiten.

Das Adventsgärtlein

Das Adventsgärtlein findet im Kindergarten statt. Es ist ein Ritual, das besonders in der Waldorfpädagogik eingebunden ist, aber ich habe auch schon von anderen Kindergärten gehört, die das Adventsgärtlein zur Vorbereitung auf die Weihnachtszeit in ihren Jahresrhythmus eingebunden haben. Beim Adventsgärtlein wird auf dem Boden eines großen Raums eine dreifach gewundene Spirale aus Tanne und Moos gelegt, die mit schönen Dingen geschmückt wird. In der Mitte steht eine brennende Kerze. Während ein Adventslied gesungen wird von den Eltern, betreten die Kinder schweigend den Raum mit einer Kerze, die in einem Apfel steckt. Die Kinder setzen sich um die Spirale und dann gehen sie einzeln nacheinander die Spirale entlang zum Licht in der Mitte, entzünden dort ihre Kerze und stellen sie auf der Spirale ab. So wird der Raum nach und nach heller. Das Ritual zeigt, worum es in der Adventszeit geht: Ruhe, Besinnlichkeit, Einkehr nach Innen, warten auf das Licht der Welt. Es ist eine wunderbare Einstimmung auf die Adventszeit.

Der Adventskranz und Advent feiern

Und auch beim Adventskranz wird genau dies wieder aufgegriffen: Mehr und mehr Kerzen werden angezündet in Erwartung des Lichts der Welt: Jesus‘ Geburt. Der Kranz steht dabei für die Ewigkeit des Lebens. Gemeinsam schmücken wir deswegen jedes Jahr den Adventskranz. Je nachdem, wie viel Zeit wir dafür haben, mal stärker, mal weniger. Im letzten Jahr war es nur ein ganz einfacher Tannenkranz mit Kerzen und einigen Zimtstangen aus der Backabteilung, getrockneten Orangenscheiben und Tannenzapfen. In diesem Jahr wollen wir eine hängende Variante über dem Küchentisch ausprobieren. Angezündet werden die Kerzen nacheinander an jedem der vier Sonntage vor Weihnachten. Am Sonntag gibt es dann unser selbstgemachtes Sonntagssüß, zum Beispiel Bratäpfel aus dem Ofen, den Besuch eines Weihnachtsmarktes oder eine andere schöne Aktion. Die Weihnachtspostfiliale in Himmelpfort wollen wir auch noch besuchen.

Lebkuchenhaus

Ein weiterer Bestandteil unserer Weihnachtsvorbereitungen ist das Lebkuchenhaus, das zum 1. Dezember fertig sein soll. Ich backe es in jedem Jahr mit den Kindern. Immer etwas krumm und schief und meistens passt irgendein Teil nicht so ganz auf das andere oder muss nachgeklebt werden. Die Tochter liebt besonders das Verzieren und Naschen dabei. In das Haus kommt ein kleines Licht, das unter der Woche brennt, wenn wir am Tisch sitzen.

Jahreszeitentisch

Wie zu allen anderen Jahreszeiten und Jahresfesten, bereiten wir auch für den Winter und Weihnachten den Jahreszeitentisch. Nun werden die Kastanien und die Hagebuttenfee herunter genommen und es kommen die Tannenzapfen, das weiße Schneetuch und die Weihnachtssternfee dazu.

Weihnachtsgebäck und Baumschmuck

Natürlich wollen in der Weihnachtszeit auch all die Keksdosen gut aufgefüllt werden. Und in dieser besonderen Zeit gilt auch eine Ausnahme vom Sonntagssüß, denn jetzt gibt es auch Kekse unter der Woche zum Knabbern am Nachmittag bei warmem Tee oder Kakao. Und an und zu mopst sich die Weihnachtsmaus auch einen Keks zwischendurch heraus.

Das ganze Jahr macht diese Maus
den Menschen keine Plage.
Doch plötzlich aus dem Loch heraus
kriecht sie am Weihnachtstage.

Zum Beispiel war vom Festgebäck,
das Mutter gut verborgen,
mit einem mal das Beste weg
am ersten Weihnachtsmorgen.

-James Krüss-

Bestimmt mindestens einmal wöchentlich wird gebacken. Dabei kann die Tochter bei der Auswahl der Kekse mitbestimmen, aber es gibt auch spezielle Varianten für uns Erwachsene, die nicht ganz so bunt sind.

Zwei Wochen vor Weihnachten wird dann auch der Baumschmuck gebacken: Das sind bei und Lebkuchenmänner und Lebkuchenschaukelpferde. Sie werden mit Zuckerguss bemalt und kommen dann mit roten Samtbändern an den Weihnachtsbaum.

Adventskalender und Adventsbücher

Jeden Tag rückt das Weihnachtsfest ein Stückchen näher. Um zu zeigen, wie die Tage weniger werden, haben wir Adventskalender mit Beuteln, wo jeden Tag ein Beutelchen abgenommen wird. Und je mehr sich die Schnur an der Wand lichtet, desto näher rückt das große Fest. Die Adventsbeutelchen befülle ich in jedem Jahr selber. Jedes Jahr ein bisschen anders.

Neben den anderen Weihnachtsbüchern, haben wir in diesem Jahr ein Vorlesebuch, das für jeden Tag eine Geschichte bereit hält, quasi ein Adventskalender in Buchform.

Nikolaus und Knecht Ruprecht

Das Nikolausfest ist das letzte „große“ Ereignis vor dem Weihnachtsfest. Es werden die Schuhe geputzt, wir lesen die Geschichte vom heiligen Nikolaus und von Knecht Ruprecht und sagen das Gedicht „Knecht Ruprecht“ auf. Die Schuhe werden mit Keksen an die Wohnungstür gestellt und am Morgen wird erst einmal bestaunt, was dort geschehen ist. Tanne, Orangen, Nüsse, kleine Glitzersterne und natürlich auch Geschenke und Süßes finden sich an und neben den Schuhen.

