Kategorie: Natur

Zauberwelt der Knospen – Auf Entdeckungsreise mit den Kindern

Der Winter in Deutschland kann ganz schön lang sein. Gerade dann, wenn der Spaß mit
Schnee und Eis vorüber ist und der Frühling trotzdem noch so lange auf sich warten lässt. Von vielen Eltern habe ich in den letzten Tagen Nachrichten gelesen, dass die Kinder gerade so ungern nach draußen gehen. Gleichzeitig tut es der Familie gut, wenn sich die Kinder an der frischen Luft austoben können und alle einmal tief durchatmen können.
In der Wildnispädagogik gibt es den Ansatz, jeden Tag eine Frage mit nach draußen zu nehmen. Diese Frage bildet den Kern des Naturaufenthalts und soll dazu anregen, die Aufmerksamkeit bei jedem Mal auf unterschiedliche Aspekte der Natur zu lenken. Auch in dieser scheinbar unspektakulären Zwischen-Jahreszeit im Februar und März, in der der kalte Winter schon vorüber ist, aber der Frühling noch auf sich warten lässt, gibt es einige Fragen, denen man nachgehen kann. In der Natur gibt es nämlich schon einiges zu entdecken.

Schlafen Knospen im Familienbett oder alleine?

Die heutige Frage, der dieser Artikel nachforscht, lautet: Was machen die Blätter und Blüten der Bäume im Winter?
Wer die Äste der Bäume genauer ansieht, entdeckt sie: Sie halten Winterschlaf, sind dick
eingemuckelt und fest eingepackt, damit Kälte und Frost ihnen keinen Schaden zufügen.
Ihre Betten sind mal lang und schmal, mal kurz und knollig. Die Einen schlafen zu mehreren in gewissen Abstand nebeneinander, andere drängen sich dicht an dicht und wärmen sich wie Pinguine in einer Kolonie. Andere schlafen lieber alleine, brauchen mehr Platz und teilen nicht gerne.

Knospen drängen sich nicht auf. Sie zu entdecken vermag nur der, der mit offenen Augen durch die Natur läuft. Erst wenn die Blätter austreiben und ihr Knospenbett verlassen, bemerken die meisten Menschen: Oh, der Frühling ist da! Eure Kinder können dieses Jahr einen Schritt voraus sein. Mit eurer Anleitung können sie die Zauberwelt der Knospen entdecken und kennenlernen. Denn zauberhaft ist die Welt der Blätter und Blüten im Winterschlaf wirklich. Ihr wisst bestimmt, wie groß so ein Kastanienblatt im Sommer mal sein wird, oder? Und vielleicht habt ihr auch ein Bild von den riesigen weißen Blütenständen der Kastanie vor Augen, an denen sich im Sommer die Hummeln und Bienen tummeln. All das ist in den Knospen bereits vorbereitet. Jetzt ist eine Kastanienknospe nicht unbedingt die kleinste aller Knospen. Aber dennoch finde ich es so erstaunlich und be-wunder-nswert, dass all diese Anlagen bereits in den vielen Schuppen der Knospe vorhanden sind und ihren Winterschlaf halten, bis ihre Zeit gekommen ist.

Äste zum Sammeln schneiden

Auf Knospen-suche zu gehen bedarf keiner besonderen Vorbereitung. Dort, wo es Laubbäume gibt, gibt es auch Knospen. Ihr könnt also eure ganz gewöhnliche Spazierroute wählen und sie neu entdecken. Geht mit den Kindern los und erzählt ihnen vorher eine kurze Geschichte über den Winterschlaf der Blätter. Wie sie sich warm eingepackt in ihre Betten gekuschelt haben, um auf den Frühling zu warten. Und wie jede Baumart ein anderes Bettchen für seine Blätter vorbereitet hat.

Mit einer Gartenschere ausgerüstet, könnt ihr verschiedene Äste sammeln. Mit solchen Aussagen bin ich vorsichtig, denn als studierte Naturschützerin (ihr schmunzelt vielleicht, aber das kann man tatsächlich studieren), weiß ich natürlich, dass das Ausreißen von Pflanzen und Pflanzenteilen in vielen Fällen nicht erlaubt ist. Ich bin aber der Meinung, dass Natur für Kinder etwas be-greifbares sein muss. Sie müssen durch einen Wald laufen dürfen, um zu begreifen, was ein Wald ist. Sie müssen einen Ast fühlen, anfassen, auch damit auf den Boden schlagen dürfen, die Rinde abpulen und ihn schnitzen dürfen, um ihn zu be-greifen. Man kann nur dann eine Verbindung mit der Natur aufbauen, wenn man sie begreifen darf. Deshalb denke ich, es ist viel mehr gewonnen, wenn ihr ein paar Äste abschneidet und sie zum Sammeln mit nach Hause nehmt, als wenn die Kinder einmal auf den Ast schauen und beim zweiten schon gelangweilt nach Hause wollen. Sammeln ist immer eine gute Idee mit Kindern; und wir brauchen die Äste für unsere Nachbereitung der Knospenwelt zu Hause.

