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Konfliktsituationen zwischen Kindern begleiten mit Gewaltfreier Kommunikation

Janine Ringel hat zusammen mit ihrem Mann Stephan Ringel einen kleinen Kindergarten in Lübeck gegründet auf Basis einer Kindertagespflegestelle. Sie haben sich ein eigenes Konzept ausgedacht für den Kindergarten, das insbesondere die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg in den Blick nimmt. Wie genau dies in Konflikten zwischen Kindern im Alltag umgesetzt wird, erklärt Janine:

Grundsatz: Es gibt keine Schuld und damit auch keine Strafe 

Wir gehen davon aus, dass jedes Kind/jede Person in jeder Situation auf die Art und Weise reagiert, wie es ihm momentan auf Grundlage seiner Gefühle und Bedürfnisse möglich ist. Auch ein Verhalten wie hauen, schubsen, beleidigen etc. ist damit zunächst einmal nur der „tragische Ausdruck eines unerfüllten Bedürfnisses“.

Ein Konflikt bedeutet zunächst einmal: Bedürfnisse auf beiden Seiten sind gerade nicht erfüllt. Es ist für uns also zweitrangig, wer den Streit begonnen hat oder herauszufinden, wer in welcher Weise „Schuld“ an der momentanen Situation hat. Wenn wir mit Schuld und Strafe arbeiten, kommen wir nicht in Verbindung zueinander, sondern wir entfernen uns voneinander und schaffen eine Barriere. Und wir sehen die Kinder nicht wirklich in dem, was sie brauchen. Bedürfnisorientiert zu handeln heißt für uns auch das: Was brauchst du jetzt gerade und in Zukunft, um in solchen Situationen andere Handlungsmuster zur Verfügung zu haben? Und wie kann ich dir jetzt gerade helfen, deinen Schmerz zu lindern? Ein weiterer Grundsatz lautet: Keiner ist für den Ärger des Anderen verantwortlich. Es gibt bei uns kein „Ich bin wütend, weil du…“. Marshall Rosenberg nennt das „eine Trennlinie zwischen Auslöser und Ursache ziehen“. Es macht uns wütend, was gerade passiert ist, aber nicht die Person selbst. 

Wir sind für beide Kinder da 

Wir sehen bei einem Konflikt grundsätzlich beide Seiten. Wir trösten beide Kinder in ihrer Wut, Trauer und Verletzung. Wir machen bewusst, was das jeweilige Verhalten im anderen Kind und im Kind selbst ausgelöst hat, aber ganz ohne Schuldzuweisungen.Wir bitten beide Kinder, vor Ort zu bleiben, um die Situation klären zu können. Manchmal braucht ein Kind kurz Zeit, um sich darauf einzulassen, verlässt die Situation, um sich zu beruhigen und kommt dann wieder zu uns zurück. Auch das ist vollkommen in Ordnung. 

Lösungsprozess 

Sobald etwas Ruhe eingekehrt ist, haben wir auch meist durch das Spiegeln und im Gesehen-Sein den Sachverhalt erfasst. Wir fassen unsere Beobachtungen nochmal zusammen (auch paraphrasieren genannt) und versuchen zu verstehen, welche Gefühle und Bedürfnisse bei beiden Kindern zum jeweiligen Verhalten geführt haben. Wir versuchen, Verständnis und Empathie für beide Seiten aufzubauen, indem wir beide fragen: „Wie fühlst du dich jetzt? Wie fühlst du dich, wenn du siehst, wie es dem anderen damit geht?“ 

Manchmal, gerade bei kleineren Kindern, reicht dieser Schritt häufig schon aus – allein die Erkenntnis, wie es dem anderen geht, genügt, um wieder in Verbindung zu kommen. Zu erkennen, dass auch das Gegenüber sich unwohl fühlt, traurig und unzufrieden ist. Dann gelingt es häufig gemeinsam, auch ohne meine/unsere Hilfe, einen Konsens zu finden. Wenn das an dieser Stelle noch nicht der Fall ist, fragen wir danach, welche Bedürfnisse in diesem Moment wohl nicht erfüllt waren. Was war für dich gerade ganz wichtig und warum haben evtl. Lösungsvorschläge nicht gepasst? 

Manchmal ist es das Bedürfnis der Gemeinschaft, Zugehörigkeit und Verbindung, was durch gemeinsames Spielen gedeckt werden würde, manchmal das nach Kreativität, nach Autonomie… Wenn wir das Bedürfnis erkannt haben, können wir gemeinsam eine Lösung finden: zusammen mit einem (vielleicht gerade noch umkämpften) Spielzeug spielen, ein anderes finden, was dem Bedürfnis nach Kreativität etc. entspricht, ein Spiel mit einem anderen Kind beginnen, wenn es um 

Gemeinschaft ging etc. Daraus lassen sich dann wiederum Bitten und Lösungswege ableiten: „Können wir jetzt etwas zusammenspielen? Kannst du mir ein Buch vorlesen, weil ich noch ein bisschen traurig bin? Ich möchte gerade noch allein sein und kuschel mich lieber noch mit einer Decke und einem Puzzle aufs Sofa“ 

GFK: Das dauert doch so lange 

Viele Menschen glauben, dass gewaltfreie Kommunikation ein langwieriger Prozess ist. Und: ja, es dauert ein bisschen länger als übliche Verfahren in Konfliktsituationen. Wir haben jedoch festgestellt: die Atmosphäre unter den Kindern ist eine völlig andere. Sie spüren, dass sie ein Teil einer kleinen Gruppe sind, in dem jeder zählt, jeder gesehen wird und jeder sein darf wie er ist. Sie spüren, dass hier alle Emotionen ihren Platz haben. Sie dürfen sich frei und in Liebe begleitet entfalten. Wir sehen häufig, wie schon 2 1⁄2 jährige bei uns Wege finden, Konflikte zu lösen und Lösungsalternativen vorzuschlagen. Sie lernen sich besser kennen und können benennen, was in ihnen vorgeht- wie fühle ich mich gerade? Was hätte ich gebraucht in dieser Situation? Je nach Alter benötigt es natürlich mehr oder weniger Begleitung, vor allem, um ihnen Wörter an die Hand zu geben, für das, was in ihnen und im anderen vorgeht. 

Zu guter Letzt 

Wir erziehen nicht für ein schnelles Resultat. Auch nicht dafür, dass das Kind aus Angst vor Strafe oder Zurückweisung seine Emotionen und Bedürfnisse zurückstellt. Wir unterstützen darin, dass Kinder die wir begleiten zu Menschen heranwachsen können, die Entscheidungen aus sich heraus treffen, empathisch, stark und selbstbewusst, nicht aus Angst vor Strafe sondern aus ihrem eigenen inneren Antrieb heraus. 

Janine Ringel ist Sozialpädagogin (BA) und Mutter von zwei Kindern (2014 und 2017 geboren). 2017 hat sie zusammen mit ihrem Mann den kleinen, bindungsorientierten, auf Achtsamkeit und GFK basierenden Kindergarten „Farbtupfer“ in Lübeck für Kinder von 2-6 Jahren gegründet und arbeitet darüber hinaus in der Elternberatung. Sie ist ausgebildet in gewaltfreier Kommunikation nach M.B.Rosenberg. Mehr von Janine findet Ihr auf auf  farbtupfer.org oder hier   auf Instagram.


Effizienzdenken zuhause lassen: Naturverbundenheit braucht elterliche Begeisterung

Ein Studienkollege verbrachte seine Freizeit mit Spuren- und Fährtenlesen und brachte sich selbst bei, Feuer zu machen. Ich beobachtete ihn und fand sein Tun – um ehrlich zu sein – ein wenig verspielt und albern. Fast alle in unserem Umfeld waren Studierende aus dem Bereich Naturschutz und Landschaftsplanung und machten sich dementsprechend Gedanken zum Zustand der flurbereinigten Landschaft und zu den irreparablen Schäden, die die Natur durch menschliches Tun schon fortgetragen hat.

Wir waren in der Feldarbeit aktiv, zählten Schmetterlinge und fanden über den gesamten Sommer hinweg nur 11 Arten. Wir blickten uns an unserem Studienort in Sachsen-Anhalt um, und sahen ringsum nichts als riesige Ackerschläge. Wir hatten Ideen, was es braucht, um die Natur zu “retten”. Aber ein Büschel Stroh nehmen und tagelang nach einem Feuerstein suchen, um selbst Feuer zu machen? Im Freien Biwakieren und mit leuchtenden Augen zurückkommen und von Wildschweinspuren berichten? Wie sollte das der Natur helfen?

Wachsendes Natur-Defizit durch Unsicherheit der Eltern

Als ich anfing, meine Stimme zu nutzen, um die Aufmerksamkeit auf den Zustand der Natur zu lenken, stolperte ich über immer mehr Fragen. Ich las von Kindern, die kein Interesse daran haben, draußen zu spielen. Ich hörte Eltern zu, die stolz von Spielzeug erzählten, das die Kinder so lange beschäftigt hält, dass sie nicht mehr in den Park gehen wollen.

Eltern in unserem Umfeld kamen auf mich zu, weil sie Angst hatten, ihr Kind in der Wiese krabbeln zu lassen. “Welche Gefahren lauern in der Natur?”, fragten sie mich. “Was, wenn es sich etwas in den Mund steckt?” Mit der Zeit und immer mehr Artikeln, die ich zu diesem Thema schrieb, kristallisierten sich zwei Fragen heraus. 