Teilen, schenken, Geschenke basteln

Die Weihnachtsgeschenke für die Kinder bringt natürlich der Weihnachtsmann oder das Christkind – das darf man sich bei uns aussuchen. Aber wir Erwachsenen beschenken uns gegenseitig. Ich finde es auch schön, den Kindern das Teilen näher zu bringen. Deswegen sortieren wir wenn es kälter wird, Kleidung aus, die wir nicht mehr brauchen und bringen sie zur Stadtmission. Und auch für Freunde und Familie wird gebastelt und Gebasteltes verschenkt. Einfache Kleinigkeiten, um zu zeigen, dass man an den anderen denkt. Auch das bedeutet für mich, sich auf Weihnachten vorzubereiten.

3 x 24 – Die Adventskalender hängen

Adeventskalender

Es beginnt zu weihnachten. In dieser Woche wird das Lebkuchenhaus gebacken, der Adventskranz wird gebunden. Im Kindergarten findet das Adventsgärtlein statt. Und nun hängen auch die Adventskalender in unserer Küche. In diesem Jahr habe ich zum ersten Mal drei Kalender gemacht; im letzten Jahr war der Sohn noch zu klein. Was wohl in den Kinderbeutelchen zu finden ist?

Tochter_Adventskalender

Tochterkalender mit 4 Jahren und 9 Monaten

Als wir zum ersten Mal gemeinsam Weihnachten feierten, war die Tochter 9 Monate alt. Da gab es noch keinen Kalender für sie. Im darauf folgenden Jahr sollte sie aber ebenso wie wir einen bekommen. Ich gab mir viel Mühe mit der Auswahl und packte liebevoll die Päckchen mit kleinen Hübschigkeiten. Schnell aber entdeckte sie, dass wie Erwachsenen Schokolade in unseren Beutelchen hatten und sie nicht. Deswegen mussten wir alsbald unseren Kalender mit ihr teilen. Im folgenden Jahr wünschte sie sich dann auf jeden Fall auch Schokolade für ihren Kalender. Und so erhält sie nun in jedem Jahr einen selbstgemachten Kalender mit Schokolade und ein paar ausgewählten Kleinigkeiten. In diesem Jahr hat sie sich einen Kalender mit Zahlen gewünscht, denn bislang hatte sie nur Stoffbeutel ohne Aufdruck und konnte jeden Tag davon frei wählen. Nun aber kennt sie schon viele Zahlen und ist begierig, sie zu lesen. Deswegen habe ich in diesem Jahr aus einfachen Papierbeuteln einen Kalender gebastelt: Auf jeden Beutel wurde eine Zahl aus Holz aufgeklebt. Die Tüten wurde gelocht und auf eine rote Samtschnur aufgezogen. Dazwischen kamen noch etwas Thymian und getrocknete Apfelscheiben. Und in den beutelchen sind kleine Schokoladentäfelchen – für jeden Tag eines und dazu gibt es Glitzermalstifte, Pferdetattoos, eine kleine Strickkatze zu Nikolaus, Haarspangen und Tinti.

Sohn_Adventskalender

Sohnkalender mit 14 Monaten

Was die große Schwester macht, das wird mitgemacht. Und deswegen steht es außer Frage, dass auch der Sohn einen eigenen Kalender bekommt. Er erhält nun die Stoffbeutelchen ohne Zahlen und kann sich jeden Tag einen davon abpflücken. Und was für ihn darin ist? Eine Kiste Haba-Fantasiebausteine (glücklicherweise hat Haba bei Stiftung Warentest recht gut abgeschnitten im Holzspielzeugtest), die für jeden Tag 1-2 Bausteine hergibt und dazu an jedem Tag einen ungesüßten Kinderkeks. Zu Nikolaus gibt es wie bei der Tochter ein kleines Kätzchen.

Und der 3. Kalender ist für @leitmedium. Aber was da drin ist, verrate ich hier nicht. Nur so viel: Die Tochter hat es ausgesucht.

Und was gibt es bei Euch?

Sonntagssüß: Schnelle Babykekse ohne zugefügten Zucker

Ihr habt es ja gesehen: Unser Wochenende haben wir diesmal im Krankenhaus verbracht. Deswegen gab es am Sonntag auch kein selbstgemachtes Sonntagssüß. Heute haben wir dafür ein ganz schnelles, einfaches Sonntagssüß nachgeholt. Es geht ja langsam auf Weihnachten zu und das ist ganz klassische Kekszeit. Natürlich kann man dem Sohn nicht immer zuckersüße Weihnachtsplätzchen geben oder ihm das Knabbervergnügen ganz vorenthalten. Weiterlesen

Natur, Natur und einfach spielen lassen – Wie Kinder heute wachsen sollten

Wie_Kinder_heute_wachsen

Schon lange liegt das neue Buch von Herbert Renz-Polster und Gerald Hüther auf meinem Schreibtisch. Ich bin lange nicht dazu gekommen, es gründlich zu lesen, denn ich habe meine Tochter im Kindergarten eingewöhnt. Nach wirklich langer Suche (und nachdem wir sie aus einem schlechten Kindergarten hinaus genommen haben), haben wir einen wunderbaren Platz für sie gefunden. Einen Kindergarten, in dem täglich hinaus gegangen wird bei jedem Wetter, bei dem einmal in der Woche ein Waldbesuch ansteht und einmal wöchentlich der Bauernhof aufgesucht wird. Dort wird mit Pflanzen Stoff gefärbt, Kinder klettern auf Bäume und bauen sich kleine Hütten im Wald. Noch nie zuvor kam meine Tochter mit so vielen Schürfwunden oder blauen Flecken nach Hause. Aber sie ist auch sehr glücklich dort. Und das mitten in Berlin.

