Schlaf schön und träum was Süßes! – Warum Kinder auch nach dem 1. Geburtstag noch nicht durchschlafen

Immer wieder werde ich von Eltern von Kleinkindern um Hilfe gebeten, weil die Kinder  Schlafwandeln, einen Nachtschreck haben oder eben einfach nicht durchschlafen. Es erscheint vielen Menschen ungewöhnlich, wenn Kleinkinder oder Kindergartenkinder noch nicht vollständig von abends mit morgens durchschlafen. Tatsächlich aber ist es ganz normal – weder Babys müssen durchschlafen noch Kleinkinder oder Kindergartenkinder. Und auch wir Erwachsenen wachen in der Nacht immer wieder auf – nur finden wir meist leichter in den Schlaf als die Kinder.

IMG_4749

Aufwachen als Schutz
Eigentlich ist es längst bekannt, spätestens durch die weit verbreiteten Bücher von Herbert Renz-Polster: Das Aufwachen von Babys und Kindern in der Nacht ist ein Schutz. Sie vergewissern sich, dass die Umgebung sicher ist und das bedeutet insbesondere, dass ihre Bindungspersonen in der Nähe sind, da sie ihnen Schutz und Pflege bieten. Babys sind genetisch darauf ausgerichtet, sich an diejenigen Menschen zu binden, die ihnen genau dies bieten. Und eben diese Menschen erwarten sie auch in der Nacht, wenn sie erwachen und sich Schutz wünschen. Stellen sie fest, allein zu sein, fühlen sie sich bedroht. Evolutionsbiologisch ist dies sinnvoll, denn die hätten in der Steinzeit nicht überlebt, wenn sich ihre Bindungspersonen von ihnen entfernt und sie der Natur überlassen hätten. Und auch heute ist es sinnvoll, wenn Kinder nachts Schutz suchen. Zwar kommen im Schlafzimmer keine wilden Tiere vorbei, doch zum Überleben und zur Nahrungsaufnahme sind auch heute die Babys noch drauf angewiesen, ihre Bedürfnisse erfüllt zu bekommen und hierfür benötigen sie Menschen, die sich um die Erfüllung der Bedürfnisse kümmern können. Gerade bei Babys spielt hier auch der Nahrungsbedarf und der Schutz davor, zu wenig Nahrung zu bekommen, eine wichtige Rolle.

Durchschlafen – was heißt das eigentlich?
Wie sich der Schlaf von Kindern entwickelt, ist dabei sehr unterschiedlich. Manche Kinder schlafen früher durch, andere später. Durchschlafen bedeutet dabei, dass Kinder sechs bis acht Stunden ruhen. Wenn sie zwischendurch aufwachen, schlafen sie von selbst wieder ein und insgesamt dann sechs bis acht Stunden ohne die Zuwendung der Eltern zu benötigen. Durchschlafen bedeutet also nicht, dass Kinder die ganze Nacht lang schlafen und auch nicht, dass sie nachts überhaupt nicht aufwachen.

Auch nach dem ersten Geburtstag schlafen viele Kinder noch nicht durch, was auch wieder ganz logische Gründe hat: Kinder, die mit der Fortbewegung begonnen haben, werden durch die Angst im Dunkeln davor geschützt, sich zu weit von ihren Bindungspersonen zu entfernen. Sie erwachen, die Dunkelheit ängstigt sie mit den dort möglicherweise lauernden Gefahren, sie rufen nach der schützenden Nähe der Bindungspersonen. Auch die Angst vor unter dem Bett lauernden Monstern, Krokodilen oder anderen unheimlichen Wesen ist ein Schutz durch das Kind: es kann sich nun vorstellen, dass es Wesen gibt, die ihm schaden könnten und sucht die schützende Nähe.

Das Gehirn braucht Energie – auch nachts
Zudem gibt es noch einen weiteren sehr sinnvollen Grund für das nächtliche Aufwachen: das Kind hat tatsächlich den Bedarf, Nahrung zu erhalten. Zwar ist immer wieder zu lesen, Babys ab dem sechsten Monat würden nicht mehr nächtliche Nahrungszufuhr benötigen, doch beruht diese Grundannahme größtenteils auf Daten von nicht gestillten Kindern, deren Nahrung weniger schnell verwertet wird als Muttermilch und die auch größere Mengen auf einmal zu sich nehmen als Stillkinder. Das in den ersten drei Lebensjahren jedoch stark wachsende Gehirn des Kindes benötigt sehr viel Energie. Diese Energiezufuhr findet bei vielen Kindern auch nach dem ersten Geburtstag noch nachts statt.

