Ein Tag mit einem Dreijährigen

Während mein Kind schläft, sitze ich hier und denke über den Tag nach: Darüber, wie kompliziert das Leben manchmal ist mit einem dreijährigen Kind. Kompliziert für mich als Mutter, für die große Schwester, den kleinen Bruder und natürlich vor allem auch für dieses Kind, das ja nicht aus seiner Haut kann. Das das Leben ungerecht, andere Menschen bevormundend, sich selbst zu klein oder zu groß findet und überhaupt.  

Aus Sicht eines dreijährigen Kindes sind die Tage manchmal ganz schön schwer: Es bekommt ein Frühstück, das es sich vielleicht gar nicht gewünscht hat. Eigentlich wollte es nämlich die Reste vom Osternest verspeisen. Es soll sich die Zähne putzen, doch Karies ist noch nichts, was für ein dreijähriges Kind verständlich wäre. Anziehen soll es sich, und das auch noch dem Wetter entsprechend, dabei wäre doch heute ein guter Tag für die kurze Astronautenhose. Draußen soll es nicht zu weit wegflitzen mit dem Laufrad, aber wofür sind Laufräder da, wenn nicht zum schnell fahren? Steine sollen auf dem Spielplatz nicht geworfen werden, aber es ist so spannend, es auszuprobieren. Wohin es sich bewegt, stößt es immer wieder an Grenzen von anderen Menschen. Es hat eine Vorstellung von der Welt, von dem, was es tun und erleben möchte und erfährt gerade jetzt, dass andere die Welt ganz anders sehen und anderes erwarten.

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Die, die es anders sehen und erwarten, sind auch die Geschwisterkinder. Auch sie haben eine Vorstellung von ihrem Tag, von den Abläufen. Sie wollen vielleicht am Nachmittag zum Spielplatz und sind das Warten auf das Kind, das sich nicht anzieht, leid. Sie verstehen nicht, warum das so begehrte Eis in den Händen doch das falsche ist nachdem das andere Geschwisterkind eine andere Sorte gewählt hat. Sie wollen nicht immer warten, nicht geduldig sein.

Und auch für mich als Mutter sind die Zeiten, in denen sich die Kinder so sehr mit der Welt auseinander setzen und ihre eigenen Wege beginnen, nicht einfach: Da ist dieses kleine Kind, das ich doch gerade erst geboren habe. Ich glaube zu wissen, was das Beste für mein Kind ist, denn ich kenne es doch so gut. Von Anfang an. Und ich möchte das Beste für mein Kind: Dass es gerade jetzt keinen Schnupfen bekommt, weil es durch die ersten warmen Sonnenstrahlen barfuß laufen möchte. Dass es nicht beim Bergabfahren vom zu schnellen Laufrad fällt. Ich muss Bedürfnisse abwägen zwischen den Kindern und dafür sorgen, dass wir doch rechtzeitig zum Termin der Großen kommen auch wenn der kleine Bruder sich nicht anziehen und keinen Fuß vor die Tür setzen will. Ich muss mein Baby stillen, auch wenn ich gerade mitspielen soll. Ich glaube oft, es besser zu wissen und mein Kind überzeugen zu können von meinen Gedanken. Aber ich kann es nicht. Nicht mit Worten, nicht durch beherzte Vorgaben.

Mein Kind geht einfach seinen Weg. Es zieht die Schuhe heimlich aus bis die Füße zu kalt werden, probiert das Werfen eines großen Pflastersteins und freut sich über die eigene Kraft. Es ist erst zufrieden, wenn es die Astronautenhose über die normale Hose gezogen bekommt und so hinaus kann. Es kommt an seine eigenen Grenzen. Manchmal muss es die Erfahrung zweimal, dreimal machen. Das macht es für uns drum herum nicht einfacher. Aber es gibt ihm so viel mit auf diesem Weg. Es gibt ihm die Chance, sich zu verstehen, sich in Beziehung zur Welt zu setzen. Meine Worte können so vieles erklären, aber es bleiben immer nur Worte. Mein Kind will fühlen, lernen, verstehen.

Und so sitze ich am Abend da, höre den leisen Atemgeräuschen zu, streiche noch einmal über das vom Tag zerzauste Haar. Ich denke daran, dass es vielmehr meine eigenen Grenzen sind und die Grenzen meines Denkens als die Grenzen seiner Möglichkeiten. Und so anstrengend ein solcher Tag auch ist, sitze ich gerne genau hier am Bett, sehe in das so kleine Gesicht und bin froh um dieses Kind, dieses Leben und all die bunten Farben, die es zeichnet. Manchmal tut es gut, sich das am Abend vor Augen zu führen.

Eure
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  • Anouk Houetr

    ❤️Meiner ist heute 3 geworden ?und wir sind mittendrin- selber erfahren, selber entscheiden und frust und trauer heraus lassen wenns nicht so will,geht,darf… Mich beeindruckt und erfreut diese Stärke Tag für Tag?❤️

  • FrauPN

    ❤️ Hier ist es ganz genau so. Große Schwester, Babybruder und dazwischen dieser Dreijährige. Dieses anstrengende, nervenraubende und so unglaublich wunderbare Kind.

    Die Tage sind hier auch anstrengend.
    Danke für Deinen Stupser es mal wieder von der anderen Seite zu sehen.

  • Patricia

    Ein wunderbarer Artikel! Vielen Dank, liebe Susanne!!