In meinem Umfeld höre ich oft, dass Familien aufs Land oder zumindest an den Stadtrand ziehen wollen, weil die Kinder in der Stadt keine Natur erleben könnten und die Kindheit hier so eingeschränkt sei. Und nun kommen wir zum Buch von Renz-Polster/Hüther. Stimmt nicht, sagen die nämlich. Es kommt nämlich nicht nur auf den Raum an, sondern eben auch auf unsere Einstellung, unsere innere Haltung zu dem, was uns wichtig ist und zu dem, was wir denken, dass unsere Kinder „lernen“ müssen. Im Frühförderwahn denken wir zu oft, dass Lernspiele, Apps und Wissensbücher den Kindern alles Wichtige vermitteln. Doch Kinder lernen nicht auf diese Weise. Sie lernen durch das Tun. Renz-Polster und Hüther beschreiben das so wunderbar mit dem folgenden Bild:

Bäume brauchen Wurzeln, das weiß jedes Kind. Und ein kleiner Baum kann umso besser wachsen und gedeihen, je kräftiger seine Wurzeln sind, mit denen er sich im Erdreich verankert und seine Nährstoffe aufnimmt. Nur wenn es einem kleinen Baum gelingt, tief reichende und weitverzweigte Wurzeln auszubilden, wird er später auch Wind und Wetter, ja sogar Stürme aushalten.

Auch Kinder brauchen feste Wurzeln. Offenbar wissen das nicht alle Eltern, auch nicht alle Erzieher oder gar alle Bildungspolitiker. Sie halten das, was man an jedem Baum sehen, messen und zählen kann, also die Äste oder die Blätter oder auch nur die Früchte, für wichtiger als die verborgenen Wurzeln.

Kinder können im freien Spiel in der Natur Grundkompetenzen erwerben, die die Basis für alles andere sind. Diese Grundkompetenzen wie Selbstwirksamkeit, Hingabe, Mitgefühl, Geduld und Verbundenheit sind nichts, was man ihnen in einem Lehrplan beibringen könnte. Sie lernen durch sich und dem Zusammensein mit anderen. Sie erproben, machen Fehler, korrigieren, lernen. Und sie lernen dort auch ein Gut kennen, das wir in unserer hektischen Zeit kaum noch vermitteln können: Langsamkeit.

Renz-Polster und Hüther gehen sehr anschaulich vor und zeigen sanft auf, was es ist, was Kinder wirklich benötigen. Dabei werden diese Bedürfnisse auch noch durch wissenschaftiche Fakten aus der Hirnforschung untermalt. Auf diese Weise entsteht ein neues Bild vom Kind. Ein realistisches Bild, dem wir uns wieder annähern sollten. Sie nehmen Eltern die Angst, Zeitfenster der Entwicklung zu verpassen und Kinder möglichst früh möglichst optimal zu fördern. Und sie machen auch klar: Ja, Kinder können sich im freien Spiel verletzen und es ist auch immer ein wenig gefährlich in der Natur. Aber nur ein wenig. Und Kinder lernen durch die Auseinandersetzung mit der Natur auch einen besseren Umgang mit ihr. Dabei wird nicht aus dem Blick gelassen, dass heute nunmal heute ist und es auch Fernseher und Computer gibt. Wie sie selber schreiben ist „Medienbashing“ zu einfach. Computer und Co. sind nicht per se schlecht. – Auch das lässt Eltern wieder aufatmen, denn hört man heute zur Genüge, wie schädlich der Einfluss der Medien sein soll. Auf die Dosis und die Art kommt es an.

Es geht also gar nicht so sehr nur um die Natur und darum, dass Kinder mit Stöckchen und Eicheln spielen sollten. Es geht darum, dass Kinder Kinder sein sollen. Dass sie im freien Spiel in der Natur Dinge erlernen, die wir ihnen nicht beibringen können, die sie aber benötigen. Um Mitgefühl und Einfühlungsvermögen zu entwickeln, gibt es keine Apps oder Computerspiele. Das ist etwas, was man nur im Zusammensein mit anderen lernen kann und in der Auseinandersetzung mit dem Leben. Gerade diese beiden Eigenschaften sind es jedoch, die nach und nach verloren gehen in unserer Welt, die so sehr auf den Einzelnen fokussiert. In der wir uns mit Ellenbogen nach vorn bewegen wollen – oder zumindest unsere Kinder dies tun sollen. Wir wollen ja schließlich nur ihr Bestes.

Doch wenn wir dies wirklich wollen, müssen wir unsere Einstellung überdenken. Wir als Eltern, aber auch alle Erzieher und Lehrer. Wir müssen hinterfragen, wohin wir mit unseren Lehrplänen eigentlich wollen und wie die Zukunft gestaltet werden soll. Es ist ein Umdenken notwenig in unserer Gesellschaft, wenn wir uns eine schöne und gesunde Zukunft für unsere Kinder wünschen. Ein Umdenken, das viele Ebenen anspricht und viele Menschen. Das Buch von Herbert Renz-Polster und Gerald Hüther kann ein erster Anstoß sein für Eltern. Und nach der Lektüre fühlt man sich geradezu verpflichtet, mehr in die Wege zu leiten.

Daher: Wer es noch nicht gelesen haben sollte, sollte es sich vom Nikolaus in den Schuh stecken lassen. Es gibt viele Dinge, über die man an langen Winterabenden nachdenken kann.

 

Ich kauf im Kiez – Folge 2: zu Hause einkaufen bei me&i

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Na gut. Ich gebe es zu: Von zu Hause was zu kaufen, ist nicht identisch mit im Kiez kaufen. In diesem Fall aber doch fast, weil nämlich nicht einfach per Klick gekauft wird, sondern das Geschäft zu einem nach Hause kommt.

