Monat: August 2021

Ich will Ruhe, Du willst Spiel

Ein langer Arbeitstag liegt hinter uns, das Kind ist vom Kindergarten abgeholt und hatte ebenfalls einen vollen Tag mit Erfahrungen, sozialem Austausch, Regeln. Eigentlich wollen wir als erwachsene Person uns jetzt kurz ausruhen: Endlich mal die Beine hochlegen nach dem langen Tag, Gedanken abschalten, einfach ausruhen. Vielleicht sind wir erschöpft, vielleicht sogar etwas kränklich. Aber da ist das Kind an unserer Seite, das nun mit uns spielen will. Schnell kann eine solche Situation zu einem Streit führen zwischen „Ich will spielen!“ – „Ich will Ruhe!“

Bedürfnisse verstehen

Dass wir nach einem Arbeitstag Ruhe und Entspannung als Erwachsene brauchen, ist verständlich. Es ist wichtig, dass wir dieses Bedürfnis wahrnehmen und darauf reagieren, für uns selbst und unser Wohlergehen und auch die Beziehung zum Kind: Nur wenn es uns selbst gut geht, unsere Bedürfnisse berücksichtigt werden, können wir langfristig auch gut mit den Bedürfnissen des Kindes umgehen.

Auf der anderen Seite steht das Kind mit einem Bedürfnis. Denn ja: Der Wunsch nach gemeinsamen Spiel ist wahrscheinlich nicht nur ein Zeitvertreib, es möchte uns damit auch nicht ärgern oder nur die Langeweile besiegen. Nach der Zeit der Trennung ist es gut möglich, dass das Kind gerade jetzt das Bedürfnis nach Nähe hat, die Verbindung zur Bezugsperson herstellen will.

Dieser Blick darauf, dass beide Personen jetzt ein Bedürfnis haben, ist ein erster wichtiger Schritt, um einem Konflikt aus dem Weg zu gehen: Wir nehmen keine böse Absicht an, kein Machtspiel, kein Ärgern.

Kompromisse finden

In einer Familie können unterschiedliche Bedürfnisse unterschiedlicher Personen zusammentreffen und die Aufgabe der erwachsenen Bezugspersonen ist es, einen Weg durch das Wirrwarr der unterschiedlichen Bedürfnisse zu finden, der alle langfristig gleichmäßig berücksichtigt. Wir müssen also gute Kompromisse finden und können uns dazu fragen: Welches der Bedürfnisse ist am ehesten aufzuschieben? Gleichzeitig müssen wir aber auch bei einer Verschiebung im Blick behalten, dass wir das verschobene Bedürfnis dann auch wirklich erfüllen: Wenn wir sagen, dass wir beispielsweise gleich etwas zusammen spielen nach der Ruhe, dürfen wir nicht in die „Ja, ja, sofort“-Falle tappen. Und anders herum: Wir dürfen unsere eigenen Bedürfnisse als erwachsene Person nicht beständig aufschieben und vergessen, um unseren Kindern einen vermeintlichen Gefallen zu tun.

Was also können wir tun? Wir können also überlegen, ob eines der Bedürfnisse verschiebbar ist: In dieser Situation mit einem Kleinkind ist das Bedürfnis nach Nähe wahrscheinlich weniger aufschiebbar, aber auch unsere Erschöpfung braucht eine Antwort. Daher können wir nach weiteren Kompromissen suchen: Vielleicht können wir gemeinsam ruhen und ein Hörspiel hören, Musik hören, einer Traumreise für Kinder nachgehen, ein Buch ansehen. Vielleicht lässt sich das Kind auch darauf ein, schon einmal etwas zum Spielen aufzubauen, wenn wir selbst nur eine kurze Pause brauchen. Vielleicht gibt es ein Massagespiel, das gespielt werden kann: Die erwachsene Bezugsperson ist die Pizza und liegt bäuchlings auf dem Boden, das Kind knetet den Rücken, belegt ihn und reibt mit den Händen wärmend darüber. Solche Kompromisse können beide Seiten in den Blick nehmen. Vielleicht können wir auch zukünftig einplanen, dass wir vor dem Abholen des Kindes eine kleine Ruhepause für uns selbst einplanen: eine Viertelstunde auf der Parkbank sitzen und entspannen, bevor das Kind abgeholt wird.