Welche Knospen zu welchen Tieren?

Die gesammelten Äste (ihr braucht pro Baumart eigentlich nur einen) werden zuhause nebeneinander auf dem Tisch ausgebreitet. So nebeneinander aufgereiht sieht man die
Unterschiede der verschiedenen Knospen besonders gut. Je nach Altersgruppe kann mit unterschiedlichen Ansätzen an die Knospen herangegangen werden.

Kleine Kinder können die Knospen mit Tiergruppen vergleichen, so wie ich es oben getan habe. Beispiele: Die Knospen der Kirschen stehen so dicht gedrängt wie Pinguine in einer Kolonie. Die Kastanienknospe schläft lieber alleine, sie thront groß am Ende des Zweiges und ist furchtbar klebrig. Da kann man sich die Frage stellen, warum sie so klebrig ist: Weil sie Besucher damit abschrecken will? Oder weil sie eigentlich gar nicht so gerne alleine schläft und gerne jemanden bei sich hätte?

Eine andere Idee ist das Lesen von Emotionen und Gesichtern in den Knospen. So sehen
die Knospen von Walnuss und Esche wie breit grinsende Gesichter aus. Der Essigbaum ist dicht behaart, sein Ast fühlt sich an wie von einem dichten Winterfell überzogen. Seine Knospenbetten sind besonders kuschelig. Für den Anfang ist es nicht wichtig, welcher Ast zu welcher Baumart gehört. Einen spielerischer Zugang zu ermöglichen, macht den Kindern viel mehr Freude an der Sache. Und für die, die es genauer wissen wollen, gibt es jede Menge Bestimmungsliteratur im Netz.

Die gesammelten Materialien zum Basteln und Lernen verwenden

Außerdem können die Äste nach dem Begutachten noch für weitere Aktivitäten genutzt werden: Auf Papier dienen sie als Schablonen beim Malen. Die Kinder können dann auf dem Bild den Frühling bereits willkommen heißen und Blüten und Blätter an die Äste malen.
Und wer wissen will, was er sich da alles ins Haus geholt hat, stellt die Äste ins Wasser auf die Fensterbank. Jetzt habt ihr ein kleines Forschungslabor im Wohnzimmer. Innerhalb der nächsten Tage und Wochen können die Knospen beobachtet werden: Welche Schuppenschicht öffnet sich zuerst, welches Blatt spitzt heraus? Zusammen mit den Blättern lassen sich dann auch die Baumarten leichter bestimmen.

Wer den Kindern Materialien zur Verfügung stellt, mit ihnen in die Bibliothek zum Ausleihen von (kindgerechten) Naturführern geht oder im Internet die ein oder andere Quelle bereit stellt, gibt ihnen die Möglichkeit ihre Neugierde zu vertiefen. Als ersten Schritt jedoch müssen sie gepackt werden von den kleinen Wundern der Natur. Denn mit der vielen möglichen Ablenkung heutzutage durch die neuen Medien, die scheinbar viel größere Wunder am laufenden Band liefern, hat die Natur einen schweren Stand.

Es liegt an uns Eltern, den Kindern die kleinen Wunder des wahren Lebens zu zeigen.
Dafür müssen wir selbst sie wieder sehen lernen. Dieser Frühlingsbeginn ist ein guter
Zeitpunkt dafür.

Veronika hat Biologie, Naturschutz und Landschaftsplanung studiert und ist Mutter einer Tochter. In ihrer Kolumne „Naturorientiertes Aufwachsen“ berichtet sie von Wegen, auf denen Kindern die Liebe und der Respekt zur Natur als Samenkorn mitgegeben werden können.  Mehr über Veronikas Arbeit und ihre aktuellen Texte zu grünen Themen findet ihr auf ihrer Homepage, Instagram oder Twitter.