Über Twitter habe ich zum ersten Mal von dem schwedischen Modelabel me&i erfahren. Im September wurden Berliner Bloggerinnen zum Kaffeeklatsch eingeladen mit Vorführung der Kollektion. Leider konnte ich nicht dort sein, denn Magen-Darm hatte uns alle erwischt. Im Oktober kam dann aber doch noch eine Möglichkeit, die kunterbunte Kindermode zu bewundern: Im Kinderwagenkino im Babylon wurde die aktuelle Kollektion vorgestellt. Mit vor Ort zwei me&i Beraterinnen, die mir alles Wissenswerte über die Produkte erzählten:

Me&i ist das schwedische Label von Helene Nyrell. Sie entwirft Baby- und Kindersachen, aber auch Damenbekleidung und Kosmetikartikel gehören zum Sortiment. Die Babysachen sind zu einem großen Teil aus Organic Cotton gefertigt und laut Firmenphilosophie wird besonderer Wert auf faire Produktion in europäischen Familienbetrieben gelegt. Das klingt schon einmal toll, aber der Vertriebsweg ist es, den ich besonders spannend finde: me&i gibt es nämlich nicht einfach in Läden zu kaufen, sondern die Sachen werden von Beraterinnen verkauft, die frei von zu Hause arbeiten und zu Familien nach Hause kommen. „Homepartys“ heißen die Veranstaltungen, bei denen man seine Freunde einlädt und dann Besuch von einer der me&i-Mitarbeiterinnen bekommt, die die aktuelle Kollektion vorstellt. Man kann das Material in Ruhe ansehen und befühlen, Fragen stellen und in Ruhe anprobieren. Eine tolle Sache für alle, die – wie ich – einkaufen mit Kindern in Einkaufszentren unangenehm finden und denen sich beim Gedanken an Anproben in engen Ankleidekabinen die Nackenhaare aufstellen.

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Und das Befühlen und Ansehen hat mich überzeugt. Die schönen Retro-Looks der aktuellen Kollektion haben mir sehr gefallen. Aber ob die Sachen auch halten, was sie auf den ersten Blick versprechen? me&i hat mir meine beiden Favoriten zum Testen angeboten: Einen Body mit süßem Auto-Aufdruck im Retro-Look und eine kuschelige Hose mit kleinem Häschen. Beides habe ich mehrfach gewaschen nach Gebrauch durch den Sohn. Und mein Fazit: auf jeden Fall empfehlenswert. Am Body (Organic Cotton) gefallen mir besonders die umschlagbaren Ärmel: Die Ärmel sind doppelt genäht und so lange der Arm noch ein wenig zu lang ist, kann man ihn umkrempeln und es sieht trotzdem sehr schön aus mit dem Aufdruck. Also ein mitwachsendes Kleidungsstück, was ja immer praktisch ist. Die niedliche Hose hat innen ein verstellbares Gummiband, so dass sie auch den schlankeren Kindern wie dem Sohn gut angepasst werden kann. Beides hat den Wäschetest und den Alltagsstrapazentest gut überstanden und wird uns wohl noch eine Weile begleiten.

Deswegen: Wer nicht einkaufen gehen möchte, kann auch gut von zu Hause an tolle Kinderkleidung kommen. Let’s party!

 

Hebammen im Koalitionspapier dank Jens Spahn?

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Diess Bild ging in den letzten Tagen durch das Internet, geteilt von Anke Bastrop, die auch die Hebammenpetition auf Change.org ins Leben gerufen hat. Jens Spahn, Bundestagsabgeordneter der CDU, und Karl Lauterbach von der SPD haben die Gespräche der Gesundheitspolitiker über die Leitlinien der neuen Regierung in Hinblick auf Gesundheit und Pflege geleitet. Zunächst hieß es:

Die Sicherung des Hebammenwesens steht NICHT im Koalitionsvertrag. In der ersten Fassung war noch vorgesehen, etwas für die Hebammen zu tun. Dann wurde die Zukunft der Geburtshilfe einfach rausgestrichen.

Die Situation der Hebammen wurde für die Koalitionsverhandlungen nicht berücksichtigt. Es erhob sich eine Welle des Protestes. Zahlreiche BlogerInnen schrieben Artikel, Facebook und Twitter liefen heiß.

Jens Spahn selbst twittert dazu:

 

Das ist schon ein interessantes Statement. Dies insbesondere in Verbindung mit seinem jüngst veröffentlichten Blogartikel „Gut, gut erreichbar und sicher – das Krankenhaus der Zukunft“, in dem heißt es beispielsweise:

Die Qualitätsberichte werden künftig auch erstmalig Einfluss auf die Bezahlung der Kliniken haben. Kurz gesagt: Wer bei bestimmten Leistungen gute Qualität liefert, soll mehr bekommen als jemand, der unterdurchschnittlich arbeitet. Das ist ein verantwortlicher Umgang mit den Geldern der Patienten und motiviert, sich und seine Leistung ständig zu hinterfragen und zu verbessern.

oder auch:

Vielerorts scheitert die Umstrukturierung am Widerstand vor Ort. Wenn ein Krankenhaus geschlossen oder anderweitig genutzt werden soll, geht ein großer Aufschrei durchs Land. Dabei wird in Regionen, in denen Häuser zusammengelegt und Kompetenzzentren geschaffen werden Erfolgsgeschichte geschrieben. Wir wollen den Abbau von Überkapazitäten, die Konzentration von Krankenhausstandorten und die Umwandlung von Krankenhäusern in lokale Versorgungseinrichtungen wie MVZs, Gesundheits- oder Pflegezentren mit einem Investitionsfonds in Höhe von 500 Millionen Euro unterstützen. Wir sind der festen Überzeugung, dass am Ende dieses Prozesses ein besseres Angebot für die Patientinnen und Patienten stehen wird.

Da sieht man dann schon, aus welcher Richtung der Wind weht und wie wohl die Einstellung zur außerklinischen Geburtshilfe aussehen mag. Ein Investitionsfonds in Höhe von 500 Millionen Euro für Krankenhäuser und deren Umwandlung.

Nun heißt es von ihm:

 

Doch in welcher  Weise wird hier eine Erwähnung stattfinden? Und wird es wirklich eine Bewegung in die richtige Richtung sein, wenn sein Anliegen doch eher in Hinblick auf die Krankenhäuser geht? Können wir wirklich beruhigt sein?

