Ein Leben ohne „wenn… dann“s?

Fühlen und Staunen

Eltern kennen in der Regel zwei Formen des „wenn…dann“s: Die erste sind die Regeln für die Kinder wie „Wenn Du heute nicht mehr aufräumst, dann darfst Du morgen auch nicht Besuch bekommen.““, die zweite Form sind die selber auferlegten Regeln in der Art des „Nur wenn mein Kind krank ist, dann darf es in meinem Bett schlafen“  – „Wenn…dann“s sollen Struktur geben, sollen uns oder unseren Kindern den Weg vorgeben, den Alltag erleichtern, sie auf das Leben vorbereiten. Aber tun sie das wirklich?

„Wenn…dann“s für Kinder

„Wenn Du Dein Gemüse nicht isst, wirst Du nicht groß und stark“, „Wenn Du nicht aufräumst, dann schmeiß ich Deine Sachen in den Müll.“ „Wenn Du nicht lieb bist, scheint morgen nicht die Sonne.“ – Viele dieser Sprüche kennen wir aus unserer eigenen Kindheit. Auf Twitter nach „wenn… dann“s gefragt, kam eine ganze Reihe antworten, die in diese Kategorie passen:

Dinge, die zusammenhangslos sind, die nicht zueinander passen, die einfach nicht sinnvoll oder nachvollziehbar sind. Und wenn uns Erwachsenen schon der Zusammenhang fehlt zwischen Ursache und Wirkung, dann ergeht es den Kindern erst Recht so. Gelernt wird nicht, dass Dinge sinnvolle Konsequenzen haben, sondern lediglich, dass es ein unüberbrückbares Machtgefälle zwischen Eltern und Kind gibt. Dass das Kind machtlos ist, dass es sich unterzuordnen hat. Nicht selten wird Kindern auch in besonderer Weise Angst gemacht, die über die oben erwähnten Drohungen noch hinaus gehen oder es wird mit körperlicher Gewalt gedroht. Doch auch die psychische Gewalt, die in diesen „wenn…dann“s liegt, ist nicht zu unterschätzen. In manchen Fällen wird den Kindern mit der Hoffnung auf Einflussnahme auf ihr Verwalten auch ganz bewusst Angst gemacht vor schlimmen, vielleicht lebensbedrohlichen Konsequenzen:

 

Diese Art der „wenn…dann“s sind kein Spaß. Wir Erwachsenen wissen vielleicht, dass man mit dem Finger beim Nasebohren nicht im Gehirn ankommt oder dass die Weihnachtsgeschenke nicht an das Christkind zurück geschickt werden und auch. Aber Kinder wissen das vielleicht noch nicht. Sie vertrauen uns. Droht man ihnen mit solchen Dingen haben sie zwei Möglichkeiten: a) Sie ordnen sich aus Angst ungefragt unter, b) sie machen es dennoch und lernen, dass wir gelogen haben, dass die Augen vom Fernsehen nicht viereckig werden. Keine der beiden Möglichkeiten ist wünschenswert für die Eltern-Kind-Beziehung und das kindliche Aufwachsen.

Natürlich können wir „wenn…dann“s aber auch sinnvoll im Alltag nutzen, können sie einbetten, um Kinder auf Konsequenzen hinzuweisen, die sie vorab nicht erahnen konnten, ihnen kausale Zusammenhänge klar machen, die sie vielleicht noch nicht verstehen:

„Wenn…dann“s sind nicht immer Erpressung, sie können auch ganz einfache Erklärungen sein, die Kinder in ihrer Entwicklung unterstützen und ihnen Hinweise geben auf Sachen, die sie noch nicht erfassen können. Es kommt immer darauf an, wie wir sie nutzen. Sie sollten nicht strafen, nicht ermahnen, nicht Angst machen. Sie sollen liebevoll gemeinte Aufklärungen sein und Zusammenhänge klar machen.