Was hilft?
Das Bedürfnis nach Schutz und Nähe aufgrund möglicherweise vorhandener Gefahren und die benötigte Energiezufuhr für die kindliche Entwicklung sind also wichtige Faktoren, die auch nach dem ersten Geburtstag dazu führen, dass Kinder noch nicht durchschlafen. Wie man an diesen Gründen schon erahnen kann, lässt sich daran von Außen kaum etwas ändern: Schlaflernprogramme sind keine sinnvollen Alternativen, um Kindern Angst zu nehmen oder sie besser in den Schlaf zu begleiten und weisen langfristig gesehen viele Nachteile auf. Kinder müssen im Laufe der Zeit lernen, dass ihre Schlafumgebung sicher ist. Dies können sie, wenn wir einen Schlafplatz in der Nähe der Eltern bieten, bei dem Eltern noch hörbar sind. Kinder müssen nicht völlig ruhig und abgeschieden schlafen. Eine normale Geräuschkulisse, die ihnen das Gefühl gibt, ihre Bindungspersonen sind anwesend, ist völlig in Ordnung. Zum Einschlafen ist es oft auch hilfreich, wenn sie Körperkontakt haben. Wacht das Kind auf, ist es sinnvoll, es im Bett zu beruhigen und ihm zu vermitteln: Dein Bett ist ein sicherer Ort. Wichtig ist auch, auf ihre Bedürfnisse zu achten und sie dann zu Bett zu bringen, wenn sie wirklich müde sind. Gerade bei Kleinkindern ist es sinnvoll, nicht streng nach der Uhr zu gehen, denn kaum etwas ist anstrengender für Eltern, als wenn sie stundenlang neben ihrem kleinen Kind liegen in der Hoffnung, es möge einschlafen. Auch das Bedürfnis nach Nahrung sollte beachtet werden: Wenn das Kind stillen möchte, dann hat es vielleicht wirklich einfach noch den Bedarf, Kalorien aufzunehmen. Gerade bei Kindern, die eher langsam an die Beikost gewöhnt werden oder BLW-Kindern kann das öfter der Fall sein. Und noch einmal: Es ist vollkommen normal, dass es so ist.

Nachtschreck
Und das Gehirn ist auch die Ursache des Nachtschreck, der bei Kleinkindern und Kindergartenkindern nicht selten auftritt: Der Übergang vom Tief- in den Traumschlaf funktioniert noch nicht reibungslos, das Kind schreckt hoch, schreit, schlägt wild um sich und ist nicht ansprechbar. Es scheint große Ängste zu haben, reagiert aber auf keine Beruhigungsversuche, sondern wehrt diese sogar stark ab. Eltern bleibt dabei nur die Möglichkeit darauf zu achten, dass sich das Kind nicht selbst verletzt oder Schaden nimmt von diesem nächtlichen Schreck. Aktiv einwirken können sie allerdings nicht auf das Erlebnis, so schwer das in der Situation auch fällt. Aufregung, Stress oder ein anstrengender Tag können begünstigend auf das Auftreten wirken. Und auch hier ist zu sagen: Es ist keine Krankheit, sondern kann einfach normal passieren. Jungen sind häufiger davon betroffen und es scheint auch eine familiäre Häufung zu geben.

Das hilft Eltern nun alles nicht weiter? Vielleicht doch, denn wir müssen von den Erwartungen weg kommen, dass Kinder schon früh durchschlafen müssen oder können oder gar, dass sie sonst einen Schaden in ihrer Entwicklung nehmen würden, wenn sie es nicht tun. Kinder sind Kinder und sie entwickeln sich nach ihrem Tempo. Genau dies trifft auch beim Schlaf zu. Nicht durchzuschlafen ist auch nach dem ersten Geburtstag sehr weit verbreitet und kein Anlass zur Sorge.

Eure
Susanne_clear Kopie


Zum Weiterlesen:

Brisch, K.H. (2010): Safe – Sichere Ausbildung für Eltern. Stuttgart: Klett-Cotta.
Imlau, Nora (2013): Das Geheimnis zufriedener Babys. München: GU.
Renz-Polster, H. (2010): Kinder verstehen. München: Kösel.
Erfahrungsbericht zum Nachtschreck bei Mit Kinderaugen und Bis einer heult

  • Tina

    Danke, danke, danke. Wird ausgedruckt und der Schwiegermutter geschickt. 🙂

  • Anika De Mon Müller

    Mein großer Sohn hat recht früh durchgeschlafen mit etwa sechs Monaten…mein kleiner Sohn jedoch ist schon fast 2,5 Jahre und kommt noch immer jede Nacht zu uns ins Bett. Auch kein Problem. Jedes Kind ist eben anders. Und was andere mir sagen was er längst können sollte oder nicht, ist und war mir immer egal. Ich kenne meine Kinder am Besten und bis jetzt haben alle durchschlafen gelernt…die anderen früher die anderen eben später