Stadtkinder entdecken das Wunderland Natur vor der Haustür

„Aber wie mache ich das denn konkret, mit der Natur in der Stadt?!“, fragte mich eine Leserin vor kurzem. „Wenn die Spielplätze voller Dreck sind, wenn man die Kinder wegen viel befahrener Straßen draußen nicht alleine rennen lassen kann?“ Sie klang ein bisschen verzweifelt und auch ein bisschen verärgert. So, als wäre mein Aufruf, Kindern mehr Erlebnisse in der Natur zu ermöglichen, eine absurde Idee. Ich dachte an die asphaltierten Straßen in der Stadt, an die hohen Häuserwände und die viel zu eng betonierten Straßenbäume und musste erstmal zwei Tage darüber nachdenken, was diese konkrete Natur in der Stadt für mich eigentlich ist.

Was ist „Natur“ in einer Großstadt?

Das, nach dem die Mutter andeutungsweise suchte, waren Grünflächen, ein kleiner Wald. In manchen Städten gibt es das, in anderen nicht. Aber nicht nur das ist Natur. In Berlin gibt es neben 3,5 Millionen Menschen auch 53 Säugetierarten und 180 Vogelarten. Die Stadt ist voller Leben, voller „Natur“, wenn man so will.

Auch in Wohnsiedlungen, in denen kein Park gleich um die Ecke ist, kann man Natur finden. Es ist dann keine Natur, in der man über Grünflächen rennen kann und auf Bäume klettern kann (wobei – das klettern funktioniert vielleicht trotzdem). Man muss genauer hinsehen, doch wenn man das schafft, eröffnet sich einem eine nicht minder spannende und schöne Seite der Natur.

Und das ist die Natur, die für mich auch die Stadt als Naturraum ausmacht. Es sind kleine Wunder, die man mit Kindern vor der Haustür entdecken kann. Kleine Wunder, die aber großes bewirken können. Kinder sind noch viel offener für Wunder und fasziniert von den Farben, Formen, Gerüchen und Objekten, die die Natur hervorbringt. Mit den richtigen Fragen wird die Faszination vergrößert und die Kinder bekommen Lust, sich mit der Natur zu beschäftigen. Fragen entfachen das Interesse, Antworten müssen wir ihnen keine geben.

Naturwunder in der Großstadt

Die Wunder in der Stadt können die nachfolgenden Beispiele sein. Ich habe zu jedem Beispiel ein paar Fragen gesammelt, mit denen das Interesse geweckt wird und Lust gemacht wird, die Natur weiter zu entd

ecken. Man lässt sich quasi treiben, von einem Thema zum nächsten, von einer Frage zu einer anderen. Am Ende des Tages kann man das Erlebte in Büchern nachschlagen, ein Bild dazu malen oder die gesammelten Objekte an einem besonderen Ort aufbewahren.

Vogelfedern

Vogelfedern  findet man auch in der Stadt oft, vor allem im Spätsommer und Herbst, wenn die Zeit der Mauser ist. Aber auch das ganze Jahr über verlieren Vögel Teile ihres Federkleids. Die Federn können gesammelt werden, als kostbare Schätze aufbewahrt werden und Lust machen, die Welt der Vögel zu entdecken.

Fragen dazu können sein:
Wie groß ist wohl der Vogel, zu dem die Feder gehört? Gehört sie zum Unterkleid oder ist es eine Flugfeder? Warum denkst du, dass es eine Feder vom Unterkleid/eine Flugfeder ist?
Was muss die Feder in ihrer Eigenschaft machen/können? Muss sie wärmen/stabil sein/schwimmen können? Wie viele Federn hat so ein Vogel? Wie sieht der Vogel wohl aus, zu dem diese Feder gehört? Wie hört er sich wohl an?

Der Vogel kann in einem Bestimmungsbuch gesucht werden und seine Stimme danach im Internet nachgehört werden. Anschließend kann wieder nach draußen gegangen werden: Auf Stimmensuche, oder mit einem Fernglas, um den Vogel zu beobachten.

Ritzenbewohner

Kaum tut sich irgendwo ein Stückchen Erde auf, steht schon ein Pflänzchen darauf. Ist es nicht ein Wunder, dass in jeder kleinen Ritze etwas wächst? Ob in der Dachrinne im fünften Stock oder am viel betretenen Bürgersteig.

Über dieses Wunder schauen (und laufen) wir tagtäglich hinweg. Doch es lohnt sich die Frage an uns und an unsere kindliche Begleiter zu stellen: Wie geht das eigentlich? Wie kommen die Samen in die Dachrinne? Wie halten die Pflanzen die Tritte am Bürgersteigt aus? (Wachsen sie hoch oder niedrig?) Wie sehen wohl ihre Wurzeln aus?