Geborgene Schwangerschaft adé? – Warum wir freie Hebammen brauchen

Hebamme

Ihr habt es längst schon überall gelesen: Die freien Hebammen sind in einer Krise. An vielen Stellen sieht man Plakate mit dem Schriftzug „Die erste Frau in meinem Leben war eine Hebamme!“ Und obwohl ich mit gerade diesem Protestplakat nicht einverstanden bin, da die erste Frau im Leben nun einmal die Mutter ist und wir Frauen auch genau in dieser Ansicht bestärken sollten, damit Schwangerschaft und Geburt selbstbestimmte und individuelle Lebensereignisse sind, gehe ich mit dem Protest mit. Familien brauchen Hebammen – und zwar freie Hebammen, die nicht an eine Institution gebunden sind.

Hebammen sind DIE Fachpersonen unter der Geburt – schon laut Gesetz

Denken wir an Hebammen, fällt uns natürlich als aller erstes die Hilfe bei der Geburt ein, die eine Hebamme leistet. Sie – nicht der Arzt – ist die Fachperson unter der Geburt. So regelt es das Hebammengesetz, in dem es heißt:

§ 4

(1) Zur Leistung von Geburtshilfe sind, abgesehen von Notfällen, außer Ärztinnen und Ärzten nur Personen mit einer Erlaubnis zur Führung der Berufsbezeichnung „Hebamme” oder „Entbindungspfleger” sowie Dienstleistungserbringer im Sinne des § 1 Abs. 2 berechtigt. Die Ärztin und der Arzt sind verpflichtet, dafür Sorge zu tragen, daß bei einer Entbindung eine Hebamme oder ein Entbindungspfleger zugezogen wird.
(2) Geburtshilfe im Sinne des Absatzes 1 umfaßt Überwachung des Geburtsvorgangs von Beginn der Wehen an, Hilfe bei der Geburt und Überwachung des Wochenbettverlaufs.
Nach diesem Gesetz darf sogar ein Arzt nur im Notfall eine Geburt ohne Hebamme durchführen. Bei Geburten in Krankenhäusern muss zwar ein Arzt zur Geburt anwesend sein, aber begleitet und geleitet wird sie durch die Hebamme. Schon allein das ist ein wichtiger Punkt. Viele Frauen wünschen sich aus Angst eine medizinische Überwachung mit Anwesenheit eines Arztes, aber sie sind es nicht, die die eigentlichen Fachpersonen unter der Geburt sind. Bei Geburtshaus- und Hausgeburten wird dieses Bild klarer, denn dabei sind keine Ärzte anwesend, denn sie müssen es bei komplikationslosen Geburten schlichtweg nicht sein. Schon Anfang des Jahres schrieb der Focus darüber, dass Daten die Sicherheit von Hausgeburten belegen:
Danach gibt es kaum einen Unterschied zwischen Klinik- und Hausentbindung – zumindest dann, wenn es sich um eine sogenannte unkomplizierte Geburt handelt.

Die Begleitung unter der Geburt durch eine der Gebärenden bekannte Person wirkt sich erwiesener Maßen günstig auf den Geburtsverlauf aus. Es sind weniger Eingriffe notwendig, die Geburt verläuft entspannter. Hebammen geben Frauen Sicherheit und dies besonders, wenn sie schon vorher bekannt sind wie bei einer Geburtshaus- oder Hausgeburt oder auch einer Geburt in der Klinik unter Begleitung einer Beleghebamme.

Großes und individuelles Leistungsspektrum in Vor- und Nachsorge

Doch lassen wir die außerklinische Geburtshilfe einmal beiseite und betrachten neben der Hilfe unter der Geburt die sonstigen Leistungen der Hebammen. Denn auch wenn viele Menschen wissen, dass Hebammen Geburtshilfe leisten, ist erstaunlich wenig bekannt, dass sie auch die Vorsorgeuntersuchungen während der Schwangerschaft durchführen. Bis auf Ultraschalluntersuchungen können Hebammen sämtliche Vorsorgeuntersuchungen während der Schwangerschaft durchführen: Vom Urintest über das Ausstellen des Mutterpasses bis hin zum CTG. Denn: Hebammen sind die Fachfrauen in Sachen Schwangerschaft und Geburt und speziell dafür ausgebildet in einer drei Jahre dauernden Ausbildung. Viele besuchen zudem noch Zusatzweiterbildungen zur Ergänzung ihres Angebots. Dabei können sich Hebammen in der Vorsorge wesentlich mehr Zeit nehmen als Gynäkologen bei Vosorgeterminen in der Praxis. Meist dauert eine Vorsorgeuntersuchung eine Stunde, bei der die Entwicklung und etwaige Probleme gut besprochen werden können. Das ist die Art der Zuwendung, die Frauen in der Schwangerschaft benötigen und zugleich ein echtes Luxuspaket.So können Ängste abgebaut und der Boden für eine gute Geburt bereitet werden. Denn kaum etwas wirkt störender auf das Geburtsereignis ein als eine tiefe, unverarbeitete Angst. Frauen benötigen also eine solche Zuwendung, um gut auf die Geburt vorbereitet zu werden.

Und auch nach der Geburt sind es die Hebammen, die den manchmal holprigen Weg ins Familienleben ebnen. In der Nachsorge können sie bei Stillproblemen unterstützen, Hilfestellung geben im Dschungel der Anträge, sich um die Wöchnerin und eventuell vorhandene Geburtsverletzungen kümmern, auf das Baby sehen und auch noch seelischen Beistand leisten in der wohl größten Umbruchphase des Lebens, wenn auf einmal ein Kind da ist. Dabei geben sie ebenfalls wie bei der Vorsorge all ihr Berufswissen und ihre unterstützenden Zusatzqualifikationen. Hebammen sind DIE Fachleute, wenn es um die Geburt geht.

Schlechte Bedingungen für die freie Arbeit

Nun aber ist es schlecht um sie bestellt. Die Haftpflichtversicherungsprämie steigt im neuen Jahr um 20%. Beleghebammen und freie Hebammen müssen 5090 Euro im Jahr allein für diese Versicherung zahlen. Das, obwohl eine einzige als Beleghebamme begleitete Geburt nur einen Verdienst von 273,22 Euro einbringt – wovon noch andere Fixkosten abgehen als „nur“ Versicherungskosten. Mehr und mehr Hebammen sind deswegen gezwungen, diese so wichtigen außerklinischen Leistungen aufzugeben. Doch das hat fatale Folgen.