Wie bringt man Eltern dazu, mit ihren Kindern rauszugehen?

und

Wie weckt man das Interesse der Kinder, die Natur spannend zu finden?

Antworten auf diese Fragen zu geben, ist meiner Meinung nach der Schlüssel, um dem Natur-Defizit-Syndrom der heutigen Kindergeneration entgegenzuwirken. Der Begriff “nature deficit disorder” kommt aus den USA und beschreibt die zunehmende Entfremdung von Kindern und Jugendlichen, aber auch der gesamten Gesellschaft, von natürlichen Prozessen und gleichzeitig das Schwinden von Artenkenntnis und Wissen.

Naturverbundenheit: kein weiterer Punkt auf der To-Do Liste

Der Trend geht zur “terra incognita”, zur unbekannten Natur. Ähnlich dem australischen Kontinent im 16. Jahrhundert für Seefahrer wird die Natur zum unbekannten Land. Im Hinblick auf den Zerstörungsgrad, den wir der Erde mit dem Beginn der industriellen Landwirtschaft eingebracht haben und auch im Hinblick auf das Fehlen der Naturerfahrungen für unser Wohlbefinden, brauchen wir eine Rückkehr zur Natur. Doch die wird es nicht geben, wenn Naturverbundenheit ein weiterer Punkt auf der „Was Eltern auf gar keinen Fall verpassen dürfen“-Liste wird. Der Druck, der auf uns Eltern lastet, ist groß genug. Kindern zusätzlich noch eine möglichst diverse und ausgeprägte Naturerfahrung zu organisieren, sollte nicht Teil davon sein. 

Für Naturverbundenheit braucht es kein pädagogisch wertvolles Programm. Es ist natürlich toll, wenn es ein solches Programm gibt und wer eins vor der Haustür hat, soll es gerne wahrnehmen. Aber einmal im Jahr am Samenbomben-Basteln teilnehmen, wird keinen spürbaren Unterschied für die Kinder zu ihrem Platz im Ökosystem machen. Statt Termine sind es Nicht-Termine, die dabei helfen: Zeit. Naturverbundenheit zu spüren braucht Zeit. Zeit für Beobachtungen in der Natur. Zeit für Fährtenlesen und Vogelstimmen-Zählungen. Zeit für Bestimmungs-Apps und Müllsammeln im Stadtwald. Zeit für Geocaching, für Verstecken spielen und Lager bauen und Stöcke schnitzen. Zeit für Sammeln und Lagerfeuer, für Spiele bei jedem Wetter, für Baumfreundschaften und Fackelwanderungen. 

Ich weiß, Zeit ist ein seltenes Gut für Eltern. Zwischen Beruf, Haushalt, Abholzeiten, Kinderbetreuung und Partnerschaft jetzt auch noch Zeit für Draußensein einzuräumen, mag wie viel verlangt erscheinen. Diese Zeit draußen kommt jedoch in gleichem Maße den Eltern zugute. Studien haben ergeben, dass allein der Anblick der Natur dazu führt, Pulsschlag und Stresshormone* zu senken. Der Zugang zu Grünflächen führt zu allgemein verbesserter Gesundheit** und während die Bewohner eines waldreichen Gebietes eine niedrigere Sterberate*** vorweisen und seltener an Krebs erkranken, nehmen Krankheiten in Gebieten, wo die Natur zurückgeht****, zu. 

Auch ohne dass wir diese Studien gelesen haben, wissen wir, dass uns Natur gut tut. Doch wenn es um Naturerfahrungen für unsere Kinder geht, geben wir uns mit einem einfachen Spaziergang ohne viel Brimborium zufrieden? Sollten sich die Kinder nicht draußen erst einmal austoben anstatt „Sitzwache“ zu halten und auf Geräusche und Bewegung in der Umgebung zu achten? Je nach Temperament des Kindes und Zeitpunkt schließt sich das auch aus. 

Die natürliche Umgebung selbst ist es, die zum freien, kreativen Spiel einlädt oder zur ruhigen, meditativen Achtsamkeit. Es braucht in einem natürlichen Umfeld kein Angebot, keinen Plan und keine Checklisten, was und wie lange ein Kind etwas tun sollte, um Naturverbundenheit zu spüren. Wir sollten (wieder-) erlernen, unseren eigenen Instinkten zu folgen und die Zeit draußen für das zu nutzen, was uns gut tut – Laufen, Horchen, Hinsehen, Nachdenken oder Stillsitzen. 

Aus der Effizienzspirale aussteigen

Andreas Weber postuliert in seinem Buch „Mehr Matsch! Kinder brauchen Natur“, dass das größte Hindernis auf dem Weg zur lebendigen Naturerfahrung wir Eltern sind. Er schreibt auf Seite 206: „Wir sind [zudem] Perfektionisten und wollen unseren Kleinen jedenfalls eine höchst professionelle Naturerfahrung bieten. Wir verfallen bei dem Gedanken „Natur“ schnell in unseren Reflex des Planes, Organisierens und Angebotrecherchierens, wo es doch so viel mehr um ein Innehalten und Lauschen geht. Um ein Zulassen, nicht ein Dirigieren. Um Offenheit – dieselbe, welche die Sinne unserer Kinder annehmen, wenn man sie nur den Geräuschen, Gerüchen, Farben und Temperaturen der freien Welt lange genug überlässt. Ich empfehle, um einmal probehalber unsere eigenen Sinne neu auszurichten, einen einzigen zentralen Wandel der Grundhaltung: Versuchen Sie nicht mehr das zu tun, was Ihnen nützlich vorkommt. Steigen Sie kurzfristig aus der Effizienzspirale aus.“

Mein Studienkollege machte es vor: Er hatte Spaß an der Natur, er erforschte sie auf vielerlei Arten. Er trat mit ihr in Verbindung. Und ganz natürlich versammelten sich Kinder um ihn und fragten ihn, was er tat, halfen ihm und lernten. Sie verbanden sich mit der Natur und gingen Abends durch das neu erlebte und erlernte Wissen mit leuchtenden Augen ins Bett: “Heute haben wir ein Abenteuer erlebt!”

Es ist nicht zwingend notwendig, zu wissen, wie man Feuer macht. Aber es ist für Kinder zwingend notwendig, eine Verbindung mit der Natur zu spüren. Neben allen entwicklungsbedingten, gesundheitlichen und psychologischen Vorteilen, ist die Verbindung mit der Natur elementar, um unsere und ihre Lebensgrundlage wertzuschätzen und zu erhalten. Die kindlichen Vorlieben müssen angesprochen werden, um Lust zu machen auf die Natur. Und da Kinder durch Vorbilder lernen, müssen auch wir Eltern wieder Lust auf Natur bekommen. Also: Auf was haben wir Eltern Lust? Wissen wir, wie man Feuer macht? Wollen wir es lernen? Dann sollten wir es tun. 

Eure

Veronika hat Biologie, Naturschutz und Landschaftsplanung studiert und ist Mutter einer Tochter. In ihrer Kolumne „Naturorientiertes Aufwachsen“ berichtet sie von Wegen, auf denen Kindern die Liebe und der Respekt zur Natur als Samenkorn mitgegeben werden können.  Mehr über Veronikas Arbeit und ihre aktuellen Texte zu grünen Themen findet ihr auf ihrer Homepage, Instagram oder Twitter.

Weiterführende Literatur:
* Moore EO (1981) A prison environment’s effect on health care service demands. Journal of Environmental Systems, 11: 17–34 
** De Vries S, Verheij RA, Groenewegen PP, Spreeuwenberg P (2003) Natural environments -healthy environments?An explora-tory analysis of the relationship between green space and health. Environment and Planning A 35: 1717–1731
*** Li Q, Kobayashi M, Kawada T (2008). Relationships between percentage of forest coverage and standardized mortality ratios (SMR) of cancers in all prefectures in Japan. The Open Public Health Journal 1, 1–7. 
****Donovan GH, Butry DT, Michael YL, Prestemon JP, Liebhold AM, Gatziolis D, Mao MY (2013) The relationship between trees and human health: evidence from the spread of the emerald ash borer. American Journal of Preventive Medicine 44: 139–145. 

Mein Kind trödelt

«Jetzt beeil dich! Wir müssen los!», «Bist du immer noch nicht weiter?» Viele Kinder hören den ganzen Tag über immer wieder, dass sie doch bitte etwas schneller sein sollen. Sie:

  • bummeln am morgen
  • trödeln beim Essen
  • träumen vor sich hin, wenn sie eine Aufgabe erledigen sollen

und treiben damit die Erwachsenen um sie herum regelmässig in den Wahnsinn.  Uns Erwachsene mit unseren Uhren, Plänen, To-Do-Listen, Strukturen, Pflichten, Agenden, uns, die immer irgendwo hinmüssen, nicht zu spät kommen dürfen, niemanden enttäuschen wollen, den Bus auf keinen Fall verpassen möchten. Wie können wir als Eltern damit umgehen, wenn unsere Kinder langsam und verträumt sind und alles ewig dauert – in einer Welt, die das immer weniger zulässt?