Ackerkratzdisteln beispielsweise, die sich gerne dort ansiedeln, wo jede andere Pflanze nur angewidert den Kopf schütteln würde, bilden 2,80 m (!) lange Pfahlwurzeln aus. Löwenzahn hat immerhin 1 m lange Wurzen. Wie lange sind 2,80 m? Wie viele Kinder müssten sich übereinander stellen, um zu sehen wie lange die Wurzeln sind? Und wie sieht diese Ackerkratzdistel aus? Wie der Löwenzahn?

Eichhörnchen

sind Mitbewohner in Städten, die auch Erwachsene in der Hast des Alltags kurz staunen lassen. Wie machen die das nur, dass sie so flink und wendig von Ast zu Ast hüpfen können? Wo finden sie Nahrung? Begebt euch auf Eichhörnchen-Niveau: Wo könnte man hier wohl eine Nuss verstecken?

Eine lustige Anekdote ist, dass sich Eichhörnchen gar nicht merken, wo sie ihre Nüsse verstecken. Sie suchen einfach dort, wo man als Eichhörnchen gerne Vorräte hält: Am Fuß von Bäumen, in Lücken unter Wurzeln, in Baumhöhlen. Dass sie mit ihren Nasen so gut riechen können, wie sie mit ihren Beinen springen können, ist auch von Vorteil.

Nadelbäume

Gerade jetzt im Winter, taucht sie häufiger auf: Die Frage nach dem Nadelbaum im Winter und dem Unterschied zum Laubbaum. Nadelbäume können ihre Nadeln im Winter behalten. Sie haben gelernt, mit der Durststrecke der kalten Jahreszeit zu leben. Aber wodurch unterscheiden sich seine Nadeln von den Blätter der Laubbäume? Gibt es einen Nadelbaum in eurer Nachbarschaft? Was fällt auf, wenn man sich die Nadeln ganz genau ansieht? Welche anderen Pflanzen gibt es, die im Winter ihre Blätter behalten? Findet ihr solche Pflanzen auch bei euch in der Nachbarschaft? (Bspw. Buchs oder Stechpalme. Sie alle schützen ihre Blätter bzw. Nadeln mit einer dicken Wachsschicht)

Diese Aufzählung an Naturwundern in der Stadt lässt sich endlos erweitern. Wir müssen unseren Blick wieder ein bisschen besser schulen. Dann merken wir, “Natur“ ist nicht eine bestimmte Sache. Sie bezieht sich nicht nur aufs freie Rumlaufen draußen. Natur umgibt uns im Kleinen immer noch.

Mit „Natur erleben“ ist „Wunder erfahren“ gemeint

Natur erfahren bedeutet, sich faszinieren zu lassen. Fragen zu stellen. Nach Antworten zu suchen. Das können Spuren im Matsch sein, das können aber auch Vogelfedern, Kastanienmännchen und Bärtierchen im Moos an der Hauswand sein. Um aufmerksamer zu werden für diese kleinen Wunder der Natur, die die Stadt – und natürlich auf die Natur auf dem Land – für uns bereithält, gibt es hier noch eine kleine Achtsamkeitsübung.

Dabei müsst ihr “einfach” mehrmals am Tag kurz innehalten und euch die Frage stellen:

„Was entgeht mir hier gerade, genau jetzt?“

Durch diese Frage nehmen wir unsere Umwelt automatisch aufmerksamer wahr. Wir schalten vom Autopiloten, durch den wir gedankenversunken altbekannte Wege abschreiten, in einen Modus der Achtsamkeit und Aufmerksamkeit.
Auch hier ist es eine Mischung aus Wahrnehmen und auf die verschiedenen Sinneseindrücke achten und der Aufgabe, sich selbst Fragen zu den Beobachtungen stellen. Natürlich kann diese Übung auch zu zweit oder mit Kind(ern) gemacht werden.

  • Was entgeht mir gerade genau jetzt?
  • Höre ich Vogelstimmen? Wie viele?
  • Auf welchem Untergrund laufe ich? Wie fühlt sich das an? Spüre ich das Moos zwischen den Pflastersteinen, wenn ich bedacht laufe?
  • Welche Tiere krabbeln in der Mauer neben mir? Was tun sie? Wohin laufen sie?
  • Welche Spuren finde ich am Boden?
  • Welcher Baum wächst neben mir? Hat er schon Knospen ausgebildet? Ist er belaubt oder nicht?

Mehrmals am Tag auf die unmittelbare Umwelt zu achten, fördert nicht nur die Verbundenheit mit der Natur. Es lädt auch dazu ein, sich mehr mit den Prozessen und Vorgänge der lebendigen Welt zu beschäftigt. Und ganz nebenbei lässt es uns auch für einen kurzen Moment zur Ruhe kommen. Diese Übung schafft Achtsamkeit in mehreren Bereichen. Sie lässt uns verschnaufen.