Im Alltag mit Kind(ern) gibt es immer wieder Situationen, in denen verschiedene Bedürfnisse im Raum stehen und gegeneinander abgewogen werden wollen. Oft können wir durch Gespräche und/oder eigene Überlegungen Lösungen finden, die einen Mittelweg anbieten und damit gleichzeitig einen guten Weg für die Eltern-Kind-Beziehung.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Warum viele Kinder eine Begleitung beim Einschlafen UND Aufwachen brauchen

Die Einschlafbegleitung sind wohl die meisten Eltern aus dem ersten Babyjahr bereits gewohnt. Oft wird um den ersten Geburtstag herum überlegt: Wann hört das eigentlich auf? Braucht das Kind das überhaupt noch? Und gerade dann, wenn ein Kind bislang beispielsweise beim Stillen immer problemlos eingeschlafen ist und nun länger und aufwändiger begleitet werden muss, weil es nicht mehr beim Trinken einschläft, stellen sich manche Eltern die Frage, wie lange denn dieses neue Ritual anhalten muss und ob es nicht doch Alternativen gibt zu diesem oft zeitaufwändigem Begleiten. Gerade bei Kleinkindern wird dann aber nicht nur das Einschlafbegleiten, sondern auch das Aufwachen ein Thema: Nicht wenige Eltern kennen die Situation, dass das Kind am Morgen oder nach dem Mittagsschlaf übellaunig aufwacht, vielleicht auch weint, schreit oder wütend um sich schlägt.

Schlaf: eine besondere Situation für Kinder

Aber warum nur sind sowohl das Einschlafen als auch das Aufwachen für Kinder so ein Problem? Und Erwachsenen gelingt es doch oft auch, es sich gemütlich zu machen und die Augen zu schließen, um in den Schlaf hinüber zu gleiten und später in Ruhe aufzuwachen, sich umzublicken und in den Tag zu starten?

Beim Einschlafen können wir Erwachsene auf viel Wissen zurückgreifen: Wir wissen, dass unsere Wohnung sicher ist, haben vorher vorausschauend dafür gesorgt, dass unsere verschiedensten Bedürfnisse befriedigt sind (wir sind satt, waren auf Toilette, haben uns zur Gesunderhaltung die Zähne geputzt, die Wohnungstür abgeschlossen, vielleicht nochmal gelüftet für frische Luft, haben den nächsten Tag vorbereitet und den zurückliegenden gedanklich abgeschlossen). So können wir beruhigt von einem Bewusstseinszustand in einen anderen hinübergleiten. Wir Erwachsene wissen aber auch: Wenn uns noch etwas gedanklich beschäftigt, ist dieser Übergang in die Schlafphase nicht so problemlos möglich. Ohne Entspannung, kann auch für uns dieser Übergang schwierig werden.

Bei kleinen Kindern hingegen verhält sich die Situation noch etwas anders: Für sie ist der Schlaf eine Trennungssituation von den schutzgebenden Bezugspersonen, auf die sie noch angewiesen sind. Sie wissen nicht um die Sicherheit dieser Wohnung, dass wir über den Schlaf wachen, auch wenn sie träumen, dass ihnen nichts passieren kann. Bei größeren Kindern kann es sogar zu Ängsten vor Monstern und gefährlichen Tieren im Zimmer kommen, obwohl das in der Realität ausgeschlossen ist. Das Loslassen in diese Phase ist deswegen für Kleinkinder oft gar nicht so einfach. Immerhin: Sie haben das Schutzsystem des nächtlichen Aufwachens, mit dem sie nachts die Rahmenbedingungen der Sicherheit überprüfen.