Wenn Hebammenarbeit teuer wird

Wird dieses Modell weiter gedacht, dann gibt es nur zwei Möglichkeiten: Freie Hebammenarbeit wird ein teurer Luxus für Menschen, die sich eine solche Begleitung leisten können. Wenn die Prämien in dieser Art ansteigen und Hebammen nicht ihre Tätigkeit aufgeben, müssen sie ihre Mehrausgaben durch höhere Einnahmen decken. Das würde bedeuten, dass all die Dinge, die Frauen bisher „einfach so“ in der Vor- und Nachsorge in Anspruch nahmen, nun in Rechnung gestellt werden. Die Fußreflexzonenmassage oder die Akupunktur gegen die Rückenschmerzen wird teure Privatleistung, die man sich eben leisten kann oder nicht. Ansonsten ist nur drin, was der Leistungskatalog eben her gibt: Dienst nach Vorschrift, bei dem auch auf die Uhr gesehen werden muss. Eine Hebamme kann man sich vielleicht auch gar nicht zur Geburt leisten. Die guten Eigenschaften wie komplikationslosere Geburten durch individuelle und bekannte Begleitung, sind nur für Besserverdienende möglich. Alle anderen müssen eben sehen, wie sie durch die Geburt kommen und sich mit dem arrangieren, was es noch gibt: Hebammen im Schichtdienst im Kreißsaal, die man nicht kennt, die vielleicht auch noch zwei andere Geburten parallel begleiten. Das ist nämlich die andere Möglichkeit: Hebammen geben die freie Arbeit ganz auf und sind fortan nur noch an Kliniken gebunden, an Hierarchien und Abläufe, an Konzerne, die Kosten-Nutzen-Planungen machen und festlegen, wie die Arbeit auf den Geburts- und Wöchnerinnenstationen zu laufen hat. Ja, es gibt auch gute Kliniken und natürlich arbeiten dort gute Hebammen, aber letztlich sind Kliniken in erster Linie Unternehmen und Mitarbeiter Rahmenbedingungen unterworfen.

Was kann man noch tun?

Zahlreiche Initiativen gab es schon. Nun geht es um eine Petition dafür, dass Hebammen mehr verdienen sollen, um die steigenden Kosten auffangen zu können. Am 25. November gibt es einen Aktionstag gegen Gewalt in der Geburtshilfe, was auch eindeutig in die richtige Richtung zeigt – beteiligt Euch daran und legt Eure Rose nieder, wenn Ihr Gewalt erfahren habt! Schreit es hinaus über Facebook, Twitter, Google+ und Co.: Wir brauchen gute und freie Hebammen!

Und setzt selbst ein Zeichen. Ja, über neue Medien lässt sich immer viel und schnell etwas sagen, aber auch im echten Leben draußen muss man Flagge bekennen. Vor kurzem gab es die Aktion, man solle eine Fahne mit Herz hinaus hängen, wenn man eine Hausgeburt hatte. Warum nur bei Hausgeburten? Zeigt, dass Eure Herzen für Hebammen schlagen und hängt Eure Herzensfahne aus dem Fenster. Die Welt muss sehen, dass wir Hebammen brauchen und wollen und wir keine Ruhe geben.

Sonntagssüß: Pastel de Nata – Portugiesische Sahnetörtchen

In kaum einem guten Café in Berlin gibt es sie nicht: Pastel de Nata. Die Portugiesischen Blätterteigtörtchen mit Sahnepudding sind einfach vorzüglich zu einem guten Kaffee. Und natürlich schmecken sie auch den kleinen Schleckermäulchen. Deswegen haben wir sie in dieser Woche für das Sonntagssüß ausgewählt. Weiterlesen

„Also mein Kind kann schon…“ – Warum wir uns von anderen nicht aus dem Konzept bringen lassen sollten

Meine Tochter war 4 Monate alt, als ich zum ersten Mal mit „Also mein Kind kann…“ konfrontiert wurde. Ich war in einem PEKIP-Kurs und die Mutter, die neben mir saß, blickte mich an. „Also Kiama kann sich ja schon ganz toll vom Rücken aus den Bauch drehen. Aber keine Sorge, Dein Kind entwickelt sich schon auch noch!“ Ich war sprachlos. Ich habe lange überlegt, ob ich auf diesen Satz eingehe oder nicht und entschloss mich schließlich dagegen. Wofür ich mich entschloss war, dass ich diesen Kurs nicht weiter besuchen wollte. Auch heute noch nach vier Jahren denke ich oft an diese Szene. Sie hat mich während meiner Arbeit oft ermahnt, genau hin zu sehen und auf Worte zu achten, denn ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man so etwas gesagt bekommt.

Dieses also war das erste Mal, dass ich mit diesem Satz in Kontakt kam. Aber es war nur der Auftakt einer langen Reihe von „Mein Kind kann schon…“. Obwohl man denkt, dass sich dieser Satz irgendwann im Sande verläuft, ist es nicht so. Denn nun, vier Jahre später, ist es nicht mehr das Drehen vom Rücken auf den Bauch (das die Tochter zweifelsfrei mittlerweile erlernt hat), nun sind es andere Dinge. Zum Beispiel das Schreiben und Lesen. Kürzlich waren wir auf einem Spielplatz und die unbekannte Mutter neben mir fragte, wann denn meine Tochter in die Schule kommen würde. „Ach, ich denke, im übernächsten Jahr mit sechseinhalb.“ „Schön, wenn Ihr Euch da noch so viel Zeit lassen könnt. Also meine Tochter kann ja mit vier schon ganz toll schreiben und fängt jetzt sogar mit dem Lesen an! Ja, was soll ich da machen? Ich kann sie ja nicht so lange zu Hause lassen, da langweilt sie sich ja. Und es ist ja nicht so, dass ich sie anspornen würde. Das macht sie ganz von sich aus.“ „Ja, wie unterschiedlich die Kinder so sind…“ Die Tochter der fremden Frau kommt angerannt, klettert auf ihren Schoß. Die Frau nimmt aus ihrer Tasche ein Buch. „Magst Du der Mama was vorlesen? Was steht da drauf?“