Vorbereitung hilft gegen Stress am Morgen

Meine Kinder (4 und 7) gehören zu den Menschen, die es morgens gerne gemütlich angehen lassen. Meist bleiben sie noch im Pyjama, spielen zuerst eine Stunde, essen dann etwas und ziehen sich erst nach dem Frühstück an. Seit sie in die Schule und in den Kindergarten gehen, ist es mit den gemütlichen Morgenstunden vorbei. Um 7.50 beginnt für beide die Schule und um 7.32 Uhr müssen sie den Bus erwischen (Anmerkung: In der Schweiz gehört der Kindergarten ab 4 Jahren zur obligatorischen Schulzeit). Nun bleibt uns morgens nicht viel Zeit: Wecken, Anziehen, Frühstücken, Pausenbrot einpacken, Jacke, Schuhe etc. anziehen und den Bus erwischen: All das muss in 45 Minuten Platz haben.

Da ich unter Druck selbst eher apathisch werde, alles Mögliche vergesse und mein Gehirn vor 9 Uhr sowie nicht wirklich funktioniert, habe ich mir angewöhnt, den Morgen zu entschlacken. Dabei gilt: Je weniger man als Elternteil am Morgen tun muss, desto gemütlicher kann man in den Tag starten. All das lässt sich am Abend erledigen, wenn die Kinder im Bett sind:

  • Die Kleider für den nächsten Tag bereitlegen.
  • Für das Frühstück bereits den Tisch decken.
  • Schultasche packen.
  • Die Pausenbox vorbereiten und einpacken.
  • Schuhe, Jacke, Schal etc. im Gang bereitlegen, sodass die Kinder nur noch reinschlüpfen müssen.

Auf diese Weise muss man am Morgen nur noch den Kindern ein wenig beim Anziehen helfen und den Brotaufstrich aus dem Kühlschrank nehmen. 

Das selbständige Anziehen gelingt den Kindern leichter, wenn man die Kleider in Form eines Kleidermännchens bereitlegt: Hose und Pulli zuunterst, T-Shirt, Unterwäsche und Socken darauf – in der Reihenfolge, in der das Kind die Kleider anziehen muss. Eine Alternative ist der Kleiderparcours. Dazu legen Sie beispielsweise die Unterwäsche neben das Bett, die Socken auf die Türschwelle, das T-Shirt in den Gang, die Hose auf den Weg zur Küche und den Pullover auf den Stuhl in der Küche. Das Kind bewegt sich damit während des Anziehens automatisch vom Bett zur Küche und läuft nicht Gefahr, sich wieder auf das Bett zu setzen und Löcher in die Luft zu starren. Wenn die Kinder etwas älter werden, mehr Routine entwickeln und sich selbständiger anziehen, können nach und nach wieder mehr dieser Punkte in den Morgen verschoben werden. 

Eine kleine Trickkiste, um das Aufstehen zu erleichtern

Meine Vierjährige ist abends fit und munter, morgens dafür todmüde. Im ersten Kindergartenjahr hat sie zum Glück zwei Vormittage frei. Und so stellt sie mir jeden Morgen die gleiche Frage: «Habe ich heute frei?». Auf die Antwort: «Nein, heute ist Kindergarten» dreht sie sich knurrend um und zeigt mir überdeutlich, was sie davon hält, so früh aus den Federn zu müssen. Ein paar Kniffe erleichtern uns das Aufstehen.

Musik: Wenn morgens der Song «Let it go.» aus dem Disneyfilm Frozen aus den Boxen dringt, fällt meiner Tochter das Aufwachen deutlich leichter. 

Kleider anwärmen: Im Winter wird es über Nacht etwas kalt im Kinderzimmer. Angenehmer wird das Aufstehen, wenn man die Kleider auf der Heizung bereitlegt oder sie ein paar Minuten vor dem Aufstehen zum Anwärmen unter die Bettdecke schiebt.

Verständnis: Begründungen wie «Mach jetzt! Wir müssen los, sonst kommen wir zu spät!» führen kaum dazu, dass Kinder sich beeilen. Gerade die verträumten Kinder werden oft umso langsamer, je mehr Druck die Eltern aufsetzen. Verständnis kostet nichts und tut gut: «Du würdest gerne noch weiterschlafen, hm? Ich auch. Schon gemein, dass wir so früh aufstehen müssen. Komm, ich helfe dir.»

Beim Anziehen helfen: Wenn meine Tochter an ihren freien Tagen ausschlafen, spielen und frühstücken durfte, geht sie nach oben ins Zimmer und zieht sich alleine an. Das gelingt ihr nicht, wenn ich sie morgens wecken muss. Sie ist zu müde – also helfe ich ihr. In unserer Kultur wird Selbständigkeit so großgeschrieben, dass viele Eltern Angst bekommen, sie könnten ihre Kinder zu sehr verwöhnen oder zur Unselbständigkeit erziehen, wenn sie ihnen morgens in die Kleider helfen. Ich glaube, das dürfen wir ruhig etwas gelassener sehen. 

Manchmal braucht alles etwas länger

Eltern von kleinen Kindern kennen es: Man hat sich verabredet, will aus dem Haus und sobald das Kind endlich angezogen ist, muss es auch schon wieder aufs Klo oder die Windeln müssen gewechselt werden. 

In dieser Phase fand ich den Satz «Ich rufe dich an, sobald wir unterwegs sind.» sehr entlastend. Oft spielt es keine Rolle, ob man sich um 14 oder 14.30 Uhr trifft, doch sobald man eine bestimmte Uhrzeit vereinbart hat, beginnt man hektisch auf die Uhr zu schielen und das Kind anzutreiben. Muss man mehrmals hintereinander die Eltern, Schwiegereltern oder Freunde anrufen und ihnen gestehen, dass man es wieder nicht rechtzeitig schaffen wird, beginnt man an sich zu zweifeln. 

Sobald man im Bus, Zug oder Auto sitzt, lässt sich die Zeit hingegen genauer angeben. Ein Anruf mit den Worten «Wir fahren jetzt los – sind in einer halben Stunde da.» lässt der anderen Person immer noch die Möglichkeit, sich etwas vorzubereiten und sich auf den Besuch einzustellen.

Je weniger wir uns vornehmen, desto seltener machen uns Kinder einen Strich durch die Rechnung

Wie sehr wir uns als Erwachsene vom Alltag und unseren Kindern stressen lassen, hängt stark davon ab, welche Erwartungen und Ziele wir im Kopf haben. Wenn wir uns innerlich sagen: „Ich muss heute unbedingt noch…“, setzen wir uns unter Druck. Jedesmal, wenn sich unserem Ziel etwas in den Weg stellt, reagieren wir mit Frust und Ärger.  In dieser Situation können wir vom Kind verlangen, dass es spurt, schnell macht, sich alleine beschäftigt, uns nicht stört – oder wir können uns ein Stück weit von unseren Plänen lösen.

Als meine Kinder noch jünger waren, half es mir sehr, meinen Fokus zu ändern und mir ganz bewusst das Ziel zu setzen: „Ich verbringe Zeit mit meinen Kindern.“ Alles andere, das Einkaufen, Kochen, Haushalt war nicht mehr das erste Ziel, sondern etwas, das ich tue, während ich Zeit mit meinen Kindern verbringe. Sobald man diesen Fokus hat, geht es nicht mehr darum, möglichst rasch durch den Supermarkt zu eilen oder ungestört zu kochen. Vielmehr plaudert man mit den Kindern, bindet sie in den Einkauf ein oder freut sich, weil sie beim Kochen immer besser mithelfen können.

Probieren Sie es aus: Setzen Sie sich in der nächsten Woche an zwei Nachmittagen das Ziel, Zeit mit Ihren Kindern zu verbringen und sich auf deren Rhythmus einzulassen. Dabei gilt: Alles kann, nichts muss. Betrachten Sie es als Bonus, wenn Sie in dieser Zeit einkaufen oder die Wohnung aufräumen können. Fragen Sie sich am Ende dieser Nachmittage: Wie habe ich mich gefühlt? Wie war die Stimmung zwischen mir und den Kindern? Was haben wir gemacht?

Fabian Grolimund ist Psychologe und Autor. Gemeinsam mit seiner Kollegin Stefanie Rietzler hat er das Buch Geborgen, mutig, frei – wie Kinder zu innerer Stärke finden geschrieben. Zudem schreibt er regelmäßig für das Schweizer Elternmagazin Fritz+Fränzi. Mehr erfahren Sie unter mit-kindern-lernen-ch  

Programmieren lernen mit Kindern

Ob die Kinder Programmieren lernen, kann jede Familie gemeinsam für sich entscheiden. Wir halten es für eine gute Idee, denn es ermöglicht Kindern einen Blick hinter die Kulissen der Welt, die sie umgibt: Wie funktioniert eine Fahrstuhlsteuerung? Warum macht ein Programm manchmal nicht, was man möchte? Und wo kommen die vielen Apps eigentlich her? Dabei soll es gar nicht darum gehen, aus Kindern gleich die nächsten Software-EntwicklerInnen zu machen. Sie sollten nur die Möglichkeit haben, Technik zu verstehen und spielerisch damit umzugehen. Und nicht selten ist es auch für die Eltern eine gute Gelegenheit, eigene Berührungsängste zu überwinden.

Mittlerweile gibt es viele Möglichkeiten für und mit Kindern die Welt des Programmierens zu erforschen. Wir haben eine Liste interessanter Hard- und Software-Projekte zusammengestellt, mit denen wir bereits selbst Erfahrungen sammeln konnten. Manche Projekte sind nicht unbedingt auf das Programmieren an sich fokussiert, sondern zeigen einen generellen Einstieg in die Welt der Elektronik. Da die Grenzen hier fließend sind, könnt Ihr selbst schauen, welche Themen Eure Kinder und Euch selbst interessieren. Die Altersempfehlungen sind natürlich immer nur Richtlinien: Je nach Interesse und Entwicklung des Kindes kann sich das geeignete Alter nach oben oder unten verschieben.