Nach und nach lernen Kinder ihren Schlafort als sichere Basis kennen und vertrauen darauf. So können sie selbst wieder einschlafen, wenn sie einmal aufgewacht sind. Doch diese Entwicklung braucht Zeit und von Eltern die Unterstützung, den Schlafplatz als sicheren Ort zu erfahren – egal ob Familien- oder eigenes Kinderbett. Die Kinder lernen, dass immer eine Bindungsperson in der Nähe ist und dass sie nachts nichts befürchten müssen. Diese Sicherheit gilt es, ihnen in den ersten Jahren zu vermitteln.

aus: Susanne Mierau (2020): Geborgene Kindheit, S.55

Auch das Aufwachen kann herausfordernd sein

Beim Aufwachen verhält sich die Situation nun anders herum: Das Kind gelangt vom Schlaf in den Wachzustand. So, wie wir Erwachsene manchmal auch noch etwas brauchen, um nach einem aufreibenden Traum im Hier und Jetzt anzukommen, kann das auch bei den Kindern auf kindliche Weise vorkommen. Sie sind desorientiert, vielleicht greifen sie zunächst noch nach etwas, was sie Schlaf anfassen wollten, einige sind auch aus diesem Wechsel heraus wütend. Wie beim Einschlafen ist auch hier Sicherheit ein gutes Angebot, um die Situation zu begleiten: Manche Kinder mögen es, nach dem Aufwachen noch zu kuscheln und so langsam anzukommen. Wenn der Start in die Wachphase turbulenter ist, helfen manchmal Erklärungen: „Du hast gerade geschlafen und bist jetzt aufgewacht. Ich bin hier.“

Wichtigstes Hilfsmittel in beiden Situationen: Co-Regulation

Sowohl beim Einschlafen, als auch beim Aufwachen sind viele Kinder darauf angewiesen, dass eine nahe Bezugsperson sie unterstützt. Diese Unterstützung gibt ihnen Sicherheit und ein gutes Gefühl in der konkreten Situation, wodurch sie sich beruhigen können bzw. von der Bezugsperson eine Anleitung zur Beruhigung (unbewusst) vermittelt bekommen. Mit der Zeit lernen sie, wie sie sich selber beruhigen können und verinnerlichen auch das Gefühl von Sicherheit der Rahmenbedingungen. Einschlafroutinen können hilfreich sein, um das Gefühl der Sicherheit zu unterstützen. Manche Kinder haben auch für uns unangenehme Einschlafrituale entwickelt wie kratzen oder knibbeln, die wir verständnisvoll umlenken können.

Aus dieser Perspektive betrachtet ist auch klar, warum es Kindern schwer fällt, zur Ruhe zu kommen, wenn der begleitende Elternteil selbst unruhig ist oder unter Zeitdruck steht: Das Kind spürt die Unruhe, es wird unsicher und gleichzeitig fehlen Beruhigungsstrategien. So kann sich das Einschlafen hinauszögern.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Warum es sich (auch in späteren Jahren) lohnt, bei Babys „bei jedem Piep zu springen“

Aber wenn wir immer alle Gefühle begleiten und darauf eingehen, wird das Kind dann nicht unselbständig und fordert es dann nicht auch ständige Begleitung ein? Schwächen wir es nicht, wenn wir bei jedem „Piep“ aufspringen und da sind, Verständnis zeigen und mitfühlen?