  • Anna

    über diesen Artikel freue ich mich sehr! Mein Baby will auch mit 13 Mon immer noch alle zwei bis vier Stunden stillen. Und, wie fast immer, mach ich, was Baby will.^^ Obwohl ich seit drei Monaten Vollzeit arbeiten gehe und tagsüber echt mal müde bin (was ich vorher aber auch war, ohne ARbeit würd ich ja auch nicht mehr als vier Stunden am Stück schlafen können), will ich nicht nur deshalb aufhören, weil das Kind dann eventuell länger schläft. Ebenso schläft es nicht im Gitterbett, sondern auf ner großen Matratze auf dem Boden, auf der es sich bis zum Einschlafen an mich muckeln kann, bis wir es zum ersten Wachwerden ins Elternbett holen. Es sieht aus wie attachment parenting, aber eigentlich bin ich einfach nur faul! 🙂 Gruß, anna

  • katirohr

    Meine Tochter wird 4 und wir schlafen auch mit ihr und unserem Sohn im Bett das klappt auch super 🙂

  • Ines

    So sehr mir das alles richtig und schlüssig erscheint, frage ich mich in der Praxis dennoch manchmal, wie ich das durchhalten soll …..

    Unsere Tochter kam knapp zwei Monate zu früh auf die Welt. Der Fehler, den wir damals machten, war, sich an die Anweisungen in der Kinderklinik zu halten, sie nicht aus dem Bett zu nehmen, wenn sie schläft, weil sie den Schlaf für ihre Entwicklung bräuchte. Heute weiß ich, dass das insofern Blödsinn war und ist, als dass die Schlafmuster von Frühchen im Körperkontakt mit den Eltern deutlich besser sind als alleine im Bettchen. Wie dem auch sei, kaum war sie zu Hause, haben wir sie nahezu 24/7 am Körper getragen. Es war einfach nicht möglich sie abzulegen. Nachts hat sie grundsätzlich nur auf meinem Bauch geschlafen. Fand ich soweit auch alles gut und in Ordnung, sie hatte ja jede Menge nachzuholen.

    Als sie drei Monate alt wurde, beschloss sie, dass es nicht mehr mein Bauch sein muss, sondern dass neben mir liegen reicht. Wunderbar, kein Problem.

    Bis dahin hat sie sich nachts alle zwei bis vier Stunden gemeldet. Super entspannt.

    Seit sie allerdings mit knapp fünf Monaten anfing, mobiler zu werden, änderte sich ihr Schlafverhalten dahingehend, dass sie sich seitdem nachts stündlich meldet. Die Nächte, in denen ich mal zwei Stunden am Stück geschlafen habe, kann ich an einer Hand abzählen – und sie ist jetzt etwas über 11 Monate alt.

    Wir haben feste Rituale, einen gleichbleibenden Tagesablauf, sie schläft nach wie vor bei uns im Bett. Der einzige Unterschied ist, dass sie seit einigen Wochen nachts nicht mehr so viel nuckeln möchte (Schnuller nimmt sie nicht), sondern dass wiegen und kuscheln reicht. Gleichzeitig hat sich aber eingebürgert, dass sie trotz allem – also egal wie schnell ich auf sie und ihre Bedürfnisse reagiere – erst einmal weint, sodass ich dann natürlich hellwach bin.

    Den Nachtschreck kennen wir auch, das ist manchmal etwas beängstigend, weil ich dann nicht zu ihr durchdringe und sie sich nicht beruhigt, aber das kommt nun nicht sooo oft vor und ist nun mal nicht zu ändern.

    Angst bekomme ich nur, wenn ich mir vorstelle, dass das alles noch jahrelang so weitergehen könnte. Also nicht, dass sie nachts wach wird und mich braucht – das ist ja vollkommen in Ordnung. Sondern dass es weiterhin im Stundentakt passiert und ich tagsüber immer weniger in der Lage bin, irgendetwas auch nur irgendwie Zusammenhängendes zu denken oder zu tun. Das geht echt an die Nerven.

  • Zum fressen gern

    Du hast so recht, mir ginge es viel besser, wenn ich die Frage nach dem Durchschlafen nicht mehr hören müsste. Ich finde es macht sogar einen Unterschied, ob jemand nur fragt, wie unsere Tochter schläft. Das klingt in meinen Ohren viel offener.
    Mich zermürbt das Antworten darauf mehr, als der „schlechte“ Schlaf an sich, weil ja suggeriert wird, durchschlafen sei die Norm, der wir aber mal so gar nicht entsprechen. Und das wird sicher noch ne ganze Weile so bleiben, weil sie ganz klar alles neu erlernte im Schlaf verarbeitet. Das vermute ich, weil Schluss mir durchschlafen war, als sie sich umdrehen und rollen konnte. Und jetzt mit fast 10 Monaten steht das aufstellen und laufen lernen auf dem Plan, Zähne sind auch noch keine in Sicht und in drei Monaten beginnt die Eingewöhnung in der Krippe. Es liegt also noch viel vor uns, das in der Nacht verarbeitet werden will. Leider schläft sie auch nur an der Brust wieder ein, da kann ich mich auch nicht mit meinem Mann abwechseln. Aber in dem Tempo, in dem sie wächst, scheint sie das auch zu brauchen.