Bücher für Kinder zum Thema Programmieren

Ein früher Einstieg ins Thema geht auch ganz ohne Technik. Zum Beispiel mit dem wunderbaren Buch „Hello Ruby. Programmier Dir Deine Welt“ (Amazon* | Buch 7* | Buchhandel) der finnischen Autorin, Illustratorin und Programmiererin Linda Liukas. Das Buch kann bereits kleineren Kindern vorgelesen werden. Es regt neben der Geschichte zu spielerischen Experimenten an, die das Prinzip der Programmierung näher bringen. In einem sehenswerten TED Talk erklärt Linda die Idee hinter dem Buch, das für Kinder ab fünf Jahren geeignet ist:

Mittlerweile gibt es weitere Teile des Buches, die weiter ins Thema führen: »Wenn Roboter zur Schule gehen«, »Expedition ins Internet« und »Die Reise ins Innere des Computers«.

Programmieren mit der Maus

Der Klassiker unter den Programmier-Umgebungen für Kinder ist Scratch. Die grafische Programmieroberfläche wird seit 2007 für die Bildung von Kindern und Jugendlichen entwickelt und es gibt viele Webseiten, Videos und Bücher mit Erklärungen, zum Beispiel zur Programmierung kleiner Spiele. Für Maus-Fans gibt es seit 2018 eine angepasste Scratch-Version: »Programmieren mit der Maus«, die schon allein durch Maus und Elefant Kindern den Einstieg erleichtert. Auf der Webseite gibt es Tipps für Lehrkräfte und Eltern. Wer sich weiter einarbeiten möchte, findet einen kleinen Workshop bei „Planet Schule“, den man mit Kindern durcharbeiten kann. Empfohlen für Kinder ab 8 Jahren (sie sollten bereits ein wenig lesen können).

Programmieren lernen ohne Computer: Kodi

Die meisten Programmier-Projekte benötigen Tablet, Smartphone oder Computer. Wer spielerisch mit den Kindern ohne Bildschirm Technologie direkt erkunden möchte, kann sich den »mechanischen Coding-Roboter Kodi« (Amazon* | Hersteller) ansehen. Kodi bietet einen Einstieg in die Welt des Programmierens ohne Smartphone oder Computer, denn hier geht es darum, eines von fünf Roboter-Modellen zusammenzubauen, das rein mechanisch Zeichnen, Greifen, Basketball werfen, Fußball spielen oder Gegenstände transportieren kann und über Stecker in ein Rad programmiert werden kann. Ein schönes Set, um allein oder gemeinsam am Tisch zu bauen und zu experimentieren. Empfohlen für Kinder zwischen 8 und 14 Jahren, aber der Zusammenbau der Plastikteile von Kodi ist ziemlich schwierig im Handling und es braucht erwachsene Begleitung.

little Bits

Little Bits (Amazon* | Hersteller) macht das Kennenlernen der Elektronikwelt besonders einfach: Mit kleinen thematisch sortierten Steckmodulen lassen sich spielerisch elektronische Schalten bauen und testen. Statt zu löten können Kinder einfach verschiedene Module aneinanderreihen und gucken, was passiert. Die „Bits“ genannten Module sind farblich nach ihren Funktionen markiert: pinke Input-Bits für Taster, Schalter und Sensoren, grüne Output-Bits für Licht, Motoren und Sound, blaue für Stromversorgung und orange für Verbindungen.

Mit diesen Bits können ganz einfach Schaltungen und Kreisläufe gebaut werden. Die Handhabung ist durch die einfache magnetische Verbindung sehr einfach. littleBits bietet verschieden Sets mit verschiedenen Umfang zu diversenen Themen an. Das littleBits Base Inventor Kit bietet n diese Elektronikwelt und ermöglicht erste Erfahrungen im Zusammenbauen, beispielsweise kann ein sprachgesteuerter Robotergreifarm gebaut werden. Kinder können aber damit aber auch eigene Projekte auf einfache Weise verwirklichen. Ein besonderer Spaß also für alle Kinder mit Freude am Programmieren, Basteln und Erfinden. Wir hatten Spaß mit einem Set zur elektronischen Musik, mit dem sich erstaunliche Synthesizer-Effekte bauen lassen. Empfohlen für Kinder ab 8 Jahren.

Einfache Erklärungen zur Bedienung

Dash

Dash (Amazon* | Hersteller) ist ein knuffiger Roboter, der robust genug ist, um auch von jüngeren Kindern bespielt zu werden. Über die zugehörigen Apps für Smartphone und Tablet kann Dash nicht nur einfach ferngesteuert, sondern richtig programmiert werden: Mit einzelnen Bausteinen, die in der Blockly App zusammengesetzt werden, können einfache Programme bis zu komplexe Handlungen programmiert werden: So kann Dash in der Wohnung rumfahren, Geräusche von sich geben, auf Hindernisse reagieren und mit Lichteffekten spielen.

Erste Schritte zur Programmierung können in der App mit einem kleinen Führerschein erlernt werden, später können eigene Ideen umgesetzt werden. Die App Blockly ist beispielsweise so aufgebaut, dass es einen ansteigenden Schwierigkeitsgrad gibt und die zu programmierenden Aufgaben immer anspruchsvoller und komplexer werden. Sogar eigene Wörter und Sätze können aufgenommen und von Dash mit entsprechendem Befehl wiedergegeben werden. Eine typische Aufgabe, die man mit Dash bewältigen kann ist zum Beispiel ein kleiner Parcour: Man klebt mit farbigen Klebestreifen eine Fahrtstrecke auf den Fußboden ab. Durch eine Kamera im Boden kann Dash so programmiert werden, dass er sich seinen Weg entlang der Strecke sucht.

Neben der Programmierapp Blockly gibt es auch weitere Apps, die genutzt werden können. An einigen Stellen ist die Übersetzung aus dem Englischen nicht ganz geglückt und unser Kind musste nachfragen, was mit einer Aufgabe konkret gemeint sei. Insgesamt jedoch sind Roboter und App von einem Schulkind nach kurzer Zeit allein bedienbar. Sarah von Sarah von mamaskind.de hat hier einen sehr ausführlichen Bericht über die einzelnen Apps und Funktionen geschrieben. Wer in Berlin wohnt und sich für das Programmieren interessiert, kann sich einmal die Workshops im Juniorlab ansehen. Dash hat übrigens aus Datenschutzgründen keine Kamera, auch wenn er ein wenig so aussieht. Geeignet für Kinder ab sechs Jahren.

LEGO Mindstorms

Ein mittlerweile fast schon betagter Klassiker ist das Mindstorms Set von Lego (Amazon* | Hersteller). Rund um einen programmierbaren „Brick“ können mit diversenen Motoren und Sensoren Maschinen entworfen und gesteuert werden. Wir haben vor einiger Zeit mit den Kindern einen Tee-Roboter gebaut, der nach einer frei wählbaren Ziehzeit einen Tee-Beutel aus einer Tasse gezogen hat. Es ist erstaunlich, wie viele Ideen Kinder zu so einem Projekt haben (und wie viel Tee plötzlich freiwillig getrunken wird):

Ein wenig gestört hat uns am Basis-Set von Mindstorms, dass es so sehr auf kämpfende Roboter fokussiert ist. Man muss den Anleitungen aber nicht folgen und es gibt viel Literatur und Ideen zu weiteren Projekten. Mittlerweile hat Lego auch für kleinere Kinder ein Einstiegsset veröffentlicht. Wir haben es noch nicht getestet, aber es sieht vielversprechend aus.

Calliope

Wer sich und seinen Kindern schon etwas mehr zutraut, kann mit Kindern Experimente mit dem „Calliope mini“ (Amazon*| Hersteller) machen. Das deutsche Projekte hat sich zum Ziel gemacht, allen Kindern ab der dritten Klasse den Zugang zu Elektronik zu ermöglichen. Bis dahin ist es wahrscheinlich noch ein Stück, aber der sogenannte »Einplatinencomputer« kann auch außerhalb der Schule gekauft werden. Es handelt sich um einen recht robusten kleinen Computer, der über den Computer oder Tablet/Smartphone programmiert wird. Er verfügt über einige eigenen Sensoren und Ausgabemöglichkeiten, kann aber vor allem durch seine Anschlüsse um eigene elektronische Ideen erweitert werden. Wie wäre es zum Beispiel mit einem Klavier aus Alltagsgegenständen?

Aufgrund des pädagogischen Hintergrunds gibt es zum Calliope bereits Bücher wie »Der kleine Hacker: Programmieren lernen mit dem Calliope mini« und »Coden mit dem Calliope mini«. Die Bücher eignen sich besonders für Eltern, die Ideen suchen, die sie mit ihren Kindern umsetzen können. Empfohlen für Kinder ab 8 Jahren.

Anregen statt Durchziehen

Wichtig für das spielerische Lernen mit Elektronik und Programmiersprachen ist es, Kinder ihre eigenen Erfahrungen machen zu lassen. Es sollte nicht darum, stumpf Programmiersprachen zu vermitteln. Kinder lieben es, auszuprobieren und oft führt ihr Weg sie an ein ganz anderes Ziel, als man ursprünglich vor Augen hatte. Und wenn dann aus der geplanten Ampelschaltung doch eine digitale Pups-Orgel wird, sollte das nicht enttäuschen, sondern man hat genau erreicht, was man wollte: Das Kind hat Erfahrungen im kreativen Umgang mit Technologie gemacht und dadurch oft mehr gelernt, als man vielleicht vermutet.