Woher der Gedanke des Verwöhnens u.a. kommt

Noch immer tragen wir an der Last der frühen Form des Behaviorismus: Hier wurde jedes Verhalten auf Reiz und Reaktion zurückgeführt und innerpsychische Vorgänge wurden ausgeklammert. Das typische Bindungsverhalten des Babys wurde so interpretiert, dass es dazu dienen würde, die Bindungsperson in der Nähe zu behalten – was im Groben durchaus passend ist. Allerdings lässt sich davon nicht, wie es getan wurde, ableiten, dass dieses Eingehen dazu führen würde, dass die Kinder für immer auf das Eingehen angewiesen wären: John B. Watson, einer der Väter des Behaviorismus, erklärte 1928, dass zu viel Sorge die Entwicklung des Kindes verzögern und das Kind auf das Umsorgtwerden konditionieren würde.* Diese Theorie prägte, auch wenn sie unbewiesen blieb, die Erziehung der kommenden Jahre und hält auch heute noch Einzug in unser Denken.

Babys brauchen genau dieses Eingehen und Begleiten

Wenn das Baby auf die Welt kommt, versteht es nicht, was es fühlt und wahrnimmt in dem Sinne, wie wir Erwachsenen unsere Gefühle und Eindrücke einordnen können. Es spürt etwas, das vielleicht unangenehm ist und weiß nicht, dass es Hunger ist oder ein drückender Knopf des Bodys oder die Nässe der Windel. Es spürt ein unangenehmes Gefühl, das es nicht einordnen kann und drückt das Unbehagen aus durch Signale. Wenn wir als Bezugspersonen darauf reagieren, können wir dem Kind drei Dinge vermitteln:

Einerseits vermitteln wir, was die Ursache der Wahrnehmung ist und geben dem Kind so die Möglichkeit, sich selbst und die eigene Wahrnehmung kennen und verstehen zu lernen. Gleichzeitig zeigen wir, indem wir reagieren, welche Problemlösungsstrategien es bei bestimmten Gefühlen und Wahrnehmungen gibt. Diese Strategien werden im „prozeduralem Gedächtnis“ des Kindes gespeichert, so dass es mehr und mehr lernt, was es selbst tun kann in bestimmten Situationen**. Und schließlich vermitteln wir dem Baby auch, dass es wichtig ist für uns und wir uns um das Kind kümmern – die Basis für ein Urvertrauen.

In der Kleinkindzeit kann dann etwas gewartet werden

Ist das Kind der Babyzeit entwachsen und hat ein grundlegendes Vertrauen und auch einige Selbstberuhigungsstrategien entwickelt, muss nicht immer prompt reagiert werden, sondern das Kind kann zunehmend lernen, dass bestimmte Bedürfnisse auch aufgeschoben werden können und auch bei einem Aufschieben noch sicher etwas später beantwortet werden. Aus der sicheren Beantwortung der Bedürfnisse im ersten Lebensjahr hat das Kind ein Vertrauen entwickelt, dass sich auf das Eingehen des Kindes auf die Bedürfnisverschiebung auswirkt: Hat das Kind gelernt, dass die Bedürfnisse bisher sicher erfüllt werden, ist es oft in späteren Zeiten kooperativer, weil es von dem Erfüllen prinzipiell ausgeht.

Im ersten Jahr legen wir den Grundstein

Es lohnt sich also, wenn wir gerade im ersten Jahr versuchen, auf die Bedürfnisse des Babys schnell und richtig einzugehen. Durchaus gibt es – gerade am Anfang – auch einige Abstimmungsprobleme und nicht immer verstehen Eltern gleich, was das Baby gerade braucht. Aber allein das Umsorgen und Dasein hat viele Vorteile, auch wenn Eltern nicht gleich (oder mal auch überhaupt nicht) die Ursache finden: Es zeigt dem Kind, dass wir da sind und versuchen, zu helfen. Und dieses Umsorgen bildet den Grundstein für ein Vertrauen, von dem Kinder und Eltern in den späteren Jahren noch profitieren. Es ist vollkommen in Ordnung, wenn wir aufspringen, Nähe geben und umsorgen.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Literatur:
* Bischof-Köhler (2011): Soziale Entwicklung in Kindheit und Jugend: Bindung, Empathie, Theory of Mind – Stuttgart: Kohlhammer, S. 93
** Hoffmann, K./Cooper, G./Powell, B. (2019): Aufwachsen in Geborgenheit. Freiburg: Arbor, S.136