Mit der Luft, die wir einatmen und uns der Natur um uns herum bewusst werden, halten wir einen Moment inne und entschleunigen unseren Alltag. Eine einfache Frage, die es vermag, so viel miteinander zu verbinden, was wir uns oft im Alltag wünschen: Entschleunigung, Achtsamkeit, Selbstfürsorge, Naturverbundenheit.

Was entgeht dir, genau jetzt?

Veronika hat Biologie, Naturschutz und Landschaftsplanung studiert und ist Mutter einer Tochter. In ihrer Kolumne „Naturorientiertes Aufwachsen“ berichtet sie von Wegen, auf denen Kindern die Liebe und der Respekt zur Natur als Samenkorn mitgegeben werden können.  Mehr über Veronikas Arbeit und ihre aktuellen Texte zu grünen Themen findet ihr auf ihrer Homepage, Instagram oder Twitter.

Ob in der Stadt oder auf dem Land: Naturerlebnisse warten vor jeder Haustür

Wehende Blätter im Wind, knorrige Äste und wuselnde Ameisen auf dem Boden. Dazwischen sitzt ein Kind, versunken in der Welt des Begreifens. Die Fingernägel sind schwarz von der Erde, in der es gewühlt hat. Die Hose ist schmutzig, in den Schuhen drücken kleine Steinchen. Die Mütze ist über die Ohren gerutscht und die Backen sind rot. Vor Aufregung? Vor Konzentration? Oder doch vor Kälte? Das Kind fragt nicht. Es spielt und lernt. Es pult Rinde von einem Ast ab und taucht dadurch in den Aufbau der Pflanzen ein. Es beobachtet eine Ameisenstraße und nimmt Teil am Leben der Insekten.

Wo ist dieser Ort, an dem ein Kind in und mit der Natur lernen kann?

Er ist vor der Tür.
In unserer Vorstellung ist diese Tür vielleicht irgendwo auf dem Land. Denn auf den ersten Blick erscheint die Natur für Kinder, die auf dem Land aufwachsen, viel greifbarer, viel realer. Mit einem Wald vor der Tür und dem Bachlauf hinterm Haus. Tatsächlich ist das aber ein veraltetes, romantisches Bild vom Landleben. Heute ist das Landleben in vielen Landkreisen durch die ausgeräumte Agrarlandschaft sogar weniger natürlich, als es die Umgebung in der Stadt durch grüne Parks und wilde Brachen ist. Und der Weg zum nächsten natürlichen Wald ist von beiden Orten eine Autofahrt entfernt. Die Haustür, vor der die Kinder spielt, ist laut einer Studie der Friedrich Ebert Stiftung immer häufiger in einer Stadt. Denn immer mehr Kinder wachsen im städtischen Raum auf. Die Stadt ist Lebensraum für viele Familien. Zugleich ist sie ein Naturraum und stellt einen wichtigen Lebensraum für Tiere und Pflanzen dar, dient dem Klimaschutz und der Sicherung von Lebensqualität.

Naturspiele für alle

Damit Kinder Natur erleben können, ist es unwichtig, ob die Haustür in der Stadt oder auf dem Land ist. Damit ihr seht, das sich Natur überall finden lässt, stelle ich euch heute vier kleine Naturspiele vor, die sich vor jeder Haustür durchführen lassen und die je nach Alter der Kinder in ihrem Schwierigkeitsgrad angepasst werden können:

  1. ein Naturmandala gestalten
  2. ein Pflanzenmemory spielen
  3. einen Baumfreund finden
  4. einen Wetterort festlegen

1. Ein Naturmandala aus allerlei Materialen legen

große und kleine Steine für die äußere Umrandung,
Blätter und Samen,
eine Feder als besonderer Schmuck,
Stöcke,
Beeren und Früchte,
oder auch all das, was sich sonst so finden lässt: ein Flaschendeckel, der danach im Müll entsorgt wird (und durch den das Thema „Müll“ und „Umweltverschmutzung“ angeschnitten werden kann), ein gefundenes Schild oder anderer Müll.