Entwicklung hat ihren eigenen Zeitplan

Eigentlich wissen wir es doch. Wir haben es schon tausend Mal gelesen: Jedes Kind hat seinen eigenen Zeitplan. Auch wenn der Ablauf der einzelnen Entwicklungen bei jedem Kind in etwa gleich ist (erst drehen, dann robben, dann…), schwankt der Zeitplan von Kind zu Kind. Manch eines krabbelt mit 6 Monaten, ein anderes mit 12. Und so bleibt es auch! Auch alle anderen späteren Entwicklungsschritte machen Kinder zu sehr unterschiedlichen Zeitpunkten: Ohne Windeln auskommen, Lesen, Schreiben usw. Und natürlich spielt bei den höheren kognitiven Fähigkeiten wie dem Lesen und Schreiben auch das Vorbild und die Übung mit hinein. Doch letztlich sind Kinder nun einmal unterschiedlich. Und eigentlich ist das ja auch schön, denn wir wollen ja nicht, dass unser Kind genau so ist wie das vom Nachbarn.

Wir schauen zu viel auf das Handfeste

Und noch etwas ganz anderes ist wichtig: Unser Augenmerk richten wir meist auf die handfesten Dinge. Auf das, was man gut beobachten kann. Zum Beispiel eben, wann das Kind krabbelt, frei läuft, auf einem Bein hüpft. Aber in der kindlichen Entwicklung gibt es ja nicht nur die Grobmotorik oder die ebenfalls noch leicht zu erkennende Feinmotorik oder Sprachentwicklung. Nein, es gibt auch andere Bereiche wie soziale Fähigkeiten, Umgebungsbewusstsein, Körperwahrnehmung. Das sind allerdings Dinge, die uns nicht so sehr ins Auge fallen. Selten hört man ja den Satz: „Oh, Dein Kind kann ja unglaublich gut Zusammenhänge herstellen.“

Auch kulturell und sozial geprägt ist der Blick der Erwachsenen auf das Kind: Sehr soziale oder emotionale Kinder werden nicht unbedingt in der Stärke dieser Merkmalsausprägung wahrgenommen, sondern eher negativ bewertet als Heulsusen, kleine Emos, Mauerblümchen, typische Geschwisterkinder oder oder. Lesen und Schreiben können gilt als toll, mit anderen mitzuweinen als unangenehm und unpraktisch.

Sich selbst aufwerten über die Fähigkeiten der Kinder?

Manchmal steckt hinter dem „Also mein Kind kann schon…“ auch einfach nur eine verunsicherte Mutter oder ein verunsicherter Vater. Jemand, der einfach gesagt bekommen muss, dass er das gut macht mit seinem Kind. Denn woran wird heute „erfolgreiche“ Elternschaft gemessen? Viele Eltern bekommen nur ein, höchstens zwei Kinder. Sie konzentrieren all ihre Wünsche für die Zukunft auf dieses eine oder diese zwei Kinder. Natürlich wollen wir alle, dass es unseren Kindern gut geht, dass sie erfolgreich durch ihr Leben gehen als starke Persönlichkeiten. Sie sollen es gut haben und wir wollen ihnen einen guten Start geben. Manche Eltern drücken das in früher Förderung aus. Sie kümmern sich ganz vehement darum, dass das Kind zur musikalischen Früherziehung kommt, schwimmen lernt und schreiben kann vor der Schule. Damit es einen „guten Start“ hat. Und wenn es das dann kann, dann können sie sich sagen, dass sie gute Arbeit geleistet haben, weil sie es dem Kind ja ermöglicht haben. Statt auf die Diskussion, was die Kinder also alles so können, einzugehen, reicht manchmal auch ein „Wow, Du gibst Dir viel Mühe mit Deinem Kind.“

Zahlen

Selbstsicher sein und das dem Kind zeigen

Unsere Kinder sind nun einmal, wie sie sind. Es gibt Gründe dafür, warum sie so sind, wie sie sind. Und ja, meine Tochter kann mit vier Jahren noch nicht lesen und schreiben. Ich finde auch, dass sie das nicht können muss. Ich finde, sie darf so lange Kind sein, wie sie das möchte. Denn wer liest und schreibt, der denkt auch anders und ich möchte ihr ihr kindlichen Denken noch eine Weile erhalten. Am Anfang war es mir manchmal unangenehm, wenn andere Kinder Dinge besser oder überhaupt konnten und meine Tochter nicht. Aber einmal fragte sie mich direkt nach einem Besuch einer Freundin: „Muss ich denn das auch schon können?“ Ich hatte gedacht, dass sie gar nicht mitbekommen hätte, dass der Besuch der Meinung war, dass Kinder in diesem Alter schon ihren Namen schreiben können müssen. Ich nahm sie in den Arm und erklärte ihr, dass sie irgendwann auch ihren Namen schreiben können wird – wenn sie soweit ist und Lust darauf hat. Gelernt habe ich dabei, dass es für mein Kind wichtig ist, dass ich es so annehme, wie es ist und auch hier ganz hinter ihr stehe. Dass ich nicht auf dieses blöde Spiel „Dein Kind kann vielleicht das, aber mein Kind kann das und das“ eingehe. Ich sage einfach ganz klar, dass mein Kind etwas kann oder nicht und dass ich das auch so richtig finde wie es ist. Aus die Maus. Keine weiteren Diskussionen darum, ob irgendwer was besser kann oder was anders oder sonstwas.