„Wenn…dann“s für Eltern

Das Leben mit Kindern ist nicht immer einfach. Nicht immer haben Eltern mit Kindern einen guten Start, gute Unterstützung oder verstehen die Signale Ihres Babys auf Anhieb. Gerade dann, wenn Chaos um uns herum ist, wünschen wir uns feste Regeln und Rituale, an denen wir uns fest halten können, die uns wieder Struktur geben, die uns einen Weg aus dem Chaos aufzeigen. In diesen Situationen sind Eltern meistens besonders geneigt dazu, für sich „wenn…dann“s aufzustellen. „Das Baby wurde doch gerade erst gestillt, es kann nicht schon wieder hungrig sein. Wenn ich jetzt wieder stille, dann verwöhne ich es/bekommt es Bauchschmerzen“, „Nein, das Kind muss doch nun auch selber laufen draußen. Erst wenn es bis dahin gelaufen ist, dann nehme ich es wieder hoch, sonst wird es nie lernen eigenständig zu laufen“, „Nein,nur wenn das Kind krank ist, dann darf es ins Bett sonst verwöhne ich es zu sehr.“ Manchmal machen wir uns das Leben ganz schön schwer mit selbst auferlegten Regeln. Regeln, die wir uns wünschen, um Ordnung in ein turbulentes Leben zu bringen. Doch gerade diese Regeln, in denen wir uns selbst begrenzen, uns einengen, uns Auflagen machen, sind es oft, die uns nicht weiter helfen: Das Baby will Cluster Feeding, das Kind wird irgendwann allein auf der Straße laufen wie alle Kinder und natürlich werden Kinder von Familienbetten nicht verzogen. Wir erlegen uns selber „wenn…dann“s auf, weil es den Druck der Gesellschaft gibt, weil wir diese „wenn…dann“s vielleicht auch aus eigener Kindheit gewohnt sind, weil wir immer mit negativen Konsequenzen rechnen sollten, die sich ja aus unserem „Fehlverhalten“ ergeben konnten.

Es ist Zeit, aus diesen Mustern auszubrechen: Kinder nicht mehr mit sinnlosen Konsequenzen zu drohen und uns selber nicht mehr unter einen solchen Druck der unsinnigen Folgen von möglichem „Fehlverhalten“ zu setzen. Wenn wir heute damit anfangen, dann haben wir eine bessere Zukunft, bestimmt.

Wie ist es bei Euch? Kennt Ihr auch „wenn…dann“s und welche nutzt Ihr im Alltag?

Eure

Susanne_clear Kopie

  • Mir rutschen auch immer wieder diese“wenn-dann“raus. Manchmal die erklärenden. Andere male die weniger Sinnvollen. Aber die Angstmachenden oder Unwahrheiten kommen mir so gut wie nie über die Lippen, die finde ich echt schrecklich.

  • Nora

    Sehr schön und wirklich gut erklärt. Danke.

  • Kathrin

    Liebe Susanne,
    Ich liebe deinen Blog, mit einer kleinen Einschränkung: wäre es nicht sinnvoll Alternativen zu nennen, statt nur zu verteufeln? Das ist doch wieder was das Eltern nutzen wenn sie nicht weiter wissen. Bringt einen doch auch nicht weiter, wenn man dann merkt UPS war doof, aber keine Ahnung hat einem stattdessen weiter helfen kann…
    LG Kathrin

    • lilysu

      Liebe Kathrin,
      es tut mir sehr leid, wenn Du den Eindruck hast, hier würde „verteufelt“ werden. Mit diesem Artikel sollte eigentlich klar werden, dass „wenn…dann“s nicht immer nur Erpressung oder Drohung sein können, sondern dass dies auch sinnvoll genutzt werden können, wenn man Kindern wirklich logische Zusammenhänge klar macht. Tut mir leid, wenn dies für Dich nicht so anschaulich war.
      Generell ist dieses Blog offen und soll eben gerade kein schlechtes Gewissen machen und nicht werten. Ich schreibe immer wieder darüber, dass es eben nicht den einen richtigen Weg gibt, dass man Sachen immer in den Zusammenhängen sehen muss. Schade, wenn das für Dich nicht so deutlich geworden ist bisher.
      Liebe Grüße,
      Susanne

  • liz

    Beim Durchlesen ist mir jetzt noch ein ganz schlimmes wenn…dann eingefallen, dass mir noch immer tief im Nacken sitzt „wenn du nicht brav bist, kommst du ins Heim“. Davor hat ich wirklich Angst als Kind und ich kann mich wirklich nicht daran erinnern, dass ich ein wahnsinnig „schlimmes“ Kind gewesen wäre. Überhaupt nicht.

  • wildewoelfn

    Wenn ich das hier lese, dann wird mir bei einigen Beispielen echt anders… weil ich es selber als Kind gehört habe – oder aber, weil ich es selber sdchon mal gesagt habe.
    Wenn ich dann weiter in mich hinein horche, dann fällt mir auf, dass ich mich in diesen Situationen meist hilflos fühle.
    Wenn ich also das nächste mal ind eine solhe Situation komme, dann kann ich nun ein wenig achtsamer sein, um die „wenn-dann´s“ vielelicht häufiger zu vermeiden.
    „Ich bin eine Meisterin die übt“

  • J9

    Ich merke iwie ich mmer wieder in alte Stressmuster zurück falle, wenn mich Situationen überfordern und dabei ist mein Mund oft schneller als der Kopf…grausig. Meistens merke ich es direkt und kann gleich wieder einlenken. Es ist schon erstaunlich, wie tief das in einem sitzt.
    Eine meiner schlimmsten wenn dann Erinnerungen: „wenn du dich jetzt nicht zusammenreißt dann setzt es was.“
    Egal wie hoch der Stress ist so was rutscht mir nicht raus, war aber meine Kindheit.