Caspar Clemens Mierau ist Diplom-Kulturwissenschaftler (Schwerpunkt Medienkultur) und berät Startup-Unternehmen in technischen Fragen. Auf vierpluseins bloggt er über seinen Familienalltag und betreibt mit Patricia Cammarata den erfolgreichen Elternpodcast „Mit Kindern leben“  

Dieser Artikel wurde von keiner der genannten Firmen beauftragt oder bezahlt. Die vorgestellten Produkte sind selbst gekauft (Ruby, Lego Mindstorms, Calliope), PR-Sample (littleBits, Kodi) oder stammen aus früheren Kooperationen (Dash).
* Dieser Artikel enthält Affiliate-Links zu Amazon und Buch7, durch die ich im Falle einer Bestellung eine Provision erhalte ohne dass für Euch Mehrkosten anfallen. Die vorgestellten Bücher, Karten und Messer haben wir selbst gekauft .

Jahresrückblick für Kinder: Mit Naturmaterialien das vergangene Jahr in Erinnerung rufen

Wenn es nach der Weihnachtszeit wieder ruhiger wird und die Zeit zwischen den Jahren (erst dann) wirklich besinnlich wird, nehmen sich viele Erwachsene einen kleinen Jahresrückblick vor. Auch für Kinder ist der Beginn eines neuen Jahres mit einem Neubeginn verbunden. Die Tage werden langsam wieder länger, Silvester steht bevor. Nach den Weihnachtsferien ändert sich für Schulkinder die Jahreszahl in den Heften und manche werden schon nach Vorsätzen fürs neue Jahr gefragt. 

Bei uns wollte ich zum Jahresrückblick ein Fotoalbum mit den wichtigsten Ereignissen des Jahres vorbereiten. Da jedoch die Zeit gerade zum Ende des Jahres leider fehlt, wird es kein pünktliches Fotoalbum geben, um die Höhepunkte des Jahres chronologisch festzuhalten. Ganz auf einen Rückblick verzichten wollte ich dennoch nicht, und für einen geschriebenen ist meine Tochter noch viel zu klein. 

Spontan habe ich mich deshalb für einen einfachen Rückblick anhand der Jahreszeiten entschieden. Ich habe dabei auf Naturmaterialien zurückgegriffen, die sich im Laufe des Jahres angesammelt hatten. Wir haben ein kleines Holztablett, auf dem nach einem Naturausflug die Fundstücke landen. Nicht jedes Mal natürlich, aber ab und an wurden die Taschen vollgestopft mit schönen Steinen, Schneckenhäusern oder Besonderheiten wie kleinen Eicheln mit Hütchen, Früchten und Blumen (Beim Sammeln bitte auf den Schutzstatus von Pflanzen achten). Die Naturfundstücke fanden durch das Holztablett einen neuen Platz in unserem Wohnzimmer, um zuhause weiter bespielt zu werden. Da ich diesen Jahresrückblick nicht geplant hatte, ist vieles davon nach einiger Zeit wieder zurück in die Natur gewandert und unser kleines Holztablett wurde neu bestückt. Im nächsten Jahr möchte einzelne Stücke in eine kleine Kiste oder Box legen, um sie dann am Ende des Jahres noch einmal herauszuholen und die Geschichten zu diesen Schätzen in Erinnerung zu rufen. 

Für den Jahresrückblick habe ich jedoch Schneckenhäuser, getrocknete Pflanzen, besondere Steine, und gepresste Blätter gefunden. Das spiegelt natürlich nicht all die Naturerlebnisse wieder, die wir in diesem Jahr erlebt haben. Aber es lässt das Jahr für ein (Klein-)kind noch einmal Revue passieren. Es erinnert daran, was in der Natur passiert ist und was draußen alles erlebt wurde. 

Für einen Jahresrückblick mit Naturmaterialien braucht ihr: 

  • Festes Papier
  • Stifte
  • Kleber
  • Naturmaterialien wie Schnecken, gepresste Pflanzen, Steine, Sand, Muscheln, Stöcke
  • wenn vorhanden Fotos, Skizzen, gemalte Bilder, etc. aus dem vergangenen Jahresrückblick

Für unseren Jahresrückblick reichte ein DIN A4 Blatt. Wer im Laufe des Jahres ein Natur-Journal gepflegt hat und dort Skizzen von Pflanzen und Tieren oder Erlebnissen festgehalten hat, benötigt vielleicht ein größeres Papier. Ebenso wenn Fotos oder Bilder hinzugefügt werden sollen. Anschließend wird das Papier in vier Spalten geteilt, für jede Jahreszeit eine. Gemeinsam mit dem Kind wird das Material vorbereitet und die Ereignisse in Erinnerung gerufen. Je nach Alter kann anders begonnen werden, ich begann mit der Frage nach dem Wetter. So wurden Wolken, Sonne und Regen gemalt und das Wetter in den unterschiedlichen Jahreszeiten in Erinnerung gerufen. Dann überlegten wir gemeinsam, wann die gepressten Blumen geblüht hatten und was daraus entstand. Da wir in Spanien leben war unser Material etwas schwierig zuzuordnen, denn so klare Jahreszeiten wie in Deutschland gibt es hier nicht. Die Mandelblüten kamen schließlich zum Frühling, die fertige Mandelfrucht legten wir in den Herbst. Die Oliven kamen in den Winter, zusammen mit viel Regen. Meine Tochter malte die Umrisse einer Schnecke und eines Stein, von Mandeln und Oliven nach und wir erzählten uns, wann und wo wir diese Dinge entdeckt hatten. 

Der Weg ist das Ziel

Das Ziel des Jahresrückblicks ist nicht das Ergebnis eines besonders hübschen Kunstwerks. Wertvoll ist vor allem das Gespräch darüber, was alles draußen erlebt wurde. Gab es Ereignisse, die besonders aufregend waren? Welche Tiere wurden gesichtet, welche Pflanzennamen wurden neu gelernt? Gab es einen besonderen Lieblings-Kletterbaum und wenn ja, wie sah dieser im Frühling aus; wie im Herbst?  Welche Früchte, Beeren, Pilze wurden gesammelt? Wurde draußen in der Natur übernachtet – und wenn ja, wie sah die Unterkunft aus? Wurden Hütten gebaut und aus welchem Material waren sie? Vielleicht können Zeichnungen angefertigt werden, mit einem kleinen Bauplan, was dafür benötigt wurde. 

Ausblick auf das nächste Jahr

Ein Jahresrückblick ist ein guter Zeitpunkt, um sich auf die Erlebnisse des vergangenen Jahres zu besinnen. Gleichzeitig sind die Gedanken dabei auch immer schon ein wenig im nächsten Jahr. Welche Pläne, welche Ziele warten dort auf uns? Für Kinder sind solche Gedanken je nach Alter noch zu abstrakt. Aber auch für sie wird mit dem Jahreszeiten-Rückblick auch ein Ausblick auf die wärmeren, kommenden Jahreszeiten gegeben. Mit den Erinnerungen an das Hüttenbauen im letzten Jahr können Pläne für einen passenden Standort im nächsten Jahr geschmiedet werden. Oder, je nach Wetterlage, auch erst mal nur für Schneemann und Schneefrau im Januar. 

Eure

Veronika hat Biologie, Naturschutz und Landschaftsplanung studiert und ist Mutter einer Tochter. In ihrer Kolumne „Naturorientiertes Aufwachsen“ berichtet sie von Wegen, auf denen Kindern die Liebe und der Respekt zur Natur als Samenkorn mitgegeben werden können.  Mehr über Veronikas Arbeit und ihre aktuellen Texte zu grünen Themen findet ihr auf ihrer Homepage, Instagram oder Twitter.

Was ist das Klima? Ein Waldspaziergang mit Zeugen erklärt Kindern das Klima

Klima. Alle reden davon, die Erwachsenen machen sich Sorgen, Schüler gehen auf Demonstrationen. Doch was ist das eigentlich: Das Klima? 

Vielleicht eine Frage, die auch eure Kinder schon gestellt haben. Und es war vielleicht gar nicht so einfach, sie kindgerecht zu erklären? Jedenfalls geht es mir oft so. Zwar werden von meiner Tochter noch keine direkten Fragen zum Klima gestellt, aber unsere (nachhaltigen) Handlungen werden alle kritisch hinterfragt. Was das jetzt bringe, wenn sie den Müll aufhebt, den sie runtergeworfen hat. Warum ich kein Würstchen möchte und was eine pupsende Kuh damit zu tun hat. Warum wir laufen, wo doch Auto viel bequemer wäre. Warum ich zur Oma mit dem Zug fahren möchte und nicht mehr fliegen möchte.  Die Zusammenhänge sind denke ich noch unklar für meine Dreijährige. Dennoch versuche ich, jede Antwort so ehrlich wie möglich, und so einfach wie nötig zu beantworten. 