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

5 hilfreiche Schritte, um als Elternteil mit der eigenen Wut umzugehen

Jetzt reicht es! Ich ertrage das nicht mehr! Wutentbrannt wird aus dem Zimmer gestürmt und die Tür geknallt, dass die Wände beben. Doch schon 3 Atemzüge später ist die Wut vorbei. Wie konnte ich nur so reagieren? Ich bin keine gute Mutter/kein guter Vater. Die brennende Wut, die sich zuerst gegen das Kind gerichtet hat, wird zu zermürbenden Schuldgefühlen gemischt mit Scham. Hast du das auch schonmal erlebt? Dein Kind treibt dich in den Wahnsinn, es kommt zum Streit und dann bereust du, was du gesagt und getan hast. Wie du es schaffst, diesen zerstörerischen Kreislauf zu durchbrechen? Das möchte ich dir in diesem Artikel erklären:

Die Ursache der Wut

Marshall Rosenberg, der Begründer der Gewaltfreien Kommunikation geht davon aus, dass unsere Gedanken verantwortlich sind für unsere Wut. Wut entsteht also aufgrund von Bewertungen und Urteilen. Sie entsteht auch, weil wir Verhalten interpretieren:

„Er macht das doch mit Absicht.“
„Sie will mich provozieren.“
„Er will doch nur Aufmerksamkeit.“

Marshall Rosenberg nennt das lebensfremdes Denken. Wenn wir so denken, gehen wir davon aus, dass unser Gegenüber Schuld ist an unseren Gefühlen und unerfüllten Bedürfnissen. Damit werden wir nicht nur wütend, sondern wir geben auch die Verantwortung für unsere Bedürfnisse ab. An Partner*in oder die Kinder. Wir erwarten, dass unser Gegenüber sich ändert, damit wir uns besser fühlen. All das macht uns wütend. Natürlich könnten wir uns jetzt darüber streiten, ob das wirklich stimmt. Daher möchte ich dich einladen, deine eigenen Erfahrungen zu machen.

Meiner Beobachtung nach lässt meine Wut nach, sobald ich mit den Bedürfnissen verbunden bin. Entweder mit meinen eigenen, oder mit denen meines Gegenübers. Wenn du also deine Wut transformieren möchtest, versuche die folgenden Schritte:Beschreibe die Situation, die dich wütend macht.

Schritt 1: Beschreibe die Situation, die dich wütend macht

Im ersten Schritt wollen wir den Auslöser für deine Wut finden. Denke an eine Situation, in der du richtig wütend warst. Welche Person hat dich wütend gemacht? War es dein Kind?
Deine Partnerin? Vielleicht war es deine Schwiegermutter oder der Kassierer im Supermarkt.

Egal wer es war – wir wollen nun herausfinden, was diese Person genau gesagt und getan hat. Achte darauf, dass du keine Interpretationen oder Bewertungen verwendest, um die Situation zu beschreiben. Was hat die Person konkret gesagt oder getan?

Beispiele:
Er hat die Bausteine gegen die Blumenvase geworfen. Daraufhin ist sie zerbrochen.
Meine Mutter hat zu mir gesagt: „Hättest du mal auf mich gehört.“
Als mein Kind sich auf den Boden warf und zu weinen anfing, schüttelte der Kassierer mit dem Kopf und verdrehte die Augen.

Jetzt du! Schreibe deine Beobachtung von der Situation auf, in der du zuletzt so richtig wütend geworden bist

Schritt 2: Welche Gedanken hast du in dieser Situation?

Im zweiten Schritt wollen wir die Ursache für deine Wut herausfinden. Denn die oben beschriebene Situation ist nur der Auslöser. Die Ursache für deine Wut liegt in deinen Gedanken. Vielmehr in deinen Bewertungen, Urteilen, Interpretationen und Erwartungen über die andere Person. Welche Gedanken hattest du über die andere Person?