2. Ein Pflanzenmemory,

bei dem Sie Äste, Früchte, Samen oder Blätter vom Boden sammeln und zu einem „Bild“ anordnen.
Die Kinder haben dann eine Minute Zeit, um sich die Materialien und ihre Anordnung einzuprägen. Danach werden die Materialien mit einem Tuch verdeckt.
Die Kinder können jetzt (je nach Alter der Kinder mit unterschiedlich vielen/schwereren Anforderungen) nach den Materialien suchen. (Sie sollten dabei die Möglichkeit haben, diese, wie Sie, am Boden zu finden. Bitte machen Sie sie darauf aufmerksam, keine Pflanzen auszureißen).
Mit den gesammelten Objekten fertigen die Kinder dann eine Kopie des Bilder an.
Danach wird das Tuch gelüftet und die Kopien mit dem Original verglichen. Es kann besprochen werden oder in Bestimmungsliteratur, die auch schon für Kinder eingängig ist, nachgeschlagen werden, welche Pflanzen gefunden wurden. Die Kinder können reflektieren: Was hat geholfen, um die Pflanzen zu finden? Welche Sinne wurden benutzt?

3. Suchen Sie mit den Kindern einen persönlichen Baumfreund aus.

Er sollte nah an ihrer Haustür sein, sodass sie ihn jeden Tag besuchen können und er zu einem Begleiter durch die Jahreszeiten wird.
Jetzt im Herbst lässt sich beobachten, wie die Blätter ihre Farbe wechseln und wie der Baumfreund schließlich die Blätter abwirft.
Im Winter werden die Knospen genau betrachtet – und mit anderen Knospen verglichen. Sind sie groß, oder klein? Haarig oder glatt? Stehen sie dicht gedrängt wie Pinguine einer Kolonie (wie bei den Kirschen) oder einzeln und kräftig (wie beim Berg-Ahorn) oder sind sie klebrig wie Kaugummi (wie bei den Kastanien)?
Im Frühjahr dann treibt der Baumfreund aus. Jetzt erwacht er aus seiner Winterruhe. Meistens verpassen wir diesen Moment. Uns fällt dann plötzlich auf, dass alles grün ist. Aber mit unserem Baumfreund sehen wir die langsame Veränderung und können das Erwachen des Frühlings bewusst miterleben.
Im Sommer spendet er uns Schatten, und wir spenden ihm eine Gießkanne Wasser. Wir beobachten, wer alles mit unserem Baumfreund befreundet ist. Welche Tiere kommen herbei, welche Blüten gibt es zu bestäuben? Welche Früchte gibt es zu ernten?

4. Ein Wetterort, der sich je nach Witterung verändert.

Auch dieser Ort sollte nah am Wohnort liegen. Er bietet den Kindern das wichtige Erleben von Regen, Kälte, Wärme und Sonne. Hier können sie das Wetter kennenlernen und mit allen Sinnen aufnehmen.
Dafür braucht es einen Ort, der regelmäßig aufgesucht wird, beispielsweise ein Spielplatz, oder eine Grünanlage.
Ab jetzt gibt es kein schlechtes Wetter mehr: Denn ihr solltet diesen Ort auch dann besuchen, wenn es das nächste Mal aus Eimern schüttet. Ihr solltet ihn besuchen, wenn es im Winter schneit, und auch, wenn die Sonne dann wieder scheint und der Schnee taut und alles matschig wird.
Euer Wetterort ist ein immer gleicher Ort, der durch die Witterung und die Jahreszeiten doch jedes Mal ganz anders ist.
Fragt die Kinder: Was verändert sich? Wie gehen die Pflanzen und Tiere damit um? Woran sehen wir, dass sich dieser Ort verändert? Was lässt sich dort finden? (Im Regen die Regenwürmer, in der Sonne die Insekten.) Und fragt die Kinder warum sie denken, dass es mal die Insekten und mal die Schnecken sind, die sich doch an diesem immer gleichen Ort abwechselnd zeigen…. Welche Lebensgewohnheiten haben diese Tiere oder auch Pflanzen?

Natur ist überall

Ihr seht, Natur ist überall. Sie ist über uns, in den Baumkronen. Sie ist unter uns, auf der Erde, auf der wir stehen. Sie ist in uns, durch die Bakterien, ohne die wir nicht lebensfähig wären. Wir Menschen sind ein Teil der Natur. Allerdings fühlen wir uns durch die moderne Welt, in der wir in geheizten Wohnungen leben und mit klimatisierten Autos umher fahren, nicht mehr wie ein Teil dieser Natur. Es ist aber wichtig, dass wir wieder zu mehr Natur zurückkehren.

Denn für unsere Kinder ist Natur zum Wachsen elementar. Und uns tut sie gut. Wir sollten ihr also trotz aller Bequemlichkeiten unserer Welt wieder vermehrt Einlass gewähren. Weit müssen wir dafür nicht gehen: Vor unserer Haustür (auch in der Stadt) können wir mit unseren Kinder Natur erleben. Auf einem gut gewählten Sitzplatz können wir morgendlichen Vogelkonzerten lauschen. Abends können wir in Decken gehüllt auf dem Balkon sitzen und auf den Fuchs oder den Waschbär warten, der nachts in Städten gerne die Mülltonnen plündert.