  • kidsaholic

    Wunderschön geschrieben, Danke! Auch wir befinden uns mitten in der Autonomiephase, was mich vor einiger Zeit mal veranlasst hat, die Windelhöschen meines Sohnes nach seinen Wünschen zu bemalen 😀 Ja, mein Liebling kann sehr hartnäckig und ausdauernd sein.

  • Und irgendwie sind es halt auch immer die anstrengenden Tage, an denen wir am allermeisten lernen…

  • Franziska Weidner

    Danke, dass habe ich gut gebrauchen können. Leider sehen die meisten nur das man das Kind verzieht it GHz viel durchgehen lässt ist es zu sehr verwöhnt. Bei uns ist es mit unserem 3 jährigen Sohn und seiner kleinen Schwester auch nicht einfach im Moment. Ich hoffe es kommen wieder bessere Momente.

  • Nicole Renner

    wunderschön und so wahr geschrieben, auch wenn meine Kinder inzwischen Erwachsen(mit 2 1/2 Jahren altersunterschied) sind, so sind es genau die Gedanken die ich in all den Jahren immer wieder hatte. Heute wünsche ich die Kraft meiner Tochter und ihrem Mann mit ihren beiden kleinen Töchtern (4 Wochen und knapp 1 1/2 Jahre) ich bin sehr froh das beide so entspannt im Umgang mit den beiden sind und hoffe das es so bleibt.
    Ich verfolge regelmäßige deine Seite und finde sie toll. Ich wünsche euch weiter viel Kraft.

  • Corinne Büchler

    Danke für den tollen Artikel. Auch wir sind mitten in dieser Phase mit unserem Dreijährigen und es ist vielfach sehr anstrengend für alle Beteiligten (Eltern und Kind) und die Babytochter (3 Wochen) macht das ganze nicht leichter…
    Danke, dass du uns immer wieder die andere Seite zeigst und auch immer für Verständniss für unsere Kinder wirbst. Ich werde mir deine Worte vor Augen halten bei der nächsten schwierigen Situation.
    Euch viel Kraft und liebe Grüsse

  • Anna Groß

    Oh, das ist wunderbar! Ich möchte hinzufügen, dass ich versuche die Ideen und die Kreativität meiner 3 jährigen auch als Anregung zu nehmen, meine eigene Borniertheit zu überdenken.
    Nein, es kommt keine Polizei, wenn man zwei verschiedene Socken anzieht, dicke Wollsocken mit Sandalen oder kurze Hosen über lange Hosen! Keine Polizei kommt, wenn man Gurke und rote Beete in seine Milch tunkt oder sich mit roter Paprika schminkt. Wenn man seine Gefühle herausschreit oder der motzenden Mama sagt, dass man nicht mit vollem Mund spricht. Den „lieben Onkel“ schneidet, der andauernd blöde Witze macht, die man einfach nicht lustig findet?
    Ganz schön frech und ungezogen!
    Ja und Pippi Langstrumpf trägt übrigens auch keine Winterjacke.

  • Lovis Lehmann

    Ich denke, wenn man das Wort „Karies“ durch die Worte „Löcher in den Zähnen“ ersetzt kann man das ganz prima einem dreijährigen Kind verklickern.

  • Maria von OstSeeRäuberBande

    Was für ein wunderschöner Post. Und er spricht mir gerade so aus dem Herzen,dass ich ein paar Tränen in den Augen hatte. Auch bei uns gerät der 3-Jährige so viele Male am Tag in Konflikt mit Mama, großer Schwester und kleinem Bruder, einfach weil er die Welt anders sieht als wir und mit unendlicher Kraft seine Ideen testen will. Weil er sich (glücklicher Weise) nicht ungefragt anpassen mag aber eben auch nicht einsieht, dass manche Regeln (z.B. Steine nicht auf Geschwister zu werfen) durchaus ihren Sinn haben. Und weil Mama gerade nicht die Kraft hat unendlich geduldig zu sein oder zwischen den Kindern für Verständnis zu werben.
    Eine wirklich schwierige Zeit für uns alle, aber eben auch ein Segen, dass sie diese Kraft haben die Vorstellung ihrer geliebten Menschen in Frage zu stellen ohne weniger lieb zu haben. Dass sie keine Angst vor der Konfrontation haben und einfach mit ganzer Kraft für sich selbst einstehen. Ich schwanke jedenfalls zwischen Bewunderung und Neugier auf die Ideen, die sich zeigen, sowie Überforderung einen für alle zufriedenstellenden Tag zu gestalten. Schön, dass ich da nicht alleine bin!
    Viele Grüße,
    Maria von OstSeeRäuberBande

  • Es tut sehr gut, sich das vor Augen zu führen. Die Situationen kenne ich von meiner 3-Jährigen sehr gut. Es ist anstrengend und es hilft mir sehr sie abends nochmal in den Arm zunehmen und so anzunehmen wie sie ist. Mit dem Zähneputzen ist es wirklich schwer, bei uns hilft es wenn ich ihr nochmal und nochmal erzähle, dass wir die Zahnmonster weg putzen müssen, weil sonst die Zähne kaputt gehen. „Bitte, ich will nicht das deine Zähne kaputt gehen, weil wir sie nicht geputzt haben!“ – dann klappt es in der Regel 😀 Liebe Grüße, Ella