Am eindrücklichsten sind Erklärungen „zum Anfassen“. Um zu erklären, was das Klima ist, begeben wir uns darum auf den Weg nach draußen in die Natur. Dafür eignet sich beispielsweise der (Stadt-)Wald, beziehungsweise jeder Spazierweg, der an einem Baumstumpf oder gefällten Baumstämmen entlang führt. Mit euren Kindern könnt ihr ein Spiel spielen, und euch vorstellen, ihr wäret Wissenschaftler auf der Suche nach dem Klima. Es ist schwierig, das Klima wirklich greifbar zu machen. Anders als das Wetter, dass sich jetzt im beginnenden Herbst bei einem Regenfall mit Pfützenspielen wunderbar erleben lässt, versteckt sich das Klima. Während nach dem Regen die Sonne wieder scheint und der Wechsel des Wetters direkt sichtbar ist, kann man das Klima nicht sofort sehen. 

Klima ist, wenn Mama und Papa jeden Herbst die Pfützen aufgemalt und aufgeschrieben hätten und fast ihr ganzes Leben lang die Temperatur gemessen hätten. Denn das Wetter, was über einen Zeitraum von 30 Jahren an einem Ort herrscht, wird als Klima bezeichnet. Als Klima-Experiment braucht es also Daten über einen längeren Zeitraum hinweg. Doch wie ist das auf einem Waldspaziergang möglich? 

Im Wald warten Klimazeugen auf die Befragung durch junge Wissenschaftler

Stellt euch vor, wir sind Wissenschaftler auf der Suche nach dem Klima. Wir machen einen Spaziergang in den Tropen. Dort treffen wir auf einen Baumstumpf. Was würde er uns sagen? Ich verrate es euch: Vermutlich gar nichts. In den Tropen ist es das ganze Jahr warm und feucht. Ein Tropenbaum wächst sein Leben lang mit immer der gleichen Beständigkeit. Ich nehme jedoch an, dass die meisten Leserinnen und Leser hier bei einem Waldspaziergang auf Fichten, Buchen, Kiefern oder ähnliche Baumarten treffen würden. Und deren gefällte Baumstämme oder Baumstümpfe lassen uns einen direkten Blick auf das Klima werfen. Die Jahresringe verraten uns, wie alt ein Baum ist. Sie verraten uns noch mehr, denn als Wissenschaftler wollen wir mehr über das Klima wissen, in welchem dieser Baum gelebt hat. 

Breite und helle Jahresringe verraten uns, das der Baum in warmen, feuchten Wetter an Wachstum zugelegt hat. Schmale und dunkle Jahresringe dagegen zeigen trockenes und kühles Wetter an. So lässt sich an dem Baumstamm das Wetter ablesen: In dicken, hellen Jahresringen handelte es sich um milde Frühlinge mit ausreichend Regen, an den dünnen, schwarzen Ringen lassen sich trockene Sommer und ein kühler Herbst ablesen. Durch den Wechsel beider entstehen die Jahresringe. Lassen sich über die Baumscheibe hinweg Unterschiede in den Jahresringen ablesen, können die kleinen Wissenschaftler schlussfolgern, dass sich das Klima verändert hat. Der Baum erzählt uns davon. Er tritt als Klimazeuge auf und wir können ihn dazu befragen. Was erzählt er euch über das Klima in eurem Wald? 

Veronika hat Biologie, Naturschutz und Landschaftsplanung studiert und ist Mutter einer Tochter. In ihrer Kolumne „Naturorientiertes Aufwachsen“ berichtet sie von Wegen, auf denen Kindern die Liebe und der Respekt zur Natur als Samenkorn mitgegeben werden können.  Mehr über Veronikas Arbeit und ihre aktuellen Texte zu grünen Themen findet ihr auf ihrer Homepage, Instagram oder Twitter.

Entwicklungsgespräche führen im Kindergarten

Wenn euer Kind einen regulären Kindergarten besucht, habt ihr wahrscheinlich schon häufiger Entwicklungsgespräche geführt oder sie stehen bald an. Häufig sind diese Gespräche einfach noch mal eine Bestätigung: meinem Kind geht es hier gut, es entwickelt sich „normal“. 

Manchmal gibt es jedoch Gespräche, die sich einfach nicht gut anfühlen. Das kann ganz verschiedene Ursachen haben, z.B. das Gefühl der einseitigen Betrachtung oder Stigmatisierung des eigenen Kindes. Wie könnt ihr damit umgehen?

Spürt in euch hinein: Ihr seid die Experten für euer Kind und kennt es am besten. Das heißt nun nicht, dass ihr die Einschätzungen von Erzieher*innen einfach in den Wind schlagen sollt (denn diese haben wiederum einen pädagogischen Background und äußern im besten Falle Befürchtungen etc. nicht leichtfertig, sondern nach sorgfältiger Überprüfung ihrerseits). Dennoch solltet Ihr für euch überprüfen, ob ihr den Dingen, die genannt wurden, so zustimmen könnt und euer Kind wiedererkennt.

Gesprächsbereitschaft: Steht nicht allem ablehnend gegenüber, aber macht deutlich: mein Kind ist wunderbar, so wie es ist. Es sind höchstens und lediglich die Handlungen, die hier im Fokus stehen sollten. 

Sucht gemeinsam nach Lösungen: Was erschwert dem Kind die Situation? Geht keiner Schuldfrage nach, sondern schafft ein gegenseitiges Hilfesystem fürs Kind, dass sich der Frage widmet: Was braucht dieses Kind, um sich hier im Kindergarten wohl zu fühlen und gut anzukommen? Und wie können wir gemeinsam ihm dabei helfen?

Geduld: Wenn es um reine charakterliche Dinge geht oder Entwicklungsunterschiede, die ihre Zeit brauchen: habt Geduld. Und  bittet die Erzieher*innen, diese ebenfalls zu haben.

Akzeptanz für die Einzigartigkeit von Kindern: Kein Kind muss in ein Raster passen. Dein Kind spielt zufrieden mit sich und mag keine Großgruppensituationen, scheut diese sogar? Vielleicht bist du ja selbst ebenfalls ein Mensch, der wenige, ausgewählte Freunde hat und damit vollkommen zufrieden ist. Nicht jedes Kind muss ein „Gruppenleader“ sein, sofern es sich mit seiner Situation wohl fühlt.

Chance: Seht Konflikte auch immer als Gelegenheiten, um gemeinsam zu wachsen. 

Entwicklungsgespräche als Anregung

Meistens erfüllen Entwicklungsgespräche einen ganz zentralen Zweck: Sie stellen den Kontakt und die Verbindung zwischen Pädagog*innen und Eltern sicher. Deswegen: habt Mut, freut euch auf die Möglichkeit, euch auszutauschen und in Verbindung mit den Menschen zu treten, die euer Kind Tag für Tag begleiten. Und scheut euch dennoch nicht, ihre Ansichten zu hinterfragen. Bei den Farbtupfern vermeiden wir daher das Wort „Entwicklungsgespräch“ und sprechen lieber von „Begleitungsgesprächen“, denn Worte schaffen Realität.

Janine Ringel ist Sozialpädagogin (BA) und Mutter von zwei Kindern (2014 und 2017 geboren). 2017 hat sie zusammen mit ihrem Mann den kleinen, bindungsorientierten, auf Achtsamkeit und GFK basierenden Kindergarten „Farbtupfer“ in Lübeck für Kinder von 2-6 Jahren gegründet und arbeitet darüber hinaus in der Elternberatung. Sie ist ausgebildet in gewaltfreier Kommunikation nach M.B.Rosenberg. Mehr von Janine findet Ihr auf auf  farbtupfer.org oder hier   auf Instagram.

4 Tipps, wie Du bei Kinderfotos den Hintergrund verschwimmen lässt

Leni Moretti ist Familienfotografin aus Berlin und zeigt in ihrer neuen Kolumne hier, wie ihr mit eurer eigenen Kamera im Familienalltag schöne Baby- und Kinderfotos machen könnt – für bleibende Erinnerungen. Zuletzt hat sie über „Drei einfache Regeln für schöne Kinderfotos“ geschrieben.

Du würdest gerne ein schönes Kinderportrait mit verschwommenen Hintergrund machen? Du hast eine tolle Kamera zu Hause liegen, weißt aber noch nicht so recht, wie Du sie gut einsetzen  kannst? Das ist gar nicht so schwer! Es gibt nur einige Dinge zu beachten, die ich Dir hier kurz in vier Schritten erkläre. 

Um draußen im Freien so ein schönes, zeitloses Kinderportrait zu machen, wie von dem Kind oben, brauchst du eine Spiegelreflex- oder Systemkamera, mit der Du manuell Blende, Zeit und ISO einstellen kannst. Wichtig ist, dass Du Dein Kind draußen fotografierst, denn für so ein Kinderporträt mit verschwommenem Hintergrund brauchen wir ausreichend Tageslicht. 

1. Kleine Blendenzahl 

Auch wenn es am Anfang schwer fällt – verabschiede Dich vom Vollautomatik-Modus! Du wirst schnell sehen, dass Du so vielmehr Möglichkeiten hast, schöne Kinderportraits zu machen. Um einen butterweichen, verschwommenen Hintergrund zu bekommen, benutzt Du am besten die Zeit-Automatik. Das bedeutet, dass Du selber manuell die Blende wählen kannst und die Kamera dafür sorgt, dass automatisch die richtige Belichtungszeit eingestellt wird. So bekommst Du ein richtig belichtetes Bild während Du gleichzeitig selber entscheiden kannst, wie viel Tiefenschärfe Du im Hintergrund haben möchtest. 