Klingt das nicht nach einem spannenden Abenteuer für eine Übernachtung unter Stadtkindern?

Eure

Veronika hat Biologie, Naturschutz und Landschaftsplanung studiert und ist Mutter einer Tochter. In ihrer Kolumne „Naturorientiertes Aufwachsen“ berichtet sie von Wegen, auf denen Kindern die Liebe und der Respekt zur Natur als Samenkorn mitgegeben werden können.  Mehr über Veronikas Arbeit und ihre aktuellen Texte zu grünen Themen findet ihr auf ihrer Homepage, Instagram oder Twitter.

Kleine Abenteurer*innen, ab in die Wildnis! – Warum Kinder die Natur nicht nur zum Spielen brauchen

Das Dickicht reicht uns bis zu den Schultern. Die Beine sind zerkratzt, die Haare sind zerzaust und unserer Kleidung sieht man den Kampf durchs Unterholz an. Wir schlagen uns mit Stöcken durch das hohe Gras. Ich voran, mein Bruder hinterher. Wir sind mitten in der Wildnis, auf dem Weg zu unserer selbstgebauten kleinen Hütte.

Die stärksten Erinnerungen an meine Kindheit sind die Abenteuer, die ich draußen erlebt habe. Viele davon auf dem Bauernhof bei meinem Opa oder auf dem großen Gelände der Gärtnerei von Freunden. In beiden Orten haben mein Bruder und ich viele, viele Wochenenden verbracht. Und unter der Woche streiften wir in der Stadt durch die Wildnis. Hier trafen sich die Kinder der Straße, hier wurde gekämpft und gebaut, gespielt und geträumt.

Die Trampelpfade unserer Kindheit sind im Buschwerk nur noch für den zu erahnen, der ihre verschlungenen Wege kannte. Längst ist die nächste Generation Kinder groß genug für neue Abenteuer auf dem 500 Meter langen, schmalen Wildnisstreifen.

Doch von Abenteurern ist weit und breit nichts zu sehen. Kein Hämmern dringt aus dem Buschwerk, das den Bau eines Unterschlupfs verraten würde. Kein Indianer-Heulen deutet auf Clan-Kämpfe der verschiedenen Häuserreihen an. Kein Rascheln und Stapfen im grünen Dschungel. Wo sind die Kinder? Dürfen sie dort nicht spielen? Wollen sie dort nicht spielen? Ich tippe mal auf ersteres: Kinder alleine in der Natur, das würde mir als Mutter heute auch den Schweiß auf die Stirn treiben. Und trotzdem sehe ich meine Tochter, wenn sie etwas älter ist als ihre jetzigen zwei Jahre, dort spielen. Weil Natur der Stoff ist, aus dem Erinnerungen gemacht sind. Weil wir Spaß hatten an den Abenteuern und unglaublich viel gelernt haben. Und vor allem, weil das Spielen in der Natur so viel mehr ist, als nur ein Spiel.

Die flurbereinigte Kindheit behindert die kindliche Entwicklung

Für Kinder ist das Spielen in der Natur nicht einfach eine nette Ergänzung zum Alltag. Nein, für Kinder ist das Sein in der Natur essenziell. Kinder entwickeln sich in der Natur. Hier stoßen sie auf Freiheit und kommen mit Unmittelbarkeit in Berührung. Sie erleben Widerstand und gleichzeitig einen Bezug zu ihrer Umwelt und sich selbst. Und mit diesen Quellen, die in keiner künstlichen Welt nachzustellen sind, bauen Kinder das Fundament, das sie durchs Leben trägt. Die Stunden, die die Kinder in der Natur verbringen, sind reine Entwicklungszeit.

Kinder spielen nicht mit Matsch, sie lernen mit Matsch

Bis die Menschen in Mittel-und Nordeuropa vor 4.000 bis 5.000 Jahren sesshaft wurden, lebten wir Menschen in und mit der Natur. Ein großer Teil der Zeit spielte sich draußen ab. Die Kinder mussten dabei auf ihrem Weg zum Großwerden starke und vielverzweigte Wurzeln ausbilden, die ihr Fundament zum Großwerden darstellen. Wurzeln bilden die Kinder auch heute noch aus. Lernen tun sie täglich.Aber zu 99% passiert das in unserer heutigen Zeit in geschlossenen Räumen. Der Kinderarzt und Autor Herbert Renz-Polster spricht von einem „Flurbereinigten Modell“ der Kindheit.