Unsere Kinder brauchen uns. Sie brauchen, dass wir hinter ihnen stehen und sie toll finden. So, wie sie sind. Ob sie schwimmen können, lesen, auf einem Bein hüpfen oder eben all das noch nicht. Niemand hat mich in meinem ganzen Leben danach gefragt, wann ich mein Bronzeabzeichen gemacht habe. Dabei gehörte ich doch zu denen, die das ganz früh hatten mit. Aber es war später nie mehr wichtig. Und so ist es mit vielen Dingen: Wann die Kinder sich drehen, laufen, schreiben, lesen. Natürlich hat alles seine Grenzen und irgendwann gibt es tatsächlich Punkte, an denen man genau hinsehen muss, wenn ein Kind eine bestimmte Fertigkeit noch nicht kann. Meistens aber verlangen wir viel zu früh von uns und unseren Kindern, dass sie irgendwas können sollten.

Meine Kinder sind toll. so wie sie sind. Und Eure sind es auch – auch, wenn sie ganz anders sind als meine.

Wenn ich jetzt nicht Mutter wäre…

Wenn_nicht_jetzt

Manchmal frage ich mich, was heute sein würde, wenn ich nicht Mutter von zwei Kindern wäre. Hätte mein Leben eine andere Richtung genommen?  Das ist wohl sehr wahrscheinlich.

Wenn ich nicht Mutter wäre, würde ich vielleicht am Wochenende ausschlafen. Vielleicht würde ich dadurch nicht unbedingt mehr Schlaf bekommen, da ich ja gar nicht erst früh ins Bett gehen müsste, weil es ja keine Kinder gäbe, die mich früh am Morgen aus eben diesem Bett holen. Ich würde also spät ins Bett gehen. Vielleicht würde ich noch immer wie mit Mitte 20 durch Discos ziehen. Ich würde sehr wahrscheinlich mehr ins Kino gehen oder ins Museum. Doch Schlaf hätte ich mit hoher Wahrscheinlichkeit – zumindest am Wochenende – nicht mehr als jetzt auch.

Wenn ich nicht Mutter wäre, würde ich vielleicht meine Hobbys besser pflegen. Früher habe ich viel gemalt. Wenn ich heute male, dann habe ich nach kurzer Zeit einen dicken Strich von irgendeiner engagierten Kinderhand auf meinem Bild. Das Malen, dem ich früher nachging, ist gerade jetzt nicht machbar. Dafür fädel ich Perlen auf, filze, häkle kleine Stoffpullover für Puppen, die dann doch wieder aufgehen. Ich gehe viel mehr in die Natur als früher. Meine Hobbys haben sich geändert, aber eigentlich könnte man sagen, dass ich welche habe.

Wenn ich nicht Mutter wäre, würde ich vielleicht viel mehr mit meinen Freunden zusammen sein. Früher einmal, da hatte ich ziemlich viele verschiedene Freunde. Es waren Freunde ganz verschiedener Art. Wenn ich eine bestimmte Sache machen wollte, rief ich eben einfach die passende Freundin dazu an. Heute haben meine Freunde auch Kinder und sind mindestens genauso eingespant wie ich. Sie haben auch nicht viel Zeit. Heute treffe ich mich mit den Eltern der Freunde meiner Kinder. Ich sehe sie im Kindergarten und auf dem Spielplatz und ja, irgendwie sind sie dann auch meine Freunde. Man teilt die gleichen Geschichten, Erfahrungen, Sorgen. Ist das nicht eine gute Basis für eine Freundschaft?

Wenn ich nicht Mutter wäre, würde ich vielleicht Karriere machen. Ich habe meine Doktorarbeit an den Nägel gehängt, als meine Tochter geboren war. Ich habe meinen sicheren Job gekündigt, um mich selbständig zu machen, weil das viel besser mit der Familie zu vereinbaren war. Aber wenn ich ehrlich bin, könnte ich auch so Karriere machen, mit Kindern. Ich habe mich nur einfach für einen anderen Weg entschieden. Vielleicht hätte ich das auch ohne Kinder irgendwann?

Wenn ich nicht Mutter wäre, hätte ich vielleicht keine Dehnungsstreifen auf meinen Brüsten von dem Brustwachstum in den Schwangerschaften. Und ziemlich wahrscheinlich hätte ich innerhalb von 5 Jahren nicht zweimal 20kg zugenommen, um sie dann wieder abzunehmen. Mein Körper würde vielleicht anders aussehen. Aber sind wir mal ehrlich: Auch ohne Kinder wäre die Zeit nicht an mir vorbei gegangen und ich würde heute mit 33 trotzdem nicht mehr aussehen wie mit 27.

Wenn ich jetzt nicht Mutter wäre, wären viele andere Dinge passiert. Mein Leben hätte einen anderen Weg genommen. Aber niemals wäre es da stehen geblieben, wo es einmal war. Denn so ist das Leben nicht. Es geht weiter. Wir verändern uns, wir schließen neue Freundschaften und verlieren alte, wir finden neue Interessen und geben alte auf. Wir gehen manchmal neue Wege. Beruflich oder auch anders. Und die Zeit geht nicht an uns vorbei. Wenn ich jetzt nicht Mutter wäre, würde mein Leben vielleicht anders aussehen. Es würde andere Farben tragen. Es wäre anders gefüllt, aber es wäre nicht reicher. Es wäre nicht besser, weil ich vielleicht ausschlafen könnte oder mein Körper mehr dem Ideal entsprechen würde.

Es gibt nichts, was ich bedauere, weil ich diesen Weg gegangen bin und nicht einen anderen. Jeder Weg, den ich hätte gehen können, hätte mich an anderen Sehenswürdigkeiten vorbei geführt. Es macht deswegen keinen Sinn, anderen Wegen hinterher zu trauern und sich nach Dingen zu sehnen, die vielleicht anders sein könnten. Denn wenn sie es wären, wären auch wir anders. An den Tagen, an denen ich mit tiefen Augenringen, verwischter Mascara und bekleckertem Hemd vor dem Spiegel stehe und mir wünsche, ich wäre allein und unabhängig, blicke ich dann doch zur Seite. Dort sehe ich zwei kleine Menschen, die ich aus ganzem Herzen liebe. Und ich frage mich: Wenn ich jetzt nicht Mutter wäre, wann denn dann?