Um Dein Kind vom Hintergrund abzuheben gehst Du so vor: Bei der Wahl des Kamera-Modus – im Menü oder an einem kleinen Rädchen an der Kamera – stellst Du die Kamera auf den Modus “A” bzw.“AV”. Das ist die sogenannte Zeit-Automatik. Anschließend stellst Du die gewünschte Blende dort ein, wo das Kürzel f/ steht. Wichtig ist hierbei, dass Du eine kleine Zahl wählst. Also eine 3.5 oder 2.8 oder noch besser eine 2.0 oder 1.8. Je kleiner diese Zahl, desto verschwommener der Hintergrund. 

Wie weit Du die Blende öffnen kannst, also wie klein die Blendenzahl werden kann, liegt an Deinem Objektiv. Bei sehr guten Objektiven liegt die kleinste Blendenzahl bei 1.8. Hier spricht man von besonders “lichtstarken” Objektiven. Zoomobjektive sind meist nicht so lichtstark wie Festbrennweiten und fangen oft erst bei einer Blende von f/3.5. Aber auch mit diesen Objektiven kann man den Hintergrund sehr schön verschwimmen lassen. 

2. Weite im Hintergrund 

Grundsätzlich hebt sich der Hintergrund besser ab, umso mehr freie Fläche hinter Deinem Kind ist. Wenn Du Dein Kind wenige Zentimeter vor einer Wand oder Büschen fotografierst, wird der Hintergrund kaum verschwimmen – aber auf einer Grünfläche im Park oder auf dem Feld, so wie auf dem nächsten Foto, schon. Je mehr “Raum” hinter deinem Kind, desto besser. 

3. Raus aus der Sonne! 

Da wir mit der Zeit-Automatik (A-Modus) fotografieren, solltest Du für Dein Kinderporträt die direkte Sonne oder Gegenlicht meiden. Das kann Deine Kamera nämlich aus dem Konzept bringen. Einfacher ist es am Anfang, wenn Du Dein Kind im Schatten fotografierst. Natürlich nicht im abendlichen Dämmerlicht, sondern bei ausreichend Tageslicht. So kann eigentlich gar nichts schief gehen. 

Sobald Du Dich besser mit den Einstellungen Deiner Kamera auskennst, kannst Du Dich auch an schwierigere oder wechselnde Lichtsituationen heranwagen. Aber fange erst einmal im Schatten an oder wenn es bewölkt ist. 

4. Auf die Augen fokussieren 

Bei einer großen, weit geöffneten Blende (also kleinen Blendenzahl), ist der Schärfebereich ganz klein. Das heißt, dass Du mit einer Blende von f/1.8 sogar nur die Nasenspitze in den Fokus  stellen kannst, der Rest des Gesichtes ist in diesem Fall schon unscharf. Das kannst Du mal ausprobieren, um ein besseres Gefühl für die Tiefenschärfe zu bekommen. Für ein Kinderporträt, bei dem Dein Kind direkt in die Kamera schaut, solltest Du aber immer auf die Augen fokussieren. Es wäre doch sehr schade, wenn die Schärfe hier auf dem Ohr oder der Nase liegt. 

Auch noch wichtig zu wissen: Dein Kind sollte sich nicht zu sehr bewegen. Je kleiner die Blendenzahl, desto schwieriger wird es nämlich, ein scharfes Foto zu machen. Wenn es nicht gleich so klappen sollte, wie Du Dir das vorstellst, nicht entmutigen lassen! Die Tiefenschärfe (also wie unscharf der Hintergrund ist), hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab. Zum Beispiel, wie nah Du Dein Kind fotografierst, also mit welchem Abstand Du vor Deinem Kind stehst. Ist nur das Gesicht auf dem Bild, wird der Hintergrund deutlicher verschwimmen, als wenn die Kleinen von Kopf bis Fuß auf dem Foto sind. Auch Kamera und Objektiv spielen dabei eine wichtige Rolle. 

Ich hoffe Du kommst mit diesen 4 Tipps einem schönen Kinderportrait ein gutes Stück näher! Hier findest Du 15 Foto-Spickzettel, die es Dir noch leichter machen, schöne Momente mit Deinen Kindern festzuhalten.


Leni Moretti ist Baby- und Familienfotografin aus Berlin. Seit 2013 begleitet sie mit der Kamera Familien in ihrem eigenen Zuhause. Dabei dokumentiert sie in einer vertrauten Atmosphäre die innige Verbindung zwischen Eltern und ihren Kindern mit Fotos und Filmaufnahmen. Auf ihrem Foto-Blog und auf Instagram gibt sie ihr Foto-Wissen weiter und zeigt Eltern, wie sie im Familienalltag selber schöne Baby- und Kinderfotos machen können. Für Foto-Anfänger, die ihre Kamera besser verstehen möchten, hat Leni einen umfangreichen Online-Fotokurs für Eltern entwickelt.




Unser Schlüssel zur Geborgenheit beim Auswandern

Von unseren ersten Jahren als Familie in Indien habe ich hier schon öfter erzählt. Seit ein paar Wochen sind wir dabei, uns wieder in Deutschland einzuleben. Nach so langer Zeit in einer so anderen Kultur ist uns auch Deutschland ein Stück fremd geworden. Für unsere Tochter ist Deutschland wirklich neu. Sie empfindet Indien als ihr Zuhause, mit ihren Freunden, der vertrauten Umgebung, dem Essen und allem anderen, was eine Kultur ausmacht. Für mich hingegen war Indien wirklich vollkommen fremd. Ich stand vor der Herausforderung: Wie kann man inmitten von all dem Neuen und Anderen Geborgenheit finden mit einem Baby oder Kleinkind? Geborgenheit, schreibt Susanne immer wieder, sieht für jede Familie anders aus. In diesem Artikel möchte ich ein paar unserer Schlüssel für Geborgenheit teilen.

Körperkontakt

Berührung und Kontakt helfen uns, uns als Familie zu spüren, auch wenn die äußeren Umstände sich verändern. In Zeiten von Übergang und Veränderung hilft uns Tragen, Umarmen, Kuscheln. Gerade auch, wenn wir auf Reisen waren, haben wir unsere Tochter oft getragen und waren wir so sicher, das Wichtigste nahe bei uns zu haben. So war unsere Tochter auch jederzeit geschützt. Auch wenn ich gerade überfordert, getriggert oder gestresst war von all dem Fremden, half es mir, in einer Umarmung zu sein, so dass sich mein Nervensystem wieder beruhigen und entspannen konnte. Und jetzt in diesen Wochen wird wieder viel getragen, denn wir Eltern sind im Moment das Einzige, was von der vorherigen vertrauten Welt für unsere Tochter noch geblieben ist. 

Verlangsamung

Ich habe in der Zeit in Indien unglaublich viel „verpasst“. Ich habe nicht einmal das Taj Mahal gesehen. Weil ich andere Prioritäten gesetzt habe. Es war mir sehr wichtig, einen stressarmen Familienalltag zu gestalten und Zeit zu haben. Dazu gehört für mich die Möglichkeit verlangsamen zu können, für einzelne Momente, aber auch für Stunden oder Tage oder Wochen. Die Verlangsamung ermöglicht mir, im Kontakt mit mir zu bleiben, mit meiner Tochter, mit meinem Mann. Oder diesen Kontakt wieder herzustellen. Manche Erfahrungen in Indien lösten eine solche Dichte an Empfindungen in mir aus, die ich sonst gar nicht hätte aufnehmen können. Die Verlangsamung ermöglicht mir, Gefühle und Empfindungen zu durchleben und dann auch wieder gehen zu lassen. So konnten wir diese ersten Jahre als Familie in ziemlich großer Langsamkeit gestalten. Das finde ich auch jetzt sehr wertvoll, wo in Deutschland wieder ein anderer Beat vorherrscht. Langsamkeit bedeutete, mehr vor Ort zu sein, weniger zu unternehmen. Dafür aber Zeit zu haben für Beziehung. 

Das Hüten der eigenen Kultur

Neben all dem Abenteuer eines Lebens in Indien war es wichtig, auch die Rituale und Gewohnheiten der eigenen Kultur für uns zu bewahren und Räume zu schaffen, wo sie weiter gelebt werden können. Neben dem Zuhause gehörten für uns dazu vertrautes Essen wie Brot oder auch das Feiern von Festen wie Weihnachten oder Ostern. Wunderschön ist, dass man dieses Würdigen des Eigenen mit den Menschen vor Ort teilen kann: Wir haben oft unsere Nachbarsfamilie eingeladen und konnten sehen, wie bereichernd es für die Kinder ist, zu erleben, dass es bei uns ganz anders zugeht. Dass man bei uns mit Besteck isst und alle gemeinsame am Tisch sitzen zum Beispiel, oder dass man an Ostern Eier anmalt und sucht. Ich brachte den Nachbarn selbstgebackenes Brot und Apfelkuchen und dafür bekamen wir Chapati und Parata. Das Bewahren und Teilen des Eigenen baut Brücken und verbindet. Diese Verbundenheit in aller Verschiedenheit ist etwas sehr Kostbares. Jede und jeder darf anders sein. Trotzdem sind wir zusammen und verbunden. 

All dies hilft uns jetzt übrigens auch beim Einleben in Deutschland. Nur dass es nun darum geht, auch etwas von dem Leben in Indien in unserem Herzen und Alltag zu bewahren. Gerade auch für unsere Tochter, für die Indien das erste Zuhause war.  