Den Kindern steckt die Natur aber noch immer im Blut. Im freien Spiel träumen sie sich in uralte Motive. Sie spielen mit Stöcken und imitieren Jagdszenen. Sie bauen Höhlen und Zelte, verstecken sich und suchen Schutz. Sie spielen stundenlang an einem Bach, stauen Wasser auf, vermischen es mit Erde. Sie matschen, kleben und bauen. Und ein Abend am Lagerfeuer, mit Stockbrot, heißen Gesichtern und kalten Rücken ist eine magische Erfahrung für Kinder. All diese Erfahrung sind es, die Kinderaugen abends leuchten lassen: „Heute haben wir ein Abenteuer erlebt“.

Doch Kinder spielen nicht einfach so zum Spaß. Sie lernen, sie arbeiten richtig für ihre Entwicklung, während sie ihre Sinne trainieren. Sie verfeinern ihren Einsatz von Körperkraft und Koordination, während sie auf Bäume klettern und auf rutschigen Steinen balancieren. Und Spielforscher beschreiben, dass Vorschulkinder in der freien Natur die Hälfte ihrer Zeit mit Zählen und dem Erforschen von Formen, Mustern und dem Sortieren verbringen. Sie machen sich mit den Grundkonzepten der Mathematik und Physik vertraut. Natürlich wissen sie das nicht und das ist auch nicht wichtig. Aber für uns Erwachsene mag es wichtig sein, das zu wissen. Kinder spielen nicht ohne Grund. Sie lernen im Spiel. Dabei schöpfen sie den Reichtum aus, den die Natur ihnen für ihre Entwicklung bietet.

Zeit und Raum schenken – unter freiem Himmel

In unserer Erziehung achten wir darauf, dass die Phantasie und Kreativität bei unseren Kindern nicht zu kurz kommt, dass sie empathisch mit anderen Menschen und Lebewesen umgehen, dass sie selbstsicher sind und im Falle eines Risikos richtig handeln. All das lässt sich mit Stofftieren und auf asphaltierten Höfen nicht planbar anerziehen. Aber all das finden Kinder draußen. Wir sollten wieder mehr auf die Fähigkeiten ihrer eigenen Entwicklung vertrauen. Sie sind hungrig nach Abenteuern und suchen sich dabei ihre Nahrung. Sie haben eine Intuition dafür, was sie für ihre Entwicklung benötigen und sind mit Feuereifer dabei, sich das notwendige Handwerkszeug zum Aufwachsen in ihrem Spiel anzueignen.

Doch dafür brauchen Kinder Zeit und Raum. Beides Dinge, die heute Mangelware sind. Statt stundenlang draußen zu spielen, gehen wir mit den Kindern „mal für eine Stunde raus“. Wir blockieren die Räume, in denen Kindern ihre Spiele gestalten wollen. Wir haben einen Ort im Sinn, wenn wir mit den Kindern nach draußen gehen. Und dieser Ort ist nicht die verwilderte Brachfläche, auf der es keine Bank zum sitzen, keine Kommunikation mit anderen Eltern und – für uns Eltern – auch wenig zu sehen gibt. Doch es sind genau diese verwilderten Brachen oder die vergessenen Ecken der Planer auf Spielplätzen oder Parks, die die Kinder so magisch anziehen. Hier suchen und finden sie Nahrung für ihre Entwicklung in ihrem Spiel.

Wir wussten oder ahnten zumindest, dass Natur wichtig ist für Kinder. Jetzt wissen wir auch, dass sie nicht nur wichtig für ihr Spiel, sondern essenziell für ihre Entwicklung ist. Und wir sollten versuchen, für unsere Kinder wieder ein Stück weit Richtung Natur zu gehen.

Ein naturorientiertes Aufwachsen ist auch heute noch möglich, auch als Stadtkind. Wie das geht, welche Hindernisse es geben kann und was „Natur“ in Deutschland alles ausmacht, darüber erzähle ich euch in den nächsten Folgen dieser Kolumne. Damit meine Tochter bald Spielkamerad_innen findet, um mit ihnen durch die Wildnis zu stromern. Immer auf der Suche nach neuen Abenteuern.

Veronika hat Biologie, Naturschutz und Landschaftsplanung studiert und ist Mutter einer Tochter. In ihrer Kolumne „Naturorientiertes Aufwachsen“ berichtet sie von Wegen, auf denen Kindern die Liebe und der Respekt zur Natur als Samenkorn mitgegeben werden können.  Mehr über Veronikas Arbeit und ihre aktuellen Texte zu grünen Themen findet ihr auf ihrer Homepage, Instagram oder Twitter.