„Er respektiert mich nicht.“
„Sie sollte es doch besser wissen.“
„Er treibt mich in den Wahnsinn.“
„Warum kann er nicht ein Mal richtig zuhören?“
„Nie tut sie, was ich sage.“

Wir denken am Tag etwa 70.000 Gedanken. Du kannst dir sicherlich vorstellen, dass eine Gedankensalve durch deinen Kopf schießt, nachdem sich die Situation ereignet hat. Hinzu kommt, dass sich solche Situationen wiederholen. Zum Beispiel der tägliche Kampf ums Zähneputzen oder Zimmer aufräumen. Dann bist du vielleicht schon auf 180, bevor du überhaupt die Tür zum Kinderzimmer aufgemacht hast. Der Grund dafür? Deine Gedanken, die in Form von Erwartungen und Urteilen durch deinen Kopf geistern. Das Problem an der ganzen Sache ist, dass dadurch deine Wut nicht transformiert wird. Denn die Wurzel deiner Wut liegt in deinen unerfüllten Bedürfnissen. Doch dazu kommen wir erst im nächsten Schritt.

Zuerst bist du wieder dran: Schreibe nun auf, welche Gedanken, Bewertungen, Urteile und Erwartungen in dir aufkommen, wenn du diese Situation erlebst: „Wenn [diese Person] [Satz oder Verhalten] sagt/tut, werde ich ärgerlich/wütend, weil…“ Was steht hinter dem weil Schreibe ehrlich all das auf, was du von der anderen Person erwartest. Wie sollte sich dein Gegenüber deiner Meinung nach verhalten? Was hätte die Person deiner Ansicht nach tun oder sagen sollen?

Schritt 3: Finde das Gefühl hinter der Wut

Wenn wir wütend werden, dann liegt das an bewertenden Gedanken und Erwartungen.
Allerdings entsteht die Wut erst, nachdem wir diesen Gedanken gefolgt sind. Das primäre Gefühl hinter der Wut ist immer ein anderes. Vielleicht ist es Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit oder Ohnmacht. Diese Gefühle entstehen unmittelbar nach dem Ereignis und resultieren aus den unerfüllten Bedürfnissen. Spürst du unangenehme Gefühle, heißt das: mindestens ein Bedürfnis ist unerfüllt. Angenehme Gefühle sind Zeichen für erfüllte Bedürfnisse.

Du bist dran: Denke nun an die Situation, die dich wütend macht. Stell dir vor, du erlebst diese Situation jetzt noch einmal. Welche Gefühle (außer Wut) kannst du noch beobachten Kannst du das Gefühl irgendwo in deinem Körper spüren? Ist es Angst, die deine Kehle zuschnürt? Oder Trauer, die dich ganz schwer macht? Vielleicht fühlst du dich hilflos und ohnmächtig in dieser Situation?

Vervollständige nun diesen Satz: „Wenn [diese Person] [Satz oder Verhalten von gestern] tut/ sagt, fühle ich mich…“ Schreibe alle Gefühle auf, die du beobachtest.

Schritt 4: Nutze die Wut als Alarmsignal für unerfüllte Bedürfnisse

Wenn Konflikte entstehen, dann bedeutet das: mindestens ein Bedürfnis von mindestens einer anwesenden Person ist unerfüllt. Unerfüllte Bedürfnisse lösen unangenehme Gefühle aus. Diese Gefühle wollen uns sagen: tu etwas, um das Bedürfnis zu erfüllen! Wut ist allerdings ein Gefühl, welches eher dafür sorgt, dass du dich selbst oder dein Gegenüber bestrafen willst (Weil du davon ausgehst, dass jemand etwas falsch gemacht hat oder sich anders verhalten sollte). Wenn wir also Wut, Schuld oder Scham wahrnehmen, können wir das als Alarmsignal sehen. Die Wut sagt uns: Achtung! Du bist gerade nicht mit den Bedürfnissen verbunden. Unsere Bedürfnisse sind das, was in uns lebendig ist. Investierst du deine Energie in die Wut, werden deine Bedürfnisse mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht erfüllt.