Anka Falk hat einen Magister in Rhetorik und Pädagogik und ist Körperpsychotherapeutin, Coach und Dozentin. Von 2007-2017 arbeitete sie in Lehre und Forschung an einem experimentellen Design Institut in der Schweiz. Sie ist im Alter von 37 Jahren mit ihrem Mann nach Indien gegangen. Ihr Kind hat sie in Deutschland geboren, ist dann aber zurück gegangen nach Indien und berichtet von ihrem Alltag dort. Zudem bloggt sie auf ljuno.de und gibt einen Einblick in ihr Alltagsleben in Indien hier auf Instagram 

Entspannungsideen für Erstklässler*innen

Für ein Kind, das in die Schule kommt, beginnt ein neuer Lebensabschnitt: War es im Kindergarten die/der „Große“, so ist es nun, nach den Ferien, die/der „Kleine“. Es hat einen neuen Tagesablauf, einen neuen (Schul-)Weg zu beschreiten, neue (Bezugs-)Personen, die es kennen lernen muss, neue Kinder, Klassenkameraden, um sich. Dort sind Kinder über mehrere Stunden einer hohen Lautstärke und vielen Sinneseindrücken ausgesetzt. Die Räumlichkeiten und das Gebäude sind ebenso neu wie die Regeln, die Kommunikation, überhaupt das ganze System Schule. Vielleicht kommen Kinder auch bewusst zum ersten Mal mit Vergleich und Bewertung in Kontakt. Eine ganz schöne Leistung, die die neuen Schulkinder da bewältigen, oder?

Rückzugsort Zuhause

Wenn wir uns vor Augen führen, was ein Schulkind bis mittags schon alles leistet, ist es nicht verwunderlich, dass Kinder zuhause erst einmal „in ein Loch fallen“ oder „aufdrehen“. Was viele Kinder jetzt brauchen, sind sicherere, vertrauter Personen und Orte. Die allerwenigsten Kinder rufen jetzt: „Bitte bring mich zum Klavierunterricht!“. Meist wünschen sich Kinder nun einfach „sein“ zu dürfen – und auch ein Stück in Ruhe gelassen zu werden bzw. haben das Bedürfnis nach gemeinsamer Spiel- oder auch Kuschelzeit mit den Eltern. Die Akkus wollen aufgeladen werden. Sie haben bereits schon viele Stunden kooperiert. Wichtig ist, dass nun die Kinder zu Wort kommen. „Was wünscht DU dir jetzt? Wollen wir gemeinsam ein Buch lesen/ malen/ etwas spielen?“ zeigt den Kindern, dass sie uns wichtig sind. 

Raus in die Natur – am besten Barfuß

In der Natur erden sich – nicht nur – Kinder. Das Grün der Pflanzen wirkt entspannend auf die Augen und auf den gesamten Organismus (Stichwort „Waldbaden“). Also raus in Wald und auf die Wiese, in den Stadtpark, in den Garten. Es tut Kindern gut, die Schuhe auszuziehen zu dürfen, barfuß zu laufen, Kontakt zum Boden aufnehmen. Die Füße bilden das Fundament für den ganzen Körper. Spielerisch können die Kinder barfuß ihre Füße trainieren: Auf den Fersen, auf den Ballen, auf den Außen- und dann Innenkanten versuchen zu gehen, Steine oder Eicheln mit den Zehen aufheben,… Anschließend in die „Berghaltung“ kommen: Gerade stehen, Augen schließen und bewusst zu den Füßen spüren. Wie fühlen sich die jetzt an?

Auch gärtnern, in der Erde wühlen, tut gut und baut Stress ab. Barfußpfade fördern die Wahrnehmung. In der Natur entwickeln sich meist von ganz alleine Spielideen. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Hier kann ein Stock ein Zauberstab, eine Person, ein Schwert oder ähnliches sein. Die Kinder kommen wieder in den „Selbstwirksamkeitsmodus“. Hier legen sie Spielregeln fest.

In der Schule verbringen Kinder zudem in der Regel die meiste Zeit im sitzenden Zustand. Hier gilt es „auszugleichen“ den Kindern viel Bewegungsfreiheit zu bieten, denn Bewegung baut Stress ab. 

Ton aus

Oft lassen wir uns bewusst oder unbewusst „berieseln“: Das Radio läuft beim Kochen, Duschen oder beim Frühstück, die Kinder lassen beim Spielen den CD Player laufen, im Auto laufen die Nachrichten, im Zug per Kopfhörer Musik oder ein Hörspiel und abends läuft der Fernseher, während wir noch am PC arbeiten. Es kann gut tun, einmal bewusst darauf zu verzichten. Der Stille zu lauschen, die Geräusche wahr zu nehmen, die z. B. innerhalb des Autos oder der Wohnung ganz natürlich entstehen. Und welche außerhalb. „Was kannst du jetzt in dem Moment alles hören?“ Ist eine ganz simple Achtsamkeitsübung für Kinder, die überall gespielt werden kann. Oder man öffnet das Fenster und das Kind lauscht bewusst für 1-2 Minuten den Geräuschen. Hinterher kann man sich über das Erlebte austauschen. 

Ruhehaltung Shavasana

Bitte dein Kind sich in Rückenlage auf den Boden zu legen. Es kann sich auf eine Decke oder eine Yoga-/ Gymnastikmatte legen, damit es nicht so hart ist.  Die Beine sind gestreckt und entspannt, die Füße fallen locker auseinander. Die Arme liegen ausgestreckt neben dem Körper, die Handflächen zeigen nach oben.  Das Kind kann nun die Augen schließen, wenn es mag. Mag es nicht auf dem Rücken liegen, so kann es sich alternativ auf den Bauch drehen.

An kalten Tagen kann eine warme Wärmflasche (oder auch mehrere) bzw. Körnerkissen auf den Bauch (oder Rücken) gelegt werden. Eine Wohltat nach einem aufregendem Schultag. Wichtig ist zu fragen, ob es für das Kind angenehm ist und nicht zu heiß oder schwer. Andersrum geht es genau so gut: An heißen Tagen kann mit Kühlis gearbeitet werden, z. B. eins auf die Stirn, je eins auf jedes Handgelenk.  Liegt das Kind auf dem Rücken, so kann auch ein Augenkissen (ggf. sogar mit entspannendem Lavendelduft) auf die Augen gelegt werden. Dies kann die Entspannung vertiefen. Wer mag, kann sich auch Kopfhörer aufsetzen, um die Außengeräusche auszublenden.

Massagen

Viele Kinder lieben Massagen. Ihr könnt gemeinsam ein Körbchen mit unterschiedlichen Materialien füllen: verschieden große und harte Igelbälle, unbenutzte Malerpinsel – und Rollen, Schwämme, Bürsten, Tuschpinsel, usw. Nach Lust und Laune können die Massageutensilien für Massagen verwendet werden. Schön ist es auch, wenn eine Massagegeschichte dazu erzählt wird. Zu den Klassikern gehört die „Pizzamassage“ oder eine „Wettermassage“. Das Kind darf natürlich auch die Eltern oder Geschwister massieren und sich eigene Massagegeschichten ausdenken. Selbstverständlich kann sich das Kind auch selbst massieren: Dazu kann es sich zum Beispiel mit einem Fuß auf einen Igelball stellen und darauf kreisen. Der Druck bestimmt die Intensität der Massage. Das Kind kann sich auch auf den Boden legen und einen Tennisball unter den Rücken schieben und sich durch Bewegung eine wohltuende Rückenmassage schenken. Eine Kopfhautmassage mit den Fingerspitzen wirkt belebend und entspannend. Müde Beine können auch mit einem Igelball sanft bearbeitet werden. 

Zeug stresst Familien

Der Eintritt in die Schule bietet auch allgemein die Chance bestimmte Bereiche als Familie einmal anzugucken. Denn häufig entsteht Stress aus einem Mangel an Zeit und einem zuviel an Zeug, wie Klamotten oder Spielsachen. Hier könnte „Weniger ist mehr“ helfen, den Alltag zu entschleunigen. Folgende Fragen dienen als Reflexionsinspiration: 

  • Passt unser Tagesablauf zu unseren Bedürfnissen?
  • Was wollen wir als Familie wirklich? Was ist uns wichtig? Was nicht mehr?
  • Muten wir unserem Kind zu viel zu in Bezug auf „Freizeitprogramm“?
  • Stresst sich das Kind evtl. sogar selbst mit seinen Freizeitbeschäftigungen?
  • Wer oder was raubt ungewollt Zeit – wie können wir das abschalten?  
  • Welche Personen sind uns wichtig und wollen wir weiterhin in unserem Leben haben?
  • Und welche Personen tun uns nicht gut?
  • Können wir Haushaltsaufgaben neu und anders aufteilen oder an Dritte delegieren?
  • Fühlen wir uns in unseren 4 Wänden wohl?
  • Mit welchen Räumen oder Ecken in der Wohnung sind wir unzufrieden? Wie können wir das ändern?
  • Gibt es Streit über bestimmte Sachen? Welche Sachen werden nicht mehr benötigt und können weitergegeben oder verkauft werden?

Ich wünsche allen Familien einen entspannten Schulalltag!

Stephanie Weich ist Erzieherin und Krippenpädagogin aus Vechelde. Sie hat u.a. Weiterbildungen zur Entspannungstherapeutin, Stressmanagementtrainerin und Kursleiterin für Progressive Muskelentspannung & Autogenes Training besucht. Weitere Angebote finden sich auf ihrem Blog und auf Instagram.Zu dem ist sie Autorin des Buches Spielerische Meditationen mit Klang, Bewegung und allen Sinnen.