Jetzt bist du dran: Kommen wir wieder zu deinem Beispiel. Bevor deine Gedanken die Wut heraufbeschworen haben, hast du etwas anderes gefühlt. Welche Gefühle konntest du beobachten? Anhand dieser Gefühle kannst du dich fragen: Was brauche ich? Welche Bedürfnisse sind unerfüllt? Beispiele: „Ich fühle mich hilflos, weil ich Unterstützung brauche.“, „Ich fühle mich verwirrt, weil ich Klarheit brauche.“ Vervollständige nun diesen Satz: „Wenn [diese Person] [Satz oder Verhalten] sagt/tut, fühle ich mich […], weil ich […] brauche.“

Schritt 5: Die Wut auflösen durch Einfühlung

Denke an die Situation, die dich wütend gemacht hat. Was hat die Person gesagt und getan? Deine Aufgabe ist nun, dich nicht davon ablenken zu lassen, was die Person denkt oder sagt. Konzentriere dich stattdessen darauf, was die Person fühlt und braucht. Was könnten die unerfüllten Bedürfnisse dieser Person sein? Schreibe alle Möglichkeiten auf. Formuliere dann eine Vermutung über die Gefühle und Bedürfnisse deines Gegenübers:

Beispiel: Kann es sein, dass du traurig bist, weil du dir Kontakt wünschst?
Bist du frustriert, weil dir Respekt wichtig ist?
Machst du dir Sorgen, weil dir Sicherheit wichtig ist?

Oder in Kindersprache:

Bist du traurig, weil du mitspielen willst?
Du bist bestimmt sauer, weil du gleich behandelt werden willst, oder?
Hattest du gerade Angst, weil du sicher sein willst, dass du gemocht wirst?

Wende die 5 Schritte zur Reflexion von Situationen an, in denen du häufig wütend wirst. Übrigens: Wut zeigt eher eine Verurteilung anderer Menschen. Bei Schuld- und Schamgefühlen handelt es sich um Selbstverurteilung. Dennoch haben diese Gefühle dieselbe destruktive Energie und führen eher zu bestrafenden statt du bedürfniserfüllenden Handlungen. Wenn du also Schuld- und Scham wahrnimmst, kannst du die 5 Schritte auch anwenden.

Notfallstrategien

Wenn sich unser Nervensystem im Alarmzustand befindet, dann geht es ums nackte Überleben. Unser System ist dann auf Flucht oder Kampf ausgerichtet. In solchen Situationen ist es kaum möglich, einen klaren Gedanken zu fassen. Lege dir daher deine persönliche Toolbox mit Strategien für den Notfall an.Zum Beispiel könntest du das Folgende festlegen:

Immer, wenn ich wütend werde:
– atme ich 10 Mal tief in den Bauch
– mache ich das Fenster auf und atme die frische Luft
– trinke ich ein eiskaltes Glas Wasser
– schnuppere ich an meinem Lavendel Duftöl

Solche Strategien können helfen, aus dem Alarmzustand herauszukommen und erinnern dich daran, dass dein Kind nicht dein Feind ist, sondern dass es gerade mindestens ein unerfüllteste Bedürfnis gibt.

Ich wünsche dir viel Freude beim Üben und dass du beim nächsten Wutanfall in Verbindung mit deiner Herzenergie bleibst.

Zur Autorin:
Yvonne George ist Diplom-Sozialpädagogin, Bindungs- und Traumapädagogin, Autorin und Expertin für Gewaltfreie Kommunikation mit Kindern. Auf ihrem Blog www.yvonnegeorge.de findest du praktische Impulse für ein Bindungs- und bedürfnisorientiertes Familienleben.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de